Klopfzeichen
Lachen ist schön
Vor einigen Jahren habe ich ein Büchlein über die Freude geschrieben: „Freude – Warum wir nicht genug davon kriegen“.1 Ich verschenke es oft. Sobald die Beschenkten den Titel lesen, geht es los: „Wow!“ „Toll!“, „Ach, wie schön!“, „Absolut mein Thema!“, „Werde es gleich lesen!“ Das Wort „Freude“ spricht –ja, es springt – jeden an.
Wenige wissen, dass Freude ein Schlüsselbegriff in der Bibel ist.
Kleine Kinder lachen ständig – besonders untereinander. Wie ein Urtrieb sprudelt das Lachen ungebremst aus ihnen heraus. Kinder lachen rund 400-mal am Tag, Erwachsene etwa 15-mal. Erwachsenen hat Jesus einmal gesagt, sie sollen wie die Kinder werden. Vielleicht meinte er auch, dass wir dann mehr lachen würden.
Lachen ist gesund.
1 2019 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Unsere Gesichter sind wie Landschaften: einmal hell, wie von der Sonne angestrahlt, dann wieder finster, wie unter einer schweren Gewitterwolke.
An düsterem Wetter können wir nichts ändern.
Ein mürrisches Gesicht in ein heiteres zu verwandeln, ist jedoch nicht schwer. Wenn man es zum Lachen bringt, geht die Sonne auf.
Einmal stand ich mit Freunden zusammen. Plötzlich unterbrach einer von ihnen, Helmut, unseren belanglosen Small Talk:
„Kennt ihr den? Ein Junge starrt in der Bahn einen Mann an, der einen Kropf hat. Das lässt der sich nicht lange bieten: ‚Wenn du mich weiter anstarrst, fresse ich dich!‘ Darauf der Junge: ‚Schluck erst mal den anderen runter!‘“
Die Gesichter erhellten sich. Sie wurden schön. Haben Sie auch gerade gelacht oder gelächelt? Dann waren Sie schöner als vorher. Lachen macht schön.
Doch Lachen macht nicht nur schön. Lachen ist schön. Uns kann kaum etwas Besseres passieren, als dass wir stillvergnügt oder aus vollem Halse lachen.
Von Anfang an tragen wir das Verlangen nach Freude im Herzen. Woher kommt das? Wozu dient das?
Eine Spielart der Freude ist der Humor. Mit ihm, sagt man, gehe vieles besser. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Tatsächlich, er kann Schweres erleichtern und Balsam für eine verwundete Seele sein. Humor verdrängt das Schwere nicht, er sieht ihm ins Auge. Heinz Rühmann meinte, Humor sei
eine Sache, die man gar nicht ernst genug nehmen könne. Ein anderer schrieb: „Humor ist mitten in der Welt ein Morsezeichen für die Überwindung der Welt.“
Ausgerechnet auf einer Beerdigung habe ich die verwandelnde Kraft des Humors erlebt. Der Abschied war schmerzlich, die Trauer groß. Als Pfarrer, der das Ganze zu leiten hatte, erzählte ich auch etwas Lustiges aus dem Leben der in der Gegend sehr bekannten Verstorbenen, wovon mir die Familie berichtet hatte. Erlösendes Lachen ging unverhältnismäßig stark – wie eine kleine Explosion – durch die Friedhofskapelle. Ein Hauch von Heiterkeit lag von da an in der Luft, ausgelöst durch das Lachen getrösteter Menschen im Angesicht irdischer Vergänglichkeit. Es war, als hätte uns alle eine Ahnung gestreift, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird.
„Lachen ist gesund“, so heißt das Sprichwort. Mediziner wissen, dass bei herzhaftem Lachen Beta-Endorphin, ein Entspannungsstoff, gebildet wird. Dadurch vermehren sich die natürlichen Abwehrkräfte im Blut.
Ob Afrikaner, Inuit, Europäer, Chinesen – wir alle lachen gerne, als läge in jedem von uns die Ahnung: In der Vollendung wird Freude sein.
„Nektarsuche“
Wie Bienen, die nach Nektar suchen, sind wir hinter allem her, was unseren Durst nach Freude stillt. Dabei fliegen wir nicht alle zu den gleichen Blüten. Der eine wendet sich hierhin und der andere dorthin. Einer ist faul, ein anderer fleißig. Einer bummelt, der andere arbeitet sich kaputt. Einer verschwendet sein Geld, ein anderer ist geizig. In welche Richtung wir auch streben – wir alle wollen Freude, wollen lachen, suchen das große Glück in unserer kleinen Welt. Ein Bekannter von mir hatte Freude an seiner Briefmarkensammlung. Seine kleinen Kostbarkeiten machten ihn glücklich. Ein anderer hat sich ein prächtiges Haus gebaut. Allein der Teppich! Dagegen ist meiner eine Zeitung. Millionen Menschen gehen auf Reisen. Es treibt sie hinaus. Was steckt hinter ihrer Unruhe? Warum wollen sie gern an einem anderen Ort sein, in einem neuen Land? Warum tummeln sich an Karneval Menschenmassen in den Straßen? Sie treibt die Sehnsucht nach dem Anderssein, ein Verlangen nach Verwandlung! Einmal aus sich heraus können, zu einem neuen Leben finden, zu einem neuen Sein!
Seit es uns Menschen gibt, schreiben wir in Gedanken geheime Wunschzettel. Sehnsüchte quellen aus der Tiefe unserer Seelen empor wie Luftblasen vom Grund eines Sees.
An einem Sommerabend saßen wir mit Freunden im Freilichttheater von Mörbisch am Neusiedlersee. Die Scheinwerfer zogen Wolken von Motten und Mücken an. Sie umschwärmten den hellen Schein, als wollten sie ihn trinken, trinken, trinken.
So ergeht es uns Menschen: Wir sind auf der Suche nach Freude, wie Motten auf der Suche nach dem Licht. Schon Kinder sind gierig nach allem, woraus sie Freude saugen können. Sie suchen danach im Spiel, im Toben, Springen, Tanzen und Singen, im Laufen und Raufen, im Lauschen auf schöne Geschichten, im Lob, in Anerkennung, in kleinen und großen Geschenken. Sie sind ganz selig, wenn ihnen Gutes widerfährt!
Als ich klein war, tobte der Krieg. Doch ich selbst habe ihn als großes Abenteuer erlebt. Ich habe über unsere Soldaten gestaunt und ihre Uniformen bewundert. In unserer Nähe lag ein Truppenübungsplatz. Wir konnten die Männer aus der Ferne bewundern. Dann kamen die Amerikaner. Unsere Truppen flohen und warfen dabei ihre Uniformen weg, die sie schnell als Soldaten verraten hätten. Im Wald fand ich eine solche Soldatenjacke. Sie hatte Schulterklappen mit Sternen. Begeistert trennte ich mit dem Taschenmesser die Klappen von der Jacke und trug sie nach Hause. Wie viel Freude habe ich aus diesem Fund gesogen! Ich schlug meinen kleinen Notizkalender auf und schrieb hingebungsvoll: „Mein Glückstag!“
Mit dem Älterwerden ändert sich vieles.
Eines aber bleibt: Wir schwirren weiterhin wie die Bienen durchs Leben und suchen nach den Blüten, aus denen wir Lebenssüße saugen können. Vor allem suchen wir Freude, die möglichst nicht vergeht –wenn es sie denn gibt. -
Wir dürfen uns an unserem Wohlstand erfreuen. Wer Not gelitten hat, weiß, wie herrlich es ist, jeden Tag zu Essen und zu Trinken, Kleidung und ein warmes Zuhause zu haben. Vielen Menschen in unserer Welt bleibt das immer noch leidvoll versagt.
Doch Wohlstand kann uns kein erfülltes Leben bieten. Darum fällt es Wohlstandsbürgern zunehmend schwer, dankbar zu sein. Man schaue in ihre
Gesichter: Missmut hängt in ihren Zügen wie Wolken am Novemberhimmel.
Ich nehme an einer Führung durch die Behindertenabteilung eines Diakoniewerkes teil. Das Elend, das wir zu sehen bekommen, ist groß. Die Besucher äußern Bedauern. Neben mir äußert jemand: „Ach, nein, so etwas sollte man doch nicht leben lassen!“
Als wir nach einem kurzen Regenschauer ins Freie treten, scheint die Sonne. Die Luft ist würzig und klar. Ein Mädchen zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Es hat einen zu großen Kopf, keine Augen und nur einen Ansatz von Ohren. Es sitzt auf einer Schaukel
und holt selbst Schwung. Dabei gluckst es vor überschäumender Freude. In engen körperlichen Grenzen wohnt ein Freudenbündel!
Bald darauf stehe ich in der Fußgängerzone der nahegelegenen Stadt. Teuerste Ware in den Schaufenstern. Alles vom Feinsten. Aber die Mienen der Menschen, vor denen sich der Reichtum ausbreitet, verraten keinen Frohsinn – eher Langeweile. Missmut und Unzufriedenheit liegen auf den Gesichtern geplagter Wohlstandsbürger.
Ich denke an das behinderte Mädchen auf seiner Schaukel, höre im Geist sein Glucksen – das Lachen, das kindliche Glück, das wie ein Loblied auf den Schöpfer des Lebens geklungen hatte. Es hatte seine Angel nach oben ausgeworfen. Viele andere dagegen scheinen im Trüben zu fischen, sonst sähen sie nicht so trübsinnig drein. Von den Lippen der „Gesunden“ gehen eher Klagelieder aus. Lobgesänge wie aus dem Kindermund sind weitgehend verstummt.
Der verlorene Horizont
Wie eine schwere Decke liegt es auf den Menschen der westlichen Welt. Leere und Langeweile lasten auf den Gemütern. Zur Selbsterheiterung bieten wir Milliarden auf, die wir einer riesigen Unterhaltungsindustrie in den Rachen werfen.
Es gab eine Zeit, da haben die Menschen ihr Dasein als Weg zur Ewigkeit verstanden. Darauf waren
ihre Sinne gerichtet. Ihr Horizont reichte über das Irdische hinaus.
Dann aber, als sich der europäische Mensch aufgeklärt wähnte, wischte er den Horizont, der ins Weite führte, weg. Jetzt hatte er nur noch das Vergängliche und sich selbst. So entstand eine Leere – Langeweile.
Im 18. Jahrhundert galt sie als die Krankheit der Reichen, obwohl sie sich alles leisten konnten, was ihre Zeit ihnen bot. Aber ein erfülltes Leben ist nicht käuflich. Wer vom Reichtum zu viel erwartet, täuscht sich. Zur Bereicherung der Existenz trägt er selten bei.
So wurde Langeweile zur Begleiterscheinung des Lebens. Philosophen sprachen von der „Diktatur des Nichts“ (Schlegel) oder nannten die Langeweile, die „Krankheit ihres Jahrhunderts“ (Beaudelaire). Pascal erkannte die Langeweile als Ergebnis der inneren Leere des Menschen.
Nun sind wir Europäer verhältnismäßig reich –und doch langweilen wir uns sehr. Dass wir vor Langeweile dennoch nicht sterben, ist ein teurer Trick. Wir wissen zwar nicht, wie man Langeweile überwindet, aber wir wissen, wie man sie auf Knopfdruck überspielt, sie durch das Geplärr der stets verfügbaren Medien verscheucht.
Unterhaltung! Das ist keine Haltung, sondern eine Unterhaltung. Sie ist lediglich eine Form der Ablenkung.
Es lebe die Ablenkung!
Geschickt wird das Gefühl der Leere und Langeweile überdeckt. Wir werden durch den Wirtschaftswettlauf derart in Schach gehalten, dass wir vor lauter Geschäftigkeit nicht mehr zum Nachdenken über den Sinn unseres Tuns oder gar des Lebens kommen. Entertainment ist Trumpf. Der amerikanische Weltstar Tom Hanks sagte, die westliche Welt bestehe nur noch aus zwei Gruppen von Menschen: Leute, die andere unterhalten, und solche, die dafür bezahlen, dass sie unterhalten werden. Die neue Zweiklassengesellschaft. Das Verlangen des Menschen nach Zerstreuung ist grenzenlos. Es lebe die Ablenkung! Besinnung und Stille werden gemieden. Mit der Leere konfrontiert zu sein ist schwer. Der Mensch unserer Hemisphäre hat die Fähigkeit zur tiefen Freude weitgehend verloren. Dafür boomen die Mittel, die die Lust verstärken sollen, aber Abstumpfung bewirken. Eine gigantische Unterhaltungsindustrie hat es darauf angelegt, uns über unseren inneren Zustand hinwegzutäuschen. Die Leere des postmodernen Menschen ist zum Absatzmarkt für ganze Industriezweige geworden. Für unsere Unterhaltung zahlen wir Milliarden. Die Mücken von Mörbisch haben es da besser. Sie erfreuen sich des Lebens, ohne dafür zu zahlen. Am Ende aber ähneln sie uns wieder: Sie umtanzen ihr Licht, bis die Kräfte verbraucht und die Flügel verbrannt sind. Dann fallen auch sie ermattet ins Nichts.
Wir aber sind doch mehr als die Mücken von Mörbisch. -
Dadurch, dass wir uns unterhalten lassen, wird die Langeweile überspielt, jedoch nicht überwunden. Die Leere bleibt. Sie wird nur nicht mehr wahrgenommen. Die Ablenkungen unserer Medienwelt greifen. Wir fristen unsere Tage in einer exzessiven Erlebnisgesellschaft. Das Dasein muss Spaß machen. Hauptsache Spaß!
Frag nicht, wohin die Lebensreise geht, hab einfach Spaß! Es sieht so aus, als ob uns das voll gelingt, sind wir doch in der Lage, uns rund um die Uhr von allem Tiefgehenden abzulenken.
Doch die Ablenkung birgt eine Not: Wir werden betrogen und verführt. Wir werden kalkuliert, taxiert, geschätzt, ausgerechnet. Wir werden gesteuert und bezahlen unseren eigenen geistigen Verfall.
Dabei brennt in uns die Sehnsucht nach Wahrheit und Sinn, nach dauernder Liebe und Geborgenheit. Aber wir vermögen es kaum, unserer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Dass wir nach etwas suchen, bleibt in der Regel unbewusst. Der Horizont, der Sinn vermittelt, scheint weggewischt, und tausendfache Ablenkungen verscheuchen die großen Fragen. In den Herzen ist es eng geworden. Irgendwie ist das Gespür für das Weite verloren gegangen.
Da existieren wir nun in unserer kleinen Welt. An Spaß mangelt es nicht. Aber Freude, die trägt, selbst wenn uns Leid trifft oder das Sterben sich meldet, findet sich selten.
Spaß ist nicht Freude. Überkommt uns ein Unglück, ist der Spaß vorbei. Echte Freude dagegen kann selbst durch Leid, Sterben und Tod hindurch die tragende Kraft des Lebens sein.
Gegen Spaß wäre nichts zu sagen, würde die Sucht danach nicht alles Große und Schöne überlagern. Unsere Gesellschaft begnügt sich mit Freudenersatz. Das Original ist verloren gegangen. Viele haben ein heiteres Leben gelebt. Sie haben Spaß gehabt, Gutes erfahren, Beachtliches geschaffen. Nun müssten sie erfüllt und dankbar sein. Stattdessen sind sie am Ende verbittert. Sie haben das Leben genossen, aber nicht gefragt, was wirklich zählt.
Doch Leben heißt auch Abschied nehmen. Es kommt die Zeit, in der wir loslassen müssen. Wer nichts anderes gekannt hat als das Vergängliche, ist am Ende enttäuscht. Kälte zieht ein, verzweifelte Erinnerung.
So geht es uns mit jeder irdischen Freude. Sie ist wie ein Feuer, an dem der Mensch sich erwärmt. Aber langsam erlischt das Feuer, und der Mensch steht da und friert. Dann meldet sich der Tod. Die Freuden, die das Leben bewegt haben, sind verrauscht. Im Angesicht des Todes halten sie nicht stand. Was aber im Sterben nicht hält, hat auch im Leben nie gehalten. Es hat nur hingehalten.
Sehnsucht nach Ewigkeit
Wir unterschätzen unsere Sehnsucht. Unser Verlangen nach Leben ist größer, als wir ahnen. Die Freuden unseres Lebens sind zu klein, um uns endgültig zu erfreuen. Warum sind sie zu klein?
Sie sind zu klein, weil unsere Sehnsucht nach Freude zu groß ist. Nietzsche wusste: „Doch alle Lust will Ewigkeit –, will tiefe, tiefe Ewigkeit!“2 Hat dieses mächtige Verlangen Aussicht, erfüllt zu werden? Gibt es sie, die tiefe Ewigkeit?
Hunger weist darauf hin, dass es Sättigung, d. h. Essen und Trinken, gibt. Nahrung garantiert unseren Fortbestand. Hunger weist auf die Erhaltung des Lebens hin.
Und die Ewigkeitssehnsucht der Menschen? Sollte ausgerechnet dieser Hunger ins Leere führen?
Die Sehnsucht nach Ewigkeit ist der Hinweis, dass es Ewigkeit gibt. Welchen Sinn hätte die Sehnsucht sonst?
Alles kommt irgendwoher
Das Unvergängliche ist wirklicher als das Vergängliche. Manch einer lacht, weil er gerade Spaß hat, doch seine Seele weint. Sie sträubt sich dagegen, mit
2 Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil.
Vergänglichem abgespeist zu werden. Ihr Wesen besteht darin, dass sie für die Ewigkeit geschaffen ist, und dort wird gewiss viel gelacht, denn dort ist Freude über Freude, sagt das Buch der Bücher.
Ewigkeit – das ist kein Mengenbegriff. Sich ein unerschöpfliches Quantum an Zeit vorzustellen, wäre zu kurz gegriffen. Ewigkeit meint Lebensqualität, Gemeinschaft mit dem Schöpfer der Welt.
Ewigkeit ist keine Größe, die kommt, wenn das Zeitliche vorbei ist. Sie hat weder Anfang noch Ende. Sie ist allezeit! Sie umfängt und durchdringt unsere Welt. Jetzt! Sie tritt in unser vergängliches Dasein ein, um uns zu ergreifen – wenn wir es denn zulassen. Viele glauben nur, was sie sehen. Als müssten sie das noch glauben. Ihnen scheint zu entgehen, dass uns unsere Sinne nur Oberflächen zeigen. Gern wird nach Beweisen des Ewigen gefragt, als wäre es ein Teil der geschaffenen Welt. Viele halten die Existenz des Universums für Zufall. Es komme nirgendwoher, sei einfach da.
Dabei sagt schon der Volksmund: „Von nichts kommt nichts“, und der Naturwissenschaftler bestätigt es. Alle Dinge kommen irgendwoher. Es ist schon ein seltsamer Glaube, der meint, die Summe aller Dinge käme aus dem Nichts.
Da geht jemand durch die Natur und heftet im Geist jedem Grashalm ein Etikett an – Zufall. Jede Pflanze – Zufall. Jedes Tier – Zufall. Sonne, Mond und Sterne – alles Zufall. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind – Zufall. Jede der hundert Billionen Synapsen im menschlichen Gehirn – reiner Zufall.
Dass er sich in seinem Glauben an den Zufall irren könnte, darauf kommt der Zeitgenosse nicht. Er hält sich für einen Realisten und ist doch nicht in der Wirklichkeit zu Hause. Merkt er denn nicht, dass ihm mit jedem Grashalm Signale durchdachter Schöpfung entgegenwinken? Aus der Fülle der Gestalten blickt uns der Gestalter an, aus der Fülle der Gaben der Geber.
Was heißt im Blick auf das Universum überhaupt Zufall? Eine taktische Vokabel ist es, ein Verschleierungswort für etwas, was wir nicht kennen, aber doch ahnen. Das Wort Zufall ist das Feigenblatt, mit dem vermeintliche Realisten eine Blöße bedecken.
Ähnlich ist es, wenn wir „Evolution“ sagen. Evolutionstheorie ist genau das, was der Name sagt: Theorie. Damit umzugehen ist Gläubigkeit. Niemand hat Evolution mit eigenen Augen gesehen, niemand den Prozess der Evolution selbst beobachten können. So lehren die Professoren die Studierenden nur ihre Meinung. Sie sind eher Pseudopriester, die einen Irrglauben lehren, als Wissenschaftler, die etwas Gültiges in Händen halten.
Wer glaubt denn wirklich, dass eine blinde, gefühllose, aus dem Nichts entstandene Evolution das Geheimnis des Lebens ist? Wie wollen wir denn da die Würde des Menschen begründen, wenn wir aus dem Nichts kommen und dann über Würmerfraß und Asche für die Urne wieder zu nichts werden?
Geist und Materie
Da stellte Gott den Menschen ins Universum. Er hat ihn mit einem derart hohen Geist ausgestattet, dass dieser sich im Gegensatz zu allen anderen Erdenbewohnern seiner selbst bewusst wird. Er erlebt um sich herum eine Fülle von Geschöpfen und Dingen. Die Welt, in der er sich vorfindet, ist voller Wunder. Jeder Baum, jeder Apfel, jeder Stein hat ein verborgenes Leben, das unser bloßes Auge nicht sieht. Ob organische oder anorganische Materie, alles zeugt vom Schöpfergeist.
Ein Stein zum Beispiel: Wir können seine Bestandteile in chemische Formeln fassen. Chemische Formeln sind etwas Geistiges. Mit ihrer Hilfe beschreiben wir nicht geistige Vorgänge. In einem „toten“ Stein geht vieles vor. Er ist voller Geheimnisse. Man frage die Atomphysiker. Nur für Denkfaule bleiben Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen ohne Geheimnis.
„Nur der Gottlose meint, er sei ein Kenner, und nur der Narr gibt sich zufrieden mit dem, was er nicht weiß.“3 Unser Geist kann den Stein nur erfassen, weil dieser aus dem Geist entstanden ist. Wenn wir das bereits vom Gestein sagen können, um wie viel mehr vom Universum und von allem, was lebendig ist!
Die Geschöpfe und Dinge um uns herum zeugen nicht nur in sich selbst vom Geist. Sie tun es auch in ihrer Zuordnung und Vernetzung untereinander.
3
Bohren, Ungeist, S. 127
Ordnungen entstehen erfahrungsgemäß nicht aus sich selbst. Da ist ein Ordnender am Werk. Schon die Alltagserfahrung, einen Haushalt oder ein Büro zu führen, zeigt, dass es Ordnung ohne ordnenden Geist nicht gibt. Ohne Geist ist Chaos.
Welch einen Kosmos an Ordnung stellt ein Gänseblümchen dar! Ist dafür nicht Geist notwendig? Ein Arzt erklärte mir die Funktion meines Herzens. Ich begriff, dass in meiner Brust ein Meisterwerk der Ingenieurskunst schlägt – und das etwa 100 000-mal am Tag. Oder das Auge: Ein Wirrwarr an Strahlen ordnet sich zu einem Bild. Wir sehen nicht nur. In uns ist etwas, das sieht. Oder der Mensch als Ganzer. Das Zusammenspiel seiner Atome mit den Zellen, dem Gehirn und den Billionen von Synapsen, den Nerven, Blutgefäßen, Organen, Adern, Muskeln, Knochen, dem Knorpel, der Haut in einer atemberaubenden Leib-/Seele-/Geist-Komposition – das kann nicht alles aus sich selbst geschehen. Was ist es, das diese Vielfalt entstehen ließ und zum Ganzen der Person verwob?
Wir haben das nicht gewirkt. Es ist uns widerfahren.
Aber woher widerfuhr es uns?
Die bloße Theorie „Evolution“ erklärt gar nichts. Evolution beschreibt lediglich ein möglichen Werdegang. Das Buch der Bücher weiß aber schon lange: „Und Gott sprach: Es werde Licht!“ Die Schöpfung des Lichts und alles anderen – durch Gott. Entscheidend sind das Woher und das Wohin des Werdegangs.
Das Ganze des Menschen ist mehr als die Summe seiner Teile. Was ist das Ganze? Es ist unser Geheimnis, ausgerechnet das aber lässt sich nicht auf den Seziertisch legen. Das Geheimnis, das uns ausmacht, ist unsichtbar. -
Das Universum mit seinen Abermilliarden Himmelskörpern auf sekundengenau berechneten Bahnen, die Menschen, die Tiere und Pflanzen, das alles soll sich von selbst organisieren, ohne ordnenden Geist? „Tollkühner“ Glaube. Er widerstrebt jeder Erfahrung.
Die Wissenschaften gewinnen immer tiefere Einblicke in das Naturgeschehen. Sie erfinden nichts, sie finden. Finden lässt sich nur, was da ist, was gegeben ist. Da kommt die drängende Frage nach dem Woher des Gegebenen auf. Das Zusammenspiel der Geschöpfe und Dinge zu einer unfassbaren Schöpfungssinfonie wird von einer Geistesmacht dirigiert, für die uns jede Vorstellungskraft fehlt.
Wir können nicht davon ausgehen, dass das Universum und mit ihm das Dasein des Menschen ein Wurf ins Leere ist. Unsere Aussichten auf Ewigkeit sind besser, als wir ahnen. Die Sehnsucht des Menschen ist zu einer Wirklichkeit hin erschaffen, die alles, was wir uns vorstellen können, übersteigt.