Widmung
Hinter mir liegt die schwerste Zeit meines Lebens – vor mir liegt das Werk, das dadurch entstanden ist. Dieses Buch soll allein dazu dienen, den ewigen und lebendigen Gott zu bezeugen. Er liebt uns und möchte uns in seinem Sohn Jesus vergeben und ewig retten.
Lieber Leser, mögen die Worte dieses Buches in Ihrem Herzen nachhallen. Die letzten Worte meiner verstorbenen Frau auf die Frage hin, ob Jesus tatsächlich fähig sei, sie zu retten, und ob der Glaube echt sei, lauteten:
Sie werden es an unserer Ehe sehen.
Mit diesen Worten widme ich dieses Buch meiner über alles geliebten Frau Irina, der Mutter unserer gemeinsamen Tochter Naomi.
Die Liebe Gottes ist real, und sie heißt Jesus!
Juli bis August 2016
Wie alles begann
Es war Freitagabend, der 22. Juli 2016. Mein Polizeikollege und ich saßen bei mir im Wohnzimmer und starrten gebannt auf den Fernseher. Eigentlich hatten wir nur gemütlich ein paar Bierchen trinken und später mit weiteren Kollegen aus der Schicht in die Stadt auf ein Schulfest gehen wollen. Aber die Sirenen der vielen Polizeiautos, die an meiner Wohnung in Augsburg vorbei in Richtung München gerast waren, hatten uns stutzig gemacht. Sie hatten uns nichts Gutes erahnen lassen, und so hatten wir den Fernseher eingeschaltet.
Wir sahen die Nachrichten, die wir mittlerweile auch schon von anderen Polizeikollegen per Mail bekommen hatten: Amok! Im Olympia-Einkaufszentrum in München erschießt ein Mann wahllos Menschen! Was für eine furchtbare Nachricht! Ich erinnerte mich sofort an die Hunderte Male Training für ein solches Horrorszenario, die ich in meiner alten Einheit beim Unterstützungskommando in Dachau abgeleistet hatte. Heute wurde es grausame Realität, und ich musste an meine ehemaligen Kollegen denken, die nun alarmiert wurden und in den ungewissen Einsatz fuhren.
Einige Stunden später erfuhren wir über interne Kreise, dass der Täter sich selbst erschossen hatte. Er hatte neun Menschen getötet und mehrere verletzt. Immerhin blieben bei dieser grausamen Tat unsere Kollegen unbeschadet. Die Stimmung zum Feiern war im Keller; nichtsdestotrotz trafen wir uns am Abend noch mit den Kollegen in der Stadt.
Doch die schlimme Tragödie aus München erdrückte die Stimmung so sehr, dass sich unsere Runde schon bald wieder auflöste.
Mit dem angebrochenen Abend tat sich für mich aber nun noch ein ganz anderes Problem auf: Während meine Kollegen in ihr wohlbehütetes Heim zu ihren Lebenspartnern oder Familien gingen, blieb ich allein und mit einem Gefühl der Einsamkeit zurück. Zu diesem Zeitpunkt war ich nämlich 30 Jahre alt, frisch getrennt und lebte mit Schulden und Geldproblemen im Scheidungsjahr. Ich wohnte in einer Single-Wohnung in der Augsburger Innenstadt, fern von meiner eigentlichen Heimat am Starnberger See. So fühlte ich mich sehr einsam und war innerlich völlig kaputt – auch wenn das viele nicht wussten oder wahrnahmen.
Doch wie war es dazu gekommen? Ein paar Jahre zuvor hatte ich für meine damalige Freundin meinen Lebensmittelpunkt nach Augsburg verlegt und war als Polizeiobermeister im Wach- und Streifendienst auch auf das dortige Innenstadtrevier versetzt worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich alles, was ich mir wünschte: Ich wohnte mit meiner Freundin in einem netten Häuschen, fuhr ein schickes Cabrio, arbeitete in meinem Traumberuf als Polizist – bereits auf Lebenszeit verbeamtet – und hatte einen Hund, wie ich ihn schon immer gewollt hatte. Mein Leben bestand aus netten Partys und schönen Urlauben – alles an der Seite meiner scheinbaren Traumfrau, die ich nach drei Jahren Beziehung schließlich auch heiratete.
Kirchlich, versteht sich. Das war mir damals sehr wichtig und sollte in meinem späteren Leben noch eine entscheidende Rolle spielen.
Doch nach der Hochzeit ging alles plötzlich sehr, sehr schnell den Bach runter: Ich musste den Hund abgeben; es gab Mietstreitigkeiten, die einen Umzug in ein zu teures Haus nach sich zogen; und enorme Geldprobleme traten hervor. Das Vergnügungsleben offenbarte, wie wenig ich mit Geld umgehen konnte, und so arbeitete ich fortan noch in einem Nebenjob.
Gleichzeitig bekam meine Frau immer wieder gesundheitliche Probleme und verlor einen Job nach dem anderen. Von Beginn der Beziehung an hatte es sich ständig wiederholende Eifersuchtsprobleme gegeben, die nun in dieser Phase auf die Spitze getrieben wurden. Meine Lebenspartnerin chattete und traf sich mit fremden Männern oder Ex-Freunden, während ich in Doppelschichten arbeitete. Immer wieder führte das zu Streitereien, und irgendwann konnte ich ihr die Vertrauensmissbräuche nicht mehr verzeihen. Dabei war doch ich derjenige, der am Anfang der Beziehung einmal fremdgegangen war und das bis zum Ende verheimlicht hatte. Eine Lebenslüge. Ich kapitulierte und reichte im Frühjahr 2016 die Scheidung ein.
Dieser Entscheidung schloss sich eine gefährliche Phase in meinem Leben an, in der Alkohol, Tabak, Handygames, Sexseiten und Dating-Portale plötzlich meine besten Freunde wurden. Ich flüchtete vor mir selbst und suchte Halt in meinem altbekannten Single-Party-Leben, das aus Räuschen, Discos, Bars, oberflächlichen Beziehungen und Frauenaffären bestand.
So kehrte ich auch an dem besagten Abend, nachdem meine Kollegen alle nach Hause gegangen waren, noch in einer kleinen Bar ein, um dort einen Absacker zu trinken und meine Einsamkeit zu betäuben. Ich war bereits leicht angetrunken,
als ich mich zu zwei Damen an den Tresen gesellte. Die hübsche Blondine tat es mir sofort an, und wir begannen zu plaudern. Dabei kamen wir schnell auf die Amokgeschichte zu sprechen. Sie sagte, ihre Freundin und sie seien nur wegen des Amoklaufs überhaupt in dieser Bar. Ich dachte: Schicksal? Die Freundin war nämlich zu dem Zeitpunkt, als der Amoklauf begonnen hatte, mit dem Zug angereist, der dann in Ulm stehen geblieben war. So hatte meine Gesprächspartnerin sie abholen müssen, und der ursprüngliche Abendplan war dahin. Sie waren also wie ich ungeplant nur auf ein Getränk in diese kleine Bar gegangen, und so lernten wir uns kennen. Ich verguckte mich in die Blondine und fragte beim Verlassen der Bar, ob ich sie noch nach Hause begleiten dürfe. Sie sagte ja, und so verbrachten wir bei warmer Sommernacht noch etwas Zeit mit netten Gesprächen vor ihrer Haustür. Als die Damen reingehen wollten, fasste ich Mut und fragte die junge Frau nach ihrer Handynummer. Zu meiner Überraschung gab sie sie mir, und ich speicherte ihren Namen ein: Irina. Ich durfte Irina näher kennenlernen, und wir trafen uns nun öfter, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Allerdings war ich sehr unsicher und konnte kaum meine Gefühle zeigen. Durch meine Vorgeschichte hatte ich sehr viel Angst, wieder verletzt zu werden, und konnte kaum Vertrauen zulassen. Andererseits wollte ich nicht einsam sein und sehnte mich sehr stark nach einer vertrauenswürdigen und ehrlichen Beziehung. Diese Unsicherheit strahlte ich natürlich auch aus, und Irina bekam einen zerstörten und in Scheidung lebenden Mann präsentiert. Kurzum: Sie war nicht besonders angetan von mir. Dennoch gab sie mir immer wieder eine Chance; und als wir einmal in einen Klettergarten gingen, schien der Funke auch bei ihr überzuspringen. An diesem Tag unternahm ich nämlich etwas, was ich lange Zeit nicht mehr getan hatte:
Ich machte etwas, woran ich wirklich Spaß hatte. Ich liebe es, draußen zu sein und mich sportlich zu betätigen. Außerdem konnte ich Irina bei Kletterhindernissen helfen, was ganz unbewusst das Vertrauen förderte. Es war ein Tag, an dem ich mich sehr frei fühlte und Irina mit meiner Freude ansteckte. Ihr gefiel der hilfsbereite Mann, der sich durch die Bäume hangelte und auch mal herumblödelte. Sie erkannte, dass der unsichere Mann sich nur immerzu versteckte und etwas Vertrauenswürdiges in ihm schlummerte. Später gestand sie mir, dass sie sich an diesem Tag im Klettergarten in mich verliebt hatte.
Künftig wurden unsere Treffen intensiver, und ich bemerkte Irinas ehrliches Interesse, was mir sehr viel Sicherheit gab. Sie verstand es, mich wirklich kennenzulernen und mehr auf meine Stärken als auf meine Schwächen zu schauen. So öffnete ich mich mehr und mehr, wurde wieder selbstbewusster und konnte ihr meine Gefühle zeigen, wodurch sie sich immer mehr in mich verliebte. Ich war überwältigt von ihrer Liebe zu mir und konnte anfangs gar nicht damit umgehen. Daher gestand ich ihr auch, dass ich nicht verstehen könne, wie eine so tolle Frau wie sie einen so zerstörten und in Scheidung lebenden Mann wie mich anziehend finden kann. Ich erklärte ihr, dass ich unter meiner Vergangenheit seelisch litt und eigentlich zu einem Therapeuten gehen wollte. Darauf antwortete sie nur schnippisch: „Du kannst bei mir in Therapie gehen!“
Ich liebte diese Frau, und ich war einfach nur baff: Sie schien auch mich wirklich zu lieben. Wir entschlossen uns also zusammenzubleiben und gingen eine Beziehung ein. Das war der Beginn unserer gemeinsamen Geschichte.
September 2016 bis Januar 2018
Der Neustart – Jetset und Party
Unsere Partnerschaft beflügelte uns, und wir begannen einen neuen Lebensabschnitt in unserer Wahlheimat Augsburg. Wie ich war auch Irina nicht ganz freiwillig nach Augsburg gekommen. Sie stammte ursprünglich aus Kasachstan und war im Alter von zwei Jahren während der Wende nach Deutschland gekommen. Die Familie ihrer Mutter war damals mit ihr übergesiedelt, wie es viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion taten, die ihre Wurzeln in Deutschland hatten. Irinas Vater blieb jedoch zurück, und irgendwann ließ sich ihre Mutter von Deutschland aus endgültig scheiden. So lernte Irina ihren Vater nie kennen und wuchs allein mit ihrer Mutter in Kaiserslautern auf. Nach ein paar gescheiterten Beziehungen verlegte sie ebenfalls für einen neuen Lebensgefährten ihren Lebensmittelpunkt nach Augsburg. Sie nahm eine Arbeit an und hoffte darauf, mit ihrem Partner hier ein dauerhaftes Lebensglück gefunden zu haben. Allerdings trennte sich dieser Mann dann völlig überraschend von Irina – nur ein paar Monate, bevor sie mich kennenlernen sollte. Irina war ziemlich enttäuscht, da sie für den Partner ihre Heimat, ihre Familie
und ihre Freunde aufgegeben hatte. Und jetzt ließ dieser Mann sie einfach sitzen. Durch die Trennung verließ Irina zwangsläufig den Freundeskreis des Ex-Partners und war plötzlich ziemlich allein in Augsburg. Sie flüchtete sich ebenfalls in das Partyleben der Stadt, mit Alkohol und oberflächlichen Affären, um ihren Frust zu betäuben.
Als wir uns kennenlernten, war also auch bei Irina einiges kaputt, und sie war dankbar, in mir einen treuen Seelenverwandten zu treffen. Wir genossen die neu entdeckte Zweisamkeit und entschieden uns, in Augsburg zu bleiben. Zunächst wohnten wir noch getrennt, aber schon sehr bald zogen wir zusammen. Wir unternahmen viel, gingen in die Berge und machten viele Ausflüge zu Irinas Freunden in die Heimat. Sie lernte auch meine Freunde kennen, und wir fuhren zusammen in den Urlaub: Südtirol, Bibione, Venedig und Mykonos –alles lief wunderbar. In Augsburg selbst bauten wir auch immer mehr Beziehungen auf und ließen es uns gut gehen. Wir gingen viel aus und tauchten in das Augsburger Nacht- und Partyleben ein. Dabei luden wir ständig Leute zu uns nach Hause ein und drehten fleißig unsere Club- und Kneipenrunden durch Augsburg. Neben unserem Arbeitsleben, den sportlichen Hobbys und dem harmonischen Beziehungsalltag waren wir somit viel mit Feiern und Kontakteknüpfen beschäftigt. Wir genossen also unser Leben in vollen Zügen und vergnügten uns – aber es hatte auch eine Kehrseite. Wir bemerkten hierbei nämlich nicht, wie sich alte Lebensmuster einschlichen, die unsere Beziehung gefährdeten.
Ein großes Thema war die Eifersucht. Wir gestanden uns das gegenseitig nicht ein, aber wir hatten hier beide große Probleme. Von Anfang an waren nämlich auch wir nicht ehrlich miteinander gewesen. Als Single waren wir beide eine ähnliche Schiene gefahren, die wir aber beim Partner als verwerflich
angesehen hätten. So verheimlichten wir uns beide, dass wir während unserer Kennenlern-Phase noch Affären gehabt hatten. Wir hatten als Single jeder ein Leben ohne Regeln gelebt, und Irina beendete ihre Bekanntschaft erst, als sie merkte, dass es bei uns ernster wurde. Ich beendete meine Bekanntschaft sogar erst an dem Tag, als Irina und ich beschlossen, zusammenzukommen. Hierbei war ich jedoch so betrunken gewesen, dass ich nicht mal mehr genau wusste, wie das abgelaufen war. Das Problem war: Lügen haben kurze Beine, und so kamen die Heimlichkeiten irgendwann ans Licht. In unserer Verliebtheitsphase sahen wir uns das nicht nach; aber innerlich bohrten diese Geschehnisse in alten Wunden, tiefer und immer tiefer.
Das führte immer mal wieder zu Eskalationen, insbesondere wenn wir beide zu tief ins Glas geschaut hatten – was durchaus häufiger vorkam. Dabei gingen wir sogar so weit, dass wir selbst in der Öffentlichkeit oder in Gegenwart guter Freunde völlig ausfällig wurden und lauthals miteinander stritten. Unsere überschwängliche Liebe kehrte sich in diesen Momenten schlagartig in gegenseitige Bosheit um. Irgendwie fühlten wir uns dabei beide, als wüssten wir nicht, wie uns geschah; und es passte auch nicht zu unserer ansonsten harmonischen Beziehung. Entsprechend waren wir sehr frustriert, und unsere Streitereien führten oft ins Nichts. Es war zum Verzweifeln und hinterließ oft Fragezeichen und Tränen. Wir versöhnten uns zwar regelmäßig und führten immer sehr ehrliche Gespräche, kamen aber der Ursache nicht auf die Spur. Dieser Mangel an Erklärung beziehungsweise Verständnis führte dazu, dass wir mehr und mehr an der Beziehung zum Partner zweifelten, was an unser beider Herzen ziemlich nagte. Aber anstatt etwas zu ändern, machten wir weiter wie bisher und uns somit auch gegenseitig etwas vor. Wir vertrauten uns nämlich insgeheim
nicht mehr, und die Eifersucht fraß uns so langsam, aber sicher auf. Hinzu kam, dass „alte Bekannte“ in unserem Leben auftauchten. Eine Frau, mit der ich eine kurze Affäre gehabt hatte, war nun mit einem meiner Partykumpel zusammen, und der Ex-Freund von Irina war in derselben Clique wie ein befreundeter Arbeitskollege von mir. Auf diese Weise liefen uns eine Zeit lang genau die Personen über den Weg, die das Feuer unserer Eifersucht noch mehr schürten.
Unsere innere Gefühlslage wurde immer schlimmer, und wir konnten uns das beide nicht erklären – schließlich liebten wir uns doch von ganzem Herzen! Wieso wühlen uns diese vermeintlich unbedeutenden Dinge oder Begegnungen aus der Vergangenheit so auf? Wir sind uns doch treu und brauchen eigentlich keine Angst davor zu haben, dass uns der Partner fremdgeht! Treue und Ehrlichkeit – das waren die Werte, die wir ganz ehrlich und aufrichtig zu unseren Beziehungsgrundpfeilern gemacht hatten. Was ist nur los mit uns? Unsere Beziehung drohte zu scheitern, und wir merkten das – hatten aber keine Ahnung, wie wir das ändern könnten.
Wir hatten ein scheinbar völlig erfülltes Leben, und dennoch fehlte irgendetwas.
September 1985 bis September 2003
Wo ist eigentlich Gott?





Es musste etwas geschehen. Nur was? Eine Frage, die ich mir seit meiner Kindheit immer wieder einmal stellte, war: Wo ist eigentlich Gott, wenn man ihn braucht? Es sollte sich herausstellen, dass das eine gute Frage war. Aber zunächst einmal möchte ich einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen, um zu erklären, warum sich mir diese Frage überhaupt stellte und was unsere Lebenssituation mit Gott zu tun hatte. Ich bin von gläubigen Eltern erzogen und als Kind getauft worden. Von klein auf habe ich an Gott geglaubt und auch gern am Abend gebetet. Aber als ich erwachsen wurde, hat sich das nur noch in stillen Vaterunser-Gebeten am Abend erhalten. Als Teenager bat ich Gott öfter um Dinge wie: „Bitte mach, dass ich morgen auf dem Schulhof nicht wieder von den großen Schülern geärgert werde.“ Tags darauf jagte mich einer dieser Schüler, sodass ich mich die gesamte Pause über auf der Toilette verstecken musste. So betete ich oft, dass mich die größeren Schüler doch endlich in Ruhe lassen sollten – und geriet trotzdem ständig in Konflikte. Mal wurde ich verprügelt, mal versperrte man mir den Sitzplatz im Bus oder drückte mich aus






















der Tür, damit ich den Bus verpasste. Aber die Krönung war, als mir jemand meine Lieblingsjacke aus der Umkleide klaute. Wenn ich mich dann an meine Eltern wandte, war guter Rat teuer. Zwar redeten sie mit den Eltern der betroffenen Schüler oder auch mit den Lehrern, aber es änderte sich nie wirklich etwas, und auch meine Jacke tauchte nicht wieder auf. Dadurch fühlte ich mich oft stark benachteiligt und tat das auch in meinen Gebeten kund. Aber scheinbar ohne Erfolg, denn in meinen Augen erhörte Gott meine Gebete einfach nicht. Mein Erleben passte für mich nicht zu dem, was ich in der evangelischen Landeskirche über Gott erzählt bekommen hatte: einen Gott, der alle Menschen – insbesondere Kinder – lieb hat und der meine Gebete erhört. Die Realität sah für mich allerdings anders aus, und so suchte ich die Kirche nach der Konfirmation auch nicht mehr auf. Was übrig blieb, war das Vaterunser, ein Funken Restglaube an einen weit entfernten Gott und scheinheilige Teilnahmen am Weihnachtsgottesdienst. In meiner späteren Schulkarriere erlebte ich ähnliche Szenarien, bloß dass die Charaktere immer älter wurden und die Ungerechtigkeiten sich anders ausdrückten. Ich weiß nicht, warum, aber ich bekam es immer wieder mit den übelsten Schulrowdys zu tun. Mittlerweile traf ich sie auch außerhalb der Schule an – bei den ersten Kneipenbesuchen oder am Bahnhof. So geriet ich eines Tages das erste Mal in eine Rangelei – mehrere standen gegen mich allein. Aber mein Problem damals war: Ich hatte vor niemandem Angst! Ich dachte: Wenn ich dem Ober-Rowdy vor allen anderen eine verpasse, habe ich endlich meine Ruhe. Ständig malte ich mir aus, wie ich mich in der S-Bahn, am Bahnhof oder vor der Kneipe mit anderen prügelte. Ich dachte nicht an Weglaufen oder Aus-dem-Weg-Gehen.






Eine Flucht kam für mich nur in wenigen Ausnahmefällen infrage. Kurzum, ich verhielt mich nicht besonders clever und in
Anbetracht meiner Durchschnittsgröße doch recht übermütig und provokant.
Abgesehen von diesen Zwischenfällen hatte ich schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, weshalb ich von klein auf den Wunsch hegte, Polizist zu werden. Ich konnte mich gut in Menschen hineinversetzen und war gern hilfsbereit, wo Not am Mann war oder Menschen Hilfe benötigten. Da mich meine Eltern schon früh sportlich förderten, lernte ich im Fußballverein Teamfähigkeit und wurde körperlich fit. Neben diesem Hobby ging ich außerdem in die Jugendfeuerwehr, wo ich ebenfalls in meinen Fähigkeiten, anderen zu helfen, in meinem Sozialverhalten und in meiner Fitness gefördert wurde. Vor allem aber lernte ich hier auch, Verantwortung zu übernehmen, und so durfte ich schon bald in verschiedene Leitungsfunktionen hineinschnuppern. Das machte mir Spaß und fiel mir in der Regel recht leicht. Außerdem übte unser Jugendleiter als Polizeibeamter meinen Traumberuf aus. Ich war dort also gut aufgehoben, wurde in meinen Stärken gefördert und hatte ein Vorbild.







In meinem Jugendleben hatte ich demzufolge bisher immer leicht auf der Kippe gestanden. Einerseits war ich fleißig, lernwillig, loyal, motiviert, ehrlich, freundlich und behütet –ein Teamplayer. Andererseits verhielt ich mich provokant, stur, überheblich und uneinsichtig. Mitten in der Pubertät und der Teenagerphase schlug das Pendel in die negative Richtung aus. Ab diesem Augenblick brachen meine Leistungen in der Schule völlig ein, sodass ich schließlich flog. Ich fing an, mich nach außen hin als besonders cool darzustellen, startete mit dem Rauchen, trank regelmäßig Alkohol – die ersten Vollräusche inklusive – und begann, Pornos zu gucken. Mit der Zeit prägten mich diese Dinge, und insbesondere Letzteres nahm einen erheblichen Einfluss auf mein Frauenbild. Alle wohlbehütete




















Erziehung durch die Eltern, der moralisch richtige Sinn für die eine große Liebe und eine Eheschließung mit einer Frau fingen an, in mir immer mehr abzusterben. Alkohol, Tabak und Pornos: All das betäubte mich und bewirkte eine Flucht vor mir selbst.
Ich wollte Geld verdienen und von zu Hause ausziehen. So begann ich notgedrungen mit 17 Jahren meine erste Ausbildung in einem Naturkostladen, einem Familienunternehmen. Meine erste Bewerbung bei der Polizei wurde damals vom Einstellungsberater abgelehnt. Aus heutiger Perspektive zu Recht, denn ich war grün hinter den Ohren und wurde auch mit meinem ersten Schwarzfahrer-Eintrag konfrontiert. Ich sollte erst einmal reifen und eine andere Ausbildung beginnen, was wirklich ein guter Rat war! Aber gleichzeitig erlosch zunächst einmal mein Traum, Polizeibeamter zu werden, was mich ziemlich mitnahm. Dadurch wurden mir viele Dinge egal, und das meiste ergab für mich keinen Sinn mehr. Ich dachte: Gott, wo bist du eigentlich? Du beschützt mich ja sowieso nicht – dann regle ich das eben selbst!, entfernte mich so immer weiter von Gott und begann ein wildes Partyleben. Das Problem: Mein Azubi-Gehalt war für meine Party-Exzesse zu gering, und so geriet ich in akute Geldnot. Allen Warnungen zum Trotz überzog ich mein Bankkonto und lebte monatlich mit einem Dispokredit auf Anschlag. Aber das Partyleben, die Zigaretten und der Alkohol ließen sich auch so nicht langfristig finanzieren. So wurde ich immer hemmungsloser, um an Geld zu kommen, und begann, in den Diskotheken oder auf Privatpartys Taschen auszuräumen. Hierbei hatte ich wenig Skrupel und war oft so betrunken, dass mir erst am nächsten Tag nach dem Aufwachen bewusst wurde, was ich getan hatte. Ich schämte mich, redete mir aber die Taten schön, da ich ja die Bestohlenen nicht kannte, und schob die Schuld einfach auf den Alkohol. Damit lebte ich nach einer



















ziemlich dummen Regel, die ich das elfte Gebot nannte: Nicht erwischen lassen! Wo kein Kläger, da kein Richter!
Doch dann tat ich etwas, wodurch meine Beziehung zu dem Gott, der alle Gebote gegeben hat, scheinbar endgültig zerstört wurde.



Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Mein Bankkonto war am Anschlag und der Monat noch lange nicht zu Ende. Indes stand die nächste Party an, und ich konnte nicht fehlen. Also griff ich zum ersten Mal in die Kasse meines Arbeitgebers. Ich weiß noch, wie das Adrenalin durch meinen Körper schoss: Wenn mich jetzt jemand erwischt … Aber es war einfacher als gedacht. Das Adrenalin ließ nach, es schien überhaupt niemand zu bemerken, und sofort kamen mir beschwichtigende Gedanken: Das war nur einmal, außerdem bist du unterbezahlt und hast eigentlich sowieso mehr Gehalt verdient. Nächsten Monat kannst du es auch wieder reinlegen. Ich war damals um keine Ausrede verlegen, wenn es darum ging, meinen hedonistischen Lebensstil zu rechtfertigen. Als ich das Geschäft nach Feierabend verließ, war ich froh, dass ich nicht erwischt worden war, und unterdrückte mal wieder jeglichen Alarm meines Gewissens. Aber als ich Richtung Himmel blickte, packte mich ein enormes Schuldgefühl. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war: Du denkst, keiner hat das bemerkt? Aber was ist mit Gott? Zu dieser Zeit war gerade die Reality-Serie Big Brother sehr aktuell. Dabei werden Menschen 24/7 dabei gefilmt, wie sie in einem Haus leben, und das Ganze wird live ins Fernsehen übertragen. Diese Menschen können nichts mehr verbergen. So dachte ich: Vor Gott ist auch nichts verborgen. Er ist immer da und erforscht dein Herz, du kannst nichts vor ihm verheimlichen. Deinen Chef könntest du noch anlügen und die Tat abstreiten, aber Gott? Irgendwann wirst du vor Gott treten müssen, und dir werden deine Taten vorgehalten werden! Mir wurde sehr unwohl. Ich wusste,


















dass ich gerade einen Diebstahl begangen und der oberste Richter es genau gesehen hatte. Ich dachte etwas kindlich, dass der Himmel unser Leben ebenfalls 24/7 aufzeichnet und Gott ein Beweisvideo von meinen Taten hat. Demnach gab es für mich keine Ausrede und keinerlei Möglichkeit, diese Tat jemals vor Gott zu rechtfertigen. Mein Gewissen klagte mich also völlig zu Recht an. Ich hatte mehrfach gegen ein Gebot Gottes verstoßen – ich hatte gesündigt. Plötzlich erschien mir dieses elfte Gebot ziemlich unsinnig, und die Schuld aller bisherigen Diebstähle erdrückte mich schlagartig. Alles prasselte auf mich ein, und ich konnte nichts dagegen tun. Es war also gar nicht Gott, der weit weg gewesen wäre, sondern ich selbst. Die Konsequenz: Ich fühlte mich vollkommen verloren.
Psalm 14, Verse 2-3
Januar 2018