Die
Band
ParkerZwillinge
Entf端hrt in Kolumbien
Jeanette Windle
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Inhalt Einführung: Eine tödliche Flut ...................................... 7 Rauch über dem Gipfel ............................................... 10 Probleme für Triton-Oil .............................................. 24 Spuk! ........................................................................... 38 Schritte im Dunkeln .................................................... 50 Entführt! ...................................................................... 61 Die Suche nach Onkel Pete ......................................... 75 »Ich habe ihn gefunden!« ............................................ 87 Betrogen! ................................................................... 103 Das Guerillalager ....................................................... 119 Gefahr in der Schlucht ............................................... 135 Überraschende Hilfe .................................................. 149 Gerettet – oder? ......................................................... 156 Heimwärts ................................................................. 160
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Einführung
Eine tödliche Flut Die gespenstische Stille und das gespenstische Grau waren es, die Justins Aufmerksamkeit erregten. Er hörte auf, gegen die fest gebundenen Schnüre zu kämpfen, die scharf in seine Handgelenke einschnitten, und holte tief Luft. Die beißende Luft brannte in seinen Lungen. Der Rand der Schlucht über ihnen war jetzt leer. Die heiseren Stimmen und das Klingeln der Maultiergeschirre waren schon lange verstummt. Auch der Regen aus den vielen, kleinen Kieselsteinchen, die ihn ins Gesicht getroffen hatten, war zu Ende gegangen. Kein einziger Vogel zwitscherte in den windgebeugten Lärchenbäumen. Und nicht eine einzige Grille zirpte das Lied, das Justin unablässig gehört hatte, seit er in dieses Guerillalager gebracht worden war. Seine Schwester und sein Onkel sprachen nicht. Beide waren mit ihren eigenen Fesseln beschäftigt. Sie hatten alles gesagt, was zu sagen war. Sogar die dichten Zweige an den windschiefen Zypressen und Wacholderbüschen, die das schmale Flüsschen säumten oder an den Hängen wuchsen, standen völlig reglos da. Kein Lüftchen ging. Das einzige Geräusch war das Rauschen eines weit entfernten Wasserfalles. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte vielleicht an Schnee gedacht, beim Anblick des grauweißen Überzugs, der alles bedeckte, den Boden, das Lager und die drei Menschen, die an einem Ast festgebunden waren, der in die Schlucht hineinragte ... wenn nicht die seltsame Atemnot gewesen wäre und dieser Schwefelgestank in der Luft. Sogar die Spuren der Menschen und Tiere und die plattgedrückten Stellen im Gras, wo vorher die Zelte gestanden hatten, wurden langsam mit dem weißlichen Pulver bedeckt. 7
Vergeblich blies Justin immer wieder die Staubwolke von seinem Gesicht, die unablässig von den Nadeln des Lärchenbaumes über ihm herunterrieselte und ihm Augen und Nase verschmutzte. Die morgendliche Kälte der hoch gelegenen Andenschlucht spürte er nicht mehr. Justins Aufmerksamkeit war im Moment voll auf eine zerbrochene Flasche gerichtet, die auf dem Boden lag und die ein Stück Hoffnung verhieß. Aber irgendwo in seinem Kopf bekam ein anderer Umstand mindestens ebenso große Bedeutung. Das Plätschern des entfernt rauschenden Wasserfalls hatte sich zunehmend verändert, bis es jetzt den Drehgeräuschen eines riesigen Zementmischers gleichkam, der in seinem Metallbauch Steine und Beton durcheinander wirbelte. Justin schaute überrascht auf – und erstarrte. Hoch oben am Berg war die Vorhersage über den Vulkanausbruch in Erfüllung gegangen. Durch die enorme Hitze der austretenden Lava waren Tonnen geschmolzenen Schnees von der Bergspitze aus in Bewegung geraten. Jetzt war die Mischung aus Eis, Schnee und Geröll auf dem Weg nach unten und nahm erbarmungslos alles mit: Bäume, Felsen und jedes ahnungslose Tier, das sich ihr in den Weg stellte. Durch die schmal zulaufenden Wände der Schlucht wurde die Masse nach oben gequetscht, und jetzt rollte die donnernde Schlammflut – der lahar – mit genügend Kraft herab, um eine ganze Stadt unter sich zu begraben. Die braungraue Wand dort in der Ferne, die Justin atemlos anstarrte, schien sich im Zeitlupentempo fortzubewegen, aber Justin beobachtete gebannt, wie Bäume und Büsche von den Wänden der Schlucht abgeknickt wurden, einfach so, wie ein Kind einen Zahnstocher entzwei bricht. Er sah, wie eine schwappende Welle einen Felsen von der Größe eines kleinen Hauses mitriss. Er schaukelte einen Augenblick oben auf der Flut und verschwand dann unter der Oberfläche. 8
Justin zerrte jetzt verzweifelt an den Schnüren, mit denen seine Hände über dem Kopf befestigt waren. Warm lief es an seinen Armen herunter, als die rauen Schnüre in seine Handgelenke einschnitten. Wieder warf er einen Blick flussaufwärts. Die graubraune Masse hatte mittlerweile ihre Größe verdoppelt, während sie immer näher kam. Oben auf dem Kamm der Wellen konnte er entwurzelte Bäume erkennen. Er riss wieder mit aller Kraft an seinen Fesseln, aber die Zeit reichte nicht mehr. Der lahar überragte die drei kleinen Gestalten am Boden der Schlucht um Längen und schluckte nun die lange Reihe von Nadelbäumen, die neben dem Fluss standen – nur ein paar Hundert Meter entfernt. Justin hörte auf zu kämpfen. Jetzt war seine Angst erloschen, und er starrte nur noch hilflos auf die Welle aus Schlamm und Eis, die das Lager überrollte.
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Kapitel 1
Rauch über dem Gipfel »Justin, fliegen wir so direkt nach Kolumbien?« In der DC-3 Maschine hatte Justin Parker seine Nase gegen die kleine, runde Schreibe gepresst und betrachtete den endlosen Teppich aus Dschungelbäumen, der sich unterhalb der Tragfläche neben ihm ausbreitete. Ein kräftiger Windstoß verwandelte die ruhigen Wipfel in ein graugrünes, tosendes Meer. »Justin!« Erneut versuchte seine Zwillingsschwester, das Dröhnen der Propeller zu übertönen. Ungeduldig fuhr sich der sportliche Dreizehnjährige mit den Fingern durch die kurzgeschnittenen rotblonden Haare und wandte widerwillig den Blick von den dunklen Wolken ab, die am Horizont vorbeizogen. Justin musste lachen, als er seine Schwester blass auf ihrem Platz sitzen sah, die zusammengefaltete Papiertüte vor sich auf dem Schoß. Dann aber schlug sein Spott in Bestürzung um. »Jenny, du siehst ja furchtbar aus!«, rief er. »Vielen Dank!«, gab Jenny zur Antwort, und ihre goldbraunen Augen blitzten ihn empört an. Sie setzte sich aufrecht hin. Mit der Papiertüte in ihrer schmalen, gebräunten Hand fächelte sie sich Luft zu, und schob sich mit der anderen Hand einige feuchte, dunkelbraune Locken aus dem Gesicht. Als das kleine Flugzeug erneut von einem Windstoß geschüttelt wurde, sank Jenny in ihren Sitz zurück und stöhnte: »Mir wird übel!« »Das ist die Höhenluft!«, erklärte Justin geduldig. »Diese alten Flugzeuge haben noch keinen Druckausgleich in der Kabine.« Justin und Jenny Parker waren nicht nur im Aussehen verschieden. Justin war nicht nur groß für sein Alter, sondern auch für gewöhnlich ruhig, überlegt und ausgegli10
chen, aber diejenigen, die ihn näher kannten, wussten, dass er auch ausgesprochen stur sein konnte. Seine wachen, blaugrünen Augen registrierten alles ganz genau, was um ihn herum vorging. Jenny war genauso groß wie ihr Bruder, und sie schien ihr Leben im Laufschritt zu verbringen. Eine große Portion gesunden Menschenverstandes ergänzte ihre sehr offene Persönlichkeit. Eine Flugbegleiterin, die ihre schwarzen Haare unter eine Kappe gesteckt trug, kam mit einem Tablett und bot den Zwillingen etwas zu trinken an. Jenny schüttelte den Kopf, aber Justin nahm dankbar ein Glas Cola an. Er hatte gerade das Glas an die Lippen gesetzt, als der Sitz unter ihm nach unten zu sacken schien. Justin krallte sich an der Armlehne fest, während sein Magen nach oben schoss. Als die Maschine wieder ruhig in der Luft lag, schaute er auf das fast leere Glas in seiner Hand und dann zur Decke, als ihm etwas Feuchtes in den Nacken tropfte. Der nächste Tropfen Cola landete zwischen den Sommersprossen auf seiner Nase. »Disculpa! Es tut mir sehr Leid!«, sagte die Stewardess und wischte die Leiste oberhalb von Justins Kopf mit ein paar Papierservietten ab. Der Junge sah sich um und stellte fest, dass er keineswegs der Einzige war, dem sein Getränk abhanden gekommen war. »Das Flugzeug ist total abgesackt!«, keuchte Jenny. »Was war das, Onkel Pete?« Auf der anderen Seite des Ganges saß ein großer Mann, der wie ein jugendlicher Weihnachtsmann aussah, und wischte sich mit einem Taschentuch über den Bart, der ebenso rotblond wie Justins Haare war. »Wir sind in ein Luftloch geraten, nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsst.« »Nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssen?«, fragte Jenny verzweifelt und umklammerte wieder ihre Papiertüte. 11
Justin schaute kopfschüttelnd in sein fast leeres Glas und reichte es der Flugbegleiterin. »Ich glaub, ich wollte sowieso nichts trinken.« »Oh nein!«, schrie Jenny. Sie zeigte aus dem Fenster und Justin wandte sich um. Eine Front von Sturmwolken, die er vorher in weiter Entfernung gesehen hatte, lag jetzt direkt vor ihnen – wie eine riesige schwarze Wand hingen die Wolken drohend über dem kleinen Flugzeug. Wenige Augenblicke später wurde es Nacht in der Kabine, als sie in die Sturmfront hineinflogen. Die Zwillinge klammerten sich an ihren Armlehnen fest, als die Maschine heftig geschüttelt wurde. Regen strömte über die Scheiben. Jenny sah über Justins Schulter nach draußen. »Justin, schau mal! Die Tragflächen!«, keuchte sie atemlos. Wieder presste Justin die Nase gegen die Scheibe. Draußen kämpfte der Propeller gegen die peitschenden Wassermassen an. Ein Blitz erleuchtete das Innere der Wetterfront, und Justin schauderte, als er sah, wie die Tragflächen in einem neuerlichen Windstoß bebten. Genau hinter der Tragfläche zuckte wieder ein Blitz, und im selben Augenblick wurde auf der anderen Seite des Ganges das Licht angeknipst. Völlig im Einklang mit den Bewegungen des Flugzeugs saß Onkel Pete dort ganz entspannt und schaute im trüben Schein der kleinen Lampe einen Stapel Papiere durch. Der Mann neben ihm murmelte etwas vor sich hin, und Justin vermutete, dass er ein Gebet sprach. Empört starrte Jenny ihren Onkel an: »Onkel Pete! Wie kannst du jetzt arbeiten? Wir könnten umkommen!« Onkel Pete zog die Augenbrauen hoch und schaute in die angsterfüllten Gesichter der beiden. »Ihr macht euch doch nicht etwa Sorgen, Kinder? Diese Flugzeuge sind solches Wetter gewöhnt. Sie haben nicht genug PS, um über den Wolken zu fliegen.« Er legte den Stapel Unterlagen vorsichtig auf seinem 12
Schoß ab. »Naja, dieses Flugzeug hier ist ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich vermute, es wird nicht besonders gut gewartet ...«, fügte er nachdenklich hinzu. Jenny fauchte wie eine wildgewordene Katze, und er beteuerte schnell: »Trotzdem kein Grund zur Sorge! Wir haben den Sturm jetzt schon fast hinter uns. In zwanzig Minuten landen wir in Santa Cruz.« »Übrigens, nein«, beantwortete er noch Jennys ursprüngliche Frage, während er sich wieder seinen Papieren zuwandte. »Mit dieser alten Kiste werden wir nicht bis nach Kolumbien weiterfliegen. Die Strecke bis nach Bogotá werden wir in einer Boeing 727 zurücklegen.« Er warf einen kurzen Blick auf Jennys bleiches Gesicht und fügte hinzu: »In einer Kabine mit Klimaanlage und Druckausgleich und weit über jeder Art von Wetter!« Pete Parker war leitender Angestellter bei Triton Oil, einer großen amerikanischen Ölgesellschaft, und verbrachte viel Zeit auf Flügen um den gesamten Globus, weil er sich in den zahlreichen Niederlassungen um jedes erdenkliche Problem persönlich und vor Ort kümmerte. Eine besondere Freude waren bei diesen Gelegenheiten die Besuche bei befreundeten Missionaren, und er schob seine beträchtliche Leibesfülle gern auf die überreiche Gastfreundschaft und die vielen neuen Gerichte, die er probieren musste. Jenny und Justin Parker hatten sich immer sehr auf die interessanten Geschichten und Souvenirs gefreut, die ihr Onkel bei seinen Besuchen in ihrer Heimat, der Stadt Seattle im Staat Washington mitbrachte. Als Onkel Pete sich entschlossen hatte, eine Geschäftsreise mit einem Urlaub in Bolivien zu kombinieren, hatte er seine Nichte und seinen Neffen eingeladen, ihn zu begleiten. Die vergangenen beiden Wochen waren aufregend genug gewesen, als die Zwillinge zunächst im Hochland von Bolivien einigen Schmugglern von Inkaschätzen in die Quere gekommen und dann in einer Triton Oil-Förder13
anlage im Dschungel einen Drogenring hatten auffliegen lassen. Am Morgen dieses Tages, als sie gerade an Bord der DC-3 gegangen waren, um den bolivianischen Dschungel hinter sich zu lassen, hatte Onkel Pete noch den Auftrag erhalten, im südamerikanischen Hauptsitz der Firma in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien, nach dem Rechten zu sehen. Am nächsten Tag wurde es Nachmittag, bis aus den Lautsprechern im vorderen Teil der ersten Klasse der Boing 727 die Nachricht zu hören war, dass man in etwa einer Stunde in Bogotá landen würde. Justin und Jenny beugten sich jetzt wieder mit Appetit über das köstliche Mittagessen, das sie von einer Stewardess serviert bekommen hatten. Justin nahm den Aluminiumdeckel von seinem Teller und schnupperte dankbar den Duft des Rindfleischs, das passgenau neben einer gebackenen Kartoffel lag. Jenny regulierte noch einmal die Frischluftzufuhr über ihrem Kopf und wickelte dann mit zufriedenem Seufzen das Goldpapier von einer Ecke französischen Camemberts. Die Flugbegleiterin hatte gerade die Tabletts abgeräumt, als über ihnen die Warnhinweise aufleuchteten. Schnell schnallten sich die Geschwister zur Landung an. Jenny saß jetzt am Fenster, aber Justin lugte ihr über die Schulter. Ganz weit unter ihnen war ein von mehreren schneebedeckten Berggipfeln umgebenes Tal zu sehen. Als die Maschine im Landeanflug ihre Kreise nach unten zog, sah Justin einen Teppich aus dunklen, immergrünen Flächen und gelbgrünen Berghängen. »Sag mal, Onkel Pete, liegt Kolumbien nicht am Äquator?«, fragte er überrascht. »Ich habe gedacht, dass hier nur Dschungel ist.« »Stimmt schon, Kolumbien liegt am Äquator«, antwortete sein Onkel, ohne von seinen Papieren aufzuschauen. »Es gibt auch jede Menge Dschungel in diesem Land. 14
Aber an dieser Stelle bilden die Anden in etwa 2500 Metern über dem Meeresspiegel ein Tal. Hier ist es kühl genug für eine ähnliche Fauna wie in den Bergen bei uns zu Hause.« »Das ist wunderschön!«, rief Jenny und betrachtete die Kiefernwälder und Blumenwiesen, die unter ihnen vorbeizogen. »Wieso sind die Hauptstädte hier immer so hoch angesiedelt?«, wollte Justin wissen, der sich noch gut an die bolivianische Hauptstadt La Paz erinnerte, die auch in einem Tal in den Bergen lag. »Die meisten Hauptstädte hier in den Anden wurden in hoch gelegenen Tälern zwischen den Bergen errichtet«, erwiderte Onkel Pete abwesend, während er einen Stapel Computerausdrucke durchsah, »um der Hitze und den Gefahren des Dschungels zu entgehen. Hier in Kolumbien fällt in den Bergen auch mehr Regen, deshalb sind die Gebiete fruchtbarer als die tiefer gelegenen Landesteile ...« Seine Erklärung wurde durch seine Nichte aufgeregt unterbrochen: »He, seht euch das mal an! Der Berg da unten qualmt!« Justin beugte sich nach vorn, um sich den Berggipfel genauer anzuschauen, auf den seine Schwester zeigte. Die Bergspitze war ein bisschen schief und genauso verschneit wie die umliegenden Gipfel. Trotzdem quollen Wolken aus dem Schnee – so, als würde der Berg tatsächlich rauchen. »Ist das ein Vulkan?«, fragte er neugierig. »Die meisten Berge in den Anden waren früher einmal aktive Vulkane«, gab Onkel Pete zur Antwort und schaute auf. »Tja, der da sieht aber wirklich so aus, als ob er auch jetzt noch aktiv wäre! Dann muss das der Nevada del Ruiz sein.« Er legte seine Unterlagen zusammen und meinte ernst: »Dieser Vulkan sorgte vor gar nicht so langer Zeit weltweit für Schlagzeilen.« 15
Jenny war immer für eine Geschichte zu haben. »Erzähl uns davon! Bitte, Onkel Pete!« Onkel Pete ließ seinen Aktenkoffer zuschnappen und setzte sich bequem hin. »Naja, wie die meisten seiner Nachbarn ist der Nevada del Ruiz viele Jahre inaktiv gewesen – ein schlafender Vulkan. Dann erwachte er eines Tages und brach aus. Der Ausbruch war gar nicht so besonders heftig, nicht wie sonst bei Vulkanen. Es strömten auch keine großen Mengen an Lava. Aber durch die Hitze des Vulkans schmolz eine große Menge Schnee und Eis an der Bergspitze. Der halbe Berg wurde heruntergespült, wobei eine mehr als zehn Meter hohe Schlammlawine entstand, die Tausende von Bauernhöfen unter sich begrub. Eine ganze Stadt mit 20.000 Einwohnern liegt bis heute unter dem Schlamm begraben.« Justin betrachtete den rauchenden Berg noch einmal respektvoll, ehe das Flugzeug abdrehte und die Bergkette hinter sich ließ. Tief unter ihnen breitete sich jetzt das Stadtgebiet von Bogotá aus. Wolkenkratzer ragten wie schmale Kartons in den wolkenlosen Himmel, und eine kaum überschaubare Zahl an Straßen führten über- und untereinander in einem Gewirr, das wie eine Spielzeugkonstruktion wirkte. »Mann, ist das groß!«, staunte Jenny. »Mehr als acht Millionen Einwohner«, erklärte Onkel Pete. »Größer als New York City.« »Also dann kann man da bestimmt gut einkaufen!«, schloss Jenny höchst zufrieden. Wenige Minuten später landete die Maschine. Justin hängte sich seine Tasche über die Schulter und zog seine Jacke enger um den Körper, denn durch die Ritzen des Verbindungsschlauchs vom Flugzeug zum Flughafengebäude pfiff ein eiskalter Wind. Auf dem Weg zur Gepäckausgabe betrachteten die Geschwister voller Interesse die verschiedenen Geschäfte zu beiden Seiten. Gerade waren sie vor einem Schaufenster 16
stehen geblieben und bewunderten einige mundgeblasene Schwäne aus Glas, da fragte plötzlich eine leise Stimme: »Café, Senores?« Die Zwillinge drehten sich. In der Mitte des breiten Ganges war ein viereckiger Stand aufgebaut. An einer Seite standen die Worte: »Asociacion de Cafeteros Colombianoi« unter einem Bild, auf dem ein Mann mit Poncho und Sombrero abgebildet war. Auf dem Tresen dampfte neben einigen Porzellantassen eine hohe Kaffeemaschine. Eine schwarzhaariges, junges Mädchen beugte sich lächelnd vor. Als sie die verdutzten Gesichter der beiden sah, wiederholte sie ihre Frage noch einmal auf Englisch: »Möchtet ihr gern eine Tasse kolumbianischen Kaffee probieren?« Jenny verzog das Gesicht. »Nein danke! Ich mag keinen Kaffee.« Onkel Pete langte über ihre Köpfe und ließ sich eine Tasse Kaffee geben. »Versucht mal, Kinder! So leckeren Kaffee habt ihr noch nie getrunken.« Justin schnupperte den Duft aus der Kaffeemaschine: »Ja, ich glaube, ich probiere auch eine Tasse!« »Ich werde meine Spezialität für euch machen«, schlug das Mädchen vor. »Café con leche – Kaffee mit Milch.« Überrascht zog Justin die rötlichen Augenbrauen hoch, nachdem er vorsichtig an der milchig-braunen Flüssigkeit genippt hatte. Das Getränk schmeckte süß und stark, hatte aber nichts von dem bitteren Beigeschmack, den er üblicherweise von Kaffee kannte. Zögernd nippte auch Jenny an ihrer Tasse, dann begannen ihre Augen zu leuchten. »Mmm! Das schmeckt ja fast wie heiße Schokolade!« Das junge Mädchen lächelte zufrieden. »Das ist reiner kolumbianischer Hochlandkaffee – der Beste der Welt!« Jenny kicherte. »Hört sich an wie die Werbespots zu Hause!« Onkel Pete setzte seine Tasse ab. »Okay, ihr beiden. 17
Wir müssen noch durch den Zoll und unser Gepäck abholen.« In der Mitte der langen Halle stand eine Art Tor aus Metall, gerade breit genug für eine Person. Am Tisch daneben liefen auf einem Fließband Handgepäckstücke durch ein kleines Tor von der gleichen Art. Soldaten in Uniform, das Gewehr lässig in den muskelbepackten Armen, sorgten dafür, dass jeder Passagier durch das Tor ging. Der Passagier vor den Parkers hatte gerade seinen Handkoffer auf das Fließband gestellt, als jemand mit amerikanischem Akzent fragte: »Mr. Parker?« Ein junger Mann von mittlerer Größe und mit kurzgeschnittenem, dunklen Haar schob sich ungehindert an den Soldaten vorbei und trat auf die andere Seite der Metalltür. Sein grauer Anzug konnte den durchtrainierten, athletischen Körperbau nicht verbergen. Vielleicht auch ein Soldat, dachte Justin im Stillen. Der junge Mann sah Onkel Pete mit ernsten Augen an und reichte ihm eine Karte. »Pete Parker von Triton-Oil, richtig? Ich bin Steve Cardoza von der amerikanischen Botschaft. Ich komme, um Sie abzuholen.« »Na, das ist aber sehr freundlich«, antwortete Onkel Pete und schaute ein wenig verblüfft auf die Visitenkarte in seiner Hand. »Aber das ist eigentlich nicht nötig. Ich erwarte jemanden aus meiner Firma, der uns abholen sollte.« »Ich fürchte, das wird nicht möglich sein«, antwortete Steve Cardoza kurz. Er warf einen Blick auf die Schlange der wartenden Passagiere. »Ich werde Ihnen später alles erklären. Hier sind zu viele Menschen. Kümmern wir uns jetzt erst einmal um den Zoll.« Vor ihnen stand jetzt ein ungeduldiger Zollbeamter, der darauf wartete, dass die Parkers durch die Schleuse gingen. Während Onkel Pete das Metalltor passierte, schwang Mr. Cardoza Jennys Handtasche auf das Fließband. Jenny blieb ein bisschen zurück. 18
»Was ist das überhaupt? Warum müssen wir da durch?« »Das ist ein Röntgengerät«, erklärte Mr. Cardoza kurz. »Damit wird sichergestellt, dass niemand etwas Verbotenes ins Land bringt.« »Sie meinen zum Beispiel Drogen«, meinte Justin, der sich an die Zollformalitäten in Bolivien erinnerte. Der Botschaftsangestellte schaute grimmig: »Nicht Drogen – Bomben.« Sprachlos machten sich die Kinder bereit, im Gänsemarsch durch das Tor zu gehen. Als Justin in dem Durchgang angekommen war, ging ein Alarm los und ein rotes Licht oberhalb des Tores begann zu blinken. Einer der Soldaten stand sofort mit ernstem Gesicht neben Justin und nahm ihn beiseite. Verlegen grinsend, zog Justin das kleine Blitzlicht aus der Hosentasche, das den Alarm ausgelöst hatte, und der Soldat trat mit ausdruckslosem Gesicht wieder in die Reihe zurück. Justin bemerkte noch mehrere schwer bewaffnete Soldaten, während sie ihre Koffer vom Förderband zogen und damit auch noch durch die Zollkontrolle gingen. Nachdem alle Koffer wieder ordentlich gepackt waren, winkte Steve Cardoza einen Träger heran, der das Gepäck mit einem kleinen Karren zum Parkplatz beförderte. Auch hier gingen Soldaten mit Gewehren im Anschlag auf und ab. »Mannomann! Ist hier Krieg?«, fragte Justin seine Schwester leise flüsternd, während Steve Cardoza die Kofferraumklappe eines dunkelblauen Vans aufschloss und die Koffer hineinstellte. Jenny warf einen enttäuschten Blick auf den Van und flüsterte: »Das soll ein Botschaftswagen sein? Ich hatte gedacht, so ein Auto wäre blau, weiß und rot mit der amerikanischen Flagge am Kotflügel!« Der Botschaftsangestellte hatte offenbar scharfe Ohren. Als er sie zum Einsteigen winkte, meinte er mit ernstem 19