DIE OFFENBARUNG verstehen
Durchblick und Klarheit fĂĽr das faszinierendste Buch der Bibel
Ryrie, Charles C.
Die Offenbarung verstehen Durchblick und Klarheit fĂĽr das faszinierendste Buch der Bibel
Best.-Nr. 271926
ISBN 978-3-86353-926-9
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Best-Nr. 180219
ISBN 978-3-85810-598-1
Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch
Titel des amerikanischen Originals: Revelation
© 1996 by Charles Ryrie
Published by Moody Publishers, 820 N. LaSalle Blvd., Chicago, IL 60610
Es wurde folgende BibelĂĽbersetzung verwendet:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.
5. Auflage 2024
© 2011–2024 Christliche Verlagsgesellschaft mbH, Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Ăśbersetzung: Irmgard Grunwald, Pulheim Satz und Umschlaggestaltung: CV Dillenburg
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gern kontaktieren: info@cv-dillenburg.de
Verzeichnis der Illustrationen
EinfĂĽhrung zur Offenbarung
Wichtigkeit des Buches
Jedes Buch der Bibel ist wichtig, aber das letzte Buch hat eine besondere Bedeutung als Erfüllung und Höhepunkt der göttlichen Offenbarung. Das Buch der Offenbarung ist besonders bedeutsam, da es sich mit Dingen befasst, die „bald geschehen müssen“. Viele dieser Dinge wüssten wir nicht, wenn das Buch der Offenbarung nicht zur Bibel gehörte. Es ist das wichtigste, wenn auch nicht das einzige Buch mit prophetischen Aussagen zur Endzeit im Neuen Testament. Johannes wurde angewiesen, das Buch nicht zu versiegeln (22,10), und den Menschen, die es lesen, wird ein besonderer Segen verheißen (1,3). Daher ist es offensichtlich, dass dieses Buch verstanden werden soll und hilfreich für seine Leser ist. Es handelt sich um eine Apokalypse (wörtlich: eine Offenbarung), die nicht dazu gedacht ist, etwas zu verschleiern, sondern vielmehr zu beleuchten.
Autor und Datierung
Das Buch selbst gibt den Namen des Autors mit Johannes an (1,4.9; 22,8). Er war ein Prophet (22,9) und diente den Gemeinden von Kleinasien (Kap. 2 und 3). Er war einer der ersten Jünger des Herrn Jesus, der Sohn des Zebedäus, und er stammte aus einer wohlhabenden Fischerfamilie (Mt 4,21). So wie Jakobus und Petrus hatte er eine besondere Beziehung zum Herrn Jesus (Mk 5,7.30; 13,3). Johannes wird nur dreimal in der Apostelgeschichte erwähnt (3,1; 4,13; 8,14), und die Tradition besagt, dass er sich in Ephesus niederließ, wo er später verhaftet und unter Kaiser Domitian in die Verbannung auf die kleine Insel Patmos in der Ägäis geschickt wurde
und in den Minen arbeiten musste.1 Domitian herrschte von 81 bis 96 n. Chr., und das Zeugnis des Irenäus, dass Johannes die Offenbarung während seines Aufenthaltes auf Patmos schrieb, wird von anderen frühen Schriften bestätigt, sodass das Buch offensichtlich eines der zuletzt geschriebenen des Neuen Testaments ist. Diese späte Datierung (auf ca. 90 n. Chr.) wird auch durch das Bild der selbstgefälligen und wankelmütigen Gemeinden in Kapitel 2 und 3 bestätigt. Diese Tatsache setzt voraus, dass es schon eine zweite Generation von Christen gab, die nicht an den Überzeugungen ihrer Väter festhielt. Dass der Stil der Offenbarung sich von dem des Evangeliums und der drei Briefe des Johannes unterscheidet, ist kein Beweis dafür, dass die Offenbarung von einem anderen Johannes geschrieben wurde. Die Art der Texte in der Offenbarung und die Tatsache, dass sie in einer Vision empfangen wurden, kann diese Unterschiede im Stil leicht erklären.
Auslegungen des Buches
Das Buch ist eine Offenbarung von Dingen, die bald geschehen mĂĽssen. Die verschiedenen Schulen der Auslegung unterscheiden sich in der Auffassung, zu welchem Zeitpunkt die Ereignisse in diesem Buch stattfinden.
Die präteristische Auslegung
Präteristisch kommt von einem lateinischen Wort mit der Bedeutung „Vergangenheit“. Dementsprechend gehen die präteristischen Ausleger davon aus, dass die Offenbarung sich bereits in den ersten Jahrhunderten der Gemeindezeit erfüllt hat. Die Kapitel 5 bis 11 berichten nach dieser Sichtweise vom Sieg der Gemeinde über den Judaismus; in den Kapiteln 12 bis 19 geht es um den Sieg der Gemeinde über das heidnische Rom; die Kapitel 20 bis 22 sollen die
1 Irenaeus: Adversus Haereses; 5.30.3.
Herrlichkeit der Gemeinde aufgrund dieser Siege darstellen. Die beschriebenen Verfolgungen sind die unter Nero und Domitian, und das gesamte Buch war zur Zeit des Kaisers Konstantin (312 n. Chr.) bereits erfüllt.
Die historistische Auslegung
Die historistische Sichtweise der Auslegung stellt fest, dass es in der Offenbarung ein Panorama der Kirchengeschichte von den Tagen des Johannes bis zum Ende der Zeitalter gibt. Man geht davon aus, dass das Buch sich allmählich während der gesamten Gemeindezeit erfüllt. Die Anhänger dieser Sichtweise sehen in den Symbolen den Aufstieg des Papsttums, den Niedergang der Gemeinde und verschiedene Kriege im Verlauf der Kirchengeschichte. Die meisten Reformatoren deuteten das Buch in dieser Weise, doch jede einzelne Auslegung innerhalb dieser Sichtweise entwickelt ein eigenes Bild. Es gibt keine Übereinstimmung in Einzelfragen; stattdessen nehmen Dogmatismus und Widersprüche in den Auslegungen zu, die dieser Theorie folgen.
Die idealistische Auslegung
Der idealistische Ansatz sieht in der Offenbarung eine bildhafte Darstellung, die die geistlichen Prinzipien der Regierung Gottes und den ständigen Konflikt mit Satan zeigt. Das Buch berichtet nicht von tatsächlichen Ereignissen, die bereits erfüllt sind oder bald geschehen werden; stattdessen stellt es lediglich den jahrhundertelangen Kampf zwischen Gut und Böse dar. Diese Sichtweise vergeistigt und allegorisiert den Text.
Die futuristische oder wörtliche Auslegung
Der Begriff futuristisch leitet sich ab von der Tatsache, dass das Buch bei dieser Auslegung von Kapitel 4 an bis zum Schluss als noch nicht erfĂĽllt angesehen wird. Wenn man dem einfachen,
wörtlichen oder „normalen“ Auslegungsprinzip folgt, dann ergibt sich daraus, dass die meisten der in diesem Buch beschriebenen Ereignisse noch in der Zukunft liegen. Keines der Gerichte im Verlauf der Geschichte kann mit jenen Gerichten gleichgesetzt werden, die in den Kapiteln 6, 8, 9 und 16 beschrieben werden. Die Auferstehungen und das Gericht, die in Kapitel 20 beschrieben werden, haben noch nicht stattgefunden. Eine sichtbare Wiederkunft des Herrn Jesus, wie in Kapitel 19 geschildert, ist noch nicht erfolgt.
Das Konzept der wörtlichen Auslegung wirft für manchen Leser Fragen auf, da es jede Art von Symbolik auszuklammern scheint, und das Buch enthält ganz offensichtlich Symbole. Vielleicht wäre es besser, diese Art der Auslegung als „normal“ oder „einfach“ zu bezeichnen und nicht als „wörtlich“, da futuristische Ausleger durchaus auch die Tatsache des Gebrauchs von Symbolen in diesem Buch anerkennen. Der Unterschied zwischen der wörtlichen und der vergeistigten Auslegung ist einfach der, dass die erstgenannte die Symbole als Träger einer einfachen Bedeutung betrachtet. Jeder erkennt das Vorhandensein von Symbolen in der Bibel an. Als Beispiel könnte man Psalm 22 heranziehen. Vers 18 prophezeit das Verteilen von einigen Kleidungsstücken des Herrn Jesus. Das ist eine buchstäbliche Feststellung. Die Verse 12 und 13 beschreiben die erbitterten Feinde des Herrn als starke Stiere und reißende Löwen. Diese Symbole haben eine unmittelbar verständliche Bedeutung.
Offenbarung 8,12 prophezeit ein Gericht, das sich auf Sonne, Mond, Sterne, Tag und Nacht auswirkt. Offensichtlich sind die Sterne hier im buchstäblichen Sinne die astronomischen Himmelskörper. In Kapitel 9,1-2 berichtet Johannes, dass er einen Stern vom Himmel fallen sieht. Dies ist ein einfaches Symbol, das im Text selbst erklärt wird: Es bezieht sich auf ein geschaffenes Wesen (möglicherweise einen Engel). Das Wort „Stern“ wird auch heute
noch sowohl im wörtlichen als auch im symbolischen Sinn verwendet, genauso wie in Offenbarung 8 und 9. Wir sprechen wörtlich von den Sternen am Himmel, bezeichnen aber auch bekannte Größen aus der Unterhaltungsindustrie als Star (engl. für Stern) bzw. „Schlagersternchen“. Dabei benutzen wir ein Symbol mit einer leicht verständlichen Bedeutung. Tatsächlich machen Symbole die Bedeutung eines Begriffs oft noch leichter verständlich.
Futuristische Ausleger leugnen weder den Gebrauch von Symbolen im Buch der Offenbarung, noch behaupten sie, dass sie jede Einzelheit eindeutig erklären können. Aber sie bestehen darauf, dass das Prinzip der Auslegung nach dem gewöhnlichen Wortsinn konsequent durch das gesamte Buch hindurch angewandt werden muss.
In der Auslegung dieses Buches ist es außerdem wichtig, sich vor Augen zu führen, dass Johannes oft Dinge gezeigt wurden, die er nur mit großer Mühe in seiner menschlichen Sprache beschreiben konnte. Daher zieht er oft Vergleiche heran, die an dem Ausdruck „gleich einem …“ (wie zum Beispiel in seiner Beschreibung des auferstandenen Herrn Jesus Christus in 1,13-16 und in der Erscheinung der Heuschrecken in 9,7-10) erkennbar sind. Oder er benutzt das Wort „wie“, um so gut wie nur eben möglich zu vermitteln, was er sah oder hörte (z. B. in Kap. 6,12-13). Beide Wörter werden in Kapitel 13,11 zusammen verwendet. Wenn er diese Wörter allerdings nicht benutzt, können wir davon ausgehen, dass das, was er beschreibt, exakt dem entspricht, was er sah oder hörte.
Haltungen gegenĂĽber dem Buch der Offenbarung
Ganz allgemein gibt es zwei Haltungen gegenüber dem Buch der Offenbarung. Die eine besagt, dass man dieses Buch nicht verstehen kann und deshalb auch nicht untersuchen, lehren oder predigen sollte. Unterschiede in der Auslegung, so wird argumentiert, hätten die Christenheit gespalten; daher sollte man gar nicht erst
versuchen, dieses Buch zu deuten. Allerdings sind natürlich die meisten biblischen Lehren unterschiedlich ausgelegt worden und haben in manchen Fällen Spaltungen in der Kirche hervorgerufen. Aber das bedeutet mit Sicherheit nicht, dass wir nicht versuchen sollten, diese Lehren zu verstehen und sie korrekt auszulegen.
Andere wiederum fühlen sich selbst bei jeder Einzelheit der Offenbarung so sicher, dass sie genaue Daten angeben und völlig aus der Luft gegriffene Auslegungen vorschlagen. Ihnen scheint die Offenbarung das einzige Buch in der Bibel zu sein, das es wert ist, studiert zu werden.
Die richtige Einstellung diesem Buch gegenüber liegt in keinem der beiden Extreme. Das Buch ist wichtig und nützlich, so wie es das ganze Wort Gottes ist (2Tim 3,16), aber es ist nicht das einzige Buch der Bibel, das es wert ist, ganz genau untersucht zu werden. Das Buch ist es wert, nach bestem Vermögen geistgeleitet und sorgfältig studiert zu werden, und so wollen wir an das Buch herangehen. Dabei konzentrieren wir unsere gesamten von Gott gegebenen Fähigkeiten auf die Worte der Offenbarung und passen sie ein in die vollkommene göttliche Wahrheit, wie sie in der Bibel zu finden ist. Unser Ansatz sollte nie theoretisch und abgehoben sein, sondern immer persönlich und engagiert.
Obwohl es in diesem Buch in der Hauptsache um die Zukunft geht, sollte unsere Kenntnis davon unser Leben in der Gegenwart berühren. Jakobus ermutigte seine Zeitgenossen mit dem Hinweis auf zukünftige Gerichte (Jak 5,8-9), und Paulus schrieb von der Festigung, die aus dem Wissen erwächst, dass Satan schließlich überwunden wird (Röm 16,20). Gott kann auch heutige Gläubige durch das Verständnis der Dinge motivieren, die er durch Johannes in der Offenbarung enthüllt hat.
Prolog (1,1-8)
Gliederung der Offenbarung
I. „Was du gesehen hast“ (1,9-20)
III. „Was ist“ (2,1–3,22)
III. „Was nach diesem geschehen wird“ (4,1–22,21)
Prolog (4,1–5,14)
A. Die Drangsalszeit (6,1–19,21)
B. Das Tausendjährige Reich (20,1-15)
C. Die Ewigkeit (21,1–22,5)
Epilog (22,6-21)

Der Prolog
1,1-8
Die Ăśberschrift, 1,1-3
Der Titel, 1,1
Obwohl dieses Buch Jesus Christus offenbart, zeigt der Genitiv „Offenbarung Jesu Christi“, dass die Offenbarung auch von Jesus Christus gegeben wurde. Es handelt sich um die Offenbarung von Dingen, die „bald geschehen müssen“. Der Ausdruck, der mit „bald“ übersetzt wird (en tachei), bedeutet: Wenn die Zeit für das Gericht kommt, dann wird dieses ohne Verzögerung ausgeführt (siehe Lk 18,8 und andere Stellen, an denen dieser Ausdruck vorkommt, z. B. in Apg 12,7; 22,18; 25,4; Röm 16,20; Offb 22,6-7). Die Zeit der Erfüllung scheint noch in weiter Ferne zu liegen, doch wenn sie gekommen ist, dann werden die Ereignisse schnell vonstatten gehen.
Die Art der Weitergabe, 1,1-2
Die Übermittlung läuft von Gott, dem Vater, zu Jesus Christus, zu einem Engel, zu Johannes, zu den Dienern Gottes. Johannes, das menschliche Instrument, bezeugte das Wort Gottes (er sah sich selbst in der Tradition der Propheten, die Gottes Botschaften der Menschheit übermittelten) und das Zeugnis von Jesus Christus (d. h. das Zeugnis, das Jesus Christus über sich selbst gibt).
Der Wert des Buches, 1,3
Den Lesern des Buches und denen, die seine Botschaft hören und daran festhalten, wird ein Segen verheißen. Man beachte den Wechsel vom Singular zum Plural – einer liest und mehrere
hören –, der deutlich macht, dass das Buch öffentlich vorgelesen wurde. Öffentliches Vorlesen war eines der Kriterien zur Aufnahme in den Kanon der Bibel. Wenn Johannes feststellte, das Buch solle öffentlich gelesen werden, sah er es als kanonisch an. Das gesamte Buch wird als Prophetie betrachtet. Der Ausdruck „die Zeit ist nahe“ wird im Schlusswort wiederholt (22,10). „Nahe“ (engus) bedeutet „bevorstehend“; die Ereignisse stehen kurz bevor, weil beim Herrn tausend Jahre wie ein Tag sind (2Petr 3,8).
Die GrĂĽĂźe, 1,4-8
Der Schreiber, 1,4
Die hebräischen Redewendungen im Buch, die Autorität des Autors in der Beziehung zu den Gemeinden, die Verwendung ausgesprochen Johannes-typischer Begriffe wie logos und „Lamm Gottes“ sowie die Bestätigung durch Irenäus, Origines, Tertullian und Clemens beglaubigen, dass der Apostel Johannes der Autor dieses Buches ist.
Die Leser, 1,4
Die Tatsache, dass sich Johannes ausdrücklich an sieben örtliche Gemeinden in Kleinasien wendet, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Buch nicht einfach ein Ausdruck poetischen Idealismus’ ist.
Die GrĂĽĂźe, 1,4-5a
Es handelt sich um Grüße von dem dreieinen Gott. Der Vater existiert seit Ewigkeit und wird ewig existieren (der Ausdruck „der ist und der war und der kommt“ kommt auch in 1,8; 4,8; 11,7 und 16,5 vor). Die „sieben Geister“ repräsentieren vermutlich den siebenfachen Dienst des Geistes, wie er in Jesaja 11,2 beschrieben wird. Jesus Christus wird bezeichnet als (1) „der treue Zeuge“ (eine Zusammenfassung seines Lebens auf der Erde, siehe Johannes 7,7;
8,18; 1Tim 6,13), (2) „der Erstgeborene aus den Toten“ (seine Auferstehung) und (3) „der Fürst der Könige der Erde“, was sich auf seine zukünftige Regierung über die Erde bezieht.
Die Widmung, 1,5b-6
Das Buch ist Jesus Christus gewidmet; er ist der Autor, und es handelt von ihm. Drei Dinge werden ihm zugeschrieben: (1) Er liebt uns (grammatisch: Gegenwartsform). (2) Er hat uns von unseren Sünden erlöst (einige Übersetzungen schreiben: „gewaschen“, der Unterschied im Griechischen ist nur ein Buchstabe) durch sein Blut. Blut ist der Beweis für seinen Tod, der die Grundlage unserer Reinigung ist. (3) Er hat uns zu einem Königtum (nicht: zu Königen) und zu Priestern für Gott gemacht. „Königtum“ sieht die Gläubigen als eine Gemeinschaft und nimmt unsere Verbindung zu Jesus Christus in seinem zukünftigen Königreich vorweg (5,9-10), während „Priester“ die einzelnen Gläubigen im Blick hat, die unserem Herrn persönlich dienen.
Der SchlĂĽsselvers, 1,7
Vers 7 nennt das zentrale Thema und bildet den Schlüsselvers des Buches; er bezieht sich auf das zweite Kommen des Herrn Jesus Christus. Dieses findet nach der Drangsalszeit statt (siehe Mt 24,21-30), es wird öffentlich sein, und jeder wird ihn sehen und über seine Kreuzigung wehklagen. Dies ist ein teilweises Zitat aus Sacharja 12,10. „Stämme“ bezieht sich nicht nur auf Israel, sondern schließt alle Völker der Erde mit ein.
Die Beglaubigung, 1,8
Manche identifizieren den Sprecher in Vers 8 als Gott; manche halten ihn fĂĽr Jesus Christus. Vermutlich ist es Gott, der sich fĂĽr den Inhalt der Prophetien verbĂĽrgt. Alpha und Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, stehen fĂĽr
die Vollständigkeit Gottes. Er ist der Herr, Gott, er existiert in Ewigkeit und ist allmächtig. „Allmächtig“ kommt achtmal in der Offenbarung vor (1,8; 4,8; 11,17; 15,3; 16,7.14; 19,6; 21,22); der Begriff umfasst die Vorstellung von Allmacht und allumfassender Herrschaft.
Ăśbersicht ĂĽber die Offenbarung
I. „Was du gesehen hast“ (Kap. 1)
• Der auferstandene Herr Jesus Christus
II. „Was ist“ (Kap. 2–3)
• Die Briefe an die sieben Gemeinden Ephesus – Smyrna – Pergamon – Thyatira – Sardes –Philadelphia – Laodizea
III. „Was nach diesem geschehen wird“
• Die Drangsalszeit (Kap. 4–19)
Kapitel
4 Der Thron im Himmel
5 Die Schriftrolle im Himmel
6 Die Siegel
7 Die Erlösten
8–9 Die Posaunen
10 Die kleine Schriftrolle
11 Die zwei Zeugen
12 Der Krieg
13 Der Antichrist und der falsche Prophet
14 AnkĂĽndigungen
15 Auftakt zu den Schalengerichten
16 Die Schalengerichte
17 Das religiöse Babylon
18 Das Handelszentrum Babylon
19 Das zweite Kommen des Herrn
• Das Tausendjährige Reich (Kap. 20)
• Die Ewigkeit (Kap. 21–22)
TEIL 1: „WAS DU GESEHEN HAST“, 1,9-20
KAPITEL 2
Die Vision des auferstandenen Christus
1,9-20
Obwohl es mehr als eine Möglichkeit gibt, das Buch der Offenbarung zu gliedern, sehen doch die meisten Ausleger in 1,19 die von Gott gegebene Richtlinie. Diesem Vers gemäß gliedert sich das Buch in drei Teile: (1) die Dinge, die Johannes bis zu Vers 19 gesehen hat, (2) der gegenwärtige Zustand der Gemeinde Gottes (Kap. 2–3) und (3) die Dinge, die nach der Vollendung der Gemeinde geschehen werden (Kap. 4–22). Den gleichen Begriff, der hier mit „nach diesem“ (meta tauta) übersetzt wird, findet man auch in 4,1. Dort zeigt er an, dass mit Kapitel 4 dieser letzte Teil des Buches beginnt. Es ist allerdings möglich, die ersten beiden Teile miteinander zu verbinden, da Vers 19 auch folgendermaßen übersetzt werden könnte: „Schreibe die Dinge auf, die du gesehen hast; sowohl die Dinge, die sind, als auch ...“
Mit anderen Worten, Johannes sah zweierlei Dinge: Er sah Dinge der Gegenwart und Dinge der Zukunft. Die Dinge der Gegenwart schließen die Vision von Jesus Christus in 1,9-20 und die Briefe an die Gemeinden in den Kapiteln 2 und 3 mit ein. Natürlich ist es deswegen auch sinnvoll, 1,9–3,22 als eine Einheit zu sehen, weil in der Vision von 1,9-20 Jesus Christus in der Mitte der Gemeinden zu sehen ist, die in den Kapiteln 2 und 3 erwähnt werden. Es ist jedoch genauso sinnvoll, die Vision von 1,9-20 als das zu betrachten, was Johannes gesehen hat – und somit als einen gesonderten Teil des Buches. Wesentlich ist nur,
dass laut 1,19 mit Kapitel 4,1 ein neuer Abschnitt beginnt, ganz gleich, ob man die Vision des auferstandenen Christus in 1,9-20 mit den Kapiteln 2 und 3 zusammenfasst oder sie als eigenen Teil betrachtet.
Wenn man davon ausgeht, dass in 4,1 der Teil beginnt, der die Zukunft nach der Gemeindezeit beschreibt, dann wird damit die Sicht gestützt, dass die Entrückung vor der Drangsalszeit stattfindet. Mit anderen Worten: Die Zeit der Gemeinde endet mit 3,22, und die Ereignisse der Drangsalszeit werden ab 4,1 beschrieben – die Dinge, „die geschehen werden“ (die zukünftige Drangsalszeit, die Wiederkunft des Herrn Jesus und das Tausendjährige Reich) „nach diesem“ (die Vollendung der Gemeindezeit). Verfechter der Nach-Entrückung, die glauben, dass die Gemeinde die Drangsalszeit auf dieser Erde durchleben muss, sehen in 4,1 nur den Zeitpunkt, zu dem Johannes die Vision empfing – also nachdem er die Botschaft der Briefe an die sieben Gemeinden erhalten hatte. Da allerdings „nach diesem“ der gleiche Ausdruck ist wie in Daniel 2,29, „was geschehen wird“, wo er sich eindeutig auf den Inhalt von Nebukadnezars Traum bezieht, der ebenfalls mit der Zukunft verknüpft ist, sollte man auch hier davon ausgehen, dass Johannes diesen Ausdruck benutzt, um sich auf die eschatologische Zukunft zu beziehen.
Die Umstände der Vision, 1,9-11
Die persönlichen Umstände des Johannes, 1,9 Johannes erhebt sich nicht über seine Glaubensgeschwister, sondern er bezeichnet sich selbst als einen Bruder. Patmos ist eine Insel südwestlich von Ephesus in der Ägäis, ungefähr 25 Kilometer von der Küste entfernt. Der Grund für seine Verbannung war das „Wort Gottes“ (Gottes Anspruch an den Menschen) und das „Zeugnis Jesu“ (die Botschaft des Evangeliums).
Die geistlichen Umstände des Johannes, 1,10-11 Johannes war „im Geist“; das scheint einen tranceähnlichen Zustand geistlicher Verzückung zum Ausdruck zu bringen. „Ich war“ heißt wörtlich „ich wurde“, womit angezeigt wird, dass dieser Zustand ungewöhnlich war. Der Ausdruck „des Herrn Tag“ könnte sich auf den Sonntag beziehen oder auf den Tag des Herrn, d. h. die Drangsalszeit und das Tausendjährige Reich, die einen großen Teil der Prophetie ausmachen. „Des Herrn“ ist ein Adjektiv (kyriakos), das nur hier und in 1. Korinther 11,20 vorkommt. Außerhalb des Neuen Testaments hat es die Bedeutung „kaiserlich“. Falls der Ausdruck sich auf den Sonntag beziehen sollte, gibt es doch keine andere Stelle im Neuen Testament, in der er in dieser Bedeutung verwendet wird; die übliche Bezeichnung ist „der erste Tag der Woche“. Es könnte daher sein, dass sich Johannes auf den „kaiserlichen Tag“ in der Zukunft bezieht, wenn Jesus Christus das Zepter der Regierung auf der Erde übernimmt – was Johannes auch in seiner Vision gesehen hat. Die Stimme, die Johannes hört, ist die Stimme des Herrn Jesus Christus, der in Vers 17 als der Erste und der Letzte identifiziert wird. Alles, was Johannes sah (siehe 22,8), nicht nur die einzelnen Briefe an die Gemeinden in Kapitel 2–3, sollte er allen diesen sieben Gemeinden, die in Vers 11 erwähnt werden, mitteilen.
Der Inhalt der Vision, 1,12-16
Die Stellung des Herrn, 1,12-13 Wir haben nur wenig Kenntnis davon, wie unser Herr aussah, als er auf der Erde lebte. Nichts in seiner persönlichen Erscheinung wirkte besonders anziehend auf die Menschen um ihn herum (Jes 53,2), obwohl die Kinder ihn gern mochten (Mt 18,2). In diesem Abschnitt finden wir allerdings eine Beschreibung seiner Erscheinung in Herrlichkeit, so, wie wir ihn einmal sehen werden,
wie Johannes an anderer Stelle schrieb: „Wir werden ihn sehen, wie er ist“, nicht, wie er war (1Jo 3,2).
Das Bild des Herrn, 1,14-16
Das Bild des auferstandenen, verherrlichten Herrn wird durch eine Reihe von Vergleichen (siehe die Verwendung von „wie“ und „als“) gekennzeichnet – das ist die einzige Möglichkeit, ihn für sterbliche Geschöpfe zu beschreiben. Das beschriebene Bild hat sieben Kennzeichen, und die Bedeutung dieser Vergleiche ist möglicherweise absichtlich unerklärt geblieben, um uns mehr als einen einzigen Aspekt zu übermitteln.
Sein Haupt, 1,14. Es war weiß wie Wolle oder Schnee. Das könnte die Weisheit des Alters und die Reinheit der Heiligkeit darstellen (Spr 20,29).
Seine Augen, 1,14. Sie waren durchdringend in ihrer glühenden Heiligkeit. Das wahre Wesen jeder Gemeinde liegt offen vor Jesu Augen. Möglicherweise gibt es eine Verbindung zwischen diesem Vers und 1. Korinther 3,13; das Feuer, das die menschlichen Werke am Richterstuhl Christi prüft, wird der durchdringende Blick unseres Herrn sein, der die Werke aus Holz, Heu und Stroh wie ein Feuer verzehren wird.
Seine Füße, 1,15. Johannes’ Blick fiel von den Augen des Herrn zu seinen Füßen, die wie glänzendes Erz aussahen („glänzend“ bedeutet „gründlich poliert“). Dies könnte die Versuchungen darstellen, denen er in seinem Erdenleben ausgesetzt war und die ihn zu einem mitfühlenden Hohenpriester (Hebr 4,15) und zu einem fähigen Richter machen.
Seine Stimme, 1,15. Sie erschien Johannes wie das Geräusch vieler Wasser. Wie der Lärm eines mächtigen Wasserfalls übertönt seine Stimme voller Autorität alles andere und erstickt alle anderen Stimmen, die Widerworte geben wollen oder nach Entschuldigungen suchen.
Seine rechte Hand, 1,16. In seiner rechten Hand, dem Ehrenplatz, waren die sieben Sterne, die in Vers 20 als die Boten der Gemeinden von Kapitel 2 und 3 identifiziert werden. Das Wort angelos (daher kommt das deutsche Wort Engel) bedeutet „Bote“ und konnte sich auf ein übernatürliches Wesen beziehen; das würde nahelegen, dass jede Gemeinde eine Art Schutzengel hat. Das Wort konnte allerdings auch im einfachen Sinne für einen menschlichen Boten benutzt werden (siehe Jak 2,25 und Lk 9,52) –also einer der Ältesten einer Gemeinde.
Sein Mund, 1,16. Das Wort Gottes, die Grundlage fĂĽr jedes Gericht, kommt aus seinem Mund (Hebr 4,12; Offb 19,12-15).
Sein Angesicht, 1,16. Die gesamte Erscheinung des Herrn Jesus Christus war für Johannes völlig überwältigend.
Die Folgen der Vision, 1,17-20
Ein Wort des Trostes, 1,17-18
Die eindrucksvolle und Ehrfurcht gebietende Vision veranlasst Johannes, sich vor dem verherrlichten Christus niederzuwerfen, damit ihm Gnade gewährt werde. Daraufhin erhält der betagte Apostel ein dreifaches Wort des Trostes. Der Herr Jesus Christus zeigt sich selbst als der in und durch sich selbst existierende ewige Gott, „der Erste und der Letzte“; der Sieger über den Tod und der Eine, der den Hades (den Ort, in dem sich der nicht materielle Teil der Menschen nach ihrem körperlichen Tod befindet) und den Tod (den der materielle Teil erfährt) unter Kontrolle hat (indem er die Schlüssel dazu in der Hand hält).
Ein Befehl, 1,19-20
AnschlieĂźend wird der Apostel beauftragt, die Dinge, die er gesehen hat und noch sehen wird, aufzuschreiben. Wie bereits bemerkt, sehen wir hier eine Gliederung des ganzen Buches, und in
Vers 20 folgt die Erklärung des Herrn selbst für zwei Bilder der Vision. Die „Sterne“ sind die Engel (entweder Schutzengel oder Älteste) der Gemeinden, und die „Leuchter“ stehen für die örtlichen Gemeinden, die Licht verbreiten.
