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Tim setzt sich durch „Warum kann ich denn nicht mit euch kommen?“, brauste Tim auf. Seine dunklen Augen blitzten ärgerlich. „Könnt ihr mir einen einzigen vernünftigen Grund nennen, warum ich nicht mitkommen darf ?“ Während er sprach, schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch, um den die ganze Familie versammelt war. Die Flamme der Öllampe begann von diesem unerwarteten Schlag zu tanzen und zu flackern. „Pass doch auf, Tim!“, wies ihn Mrs Thomas zurecht und griff mit zitternder Hand nach der Lampe. „Du steckst uns ja noch das ganze Haus in Brand!“ Tim wusste, dass es nicht nur die Angst vor dem Feuer war, die seiner Mutter Kummer bereitete. Er warf einen kurzen Blick auf ihr blasses Gesicht und sah dann zu den Latten und Palmenblättern hinauf, die das Dach ihres Hauses bildeten. Er wusste: Wenn hier ein Feuer ausbrach, dann dauerte es nicht lange, und nur noch der Lehmfußboden würde davon zeugen, dass hier einmal ein Haus gestanden hatte! „Entschuldige, Mama“, murmelte er. Als er nun in das braun gebrannte Gesicht seines Vaters blickte, bemerkte er dessen gerunzelte Stirn. Er sah auch, wie sein Bruder Paul seinen blonden Kopf tief über das Buch gebeugt hielt, das vor ihm auf dem Tisch lag. Das machte Tim nur noch ärgerlicher. Zornig stieß er seinen Stuhl zurück und stand auf.
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„Würde mir vielleicht endlich mal jemand meine Frage beantworten?“, schrie er. „Würde wohl einer von euch die Freundlichkeit haben und mir klipp und klar erklären, warum ich diese Expedition nicht mitmachen darf ?“ Diesem erneuten Wutausbruch folgte eine lange Stille, die erst durch leise Schritte auf der Veranda unterbrochen wurde. Chico, der dunkelhäutige brasilianische Helfer der Familie, steckte vorsichtig seinen Kopf durch die offene Tür. „Komm ruhig rein, Chico!“, sagte Paul. Er war froh, dass sich die unangenehme Spannung im Raum nun endlich löste. „Unser Tim geht gerade vor Ärger in die Luft, weil Papa gesagt hat, er sei noch nicht alt genug, um nächste Woche unsere Expedition in das In dianergebiet mitzumachen. Versuch du doch mal, ihn zu überzeugen, dass Papa recht hat!“ Chico blickte unsicher von einem zum anderen. Er kannte die ganze Familie schon sehr lange. Deshalb merkte er auch sofort, dass dies hier mehr als nur ein gewöhnlicher Familienkrach war. Ihm war aufgefallen, wie mürrisch und zurückgezogen das jüngste Familien mitglied seit einiger Zeit war, und sein warmes brasilianisches Herz schlug für diesen Jungen, denn er hatte Tim schon gekannt, als er noch ein kleines Kind gewesen war. „Hör mir mal zu, Tim“, sagte er und hockte sich neben den ärgerlichen Jungen auf den Boden. Er blickte ihm direkt in die Augen. „Habe ich dir denn nicht erzählt, wie gefährlich diese Reise sein wird? Diese unbekannten Flüsse sind voll von Todesfallen. Da gibt es Stromschnellen, Strudel und verborgene Felsen, an denen ein Boot im Nu zerschellen kann.
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Und im Wasser wimmelt es nur so von gefährlichen Tieren und –“ „Aber ich kann doch wie ein Eingeborener mit einem Kanu umgehen – das hast du selbst gesagt, Chico! Und außerdem wirst du ja auch dabei sein. Du bist doch hier am Fluss groß geworden und mit allen möglichen Gefahren vertraut.“ Tim senkte die Stimme, als ob er und Chico allein im Raum wären. „Sprich du doch mal mit Papa. Sag ihm, dass ich mitkommen kann, Chico. Bitte. Auf dich wird er schon hören.“ „Tim“, sagte Mr Thomas leise, „hast du denn auch nur einen einzigen Augenblick an deine Mutter gedacht? Wie können wir denn alle weggehen und sie hier wochenlang allein lassen? Sie braucht dich, wenn wir anderen weg sind – das musst du doch einsehen.“ Tim wandte das Gesicht ab, um nicht sehen zu müssen, wie seine Mutter nervös mit den Fingern spielte. „Aha! Ich bin also alt genug, um hier das Haus zu bewachen“, sagte er bitter, „aber um euch in ein Abenteuer zu begleiten, dafür bin ich noch zu klein. Das habt ihr euch ja toll ausgedacht!“ „Ich mache uns einen Kaffee“, sagte Mrs Thomas schnell und verließ den Raum. Paul sah seinen jüngeren Bruder aus seinen klaren braunen Augen vernichtend an. „Wie konntest du nur so was Gemeines sagen?“, zischte er. „Ja, ja, schon gut!“, explodierte Tim. „Vielleicht bin ich gemein und vielleicht bin ich selbstsüchtig. Vielleicht überrascht es euch auch, dass ich nicht die gleichen hohen Ideale habe wie ihr. Was haben wir denn schon
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vom Leben? Wir sitzen einsam und verlassen am Rande der Zivilisation in dieser Lehmbude – ohne Wasser, ohne elektrisches Licht, ohne jeden Komfort – und das alles in der Hoffnung, dass ein paar Indianer vielleicht irgendwann mal was von Gott hören. Ich hab’s langsam satt, das kann ich euch nur sagen. Was hat uns Gott denn eigentlich für all die Opfer gegeben, die wir ihm gebracht haben? Das möcht ich doch gern mal wissen! Ich will euch ehrlich sagen: So langsam bezweifle ich, dass es überhaupt einen Gott gibt.“ Als Tim aufblickte, sah er drei Paar weit aufgerissener Augen, die ihn entsetzt anstarrten. Die Augen seines Vaters waren voller Schmerz, die seines Bruders vor Überraschung leer, und in Chicos großen, braunen Augen schienen Tränen zu stehen. „So“, schloss Tim, „jetzt ist es raus. Jetzt wisst ihr endlich, wie ich mich fühle.“ Mr Thomas streckte seine große Hand aus und legte sie fest auf den Arm seines jüngsten Sohnes. „Tim“, sagte er, „ich wusste genau, was in deinem Herzen vor sich ging – länger, als du es dir vielleicht denken kannst. Ich bin froh, dass du es endlich ausgesprochen hast. Denn jetzt kann ich dir auch genauer erklären, warum ich glaube, dass du besser nicht mit uns auf die gefährliche Reise gehst, die wir jetzt vor uns haben. Du bist erst vierzehn und deine arme Mutter würde allein zurückbleiben. Aber da ist noch etwas anderes. Die Gründe, aus denen du mit uns kommen willst, sind nicht die richtigen.“ „Ist es denn so falsch, ein bisschen was erleben zu wollen?“, warf Tim ein. „Ich glaube doch, dass das in meinem Alter ganz normal ist.“
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„Sicher. Aber siehst du denn nicht ein, dass wir ganz andere Gründe für diese Expedition haben? Chico, Paul und ich – wir haben vor allem den Wunsch, den Indianern die Botschaft von Jesus Christus zu bringen. Und dafür wollen wir all diese Gefahren auf uns nehmen. Wir glauben, dass wir nicht allein sein werden. Gott hat uns versprochen, immer bei uns zu sein – bis ans Ende der Welt. Und wenn wir losfahren, dann wissen wir, dass all seine Versprechen für uns gelten.“ „Ach so! Und wenn ihr einen ‚Ungläubigen‘ in der Mannschaft habt, dann wird wohl die Moral der Expedition untergraben, was?“ In diesem Augenblick kam Mrs Thomas mit dem Kaffee herein. Sie konnte gerade noch Tims ironische Bemerkung hören. Sie stellte das Tablett mit den dampfenden Tassen auf den Tisch und legte ihren Arm um die Schultern ihres Mannes. Ihr Gesicht hatte wieder Farbe angenommen und in ihren Augen leuchtete stille Zuversicht. „John“, sagte sie zu ihrem Mann, „während ich den Kaffee zubereitet habe, bin ich zu einem Entschluss gekommen – oder vielmehr glaube ich, dass Gott mich zu einem Entschluss gebracht hat. Niemand soll meinetwegen zu Hause bleiben. Wenn Tim unbedingt mitgehen will, dann nehmt ihn mit. Es wird mir natürlich sehr wehtun, euch alle weggehen zu sehen. Nicht etwa weil ich Angst um mich selbst hätte; Einsamkeit ist ein Feind, der für mich längst seinen Schrecken verloren hat. Nein, es ist vielmehr das Wissen um die Gefahr, der ihr entgegengeht, das es für mich so schwermacht. Aber wenn Gott es verlangt, dann geht. Ihr seid in seiner Hand – und ich bin es auch.“
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Einen Augenblick lang war es in dem kleinen Raum ganz still. Dann rief Tim triumphierend: „Hurra!“ Trotz der ernsten Situation brachen doch alle in Lachen aus, als sie den freudigen Ausdruck in Tims Gesicht sahen. Das heißt, nicht alle ... Chico lachte nicht mit. Er blieb in Gedanken versunken auf dem Lehmfußboden sitzen. In dieser Nacht konnten die beiden Jungen nicht schlafen. Obwohl Paul sich über das schlechte Benehmen seines Bruders sehr geärgert hatte, war er über die Entscheidung, dass Tim nun doch mit auf die Expe dition kommen durfte, froh. Als sie noch jünger gewesen waren, hatten sie sich immer gut verstanden. Paul dachte: Vielleicht ist dies eine Gelegenheit, das zurückzugewinnen, was wir in den vergangenen Monaten verloren haben – nämlich unsere Freundschaft. Jetzt wusste er auch, warum er und Tim sich in der letzten Zeit nicht mehr so gut verstanden hatten, und er betete, dass Tim auf dieser Reise Gott finden möge. „Du, Paul, hast du denn gar keine Angst, wenn du daran denkst, was uns alles passieren könnte?“, fragte Tim jetzt von seiner Hängematte her. Er beobachtete seinen älteren Bruder, der im Schein einer Taschenlampe in einem Buch las. „Liest du immer noch das Buch von diesem Curt – wie hieß er doch gleich?“ „Curt Unckel Nimuendaju. Ja, ich find’s ganz schön spannend. Wenn man das gelesen hat, dann hat man ungefähr eine Vorstellung davon, was auf uns zukommt. Kannst du dir Indianer vorstellen, wenn sie sich auf einen Kampf vorbereiten? Federn auf dem Kopf, Federn um den Hals und den Körper, mit dem roten
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Farbstoff angemalt, den man ‚Uruco‘ nennt ... Ich bin hier gerade an einer spannenden Stelle, wo das Haus eines Siedlers am Fluss von diesen Indianern angegriffen wird und die armen Opfer getötet und aufgefressen werden!“ „Na, ich hoffe, wir gehen nicht nur zu ihnen, um ihnen zu einer guten Mahlzeit zu verhelfen“, bemerkte Tim, der unter seinem Moskitonetz ein wenig zitterte. „Wie lange ist das denn schon her?“ „Über vierzig Jahre. Und die Indianer wurden natürlich von der brasilianischen Miliz durch einen Vergel tungsangriff schwer bestraft. Ich glaube nicht, dass sie noch Kannibalen sind – na ja, ich hoffe es jedenfalls nicht! Aber sie sind bestimmt noch immer so wild! Papa sagt, ihre Kriegstaktik hätte sich nicht großartig geändert. Sie haben diese tödlichen Pfeile, die fast alles durchdringen. Damals mussten die Leute, die versuchten, mit ihnen in Kontakt zu kommen, sich offensichtlich ein Haus aus Zink bauen mit einem Stacheldrahtzaun ringsherum. Sie bauten es in der Nähe eines Indianer pfades. Soll ich dir mal was vorlesen?“ „Au ja!“ Tim verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und machte es sich bequem. „‚Wir waren kaum mit der Errichtung unseres Hauses fertig, als auch schon der erste Angriff der Parentintin-Indianer erfolgte. Vor ihrem Angriff war nicht die geringste Spur von ihnen zu entdecken gewesen. Ich glaube noch nicht einmal, dass diese Angriffe vorbereitet waren. Ihr ganzes Wesen ist so ruhelos, dass sie wohl für eine solche Vorbereitung nicht genug Geduld aufbringen können. Sie griffen niemals vom dichten Wald her an, sondern immer von einer freien
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Stelle aus, sodass sie ungehindert vor- und zurückstürmen konnten, und zwar in vollem Lauf. Ihr Angriff gleicht einem vom Bogen abgeschossenen Pfeil: Sie machen nicht das geringste Geräusch und eilen mit unglaublicher Geschwindigkeit ihrem Feind entgegen. In einer günstigen Entfernung schießen sie dann alle gemeinsam ihre ersten Pfeile ab, denen dann sofort weitere folgen. Erst wenn die Pfeile ihr Ziel erreicht haben, brechen die Männer so unerwartet und plötzlich in ihr Kriegsschrei aus, dass jeder, der diese Taktik vorher noch nicht kennengelernt hat, vor Angst wie gelähmt ist. Ihr Kriegsschrei ist ein kehliges ›Hi-hi-hihi-hi-hi‹.‘“ Paul las diesen Abschnitt sehr packend vor, und als er beim Kriegsschrei angekommen war, kam Mr Thomas ins Zimmer gestürzt. „Ist bei euch alles in Ordnung?“, fragte er. Die Jungen brachen in lautes Gelächter aus. „Dachtest du vielleicht, die Indianer hätten sich angeschlichen und uns einen Überraschungsbesuch abgestattet, Papa?“, fragte Tim und bog sich vor Lachen. „Ich hab Tim gerade ein bisschen aus deinem Buch vorgelesen“, erklärte Paul, während sich ein erleichtertes Lächeln auf das Gesicht seines Vaters legte. „Ich hab den Eindruck, wir sollten uns auf dieser Expedition ein paar Zinkplatten vor den Bauch schnallen, wenn wir lebend zurückkommen wollen!“ „Aber nicht einmal das Zink konnte die Indianer abhalten, nicht wahr?“ Mr Thomas nahm Paul das Buch ab und ließ seinen hochgewachsenen Körper in eine der Hängemattenfallen. „Sie waren ziemlich furchtlos, diese Burschen. Sie imitierten sogar Gewehrschüsse, als sie
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erkannten, dass die weißen Männer das Feuer auf sie eröffnen würden, und dann gingen sie mit entblößter Brust auf sieben mit Gewehren bewaffnete Männer los, als könnten diese ihnen überhaupt nichts anhaben. ‚Nachdem sie sich zurückgezogen hatten‘, so schreibt der Autor des Buches, ‚stellten sie auf dem Weg Fallen auf. Die Fallen, die ich sah, bestanden aus Bambuspfeil spitzen, die man von den Pfeilschäften abgebrochen und in den Boden gesteckt hatte. Sie waren ein wenig nach vorne geneigt und mit lose daraufgelegten Blättern getarnt.‘“ „Aber die weißen Männer haben sich doch schließlich irgendwie mit ihnen verständigt, oder?“, fragte Tim verwirrt. „Wie haben sie das denn bloß geschafft?“ „Das war natürlich nicht leicht – die Weißen mussten genauso clever sein wie die Indianer. In diesem Fall machten sie Folgendes: Die Indianer erschienen in ihrer gewöhnlichen Kriegsbemalung und brachen am helllichten Tag aus dem Busch hervor. Der Autor schreibt: ‚Ihre Pfeile klirrten wie Gewehrschüsse gegen die Wände unseres Hauses und mit wütenden Schreien krochen die Indianer am Stacheldrahtzaun entlang und suchten das Tor. Genau das hatte ich gewollt. Ich rief ihnen nun in ihrer eigenen Sprache etwas zu und lud sie ein, doch hereinzukommen. Als Antwort verstärkten sie ihr wildes Geschrei, schwangen ihre Waffen über dem Kopf und verschwanden dann auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren.‘ Als die Indianer das nächste Mal angriffen, schrien und schossen sie wie gewöhnlich und versuchten außerdem, den Draht des Zaunes durchzuschneiden. Man gab den Befehl, über ihre Köpfe hinwegzuschießen, aber bevor der Befehl
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ausgeführt werden konnte, zogen die Indianer sich plötzlich zurück.“ „Und dann ...“, unterbrach Paul, „wenn ich mich recht erinnere, schreibt der Autor, dass er sein Gewehr weg legte und eine Axt und ein Buschmesser ergriff. Diese hob er vor den Augen der Indianer hoch und bot sie ihnen als Geschenke an. Dann lief er aus dem Lager hinaus und zeigte ihnen einige Ketten aus Glasperlen. Obwohl die Indianer sehr misstrauisch waren, machten sie ihm klar, sie würden diese Glasperlen annehmen, wenn er sie auf den Boden werfen würde. Das tat er, und sie kamen auch tatsächlich, um sie sich zu holen. Es ist doch seltsam, dass solche harten Krieger am Ende so leicht zu besänftigen waren! Ausgerechnet mit Glasperlen! Das ist doch einfach unglaublich!“ Mr Thomas nickte. „Bald darauf“, las er vor, „wurde mit den Indianern Frieden geschlossen. Die Indianer kamen nach und nach zu dem Zinkhaus – sicher mit Furcht und Zittern –, und sie betraten es schließlich sogar, um die angebotenen Geschenke in Empfang zu nehmen. Diese Befriedung fand im Jahr 1923 statt und 1925 wurde die erste Missionsstation errichtet, und zwar an einem Ort mit dem Namen Oga Garkia, am IpixunaFluss, einem Nebenfluss des Madelra.“ „Aber das ist doch schon so lang her“, sagte Tim. „Heute ist es doch bestimmt nicht mehr so gefährlich.“ „Diese Menschen ändern sich nicht von heute auf morgen – man weiß nie, was einen erwartet. Deshalb haben Paul und ich dieses Buch hier gelesen, um uns auf das Schlimmste vorzubereiten.“ Tim war einen Augenblick lang nachdenklich geworden. Doch dann stieß er plötzlich einen schrecklichen
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Kriegsruf aus, noch viel schrecklicher als den der Parentintins! „Indianer, jetzt kommen wir!“, schrie er. „Na, erzählt ihr euch noch Gutenachtgeschichten?“, fragte Mrs Thomas lächelnd, als sie ihren Kopf durch die offene Tür steckte. „Wenn einer von euch tapferen Kriegern etwas Abkühlung braucht – ich habe gerade Limonade gemacht. Auch wenn mindestens zwei von euch eigentlich schon längst schlafen sollten!“ „Limonade! Mama, du bist ein Engel!“, rief Paul. „Das kann man wohl sagen!“, stimmte sein Vater zu. Er strampelte sich aus Pauls Hängematte heraus, und bei diesem Versuch wären beide fast auf dem Boden gelandet. „Aber nach der Limonade heißt es: Licht aus, einschließlich Taschenlampen! Wir haben morgen eine Menge zu tun.“ Doch eine Stunde später waren die Jungen immer noch wach. Jeder glaubte, der andere schliefe schon, und so war es still im Raum. Die Eltern sprachen noch im Nebenzimmer; ihre Stimmen waren durch die dünne Wand undeutlich zu hören. Tim lag da und spitzte die Ohren, um genau mitzubekommen, was sie sagten. Er konnte die tiefe Stimme seines Vaters hören. Sein eigener Name wurde mehrmals genannt. Was redeten sie da bloß über ihn? Er wurde irgendwie unruhig und so verschloss er seine Ohren mit den Händen. Er musste wieder an die Szene am Abendbrottisch denken, und das dämpfte etwas seine Vorfreude auf das Abenteuer, das bald beginnen sollte. All die Dinge, die er gesagt hatte, und dann das klare Argumentieren der übrigen Familienglieder, das alles fiel ihm jetzt in der Dunkelheit wieder ein – genau wie die auf Tonband aufgenommene
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Unterhaltung, die er im vergangenen Sommer im Haus seines Cousins Peter gehört hatte. Irgendwie trug der Gedanke an diese wunderbaren Ferien und die tollen Dinge, die er in England gesehen und unternommen hatte, dazu bei, das ungemütliche Gefühl in der Magengegend noch zu verstärken. Sollte er jetzt wirklich daran zurückdenken? Manchmal, wenn er hier alles besonders satthatte, wenn ihn die Moskitos bissen, wenn die Ameisen über die Lebensmittel herfielen, dann erinnerte er sich an die kühle, moderne Küche seiner Tante Betty, an die hellgelben Wände und die blauen und gelben Fliesen auf dem Boden. Ihm fiel ein: Genau vor dem Fenster war der Rosengarten und morgens strömte mit der kühlen Luft der Duft der Rosen ins Zimmer herein. Gleichzeitig konnte man den frisch aufgebrühten Kaffee und den Schinken riechen, den seine Tante zum Frühstück briet. Und sein Bett erst! Es ist, als ob man in einer Wolke schliefe, hatte Tim gedacht. In Wirklichkeit hatte er in der ersten Nacht in England nur sehr wenig geschlafen, denn fast jede Stunde war er aufgewacht und hatte festgestellt, dass er sich an einer Seite des Bettes festhielt, weil er das Gefühl hatte, er schwebe hoch über der Erde. Als er Peter davon erzählt hatte, hatte sein Cousin sich vor Lachen auf dem Boden gewälzt und ihn für den Rest des Tages damit aufgezogen. Aber danach war Tim viel zu beschäftigt, immer neue Wunder zu entdecken, um sich noch um das Gehänsel von Peter zu kümmern. Die Teppiche auf den Fußböden waren für Tim etwas völlig Neues. Er konnte sich gar nicht sattsehen an den Farben und der polierten Oberfläche der Möbel. Und als dann am
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Abend sein Onkel den Fernsehapparat einschaltete, da saß Tim nur da und sperrte Mund und Nase auf. Er hatte natürlich schon vom Fernsehen gehört, hatte sich aber nie vorgestellt, dass es so schön sein könnte. Nachdem er zum ersten Mal ferngesehen hatte, hatte er eine sehr unruhige Nacht verbracht. Sein Kopf war voller Stimmen und Bilder und er konnte sie einfach nicht loswerden. „Was war denn heute Nacht mit dir los?“, hatte Peter am Morgen gefragt, als sie sich anzogen. „Du hast die ganze Zeit geschrien und gelacht und dann wie ein verängstigtes Hündchen gewimmert!“ „Wirklich?“, hatte Tim gefragt und war feuerrot dabei geworden. „Warum hast du mich denn nicht geweckt?“ „Einmal hab ich’s ja versucht! Aber danach war’s mir zu gefährlich! Du hast mich einfach in den Magen geboxt!“ „Oh, entschuldige!“, murmelte Tim und zog sich sein Hemd an. „Ich glaube, es kam daher, dass ich zum ersten Mal ferngesehen habe.“ Peter brach in schallendes Gelächter aus. „Ja, ja, diese Hinterwäldler – vor denen muss man sich in Acht nehmen!“ „Was meinst du damit – Hinterwäldler?“ „Och, das sagt man hier so – wir meinen damit die Leute, die noch keine Zivilisation kennen! Aber komm, das Frühstück wartet schon!“ Nun lag Tim in der feuchten Hitze der Hütte, die sie ihr Heim nannten, in einer Hängematte, die zwischen zwei Haken in der Wand aufgespannt war. Und nun erinnerte er sich an die Freude, aber auch an die Ver
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zweiflung, die er in jenen Ferientagen empfunden hatte. Der nächste Urlaub seines Vaters stand schon wieder an, das bedeutete also, dass Tim bei dem früheren Besuch in England noch ein kleiner Junge gewesen sein musste. Seine Erinnerungen an den allerersten Besuch waren sehr verschwommen. Aber bei dem Urlaub im vergangenen Jahr hatte er das Gefühl gehabt, er habe die Zivilisation nun erst wirklich kennengelernt. Irgendwie war das Ganze ein Schock für ihn gewesen. Die Lebensweise seiner Eltern war völlig anders als die von Peters Familie. Es war, als lebten sie in zwei völlig verschiedenen Welten. Peter und seine Eltern gingen nicht einmal zur Kirche. Als Tim zu erklären versuchte, warum er und seine Familie eigentlich nach Brasilien gegangen waren, da hatte Peter ihn angesehen, als ob er verrückt wäre. Am Ende der vierzehn Tage war Tim sogar fast froh gewesen, dass er Peter verlassen und den Rest seiner Familie im Haus seiner Großeltern in London treffen konnte. Peters dauernde Sticheleien hatten ihn ganz schön durcheinandergebracht. Er glaubte, das würde sich legen, sobald er wieder mit den Eltern zusammen wäre, und dass er Peter dann vergessen könnte. Aber das klappte nicht so ganz. Am letzten Abend seines Besuchs bei Peter hatten sie um den Tisch herum gesessen, als Peter plötzlich aufstand und durch den Raum ging. Tim glaubte, er wolle das Fernsehgerät einschalten, und er wandte sich neugierig um, um zu sehen, welche Bilder wohl heute Abend aus diesem magischen Kasten kommen würden. Aber Peter machte sich hinter dem Gerät zu schaffen und
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beugte sich zur Erde nieder. Plötzlich kam eine Stimme hinter dem Gerät hervor – es war offensichtlich Peters Stimme, aber sie klang lauter und dumpfer als gewöhnlich. Während Tim sich noch wunderte, was wohl mit der Stimme seines Cousins passiert sein könnte und warum er ihn wohl jetzt bat, über sein Leben in Brasilien zu berichten, hörte er plötzlich seine eigene Stimme, die Peter antwortete und die ihm von Chico erzählte und davon, wie sie ihr eigenes Kanu gebaut hatten. Tim sprang vom Tisch auf, sein Herz hämmerte wie wild. Träumte er? Konnte er denn wirklich einer Unterhaltung zwischen sich selbst und Peter zuhören? Er lief zum Fernsehgerät hinüber und warf einen Blick dahinter. Peter hatte sich neben eine seltsame Maschine auf dem Fußboden gehockt, auf der sich zwei Spulen mit einem Band dazwischen langsam drehten. Peter erstickte fast vor Lachen, als er das schreckensbleiche Gesicht seines Cousins sah. „Oh, Peter, das ist nicht fair!“ Es war Tante Betty, die jetzt sprach. „Der arme Tim – er hat doch noch nie ein Tonbandgerät* gesehen! Es ist schon alles in Ordnung, Tim – du brauchst keine Angst zu haben! Peter hat ein Gespräch mit dem Tonbandgerät aufgenommen und jetzt spielt er’s dir vor. Ich hab ihm ausdrücklich gesagt, er solle das nicht tun, ohne dir vorher alles zu erklären. Er ist doch ein frecher Kerl!“ Dieses auf Tonband aufgenommene Gespräch fiel Tim jetzt ein. Er erinnerte sich, wie fremd seine eigenen *
Ein Tonbandgerät war ein Gerät, mit dem man Stimmen oder Musik aufnehmen und abspielen konnte – so wie später mit dem Kassettenrekorder.
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Worte an jenem Abend für ihn selbst geklungen hatten. Er hörte sich das, was er gesagt hatte, an, als ob er Peter wäre. Und dort, in dem komfortablen Wohnzimmer mit dem weichen Teppich, mit den leuchtend roten Samt vorhängen und den olivgrünen Polstern, da war er zu dem Schluss gekommen, dass sein Leben in der Wildnis Brasiliens tatsächlich verrückt sei. Vollkommen verrückt! „Warum soll man sich denn die Mühe machen, den Indiandern etwas von Gott zu erzählen?“, hatte Peter gefragt. „Bis jetzt sind sie doch ganz gut ohne ihn ausgekommen – warum lasst ihr sie denn nicht in Ruhe? Warum sollst du denn so viel im Leben versäumen, und das nur wegen ein paar Indianern? Eine Menge Leute in unserem Land glauben nicht einmal mehr an Gott. Wie können wir dann erwarten, dass die Menschen im Dschungel glauben, was wir selbst nicht glauben?“ All dies war auf dem Tonband gewesen, das Peter vorgespielt hatte. Tim erinnerte sich daran, dass seine Tante und sein Onkel ausgesehen hatten, als seien sie stolz auf Peter, während sie seinen kühlen, logischen Fragen zuhörten. Und er erinnerte sich auch, wie dumm seine eigene Antwort geklungen hatte. „Ich glaube, es wäre ihnen eine Hilfe, wenn sie an Gott glaubten“, hatte er gestammelt. „Es würde ihnen Kraft geben, um mit den Schwierigkeiten ihres Lebens besser fertig zu werden oder so was ...“ Seine Stimme war immer leiser geworden und Peter hatte ihm sofort eine weitere herausfordernde Frage gestellt. Tim hatte sich tief beschämt gefühlt. Wenn doch nur Paul da gewesen wäre – der hätte Peters Fragen schon richtig beantworten können. Hätte Paul
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geantwortet, dann hätte das vollkommen überzeugend geklungen. Aber er – nun, er wusste, dass er ja selbst nicht einmal überzeugt war, wie konnte er dann jemand anders überzeugen? Seit dieser Nacht war für Tim alles anders. Er fühlte sich als Außenseiter in seiner eigenen Familie. Er gehörte einfach nicht zu ihnen. Er glaubte nicht, was sie glaubten. Als sie endlich wieder nach Brasilien abgereist waren, da war sein Herz schwer vor Kummer und Ablehnung. Warum konnte er denn nicht in England bleiben? Hätten sie ihn wohl dagelassen, wenn er darum gebeten hätte? Das war sein letzter Gedanke, bevor Tim endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. Er träumte von Indianern, Strudeln, Teppichen und Tonbandgeräten – alles wirr durcheinander.
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