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Der Traum vom neuen Menschen

Transhumanismus und biblischer Glaube

Henrik Mohn

Der Traum vom neuen Menschen Transhumanismus und biblischer Glaube

Best.-Nr. 271988

ISBN 978-3-86353-988-7

Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. Außerdem wurde verwendet: Hoffnung für alle, © 1983, 1996, 2002, 2015. Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis-Brunnen Basel (Hfa)

1. Auflage

© 2025 Christliche Verlagsgesellschaft mbH Am Güterbahnhof 26 | 35683 Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Satz und Umschlaggestaltung:

Christliche Verlagsgesellschaft mbH

Umschlagmotiv: © Shutterstock.com/Galina_Kalina

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gern kontaktieren: info@cv-dillenburg.de

Einleitung

1984 sorgte ein Science-Fiction-Blockbuster für volle Kinokassen, obwohl das Budget verhältnismäßig klein war. Statt CGI (Computer Generated Imagery) setzte man noch auf die gute alte Schule: echte Explosionen und Stunts vor echten Kulissen statt vor einer grünen Leinwand. Doch das allein begeisterte die Zuschauer nicht. Vielmehr war es die Story, die sich James Cameron ausgedacht hatte.

Im Jahr 2029 ist die Erde infolge eines Atomkrieges verwüstet und der Großteil der Menschheit ausgelöscht. Intelligente Maschinen begannen den Krieg gegen ihre menschlichen Schöpfer, als sie in diesen eine Bedrohung für ihre eigene Existenz vermuteten. Die Überlebenden stehen kurz vor der endgültigen

Vernichtung, als ein neuer Anführer namens John Connor beginnt, den bewaffneten Widerstand zu organisieren. Im Jahr 2029 steht dieser schließlich kurz vor dem Sieg über die zentrale Maschineninstanz Skynet, weshalb die Maschinen einen „Terminator“ in das Jahr 1984 zurückschicken. Dieser Androide – eine Maschine, umhüllt von lebendem menschlichem Gewebe und dadurch fähig, sich unbemerkt unter Menschen zu mischen – wird auf Sarah Connor angesetzt, die Mutter von John Connor, um sie zu töten, bevor sie den zukünftigen Retter der Menschheit gebären kann. Der Widerstand kann durch die Eroberung der Zeitmaschine den Soldaten

Kyle Reese in die Vergangenheit schicken, um Sarah zu beschützen.1

Der Terminator und Reese kommen nacheinander an verschiedenen Orten im Los Angeles des Jahres 1984 an. Durch die Zerstörung der Zeitmaschine im Jahr 2029 sind beide auf sich allein gestellt und nehmen die Suche nach Sarah Connor auf.

Mit Terminator hat James Cameron einen der einflussreichsten Science-Fiction-Filme produziert, der mittlerweile zum Kultfilm avanciert ist. Doch im 21. Jahrhundert ist die Menschheit auf dem besten Weg, dieses Kinoerlebnis in die Realität umzusetzen. Das Stichwort dabei lautet jedoch nicht Terminator, sondern Transhumanismus.

Dieser kann definiert werden als die „technische Selbstüberwindung und Selbst-Verbesserung des Menschen“2. Ausgehend vom Film könnte man meinen, dass die Befürworter des Transhumanismus Visionäre ohne Hoffnung auf eine Realisierung ihrer Vorstellungen seien. Doch 2009 brachte James Cameron seinen Namen erneut auf die Leinwand, als er einen Blockbuster schuf, der nicht nur die Kinokassen klingeln ließ: In Avatar – Aufbruch nach Pandora werden heutige transhumanistische Visionen zumindest auf der Leinwand Realität. Ein künstlicher Körper – ein sogenannter Avatar – lässt sich mithilfe von Bewusstseinsübertragung steuern.

Ein Bekannter aus dem amerikanischen Militär sagte mir einmal, dass Forschung und Technik mindestens zehn Jahre weiter seien, als es uns auf der Leinwand präsentiert werde. Und weil der technische Fortschritt in

den letzten Jahren äußerst schnell vonstattenging, versteckt sich in diesem Buch eine informative Botschaft. Einerseits gilt es, mit den Ideen, Konzepten und Weltanschauungen der Transhumanisten vertraut zu werden. Andererseits soll die Botschaft der Bibel zu solchen Gedanken gehört werden. Wir wollen herausfinden, was es mit der Neuerfindung der Menschheit auf sich hat und welche Inhalte Gott den Vordenkern entgegenzusetzen hat.

I

DER TRAUM VOM

NEUEN MENSCHEN

Denk- und Zeitenwende

Das Wort Zeitenwende hat durch den Russland-UkraineKonflikt auch eine politische Bedeutung erhalten. Doch dieser Begriff umfasst weit mehr als eine militärische Auseinandersetzung. Wenn man zum Beispiel die Inhalte von Shows und Filmen im Fernsehen, von Streams und Beiträgen in den sozialen Medien oder das Verhalten der gesamten Gesellschaft beobachtet, so erkennt man schnell, dass sich ein Auflösungsprozess vollzieht: Immer mehr junge Menschen haben nicht nur bei der Berufsorientierung Schwierigkeiten, sondern sind sich auch bezüglich der Zugehörigkeit zur eigenen Kultur, zur eigenen Nation, ja, sogar zur eigenen Familie fortwährend unsicherer.

Wenn man also den „westlichen“ Menschen des 21. Jahrhunderts mit einem Wort beschreiben möchte, so ist der Begriff Identitätslosigkeit eine gute Wahl. In anderen Worten: Viele Menschen wissen nicht mehr, wer sie sind und warum sie leben. Die drei großen W-Fragen3 finden oftmals keine Beantwortung. Alles scheint im Wandel zu sein. Das zeigt sich vor allem in der Berufswelt: Die grenzenlose Mobilität entwurzelt den Einzelnen aus seiner Umgebung. Maximale Flexibilität im Berufsalltag und damit einhergehend die Offenheit zur Globalisierung führen dazu, dass sich viele nirgendwo mehr wirklich beheimatet und verwurzelt fühlen. „Da

nichts mehr vorgegeben ist und historische Vorbilder diskreditiert erscheinen, muss der moderne Mensch die eigene Identität immer wieder neu erfinden.“4

Aufgrund dieser und weiterer Auflösungserscheinungen in der Gesellschaft rückt nun der menschliche Körper in den Mittelpunkt des Interesses. Er scheint an verschiedene Lebensräume und -stile anpassungsfähig zu sein, sodass die Auffassung besteht, man könne den Menschen durch eine Verbesserung seines Körpers dazu befähigen, den Herausforderungen standzuhalten und eine neue Identität zu finden:

Transhumanisten wollen den Menschen mithilfe pharmazeutischer Substanzen, genetischer Enhancements5, Nanotechnologie und der Schaffung von Mensch-Maschine-Schnittstellen, also der Verschmelzung von Mensch und Maschine, auf eine neue Stufe seiner evolutionären Entwicklung heben.6

Spätestens bei diesen Vorstellungen zeigt sich, dass eine Zeitenwende im Gang ist.

Das alles hört sich sehr dramatisch an, und das ist es auch. Denn die skizzenhafte Veränderung des menschlichen Denkens ist nur wenigen tatsächlich bewusst. Die gegenwärtigen Umbrüche in den Bereichen Ehe, Familie und Sexualität sowie Nation und Kultur sind Teil der Vision vom neuen Menschen, „[die] die Natur des Menschen nicht nur hier und da, sondern von Grund auf umgestalten will.“7 Susanne Hartfiel ist der Meinung, dass der Transhumanismus den vielleicht größten

systematischen und zusammenhängenden Gegenentwurf zum christlichen Menschen- und Weltbild darstellt, der je erdacht wurde. Weiter führt sie aus, dass im Zentrum aller transhumanistischen Bemühungen zwar der menschliche Wille und die menschliche Freiheit stehen, dass die Vision vom neuen Menschen jedoch auf die Eliminierung des Menschen, wie wir ihn heute kennen, abzielt. „Ziel ist die umfassende Neuerfindung des Menschen, betrieben von finanzstarken und einflussreichen Unternehmen, Wissenschaftlern und Technikern.“8

Befürworter dieser neuen Denkrichtung möchten das menschliche Wesen durch die Verschmelzung mit der Technik radikal verändern. Das Endergebnis ist nicht nur ein durch Technik optimierter menschlicher Körper; sondern es soll eine neue Art von Wesen geschaffen werden, das sich vom heutigen Menschen völlig unterscheidet. Professor Paul Cullen9, ein ausgewiesener medizinischer Fachmann und Kenner des Transhumanismus, sieht in dieser Bewegung daher einen Angriff auf die Menschenwürde.

Es ist deshalb so wichtig, dieses veränderte Denken zu erkennen, weil gegenwärtig viele Menschen daran interessiert sind, Elemente der unterschiedlichen Weltanschauungen – also sowohl christlicher als auch transhumanistischer – miteinander zu verbinden.

Selbst die meisten Christen der westlichen Länder vertreten heute eher unreflektiert eine [unzusammenhängende] Mischung beider Weltanschauungen und Menschenbilder. Sie hinterfragen nicht, welche

übergeordneten Grundannahmen ihren jeweiligen Überzeugungen und Handlungen zugrunde liegen.10

Außerdem zeigt sich gegenwärtig eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der Nutzung digitaler Medien sowie der zunehmenden Sensorisierung11 der Welt einerseits und dem mangelnden Wissen um die Wirkweise der neuen Medien andererseits. Das ist insofern bedeutsam, als im Rahmen einer 2015 im Auftrag des World Economic Forum durchgeführten Studie die Prognose formuliert wurde, dass bis Mitte der 2020er-Jahre eine Billion Sensoren mit dem Internet verbunden sein werden.12

Doch wie sieht die Geschichte von Morgen aus, wenn der Mensch ein technisches Upgrade erfahren und in seinem Wesenskern verändert werden soll?

Den Menschen verbessern

Wie so oft, muss man zunächst einmal in den Rückspiegel der Geschichte blicken, um zu erkennen, wie sich die Optimierung des Menschen entwickelt hat. Schon seit dem Altertum ist es so, dass die Medizin eingesetzt wurde, um Kranke zu heilen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich eine neue Richtung herausgebildet: Die medizinische Wissenschaft wird eingesetzt, um den gesunden Menschen zu verbessern.

Das heißt, in der Medizin geht es heute nicht mehr nur um die Wiederherstellung der Gesundheit, sondern darum, Menschen fitter, schöner, intelligenter, besser, weniger krankheitsanfällig und langlebiger zu machen.13

Der Transhumanist und jüdische Historiker Yuval Noah Harari14 gibt offen zu:

In ihrem Streben nach Gesundheit, Glück und Macht werden die Menschen ganz allmählich zuerst eines ihrer Merkmale, dann noch eines und noch eines verändern, bis sie schließlich keine Menschen mehr sind.15

In anderen Worten: Einer der führenden Transhumanisten bestätigt, dass der Mensch – so die große Vision – sich verändern wird.

Im Gegensatz zu James Camerons Terminator wird es jedoch nicht eine Roboterrevolte sein, die den Menschen auslöschen wird. Vielmehr wird der von Gott losgelöste Mensch sich Schritt für Schritt auf eine höhere Stufe befördern und dabei mit Robotern und Computern verschmelzen.

Renommierte Wissenschaftler wie Hugo de Garis und Stephen Hawking warnen davor, dass die Entwicklung einer vollständigen Künstlichen Intelligenz (KI) das Ende der menschlichen Spezies bedeuten könnte. Ganz anders sieht das Ray Kurzweil, Pionier in der KI-Forschung und Verfechter des Transhumanismus: Laut ihm werden wir in naher Zukunft den Zeitpunkt der Singularität – den Moment, an dem die KI so weit entwickelt sein wird, dass sie vollständig mit der menschlichen Intelligenz verschmilzt – erreichen.16

Wie bereits erwähnt, ist es das Ziel der Transhumanisten, eine neue Rasse von Maschinenmenschen zu schaffen, die den heutigen Menschen, mit all seinen biologischen Gebrechen, ablösen soll. Welche konkreten Verbesserungen und Vorstellungen die Transhumanisten dabei im Blick haben, zeigen folgende Zitate:

Sie glauben fest daran, dass wir den Alterungsprozess als Ursache des Todes eliminieren können und sollen; dass wir Technologie einsetzen können und sollen, um unseren Körper und unseren Geist zu verbessern, dass wir letzten Endes mit Maschinen verschmelzen

können und sollen und uns letzten Endes von Neuem erschaffen, nach dem Bilde unserer eigenen höheren Ideale.17 – Mark O’Connell

Wir werden die biologischen Gründe für das Leid vollständig ausgerottet haben … Posthumane Zustände magischer Freude werden mit biologischen Methoden ins Unendliche verfeinert, vermehrt und intensiviert werden.18 – David Pearce, Mitbegründer der World Transhumanist Association

Und nachdem wir die Menschheit über die animalische Ebene des Überlebenskampfes hinausgehoben haben, werden wir nun danach streben, Menschen in Götter zu verwandeln und aus dem Homo sapiens den Homo deus zu machen.19 – Yuval Noah Harari, israelischer Historiker und visionärer Vordenker

Visionen zu haben und daran zu arbeiten, sie umzusetzen, ist bekanntlich nichts Verwerfliches. Auch hat die Geschichte gezeigt, dass der Mensch von neuen Erfindungen vielfach profitieren kann. Doch bei den transhumanistischen Vorhaben wird deutlich, dass diese Strategie ausdrücklich gegen Gottes Schöpfungsordnung gerichtet ist: „Das Upgrade von Menschen zu Göttern kann auf drei Wegen erfolgen: durch Biotechnologie, durch Cyborg-Technologie und durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen.“20 Wie genau das aussehen könnte, wird in Teil 2 (ab S. 29) erläutert.

Doch woraus resultiert ein solcher Veränderungswunsch?

Die Fähigkeit, unseren Körper und unseren Geist umzugestalten, wünschen wir uns vor allem aus einem Grund, nämlich Alter, Tod und Elend zu entgehen. […] Wir könnten also sagen, dass die neue menschliche Agenda in Wahrheit nur aus einem einzigen Projekt (mit vielen Verzweigungen) besteht: Göttlichkeit zu erlangen. […] Göttlichkeit ist keine vage metaphysische Eigenschaft. Und sie ist nicht das Gleiche wie Allmacht. Wenn davon die Rede ist, Menschen zu Göttern zu erheben, dann sollte man dabei eher an griechische Götter oder an hinduistische Devas denken und weniger an den allmächtigen himmlischen Vater der Bibel. […] Bislang haben wir mit den Göttern von einst dadurch konkurriert, dass wir immer bessere Werkzeuge schufen. In nicht allzu ferner Zukunft könnten wir Übermenschen erschaffen, welche die antiken Götter nicht in ihren Instrumenten, sondern in ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten übertreffen. […] Wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Menschen nach der Göttlichkeit greifen werden, denn sie haben viele Gründe, sich einen solchen Aufstieg zu wünschen, und viele Möglichkeiten, ihn zu bewerkstelligen.21

Harari formuliert hier spitze Behauptungen, die stark an einen Satz aus der Bibel erinnern. In 1. Mose 3,5 drückt der Teufel – in Form einer Schlange – das Ansinnen der

heutigen Transhumanisten wie folgt aus: „Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses“ (Hervorhebung durch den Autor). In Teil 3 (ab S. 45) werde ich darauf eingehen, wie der Transhumanismus und Teuflisches miteinander zusammenhängen.

Giles Fraser schreibt:

Für viele Menschen üben Technologie und Wissenschaft in der Gesellschaft von heute dieselbe Funktion aus wie früher die Magie – sie stehen beide für die Illusion, dass man die Probleme des Menschenseins schnell und schmerzlos reparieren könne.22

Technik und Medizin zum Wohle des Menschen einzusetzen, ist prinzipiell nichts Schlechtes. Doch wie konnte es zu einem solchen Umdenken kommen?

3 Wie Undenkbares

denkbar wird

Um den gedanklichen Veränderungsprozess hin zum Transhumanismus zu verstehen, lohnt es sich, den Begründer der modernen transhumanistischen Bewegung kennenzulernen, den Evolutionsbiologen und Eugeniker Julian Huxley (1887–1975). 1950 veröffentlichte er einen Aufsatz, „in dem er es als des Menschen Schicksal, Pflicht und Privileg bezeichnet, den Fortschritt des kosmischen Evolutionsprozesses in seiner eigenen Person fortzusetzen“.23 Sieben Jahre später nutzte Huxley den Begriff „Transhumanismus“, um seinen „neuen Glauben“ in Worte zu kleiden.24 Im Anschluss gelang es Huxley, seine Denkweise nicht nur der wissenschaftlichen Fachwelt zu vermitteln, sondern auch die breite Öffentlichkeit mit ins Boot zu holen. Sein Denken ist zwar zunächst in den Kontext der 1950er/60er-Jahre einzuordnen, offenbart aber die Stoßrichtung der gesamten Denkweise.

Huxley war von der kulturellen Unterlegenheit der Schwarzen überzeugt und vertrat öffentlich die Ansicht, dass eine Familie, die er als „geistig defizitär“ bezeichnete, niemals hätte geboren werden sollen. Er setzte sich für die kontrollierte Fortpflanzung der Angehörigen der professionellen Mittelschicht

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