271870

Page 1


ERWIN LUTZER

Denen, die anders glauben, mit Überzeugung und Mitgefühl dienen

Erwin Lutzer

Kein Grund, sich zu verstecken Denen, die anders glauben, mit Überzeugung und Mitgefühl dienen

Best.-Nr. 271870

ISBN 978-3-86353-870-5

Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

Best.-Nr. 180228

ISBN 978-3-85810-620-9

Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch

Titel des amerikanischen Originals: No Reason to Hide

Copyright © 2022 von Erwin W. Lutzer

Veröffentlicht von Harvest House Publishers Eugene, Oregon 97408 www.harvesthousepublishers.com

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne vorherige Genehmigung des Herausgebers in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln – elektronisch, mechanisch, digital, durch Fotokopie, Aufzeichnung oder auf andere Weise – vervielfältigt, gespeichert oder übertragen werden, mit Ausnahme von kurzen Zitaten in gedruckten Rezensionen.

Es wurden folgende Bibelübersetzungen verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

NeÜ bibel.heute © 2010-2023 Karl-Heinz Vanheiden und Christliche Verlagsgesellschaft

1. Auflage

© 2023 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Übersetzung, Lektorat, Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotive: unsplash.com/Joe Woods (Wand); © freepik.com/Vectorium (Poster), upklyak (Klebezettel)

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany

Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gerne kontaktieren: info@cv-dillenburg.de

Inhalt

Vorwort des deutschen Herausgebers .

15

Beuge dich nicht, wenn Standhaftigkeit gefragt ist . . . . . 19

H. B. Charles Jr.

1. Aufgeben, untergehen oder schwimmen .

Wenn unser Schiff versenkt wird, brauchen wir Helden, die schwimmen können

2. Lassen wir uns durch kollektive Verteufelung einschüchtern?

Für Christus einzutreten bedeutet oft, von der Gesellschaft abgelehnt zu werden

3. Werden wir die größte Lüge und zugleich liebste Illusion unserer Nation entlarven?

Wenn wir uns selbst an die Stelle Gottes setzen, müssen wir mit den schrecklichen Konsequenzen leben

4. Werden Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion für Einheit oder Spaltung sorgen?

Das Evangelium zeigt uns, dass es trotz Vielfalt echte Einheit geben kann

5. Können wir etwas tun, um unsere Geschichte von Rassismus, gestohlenem Land und Kollektivschuld zu überwinden?

Wir müssen aus unserer Vergangenheit lernen, dürfen aber nicht an sie gebunden sein

23

43

69

97

133

6. Lassen wir uns von der Sprache der Propagandisten täuschen? .

Die Wahrheit ist in einer heidnischen Welt nie willkommen

7. Werden wir einen Kompromiss mit der christlichen Linken eingehen?

Eine falsche Auffassung von Liebe kann eine Entschuldigung für schwerwiegende Kompromisse sein

8. Werden wir die Fiktion einer geschlechtsneutralen Gesellschaft ablehnen?

Wenn wir die von Gott geschaffene Ordnung zerstören, zerstören wir uns selbst.

9. Werden unsere Kinder vom Feind indoktriniert werden?

Eltern, seid gewarnt: Gott macht uns für die Erziehung unserer Kinder verantwortlich!

10. Werden wir uns dem großen globalen Umbruch unterwerfen?

Eines Tages werden Politik, Religion und Wirtschaft unter einem globalen Herrscher vereinigt sein

11. Werden wir den Segen des Leidens um des Evangeliums willen annehmen?

Wir müssen unsere Auffassung davon, was es bedeutet, für Christus zu leiden, überdenken

Epilog: Jesus lehrt uns, wie wir erfolgreich das Ziel erreichen können

193

Aufgeben, untergehen oder schwimmen

So fürchtet nun den HERRN und dient ihm in Aufrichtigkeit und Treue! ...

Ist es aber übel in euren Augen, dem HERRN zu dienen, dann erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt ...

Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen.

JOSUA 24,14-15

Es gab eine Zeit in Amerika – und das ist noch gar nicht so lange her – da mussten wir Christen in den sogenannten Kulturkriegen um uns herum nicht Partei ergreifen. Wir konnten inmitten aller Menschen leben und unsere Ansichten für uns behalten. Aber auch wenn wir unsere Meinung sagten, ging man davon aus, dass wir das Recht dazu hatten. Wir konnten sagen, was wir von einer bestimmten Sache hielten, und weitergehen.

Das hat sich geändert.

Nach der heutigen Auffassung bedeutet Toleranz nicht mehr die Bereitschaft, andere Standpunkte zu dulden, sondern vielmehr, sich der Revolution anzuschließen und sich auf die „richtige Seite der Geschichte“ zu stellen. Schon bald wird man von Ihnen erwarten (oder sogar erzwingen), dass Sie auf Bewerbungen für Stellen im Bildungswesen, in der Wirtschaft, in der Kunst und in anderen Bereichen angeben, wie Sie über Themen wie Gender und Rassismus denken. Eltern werden verachtet werden, wenn sie sich weigern, ihre Kinder mit linksradikalen Lehren indoktrinieren zu lassen. Sie werden ideologisch motivierten „Diversitätsseminaren“ unterzogen. Und

diejenigen, die glauben, einfach neutral bleiben zu können, werden öffentlich bloßgestellt. Wie wir später in diesem Buch sehen werden, sind auch Kirchen und Gemeinden davon nicht ausgenommen.

Heute wollen diejenigen, die behaupten, tolerant zu sein, in Wirklichkeit dominant sein. Wahrheit wird nicht mehr als Suche nach einer objektiven Realität betrachtet, sondern als individuelle Entscheidung, die nicht von außen überprüft werden kann. Richtig oder falsch, gesunder Menschenverstand oder Irrationalität, echter Dialog oder Verunglimpfung – all diese Unterscheidungen verlieren sich in einem Labyrinth von Ideologien, die nicht infrage gestellt werden dürfen. Die Ideologie übertrumpft sogar die Wissenschaft und bekannte historische Fakten.

Seien Sie gewarnt: Amerika ist nicht mehr das Land, an das sich einige von uns erinnern. Der kulturelle Tsunami ist bereits da, und es gibt keinen Ort mehr, an dem man davor sicher ist.

Helden gesucht

Aufgeben, untergehen oder ans Ufer schwimmen. Manchmal werden Menschen durch ihren Mut zu Helden, manchmal durch ihre Umstände. Manchmal freiwillig, manchmal, weil sie keine andere Wahl haben.

Während des Zweiten Weltkriegs stand ein 26-jähriger Leutnant der US Navy namens John F. Kennedy am Steuer eines Patrouillenboots, das mit einem japanischen Zerstörer zusammenstieß. Das Boot wurde beschädigt, und die Besatzung war gezwungen, dreieinhalb Meilen zu einer nahe gelegenen Insel zu schwimmen und dort ein Lager aufzuschlagen. Sie hatten keine Vorräte und aufgrund der Nähe zu den Japanern große Angst. Einige Tage später schwammen sie schließlich zu einer anderen Insel, auf der sie nur wenig Nahrung und Schutz hatten.

Kennedy, der später der 35. Präsident der USA werden sollte, war schon immer im Wasser zu Hause gewesen. Er schwamm auf der

Suche nach Unterstützung für seine Besatzung zu einer weiteren Insel. Dort fand er Hilfe, die den Kontakt mit anderen alliierten Streitkräften herstellte, die dann seine Kameraden retteten. Am Morgen des 18. Augusts 1943 kehrten sie sicher zur US-Basis auf der Insel Rendova zurück.

Später wurde Kennedy für seine Tapferkeit und die erlittenen Verletzungen mit der Navy and Marine Corps Medal und einem Purple Heart ausgezeichnet. Auf die Frage, wie er zum Helden wurde, antwortete er: „Es war unfreiwillig. Sie haben mein Boot versenkt.“1

Wenn Ihr Boot versenkt wird, haben Sie die Wahl: Sie können sich vom Feind gefangen nehmen lassen, untergehen oder schwimmen. Wenn Sie sich weigern, sich zu ergeben, können Sie lautlos unter den Wellen verschwinden oder den Mut aufbringen, ans Ufer zu schwimmen und ein Held zu werden. Vielleicht ein Held wider Willen, aber dennoch ein Held. Und durch diesen Mut können Sie ein treuer Zeuge für Christus bleiben.

Die heutige Zeit verlangt nach Helden – ob freiwillig oder unfreiwillig. Sie halten ein Buch in den Händen, das Ihnen helfen soll, sich auf eine Zukunft vorzubereiten, die bereits begonnen hat. Die moralische und geistige Revolution, die sich in Amerika vollzieht, schreitet schnell und unaufhaltsam voran; diejenigen, die sich dieser Revolution widersetzen, zahlen bereits einen hohen Preis. Unsere Gesellschaft treibt uns immer mehr in die Enge, und es gibt kein Entrinnen. Wir müssen unseren Standpunkt bekennen und darauf vorbereitet sein, verachtet, abgelehnt oder bloßgestellt zu werden. All dies ist eine Gelegenheit für uns zu beweisen, dass Christus für uns wertvoller ist als unsere finanzielle Lebensgrundlage, unser Ruf oder sogar unsere Familien.

Aufgeben, untergehen oder schwimmen.

Das sind unsere Optionen. Der Druck, der von verschiedenen Seiten auf uns einwirkt – aus den Bereichen Recht, Kultur, Bildung und Politik –, ist groß, und wir müssen uns entscheiden. Zum Glück kann Gott uns Dinge beibringen, selbst wenn wir in offenen

Gewässern treiben, die wir noch nie zuvor befahren haben. Ob Sie es glauben oder nicht, dies ist tatsächlich ein Buch der Hoffnung.

Christen und Politik

Ich wurde oft gefragt: „Sollte sich die Gemeinde in die Politik einmischen?“ Das hängt davon ab, unter Politik verstehen. Politik lässt sich nicht von Moral trennen, und Moral lässt sich nicht vom Christentum trennen. Und wenn die Gemeinde unserer politisierten Kultur nichts entgegensetzt, bleiben nur selbstzerstörerische säkulare Ideologien übrig. Unsere Treue zu Christus bedeutet, dass wir es nicht wagen können zu schweigen.

Der berühmte Theologe Jonathan Edwards (1703–1758) aus Neuengland glaubte – und ich stimme ihm zu –, dass Gott uns von politischen Strukturen abhängig gemacht hat; Gott hat uns sogar von unseren nichtchristlichen Mitmenschen abhängig gemacht. Edwards schrieb, dass das Versäumnis, unsere gegenseitige Abhängigkeit anzuerkennen, „eher für Wölfe und andere Raubtiere geeignet ist als für menschliche Wesen“.2 Diese Überzeugung rührte von Edwards’ Glauben her, dass Gott die gesamte Menschheit mit guten Gaben ausgestattet hat. Manche Theologen bezeichnen dies als allgemeine Gnade.

Edwards war auch der Meinung, dass Christen sich mit Nichtchristen öffentlich zusammentun sollten, um auf gemeinsame moralische Ziele hinzuarbeiten. Der Grund dafür ist, dass Gott seine Gesetze in die Herzen aller Menschen eingeprägt hat. Aufgrund dieser Überzeugung setzte sich Edwards für die Gleichberechtigung der amerikanischen Ureinwohner ein, z. B. auch dafür, dass deren Mädchen die Möglichkeit haben sollten, zur Schule zu gehen. Er schrieb mehrere Briefe an die nationale Versammlung von Massachusetts, in denen er die Kolonie aufforderte, ihren Vertrag mit dem Stamm der Housatonic einzuhalten und ihnen Decken und Kleidung zur Verfügung zu stellen.3

Die Quintessenz: Dadurch, dass wir die Gesellschaft voreilig in verschiedene Lager einteilen, vergessen wir als Christen allzu oft, dass die allgemeine Gnade bedeutet, dass wir in einigen Fragen zusammenarbeiten können. Manchmal sollten wir Politiker unterstützen und manchmal nicht; wir können einige politische Maßnahmen unterstützen und andere nicht. Aber wir sollten zu jeder Zeit über uns selbst hinausblicken, um einer müden und missmutigen Welt Hoffnung und Gnade weiterzugeben. Das Evangelium von Jesus Christus ist ein besonderer Schatz, den wir nicht verlieren oder vernachlässigen dürfen.

Einige Christen erinnern uns daran, dass das Christentum auch unter den schlimmsten politischen Regimen überlebt hat. Das mag zwar zum Teil zutreffen, aber wir müssen den heutigen Unterschied zwischen der Gemeinde in Nordkorea und in Südkorea bedenken. Als ich mit einigen Gemeindeleitern aus Südkorea sprach, fragte ich sie nach der Gemeinde auf der anderen Seite der demilitarisierten Zone. Sie sagten, man höre sehr wenig über das Schicksal ihrer Brüder und Schwestern im Norden, aber man wisse, dass ein Rest trotz schrecklicher Verfolgung überlebt habe. Die Familien sind getrennt, die Gläubigen sind verstreut und verstecken sich im Untergrund. Laut einer jährlich von Open Doors USA erstellten Stellungnahme ist es in Nordkorea ein Todesurteil, als Christ entlarvt zu werden. „Wenn man nicht sofort getötet wird, wird man als politischer Gefangener in ein Arbeitslager gebracht. In diesen unmenschlichen Gefängnissen herrschen entsetzliche Zustände, die nur wenige Gläubige überleben. Jeder in der Familie wird die gleiche Strafe erleiden.“4

Historisch gesehen hat Gott sogar zugelassen, dass politische Regime seine Gemeinde zerstören. Im 7. Jahrhundert löschten islamische Invasoren (der Islam ist eine offenkundig politische Religion) die Gemeinde in ganz Nordafrika aus. Wenn die Freiheit erst einmal beendet ist, wird die Gemeinde entweder kleiner oder, schlimmer noch, zerstört. Meist bleibt nur ein kleiner Rest übrig. Jeder Kampf für die Freiheit hat in irgendeiner Form mit Politik zu tun, aber als

Christen muss unser Kampf für die Freiheit immer der Sache des Evangeliums dienen, die wir voranbringen wollen.

Vor einigen Jahren trafen sich einige von uns führenden Pastoren mit einem Mitglied des US-Kongresses, das uns anflehte: „Sie erwarten von uns, dass wir hier in Washington gerechte Gesetze verabschieden, aber wie können wir das tun, wenn Sie uns keine Kongressteilnehmer schicken, die an Gerechtigkeit glauben?“ Das sollte uns zu denken geben.

Fällt Ihnen ein einziges politisches oder kulturelles Thema ein, das nicht auf einer Weltanschauung beruht, sei sie nun säkular, pseudoreligiös oder biblisch? Die meisten dieser Themen berühren biblische Lehren oder Grundsätze. Als Pastor habe ich nie einen politischen Kandidaten oder eine Partei unterstützt, aber wenn wir an einer biblischen Weltanschauung festhalten, müssen wir uns auch zu den Themen äußern, die viele als „rein politisch“ ansehen.

Diejenigen, die meinen, es sei in Ordnung, der Politik gegenüber gleichgültig zu sein, sollten die Christen, die unter Nero oder in Nazideutschland lebten, fragen, ob sie die Politik für wichtig hielten. Fragen Sie die Christen heute in Nordkorea, China, Russland und in Dutzenden anderen Ländern, und sie werden Ihnen sagen, dass Politik sehr wichtig ist! Diese Gläubige kostet die Treue zu Gott nach wie vor ihr Leben.

Ich verstehe die Spannung, die wir als Christen empfinden. Wir würden es vorziehen, uns lieber nicht in Politik oder Kulturkämpfe einzumischen. Wir wollen als liebevoll und fürsorglich bekannt sein und für das, was wir unterstützen, nicht für das, wogegen wir sind. Wir wollen aus gutem Grund als unpolitisch bekannt sein; wir wollen nicht zulassen, dass uns vermeintlich zweitrangige Meinungsverschiedenheiten auseinanderbringen. Wir wollen keine unnötigen Stolpersteine für das Evangelium aufstellen. Ich stimme zu, dass Neutralität zu manchen Zeiten am besten ist, aber zu anderen Zeiten ist sie schlicht nicht möglich. Manchmal zwingen uns politische Fragen in eine moralische Ecke, in der wir uns für eine Seite entscheiden müssen.

Deshalb werde ich in diesem Buch über Themen sprechen, die die Politik betreffen: Religionsfreiheit, biblische Lehren über den Wert jedes Menschen (einschließlich der Ungeborenen), über Geschlecht und Sexualität, Ehe, Rassismus und dergleichen. Auch das Recht der Eltern auf eine gewisse Mitsprache bei der Schulbildung ihrer Kinder ist heute ein politisches Thema. All diese Fragen spielen bei unseren politischen Differenzen eine Rolle. Darüber hinaus müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, ob es transzendente Werte gibt, die für alle Kulturen gelten, oder ob es nur relative Werte gibt, die individuell gewählt und verworfen werden können. Und manchmal sind unsere Entscheidungen nicht einfach.

Wir sollten nicht so tun, als könnten wir zusehen, wie Amerika zerstört wird, ohne dass dies schlimme Folgen für uns und die Welt hätte. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein großer Prozentsatz der weltweiten Missionsarbeit mit amerikanischen Dollars unterstützt wird. Zahlreiche Länder sehen in den USA die letzte Bastion der Hoffnung auf Freiheit und Chancen. In diesem kritischen kulturellen Moment steht viel auf dem Spiel.

Aber – und das muss ich betonen – im Umgang mit diesen Dingen müssen wir uns immer vom Evangelium leiten lassen; die biblische Erlösung muss im Mittelpunkt unserer Motivation stehen. Unser Ziel ist nicht, dass unser Leben entspannter oder komfortabler ist, sondern dass wir mehr Freiheit haben, über uns selbst hinaus auf Christus hinzuweisen, der uns erlöst hat. Selbst unsere zusammenbrechende Kultur müssen wir immer durch die Linse des Evangeliums sehen.

Wir müssen uns immer daran erinnern, dass der Widerstand, den wir erfahren, uns oft neue Gelegenheiten bietet, unseren Glauben zu bezeugen.

Im alttestamentlichen Buch Ester lesen wir, wie der heidnische König Ahasveros einen Erlass unterzeichnete, alle Juden in seinen 127 Provinzen zu töten. Esters Cousin Mordechai überzeugte sie, beim König um ihr eigenes und um das Leben ihres Volkes zu bitten. Mordechai musste nicht davon überzeugt werden, dass Politik wichtig war; er wusste, dass die Maßnahmen eines Politikers ernste Konsequenzen hatten. Ester riskierte ihr Leben, indem sie an den König appellierte, und die Juden wurden vor dem sicheren Tod bewahrt.

Wie Ester sind wir gerade für einen Zeitpunkt wie diesen zur Königswürde gelangt (vgl. Est 4,14).

Wir müssen uns dem politischen und moralischen Gegenwind stellen, der uns entgegenbläst, und uns gleichzeitig immer daran erinnern, dass der Widerstand, den wir erfahren, uns oft neue Gelegenheiten bietet, unseren Glauben zu bezeugen. Wir müssen derartigen Widerstand immer nutzen, um zu zeigen, dass uns unsere Liebe zu Christus wichtiger ist als persönlicher Aufstieg und der Beifall der Welt.

In dem Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ schrieb Martin Luther:

Und nehm’n sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben!

In Christus haben wir die Kraft und den Mut, die wir in diesem Augenblick brauchen. Aber wir brauchen auch einander, wenn die Stromschnellen unserer Kultur uns durcheinanderwirbeln. Als Gläubige sitzen wir gemeinsam in diesem Boot. Aufgeben sollte keine Option sein.

Die Gemeinde wird Rechenschaft ablegen müssen

Es ist an der Zeit, dass wir, die wir in der Gemeindearbeit tätig sind, in den Spiegel schauen und uns fragen: Rüsten wir unsere Leute wirklich für die kommenden Tage zu, oder leben wir Gemeinde wie eh und je? Wir sollten uns auch fragen, warum so viele Christen ihren Glauben „dekonstruieren“ und sich vom Christentum entfernen. Sehen die Menschen in uns mehr Zorn als Reue? Sind wir selbstgerecht? Sind wir heuchlerisch und verleugnen mit unserem Leben, was wir mit unserem Mund bekennen? Oder sehen die Menschen ein liebevolles, mutiges und demütiges Zeugnis für das Evangelium? Was für ein Vermächtnis hinterlassen die älteren Gläubigen denen, die nach ihnen kommen? Hinterlassen wir ihnen ein paar Helden als Vorbilder, denen sie folgen können?

Ich glaube, entweder werden wir künftig eine erneuerte, umfassende Hingabe erleben, mit der wir Christus über unsere erwarteten Annehmlichkeiten erheben, oder die Gemeinde wird ihr Zeugnis durch weitere Kompromisse und fortschreitenden Abfall von der gesunden Lehre verlieren. Für die Christen wird es immer schwieriger, inmitten aller Menschen zu bleiben. Die Furchtsamen gehen in die eine Richtung, die Vertrauensstarken in die andere. Schon jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.

Ich habe einen Freund in Deutschland, der erzählt, dass er ein Konzert besuchte, bei dem ein Handglockenchor ein Stück gespielt hat. Während ihres Auftritts kam ein Betrunkener und zog das Tuch vom Tisch, wodurch die Handglocken umgeworfen wurden. Doch die Musik lief ohne Unterbrechung weiter! Wie sich herausstellte, spielten die verlegenen Musiker nur scheinbar die vorprogrammierte Musik aus den Lautsprechern. Handglocken-Playback!

Als Pastor habe ich mich schon oft gefragt: Was wäre, wenn Gott etwas in der Gemeinde tun wollte, was nicht im Gemeindebrief steht? Machen wir tatsächlich Musik, oder tun wir nur so als ob? Sind wir als Gemeindeleiter offen für die Führung durch den Heiligen Geist? Oder verlassen wir uns nur auf die Vergangenheit, ohne frischen Wind

für die Gegenwart und die Zukunft? Werden unsere Leute von ihren Abhängigkeiten befreit? Sehen wir, wie Ehen wieder zusammengeführt werden? Erleben wir, wie wir selbst und unsere Geschwister harte und schmerzhafte Entscheidungen zugunsten von Jesus treffen?

Mein Freund Pastor Gary Hamrick sagt, dass es drei Arten von Gemeinden gibt: Einige werden mitschuldig sein, indem sie an der Kultur teilhaben, ohne sich gegen sie zu stellen; andere werden selbstgefällig sein, indem sie mit der Kultur zwar nicht einverstanden sind, sich ihr aber auch nicht aktiv widersetzen, und wieder andere werden mutig sein, indem sie sagen, was gesagt werden muss, und tun, was getan werden muss, und die Konsequenzen ohne Selbstmitleid oder Zorn akzeptieren. Nehmen wir uns ein Beispiel daran, wie sich die Apostel verhielten, nachdem sie für ihr Zeugnis geschlagen worden waren: „Die Apostel verließen den Hohen Rat und waren voller Freude, dass Gott sie gewürdigt hatte, für den Namen des Herrn so gedemütigt zu werden“ (Apg 5,41; NeÜ).

In seinem Gedicht mit dem Titel „The Rock“ schrieb T. S. Eliot: „Hast du gut gebaut?“ Und er fügte hinzu: „Die Kirche muss immer wieder aufgebaut werden, denn sie ist beständig von innen dem Verfall ausgesetzt und wird immer wieder von außen angegriffen“.5 Ja, wir müssen ohne Unterlass bauen, denn die Kirche ist immer wieder dem Zerfall ausgesetzt. Und wenn das Fundament zerstört ist, müssen wir uns nicht wundern, dass das Gebäude zusammenbricht.

Der große Prophet Elia, der den Propheten des Baal auf dem Berg Karmel vollmächtig entgegentrat, floh später 300 Meilen weit und versteckte sich in einer Höhle, weil er den Zorn der heidnischen Königin Isebel fürchtete. Wir lesen: „Dort ging er in die Höhle und übernachtete da. Und siehe, das Wort des HERRN geschah zu ihm, und er sprach zu ihm: ‚Was tust du hier, Elia?‘ Und er sagte: ‚Ich habe sehr geeifert für den Herrn, den Gott der Heerscharen ...‘ Da sprach er [Gott]: ‚Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor den HERRN‘“ (1Kö 19,9-11). Erst als Elia gehorchte und wieder aus der Höhle heraustrat, erhielt er weitere Anweisungen.

Viele von uns geben sich damit zufrieden, in ihrer isolierten Blase, ihrer Höhle zu leben, unempfindlich gegenüber den kulturellen Realitäten, mit denen wir konfrontiert sind; aber unsere Kinder und Enkelkinder stehen vor einer schwierigen Zukunft. Und von uns allen wird erwartet, dass wir uns an die Regeln halten, die für uns aufgestellt worden sind. Vielleicht schlafwandeln wir geradewegs auf einen verborgenen, aber sehr gefährlichen Abgrund zu.

Hinter verschlossenen Türen

Wir sind nicht die ersten Gläubigen, die sich verstecken wollen. Jemand wies einmal darauf hin, dass die heutige Gemeinde an demselben Punkt ist, an dem die Jünger waren, als sie Jesus für tot hielten: „Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren ...“ (Joh 20,19, Hervorhebung durch den Autor).

Verschlossene Türen! Furcht vor anderen! Ungewissheit über die Zukunft! Sie versteckten sich aus Angst vor Verfolgung! Sie schwiegen und fragten sich, wer den ersten Schritt machen würde. Sie berechneten, was es sie kosten würde, ihre Hingabe für Christus mit anderen zu teilen. Sie fühlten sich allein und verlassen. So wie wir uns vielleicht fühlen, wenn wir uns gegen die Angriffe unserer Gesellschaft wehren.

Plötzlich und völlig unerwartet „kam Jesus und trat in die Mitte und spricht zu ihnen: ‚Friede euch‘“ (Vers 19).

Die Anwesenheit von Jesus veränderte alles. Die Jünger hatten so getan, als ob Jesus tot wäre. Aber jetzt gab ihnen seine Gegenwart die Gewissheit, dass sie die Türen aufschließen und mit ihm an ihrer Seite in eine feindlich gesinnte Welt gehen konnten. Sie waren nicht auf sich allein gestellt! Christus war also doch nicht tot. Wenn er lebte – und das tat er –, konnten sie die Helden werden, nach denen ihre Zeit verlangte. Die meisten von ihnen sollten später für ihren

Glauben den Märtyrertod erleiden. Aber das änderte nichts. Weil Jesus lebte, würden auch sie leben!

In der Einleitung zu seinem Buch Gott erkennen schreibt Dr. J. I. Packer, dass wir kleine Christen sind, weil wir uns einen kleinen Gott geschaffen haben.6 Als John Stott über diese Aussage nachdachte, schrieb er: „Wir brauchen vor allem eine neue und wahre Vision von Jesus Christus – nicht zuletzt in seiner absoluten Überlegenheit.“

Dann fügte er hinzu: „Wo sollten wir sein, wenn nicht auf unserem Angesicht vor ihm?“7

Kleine Christen haben einen kleinen Christus geschaffen!

Jesus ist der wahre Held, der die Seinen inspirieren kann, in seine Fußstapfen zu treten.

Nach der Himmelfahrt würden die Jünger Jesus nicht mehr mit den Augen sehen, aber das brauchten sie auch nicht. Sie wussten, dass er bei ihnen war, aufgrund seiner Verheißungen und der Gegenwart seines Geistes. Das Sehen mit den Augen ist nicht notwendig, wenn wir seinen Geist in unseren Herzen haben.

Hören wir auf, zu jammern und uns zu ducken. Erinnern wir uns wie die frühe Gemeinde daran, dass Jesus nicht tot ist und wir ihn nicht mit den Augen sehen müssen, um zu glauben, dass er bei uns ist – sogar bis ans Ende der Zeit.

Wir können von Menschen abgelehnt werden, aber durch den Glauben an Christus haben wir die Gewissheit, dass Gott uns niemals ablehnt. Jesus ist der wahre Held, der die Seinen inspirieren kann, in seine Fußstapfen zu treten.

Warum dieses Buch?

Ich weiß nicht, wer es zuerst gesagt hat, aber eine der Bemerkungen, die ich in letzter Zeit gehört habe und die am meisten Klarheit spendet, lautet, dass das Böse niemals von sich aus zurückweicht; es weicht nur zurück, wenn ihm eine größere Macht entgegengestellt wird. Offensichtlich ist die einzige Macht, die größer ist als das Böse, Gott selbst. Und er wirkt durch die Gemeinde, die Braut Christi, deren Haupt unser siegreicher Herr ist. Mit Paulus müssen wir beten, dass wir erkennen,

was die überragende Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke. Die hat er in Christus wirksam werden lassen, indem er ihn aus den Toten auferweckt und zu seiner Rechten in der Himmelswelt gesetzt hat, hoch über jede Gewalt und Macht und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen genannt werden wird. Und alles hat er seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt. (Eph 1,19-23)

Als Antwort auf Paulus’ Gebet wurde dieses Buch nicht geschrieben, um die Kontrolle über die Kultur zurückzufordern, sondern über die Gemeinde und ihre rechtmäßige Autorität, inmitten unserer kollabierenden Kultur für die Gerechtigkeit einzutreten. Ich möchte die Gläubigen ermutigen, nicht mehr wegzulaufen und sich zu verstecken, sondern zu schwimmen, anstatt aufzugeben, und es erfolgreich ans Ufer zu schaffen, anstatt von den Wellen der heutigen politischen, gesellschaftlichen Unterströmungen und Gesetzesinitiativen mitgerissen zu werden. Ich habe es nicht geschrieben, um Wut zu schüren, jemanden anzugreifen oder in unserer bereits polarisierten Gesellschaft weitere, unnötige Spaltungen hervorzurufen. Mein

Wunsch ist es, dass die wahre Gemeinde geeint und nicht gespalten ist, dass sie andere herzlich aufnimmt und nicht selbstgerecht ist, dass sie Zeugnis ablegt und nicht klagt.

Wir können uns nicht länger hinter verschlossenen Türen verstecken.

Als die russischen Truppen 2022 in die Ukraine einmarschierten, wurde Vasyl Ostryi, ein Pastor in der Nähe von Kiew, gefragt, ob er nicht fliehen wolle, aber er versicherte seinen Leuten, dass er bei ihnen bleiben würde, und fügte dann hinzu: „Wenn die Kirche in einer Zeit der Krise nicht relevant ist, dann ist sie auch in einer Zeit des Friedens nicht relevant.“8

Die Gemeinde in Amerika befindet sich ebenfalls in einer Krise – zwar in einer anderen Art von Krise, aber dennoch in einer Krise. Wir sollten jedoch nicht fliehen, sondern trotz Widerstand und persönlichem Leid für die Wahrheit des Evangeliums kämpfen. Wir sind in diese Stunde berufen worden; dies ist unser Moment in Gottes Zeitplan. Dieses Buch soll uns über einige der gesellschaftlichen und geistlichen Herausforderungen informieren, vor denen wir heute stehen, und gleichzeitig Ermutigung und Orientierung für die Zukunft geben. Es ist ein Aufruf an uns alle, in der Welt zu sein, aber nicht von der Welt, uns mit der Kultur auseinanderzusetzen, ohne uns von ihr anstecken zu lassen. Es ist ein Aufruf, der uns daran erinnert, dass es nicht um uns, sondern um Christus geht. Und eine Erinnerung daran, dass wir ihn repräsentieren sollen.

Wie die frühe Gemeinde müssen wir für die Welt attraktiv sein und gleichzeitig damit rechnen, von ihr gehasst zu werden. Ungläubige sollten sich von uns als einer liebevollen Gemeinschaft angezogen fühlen, aber sie werden von unseren biblischen Maßstäben für ein heiliges Leben abgestoßen. Die Menschen sollten in der Lage sein, zähneknirschend unseren Mut zu bewundern, auch wenn sie uns Fanatismus und Intoleranz vorwerfen. Unsere Demut sollte entwaffnend sein, auch wenn unser Engagement für die biblische Lehre wegen ihrer vermeintlichen Engstirnigkeit verachtet wird. Wir

müssen stets erkennen, dass wir selbst geistlich bedürftig sind, bevor wir die Bedürfnisse anderer ansprechen.

Offensichtlich ist unsere Aufgabe zu groß, als dass wir sie allein bewältigen könnten. Unsere einzige Hoffnung ist, dass Christus, der die Gemeinde geliebt hat, seinen Auftrag erfüllen wird, wie es in Epheser 5,25-27 heißt: „... und sich selbst für sie hingegeben hat. Er tat das, um sie zu heiligen, indem er sie im Wasserbad seines Wortes reinigte. Denn er wollte, dass die Gemeinde sich ihm wie eine Braut in makelloser Schönheit darstellt; ohne Flecken, Falten oder sonstige Fehler, heilig und tadellos“ (NeÜ).

Ich habe schon in verschiedenen Gemeinden über das allgemeine Thema der Rolle der Gemeinde in der Welt gesprochen. Eine Frage, die mir dabei häufig gestellt wird, ist diese: „Meine Gemeinde ist wie eine christliche Blase, die weitermacht wie bisher, ohne zu bemerken, dass die Gesellschaft um uns herum kollabiert. Was kann ich als Einzelner tun, um mich zu behaupten und mich nicht dem Druck, der auf mich und meine Familie ausgeübt wird, zu beugen?“

Einen anderen, ähnlichen Kommentar, den ich oft höre, hat ein Freund von mir sehr treffend in einer E-Mail formuliert: „Wir haben unsere Gemeinde und unsere Freunde schweren Herzens verlassen, weil unsere Gemeinde sich der ‚Woke-Kultur‘ hingegeben hat. Wir hören ständig Predigten über soziale Gerechtigkeit, in denen wir aufgefordert werden, das Knie vor spaltenden kulturellen Zwängen zu beugen. Wie können wir Christus inmitten von Rassismusvorwürfen gemeinsam anbeten?“

Da das Wort woke (wörtlich übersetzt: wachsam) in diesem Buch noch häufig auftauchen wird, möchte ich erklären, was ich damit meine. Ursprünglich bezeichnete der Ausdruck ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit, insbesondere rassistischer Natur. Aber das Wort hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr erweitert, sodass es nun eine Ideologie beschreibt, deren Vertreter überempfindlich auf wahrgenommene Ungerechtigkeiten reagieren. In diesem Buch verwende ich den Begriff woke, um über Folgendes zu sprechen: eine linksradikale Auslegung der Menschen- und Bürgerrechte, die zu

extremer politischer Korrektheit führt. In Kapitel 7 wird detailliert beschrieben, was passiert, wenn eine Gemeinde woke wird.

Dieses Buch richtet sich nicht nur an die Gemeinde im Gesamten, sondern an all diejenigen, die sich fragen, wie sie persönlich auf diese gesellschaftlichen Herausforderungen reagieren sollen; es richtet sich an diejenigen, die Vorbilder brauchen, die sie inspirieren und ermutigen. Mut erfordert keinen Beifall, sondern eine Überzeugung. Wie es in dem Lied „Ich bin entschieden, zu folgen Jesus“ heißt: „Ob niemand mit mir geht, doch will ich folgen.“9 Mit anderen Worten: Ich möchte uns alle herausfordern, treu zu leben, wo immer wir sind, und Widerstand als Ehrenabzeichen zu akzeptieren.

Zweitens möchte ich uns daran erinnern, dass Gott in unseren Zweifeln und Ängsten bei uns ist. Gott ist auch dann noch souverän, wenn unsere gewählten Vertreter eine Politik verfolgen, die uns spaltet, demoralisiert oder sogar zerstört. Im Großen und Ganzen sind unsere Herausforderungen nichts Neues in der Kirchengeschichte. Königreiche sind gekommen und gegangen, Kirchen wurden gegründet und sind wieder verschwunden, Christen wurden gefeiert und zu Tode gefoltert. Dennoch sinnt Gott immer auf das Wohl seines Volkes, und außerdem: „Wenn Gott für uns ist, wer könnte dann gegen uns sein?“ (Röm 8,31; NeÜ).

Jedes Kapitel in diesem Buch endet mit einer Geschichte über einen Helden, den wir feiern können, gefolgt von einem Aktionsschritt, den wir praktisch umsetzen können. Denn was wir lernen, müssen wir auch in die Tat umsetzen.

Wenn Sie mit dem, was ich geschrieben habe, nicht einverstanden sind, sollten Sie wissen, dass ich nicht behaupte, alle Antworten zu haben. Und historisch gesehen hatten Christen schon immer unterschiedliche Auffassungen darüber, wie wir auf die gegenwärtige Kultur reagieren sollten. Einige der jüngeren Differenzen, mit denen wir zu kämpfen hatten, sind zum Beispiel: Hätten unsere Gemeinden während der pandemiebedingten Lockdowns geöffnet bleiben sollen? Sollten wir Masken tragen oder nicht? Wie sollten wir mit Fragen im Zusammenhang mit dem COVID-19-Impfstoff umgehen?

Wie sollten wir auf den Konflikt in Rassenfragen reagieren? Was ist biblische Gerechtigkeit?

Wir können über diese Themen diskutieren, aber sie müssen uns nicht entzweien. Dieses Buch ist ein bescheidener Versuch, Licht in die gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart zu bringen, die uns alle angehen, unabhängig davon, welcher politischen Partei oder welcher Gemeinde wir angehören. Ich versuche, diese Themen sowohl durch die Brille der Bibel als auch anhand von Beispielen von Gläubigen zu erforschen, die vor uns unterwegs waren und ähnliche Schlachten geschlagen haben. Kurz gesagt: Ich möchte Themen ansprechen, die wir als Christen nicht länger ignorieren können.

Gott ruft uns zu einem Maß an Hingabe auf, wie wir es so noch nicht erlebt haben.

Wenn Sie wollen, dass man Sie als Christ kennt, der keinen Unfrieden stiften will – wenn Sie leben und leben lassen wollen –, müssen Sie diese Seiten wahrscheinlich nicht lesen. Wenn Sie aber darüber nachdenken möchten, was ein Leben für Christus in einer Kultur bedeutet, die Gott zum großen Teil entschieden ablehnt, dann bete ich, dass dieses Buch eine Hilfe sein wird. Wenn Sie ein zutiefst hingegebener Christ in einer nichtchristlichen Welt sind, ist Verstecken keine Option mehr.

Meiner Meinung nach stehen wir heute vor der folgenden Herausforderung: Werden wir die Heilige Schrift durch die Brille der Kultur interpretieren, oder werden wir die Kultur durch die Brille der Heiligen Schrift interpretieren? Welche von beiden wird unsere oberste Autorität sein? Wir stehen unter dem Druck, uns der Kultur zu unterwerfen und unsere Lehre so zu gestalten, dass sie mit dem Zeitgeist vereinbar ist. Ich glaube, Gott ruft uns zu einem Maß an Hingabe auf, wie wir es so noch nicht erlebt haben.

Jesus sagte voraus, dass solche Tage kommen würden.

Dieser kulturelle Moment verlangt nach Helden jeglicher Herkunft und aus allen Lebensbereichen. Wir brauchen Helden aus republikanisch und demokratisch geprägten Staaten. Wir brauchen Väter und Mütter und Kinder, die Helden sind. Wir müssen gemeinsam aufstehen und sagen, dass Christus uns mehr bedeutet als gesellschaftliche Anerkennung; er bedeutet uns mehr als unsere Gehälter und unser Ansehen. „Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, reden wir gut zu“ (1Kor 4,12-13). Jesus ist alles wert, was wir für seinen Namen riskieren.

Dieses Buch stellt zehn Fragen darüber, ob wir uns der Kultur unterwerfen oder gegen sie aufstehen werden – ob wir unser Licht freudig leuchten lassen oder uns bestmöglich verstecken und unser Schicksal beklagen. Wir haben die Wahl zwischen Wut und Optimismus, Angst und Mut, Selbstmitleid und Freude.

Selbst ein blinder Passagier wird entweder schwimmen oder ertrinken, wenn das Boot, in dem er sich versteckt, versenkt wurde.

Neutralität ist unmöglich.

Aufgeben, untergehen oder schwimmen. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken. Ein Versprechen, mit uns zu leben

Der Prophet Jesaja verkündete eine Verheißung, die Gott Israel gegeben hat und die auch wir für uns in Anspruch nehmen können: „Mein Knecht bist du, ich habe dich erwählt und nicht verworfen –fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir! Habe keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ja, ich helfe dir, ja, ich halte dich mit der Rechten meiner Gerechtigkeit“ (Jes 41,9-10).

Ein Held, der keinen Grund hatte, sich zu verstecken

Du bist noch lange kein Held, nur weil du dich freiwillig dazu meldest, einer zu sein!

Der erste Held, den ich für dieses Buch ausgewählt habe, ist der Apostel Petrus, weil er sich mutig als Held zur Verfügung stellte, aber innerhalb weniger Stunden seinen Eifer verlor. Zuerst sagte er: „Herr, mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33). Doch noch am selben Abend, nur kurze Zeit später, leugnete er, Christus je gekannt zu haben, und schwor es sogar. Ein gescheiterter Held.

Wochen später, nachdem Christus in den Himmel aufgefahren war und den Heiligen Geist gesandt hatte, wurde Petrus zu einem überaus mutigen Zeugen, bis hin zu dem Punkt, dass er es als Privileg erachtete, ausgepeitscht zu werden für das, was er für seinen Herrn tat (Apg 5,40-41). Er schrieb Worte wie diese: „Freut euch vielmehr darüber, dass ihr so Anteil an den Leiden des Messias habt. Denn wenn er dann in seiner Herrlichkeit erscheint, werdet ihr mit Jubel und Freude erfüllt sein. Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch“ (1Petr 4,13-14; NeÜ).

Nach einem langen und treuen Dienst wurde Petrus zum Märtyrer. Der Überlieferung zufolge bat er mutig darum, kopfüber gekreuzigt zu werden, weil er sich unwürdig fühlte, auf dieselbe Weise gekreuzigt zu werden wie sein Herr. Der selbstsichere Möchtegern-Held wurde tatsächlich einer!

Jesus führt die anfängliche Feigheit des Petrus auf den Einfluss des Satans zurück: „Simon, Simon, der Satan hat euch haben wollen, um euch durchsieben zu können wie den Weizen. Doch ich habe für dich gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Wenn du also später umgekehrt und zurechtgekommen bist, stärke den Glauben deiner Brüder!“ (Lk 22,31-32; NeÜ). Der Übergang des Petrus von der Feigheit zum Mut ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: auf die Gebete Jesu und auf die Gabe des Heiligen Geistes. Er lernte, dass

wir, auch wenn wir es vielleicht gut meinen, schwach sind; nur Jesus ist stark. Freiwillig ein Held zu sein ist eine Sache – tatsächlich einer zu sein eine andere. Wir alle wollen gerne Helden sein, solange wir nicht in Gefahr sind. Es ist eine andere Sache, wenn die Treue erfordert, dass wir durch das Feuer öffentlicher Verunglimpfung und wirtschaftlichen Ruins gehen. Oder noch Schlimmeres.

Aktionsschritt

Lasst uns innehalten und uns Zeit nehmen, um unsere Ängste zu bereuen und Gott zu bitten, dass er uns unsere Schwäche zeigt und uns hilft, ihm zu vertrauen, dass er unsere Stärke ist. Wir befinden uns in einem Kampf, der nicht durch menschliche Entschlossenheit gewonnen werden kann, sondern nur durch göttliche Kraft. Nur wenn wir uns als bußfertige Helden zeigen, kann Gott uns befähigen, das zu tun, was menschliche Entschlossenheit nicht vermag. Gott sucht nach Helden, die ihre eigenen Schwächen kennen und sich auf seine Stärke verlassen.

Wir sind aufgerufen, demütige Helden zu sein.

Zeit zum Beten

Beten Sie dieses Gebet, das mir ein Freund geschickt hat:

Kämpfe für uns, o Gott, dass wir nicht taub, blind und töricht in eitle und leere Aufregung abdriften. Das Leben ist zu kurz, zu kostbar, zu schmerzhaft, um es mit weltlichen Blasen zu vergeuden, die wieder zerplatzen. Der Himmel ist zu groß, die Hölle zu schrecklich, die Ewigkeit zu lang, als dass wir uns auf der Vorstufe zur Ewigkeit einfach nur herumtreiben sollten.

Wir beten in Jesu Namen, Amen.

Lassen wir uns durch kollektive Verteufelung einschüchtern?

Euch wird befohlen, ihr Völker, Nationen und Sprachen: Sobald ihr den Klang des Horns, der Rohrpfeife, der Zither, der Harfe, der Laute, des Dudelsacks und alle Arten von Musik hört, sollt ihr niederfallen und euch vor dem goldenen Bild niederwerfen, das der König Nebukadnezar aufgestellt hat. Wer aber nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den brennenden Feuerofen geworfen werden.

DANIEL 3,4-6

Gott ist souverän über die Herrscher der Welt, aber er delegiert seine Autorität an Menschen. Manchmal sind diese Herrscher Männer oder Frauen, die zutiefst fehlerhaft, ja sogar unglaublich böse sind. Und je böser sie sind, desto mehr Loyalität verlangen sie von ihren Untertanen. Es gibt zwei Dinge, nach denen sich böse Führer sehnen: Macht und Verehrung; selbst eine widerwillige Verehrung seitens der Bevölkerung ist besser als gar keine.

Die nachfolgende ergreifende Geschichte steht in dem fesselnden Buch Der Archipel Gulag des russischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn. Im Jahr 1937 hatte ein Abgeordneter gerade eine mitreißende Rede gehalten, in der er Josef Stalin lobte, und als er geendet hatte, erhob sich das Publikum und begann zu klatschen. Solschenizyn erzählt, vielleicht mit einer gewissen Übertreibung, was dann geschah:

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.