WIE DIE
DIE WIR ATMEN
Warum wir alle an Freiheit, MenschenwĂĽrde und Gleichheit glauben
Glen Scrivener
Wie die Luft, die wir atmen
Warum wir alle an Freiheit, MenschenwĂĽrde und Gleichheit glauben
Best.-Nr. 271878
ISBN 978-3-86353-878-1
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Best.-Nr. 180236
ISBN 978-3-85810-629-2
Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch
Titel des englischen Originals : The Air We Breathe
How We All Came to Believe in Freedom, Kindness, Progress, and Equality
Copyright © Glen Scrivener, 2022
Published by : The Good Book Company www.thegoodbook.co.uk
Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet : Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten / Holzgerlingen. Außerdem wurden folgende Bibelübersetzungen verwendet : Neue evangelistische Übersetzung ( NeÜ ), Neue Genfer Übersetzung ( NGÜ ), Luther 2017 ( LUT ) und Neues Leben Bibel ( NLB ).
1. Auflage
© 2023 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Ăśbersetzung : Dr. Friedemann Lux
Satz und Umschlaggestaltung : Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotive : @ Canva Pro/gluiki (Wolke), moonnoon (Buchstaben)
GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gerne kontaktieren: info@cv-dillenburg.de
Inhalt
Einleitung
Ein älterer Goldfisch begegnet ein paar jungen Goldfischen.
Der Alte : » Na, wie ist das Wasser, Jungs ? «
Die Jungfische : » Wasser ? Was ist das – Wasser ? «
Goldfische können kein Wasser sehen. Sie sehen natürlich, was in dem Wasser ist, aber ich nehme einmal an ( ja, es ist eine Annahme ; ich habe das nicht wissenschaftlich untersucht ), dass sie das Wasser selbst nicht wahrnehmen. Aber es ist da. Es ist ihre Umgebung – allgegenwärtig, aber halt unsichtbar. Es prägt alles, was sie tun und was sie sehen, aber sie können es nicht sehen.
Womit wir bei der Grundthese dieses Buches sind : Wenn Sie zur westlichen Kultur, also zum sogenannten Abendland, gehören, dann sind Sie – auch wenn Sie nie eine Kirche betreten oder eine Bibel aufgeschlagen haben und sich selbst als Atheisten, Heiden oder Jedi-Ritter aus dem » Krieg der Sterne « betrachten – wie ein Goldfisch, und das Wasser, in welchem Sie schwimmen, ist das Christentum.
Man kann es auch so ausdrücken : Das Christentum ist wie die Luft, die wir atmen. Es ist unsere Atmosphäre, unsere Umgebung – unsichtbar, aber allgegenwärtig. Und jetzt bitte
ich Sie, ganz in der Tradition eines geistlichen Lehrers ( ich bin anglikanischer Pastor ; das passt doch, nicht wahr ? ), ruhig zu werden und sich auf Ihre Atmung zu konzentrieren.
Das ist eine Technik, die wir in vielen der großen religiösen Traditionen finden.
Ein spiritueller Lehrer fordert Sie nicht auf, mit dem Atmen anzufangen. Das können Sie schon längst ; mit Ihren 20 000 Atemzügen pro Tag sind Sie ein Naturtalent ! Aber es ist etwas anderes, achtsam zu atmen, jeden Atemzug bewusst wahrzunehmen. Tun Sie das gerade ? Dann ist Ihr Atem gerade langsamer geworden. Sie merken, wie sehr Sie Luft brauchen und dass Sie einen Körper haben, der seine Rhythmen und Bedürfnisse und seine Leiblichkeit hat. Sie merken, dass um Sie herum eine Welt ist, mit der Sie verbunden sind und in der Sie einen Platz haben.
Dieses Buch ist ein wenig wie eine Atemübung. Aber ich rede nicht über Sauerstoff, sondern über Glaubensinhalte und Einsichten. Mein Ziel ist es, dass Sie Ihre Abhängigkeit von Ihrer Umgebung entdecken und Ihren Standort in der Welt der Ideen. Dieses Buch möchte Ihnen die Gelegenheit geben, innezuhalten und die zutiefst christliche Atmosphäre zu entdecken, in der Sie leben.
Ich höre, wie Sie protestieren : » Christlich ? Ich habe nicht den Eindruck, dass die Welt, in der ich lebe, besonders christlich ist. « Nun, in diesem Buch werde ich genau das Gegenteil behaupten. Sie können selbst entscheiden, ob mir das gelingt, aber meine These ist : Wir sind von Werten und Zielen bestimmt ( und von Denkweisen, wie wir Werte und Ziele reflektieren ), die klar und deutlich und sehr tief von
der Jesus-Revolution geprägt sind ( auch als » Christentum « bekannt ). Diese Werte sind mittlerweile so allgegenwärtig, dass wir sie als universell, selbstverständlich und natürlich betrachten : wie die Luft, die wir atmen.
In den folgenden zehn Kapiteln wollen wir uns das anschauen, was wir gemeinhin für selbstverständlich halten. Ich hoffe, dass alle Leser einen Nutzen davon haben werden, egal, wo sie religiös stehen. Ich möchte den möglichen Nutzen kurz darstellen, und zwar für drei typische Gruppen von Lesern.
Der Blick von außen : die Unreligiösen
Die Unreligiösen sind ein wachsendes Segment in den westlichen Ländern. Es sind die, die auf Fragebögen bei » Religion « » keine « ankreuzen. Vielleicht sind Sie das. Sie sagen : » Christentum ? Was ist das noch mal ? « Sie kennen sich nicht aus mit den Lehren des christlichen Glaubens. Sie sind interessiert genug, um dieses Buch zu lesen, aber Sie tun dies als jemand, der religiös völlig unmusikalisch ist. Meine erste Frage an Sie ist : Sind Sie sich da so sicher ? Goldfische mögen keine Ahnung von den chemischen Eigenschaften von H2O haben, aber es ist dennoch wesentlich für ihr Leben. Und so wette ich, dass die Themen der folgenden Kapitel eine Saite in Ihnen zum Klingen bringen werden : Gleichheit, Barmherzigkeit, Freiwilligkeit, Aufklärung, Wissenschaft, Freiheit, Fortschritt. Keiner dieser Werte ist selbstverständlich, und ihre Verbreitung unter den Kulturen dieser Welt ist begrenzt. Wo kommen sie her, und wie wurden sie zu der » Luft, die wir atmen « ?
Wir können diese Frage mit vier Worten, in zwei Sätzen oder in zehn Kapiteln beantworten. Die Vier-Worte-Antwort lautet : durch den christlichen Glauben. Die Version in zwei Sätzen lautet etwa so :
Der durchschlagende Einfluss des Christentums zeigt sich darin, dass wir ihn nicht weiter bemerken. Wir haben sie bereits, die » christlichen « Einstellungen und Werte, und die Tatsache, dass wir sie als natürlich, selbstverständlich oder universal betrachten, zeigt, wie tief die christliche Revolution uns geprägt hat.
Sie haben davon noch nie gehört ? Sie finden es komisch, dumm oder anmaßend ? Das ist okay ; ich erwarte nicht, dass Sie mir spontan zustimmen. Vor mir liegt eine Menge Arbeit –daher ja die zehn Kapitel. Aber wenn Sie dabei sind, werde ich Sie gleich auf eine Reise von der Antike zur Moderne und vom Anfang der Bibel bis zum Ende der Menschheitsgeschichte mitnehmen. Ich hoffe, dass wir unterwegs etwas Spaß haben werden, dass Sie ein vertieftes Verständnis für Ihre Lieblingswerte bekommen, vor allem aber, dass Sie die Kraft und Tiefe von Jesus und seiner Revolution erkennen. Aber vorher möchte ich noch ein paar Worte zu den beiden anderen Lesergruppen sagen.
Der Blick zurück : die ehemals Religiösen
Vielleicht kennen Sie das Christentum sehr wohl, haben sich aber bewusst davon verabschiedet. Sie wollen nichts mehr davon wissen, dass der christliche Glaube die Luft ist, die Sie atmen. Sie sagen : » Das hab ich hinter mir gelassen.
13 Jahre Bekenntnisschule, vielen Dank auch ! « Oder : » Ich habe mich als junge Frau mit dem christlichen Glauben befasst, und er hat mich nicht überzeugt. « Oder : » Früher bin ich in die Kirche gegangen, aber jetzt nicht mehr. « Ich nehme alle diese Fälle sehr ernst und respektiere die Gründe, warum der christliche Glaube nichts für Sie ist.
Aber ich glaube nicht, dass Sie das Christentum wirklich hinter sich gelassen haben. Sie haben ja auch nicht mit dem Atmen aufgehört. Vom christlichen Glauben kann man nicht sagen : Ja, damals … Wie unsere Atemluft ist auch das Christentum so allgegenwärtig, dass wir nicht einfach ohne es leben können, selbst in den Momenten, wenn wir dagegen protestieren.
Wir können dem christlichen Glauben alles Mögliche vorwerfen : Diskriminierung, Grausamkeit, Zwang, Ignoranz, Wissenschaftsfeindlichkeit, Unfreiheit oder Rückständigkeit. Dies sind einige der üblichen Einwände gegen das Christentum, und manchmal liegen sie nicht falsch. Aber ich habe diese sieben Einwände nicht auf gut Glück gewählt. Sie sind einfach die Umkehrungen der sieben christlichen Kernwerte, die ich in diesem Buch vorstelle, und ihre Schlagkraft rührt daher, dass wir tief drinnen alle an diese sieben Kernwerte glauben. Unsere Probleme mit dem Christentum ( und wir alle haben diese Probleme, vor allem aber die Christen ! ) sind eigentlich typisch christliche Probleme.
Wenn Sie also » mit dem Christentum fertig « sind, dann möchte ich Ihre Kritikpunkte ernster nehmen ( und nicht weniger ernst ). Ich möchte, dass Sie sich diesen Problemen stellen, denn wenn Sie diese Kernwerte neu entdecken, kommen Sie womöglich auch dem eigentlichen Wesen
des christlichen Glaubens näher. Am Ende dieses Buches möchte ich Ihnen einige positive Schritte nach vorne zeigen –nicht, um Ihrer Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern um ihr einen Boden unter den Füßen zu geben.
Aber jetzt zu der dritten Lesergruppe.
Der Blick von innen : die Frommen
Vielleicht sind Sie Christ und betrachten ungläubig eine zunehmend zerrissene Welt. Sie fragen sich, wie es dazu kommen konnte, wie es weitergehen wird und ob Ihr Glaube, der so alte Wurzeln hat, Antworten für heute liefern kann. Ich möchte Ihnen die Augen dafür öffnen, dass das, was wir in unserer Welt erleben, die fortdauernden Nachbeben der Jesus-Revolution sind – einer Revolution, die vor langer, langer Zeit vorausgesagt, verkündet und in Gang gesetzt wurde und die wir noch heute in unserem Alltag erfahren. Ich hoffe, dass das Studium der Entwicklung dieser Revolution Ihren Glauben stärken und Ihnen Mut machen wird, ihren Weg weiterzugeben. Jesus Christus ist kein exotisches Randthema für ein paar Hobby-Theologen ; er ist der Herr der Geschichte und der, der unserem Leben, unserem Glauben, unserem Tun und unserer Welt ihren Sinn gibt.
Was Sie erwartet
Hier ist das Programm der Reise, auf die ich Sie mitnehmen möchte. Als Erstes möchte ich Ihnen zeigen, dass die Luft, die wir atmen, eine ganz besondere Luft ist. Dazu müssen wir unsere gewohnte Umgebung verlassen. Ich wusste gar nicht, wie Australien duftet, bis ich ins Ausland ging. Die Luft in
meiner Heimat riecht nach Eukalyptus, aber das merkte ich erst in den Jahren, die ich woanders verbrachte, und wenn ich heute wieder einmal zurück nach Sydney fliege, ist das Erste, was mir dort auffällt, dieses warme, leicht süßliche Aroma der Luft. Im nächsten Kapitel möchte ich mit Ihnen hinaus aus unserer vertrauten Umgebung gehen und eine Reise in die Antike machen, in die Welt vor dem Christentum. Wir werden merken, wie ganz anders die damalige Kultur und ihr Glaube, ihre Vorstellungen und Ideale waren. Wir halten unsere moderne, liberale westliche Weltsicht für selbstverständlich, aber andere Länder und andere Zeiten erzählen hier eine ganz andere Geschichte. Wie der Schriftsteller L. P. Hartley einmal sagte : » Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, wo alles anders ist. «
Als Nächstes werden wir uns einigen der wichtigen Meilensteine im Lauf der Geschichte des Christentums zuwenden ; wir wollen sieben Grundwerte betrachten, die zentral für das moderne Weltbild sind :
• Gleichheit : Wir glauben, dass jedes Glied der Familie der Menschheit den gleichen moralischen Status hat, unabhängig von Rang, Rasse, Religion, Geschlecht oder Orientierung.
• Barmherzigkeit : Wir glauben, dass eine Gesellschaft danach beurteilt werden sollte, wie sie ihre schwächsten Glieder behandelt.
• Freiwilligkeit : Wir glauben, dass die Mächtigen kein Recht haben, den Schwächeren ihren Willen aufzuzwingen.
• Aufklärung : Wir sind überzeugt von Bildung für alle und von ihrer die Gesellschaft verändernde Kraft.
• Wissenschaft : Wir glauben an die Fähigkeit der Wissenschaft, uns die Welt besser verstehen zu lassen und unser Leben zu verbessern.
• Freiheit : Wir glauben, dass Menschen kein Besitz sind und dass jeder der Herr seines eigenen Lebens sein sollte.
• Fortschritt : Wir glauben, dass es möglich ist, die Gesellschaft im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln, und dass es unsere Aufgabe ist, Missstände immer wieder neu zu beseitigen.
Im Zentrum dieses Buches stehen diese sieben Kapitel. Wir bewegen uns dabei im Großen und Ganzen mit jedem Kapitel ein Stück weiter in die Zukunft, von den Anfängen, wie die Bibel sie beschreibt, bis heute, also vom 1. Buch Mose bis zu George Floyd1. Das Kapitel über Gleichheit blickt zurück ins Alte Testament, das Kapitel über Barmherzigkeit beschäftigt sich mit dem Wirken Jesu von Nazareth ( im Neuen Testament ). Das Freiwilligkeitskapitel skizziert die Entstehung der alten Kirche und ihre moralische Revolution, das Aufklärungskapitel zeichnet einige Entwicklungen zwischen dem Fall Roms 410 n. Chr. und der Reformation im 16. Jahrhundert nach. Das Kapitel über Wissenschaft konzentriert sich auf die Väter der modernen wissenschaftlichen Methode ( 16. und 17. Jahrhundert ), das Kapitel über Freiheit geht auf die Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels und die Zeit danach ( 18. und 19. Jahrhundert ) ein. Und im Fortschrittskapitel schließlich werden wir uns das 20. Jahrhundert anschauen, einschließlich seiner
moralischen Monster ( wie Adolf Hitler ) und Helden ( wie Martin Luther King ).
Was Sie nicht erwartet
Sie werden es schon gemerkt haben : Ich schreibe dieses Buch aus einer sehr » abendländischen « Perspektive. Ich tue dies allerdings definitiv nicht, weil ich der Meinung wäre, dass » im Westen alles am besten « ist. Das ist es nicht. Wir werden auf unserer Reise furchtbaren Dingen begegnen, und selbst die » Erfolge « sind ziemlich gemischt. Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Geschichte des Christentums viel globaler ist, als ich sie im Folgenden darstelle. Lange bevor sich das europäische Christentum in der Welt durchsetzte, hatte sich der Glaube im Süden und Osten ausgebreitet. Eines der ersten » christlichen « Länder der Welt war Äthiopien, und das Byzantinische Reich steht für eine tausendjährige christianisierte Zivilisation, die in vieler Hinsicht heller strahlte als ihr » jüngerer Bruder « im Westen. Heute ist das Christentum das vielfältigste soziologische Phänomen, das die Welt je gesehen hat. Etwa ein Viertel der Christen lebt in Mittel- und Südamerika, jeweils ein Viertel in Afrika und in Europa ; das letzte Viertel verteilt sich zu ziemlich gleichen Teilen auf Nordamerika und Asien. Dabei ist das Wachstum der Kirchen seit Längerem schon im Süden und Osten am stärksten. So ist die Christenheit in China in den letzten 40 Jahren pro Jahr um ca. 10 Prozent gewachsen ; sollte dieser Trend anhalten, wird es bis 2030 mehr Christen in China geben als in den USA. Das Christentum ist kein » westliches « Phänomen.2
Warum konzentriere ich mich dann in diesem Buch auf den Westen ? Aus zwei Gründen. Erstens hat der Westen die Welt zweifellos massiv geprägt, im Guten wie im Schlechten ( und ja, wir werden uns auch das Schlechte ansehen ). Ich selbst gehöre zu der weltweiten anglikanischen Gemeinschaft, dem drittgrößten Kirchenverbund der Welt. Ihre Gliedkirchen sind sämtlich Abkömmlinge der Church of England und ihrer Geschichte, aber der heutige Durchschnittsanglikaner ist ein schwarzes Teenagermädchen aus Nigeria,3 und in Nigeria gibt es mehr Anglikaner, als Großbritannien Einwohner hat. Ich als jemand, der im fernen Australien aufgewachsen ist, und diese nigerianische Teenagerin aus Lagos haben denselben geistlichen Stammbaum, mit Wurzeln, die um die ganze Welt reichen. Die Geschichte des Westens zu studieren heißt nicht, die Geschichte der restlichen Welt auszublenden, sondern sie besser zu verstehen.
Der zweite Grund dafür, warum ich mich auf den Westen konzentriere, ist schlicht, dass ich zunächst für Leser der englischsprachigen Welt ( vor allem in Großbritannien, den USA und Australien ) schreibe. Ich schreibe über die Luft, die ich selbst einatme, und ich schätze, dass Sie in einer ganz ähnlichen Umgebung leben. Es gibt auch Länder mit einer anderen Atmosphäre, aber wenn wir uns » auf unsere Atmung konzentrieren « wollen, müssen wir da anfangen, wo wir sind.
Ein anderer Punkt, der Ihnen an diesem Buch auffallen wird, ist sein unregelmäßiger Umgang mit der Zeitschiene. Manche Kapitel haben ein ganzes Jahrtausend oder noch mehr im Blick, andere beschränken sich auf ein Jahrhundert.
Das liegt daran, dass es mir mehr um die Dokumentation der sieben Grundwerte geht als um ihre Chronologie. Ich bin kein Historiker, sondern Philosoph und Theologe. Mir geht es mehr um » Ideen « als um Daten, und dies ist ein relativ kurzes Buch. Für den Leser, der gerne tiefer schürfen möchte, möchte ich die folgenden von Experten geschriebenen Bücher vorschlagen, die mir selbst geholfen haben :
•Zu » Gleichheit « : Larry Siedentop, Die Erfindung des Individuums : Der Liberalismus und die westliche Welt ( Stuttgart : Klett-Cotta, 2022 )
•Zu » Barmherzigkeit « : Larry Hurtado, Destroyer of the Gods ( Baylor University Press, 2017 )
•Zu » Freiwilligkeit « : Kyle Harper, From Shame to Sin ( Harvard University Press, 2016 )
•Zu » Aufklärung « : Seb Falk, The Light Ages ( Penguin, 2021 )
•Zu » Wissenschaft « : Jeff Hardin u. a. ( Hg. ), The Warfare between Science and Religion : The Idea That Wouldn’t Die ( John Hopkins University Press, 2018 )
•Zu » Freiheit « : David Brion Davis, In the Image of God ( Yale University Press, 2001 )
•Zu » Fortschritt « : Alec Ryrie, Protestants ( Penguin, 2017 )
Zum Studium des größeren historischen Zusammenhangs empfehle ich u. a. die folgenden Titel :
•Tom Holland, Herrschaft. Die Entstehung des Westens ( Stuttgart : Klett-Cotta, 2021 )
•David Bentley Hart, Atheist Delusions ( Yale University Press, 2010 )
•Vishal Mangalwadi, Das Buch der Mitte. Wie wir wurden, was wir sind. Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur ( Basel : Fontis, 2014 )
•Rodney Stark, The Triumph of Christianity ( Bravo Ltd., 2012 )
•John Dickson, Bullies and Saints ( Zondervan, 2021 )
•Joseph Henrich, Die seltsamsten Menschen der Welt ( Berlin : Suhrkamp, 2022 )
Diese Historiker, Wissenschaftler und Soziologen, ob sie Christen sind oder ( meistens ) nicht, kommen alle zu demselben faszinierenden Ergebnis : Unsere modernen, westlichen Werte sind alles andere als normal. Sie sind » seltsam «, wie Joseph Henrich es ausdrückt.4 Unsere westliche Weltsicht ist im Gesamtzusammenhang der Weltgeschichte definitiv eine Ausnahmeerscheinung. Sie herrscht in Kulturen, die westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch sind. Und – so fahren Henrich und die anderen oben genannten Autoren fort – diese Kulturen konnten nur deshalb so werden, weil sie durch das Christentum geprägt wurden. Die Wurzeln des seltsamen Westens liegen eindeutig in der Jesus-Revolution.
Die beiden letzten Kapitel gehen der Frage nach, was all dies für uns bedeutet. Kapitel 9 zeichnet die Lage nach, in der der Westen sich heute befindet. Kapitel 10 legt dar, wie die Bibel diese Entwicklung schon vor langer Zeit vorhergesagt hat. Und ganz zum Schluss ziehe ich ein paar Schlussfolgerungen für die » Unreligiösen «, die » ehemals Religiösen « und die » Frommen «.
Aber jetzt wollen wir als Erstes einen Besuch machen in jenem fremden Land namens Vergangenheit. Erforschen wir das Denken und die Einstellungen der alten Welt, bevor das Christentum kam. Durch die Brille des Christen gesehen war die Nacht vor Weihnachten sehr lang.