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Rebecca McLaughlin

Jesus im Kreuzverhör

9 Begegnungen mit dem Helden der Evangelien

1. Auflage 2024

cvmd | Christlicher Veranstaltungs- und Mediendienst

ISBN 978-3-9825009-0-4 ( cvmd )

Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

Bestell-Nr. : 271949 ( CV )

ISBN 978-3-86353-949-8 ( CV )

Alle Rechte vorbehalten

© 2024 Christlicher Veranstaltungs- und Mediendienst e. V., Neuried b. München

Originaltitel : Confronting Jesus : 9 Encounters with the Hero of the Gospels © Rebecca McLaughlin, 2022

Original erschienen bei : Crossway 1300 Crescent Street Wheaton, Illinois 60187 ( USA )

All rights reserved.

Übersetzung : Jotham Booker

Lektorat : Robert Booker

Gesamtgestaltung : Velimir Milenković, cvmd

Gesetzt aus : FF Tisa Pro und Covik Sans Mono Druck : ARKA, Cieszyn ( Polen )

Printed in the EU 2024

Folgende Bibelübersetzung wurde verwendet : bibel.heute, Neue evangelistische Übersetzung © 2010 Karl-Heinz Vanheiden und Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg ( NeÜ )

Außerdem wurde verwendet :

Elberfelder Bibel ( Elb ) 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten / Holzgerlingen.

Darüber hinaus wurde verwendet : Zürcher Bibel ( ZB )

REBECCA M C LAUGHLIN

Jesus im Kreuzverhör

9 BEGEGNUNGEN MIT DEM HELDEN DER EVANGELIEN

3.

5.

6. Jesus der Liebende

7.

8.

9.

Für Julia, die dankenswerterweise zwei

Entwürfe dieses Manuskripts gelesen hat, und für alle anderen, die nicht glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist, sich aber trotzdem die Zeit nehmen werden, dieses Buch zu lesen

Vorwort

Ich habe mein erstes Buch geschrieben, als ich gerade mit meinem dritten Kind schwanger war. Mit jenem Buch war ich allerdings schon viel länger schwanger gegangen. Ich hatte fast ein Jahrzehnt lang mit christlichen Professoren an führenden Universitäten in den Vereinigten Staaten und in Europa gearbeitet. Ich kannte ihre Geschichten und sah, dass ihre Forschung und ihr Glaube nicht miteinander in Konflikt standen, sondern vielmehr zusammenwirkten – vor allem in jenen Bereichen, die angeblich das historische Christentum diskreditiert haben.

Ich hatte noch mehr Zeit im Dialog mit nicht-christlichen Freunden verbracht, die grundsätzlich Einwände gegen meinen Glauben hatten. Sie fanden ihn nicht nur unplausibel, sondern in wichtigen Fragen auch unmoralisch : Nicht nur habe z. B. die Naturwissenschaft Gott widerlegt, sondern die Bilanz der Kirche in Bezug auf Rassismus, Frauenrechte und den Umgang mit Menschen, die sich als LGBT bezeichnen, würde ihnen jegliches Interesse daran rauben, sich überhaupt mit Jesus zu beschäftigen. Ich habe Kreuzverhör – 12 harte Fragen an den christlichen Glauben als Liebesbrief an diese Freunde geschrieben. Ich hatte ihre Fragen und Bedenken verstanden, wollte aber so gut wie möglich erklären, dass jedes scheinbare Hindernis auf dem Weg zum Jesus-Glauben bei näherer Betrachtung zu einem Wegweiser auf ihn hin wird.

Das Buch, das du jetzt in Händen hältst, habe ich als eine Art Fortsetzung geschrieben. Es konzentriert sich nicht so sehr auf die Fragen, die Menschen davon abhalten, Jesus überhaupt in Erwägung zu ziehen. Vielmehr nimmt es Jesus selbst direkt in den Fokus. Wenn du neugierig auf Jesus bist, ist dieses Buch

für dich. Wenn du aber das Gefühl hast, du brauchst zuerst viele Antworten auf deine rationalen Fragen, bevor du dich mit dem Jesus der Evangelien befassen willst, würde es mich sehr freuen, wenn du zuerst Kreuzverhör – 12 harte Fragen an den christlichen Glauben lesen würdest.

Mein drittes Kind ist jetzt drei und befasst sich nun selbst mit Jesus. Er und seine großen Schwestern haben vor kurzem einen Vers aus dem Johannesevangelium gelernt, in dem Jesus sagt : » Ich bin das Licht der Welt ! Wer mir folgt, wird nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern wird das Licht haben, das zum Leben führt « ( Johannes 8,12 ). Solche Dinge behauptet Jesus von sich selbst. Wenn diese Behauptungen nicht stimmen, ist dieses Buch wertlos, und ich stolpere noch in der Dunkelheit herum. Doch wenn sie wahr sind, dann hoffe ich, dass du dich zu diesem Licht hingezogen fühlst.

Einleitung

Als ich nach der Geburt meines dritten Kindes zum ersten Mal abends wieder etwas unternehmen konnte, habe ich mir mit Freunden Hamilton angesehen. Ich war die einzige Person aus Großbritannien in der Gruppe. Die Amerikaner, mit denen ich unterwegs war, wussten die Auflehnung gegen die britische Herrschaft ganz anders wertzuschätzen als ich. Doch auch ich konnte die spannende, mitreißende Hip-Hop-Geschichte eines Mannes genießen, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte. Hamilton war bisher einer der am wenigsten bekannten Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Doch jetzt ist dieser unermüdliche, wackere, umstürzlerische Immigrant eine der bekanntesten Figuren der amerikanischen Geschichte. In den vier Berichten über Jesu Leben in der Bibel finden wir die Geschichte eines anderen Mannes, der in arme und bescheidene Verhältnisse hineingeboren wurde, dann aber die Geschichte verändert hat. Er hat aber nicht nur Amerika geprägt ; sein Einfluss ist auf der ganzen Welt zu spüren. Wie Lin-Manuel Miranda, der Autor von Hamilton schrieben auch die Evangelisten über eine reale, historische Person, und ihr Ziel war es, seine Geschichte so zu erzählen, dass es ihre Leserschaft faszinieren würde. Doch im Gegensatz zu LinManuel Miranda beanspruchen die Evangelisten, tatsächlich die Worte und Taten Jesu genau wiederzugeben und nicht nur den Geist ihres Helden darzustellen. Die neutestamentlichen Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – sind vier der am meisten verkauften Bücher aller Zeiten. Doch viele von uns haben noch nicht eines davon durchgelesen.

Vielleicht weißt du über Jesus so viel wie ich über Alexander Hamilton wusste, bevor ich mir Mirandas Musical angeschaut

habe, d. h., du kennst die Grundzüge : Ein Jude aus dem 1. Jahrhundert, bekannt als Jesus Christus, wurde von einer Jungfrau namens Maria geboren, und man glaubte, dass er Gottes Sohn ist. Er galt als Wunderheiler und großer Morallehrer, und obwohl er letztendlich von den Römern gekreuzigt wurde, glauben Christen, dass er von den Toten auferweckt wurde. Vielleicht kennst du ein paar seiner bekanntesten Zitate : etwa » Richtet nicht « oder » Liebe deinen Nächsten wie dich selbst «. Aber das war’s auch schon ; diesen Film hast du nicht gesehen. Oder vielleicht weißt du doch schon mehr. Vielleicht bist du als Kind in eine Kirche gegangen und hast Jesu Worte gehört und sie in der Bibel gelesen, dich seitdem aber anderweitig orientiert. Du kannst bei seinen größten Hits mitsummen, aber so manche Einzelheiten aus seinem Leben sind dir mit der Zeit entglitten, und um ehrlich zu sein, fragst du dich jetzt, ob die Evangelien nicht doch größtenteils Mythen über eine märchenhafte Figur sind, die vor zweitausend Jahren gelebt haben soll.

In diesem Buch werden wir uns ansehen, was die Evangelien uns über Jesus sagen, und uns fragen, ob sie für unser Leben relevant sind. In Kapitel 1 ( » Jesus der Jude « ) beschäftigen wir uns mit der Geschichte des jüdischen Volkes vor Jesu Geburt und untersuchen die Belege für seine Existenz als Mensch hier auf der Erde. Darüber hinaus wird es auch um den politischen Kontext gehen, in den er hineingeboren wurde, und um die Beweise dafür, dass die Evangelien zuverlässige Quellen für sein Leben und seine Lehren sind. In Kapitel 2 ( » Jesus der Sohn « ) werden wir die Aussagen der Evangelien über Jesu göttliche Identität untersuchen. In Kapitel 3 ( » Jesus der König ) befassen wir uns dann mit Jesu Anspruch, Gottes lang versprochener, ewiger König zu sein. In Kapitel 4 ( » Jesus der Heilende « ) sehen wir, inwiefern Jesu Heilungswunder Aufschluss über seine Identität gegeben können. In Kapitel 5 ( » Jesus der Lehrer « ) werden wir feststellen, dass Jesu Lehren unsere modernen,

ethischen Paradigmen sowohl begründen als auch stören. In Kapitel 6 ( » Jesus der Liebende « ) bringen wir Jesu Behauptung ans Licht, der wahre Bräutigam des Volkes Gottes und der vollkommene Freund zu sein. In Kapitel 7 ( » Jesus der Diener « ) werden wir sehen, wie Jesus eine Dienerrolle einnimmt und seine Nachfolger auffordert, dasselbe zu tun. In Kapitel 8 ( » Jesus das Opfer « ) befassen wir uns mit dem Paradoxon, dass Jesus sowohl das Opferlamm Gottes als auch der Tempel ist, in dem das Opfer gebracht wird. Schließlich werden wir uns in Kapitel 9 ( » Jesus der Herr « ) mit Jesu Behauptung auseinandersetzen, dass er der rechtmäßige Herr über alles ist und dass wir wahre Freiheit im Dienst für ihn finden. Wenn du am Ende angekommen bist, hoffe ich, dass du selbst ein Evangelium lesen und mehr über diesen jüdischen Mann aus dem 1. Jahrhundert herausfinden willst, der behauptet hat, der Schöpfer aller Dinge, der König der Juden, der mächtige Heilende, der größte Lehrer, der ultimativ Liebende, der leidende Diener, das vollkommene Opfer und der Universalherrscher zu sein.

In den meisten Broadway-Shows wird die Beleuchtung von der Bühnenkonstruktion verdeckt. In Hamilton wird die Beleuchtung aber absichtlich ganz offen gezeigt. Dieses Buch unternimmt etwas Ähnliches. Jedes Kapitel nimmt Bezug auf alle vier Evangelien, aber nicht einfach nur um ein ausgewogenes Gesamtbild darzustellen, sondern – so meine Hoffnung – um deine Neugier über die verschiedenen Aspekte zu wecken, die jedes Evangelium beleuchtet.

Beginnen wir mit dem Bühnenbild.

Das Markusevangelium wurde wahrscheinlich zuerst geschrieben : rund 35 bis 45 Jahre nach Jesu Tod. Man nimmt an, dass es auf die Erinnerungen von Simon Petrus zurückgeht – einem der engsten Freunde Jesu – und von einem Mann namens Johannes Markus verfasst wurde.1 ( Wie wir auf unserer Tour durch die Evangelien sehen werden, hatten damals viele Leute zwei Namen ! ) Markus ist das kürzeste

Evangelium, und es platzt förmlich vor Hamilton-ähnlicher Eile, die zum impulsiven Charakter von Petrus passt. Ja, das griechische Wort für » sogleich « fungiert als Schrittmacher des Markusevangeliums – als ob dem Autor die Zeit davonliefe !

Das Matthäusevangelium wird traditionell mit einem von Jesu Jüngern in Verbindung gebracht : einem Zolleinnehmer namens Levi oder auch Matthäus. Matthäus hat die bekannte

» Bergpredigt « aufgezeichnet – eine konzentrierte Dosis der Lehren Jesu, von denen du manche wahrscheinlich kennst, auch wenn du das Matthäusevangelium nicht gelesen hast. Es ist eindeutig der jüdischste Bericht über das Leben Jesu, der Jesus immer wieder mit alttestamentlichen Texten in Verbindung bringt. Doch Matthäus erwähnt auch immer wieder nichtjüdische Figuren und endet damit, dass Jesus seine ersten Jünger auffordert, hinzugehen und alle Völker zu Jüngern zu machen ( Matthäus 28,19–20 ).

Das Lukasevangelium beginnt damit, dass Lukas seinen Schreibprozess erläutert. Wie ein sorgfältiger Historiker hat Lukas diejenigen konsultiert, » die von Anfang an als Augenzeugen dabei waren «, und er hat ihre Aussagen » in guter Ordnung « aufgeschrieben ( Lukas 1,2–3 ). Bei Lukas finden wir einen besonderen Fokus auf Frauen, auf die Armen, Schwachen, Kranken und die, die am Rande der Gesellschaft stehen. Lukas war Arzt und der einzige nichtjüdische Autor eines Evangeliums. Als Fortsetzung seines Evangeliums hat Lukas dann die Apostelgeschichte geschrieben, die von der Frühphase der christlichen Bewegung handelt.

Das zuletzt entstandene Evangelium ist das Johannesevangelium, das etwa 60 Jahre nach Jesu Tod geschrieben wurde. Es ist eher philosophisch im Ton und gleicht damit mehr einer großen Oper als einem Musical. Johannes lässt viele Begebenheiten aus, von denen die anderen Evangelien berichten, und nimmt stattdessen solche auf, die dort nicht erwähnt werden. Doch wie wir in Kapitel 1 noch sehen werden,

können wir das Johannesevangelium nicht einfach als unhistorisch abtun, nur weil es später geschrieben wurde. Einige der angesehensten Experten glauben, dass dieses Evangelium von einem der ersten Nachfolger Jesu geschrieben wurde, der als junger Mann vieles von dem selbst miterlebt hat, von dem er berichtet.2

Wenn man das längste Evangelium ( Lukas ) selbst einmal liest, braucht man etwa so viel Zeit, wie um Hamilton anzuschauen, und genauso wie ich Mirandas Musical in der Gesellschaft von Freunden genossen habe, findest du es vielleicht auch hilfreich, ein Evangelium mit einem oder zwei Freunden zu lesen – vielleicht sogar mit einem Freund, der eine andere Sicht auf Jesus hat als du selbst. Vielleicht findet ihr zusammen eine Erklärung dafür, warum er so einflussreich wurde : Wie ein Mann, der in Armut lebte und früh gestorben ist, zu einem Menschen wurde, der wie niemand sonst vor oder nach ihm Menschenleben verändert hat. Er hat die Welt nachhaltig geprägt und Geschichte geschrieben, obwohl er nie ein Buch geschrieben, eine Armee befehligt oder auf einem Thron gesessen hat.

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Jesus der Jude

Der Film Die Frau des Zoodirektors aus dem Jahr 2017 beginnt mit einer Mutter, die ihren kleinen Jungen beim Schlafen beobachtet. Zwei Tiere liegen neben ihm. Zuerst dachte ich, dass es Hausferkel sind. Aber mit zunehmender Schärfe des Bildes wird klar, dass es Löwenjunge sind – ein beinahe paradiesisches Leben im wahrsten Sinn des Wortes. Die Frau, Antonina, betritt ohne Zögern das Elefantengehege, um ein neugeborenes Kalb wiederzubeleben. Mit einer Hand befreit sie die Atemwege des Jungtieres, mit der anderen beruhigt sie seine ängstliche Mutter, die sie jederzeit niedertrampeln könnte. Die Liebe, die sie mit ihrem Ehemann Jan verbindet, erstreckt sich auch auf ihre Liebe zu ihren Geschöpfen. Doch von Beginn an wissen wir, dass sich diese Szene in Warschau abspielt, und zwar im Jahr 1939. Als Jan gezwungen wird, kleinen jüdischen Kindern in einen Zug zu helfen, wissen wir bereits, wohin sie fahren werden. Als er Juden aus dem Ghetto holt und sie in den Kellern ihres Zoos versteckt, wissen wir, welches Schicksal sie erwarten wird, falls sie gefunden werden.3 Es ist ein atemberaubend schöner Film, aber der Schrecken des Holocausts wird immer präsenter. Ich habe den Film mehrere Male angehalten, weil ich weinen musste. So ähnlich verhält es sich mit den Evangeliumsberichten über Jesu Leben, denn die sind von der Geschichte des jüdischen Volkes durchdrungen. Aber viele von uns kennen diese Geschichte nicht einmal skizzenhaft. Wir wissen, was nach Jesu Leben auf dieser Erde geschehen ist, aber kaum, was davor war. Wir haben uns so an Jesu einzigartige Wirkung

auf die Welt gewöhnt, dass wir uns kaum vorstellen können, wie er war, als er zum ersten Mal die Bühne der Menschheitsgeschichte betrat. Wir sind so sehr an die Vorherrschaft des Christentums gewöhnt, das heute die größte und vielfältigste Weltanschauung überhaupt ist, dass es uns schwerfällt, uns Jesus als einzelnen Vertreter einer unterdrückten ethnischen Minderheit vorzustellen. Wir haben uns so sehr an Jesu Einfluss auf die westliche Kultur gewöhnt, dass wir seine zutiefst nahöstlichen Wurzeln kaum noch beachten. Kurz : Wir haben uns so sehr an das Christentum gewöhnt, dass wir übersehen, wie durch und durch jüdisch Jesus ist.

In diesem Kapitel werden wir einen Blick auf Jesu literarischen, politischen und theologischen Hintergrund werfen. Wir werden der Frage nachgehen, ob Jesus ein realer Mensch war, der vor 2000 Jahren wirkte, wanderte und weinte, und ob wir die Evangelien als historische Berichte ansehen können, die uns einen zuverlässigen Zugang zu Jesus dem Juden bieten. Doch zunächst wollen wir uns die antike Geschichte des jüdischen Volkes anschauen. Denn als Jesus die Bühne betrat, war das nicht der erste Akt, sondern die erste Szene nach der Pause. Wir beginnen mit einem Schnelldurchgang durch die biblische Geschichte bis zu Jesu erstem Auftreten, um uns dann darüber klar zu werden, wie das Leben Jesu im Lichte der jüdischen Geschichte am besten zu verstehen ist.

Am Anfang

Heute erscheint es vielen Menschen in der westlichen Welt unplausibel, dass es einen einzigen wahren Schöpfergott gibt, der das Universum gemacht hat. An gar keinen Gott zu glauben, ist für viele der Standard. Man bräuchte ja echte Beweise, bevor man an einen Schöpfer glauben könnte. Im antiken Nahen

Osten stand der jüdische Glaube an einen Schöpfergott in starkem Gegensatz zum damaligen kulturellen Umfeld. Die Alternative war aber nicht der Atheismus oder der Agnostizismus, sondern der Polytheismus : Die meisten Menschen glaubten an viele Götter. Entgegen dieser Mehrheitsauffassung verkündet das erste Kapitel der Bibel mutig, dass es nur einen Schöpfergott gibt, der alle Dinge geschaffen und den Menschen in seinem Bild erschaffen hat ( 1. Mose 1,26–27 ).

Die Erfolgsgeschichte des Christentums auf der ganzen Welt hat dazu geführt, dass der Glaube an einen Schöpfergott heute die gängigste Sichtweise ist. ( Der Anteil derjenigen, die nicht an einen Schöpfer glauben, ist in Wahrheit viel geringer als viele im Westen meinen, und global gesehen steigt er nicht einmal, sondern sinkt ! ). Doch sowohl zu der Zeit, als das Erste Buch Mose geschrieben wurde, als auch zu der Zeit, als Jesus geboren wurde, ist der Monotheismus unplausibel erschienen. Und als ob das nicht absurd genug wäre, pochen die Evangelien darauf, dass Jesus selbst dieser eine Schöpfergott ist : Kein Halbgott, nicht ein weiterer Gott, sondern der eine wahre, fleischgewordene Gott. Nur, warum sollte dieser Schöpfergott Mensch werden ? Die ersten drei Kapitel des ersten Buchs der Bibel setzen eine Geschichte in Szene, die nach einer Lösung verlangt.

1. Mose 2 zeichnet ein Bild, das dem Anfang des Films Die Frau des Zoodirektors ähnlich ist : Die Menschen leben in liebevoller Beziehung miteinander und haben den Auftrag, sich um Gottes übrige Schöpfung zu kümmern. Doch während für Jan und Antonina Sünde, Hass und Tod von außen eindringen, kommt das Verderben in 1. Mose 3 von innen. Gottes Urmenschen brechen Gottes Urgesetz. Das zerstört ihre Beziehung zu Gott und zueinander. Wie ein Asteroideneinschlag verheerende Auswirkungen auf die ganze Atmosphäre hat, ruiniert ihre Abwendung von Gott alles andere. Aber ähnlich wie uns Die Frau des Zoodirektors vom Paradies mit auf

eine Reise durch Leid und Tod und Schmerz hin zur Erlösung nimmt, so war Gott auch im Verborgenen aktiv dabei, seinen Plan der Lebenswiederherstellung zu entfalten – einen Plan, durch den Menschen wieder in eine innige Beziehung zu Gott und zueinander gebracht werden sollen – einen Plan, der ganz von Jesus abhing.

Gottes Plan begann mit einem Versprechen an einen ziemlich unscheinbaren Mann, der aus einer Stadt im heutigen Irak kam. Abraham war alt und kinderlos. Aber Gott versprach, ihn zu einem großen Volk zu machen und alle Familien der Erde durch seine Familie zu segnen ( 1. Mose 12,1–3 ). Und Abraham glaubte Gott, zumindest letzten Endes. Und wie viele Figuren der Bibel leistet er sich einige spektakuläre Schnitzer. Aber am Ende glaubte er. Seine Frau Sarah wurde schwanger, und ihr Sohn Isaak war der Same, aus dem das jüdische Volk hervorging. Sowohl Matthäus als auch Lukas listen in ihren Evangelien Stammbäume auf, aus denen hervorgeht, dass Jesus von Abraham abstammt ( Matthäus 1,1–17 ; Lukas 3,23–38 ). Jesu jüdische Identität ist für seine Mission in der Welt entscheidend.

Isaak heiratete Rebekka ( ein wunderschöner Name ! ), und sie bekamen zwei Söhne : Jakob und Esau. Jakob wurde später Israel genannt, und seine zwölf Söhne sind die Stammväter der zwölf Stämme Israels. In einem weiteren spektakulären Fehltritt wurde einer seiner zwölf Söhne, Joseph, von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft. Doch wie Joseph ihnen später erklärte : Das Böse, das sie geplant hatten, hat Gott zum Guten wirken lassen ( 1. Mose 50,20 ). Joseph wurde unter dem Pharao Aufseher über ganz Ägypten und rettete sowohl das Land Ägypten als auch seine ganze Familie vor einer Hungersnot. Er heiratete eine ägyptische Frau, und ihre beiden halbägyptischen Söhne wurden die Gründer der beiden Halbstämme Ephraim und Manasse. Vom Anfang der zwölf Stämme Israels an wurden also Menschen aus unterschiedlichen

Ethnien in Gottes Bundesvolk eingefügt. Das sind die ersten Anzeichen dafür, dass Gottes Versprechen, alle Familien der Erde durch Abrahams Familie zu segnen, in Erfüllung ging. Aber nach 400 Jahren in Ägypten waren die Israeliten keine respektierten Einwanderer mehr, sondern unterdrückte Sklaven.

Die Geburt einer Nation

Nachdem sie hunderten Afroamerikanern geholfen hatte, aus der Sklaverei zu entkommen, bekam Harriet Tubman den Spitznamen » Mose «. Und der passte gut. Tubman hatte selbst Erfahrungen als Sklavin gemacht, bevor sie andere herausführte – so wie Mose bereits als Baby Unterdrückung erlebt hatte ( der Pharao hatte die Tötung aller neugeborenen israelitischen Jungen angeordnet ), dann aber die Israeliten aus Ägypten herausführte. Mose entkam nur, weil er in einem Korb versteckt wurde, der ans Ufer des Nils gelegt wurde, wo er von der Tochter des Pharaos entdeckt wurde, die Mose dann großzog. Doch als Gott Mose aus einem übernatürlich brennenden Busch heraus berief, hatte Mose schon viele Jahre außerhalb Ägyptens gelebt. Und Mose führte alle Ausreden an, die ihm einfielen, um nicht zurückzugehen und den Pharao aufzufordern, Gottes Volk ziehen zu lassen. Aber der Gott des Universums akzeptierte kein Nein.

Als Mose dann Gott nach seinem Namen fragte, antwortete er : »Ich bin, der ich bin.« … So sollst du zu den Söhnen Israel sagen : Der »Ich bin« hat mich zu euch gesandt. « ( 2. Mose 3,14 Elb ). Der Gott der Bibel ist einfach der Seiende. Aber er identifiziert sich auch mit seinem Volk : » Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. « ( 3,6 Elb ). Derjenige der ist, der ist Israels verheißungsvoller Gott ( im wahrsten Sinne des Wortes ). Der

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