271914

Page 1


CHINAS VERFOLGTE

CHRISTEN

Vorwort zur deutschen Ausgabe 17

Wolfgang Häde — Hilfsaktion Märtyrerkirche

1. Warum wir eine Hauskirche sind

Wang Yi

2. Das geistliche Erbe der Hauskirche

Jin Tianming

3. Tradition der Hauskirche in China:

Wang Yi

4. Entstehung von Hauskirchen und städtischen Kirchen 97

Jin Mingri

5. Warum haben wir uns nicht der nationalen DSB angeschlossen?

Sun Yi

6. Die christlichen Rechtsabweichler von 1957

Wang Yi

7. Wir erheben unsere Stimme, um 60 Jahre religiöser Verfolgung zu beenden

Wang Yi

8. 95 Thesen

Wang Yi und Early Rain Covenant Church

9. Das Missions- und Arbeitslager des Evangeliums

Wang Yi

10. Die Stadt Gottes auf Erden

Wang Yi

11. Der Weg des Kreuzes, das Leben der Märtyrer

Wang Yi

12. Das Kreuz und die Mülldeponie

Wang Yi

13. 20 Arten der Verfolgung als Gottes Weise, uns zu weiden

Wang Yi

14. Geschichte ist der großgeschriebene Christus

Wang Yi

15. Eine Gelegenheit für die Gemeinden, den Weg des Kreuzes zu gehen

Wang Yi

16. „Christus ist Herr. Gnade ist König.

Trage das Kreuz. Bewahre den Glauben.“

Wang Yi

17. Eine gemeinsame Erklärung der Pastoren

Die Leitung der Early Rain Covenant Church

18. Was werde ich angesichts von Verfolgung tun?

Wang Yi

19. Meine Erklärung des treuen Ungehorsams

Wang Yi

20. Wie sollte die Kirche der Verfolgung begegnen?

Li Yingqiang

21. Das ist auch mein Standpunkt!

Jin Tianming

auch landesweit durch Online-Hilfsangebote.14 Dieses Maß an Organisation und öffentlicher Präsenz ließ in den folgenden Jahren nicht nach; vielmehr hielt die Dynamik unter den Kirchen im städtischen China an und brachte verschiedene soziale, pädagogische, konfessionelle, ökumenische und theologische Bewegungen hervor.

In der Zwischenzeit bereitete sich die weltweite christliche Gemeinschaft auf den dritten Kongress der Lausanner Bewegung vor. Die Lausanner Bewegung bringt weltweit führende Kirchenvertreter zusammen, um das Anliegen der Evangelisation und Mission zu fördern. Der erste Kongress fand 1974 in Lausanne (Schweiz) statt und gilt als ein entscheidender Augenblick in der modernen Kirchengeschichte, der die Kirche zur Erfüllung des Missionsbefehls zusammenführte. Ein zweiter Kongress fand 1989 in Manila auf den Philippinen statt.

Der Kongress in Kapstadt im Jahr 2010 wurde sorgfältig geplant, sodass ein umfassenderes Bild der weltweiten kirchlichen Wirklichkeit vermittelt wurde, indem den Stimmen aus der Mehrheitswelt besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mehr als 200 chinesische Delegierte aus Hauskirchen waren zur Teilnahme an dem Kongress eingeladen, was die größte anwesende Delegation gewesen wäre. Als die Delegierten jedoch versuchten, nach Kapstadt zu reisen, wurden sie von den chinesischen Behörden an verschiedenen Flughäfen im Land aufgehalten, und ihre Pässe wurden beschlagnahmt. Als Delegierter wurde Wang Yi vier Stunden lang festgehalten und durfte nicht weiterreisen. Wie schon 1989 in Manila blieben

14 Li Ma and Jin Li, Surviving the State, Remaking the Church: A Sociological Portrait of Christians in Mainland China (Eugene, OR: Pickwick Publications, 2018), S. 106–107.

die 200 Plätze der chinesischen Delegation während des Kongresses leer, und die Lausanner Bewegung hielt eine besondere Gebetszeit für die Kirche in China ab. Die chinesische Delegation sandte eine Meldung an den Kongress, in der sie mitteilte, dass sie die Entscheidung ihrer Regierung friedlich und in der Hoffnung auf Christus akzeptiere. In der Botschaft wurden mehrere Bibelstellen zitiert, darunter Philipper 1,29: „Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.“

Das chinesische Ministerium für internationale Angelegenheiten gab eine Erklärung ab, in der es den Grund für seine Entscheidung, die Delegation festzuhalten, erläuterte: Die Organisatoren des Kongresses hätten versäumt, Teilnehmer der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung einzuladen. In einer Erklärung der Regierung hieß es: „Diese Maßnahme stellt öffentlich das Prinzip unabhängiger, autonomer, im Inland organisierter religiöser Vereinigungen infrage und stellt daher eine grobe Einmischung in die religiösen Angelegenheiten Chinas dar.“ Die Nicht-Einladung von Delegierten der DSB und die Einbeziehung der Hauskirchen, die in China keine rechtliche Identität haben, wurde als politisch subversiver Akt verstanden.

2010 war auch ein bedeutendes Jahr für die Pekinger Shouwang-Kirche ( , Beijing Shouwang jiaohui). Sie ist eine große, nicht registrierte Gemeinde, die 1993 gegründet und von Jin Tianming ( ) geleitet wurde.15 Anfang der 2000er-Jahre wurde Shouwang von der Polizei durchsucht und aufgefordert, sich bei der Regierung zu registrieren. Jin Tianming legte die Regierungsvorschriften

15 Wörtlich übersetzt bedeutet shouwang „Wächter“.

so aus, dass er sich bei der Staatsadministration für religiöse Angelegenheiten (SARA) registrieren lassen könnte, ohne der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung beizutreten, was er 2006 auch versuchte. Aufgrund ihrer Größe hatte die Gemeinde zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend große Räume für ihre Treffen zu finden. Im Jahr 2008 wurde Shouwangs Registrierungsantrag offiziell abgelehnt, und 2009 begann die Polizei mit Razzien in der Gemeinde und schikanierte die Arbeitgeber der Mitglieder. Die Gemeinde konnte sich nicht mehr in den von ihnen gemieteten Räumen treffen und begann, sich im Freien in Parks zu versammeln, da sich der Konflikt um mögliche Veranstaltungsräume verschärfte.

Im Jahr 2010 sammelte Shouwang 27 Millionen CNY (ca. 3,5 Millionen Euro) von ihren 1000 Mitgliedern, um eine eigene Immobilie zu erwerben. Nach Angaben von Shouwang verschlechterten sich die Beziehungen zur Regierung jedoch weiter, nachdem die Mitglieder der Kirche an der Teilnahme am Lausanner Kongress gehindert worden waren. Im Jahr 2011 hinderte die Regierung Shouwang daran, ihr Grundstück zu nutzen, das sie nach Angaben der Kirche legal erworben hatte. Daraufhin erklärte die Shouwang, dass sie öffentliche Gottesdienste im Freien auf einem bekannten Platz der Stadt abhalten werde. Jin Tianming und mehrere Kirchenführer wurden umgehend unter Hausarrest gestellt, und andere Kirchenmitglieder wurden wiederholt festgenommen.

Zusätzlich zu den Kapiteln der Shouwang-Führer hat Wang Yi in seinem Manifest ein Kapitel von Jin Mingri ( ) eingefügt. Er ist der leitende Pastor der Zionskirche ( , xian jiaohui), einer der größten Hauskirchen in Peking, und der Gründer des Chinesischen Christlichen

Theologischen Seminars. Bevor er sich der Hauskirche anschloss, war Jin Mingri Pastor innerhalb des DSB. Er war einer der ersten von der Regierung anerkannten Seminarabsolventen, nachdem die DSB nach der Kulturrevolution wieder eingesetzt worden war. Zu der Zeit, als Wang Yi das Manifest verfasste, war „Zion“ eine „öffentliche“ städtische Hauskirche, die nicht bei der DSB registriert war. Sie hatte über 1500 Teilnehmer und sechs Versammlungsorte in Bürogebäuden in ganz Peking.

Die Kapitel im ersten Teil sind Übersetzungen von Wang Yis „Unser Hauskirchen-Manifest“. Während die Kapitel in den Teilen zwei und drei dieses Buches größtenteils aus mündlichen Kontexten übernommen wurden, stammen die Kapitel im ersten Teil alle ursprünglich aus verschiedenen Zeitschriften oder Büchern, was diesen Teil zum dichtesten und komplexesten macht. Nachdem Wang Yi sein Manifest erstmals 2010 verfasst hatte, überarbeitete er es 2015, um die „95 Thesen“ von Early Rain aufzunehmen. Mit Ausnahme des sechsten Kapitels, das von den Herausgebern auszugsweise wiedergegeben wurde, um es von der Länge den anderen Kapiteln dieses Buches anzupassen, wurde das Manifest vollständig wiedergegeben.

Das Manifest zeigt den Einfluss von Jin Tianming und Jin Mingri auf Wang Yis Verständnis der Geschichte der Hauskirche sowie die Bedeutung dieser Geschichte für die Gestaltung und Prägung der Identität vieler zeitgenössischer städtischer Hauskirchen in China. Es gibt mehrere Hauptthemen, die in „Unser Hauskirchen-Manifest“ zu finden sind. Erstens wird erklärt, was die Tradition der Hauskirche ist und wie sie sich von der DSB unterscheidet. Zweitens wird erläutert, warum die im Manifest vertretenen Kirchen entschlossen sind, diese Tradition weiter zu pflegen, und sich weigern,

sich der DSB zu unterwerfen. Drittens ruft das Manifest andere Hauskirchen auf, sich den Verfassern anzuschließen und sich in Ablehnung des nationalistischen Götzendienstes dem Königtum Jesu Christi als alleinigem Haupt der Kirche zu unterstellen.

WANG YI

Das folgende Dokument ist ein Hirtenbrief, den Wang Yi an seine Gemeinde geschrieben hat, nachdem die chinesische Delegation auf dem Weg zum dritten Lausanner Kongress in Kapstadt, Südafrika, festgenommen worden war. Die Hirtenbriefe von Wang Yi wurden in der Regel zunächst per E-Mail direkt an seine Gemeindeglieder gesandt und dann für die breitere Öffentlichkeit ins Internet gestellt. Ein Auszug aus diesem Artikel wurde auch in The Kosmos, einer chinesischen Online-Zeitschrift für Theologie und Kultur, veröffentlicht.

Dieses Kapitel skizziert Wang Yis Verständnis von Kirche, seine theologischen Argumente für die Trennung von Kirche und Staat und die Geschichte der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung. Im Zentrum von Wang Yis Theologie steht die Frage: Wer hat die höchste Autorität über die Kirche? Er ist der Ansicht, dass die verschiedenen Antworten auf diese Frage die Unterschiede zwischen den Staats- und den Hauskirchen in China grundlegend bestimmen.

An meine Mitbrüder in der Early Rain Covenant Church: Frieden. Ich bin dankbar, dass am 15. dieses Monats einige Brüder und Schwestern früh morgens zu mir nach Hause kamen, um

mit uns zu beten, Loblieder zu singen und zu erfahren, wie wir am Flughafen aufgehalten wurden. Viele weitere Brüder und Schwestern haben sich um uns gekümmert und für uns und die anderen Teilnehmer gebetet. Meine Frau Jiang Rong sagte, sie seien wie Engel gewesen und hätten uns als Familie den Trost des Herrn vermittelt.

Dieses Mal hat die Regierung aus Angst vor der Teilnahme chinesischer Hauskirchenpastoren am Dritten Lausanner Kongress für Weltevangelisation ihre Bürger in großem Umfang an der Ausreise gehindert. Im Grunde handelt es sich hier um einen Konflikt zwischen Gottes Ruf an die Kirche zur „Weltevangelisation“ und der offiziellen Doktrin der sogenannten Selbstverwaltung, Selbstversorgung und Selbstverbreitung.16

Der Sprecher des Außenministeriums, Ma Chaoxu, sagte, dass die „geheimen Mitteilungen und Einladungen des Lausanner Treffens an Personen außerhalb der legitimen chinesischen Kirche“ (gemeint ist die Drei-Selbst-Kirche) das staatliche Prinzip einer „selbst verwalteten Kirche“ verletzten. Dies sei eine grobe Einmischung in „Chinas religiöse Angelegenheiten“.17

Der Herr benutzt diesen Vorfall, um allen chinesischen Christen den geistlichen Konflikt zwischen den Hauskirchen und den Drei-Selbst-Kirchen erneut vor Augen zu führen. In der Vergangenheit hatte die Patriotische Drei-Selbst-Bewegung auch Kontakt zu dem Lausanner Organisationskomitee aufgenommen, in 16 Diese ist eine Anspielung auf den Namen „Patriotische Drei-Selbst-Bewegung“, siehe Glossar.

17 Das Außenministerium der Volksrepublik China ist eine Exekutivabteilung des Staatsrates der chinesischen Regierung. Diese Behörde ist für die Ausarbeitung von außenpolitischen Maßnahmen, Entscheidungen und Erklärungen in Bezug auf die VR China zuständig. Außerdem verhandelt und unterzeichnet sie ausländische Verträge und Abkommen, entsendet Vertreter für auswärtige Angelegenheiten in andere Länder und vertritt die Interessen der VR China bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen.

der Hoffnung, daran teilnehmen zu können. Aber die Grundlage der Verbundenheit innerhalb der Kirche des Herrn beruht nicht auf Macht oder Kraft (Sach 4,6), sondern auf einem gemeinsamen Bekenntnis (Eph 4,5-6). Die Lausanner Bewegung vertritt eine evangelikale Perspektive und glaubt an die Autorität der Bibel und die Universalität der Mission des Evangeliums, die verlangt, dass „die ganze Gemeinde der ganzen Welt das ganze Evangelium“ bringt.18

Dies steht in direktem Widerspruch zu den Grundsätzen der Abteilung für Einheitsfrontarbeit der Kommunistischen Partei und der staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten. Darüber hinaus heißt es im 13. Punkt der Lausanner Vereinbarung: „Es ist Gottes Auftrag für jede Regierung, die Bedingungen für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit zu gewährleisten, unter denen die Gemeinde Gott gehorchen, dem Herrn Christus dienen und das Evangelium ohne Beeinträchtigung verkünden kann.“ Und sie fordert die Kirche auf, „unsere tiefe Sorge für all diejenigen zum Ausdruck (zu bringen), die unrechtmäßig in Gefangenschaft sind, besonders für unsere Brüder, die wegen ihres Zeugnisses für den Herrn Jesus leiden. Wir geloben, für ihre Freiheit zu beten und zu wirken. Ebenso weigern wir uns, uns durch ihr Schicksal einschüchtern zu lassen.“ Wenn also diejenigen, die von der Kommunistischen Partei als „legitime Vertreter der chinesischen Kirche“ ernannt wurden, diese Erklärung sorgfältig durchläsen, könnten sie sie niemals in gutem Glauben und Gewissen unterschreiben. Das zeigt, dass sie zur Synagoge des Satans gehören (Offb 2,9) und auf dem Stuhl des Moses sitzen (Mt 23,2). Wegen ihrer weltlichen „religiösen

18 Die Lausanner Verpflichtung gilt weithin als eines der wichtigsten Dokumente über Evangelisation und Mission in der modernen Kirchengeschichte. Das Dokument ging aus dem Ersten Lausanner Kongress im Jahr 1974 hervor. Der Hauptautor war John Stott. Die Verpflichtung hat unter den städtischen Hauskirchen in China großen Anklang gefunden.

Angelegenheiten“ wagen sie es nicht, sich mit den Söhnen und Töchtern des Allerhöchsten zusammenzutun und übereinzustimmen. Deshalb glauben wir, dass das „Drei-Selbst“-System einem staatlichen Monopol innerhalb eines religiösen Wirtschaftskomplexes gleicht, das sich den Anliegen der politischen Macht unterwirft, und deshalb nicht die Kirche des Herrn ist. Denn „die Kirche“ ist von Natur aus keine konkrete Organisation, sondern eine geistliche Gruppe von Heiligen in Gottes unsichtbarem Reich, die aus jeder Sprache, jedem Stamm und jeder Nation auserwählt sind (Joh 18,36).

Innerhalb des „Drei-Selbst“-Systems gibt es zwar zahlreiche Kirchengebäude (Zentren für religiöse Aktivitäten), doch keine einzige selbstständige „Gemeinde“. Der bösartige religiöse Wirtschaftskomplex kontrolliert alles, denn die Pläne Satans zielen darauf ab, die „Ortsgemeinde“ zu zerstören. Tatsächlich kann man im heutigen China nur unter den Hauskirchen wahre und selbstständige „Ortsgemeinden“ finden.

Warum bestehen wir heute auf dem Weg der Hauskirche? Warum müssen wir die Gläubigen, die von dem „Drei-Selbst“System verführt wurden, warnen, sich schnell von der Sünde Jerobeams loszusagen, der die goldenen Kälber anbetete, die in Bethel und Dan standen (2Kö 10,29), und sie stattdessen aufrufen, die Bibel besser kennenzulernen und sich nach der Wahrheit zu sehnen, damit Gottes Volk nicht wegen seines Mangels an Erkenntnis zugrunde geht (Hos 4,6)? Warum müssen wir jene „Drei-Selbst“-Pastoren ermahnen, umfassend Buße zu tun, weil sie auf den Wegen Kains wandeln und mit Gottes Wort hausieren gehen (2Kor 2,17) und aus Gewinnsucht dem Irrtum Bileams nachlaufen (Jud 11)? Und warum bitten wir Gott, sich der schwachen, im Gewissen geplagten Glieder und Mitarbeiter des Leibes innerhalb des „Drei-Selbst“-Systems zu erbarmen, damit sie einen Glauben empfangen, der die Welt überwindet, und vor dem

Herrn gerecht sind, treu bis in den Tod, und den Siegeskranz des Lebens empfangen (Offb 2,10)?

Kurz gesagt, müssen wir dies im Hinblick auf die Lehren der Bibel und in Anerkennung der historischen Fakten tun:

Die Braut hat nur einen Ehemann, die Kirche hat nur ein Haupt, und die Seele hat nur einen König. Damit Gläubige dieses Gebot wirklich verstehen und ernst nehmen, muss die Antwort auf jede Sache oder Person, die nach Herrschaft oder Zwang über unser Leben strebt – seien es unser Ehepartner, unsere Eltern, unser Land oder unsere politischen Parteien –, ganz gleich, ob die Forderung von Tränen oder Waffen begleitet wird, schlicht lauten: „So spricht der Herr: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Sobald die Kirche in die Falle tappt, sich von Gefühlen leiten zu lassen, von Macht abhängig zu werden oder sich in Fragen der Lehre, des Priestertums oder der Sakramente der Politik zu beugen, hat sie einen falschen Gott angebetet. Sie wird die schönste Eigenschaft der Braut Christi, ihre Reinheit, verlieren und so aufhören, die Gemeinde des Herrn zu sein.

Einerseits verleiht Gott dem Staat die Macht, das Schwert zu führen (Röm 13,1-13), um die äußere Ordnung und den Frieden aufrechtzuerhalten. Andererseits gibt er der Gemeinde die Schlüssel zum Himmelreich (Mt 16,19), um das Evangelium zu predigen, die Sakramente auszuteilen und als „Verwalter der Geheimnisse

Gottes“ (1Kor 4,1) geistliche Angelegenheiten zu beurteilen. Die Regierung hat aber kein Recht, sich in den Glauben ihrer Bürger oder in die Lehren, geistlichen Berufungen, Gottesdienste und Predigten der Kirchen einzumischen. Wir akzeptieren keine Einmischung in die Religionsfreiheit durch das Büro für religiöse Angelegenheiten einer atheistischen politischen Partei; wir akzeptieren nicht die Vorstellung, dass sich die Kirche des Herrn einer „Verwaltungsabteilung“ unterwirft; wir weigern uns, „religiöse Angelegenheiten“ als eine Aufgabe der Regierung zu akzeptieren. Mit anderen Worten: Religiöse Angelegenheiten sind weder Sache von „meinem Land, China“ noch Sache der Vereinigten Staaten oder Südafrika. Wahre Religion (Frömmigkeit) gehört Christus, ist Sache der ganzen Welt und Sache des Gewissens eines jeden Gläubigen.

Solange die Regierung an ihrem „Theokratie“-Modell festhält – indem sie religiöse Angelegenheiten als interne Regierungsangelegenheiten betrachtet –, solange sie die Schlüsselgewalt der Kirche in Hinsicht auf das Königreich Christi missachtet und lokale Kirchen daran hindert, sich unabhängig von der Drei-Selbst-Kirche im Büro für zivile Angelegenheiten registrieren zu lassen, sind wir entschlossen, in die Fußstapfen der Heiligen vor uns zu treten, wie Wang Mingdao und Yuan Xiangchen, und bis zum Tod an der Position der Hauskirche festzuhalten. Einerseits gehorchen wir der allgemeinen und legitimen Regierung und respektieren die Macht ihres Schwertes. Andererseits werden wir durch gewaltlosen zivilen Ungehorsam das Wort predigen, ob zu gelegener oder ungelegener Zeit (2Tim 4,2). Menschen können in Ketten gelegt werden, aber das Evangelium kann nicht gebunden werden (2Tim 2,9); die Diener können getötet werden, aber unser Herr ist bereits auferstanden.

Weil unser souveräner Gott der Gemeinde das Recht und die Verantwortung gegeben hat, das Evangelium bis an die Enden der Erde zu verbreiten, bedeutet dies, dass das geistliche Reich Christi höher steht als jeder Staat. Denn Christus hat keinen Pass, der Glaube kennt keine nationalen Grenzen, und die Wahrheit kennt keine Hautfarbe. Wo wären die chinesischen Christen ohne westliche Missionare? Deshalb wenden wir uns entschieden gegen das, was die Drei-Selbst-Kirche unter „sich selbst verbreiten“ versteht, gegen die bewusste Täuschung durch die Vorschrift von „zugewiesener Botschaft, zugewiesenem Ort und zugewiesenem Volk“ und gegen die sogenannten Richtlinien zur Religionsfreiheit. Die seit einem halben Jahrhundert bestehende „Patriotische Drei-Selbst-Bewegung“ ist eine antichristliche Bewegung, gerade weil sie einen öffentlichen Glauben und die Existenz eines Reiches, das über den Nationalstaaten steht, nicht anerkennt und versucht, mithilfe der Regierung eine „nationalistische Kirche“ zu errichten. Dies ist ein Plan Satans, China zu benutzen, um die Gemeinde des Herrn zu zerstören. Aber Gott hat es zum Guten gewendet (1Mo 50,20) und mehr als ein halbes Jahrhundert der Verfolgung genutzt, um stattdessen die Hauskirchen zu errichten, zu segnen und zu schützen.

Viele in ihren Reihen sind falsche Führer und Lehrer, die die Gemeinde und ihre Mitarbeiter anklagen und verfolgen. Solche befinden sich unter den Bischöfen, Leitern und Amtsträgern der „Drei-Selbst-Bewegung“ (und den ihr angeschlossenen

Organisationen) auf allen Ebenen bis zum heutigen Tag. Bis heute haben sie nicht Buße getan und sich von ihren bösen Wegen abgewendet. Sie führen weiterhin häretische Lehren ein, die auf „Rechtfertigung durch Liebe“ beruhen, und befürworten religiösen Synkretismus durch „theologische Rekonstruktion“ im gesamten Drei-Selbst-System.19 Viele örtliche Drei-Selbst-Kirchen helfen weiterhin ihren örtlichen Regierungen, die Hauskirchen zu verfolgen, und folgen damit den schändlichen Wegen des Judas – wir wagen es nicht einmal, für sie wegen dieser zum Tod führenden Sünde zu beten (1Jo 5,16). Sie unterstehen derselben Aufsicht und erhalten dieselbe Vergütung wie die Regierungsangestellten. Sie organisieren „politische Studien“ und erhalten Leitung und Lehre von Heiden; sie singen weiterhin „rote Lieder“ in ihren Versammlungen20, hängen die nationale Flagge auf und billigen die Anbetung des Staates. Wahre Gläubige sollten sich weigern, einer solchen Religion der Kanaaniter zu folgen, und höchst beunruhigt darüber sein, dass sie sich der despotischen Macht Baals und seinen abtrünnigen Wegen beugen. Nun mag jemand sagen: „Aber wir müssen sie auch lieben.“ Ja, wenn man diesen Weg geht, eine Hauskirche zu sein, zu leiden und den Preis für diese Unfreiheit zu zahlen, und außerdem danach zu streben, das volle Evangelium zu verbreiten und hart daran zu arbeiten, den Weg des Herrn zu beachten und im Licht zu wandeln, dann ist nichts größer als diese Liebe zu seinem Bruder (1Jo 2,6-10).

Was ist wahre „religiöse Selbstständigkeit“? Sie besteht genau darin, Jesus als Herrn anzuerkennen und die Bibel zu bewahren. Jede „Selbstständigkeit“ außerhalb von Christus ist reine

19 Siehe Glossar: „Der Chinesische Christenrat“ und „Sinisierung des Christentums“.

20 „Rote Lieder“ sind Lieder, die die Kommunistische Partei Chinas und die Volksrepublik China preisen. Sie sind meist historischer Natur und stammen aus den Revolutionsjahren um 1949 bis zum Ende der Kulturrevolution.

Rebellion gegen den Herrn und kommt vom Bösen. Was sind wahre „Selbstverbreitung“ und „Selbsterhaltung“? Sie bedeuten, dass Gläubige nicht mit Ungläubigen an einem Joch ziehen.

Denn wie passen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zusammen, und was hat Christus mit Satan gemeinsam (2Kor 6,14-15)?

Deshalb heißt es im fünften Punkt des „Early Rain Glaubensbekenntnisses“, an dem Ihr und die Ältesten festhalten: „Wir nehmen das Erbe der chinesischen Hauskirche an, halten an Jesus Christus als dem einzigen Haupt der Kirche fest und bewahren den Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat.“

Brüder und Schwestern, ach, dass der Herr unser Leben in dieser Welt gebrauchen möge, in der die Finsternis vergeht und das wahrhaftige Licht schon leuchtet (1Jo 2,8); dass wir wie Martin Luther wären, der sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.“

Aus Gnade, treu dem Herrn, euer Mitknecht

Wang Yi

15. Oktober 2010

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.