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NOAH MOSE OSE JOSEF

Durch den Glauben persönlich reifen

RAHAB ABEL

Ein Gang durch das elfte Kapitel des Hebräerbriefs

EL HENOCH ABRAHAM CHRISTUS IN MIR

Rudolf Möckel

Christus in mir

Durch den Glauben persönlich reifen

Ein Gang durch das elfte Kapitel des Hebräerbriefs

Best.-Nr. 271978

ISBN 978-3-86353-978-8

Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

Es wurde folgende Bibelübersetzung verwendet:

Lutherbibel, revidierter Text 2017

© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT)

Außerdem wurden verwendet:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen (ELB)

NeÜ bibel.heute, © 2010 Karl-Heinz Vanheiden und Christliche Verlagsgesellschaft (NeÜ)

Neue Genfer Übersetzung, © Genfer Bibelgesellschaft Romanuel-sur-Lausanne, Schweiz, Erste Auflage 2011 (NGÜ)

Schlachter-Übersetzung, © 2000, CLV, Bielefeld (SLT)

1. Auflage

© 2024 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

CPI Books GmbH, Leck Printed in Germany

Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gern kontaktieren: info@cv-dillenburg.de

Inhalt

Vorwort: Worum es in diesem Buch geht ................ 8

1. Ein geheimnisvoller Slogan ........................ 10

2. Abel – oder: Die Anbetung im Glauben .............. 45

3. Henoch – oder: Die Treue des Glaubens ............. 63

4. Noah – oder: Die Beharrlichkeit des Glaubens ........ 87

5. Abraham – oder: Die Dynamik des Glaubens ......... 109

6. Abraham – oder: Die Standhaftigkeit des Glaubens .... 129

7. Abraham – oder: Der Gehorsam des Glaubens ........ 147

8. Isaak, Jakob, Josef – oder: Die Zuversicht des Glaubens ....................... 167

9. Mose – oder: Die Entscheidungen des Glaubens ...... 189

10. Mose – oder: Die Courage des Glaubens ............. 208

11. Rahab – oder: Die Klugheit des Glaubens ............

Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.

2. Korinther 3,18

Ein geheimnisvoller Slogan

Sie wurde am 20. April 1983 in New York gegründet und am 2. September 1995 in der 9. Straße, unter der Hausnummer 1100 E, in Cleveland (USA) eröffnet: Die „Rock & Roll Hall of Fame“. Seitdem ist diese Ruhmeshalle der Sehnsuchtsort für die wichtigsten und einflussreichsten Musiker, Produzenten und Persönlichkeiten im Umfeld des Rock ’n’ Roll. Die ersten, deren Namen Eingang in die „Hall of Fame“ fanden, waren Chuck Berry, Elvis Presley, Buddy Holly, James Brown und Ray Charles. Im Laufe der Jahre kamen rund 400 weitere Künstler hinzu, darunter Muddy Waters, die Beatles, Simon and Garfunkel, Jimi Hendrix, Joni Mitchel, Cat Stevens, Elton John, Carlos Santana, Eric Clapton, Michael Jackson, Miles Davis, Leonard Cohen, Madonna, Tom Waits, Bon Jovi, Tina Turner, Duran Duran, und natürlich: Bob Dylan.

Herbert Grönemeyer hat’s bisher übrigens noch nicht in die „Hall of Fame“ geschafft. Und selbst dem Altrocker Udo Lindenberg wurde der Zugang zu diesem Sehnsuchtsort bislang verwehrt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Auch in der Bibel gibt es eine „Hall of Fame“. Die Namen derer, die dort auftauchen, haben jedoch nichts mit Rock ’n’ Roll zu tun. Sie erscheinen in dieser „Ruhmeshalle“ aus einem anderen Grund: Das, was sie in besonderer Weise auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie allesamt Persönlichkeiten des Glaubens waren. Das heißt, der Glaube an den Gott der Bibel prägte ihr Leben und ihre Persönlichkeit nachhaltig und ließ sie zu einem

herausragenden Vorbild werden. Sie waren Menschen, deren Charaktere durch die Hingabe an Gott, den Vater Jesu Christi, geformt und gestaltet wurden. Darum sind sie in der „Ruhmeshalle des Glaubens“ versammelt.

Die „Hall of Fame“ der Bibel findet sich im elften Kapitel des Hebräerbriefes. Alle dort beschriebenen Persönlichkeiten waren Persönlichkeiten des Glaubens. Fragt sich nur: Warum taucht diese „Hall of Fame“ der Bibel im Hebräerbrief auf? Warum platzierte der Verfasser dieses neutestamentlichen Buches sie ausgerechnet in diesem Kapitel? Die Antwort erschließt sich, sobald man einen Blick auf den gesamten Hebräerbrief wirft, sich also in die „Vogelperspektive“ begibt.

Ab in die Vogelperspektive

Worum geht es im Hebräerbrief, und welche Rolle spielt sein elftes Kapitel?

Manche seufzen innerlich, wenn sie das Stichwort „Hebräerbrief“ hören. Unter Christen gilt er allgemein als schwer verständlich. Man befasst sich nur zögernd mit ihm. Das ist zunächst einmal verständlich. Denn der Hebräerbrief wendet sich an Menschen, die tief im alttestamentarischen Glauben, also im Glauben des Alten Bundes, verwurzelt waren. Deren Lebenswelt ist heute jedoch vielen Menschen fremd, auch wenn sie das Alte Testament vielleicht ein bisschen kennen. Und so fällt der Zugang zu diesem in der Tat genialen Brief zunächst schwer. Der Verfasser des Hebräerbriefs wird nicht namentlich genannt. Aber es ist klar, dass ihn jemand geschrieben haben muss, der mit dem jüdischen Glauben sehr vertraut war und das Alte Testament wie seine Westentasche kannte. Und da liegt die Vermutung am nächsten, dass es sich um den Apostel Paulus handelt. Beweisen lässt sich das allerdings nicht. Doch unabhängig vom

Verfasser gilt: Der Hebräerbrief stellt eine wunderbare Ergänzung zu den anderen neutestamentlichen Briefen dar. Denn die wenden sich eher an Christen aus heidnischem Hintergrund. Der Hebräerbrief aber hat ausschließlich Menschen jüdischen Glaubens im Blick. Er hat ihnen ausgesprochen viel zu sagen. Und dabei geht es immer um Jesus.

So erklärt der Schreiber seinen Adressaten hingebungsvoll, warum Jesus viel größer ist, als Engel es je sein können (Hebr 1–2). Er zeigt, dass die Einhaltung von religiösen Gesetzen und Vorschriften niemals den Weg in den Himmel öffnen kann (Hebr 6), dass Jesus der einzige vollkommene Hohe Priester ist (Hebr 7–8) und dass sein Opfer auf Golgatha das vollkommene Sühneopfer ist – viel, viel besser, als es alle Tier- und Speiseopfer nach den Gesetzen des Alten Testaments je sein konnten (Hebr 9–10). Und dann, in dem entscheidenden Kapitel 11, das uns in diesem Buch beschäftigen wird, präsentiert uns der Hebräerbrief die „Hall of Fame des Glaubens“. Er stellt eine lange Reihe biblischer Persönlichkeiten vor, in deren Leben eben nicht die Befolgung religiöser Gesetze und Normen, sondern allein der Glaube entscheidend war. Das heißt: Nachdem der Hebräerbrief die Bibel in ihrer Tiefe geöffnet, erklärt und verständlich gemacht hat, stellt er konkrete Personen vor, die wirklich gelebt haben und deren Leben die Kraft des Glaubens eindrucksvoll sichtbar werden lassen. Er stellt klar: „Was ich euch in den Kapiteln 1 bis 10 vorgestellt habe, ist mitnichten tote Theorie! Nein, real existierende Menschen haben das ge- und erlebt, Menschen, von denen die Bibel konkret berichtet.“ Warum aber taucht der Hebräerbrief derart tief in die Welt des Alten Testaments ein? Nun, er tut das, weil er weiß, dass er Menschen vor sich hat, die in ihrem Denken, Fühlen und Wollen zutiefst davon geprägt sind, dass ein geistliches Leben im genauen Befolgen zahlloser religiöser Gesetze und Vorschriften besteht. Sie sind so stark daran gebunden, dass sie sich nur schwer davon lösen können.

Heutzutage kann man sich kaum noch vorstellen, wie enorm stark diese Bindung war. Wer zu den (irdischen) Lebzeiten von Jesus und Paulus als frommer Jude lebte, folgte in der Regel den Lehren der Pharisäer. Diese wiederum folgten der Mischna, einer Auslegung der Thora (der fünf Bücher Mose, also des Gesetzes). Was bedeutete das? Das bedeutete, dass jedes noch so kleine Detail ihres Lebens durch eine Unzahl großer, kleiner und kleinster Vorschriften geregelt war, an die man sich halten musste. Hier sind ein paar Beispiele2, die allesamt die Einhaltung des Sabbats regeln:

• Es war verboten, am Sabbat mehr als 1000 Meter zurückzulegen. Ausnahme: Wer am Tag vor dem Sabbat 1000 Meter von seinem Haus entfernt Nahrungsmittel platzierte, durfte von dort aus noch einmal 1000 Meter gehen. Das wurde mit dem Satz begründet: „Wo dein Essen steht, ist dein Zuhause.“ Eine weitere Ausnahmeregelung besagte: Wer am Ende einer langen, schmalen Straße lebte, konnte am Sabbat ein Stück Holz oder ein Seil mitnehmen und dieses am Anfang der Straße hinlegen bzw. anbinden. Das galt dann als Torbogen des eigenen Hauses, und man konnte von dort aus noch einmal 1000 Meter weitergehen.

• Es war verboten, am Sabbat irgendetwas zu tragen, das mehr als eine getrocknete Feige wog (also 25 Gramm). Brieftasche oder Portemonnaie schieden damit aus. Sie konnten nicht mitgeführt werden. Wer nach einem Nahrungsmittel griff und dabei vom Beginn des Sabbats überrascht wurde, musste die Speise fallen lassen – andernfalls hätte er eine Last transportiert und damit gesündigt.

• Es war verboten, am Sabbat bestimmte Speisen zu sich zu nehmen. Und die Liste dieser Speisen war lang.

2 Vgl.: https://www.gty.org/library/sermons-library/42-69/jesus-the-divinetruthteller abgerufen 24.06.2024.

• Es war verboten, am Sabbat zu kochen. Nur übrig gebliebene oder am Vortag zubereitete Speisen durften gegessen werden.

• Ein Schneider durfte nicht seine Nadel mit sich führen, sobald der Sabbat anbrach, ein Schreiber nicht seinen Stift und ein Schüler nicht seine Bücher.

• Am Sabbat durfte auch kein Feuer angezündet oder gelöscht werden. Darum war man gezwungen, es permanent in Gang zu halten.

• Es war verboten, ein Bad zu nehmen, weil die Gefahr bestand, dass das Wasser über den Boden fließen und ihn dabei waschen könnte.

• Es durfte kein Sessel bewegt werden. Schließlich bestand die Gefahr, dass das auf dem Fußboden einen Kratzer verursachen würde. Das würde dem Pflügen auf dem Feld sehr nahekommen und war demzufolge nicht erlaubt.

• Eine Frau, die im Spiegel ein weißes Haar bei sich entdeckte, durfte es nicht ausreißen.

• Wer einen Gegenstand in die Luft warf, musste ihn mit demselben Arm wieder auffangen, mit dem er ihn geworfen hatte. Wenn er den anderen Arm dafür benutzte, zählte das als unzulässige Arbeit.

Und dies sind nur wenige Beispiele aus 24 Kapiteln Sabbat-Vorschriften in der Mischna.

Auch heute noch zeigen sich diese Vorschriften. In den USA gibt es zum Beispiel sogenannte Sabbat-Aufzüge. Am Sabbat halten sie einfach regelmäßig in jedem Stockwerk an, sodass keine Knöpfe gedrückt werden müssen, was Arbeit und somit nicht erlaubt wäre. Sabbat-Zeituhren sorgen dafür, dass die Wohnung am Sabbat Licht hat. Denn das Anschalten des Lichts per Hand wäre – analog zum Anzünden eines Feuers – nicht erlaubt.

Der Hebräerbrief taucht nun tief in diese Welt des Alten Testaments ein. Doch er zeigt, dass ein Leben, das Gott gefällt, niemals durch die eiserne Einhaltung von religiösen Gesetzen und Vorschriften erreicht werden kann. Stattdessen legt er einen anderen Weg für die geistliche Charakterbildung dar. Warum? Weil es bitter nötig war.

Der Schreiber hatte allen voran die Pharisäer vor Augen, als er den Weg zu einem wirklich geistlichen Leben beschreiben wollte. Die galten nämlich als die Frommen im Land und genossen beim Volk Respekt und Anerkennung. Für viele Menschen in Israel war klar: „Das sind unsere Vorbilder! An denen müssen wir uns ein Beispiel nehmen!“

Doch wer waren die Pharisäer wirklich? Waren sie tatsächlich die Vorbilder und Beispielgeber? Die Pharisäer waren diejenigen, die eines in Reinkultur präsentierten: Sie zeigten, wie weit man im geistlichen Leben kommen kann, wenn man Gottes Gebote und Maßstäbe erfüllt – aus eigener, menschlicher Kraft. Darin vollbrachten sie in der Tat Höchstleistungen, die nicht zu toppen waren: Sie wollten aus eigener Kraft zu geistlichen Persönlichkeiten heranreifen. Sie wollten aus eigener Kraft gut dastehen vor Gott. Sie wollten aus eigener Kraft etwas darstellen vor Gott. Darum setzten sie auf sich selbst und ihre menschliche Kraft. Darin waren sie Vorbilder. Aber auch nur darin! Denn sie verfehlten das Wichtigste: das erste Gebot, das die unbegrenzte Liebe und Hingabe an den Gott des Lebens befiehlt.

Das hatte nun ernste Folgen: Die Pharisäer (und mit ihnen die Schriftgelehrten, die Gesetzeskundigen und die Priester) wurden nämlich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt3 zu Gegnern Jesu. Denn dieser zeigte ihnen, dass ihre Herzen in Wahrheit weit weg von Gott waren, und das konnten sie nicht ertragen.

3 Bereits zu Beginn der irdischen Wirksamkeit Jesu planten die Pharisäer, „wie sie ihn umbringen könnten“ (Mk 3,6; ELB).

Deshalb fingen sie an, seinen Tod zu planen4. Eigentlich waren die Pharisäer damals privilegiert, denn sie waren stets nahe an Jesus dran. Jesus lebte physisch (körperlich) mitten unter ihnen. Sie sahen mit eigenen Augen die messianischen Wunder, die er in großer Zahl tat. Sie erlebten das Maximum an Offenbarung. Aber sie weigerten sich, das Nächstliegende zu tun: Sie weigerten sich, Jesus als den Messias anzuerkennen und sich ihm vorbehaltlos unterzuordnen. Sie nannten ihn wider besseres Wissen einen „samaritanischen Teufel“5. Noch einmal: Sie erlebten das Maximum an Offenbarung. Und dennoch bezeichneten sie Jesus als dämonisch besessen.

Später folgte ihnen die überwiegende Mehrheit des Volkes Israel darin, als es den Hinrichtungstod des Messias forderte (Mt  27,22-23). Pharisäer, Schriftgelehrte, Gesetzeskundige, Priester und am Ende auch die große Masse des Volkes Israel begingen damit das, was man die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ (Mt 12,31-32) nennt, also die Sünde, die nicht vergeben werden kann. Die gesamte damals lebende Nation Israel war von dieser Sünde betroffen.6 Sie bekamen das Maximum an Offenbarung.

4 „Da wurden sie von sinnloser Wut gepackt und berieten miteinander, was sie gegen ihn unternehmen könnten.“ (Lk 6,11; NGÜ)

5 „Du bist ein samaritanischer Teufel, ein Dämon hat dich in seiner Gewalt!“ (Joh 8,48; NeÜ)

6 „Daraufhin sagten einige der Gesetzeslehrer und Pharisäer zu ihm: ‚Rabbi, wir wollen ein Zeichen von dir sehen!‘ ‚Diese verdorbene Generation, die von Gott nichts wissen will, verlangt nach einem Zeichen!‘, antwortete Jesus. ‚Doch es wird ihr keins gegeben werden, nur das des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Im Gericht werden die Männer von Ninive auftreten und diese Generation schuldig sprechen. Denn sie haben ihre Einstellung auf Jonas Predigt hin geändert – und hier steht einer, der mehr bedeutet als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen die Männer dieser Generation auftreten und sie verurteilen. Denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören – und hier steht einer, der mehr bedeutet als Salomo.“ (Mt 12,38-42; NeÜ)

Jesus lebte mitten unter ihnen. Doch sie unterstellten ihm, er sei mit dem Teufel im Bund.

Heute kann die Sünde gegen den Heiligen Geist nicht mehr begangen werden. Von keinem Menschen! Denn die Zeit, in der Jesus physisch (körperlich) auf der Erde lebte, ist vorbei. Christen haben heute Gottes Offenbarung in der Bibel. Aber sie können Jesus nicht physisch (körperlich) sehen.7 Dieses Privileg, dieses Maximum an Offenbarung, hatte nur die Generation des Volkes Israel zu den irdischen Lebzeiten Jesu. Darum konnte auch nur sie die Sünde gegen den Heiligen Geist begehen.

Doch zurück zu den Pharisäern! Sie wollten aus eigener Kraft gut sein vor Gott und setzten deshalb auf sich selbst. Von diesem Lebensstil, von dieser „Denke“, waren damals in Israel viele Menschen tief geprägt. Und diejenigen von ihnen, die irgendwann Christen wurden, hatten Mühe, diese Prägung dauerhaft und endgültig abzulegen. Deshalb waren sie an dieser Stelle weiterhin angreifbar. Darum verwendet der Hebräerbrief so viel Mühe darauf, zu zeigen, dass der scheinbar so beeindruckende Weg der Pharisäer direkt in die Irre und Verlorenheit führt.

Doch welche Alternative für die geistliche Charakterbildung bietet der Hebräerbrief nun seinen Lesern an? Wenn der Weg der Pharisäer nicht zum Ziel führt, welcher tut es dann? Oder anders gefragt: Wie kann geistliches Leben so gelebt werden, dass es dem Willen und dem Wesen Gottes entspricht? Wie kann das Leben in der Hingabe an Gott gestaltet werden, dass Jesus damit geehrt wird? Oder noch mal anders gefragt: Was ist das Geheimnis geistlicher Charakterbildung?

Die Antworten auf diese Fragen finden sich im elften Kapitel des Hebräerbriefes: Der Verfasser geht mit viel Sorgfalt und Mühe

7 „Ihn liebt ihr ja, obwohl ihr ihn noch nie gesehen habt, an ihn glaubt ihr, obgleich ihr ihn auch jetzt nicht seht, und jubelt in unsagbarer, von Herrlichkeit erfüllter Freude.“ (1Petr 1,8)

vor, um das Geheimnis geistlicher Charakterbildung nicht nur im Allgemeinen zu erklären, sondern es anhand einiger herausragender Persönlichkeiten der Bibel seinen Lesern auch persönlich nahezubringen. Damit ist er nahe an der Lebenswirklichkeit heutiger Christen, denn viele haben ihre liebe Not mit der geistlichen Charakterbildung. Sie halten morgens ihre „Stille Zeit“ und beten. Sie gehen zu Gottesdienst und Bibelstunde in ihrer Gemeinde. Sie nehmen am Abendmahl teil und geben sich wirklich Mühe, ein geistliches Leben zu führen und eine geistliche Persönlichkeit zu werden. Sie disziplinieren sich. Sie reißen sich zusammen. Sie gehen an die Grenzen ihrer Kraft. Sie kämpfen. Aber wenn sie zwischendurch Bilanz ziehen und auf ihr Leben blicken, stellt sich umgehend Frustration ein. Sie bemerken, dass sie immer noch bestimmte Lieblingssünden haben, von denen sie nicht lassen wollen. Sie bemerken weiter, dass bestimmte ungute, alte Verhaltensmuster immer noch höchst aktiv sind und sich störrisch gegen jede Veränderung sperren. Sie bemerken kein geistliches Wachstum in ihrem Leben. Stattdessen sehen sie Versagen zuhauf! Sie sind deprimiert und missmutig. Sie schämen sich. Sie stehen kurz vor dem Aufgeben. Es hat doch alles keinen Sinn mehr!, sagen sie zu sich selbst. Die ganze Quälerei über all die Jahre, alles umsonst! Was ist nur los mit mir? Und warum lässt Gott mich so im Stich?

Dann gibt es andere, bei denen ist es ganz anders. Sie haben ein positives Naturell. Ihnen gelingt es, grobe Sünden in ihrem Leben weitgehend zu vermeiden. Auch sie machen morgens regelmäßig ihre „Stille Zeit“. Sie begehen keinen Ehebruch, bleiben in der Regel bei der Wahrheit und tragen die Verantwortung für ihre Familie. Sie sind meist freundlich zu ihren Mitmenschen, spenden großzügig für ihre Gemeinde und engagieren sich dort auch nach Kräften. Sie sehen auf ihr Leben und sind ganz zufrieden mit dem, was sie da sehen. Läuft doch!, sagen sie zu sich selbst. Und sie blicken ein bisschen mitleidig und auch ein

klein wenig selbstgefällig auf diejenigen in ihrer Gemeinde, die sich in ihrem geistlichen Leben zwar abmühen, aber nur wenig zuwege bringen und frustriert darüber sind. Sie entwickeln eine leise und meist verborgen gehaltene Überheblichkeit: Na, denken sie, der und der und die da auch, die könnten sich schon mal eine Scheibe abschneiden von meinem geistlichen Leben. Die bemühen sich halt nicht genug! Oder sie geben zu früh auf. Die können doch an mir sehen, wie man es machen muss!

Was sie meistens jedoch nicht sehen: Tatsächlich sind sie kein bisschen besser dran als die anderen, die „Versager“. Ihr positives Naturell hilft ihnen zwar dabei, grobe Sünden wenigstens einigermaßen zu vermeiden. Doch auch bei ihnen geht es nicht voran im geistlichen Leben. Allerdings nehmen sie das kaum wahr. Ihr „vorzeigbares Leben“ verstellt ihnen den Blick dafür.

Warum ist das so? Weil sie sich nur mit anderen Menschen in der Gemeinde vergleichen, aber nicht mit Persönlichkeiten in der Bibel. Und mit Jesus schon gar nicht. Dadurch schneiden sie in ihren eigenen Augen ganz gut ab. Aber das kommt nur dadurch zustande, weil sie ihre Maßstäbe für sich passend zurechtgeschnitten haben. Beunruhigend!

Deshalb noch einmal die Frage: Welche Alternative bietet der Hebräerbrief seinen Lesern an? Wie kann man tatsächlich zu einer geistlichen Persönlichkeit werden? Was ist das Geheimnis geistlicher Charakterbildung?

Ein einprägsamer Slogan

Einprägsame Slogans finden sich vor allem in der Werbebranche. Sie dienen dazu, eine denkbar einfache Botschaft so zu formulieren, dass sie sich im Denken und Fühlen der Konsumenten unvergesslich verfestigt und ihr Kaufverhalten beeinflusst. Hier sind ein paar Beispiele:

• „Das gibt´s doch gar nicht! – Doch, bei Roller!“ (Möbelhaus)8

• „Puddis Pudding schmeckt wie Muttis Pudding.“ (Süßspeise)9

• „Überall. Fruchtigkühl und fruchtigprall.“ (O-Saft)10

• „Mehr Kräuter auf engstem Raum findet man nur in Amsterdam.“ (Getränk)11

• „Habenmuss Papa.“ (Biermarke)12

• „Mann, sind die dick, Mann!“ (Schokoprodukt)13

• „Weck den Killer in Dir!“ (Energydrink)14

• „Es geht ein Prickeln durch Berlin.“ (Sekt)15

Auch das elfte Kapitel des Hebräerbriefs enthält einen einprägsamen Slogan. Doch in diesem Fall geht es nicht um triviale Dinge wie Bier, Möbel, Süßspeisen oder Sekt. Es geht um sehr viel mehr. Der Slogan besteht aus drei kleinen Worten, die in diesem Kapitel erstaunliche 23-mal vorkommen.16 Und diese drei Worte – beziehungsweise die Wirklichkeit, die sie beschreiben –sind der Schlüssel zu dem Geheimnis geistlicher Charakterbildung. Sie lauten: „durch den Glauben“ (Elberfelder Übersetzung).

8 https://www.moms-blog.de/nervige-werbesprueche-tv-radio/ abgerufen 24.06.2024.

9 https://ordersmart.de/slogans/ abgerufen 24.06.2024.

10 https://neuroflash.com/de/blog/slogans-claims-von-getrankemarken/ abgerufen 24.06.2024.

11 https://ordersmart.de/slogans/ abgerufen 24.06.2024.

12 https://ordersmart.de/slogans/ abgerufen 24.06.2024.

13 https://ordersmart.de/slogans/ abgerufen 24.06.2024.

14 https://neuroflash.com/de/blog/slogans-claims-von-getrankemarken/ abgerufen 24.06.2024.

15 https://neuroflash.com/de/blog/slogans-claims-von-getrankemarken/ abgerufen 24.06.2024.

16 Hebr 11,3.4(3x).5.7(3x).8.9.11.17.20.21.22.23.24.27.28.29.30.33.39.

Diese drei Worte sind im elften Kapitel des Hebräerbriefes von besonderer Bedeutung. Direkt in Vers 3 geht es los, wenn über die Gläubigen gesagt wird: „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist“ (LUT). Und dann werden die einzelnen Vorbilder eingeleitet:

• „Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain“ (Vers 4);

• „Durch den Glauben wurde Henoch entrückt“ (Vers 5);

• „Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche gebaut“ (Vers 7);

• „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam“ (Vers 8);

• „Durch den Glauben segnete Isaak den Jakob“ (Vers 20);

• „Durch den Glauben segnete Jakob, als er starb, die beiden Söhne Josefs“ (Vers 21);

• „Durch den Glauben redete Josef, als der starb, vom Auszug der Israeliten“ (Vers 22);

• „Durch den Glauben wurde Mose, als er geboren war, drei Monate verborgen von seinen Eltern“ (Vers 23);

• „Durch den Glauben kam die Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen um“ (Vers 31; alle LUT)

• usw. usf.

Immer und immer wieder tauchen diese drei geheimnisvollen Worte auf. Sie müssen also überaus wichtig sein. Tatsächlich liegt darin das Geheimnis einer gelingenden geistlichen Charakterbildung: durch den Glauben. Wer zu einer geistlichen Persönlichkeit werden will, kann das nur durch den Glauben tun. Wer etwas anderes versucht, wird zwangsläufig scheitern. Der Hebräerbrief hämmert seinen Lesern diese biblische Wahrheit förmlich ein.

Dabei ist eines besonders wichtig: Der Begriff „Glauben“ darf keine unscharfe Worthülse, keine gestanzte und leere Formulierung oder ein durch häufigen Gebrauch abgeblasstes

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