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D a s

n e u e

C r ed o

F ünf s ä ku l are

Glau b ens s ätz e

i m T e st

Rebecca McLaughlin

Das neue Credo

Fünf säkulare Glaubenssätze im Test

1. Auflage

© 2023 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Best.-Nr. 271822

ISBN 978-3-86353-822-4 ( CV )

2023 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

ISBN 978-3-9825009-1-1 ( cvmd )

Christlicher Veranstaltungs- und Mediendienst e. V.

Titel des amerikanischen Originals : The Secular Creed

Enganging Five Contemporary Claims

Copyright © 2021 by Rebecca McLaughlin

Published by The Gospel Coalition, P.O. Box 170346, Austin, Texas 78717

Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet : Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten / Holzgerlingen. ( ELB ) Außerdem wurden verwendet: Neue Evangelistische Übersetzung ( NeÜ ), Neue Genfer Übersetzung ( NGÜ ).

Sofern es keine deutsche Quellenangabe gibt, wurden Zitate aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Übersetzung : Svenja Lueg

Gesamtgestaltung : Velimir Milenković, cvmd

Gesetzt aus : FF Tisa Pro und Turnip

Druck : GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gerne kontaktieren: info@cv-dillenburg.de

Inhalt Einleitung

1. » Black Lives Matter« .

2. » Liebe ist Liebe«

3. » Die Schwulenbewegung ist die neue Bürgerrechtsbewegung«.

4. » Frauenrechte sind Menschenrechte« .

5. » Transfrauen sind Frauen«

Liebende Arme

Danksagungen

Einleitung

» Was bedeutet das ? «

Meine Achtjährige hatte ein Armband in der Hand, das sie in der Schule gefunden hatte. Darauf waren drei Worte gedruckt:

» Liebe ist Liebe. « Auf unserem Weg zur Gemeinde kommen wir an einem Friseursalon vorbei, dessen Fenster mit Postern von George Floyd und riesigen, regenbogenfarbenen Flügeln geschmückt sind, die verkünden: » Trans Lives Matter «, » Black Lives Matter «, » Love is Love «, » Better Together «. Überall in unserer Nachbarschaft verkünden Schilder in den Vorgärten:

In diesem Haus glauben wir:

Black Lives Matter

Liebe ist Liebe

Frauenrechte sind Menschenrechte

Wir sind alle Immigranten

Vielfalt macht uns stärker

Schilder wie diese skizzieren ein säkulares Credo oder Glaubensbekenntnis. Im Zentrum dieses Credos steht nicht Gott, sondern Vielfalt, Gleichberechtigung und das Recht jedes Menschen, er selbst zu sein.

Christen neigen dazu, sofort zum Hammer zu greifen, wenn sie solche Schilder sehen. Manche greifen zum Hammer, um selbst

das Schild in ihrem eigenen Vorgarten aufzustellen. Sie beklagen Rassenungerechtigkeit. Sie glauben an Vielfalt. Sie wissen, dass Frauen den gleichen Wert haben wie Männer. Ihnen wurde beigebracht, homosexuelle Beziehungen, Transidentitäten und ProChoice-Standpunkte in der Abtreibungsfrage zu bejahen gehöre schlicht zu den erstgenannten Überzeugungen dazu. Wenn das Leben von schwarzen Menschen zählt ( was es definitiv tut ), dann muss auch Liebe jeder Art Liebe sein. Andere greifen mit anderen Hintergedanken zum Hammer. In dem Wissen darum, dass die Bibel manche Dinge ablehnt, die diesem modernen Credo zugrunde liegen, schwingen sie den Hammer, um das Schild abzureißen. Vielleicht nicht buchstäblich, aber in ihrem Herzen und in ihrem Denken. Wenn diese Vorstellungen tatsächlich alle so zusammengehören, dann müssen sie sicherlich alle falsch sein.

Dieses Buch schlägt eine dritte Herangehensweise vor. Mit einem Rotstift anstelle eines Hammers in der Hand werden wir fünf zeitgenössische Behauptungen unter die Lupe nehmen: » Black Lives Matter « ( dt.: » Das Leben von Schwarzen zählt « ), » Die Schwulenbewegung ist die neue Bürgerrechtsbewegung «, » Liebe ist Liebe «, » Frauenrechte sind Menschenrechte « und » Transfrauen sind Frauen «. Indem wir jede dieser Behauptungen durch die Brille der Bibel und im Hinblick auf unsere Kultur untersuchen, werden wir versuchen, solche Vorstellungen, die Christen bekräftigen können und müssen, von solchen zu unterscheiden, die Christen nicht übernehmen können und dürfen. Um den Rotstift jedoch richtig einzusetzen, müssen wir auf die Knie gehen.

Zunächst müssen wir anerkennen, dass die Vermischung von Ideen im säkularen Credo nicht ausschließlich Ergebnis von Sünden der Welt da draußen ist, sondern ebenso von

Sünden unserer Kirchen und Gemeinden. Wir müssen auf die Knie gehen und Buße tun. Das häufige Versagen von Christen, den biblischen Idealen von Gemeinschaft gerecht zu werden, die ethnische Unterschiede überbrückt, Männer und Frauen gleichermaßen wertschätzt, Ausgestoßene willkommen heißt, Menschen mit unerfüllten Sehnsüchten liebt und sich um Menschen, die ganz am Rand stehen, kümmert, hat es überhaupt erst möglich gemacht, dass sich dieser Mix von Ideen unter dem Banner der Vielfalt verband. Wenn wir unsere Köpfe jedoch bis zur Erde beugen, werden wir sehen: Der Boden, auf dem das Schild steht, ist unverkennbar christlicher Boden. Entfernen Sie die christliche Erde, in der das Schild steht, werden Sie darunter nicht auf festen, säkularen Felsen stoßen, sondern auf ein tiefes Loch.

In unseren westlichen Ohren des 21. Jahrhunderts klingen die Vorstellungen von Liebe über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg, von Gleichwertigkeit von Männern und Frauen und davon, dass die Armen, Unterdrückten und am Rande Stehenden moralische Ansprüche gegenüber den Starken, Reichen und Mächtigen geltend machen können, wie die Grundlagen des gesunden, moralischen Menschenverstands. Das sind sie jedoch nicht. Diese Wahrheiten sind durch das Christentum zu uns gekommen. Wenn Sie dieses Fundament herausreißen, werden Sie keine bessere Grundlage für Gleichberechtigung und Menschenrechte freilegen. Sie werden einen Abgrund freilegen, der Ihnen nicht einmal sagen kann, was ein Mensch überhaupt ist. Wie Zeichentrickfiguren, die über den Rand einer Klippe rennen, laufen wir möglicherweise noch ein kleines Stück weiter, bevor wir merken, dass der Boden unter unseren Füßen weg ist. Aber

er ist weg. Ohne die christlichen Überzeugungen vom Menschen sind die Schilder im Vorgarten nicht einmal die Pappe wert, auf der sie geschrieben wurden.

Wenn wir an diesen Schildern vorbeikommen, erzähle ich daher meinen Kindern Folgendes: In unserem Haus glauben wir, dass das Leben von schwarzen Menschen zählt, weil es in Jesu Augen zählt.

Wir glauben nicht, dass Liebe Liebe ist, sondern dass Gott Liebe ist und dass er uns durch verschiedene Arten von Beziehung einen Blick auf seine Liebe erhaschen lässt. Wir glauben, dass Frauenrechte Menschenrechte sind, weil Gott uns – als Mann und Frau –in seinem Bild geschaffen hat. Und aus demselben Grund glauben wir, dass Babys im Bauch ihrer Mutter ebenfalls Rechte haben. Wir glauben, dass Gott sich in besonderer Weise um alleinerziehende Mütter, Waisen und Immigranten sorgt, weil die Bibel uns das immer wieder sagt. Wir glauben, dass Vielfalt uns tatsächlich stärker macht, weil Jesus Menschen aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk dazu beruft, ihn als ein Leib gemeinsam anzubeten.

Meine Hoffnung ist, dass Sie die Lektüre dieses Buches zugleich demütig macht und ermutigt. Falls Sie Jesus bereits nachfolgen, so hoffe ich, dass Sie am Ende bereit sind, der Aufforderung zu den » liebenden Armen « zu folgen. Falls Sie Jesus noch nicht nachfolgen oder sich überhaupt nicht vorstellen können, es jemals zu wollen, dann hoffe ich, dass Ihnen klar wird: Der moralische Boden, auf dem Sie stehen, ist christlicher, als Ihnen bewusst ist. Und ich hoffe, dass Sie anfangen werden, sich zu fragen, ob der arme, braunhäutige jüdische Mann aus dem 1. Jahrhundert, der als Jesus von Nazareth bekannt ist – der als Angehöriger einer unterdrückten ethnischen Gruppe lebte und von

einem imperialistischen Regime umgebracht wurde –, vielleicht wirklich der Retter der Welt sein könnte: der Eine, der uns gezeigt hat, was Liebe ist, indem er sein Leben für uns gab ( 1Jo 3,16 ).

1. » Black Lives Matter «

Im Jahr 1985 wurde in Alabama ein schwarzer Mann namens Anthony Ray Hinton wegen zweifachen Mordes zum Tode verurteilt. Der Schuldspruch basierte auf einer fehlerhaften ballistischen Untersuchung, doch der Staatsanwalt war der Meinung, er könnte Hinton dessen Schuld ansehen. Hintons Geschichte wird in Bryan Stevensons Bestseller Ohne Gnade ( 2015 ) erzählt.1 Über Jahrzehnte hinweg haben Stevenson und seine Kollegen bei der Equal Justice Initiative in nun schon 115 Fällen arme Klienten, die im Todestrakt saßen, vertreten und Urteilsaufhebungen, Klagebegehren oder die Freilassung von Verurteilten erreicht. Viele von ihnen waren verurteilt worden, weil weiße Beamte, Anwälte und Richter ihnen einfach ansehen konnten, dass sie schuldig waren.

Im Juni 2020 sah ich den Film, der auf Stevensons Buch basiert, während überall » Black Lives Matter «-Proteste ausbrachen. George Floyd war kurz zuvor unter dem Knie eines weißen Polizisten langsam erstickt. Ahmaud Arbery war kurz zuvor von weißen Mitgliedern einer Bürgerwehr gejagt und dann erschossen worden, während sie ihm rassistische Beleidigungen an den Kopf warfen. Die Täter waren zunächst für ihre Straftat nicht belangt worden. Breonna Taylor war in ihrem Haus von Polizisten erschossen

1 Bryan Stevenson, Ohne Gnade : Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA ( München/ Berlin : Piper Verlag, 2015 ).

worden, die sich bei einer Razzia im Haus vertan hatten. Stevensons Buch war da bereits ein Bestseller. Doch die Geschichten, die es erzählte, berührten mich in neuer Weise. Wie so viele andere war ich zu Tränen gerührt, als ein älterer schwarzer Herr, dessen Verstand durch den Krieg zerstört worden war, hingerichtet wurde, während das Lied, das er sich gewünscht hatte – » Das alt rauhe Kreuz « – über die Lautsprecher des Gefängnisses ertönte. Eine Geschichte nach der anderen brach mir das Herz. Eine Person nach der anderen war behandelt worden, als machte ihre Hautfarbe sie zu einem Kriminellen, als zählte ihr Leben nicht. Obendrein waren diese Dinge zu meinen eigenen Lebzeiten passiert und zwar in einem Bundesstaat, der kürzlich erst auf Platz Eins für allgemeine hohe Religiosität gelandet war.2

Als weiße, christliche Einwanderin in Amerika etwas über die Geschichte der Rassenbeziehungen zu erfahren, hat mich desillusioniert. Der Blutfleck des Rassismus, der weiße Gemeinden seit Jahrhunderten beschmutzt, trübt das christliche Zeugnis bis heute. Ich kann verstehen, warum viele meiner Freunde » Black Lives Matter «-Schilder zum Teil auch als Ausdruck des Protestes gegen Christen sehen. Während Ohne Gnade uns grausame Geschichten über die Unterdrückung von Schwarzen erzählt, lässt es uns auch einen flüchtigen Blick auf den Glauben dieser Menschen erhaschen: nicht zuletzt auf den Glauben von Stevenson selbst, dessen eigene tief wurzelnde Hoffnung auf

2 Einer im Jahr 2016 durchgeführten Umfrage zufolge gehen 51 Prozent der Menschen in Alabama mindestens einmal pro Woche in die Kirche, und 82 Prozent glauben fest an Gott, https ://www.pewresearch.org/fact-tank/2016/02/29/ how-religious-is-your-state/ ?state=alabama.

Christus sein Streben nach Gerechtigkeit angetrieben hat.3 In den letzten Minuten des Films wird Archivmaterial gezeigt, in dem der echte Hinton nach 30 Jahren im Todestrakt als freier Mann das Gefängnis verlässt und man hört, wie seine Schwester ihn mit Freudentränen umarmt und die letzten Worte im Film schluchzt: » Danke, Jesus ! Danke, Herr ! «

Die Frage, um die sich dieses Kapitel dreht, lautet: Wie sollten Christen sich zu der Aussage » Black lives matter « ( dt.: » Das Leben von Schwarzen zählt « ) verhalten ? Wir alle reagieren unterschiedlich sensibel. Für viele schwarze Christen fühlt sich diese Aussage wie etwas an, das völlig selbstverständlich auf der Hand liegt. Sie sind es leid, diesen Anspruch überhaupt verteidigen zu müssen. Für sie sind es drei Worte, in denen jahrhundertealter Zorn, Angst und Schmerz zum Ausdruck kommen. Für manche weißen Christen hört es sich eher wie ein Schlachtruf an: eine Art, gegen die Rassenungerechtigkeit zu protestieren, der sie sich so bewusst sind. Für andere klingt es wie ein Vorwurf: eine Anklage wegen Rassismus, die sie als ungerechtfertigt und unfair empfinden. Und wieder andere empfinden dies als Speerspitze einer progressiven Agenda: ein Wolf im Schafspelz, der entlarvt werden muss.

In diesem Kapitel werden wir den Mutterboden des Anspruchs » Black lives matter « umgraben. Wir werden sehen: Der christliche Glaube ist kein Feind von ethnienübergreifender Liebe ; im 3 Stevenson spricht von seinem Glauben in Dominique Dubois Gilliard, » Bryan Stevenson Wants to Liberate People from the Lie That Their Life Doesn’t Matter «, Christianity Today, 10. Januar 2020, https ://www.christianitytoday.com/ct/2020/january-web-only/just-mercy-film-bryan-stevenson.html. Siehe ebenfalls das folgende Gespräch mit Tim Keller : » Grace, Justice and Mercy : An Evening with Bryan Stevenson & Rev. Tim Keller Q&A «, https ://www.youtube.com/watch ?v=32CHZiVFmB4.

Gegenteil, er ist deren erstes und beständigstes Fundament. Wir werden sehen: Gott hat Menschen jedweden ethnischen Hintergrunds mit gleichem Wert geschaffen ; Gottes Bundesvolk schloss von Anfang an schwarze und dunkelhäutige Menschen ein. Wir werden sehen: Jesus durchbrach die ethnischen und kulturellen Barrieren seiner Zeit ; er befahl seinen Jüngern, alle Nationen zu Jüngern zu machen. Wir werden die ersten afrikanischen Gläubigen kennenlernen – Menschen, die Jesus bereits Jahrhunderte, bevor das Evangelium überhaupt nach Amerika kam, nachfolgten. Und wir werden sehen: Heute ist das Christentum das ethnisch, kulturell und geografisch vielfältigste Glaubenssystem der Welt. Abschließend wird deutlich werden: Der Grund dafür, dass wir heute überhaupt an Liebe über ethnische Unterschiede hinweg glauben, ist Jesus – ob uns das bewusst ist oder nicht.

Wie alles anfing

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 heißt es: » Wir erachten diese Wahrheiten als selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. « Die Gleichberechtigung aller Menschen ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Das erklärt der israelische Historiker Yuval Noah Harari:

Die Verfassungsväter der Vereinigten Staaten nahmen die Vorstellung der Gleichheit aus der christlichen Bibel, die behauptet, alle Menschen besäßen eine von Gott geschaffene Seele,

und alle Seelen seien vor Gott gleich. Wenn wir aber nicht an die christlichen Mythen über Gott, die Schöpfung und die Seele glauben, was bedeutet es dann, dass alle Menschen » gleich « sind ?4

Das erste Kapitel der Bibel behauptet, dass Gott die Menschen in seinem Bild geschaffen hat ( 1Mo 1,26 ). Wenn das nicht stimmt, gibt es keine Grundlage für Gleichheit und Menschenrechte. Harari, der als Atheist schreibt, erklärt daher: » Der Homo sapiens hat genauso wenig natürliche Rechte wie Spinnen, Hyänen und Schimpansen. «5

Wir dürfen in Bezug auf die Vergangenheit nicht naiv sein. Die schmerzvolle Realität ist, dass die Gründungsväter der USA versklavte Afrikaner von ihrer Vision menschlicher Gleichheit ausschlossen. Dieses Problem wird jedoch nicht dadurch gelöst, dass wir nun die Grundlage für alle Gleichheit beseitigen. Tatsächlich gilt: Die entmenschlichende Art und Weise, in der schwarze Menschen von weißen Sklavenhaltern behandelt wurden, ist nur dann wirklich falsch, wenn Menschen tatsächlich mehr sind als Tiere, und wenn Liebe über ethnische Unterschiede hinweg richtig ist und wenn richtig und falsch universale Kategorien sind. Der rationale Atheist kann sich an nichts von alledem halten.

Wenn die Bibel jedoch wahr ist, so hat Gott nicht einfach nur unsere Seelen geschaffen. Dann hat er auch unsere Körper

4 Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit ( München : Pantheon Verlag, 2013 ), 39. Aufl., 139.

5 Harari, Geschichte, 141.

geschaffen. Er schuf schwarze und weiße Menschen, Asiaten und Latinos, Menschen aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk – alle sind gleichermaßen sein Ebenbild. Das ist der Nährboden, in dem die Wurzeln menschlicher Gleichheit wachsen. Doch die Bibel hört hier nicht auf. Sie erzählt eine Geschichte, die damit beginnt, dass Menschen aus allen möglichen ethnischen Hintergründen gemeinsam Gottes Volk werden. Und sie endet damit, dass Menschen aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk Jesus gemeinsam anbeten.

Ein buntes Volk

In 1. Mose 12 berief Gott einen Mann aus einer Stadt, die im heutigen Irak liegt. Gott versprach, diesen Mann – Abraham – zu einem großen Volk zu machen und in ihm » alle Geschlechter der Erde « zu segnen ( 1Mo 12,2-3 ). Dieses Versprechen hat sich schließlich in Christus erfüllt: Er ist der Nachfahre Abrahams, der die Tore öffnete, damit Gottes Segen Menschen aus jeder Nation der Erde erfasst. Doch von Anfang an webte Gott bereits verschiedene Ethnien in sein Bundesvolk ein.

Abrahams Enkel Jakob hatte zwölf Söhne, aus denen die zwölf Stämme Israels hervorgingen. Ein Sohn – Josef – wurde jedoch von seinen Brüdern verkauft. Er wurde in Ägypten zum Sklaven. Josef half Ägypten später, eine Hungersnot zu überstehen. Er rettete seine Familie und heiratete die Ägypterin Asenat ( 1Mo 41,45 ). Gemeinsam bekamen sie Ephraim und Manasse als Kinder. Jakob segnete diese Jungen und prophezeite, dass sie zu einer Schar von Völkern werden würden ( 1Mo 48 ). Der Neutestamentler Esau

McCaulley formuliert es folgendermaßen: » Von Anfang an fließt afrikanisches Blut im Volk Israel, als Erfüllung der Verheißung, die Abraham, Isaak und Jakob gegeben wurde. «6

Innerhalb von 400 Jahren wurden die Israeliten – die zunächst hoch geachtete Immigranten gewesen waren –, in Ägypten zu Sklaven. Gott sandte Mose, um sie zu befreien. Mose hatte

Zippora, eine Frau aus Midian ( im heutigen Saudi-Arabien ), geheiratet und Kinder mit ihr bekommen. Als er die Israeliten aus Ägypten herausführte, ging » viel Mischvolk « mit ihnen – das aller Wahrscheinlichkeit nach Ägypter einschloss, die Gottes Handeln gesehen und sich entschlossen hatten, sich seinem Volk anzuschließen ( 2Mo 12,38 ). Nach dem Auszug aus Ägypten ( vielleicht nach Zipporas Tod ) heiratete Mose eine kuschitische Frau: Heute würde man sagen: eine Äthiopierin ( 4Mo 12,1 ). Jahrhundertelang ist in der westlichen Kunst Gottes Bundesvolk als weiß dargestellt worden. Die Israeliten, die in der Wüste umherzogen, stammten jedoch aus dem Nahen Osten und Afrika. Im weiteren Verlauf der Geschichte von Gottes Volk sehen wir, wie sogar noch weitere Ethnien eingewoben werden. Die DNA Jesu

Aus einem Dokument, das in der Familie meines Mannes weitergegeben wurde, wissen wir, dass eine seiner Vorfahren Cherokee war. Ihr Name war Eliza, und unsere zweite Tochter ist nach ihr

6 Übersetzt nach : Esau McCaulley, Reading While Black : African American Biblical Interpretation as an Exercise in Hope ( Downers Grove, IL : IVP Academic, 2020 ), 102.

benannt. In unserer modernen westlichen Kultur machen sich nur wenige von uns die Mühe, unsere Abstammung mehr als ein paar Generationen zurückzuverfolgen. Zu der Zeit, als Jesus geboren wurde, waren Genealogien hingegen hoch geschätzt.

Die Genealogie Jesu im Matthäusevangelium hebt insbesondere die nicht israelitischen Frauen unter seinen Vorfahren hervor: Rahab, die kanaanitische Prostituierte, die glaubte, der Gott der Israeliten sei wahrhaftig » Gott oben im Himmel und unten auf der Erde « ( Jos 2,11 ; Mt 1,5 ), und Rut, die Moabiterin, deren Geschichte ein ganzes alttestamentliches Buch füllt. An Matthäus’ Nacherzählung der Geschichte sehen wir: Die Nichtisraeliten standen nicht einfach nur irgendwo an den Rändern von Gottes Plänen. Sie wurden direkt in die königliche Blutlinie aufgenommen.

Die DNA Jesu wurde durch Rahab und Rut mitbestimmt. In seinen Adern floss nicht israelitisches Blut. Und als er predigte, zeigte sich das auch.

Die skandalöse erste Predigt Jesu

Die erste Predigt, die Jesus in seiner Heimatstadt hielt, entfachte ein Hoffnungsfeuer der Gerechtigkeit, das bis heute nicht erloschen ist. Er begann mit einer Lesung aus dem Propheten Jesaja:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen ; er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen

Jesus beanspruchte, diese Worte erfüllt zu haben. Diese Worte stehen für die vielen neutestamentlichen Texte, die Gerechtigkeit für Arme, Unterdrückte und zu Unrecht Inhaftierte ins Zentrum von Gottes Fürsorge für seine Welt rückten. Zunächst reagierte das jüdische Publikum positiv darauf. Da die Leute von den Römern unterdrückt wurden, sehnten sie sich nach einem Messias, der sie befreien und politisch wieder aufrichten würde. Vielleicht war Jesus ihr langersehnter Held ! Allerdings wollten sie auch Beweise dafür sehen, dass Jesus halten würde, was er versprach. Schließlich hatten sie ihn von klein auf aufwachsen gesehen.

Anstatt jedoch ein Wunder zu wirken oder die jüdische Geschichte zu würdigen, betonte Jesus, dass Gott sich auch immer um die Heiden gekümmert hat ( Lk 4,25-27 ). Die Landsleute Jesu waren darüber so wütend, dass sie versuchten, ihn umzubringen ( Lk 4,28-30 ). Seine multiethnische Botschaft war das Letzte, was sie hören wollten. Das brachte Jesus jedoch nicht ab davon. Ganz im Gegenteil.

Der Skandal des barmherzigen Samaritaners

Im Alter von 18 Jahren arbeitete ich einen Sommer lang in Manhattan. Eines heißen Abends war ich auf dem Weg zum Abendessen bei einer Freundin und kaufte eine Wassermelone zum Nachtisch. Als meine Freundin die Tür öffnete, machte sie

25 und Blinden, dass sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn. ( Lk 4,18-19 )

einen verlegenen Eindruck. Sie erzählte mir dann, dass sie noch nie eine Wassermelone gegessen habe. » Warum nicht ? «, fragte ich, » sie schmecken herrlich ! « Meine Freundin erklärte mir dann das alte Stereotyp dahinter, dass Afroamerikaner angeblich einen ungewöhnlich großen Appetit auf Wassermelonen hätten. Als Schwarze hatte sie die Frucht deshalb immer gemieden. Ich war in England aufgewachsen und hatte keine Ahnung davon gehabt.

Wenn wir in die Seiten der Bibel eintauchen, werden wir alle zu Migranten. Es gibt dort Dinge, die wir nicht instinktiv begreifen können – nicht zuletzt wegen ihrem Bezug auf Ethnizität. Wir hören » Samaritaner « und denken: Barmherzig ! Aber in den Augen von Juden zur Zeit Jesu waren die Samaritaner eine Gruppe, die sowohl ethnisch als auch religiös verachtet war. Deshalb schockiert uns die berühmte Geschichte Jesu vom Barmherzigen Samaritaner nicht. Seine ersten Zuhörer dagegen schon.

Ein Gesetzesgelehrter fragte Jesus: » Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben ? « Jesus fragte zurück:

» Was steht in dem Gesetz geschrieben ? « Der Gesetzesgelehrte antwortete: » Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst. « Jesus stimmte ihm zu. Doch dann fragte der Gesetzesgelehrte: » Und wer ist mein Nächster ? « Darauf antwortete Jesus mit einer Geschichte, in der ein Mann – wahrscheinlich ein Jude –auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho überfallen, ausgeraubt, und als vermeintlich tot liegen gelassen wird. Zwei jüdische religiöse Leiter gehen an ihm vorüber, bevor ein Samaritaner den Mann schließlich rettet. Jesus fragt den Gesetzesgelehrten, wer von den Männern, die vorbeikamen, dem Opfer des Überfalls ein

Nächster war. Der Gesetzesgelehrte, der es nicht über sich brachte, zu sagen: » Der Samaritaner «, antwortete: » Der die Barmherzigkeit an ihm übte « ( Lk 10,25-37 ).

Wenn wir diese Geschichte lesen, so hören wir einen Appell, uns um Fremde in Not zu kümmern. Die ersten Zuhörer Jesu hörten jedoch noch mehr. Sie hörten eine Geschichte von Liebe über ethnische, religiöse und politische Unterschiede hinweg, in der der moralische Held ihr Todfeind war. Diese Geschichte ist nicht einfach nur ein Appell an die Liebe. Sie ist ein Appell an die Liebe über ethnische, kulturelle und weltanschauliche Barrieren hinweg, die über Generationen aufgebaut worden sind. Sie ist ein Appell, diejenigen zu lieben, die zu hassen uns von Kindesbeinen an beigebracht wurde. Sie ist ein Appell, der die Rassentrennung in Amerika und die Apartheid in Südafrika hätte unmöglich machen sollen.

Lukas berichtet uns nicht, wie die Menschenmenge auf die Geschichte reagierte, die Jesus erzählt hatte. Wenn wir jedoch die ethnischen und politischen Differenzen seiner Zeit auf unsere heutigen projizieren, können wir uns vielleicht vorstellen, was die Leute möglicherweise gesagt haben. » Es ist ja schön und gut, dass Jesus diese idealisierte Geschichte von einem barmherzigen Samaritaner erzählt. Aber was ist mit all den schlechten Samaritanern ? Habt ihr von der Kriminalitätsrate in Samarien gehört ? Und von all den Teenager-Schwangerschaften ? Ich hätte ja gar keine Probleme mit Samaritanern, wenn sie wirklich barmherzig wären. «

Wenn wir ehrlich sind, hat jeder von uns Menschengruppen, die er verachtet. Eingefleischte Republikaner wissen, dass Demokraten unmoralisch sind. Überzeugte Demokraten wissen dasselbe von Republikanern. Der weiße Staatsanwalt konnte

Hinton einfach ansehen, dass dieser schuldig war. Juden konnten Samaritanern dasselbe ansehen. Wenn meine nicht christlichen Freunde vom nächsten Star-Pastor hören, der in irgendeinen Sexskandal verwickelt war, sind sie nicht überrascht: Sie wissen ja, dass Christen Heuchler sind. Wenn wir von Gewalt gegen jemanden aus einer Gruppe hören, die uns suspekt ist, so suchen wir nach Hinweisen darauf, dass er es verdient hat. Wenn wir von Gewalttaten von einer Gruppe hören, der wir vertrauen, so suchen wir nach Hinweisen darauf, dass die Gewalt gerechtfertigt war. Jesus macht unsere Wir-gegen-die-anderen-Mentalität jedoch zunichte. Und zwar nicht nur durch eine Geschichte von einem guten Samaritaner, sondern auch durch ein erstaunliches Gespräch mit einem schlechten.

Der Skandal der schlechten Samaritanerin

In Johannes 4 setzte sich Jesus an einen Brunnen, während seine Jünger losgingen, um Essen zu kaufen. Eine samaritanische Frau kam, um Wasser zu schöpfen. Jesus bat sie um einen Schluck zu trinken. Das wirft zwei Probleme auf. Erstens war die Frau eine Samaritanerin, und die Juden pflegten keinen Umgang mit Samaritanern. Zweitens sollte ein ehrbarer jüdischer Rabbi sich nicht allein mit einer Frau unterhalten. Sie war schockiert: » Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritanische Frau bin ? « Im weiteren Verlauf der Geschichte stellen wir allerdings fest, dass es noch ein weiteres Problem gab. Diese Frau hatte bereits fünf Ehemänner gehabt. Nun lebte sie mit einem Mann zusammen, mit dem sie nicht einmal verheiratet

Jesu Gespräch mit dieser sündigen Frau aus einer verhassten ethnischen und religiösen Gruppe ist das längste Gespräch unter vier Augen, das er mit irgendjemandem in den Evangelien führte. Außerdem ist sie die erste Person im Johannesevangelium, der Jesus seine Identität als Messias offenbart. Als die Jünger Jesu zurückkommen, kehrt sie in ihre Stadt zurück und erzählt den anderen Samaritanern von ihm. Viele von ihnen glauben aufgrund ihres Zeugnisses an Jesus ( Joh 4,39 ). Jesus wusste ganz genau, was er tat, als er diese Frau um einen Schluck Wasser bat. Ihr – der Letzten, auf die selbst die Samaritaner gehört hätten – vertraut Jesus die Aufgabe an, seine Botin zu sein. So, wie er den erfundenen

Barmherzigen Samaritaner zu einem moralischen Helden machte, so machte er diese reale, leibhaftige schlechte Samaritanerin zu einer Missionarin.

Jesus reißt die ethnischen und kulturellen Barrieren seiner Zeit ein und tanzt auf den Trümmern.

Macht zu Jüngern alle Nationen

Das öffentliche Wirken Jesu war größtenteils auf seine Mitjuden fokussiert. Aber immer wieder lobt er auch den Glauben außerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Er lobt den Glauben eines

29 war. Gemessen an den jüdischen Maßstäben jener Zeit war sie so schlecht, wie man als Frau überhaupt sein konnte. Aber was sollte man auch anderes erwarten ? Schließlich war sie eine Samaritanerin. Jesus hätte ihr an der Nasenspitze ansehen müssen, dass sie schuldig war. Im weiteren Verlauf des Gesprächs finden wir heraus, dass er das tatsächlich tat ( Joh 4,4-26 ).

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