John C. Lennox
Gegen den Strom
Von Daniel lernen, unangepasst zu leben
John C. Lennox Gegen den Strom Von Daniel lernen, unangepasst zu leben
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Best.-Nr. 271 795
ISBN 978-3-86353-795-1
cmvd, München
ISBN 978-3-9817729-6-8
Titel des englischen Originals : Against the Flow
The inspiration of Daniel in an age of relativism
Text copyright © 2015 John C. Lennox
Edition copyright © 2015 Lion Hudson ( Monarch Books )
Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende
Bibelübersetzung verwendet :
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. ( ELB ) Außerdem wurden verwendet : Neue evangelistische Übersetzung ( NeÜ ), Zürcher Bibel ( ZÜ ), Luther 2017 ( LUT ), Schlachter ( SLT ), Neue Genfer Übersetzung ( NGÜ ), Neues Leben Bibel ( NLB ), Einheitsübersetzung ( EÜ ).
1. Auflage © 2022 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Übersetzung : Dr. Friedemann Lux
Satz und Umschlaggestaltung : Velimir Milenković ( einsrauf.com )
Druck : GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
Inhaltsverzeichnis
Warum es wichtig ist, das Buch Daniel zu lesen 11
DANIEL �
Kapitel 1
Ein wenig Geschichte 15
Kapitel 2
Stadt der Götzen 43
Kapitel 3
Eine Frage der Werte 53
Kapitel 4
Eine Frage der Identität 63
Kapitel 5
Der Entschluss und der Protest 85
Kapitel 6
Das Weltbild von Babylon 95
Kapitel 7
Die Art und Weise des Protestes 111
Kapitel 8
Gliederung und logische Struktur des Buches Daniel 119
DANIEL 2
Kapitel 9
Träume und Offenbarungen 127
Kapitel 10
Ein Reich nach dem anderen 147
DANIEL 3
Kapitel 11
Wenn der Staat Gott wird
DANIEL 4
Kapitel 12
Das Zeugnis Nebukadnezars
DANIEL 5
Kapitel 13
Die Schrift an der Wand
DANIEL 6
Kapitel 14
Das Gesetz der Meder und Perser
Kapitel 15
Das Gesetz des Dschungels
DANIEL 7
Kapitel 16
Die vier Tiere und der Menschensohn
DANIEL 8
Kapitel 17
Die Vision vom Widder und Ziegenbock
DANIEL 9
Kapitel 18
Jerusalem und die Zukunft
Kapitel 19
Die siebzig Jahrwochen
Kapitel 20
Die siebzigste Jahrwoche
DANIEL �0
Kapitel 21
Der Mann über dem Strom
DANIEL ��
Kapitel 22
Das Buch der Wahrheit
DANIEL �2
Kapitel 23 Die
ANHANG
Anhang
Anhang
Anhang C
Anhang
Dieses Buch ist meinen Enkelkindern – Janie Grace, Freddie, Herbie, Sally, Lizzie, Jessica und Robin – gewidmet. Möge ihre Generation eine Generation werden, die sich von Daniel inspirieren lässt und gegen den Strom lebt. John C. Lennox
John Lennox ist emeritierter Professor für Mathematik. Er hat sich besonders mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Glauben befasst und öffentlich mit Vertretern des Neuen Atheismus diskutiert. Durch zahlreiche Vorträge ist er auch in Deutschland gut bekannt.
Danke !
Dieses Buch wäre nie geschrieben worden ohne die Anstöße, die ich über etliche Jahre hinweg von meinem Freund und Mentor Professor David Gooding1 erhielt. Er war es, der meine Augen für die Reichtümer der Bibel öffnete und mir beibrachte, von der Bibel her zu denken. Seine bahnbrechenden Arbeiten über Daniel, wie sie sich in der Tyndale-Vorlesung von 1981 niederschlugen, brachten mich dazu, über den Wert dieses alten biblischen Buches als Vermittler der biblischen Weltsicht an die heutige Welt nachzudenken.
Ich bin, wie immer, Mrs Barbara Hamilton unendlich dankbar für ihre unschätzbare Hilfe als meine Assistentin und Sekretärin, die so manche grammatische und stilistische Ungeschicktheit ausgebügelt hat.
Ich möchte auch meiner Ehefrau, Sally, danken, die mich immer wieder ermutigt hat weiterzumachen, sowie den vielen Freunden in aller Welt ( es sind zu viele, um sie alle aufzuzählen ), die mir versichert haben, dass dies ein lohnendes Projekt sei. Ich hoffe, dass ich sie nicht enttäuscht habe.
1 Verstorben im August 2019.
Warum
es wichtig ist, das Buch Daniel zu lesen
Die im Buch Daniel erzählte Geschichte ist die eines außerordentlichen Gottvertrauens, vorgelebt auf den Höhen der Macht und im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Sie handelt von Schlüsselereignissen im Leben von vier Freunden – Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja –, die alle vor ungefähr zweieinhalbtausend Jahren in dem winzigen Staat Juda im Nahen Osten geboren wurden. Als junge Mitglieder der Oberschicht wurden sie – wohl noch im Teenager-Alter – von König Nebukadnezar gefangen genommen und in seine Hauptstadt Babylon verschleppt, um dort zum Einsatz in der babylonischen Administration ausgebildet zu werden. Das Buch Daniel berichtet uns, wie sie es ganz nach oben schafften, und das nicht nur im Babylonischen Reich, sondern auch in dem darauffolgenden Reich der Meder und Perser. ( Mir ist bewusst, dass diese traditionelle Datierung des Buches Daniel umstritten ist und dass viele seine Abfassung ins 2. und nicht ins 6. Jh. v. Chr. datieren. Ich werde dieses Problem an mehreren Stellen im Buch ansprechen ; vgl. auch zusammenfassend Anhang E. )
Was die Geschichte Daniels und seiner Freunde so bemerkenswert macht, ist, dass sie im Babylonischen Exil den Glauben an ihren Gott nicht nur im stillen Kämmerlein weiter praktizierten, sondern im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit bezeugten, und das in einer pluralistischen Gesellschaft, die diesem Glauben zunehmend ablehnend gegenüberstand. Das ist der Grund, warum ihre Geschichte eine so starke Botschaft für uns heute enthält. In der westlichen Welt sind heute starke pluralistische und säkulare Strömungen dabei, im Schulterschluss mit einer lähmenden Ideologie der politischen Korrekt-
Einführung
heit die offene Äußerung des Glaubens an den Gott der Bibel so weit wie möglich ins Abseits der reinen Privatsphäre abzudrängen. Gott öffentlich zu erwähnen ist etwas, was » man « immer weniger macht – ganz zu schweigen von öffentlichen Bekenntnissen zu einem Glauben, den man für einzigartig und absolut hält, wie etwa, dass Jesus Christus der Sohn Gottes und Erlöser der Welt ist. Die Gesellschaft toleriert die Praxis des christlichen Glaubens im stillen Kämmerlein und im kirchlichen Gottesdienst, aber sie steht dem öffentlichen christlichen Zeugnis zunehmend ablehnend gegenüber. Relativisten und Säkularisten empfinden die öffentliche Bezeugung des Glaubens an Gott zu sehr als Proselytenmacherei und Fundamentalismus. Sie erscheint ihnen zunehmend als Bedrohung der gesellschaftlichen Stabilität und menschlichen Freiheit.
Die Geschichte von Daniel und seinen Freunden ist ein Weckruf an unsere Christengeneration, mutig zu werden und nicht resigniert zuzuschauen, wie der öffentliche Ausdruck unseres Glaubens immer mehr verdünnt, ins Abseits gedrängt und saft- und kraftlos gemacht wird. Und ihre Geschichte wird uns auch zeigen, dass dieses Aufwachen nicht kostenlos zu haben ist.
Während die politische Korrektheit das christliche Zeugnis in der Öffentlichkeit immer mehr zurückdrängt, scheint der Atheismus immer lauter zu werden. Richard Dawkins mit seinem Buch Der Gotteswahn, Sam Harris in seinem Brief an ein christliches Land, Christopher Hitchens in Der Herr ist kein Hirte und Michel Onfray in Wir brauchen keinen Gott blasen zur Attacke auf Gott. Religion sei gefährlich, und am besten schaffe man sie ab. Um dies zu erreichen, spannen die sogenannten
» Neuen Atheisten « das beträchtliche kulturelle Prestige der » Wissenschaft « vor ihren ideologischen Karren. Im November 1994 äußerte Steven Weinberg, Nobelpreisträger für Physik ( 1979 ), auf einer Konferenz des Salk Institute of Biological Sciences in La Jolla ( Kalifornien ), dass das Beste, was die Wis-
Warum es wichtig ist, das Buch Daniel zu lesen
senschaft in seiner Generation für die Menschheit tun könne, die komplette Abschaffung der Religion sei.
Für Weinberg und Co. ist der Atheismus die einzige intellektuell vertretbare Weltanschauung. Die grundsätzliche Intoleranz gegenüber allem Religiösen und eine wachsende Verachtung von Menschen mit religiösen Überzeugungen stehen im Zentrum einer Attacke, die zunehmend schrille Töne bekommt. Die mantraartige Wiederholung philosophischer Plattitüden lässt den Leser sich unwillkürlich fragen, ob wir es hier nicht mit einer philosophischen Version von des Kaisers neuen Kleidern zu tun haben.
Ich bin sicher, wenn Daniel und seine drei Freunde heute unter uns lebten, würden sie in der öffentlichen Debatte an vorderster Front stehen und entschlossen die Gegenoffensive anführen gegen die » vier apokalyptischen Reiter des Neuen Atheismus «, wie Dawkins und seine Weggefährten Dennett, Harris und Hitchens sich selbst nennen. In diesem Buch wollen wir versuchen herauszufinden, was es war, das diesen vier Gottesmännern von damals die Kraft und die Überzeugung gab, unter oftmals großen Risiken gegen den Strom ihrer Gesellschaft zu schwimmen und ihren Glauben in aller Öffentlichkeit mutig und unmissverständlich zu bezeugen. Ihr Beispiel soll uns Mut machen, uns nicht nur in die Schusslinie zu begeben, sondern auch, bildlich gesprochen, unsere Schutzhelme anzulegen –d. h. uns in unserem Herzen und Denken gut vorzubereiten –, damit wir nicht von der ersten Salve des Feindes weggefegt werden.
Kapitel
� Ein wenig Geschichte
Daniel
�
Um uns in die Atmosphäre der Geschichte Daniels versetzen zu können, brauchen wir ein paar historische Hintergrundinformationen.2 Das winzige Königreich Juda lag an einem geografischen Knotenpunkt des antiken Nahen Ostens, wo die Interessen der damaligen Großmächte häufig aufeinanderprallten, und war daher ständig von Invasionen durch diese mächtigen Nachbarn bedroht. Etwa ein halbes Jahrhundert bevor Daniel geboren wurde, war Assyrien die Supermacht der damaligen Welt ( oder jedenfalls der für uns relevanten Welt ). 701 v. Chr., zur Zeit Hiskias, einem der besseren Könige von Juda, marschierte der assyrische Herrscher Sanherib gegen Jerusalem. Wie der englische Dichter Lord Byron es in seinem Werk » The Destruction of Sennacherib « formuliert : » Die Assyrer kamen wie Wölfe über die Schafe. « Die Schafe bereiteten sich schon auf einen Holocaust vor, doch dann trat Sanherib völlig überraschend den Rückzug an ( aber das ist eine andere Geschichte ), und Jerusalem bekam noch eine Gnadenfrist.
612 v. Chr. eroberten die Armeen der Babylonier und Me -
2 Es gibt diverse Zusätze zu dem Buch Daniel, die nicht in den hebräischen Kanon des Alten Testaments aufgenommen wurden und die ich daher in diesem Buch nicht behandeln werde. Es sind dies : » Das Gebet Asarjas im Feuerofen «, » Der Gesang der drei Männer im Feuerofen «, » Suzanna und Daniel « und » Vom Bel zu Babel «. In der Lutherbibel 2017 stehen diese Texte als » Stücke zu Daniel « am Ende der alttestamentlichen Apokryphen, in der katholischen Einheitsübersetzung 2016 sind sie in das Buch Daniel integriert ( Anm. d. Autors / d. Übers. ). – Zusätzliche historische Hintergrundinformationen bieten die gängigen Bibellexika und Studienbibeln, z. B. Fritz Rienecker u. a., Lexikon zur Bibel ( Witten : SCM R. Brockhaus, 2013 ) und Sein Wort – Meine Welt. Die Studienbibel für das 21. Jahrhundert ( Witten : SCM-R. Brockhaus, 2016 ). ( Anm. d. Übers. )
der Ninive, die mächtige Hauptstadt des Assyrischen Reiches. Fortan waren es die Babylonier, die Juda auszulöschen drohten. Und als ob das noch nicht genug wäre, gab es im Süden noch Ägypten, dessen alte Herrlichkeit und Macht damals am Verblassen war, aber das immer noch eine ständige Bedrohung darstellte. Nur wenige Jahre vor dem Fall Ninives hatte Josia, einer der Reform-Könige von Juda, sich vermessen, in einer Militäraktion den Babyloniern in ihrem Kampf gegen die ägyptische Armee zur Seite zu eilen. Die Ägypter siegten bei Megiddo, und Josia fiel in der Schlacht. Der Pharao deportierte darauf Josias Sohn Joahas nach Ägypten und setzte seinen Bruder Eljakim unter dem neuen Namen Jojakim als Vasallenkönig auf den judäischen Thron. Dazu legte er Juda Reparationszahlungen in Höhe von 100 Talenten Silber und einem Talent Gold auf – eine fürstliche Summe in jenen armen Zeiten.
Jojakim erwies sich als unfähig, und bald verlor auch er seinen Thron, allerdings nicht durch die Ägypter, sondern durch den König von Babylon, Nabu-kudurri-usur II., besser bekannt als Nebukadnezar II. ( Oder Nebukadrezar II. ; es gibt Hinweise auf einen Übergang vom r zum n bei der Schreibung der babylonischen Namen. ) Im Sommer 605 v. Chr. besiegte Nebukadnezar die Ägypter in der Schlüsselschlacht von Karkemisch am Euphrat, nordöstlich von Jerusalem. Bald danach starb Nebukadnezars Vater Nabopolassar, und Nebukadnezar wurde der neue babylonische König. Er stattete den eroberten Gebieten im Westen regelmäßige Besuche ab, um Tribut zu erheben, Menschen für seine Administration zu deportieren und Recht zu sprechen.3 Es war ein Besuch, der das Leben Daniels und seiner drei Freunde für immer veränderte.4
3 Siehe D. J. Wiseman, Nebuchadnezzar and Babylon : The Schweich Lectures ( Oxford : O. U. P., 1991 ), S. 22.
4 Zur Datierung dieser und anderer Ereignisse im Buch Daniel siehe A. R. Millard, » Daniel in Babylon – An Accurate Record ? «, in : Hoffmeier und Magary ( 2012 ), S. 263–280.
Ein wenig Geschichte
Es gehörte zu Nebukadnezars Politik gegenüber den von ihm unterworfenen Nationen, dass er die Elite ihrer jungen Männer mit nach Babylon nahm, um sie dort zu Beamten in seiner Administration ausbilden zu lassen. Daniel und seine Freunde wurden als geeignet befunden, und so mussten sie ihre Verwandtschaft, Gesellschaft und Kultur verlassen und sich in ein fernes, fremdes Land begeben. Sie mussten nicht nur mit dem Trauma des Zwangsauszuges aus ihrem Elternhaus fertigwerden, sondern auch mit einer neuen Umgebung, in der so gut wie alles anders war – die Sprache, die Sitten, das politische System, die Gesetze, das Bildungssystem und die Religion. Es muss ein Schock gewesen sein. Wie wurden die jungen Männer mit alldem fertig ?
Gott und die Menschheitsgeschichte
Daniels Erklärung, wie sie es schließlich schafften, ist die Frucht eines Lebens des Nachdenkens über die Ereignisse, die sein Leben und ihn geprägt hatten. Er beginnt sein Buch mit einer knappen Schilderung der für ihn so traumatischen Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar und der darauffolgenden Deportation nach Babylon, der damals berühmtesten aller Hauptstädte.
Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es. Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes. Und er brachte sie ins Land Schinar, in das Haus seines Gottes : die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes. Und der König befahl dem Aschpenas, dem Obersten seiner Hofbeamten, er solle einige von den Söhnen Israel bringen, und zwar vom königlichen
Geschlecht und von den Vornehmen ; junge Männer, an denen keinerlei Makel sei, von schönem Aussehen und verständig in aller Weisheit, gebildet und von guter Auffassungsgabe, und die somit fähig seien, im Palast des Königs zu dienen ; und man solle sie Schrift und Sprache der Chaldäer lehren. Und der König bestimmte ihre tägliche Versorgung von der Tafelkost des Königs und von dem Wein, den er trank, und dass man sie drei Jahre lang erziehen solle ; und nach deren Ablauf sollten sie in den Dienst des Königs treten. Und unter ihnen waren von den Söhnen Juda : Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja. ( Dan 1,1–6 )
Vieles, was Daniel auch noch hätte erwähnen können und auf das wir neugierig sind, wird hier ausgelassen. Wir erfahren z. B. nichts über Daniels Kindheit in Juda oder über die politischen Manöver und Wirren in den Jahren vor der Deportation. Daniel beginnt seine Schilderung mit den Ereignissen des Jahres 605 v. Chr., als Nebukadnezar seine militärische Aufmerksamkeit dem kleinen Jerusalem am Westrand seines Reiches zuwandte. Sie ärgerten ihn, die rebellischen Judäer, und so belagerte er die Stadt. Die Militärmacht Babylons war so gewaltig, dass das Ergebnis von vornherein feststand. Die Stadt wurde eingenommen, der König von Juda wurde ein Vasall Babylons, und die erste Deportationswelle begann. Jerusalem als Stadt überlebte damals noch ; erst 586 v. Chr. wurde sie von Nebukadnezar zerstört.
Diese Ereignisse sind detailliert dokumentiert in den antiken babylonischen Chroniken ( vgl. das Bild rechts ). Diese mit Keilschrift beschriebenen Tontafeln bestätigen uns, dass Daniel über tatsächlich Geschehenes berichtet und nicht über Ausgeburten seiner Fantasie. Wir werden später noch mehr über die Historizität seines Berichtes zu sagen haben, da sie oft bezweifelt worden ist.
Ein wenig Geschichte

Aus der babylonischen Chronik, mit Erwähnung der Eroberung Jerusalems 597 v. Chr.
Die große Frage für jemanden mit Daniels Hintergrund war diese : Warum hatte Gott das zugelassen ? War das Volk, zu dem Daniel gehörte, nicht eine ganz besondere Nation ? War es nicht das Volk Moses, dem Gott das Gesetz gegeben hatte ? War es nicht das Volk, das ebendieser Mose aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeführt und in das von Gott verheißene Land gebracht hatte ? War es nicht auch die Nation Davids, des großen Königs, der sein Reich konsolidiert und Jerusalem zu seiner Hauptstadt gemacht hatte und dessen Sohn Salomo dem lebendigen Gott
einen Tempel – den Tempel – gebaut hatte ? Hatte Gott nicht zu den Erzvätern, Priestern, Propheten und Königen dieses Volkes immer deutlicher von einem kommenden König, dem Messias ( » Gesalbten « ), gesprochen, der ein Nachkomme Davids sein und ein noch nie gekanntes Zeitalter des Friedens und Wohlstands auf Erden einleiten würde ? Diese messianische Vision findet noch heute in den Herzen von Menschen aus allen Kulturen Widerhall – so sehr, dass sie an der Wand des Gebäudes der Vereinten Nationen in New York prangt. Jeder kann dort lesen :
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. ( Jes 2,4 )
Was würde aus dieser Vision werden, wenn Jerusalem zerstört und die Linie Davids beendet würde ? Würde damit die Verheißung des Messias in der übervollen Mülltonne gescheiterter utopischer Träume landen ? Und was wäre mit Gott selbst ? Würde er eine solche Niederlage » überleben « ? Wie konnten Daniel und seine Freunde weiter glauben, dass es einen Gott gab, der sich ihrem – jawohl, ihrem – Volk auf eine ganz besondere Weise offenbart hatte ? Wenn Gott Realität war, wie konnte dann ein Heide wie Nebukadnezar die Heiligkeit von Gottes Tempel verletzen und ungestraft bleiben ? Warum tat Gott nichts ? Dies ist die Mutter aller Fragen, die sich uns heute noch in tausend Varianten stellt. Warum nimmt die Geschichte der Menschheit so oft eine Wendung, die unseren Glauben an einen Gott, der für uns sorgt, erschüttert ?
Für den säkularen Historiker stellen sich solche Fragen natürlich nicht. Für ihn ist die Eroberung Judas durch die Babylonier nur ein weiterer Fall für das Machtgesetz des Dschungels : Eine hochgerüstete Großmacht zerschlägt ein Zwergkönigreich. Juda hatte einfach nicht die erforderliche » Feuerkraft «, um den
Ein wenig Geschichte
bestens gedrillten und schwerbewaffneten Truppen Nebukadnezars etwas entgegenzusetzen. Wenn Bogenschützen auf Panzer treffen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Was sollte daran besonders sein ?
Und der Säkularist könnte hier fortfahren und argumentieren, dass dann, wenn die Sache anders ausgegangen wäre und Juda die Babylonier in die Flucht geschlagen hätte, man vielleicht darüber nachdenken könnte, ob hier Gott im Spiel war. Aber die Sache ging nicht anders aus, sondern so, wie es sich jeder damals ausrechnen konnte. Und die säkularen Historiker kommen zu dem Schluss, dass das Gerede von dem messianischen Davidssohn nicht mehr als ein Stammesmythos war, den man in die Welt gesetzt hatte, um eine recht wacklige Königsdynastie in einem winzigen Nahoststaat zu stützen. Der Tempel in Jerusalem war ein Gebäude wie andere auch, und die schönen und wertvollen Kultgegenstände in ihm waren Beispiele menschlichen Kunstschaffens, aber mehr auch nicht. Die ganze Vorstellung, dass Gott ( wenn es ihn denn gibt ) sich für solche Kleinigkeiten interessieren könnte, ist doch eigentlich absurd. Ist die einfachste ( und weitaus plausibelste ) Erklärung nicht die, dass es gar keinen Gott gibt, der der » Eigentümer « dieses Tempels sein konnte ? Was konnte Nebukadnezar schon passieren, wenn er die Tempelgeräte mitgehen ließ ? Wie oft werden heute Kunstgegenstände aus Kirchen gestohlen ? Stoppt Gott die Diebe etwa mit einem Blitz vom Himmel ?
Diese Sicht der Dinge erscheint heute vielen plausibel, und wenn es nur deswegen ist, weil sie die einzige ist, die für den Säkularisten infrage kommt. Aber es war definitiv nicht die Sicht Daniels, der ja immerhin in diese Dinge persönlich involviert war. Er wusste, was für seine persönliche Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stand, wenn er offen behauptete, dass hinter Nebukadnezars Sieg Gott selbst stand : » Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand … « ( Dan 1,2 ).
Das Allererste, was Daniel in seinem Buch über Gott aussagt, ist, dass Gott persönlich in die Geschichte der Menschheit eingreift. Dies ist eine Behauptung mit immenser Tragweite, wenn sie denn wahr ist. Daniel begnügt sich nicht damit, uns zu informieren, was damals geschah ; ihn interessiert vielmehr, warum es geschah. Er deutet Geschichte, und dies auf eine Art, die für den modernen Menschen gelinde gesagt provokativ ist. Die Behauptung, dass hinter der Geschichte ein Gott steht, steht völlig gegen den Strom des heute herrschenden Säkularismus und erntet an der durchschnittlichen historischen Fakultät einer heutigen Universität lediglich mitleidigen Spott. Aber, wie Lesslie Newbigin schreibt : » … von Augustinus bis ins achtzehnte Jahrhundert war die göttliche Vorsehung für die europäischen Historiker ein Teil des Geschichtsverständnisses. « 5 Doch die Zeit ist lange vorbei, in der ein führender Historiker wie Herbert Butterfield die Vorsehung Gottes freiweg als » lebendig wirksamen Faktor « bezeichnen konnte, » sowohl in ihm [ dem Christen ] selbst wie über die Länge und Breite der Geschichte hin. « 6
Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Geschichtsdeutung, die jegliche Möglichkeit eines Eingreifens Gottes verneint, » objektiv « sei, während Daniels Sicht » subjektiv « sei. Alle Geschichte ist gedeutete Geschichte. Die eigentliche Frage lautet : Gibt es Belege dafür, dass die Sicht Daniels die wahre ist ?
5 Lesslie Newbigin, Das Evangelium in einer pluralistischen Gesellschaft ( Neukirchen-Vluyn : Neukirchener Aussaat, 2017 ), S. 80.
6 Herbert Butterfield, Christentum und Geschichte ( Stuttgart : Engelhornverlag Adolf Spemann, 1952 ), S. 128.
Ein wenig Geschichte
Glaube und Beweise
Wie wäre es, wenn Sie das nächste Mal, wenn Ihnen jemand sagt : » Das und das ist wahr ! «, ihn fragen : » Kannst du das belegen ? « Und wenn er Ihnen dann keine gute Antwort geben kann, überlegen Sie es sich hoffentlich dreimal, bevor Sie ein Wort von dem, was er sagt, glauben.7
Ich kann Dawkins hier nur von ganzem Herzen zustimmen. Es ist, wie schon David Hume aufzeigte, in der Tat ein Muss für jeden Wissenschaftler, nur das zu glauben, wofür es Belege gibt. So weit, so gut. Aber dann trifft Dawkins eine Unterscheidung zwischen dem legitimen evidenzbasierten Denken, das den Wissenschaftler kennzeichnet, und dem, was er ( religiösen ) Glauben nennt und was für ihn in eine ganz andere Kategorie gehört :
Nach meiner Überzeugung kann man durchaus die Ansicht vertreten, dass eine der größten [ … ] Bedrohungen – vergleichbar mit dem Pockenvirus, aber schwieriger auszurotten – der Glaube ist. Glaube – eine Überzeugung, die sich nicht auf Belege stützt – ist das Hauptübel jeder Religion.8
Es wäre ein Fehler, diese extreme Position für die des typischen Wissenschaftlers zu halten. Vielen Atheisten macht ihre Militanz Bauchschmerzen, ganz zu schweigen von ihrem repressiven, ja, totalitären Beiklang. Aber es sind solche Extremaussagen, die von den Medien verbreitet werden, mit dem Ergebnis,
7 Richard Dawkins, A Devil’s Chaplain ( London : Weidenfeld and Nicholson, 2003 ), S. 248.
8 Richard Dawkins, Forscher aus Leidenschaft. Gedanken eines Vernunftmenschen ( Berlin : Ullstein, 2017 ), S. 296.
dass viele Menschen sie kennen und von ihnen beeinflusst werden. Es wäre daher töricht, sie zu ignorieren. Wir müssen sie ernst nehmen.
Das, was Dawkins äußert, macht jedoch klar, dass eines der Dinge, die ihn ( leider ) zu einem Feind des Glaubens an Gott gemacht haben, sein Eindruck ist, dass, während » der Glaube des Wissenschaftlers auf öffentlich nachprüfbaren Belegen gründet, der religiöse Glaube nicht nur jeglicher Belege ermangelt ; seine Unabhängigkeit von Belegen ist geradezu seine Freude und Wonne, die er jedem zuruft, der es hören will. « 9 Mit anderen Worten : Für Dawkins ist religiöser Glaube immer blinder Glaube. Aber wenn wir Dawkins’ eigenen, gerade zitierten Rat ernst nehmen, müssen wir fragen : Was für Belege gibt es denn, dass religiöser Glaube sich auf keine Belege gründet ? Leider gibt es Menschen, die sich als gottgläubig bezeichnen und gleichzeitig schroff antiwissenschaftliche, ja, obskurantistische Positionen vertreten. Mit dieser beklagenswerten Einstellung bringen sie den Glauben an Gott in Verruf. Vielleicht hat Richard Dawkins das Pech gehabt, unverhältnismäßig viele Beispiele für diese Einstellung kennenzulernen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der normale Christ betont, dass Glaube und Tatsachen nicht voneinander zu trennen sind. Glaube ist eine Reaktion auf Nachweise und nicht ein Jubeln über die Abwesenheit von Beweisen. Der Apostel Johannes hat die Abfassung seines Evangeliums so begründet : » Was hier berichtet ist, wurde aufgeschrieben, damit ihr glaubt … « ( Joh 20,31 ; NeÜ ). Das bedeutet, er betrachtet die Dinge, die er niedergeschrieben hat, als Teil der Belege, auf die sich der Glaube an Jesus gründet. Und der Apostel Paulus spricht genau das aus, was viele Pioniere der modernen Wissenschaft glaubten : dass die Natur einer der Beweise für die Existenz Gottes ist :
9 The Daily Telegraph Science Extra, 11. September 1989.
Ein wenig Geschichte
Seine unsichtbare Wirklichkeit, seine ewige Macht und göttliche Majestät sind nämlich seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen. Die Menschen haben also keine Entschuldigung. ( Röm 1,20 ; NeÜ )
Die Bibel geht nicht davon aus, dass man Dinge glauben sollte, die sich nicht belegen lassen. Glaube, Verstand und Beweise gehören zusammen – gerade so wie in der Wissenschaft. Dawkins’ Definition des Glaubens als » blinder Glaube « erweist sich als das genaue Gegenteil von Glauben im biblischen Sinne. Es ist merkwürdig, dass Dawkins diese Diskrepanz nicht zu bemerken scheint.
Dawkins’ eigenwillige Definition des Glaubens ist ein schlagendes Beispiel für genau das Denken, das er angeblich verabscheut – ein Denken, das nicht auf Nachweisen gründet. In einem Salto mortale der Inkonsequenz liefert er keinerlei Beweise für seine Behauptung, dass der Glaube mit Freuden auf Beweise verzichte. Und warum liefert er keine Beweise ? Weil es keine gibt. Man braucht nicht lange zu recherchieren, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass kein seriöser biblischer Gelehrter oder Denker Dawkins’ Definition des christlichen Glaubens unterschreiben würde. Fast möchte man der Versuchung nachgeben, Dawkins’ Grundsatz auf ihn selbst anzuwenden – und kein Wort von dem, was er über den christlichen Glauben sagt, zu glauben.
Geschichte und Moral
Welche Hinweise bildeten die Grundlage für Daniels Deutung der Menschheitsgeschichte ? Es waren viele, und in gewissem Sinne bestehen sie aus seinem ganzen Buch. So teilt er uns z. B. in Kapitel 9 mit, dass es sein Glaube an Gott war, der ihn die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier erwarten ließ. Man
könnte sagen, dass er davon so überzeugt war, dass es für seinen Glauben an Gott problematisch gewesen wäre, wenn Nebukadnezar durch eine unerwartet beherzte Verteidigung durch Juda oder sogar durch ein direktes göttliches Eingreifen aufgehalten worden wäre. Aber lassen wir die Details im Augenblick beiseite und konzentrieren wir uns auf das Grundthema : die Beziehung zwischen Geschichte und Moral.
Von seinen Eltern und Lehrern in Jerusalem wird Daniel gelernt haben, dass nach dem Schöpfungsbericht die Menschen moralische Wesen sind, die nach Gottes Bild erschaffen sind. Dies war die Basis für Daniels Verständnis des Universums und des Lebens. Das Universum war ein moralisches Universum.
Der Schöpfer war keine Art kosmischer Zauberer, der in einem Tempel wohnte und durch Magie seine Besitztümer oder seine Lieblinge beschützte. Der moralische Charakter Gottes verlangte, dass er gegenüber dem Verhalten der Menschen nicht neutral war. Dies war eine der zentralen Botschaften der Schriften der hebräischen Propheten. In den Jahren vor der Eroberung Jerusalems hatte Jeremia die Nation wiederholt vor den Folgen ihrer immer größeren Kompromisse mit den unmoralischen Praktiken und dem Götzendienst der sie umgebenden Heidenvölker gewarnt. Doch sie hörten nicht auf Jeremia, und es dauerte nicht lange, bis die Babylonier das Land überrannten und einen Großteil der Bevölkerung ins Exil führten, so wie von Jeremia ausdrücklich prophezeit.
Juda hatte nicht begriffen, dass Gottes Treue zu seinem eigenen Wesen und damit auch zu seinen eigenen Geschöpfen ernste Konsequenzen hat. Einige der Führer Judas waren der irrigen Meinung verfallen, dass es keine große Rolle spiele, wie die Nation oder ihre Obrigkeit sich verhielten, da sie doch Gottes erwähltes Volk waren. Dies war jedoch ein gefährlicher Irrtum, der die Moral des Volkes untergrub, weil er zu der billigen Rechtfertigung unmoralischen Verhaltens führte, die bei den Nachbarvölkern üblich waren, jedoch mit den Geboten Got-
Ein wenig Geschichte
tes unvereinbar sind. Ein Nebeneffekt dieses Verhaltens war, dass es den Anspruch, Gottes auserwähltes Volk zu sein, Lügen strafte und absurd erscheinen ließ.
Auch heute macht das moralisch fragwürdige Verhalten von Menschen, die behaupten, Christus nachzufolgen, den christlichen Glauben zum Gespött der Leute. Was die Führer Judas und auch viele der gewöhnlichen Leute nicht sahen, war, dass Gott keine Lieblinge hat, deren Sünden er einfach übersieht. Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person, egal, aus welchem Volk oder welcher Gesellschaftsschicht sie stammt.
Daniel war nicht der Erste, der dies erkannte. Der bekannte Historiker Herbert Butterfield, der an der Universität Cambridge ( England ) lehrte, schreibt :
Es ist bemerkenswert, in welcher Weise die alten Hebräer den Glauben an eine Sittlichkeit im Wirken und im Gang der Geschichte bis zum logischen Ende entwickelten. Sie erkannten, dass die sittliche Natur des Menschen, wenn überhaupt, dann allzeit vorhanden wäre und das wichtigste Element im Verhalten des Menschen darstelle und dass auch das Leben, die Erfahrung und die Geschichte mit ihren Begriffen interpretiert werden müssten.10
Mose und die Propheten hatten immer wieder klargemacht, dass Gott sein Volk bestrafen würde, wenn es die moralischen Forderungen seines Gesetzes ignorierte. Gerade das Königreich Juda hätte dies wissen müssen. Etwa ein Jahrhundert zuvor waren exakt aus diesem Grund die Assyrer in das Nordreich Israel eingefallen und hatten den Großteil der dortigen Bevölkerung deportiert. Gott hatte die Israeliten durch Jesaja gewarnt, aber sie hatten nicht darauf gehört. Und jetzt wiederholte sich die Geschichte : Juda, der Rest der jüdischen Nation, raste mit
10 Butterfield, Christentum und Geschichte, S. 81.
voller Geschwindigkeit an allen roten Signalen vorbei auf das gleiche Los zu, das seine Schwester Israel ereilt hatte. Nicht lange bevor Nebukadnezar Jerusalem belagerte, hatte Jeremia eindringlich davor gewarnt, was auf das Volk zukommen und warum dies geschehen würde :
So spricht der Herr : Übt Recht und Gerechtigkeit und befreit den Beraubten aus der Hand des Unterdrückers ! Und den Fremden, die Waise und die Witwe unterdrückt nicht und tut ihnen keine Gewalt an und vergießt nicht unschuldiges Blut an diesem Ort ! Denn wenn ihr dieses Wort wirklich tut, werden durch die Tore dieses Hauses Könige einziehen, die auf dem Thron Davids sitzen, die mit Wagen und Pferden fahren, er und seine Knechte und sein Volk. Wenn ihr aber nicht auf diese Worte hört, soll dieses Haus – ich habe es bei mir geschworen, spricht der Herr – zur Trümmerstätte werden. Denn so spricht der Herr über das Haus des Königs von Juda : Wie Gilead warst du mir, wie der Gipfel des Libanon. Wenn ich dich nicht zur Wüste mache, zu unbewohnten Städten ! Und ich werde Verderber gegen dich heiligen, jeden mit seinen Waffen, und sie werden deine auserlesenen Zedern umhauen und ins Feuer werfen. Und viele Nationen werden an dieser Stadt vorüberziehen, und sie werden zueinander sagen : Warum hat der Herr das an dieser großen Stadt getan ? Und man wird sagen : Weil sie den Bund des Herrn, ihres Gottes, verlassen und sich vor anderen Göttern niedergeworfen und ihnen gedient haben. ( Jer 22,3–9 )
Juda hörte nicht auf Gott, und das Unvermeidliche geschah. Daniel weist in der Einleitung seines Buches darauf hin, wenn er erwähnt, dass Nebukadnezar Jerusalem belagerte, » und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand «. Dieses Stückchen Menschheitsgeschichte hatte einen Sinn, wenn man
Ein wenig Geschichte
es aus einer moralischen Perspektive im Licht der Warnungen Gottes betrachtete. Die Strafe entsprach dem Vergehen : Das Volk hatte sich auf Unmoral, Ungerechtigkeit und Götzendienst eingelassen, und so wurde es jetzt von der götzendienerischsten Nation auf Erden in die Gefangenschaft geführt.
Ja, die Eroberung Judas durch Nebukadnezar war aus Gottes Perspektive moralisch voll verständlich. Aber dies bedeutet nicht, dass Daniel und seine Freunde sich achselzuckend damit abfanden. Wenn etwas Turbulentes oder Traumatisches geschehen ist, ist es eines, nach Jahren des Nachdenkens zu einem nüchternen Urteil darüber zu kommen ; es ist etwas ganz anderes, dieses Geschehen bewusst durchleben zu müssen wie damals Daniel und seine Freunde. Sicher, auf der einen Seite konnten sie in dem Geschehen das Gericht Gottes über das Verhalten des Volkes und vor allem über seine Führer sehen. Aber als Menschen mit all ihren Gedanken und Gefühlen hatten sie bestimmt ihre Fragen, wie wir das auch gehabt hätten.
Warum z. B. mussten sie für etwas leiden, was andere verbrochen hatten ? ( Ja, warum sollten wir für so etwas leiden ? ) Sie waren ganz normale junge Leute, voller Energie und Pläne, aber in ihren Herzen waren sie fest entschlossen, mit Gott zu leben. Warum mussten ausgerechnet sie das Trauma der plötzlichen Trennung von ihren Lieben durchmachen ? Es gab ( und gibt noch heute ) keine schnellen, einfachen Antworten auf solche Fragen, und die Antworten, die sie schließlich bekamen, ließen vielleicht lange auf sich warten. Aber im Laufe der Zeit begriffen Daniel und seine Freunde, dass Gott sich nicht nur für die große Weltgeschichte interessiert, sondern auch für die persönliche Geschichte der Menschen, die ohne eigene Schuld unter die Räder der » großen « Geschichte geraten sind.
Mir ist natürlich bewusst, dass einige Zweifel anmelden werden, ob es überhaupt so etwas wie einen » Sinn « in der Menschheitsgeschichte gibt. Sie betrachten dies als ein Relikt des mittlerweile überholten » jüdisch-christlichen Denkens «. John Gray,
Professor für europäische Geistesgeschichte an der London School of Economics, hat es in seinem Buch Von Menschen und anderen Tieren so ausgedrückt :
Wenn Menschen Tiere sind, kann es so etwas wie die Geschichte der Menschheit nicht geben, sondern nur das Leben einzelner Menschen. Wenn wir überhaupt von der Geschichte der Spezies sprechen können, dann nur im Sinne einer Summe dieser einzelnen Leben, die mit dem Verstand nicht zu durchdringen ist. Ebenso wie bei anderen Tieren gilt, dass manche ein glückliches und andere ein elendes Leben haben. Kein Leben hat eine Bedeutung, die über es hinausweist. Nach dem Sinn der Geschichte zu fragen ist so ähnlich, wie wenn man in Wolken Figuren zu erkennen versucht. Nietzsche wusste das, konnte sich aber nicht damit abfinden. Er war im Kreidekreis christlicher Hoffnungen gefangen.11
Ich frage mich, woher Gray das wissen will. Ich nehme einmal an, dass er mir zustimmen würde, dass sein Buch, aus dem ich gerade zitiert habe, ein Teil seines Lebens und seiner Geschichte ist. Dann kann aber, wenn er denn mit seiner Behauptung recht hat, sein Buch keine Bedeutung haben, die über es hinausweist – und kann damit auch keine Bedeutung für Sie und mich haben. Seine Theorie von der Sinnlosigkeit der Geschichte gilt damit nicht für uns, sodass er gar nicht wissen kann, dass Ihre oder meine Geschichte keinen Sinn hat. Der logische Zirkel, in den er sich hineinmanövriert hat, ist aus massiverem Material als Kreide. Wie alle, die einen solchen Relativismus vertreten, verfällt er dem Irrtum, sich selbst und seine eigenen Ideen von
11 John Gray, Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus ( Stuttgart : Klett-Cotta, 2010 ), S. 63.
Ein wenig Geschichte
den logischen Konsequenzen seiner Ideen auszunehmen. Damit aber ist seine Erkenntnistheorie widersprüchlich.
Eine ganz andere Sicht vertritt Herbert Butterfield in seinem Werk Christentum und Geschichte :
Was die Verquickung von Religion und Geschichte bedeutete, trat besonders zutage, als sich das kleine Volk der Hebräer eingekeilt fand zwischen den um die Macht ringenden Reichen Ägyptens und Assyriens oder Babylons, sodass die Israeliten Mithandelnde und in einem besonders tragischen Sinne Opfer jener Art des Geschichtemachens wurden, die sich in ungeheuren Machtkämpfen vollzieht. ( … )
Im Ganzen gesehen handelt es sich hier um die größten und eindringlichsten Versuche, die je unternommen wurden, das Schicksal zu überwinden, die Geschichte zu deuten und einen Sinn im menschlichen Drama zu entdecken ; vor allem aber mit den moralischen Schwierigkeiten, vor die die Geschichte das fromme Gemüt stellt, fertigzuwerden.12
Mit anderen Worten : Der Sinn der Geschichte liegt außerhalb von ihr. Dies ist ein konkretes Beispiel für das Prinzip, dass der Sinn eines Systems außerhalb dieses Systems liegt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat es klassisch so formuliert :
Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht ; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muss es außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was es nicht-zufällig macht, kann
12 Butterfield, Christentum und Geschichte, S. 10.
nicht in der Welt liegen, denn sonst wäre dies wieder zufällig. Es muss außerhalb der Welt liegen.13
Der Kern des Monotheismus besteht darin, dass Gott, der außerhalb der Geschichte steht, der große Sinn-Garant ist. Als der, der außerhalb des sich entfaltenden Kosmos steht, ist er –und nur er – in der Lage, ihm einen Sinn zu geben. Einer der Schwerpunkte des Buches Daniels ist das Ringen mit den ethischen Problemen, mit denen die Geschichte uns konfrontiert. Doch ebenso wie die anderen Verfasser der Bibel will Daniel damit nicht auf einen Fatalismus oder Determinismus hinaus, der die Menschen zu hilflosen Schachfiguren macht, deren persönliches Leben, Vorlieben, Entscheidungen, Erfolge und Misserfolge letztlich keine Bedeutung haben. Es versteht sich von selbst, dass in einem völlig deterministischen Universum Liebe und echte Wahlmöglichkeiten nicht möglich wären.
Als der Apostel Paulus auf dem ehrwürdigen Areopag in Athen vor den griechischen Intellektuellen sprach, erklärte er, dass weder das Weltbild der Stoiker mit seinem Determinismus noch das der Epikureer mit seinen Zufallsprozessen die Komplexität der Welt ausreichend erfassen können :
Aus einem einzigen Menschen hat er alle Völker hervorgehen lassen. Er wollte, dass sie die Erde bewohnen, er bestimmte die Zeit ihres Bestehens und die Grenzen ihres Gebietes. Er wollte, dass sie nach ihm fragen, dass sie sich bemühen, ihn irgendwie zu finden, obwohl er keinem von uns wirklich fern ist. ( Apg 17,26–27 ; NeÜ )
Für Paulus ist es letztlich Gott, der den Lauf der Geschichte lenkt, aber dies schließt die menschliche Verantwortung nicht
13 Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, Abschnitt 6.41 ( Frankfurt/M : Suhrkamp, 9. Aufl. 2919 ), S. 107 f.
Ein wenig Geschichte
aus, es setzt sie auch nicht außer Kraft oder umgeht sie, denn der Mensch soll Gott suchen und sich nach ihm ausstrecken.
Dieses Thema wird seit Jahrhunderten von den Philosophen diskutiert. Aber die Bibel liefert uns nicht so sehr eine philosophische Abhandlung darüber, sondern richtet unsere Aufmerksamkeit darauf, wie es sich konkret in der Geschichte der Menschheit auswirkt. Dies ist eine Möglichkeit, wie man Ideen kommunizieren kann, die wir auch in der großen russischen Literatur finden. Die Philosophen Russlands sind auch in einem sehr realen Sinn seine Romanautoren. Wenn die Russen tiefen und komplexen Ideen nachgehen wollen ( wie z. B. dem Problem des Bösen und des Leides ), schreiben sie Romane darüber ; bekannte Beispiele sind Tolstois Krieg und Frieden und Dostojewskis Die Brüder Karamasow.
Ganz ähnlich ist es in der Bibel. In Römer 9–11 zeigt Paulus auf, dass die ( recht komplizierte ) Geschichte des Erzvaters Jakob uns einen Einblick in das Verhältnis von Gottes Wirken in der Geschichte und der Verantwortung des Menschen geben kann. Schon vor Jakobs Geburt erfahren seine Eltern von Gott, dass er eine ganz besondere Rolle haben wird. Was, wie der weitere Fortgang der Erzvätergeschichte zeigt, keinesfalls einen göttlichen Determinismus bedeutete, der Jakob seine Entscheidungsfreiheit nahm. Der biblische Bericht zeigt uns detailliert, wie Gott Jakob zur Verantwortung zog für die Methoden, mit denen er seiner besonderen Rolle nachzuhelfen versuchte, ja, ihn bestrafte, insbesondere durch die Beziehungen zu seinen Kindern. Jakob hatte seinen eigenen, fast erblindeten Vater betrogen, als er sich durch das Tragen eines Ziegenfells für seinen älteren Bruder Esau ausgab. Nun, viele Jahre später, täuschten seine eigenen Söhne den Tod seines Lieblingssohns Josef vor, indem sie ihm Josefs Obergewand brachten, das sie in das Blut eines Ziegenbocks getaucht hatten. Allein diese Geschichte lässt uns ahnen, wie komplex Gottes Lenken der Menschheits-
geschichte ist, wenn man ein gewisses Maß an echter menschlicher Freiheit und Verantwortung zugesteht.
Solche Geschichten zeigen uns auch, dass wir in unserer menschlichen Begrenztheit niemals in der Lage sein werden, das Verhältnis zwischen Gottes Wirken in der Geschichte und der Freiheit und Verantwortung des Menschen vollständig zu verstehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht an beides glauben sollten. Die meisten von uns glauben ja auch an die Existenz von Energie, obwohl niemand genau weiß, was das ist. Der Glaube, dass sowohl Gottes Lenken als auch die Freiheit des Menschen Realität ist, ist vor allem deswegen plausibel, weil diese Sicht ( wie ein Wissenschaftler es formulieren würde ) eine erhebliche Erklärungskraft hat. ( Ähnlich wird es in der Physik akzeptiert, dass man das Licht sowohl als Welle als auch als Teilchenstrom erklären kann, ohne dass man eine dieser Erklärungen als » falsch « ausschließen muss. ) Die biblische Geschichte, ja, die Geschichte überhaupt, macht einfach mehr Sinn, wenn wir sie als komplexes Ineinander von Gottes Lenken und menschlicher Freiheit sehen und nicht einen dieser Faktoren ausblenden. Hier braucht es nicht zuletzt auch ein großes Maß an Demut, denn letztlich ( und wahrscheinlich notwendigerweise ) stehen wir hier auch vor einem Geheimnis.
Erklärungskraft
Ich hatte gerade in einer großen wissenschaftlichen Einrichtung in England einen Vortrag über die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Theologie gehalten, als ein Physiker auf mich zukam und fragte, wie ich es fertigbrächte, als Mathematiker im 21. Jahrhundert an das zentrale Dogma des Christentums zu glauben, dass Jesus Christus gleichzeitig Mensch und Gott war. Ich erwiderte ihm, dass ich gerne auf diese Frage ant-
Ein wenig Geschichte
worten würde, wenn er mir zuerst eine wesentlich leichtere wissenschaftliche Frage beantworten könne. Er war einverstanden.
» Was ist Bewusstsein ? «, fragte ich ihn.
Er zögerte etwas, dann antwortete er : » Das weiß ich nicht. «
» Gut «, sagte ich. » Nehmen wir etwas anderes. Was ist Energie ? «
» Also «, sagte er, » wir können sie messen und die Gleichungen aufschreiben, die ihre Erhaltung regeln. «
» Das weiß ich, aber das war nicht meine Frage. Meine Frage war : Was ist Energie ? «
Er grinste. » Das wissen wir nicht. Aber das ist Ihnen ja wohl klar. «
» Jawohl. Auch ich habe meinen Feynman14 gelesen, und der sagt, dass niemand weiß, was Energie ist. Und damit komme ich zur Hauptsache : Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie gerade im Begriff standen, mich ( und meinen Glauben an Gott ) für irrelevant zu erklären, falls ich Ihnen nicht erklären kann, warum Jesus Christus gleichzeitig Mensch und Gott ist ? «
Er grinste wieder und schwieg. Ich fuhr fort : » Drehen wir den Spieß um : Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich Sie und all Ihr physikalisches Wissen für irrelevant erklärte, weil Sie mir nicht erklären können, was Energie ist ? Und Energie ist ja wohl per Definition um einiges weniger komplex als der Gott, der sie erschaffen hat, oder ? «
» Nein, tun Sie das bitte nicht ! «, sagte er.
» Keine Angst, ich werde es nicht tun. Aber ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen : Warum glauben Sie an die Begriffe › Bewusstsein ‹ und › Energie ‹, obwohl Sie sie nicht vollständig verstehen ? Liegt das nicht an der Erklärungskraft, die diese beiden Begriffe haben ? «
14 Richard Feynman, amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger des Jahres 1965. ( Anm. d. Übers. )
» Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen «, erwiderte er. » Sie glauben, dass Jesus Christus Gott und Mensch war, weil dies das Einzige ist, was das, was wir über ihn wissen, befriedigend erklären kann ? «
» Ganz genau. «
Wenn wir uns von Argumenten wie denen meines Kollegen nicht einschüchtern lassen wollen, müssen wir uns darüber klar sein, dass nicht nur gottgläubige Menschen an Dinge glauben, die sie nicht vollständig begreifen. Naturwissenschaftlern geht es genauso. Einen Menschen, der an Gott glaubt, nicht ernst zu nehmen, weil er das Wesen Gottes nicht befriedigend erklären kann, ist genauso töricht und willkürlich, wie einen Wissenschaftler nicht ernst zu nehmen, weil er nicht weiß, was Energie ist. Und doch ist es genau das, was häufig geschieht.
Diese Erkenntnis ist nicht nur in der akademischen Diskussion hilfreich, sie kann uns auch helfen, mit den Stürmen des praktischen Lebens umzugehen. Daniel gibt uns in seinem Buch keine detaillierte philosophische Erklärung, die die Spannung zwischen Gottes Souveränität und menschlicher Verantwortung auflöst – auch wenn er mit seiner Kenntnis der Heiligen Schrift dazu wahrscheinlich sehr wohl in der Lage gewesen wäre. Aber wie dem auch sei, bestimmt waren für ihn und seine Freunde die Prophezeiungen Jeremias eine enorme Hilfe bei der Vorbereitung auf die dunklen und turbulenten Tage ihrer Deportation :
Denn so spricht der Herr : Erst wenn siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort, euch an diesen Ort zurückzubringen, an euch erfüllen. Denn ich kenne ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren. Ruft ihr mich an, geht ihr hin und betet zu mir, dann werde ich auf euch hören. Und
Ein wenig Geschichte
sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr. ( Jer 29,10–14 )
Aus Daniels Analyse der Menschengeschichte wird klar, dass er sich Jeremias Worte zu Herzen genommen hatte. Und auch wir sollten sie uns zu Herzen nehmen. In Krisenzeiten ist es enorm tröstlich zu wissen, dass der Gott, der letztlich der Herr über die Geschichte dieser Erde ist, nicht irgendwo weit weg von den Höhen und Tiefen unseres persönlichen Lebensweges ist. Gott hat Pläne, ganz individuelle Pläne für den, der auf ihn vertraut. Das wird für die vier Teenager nicht so ausgesehen haben, als sie Jerusalem verlassen mussten und durch ihre Tränen hindurch zu den immer kleiner werdenden Gesichtern ihrer schockierten Eltern zurückschauten. In diesem schmerzlichen Augenblick haben sie sich vielleicht nicht vorstellen können, dass Gott ihnen » Zukunft und Hoffnung « geben würde. Aber er gab ihnen beides.
Und das sollte uns Mut machen, wenn unser Gottvertrauen hart auf die Probe gestellt wird, wenn unsere Gebete an den offenbar undurchdringlichen Mauern des Himmels zurückzuprallen scheinen und widrige Umstände und immer stärkere öffentliche Angriffe auf den christlichen Glauben Zweifel in uns hochkommen lassen. In ihren aufgewühlten Gefühlen fanden Daniel und seine Freunde echten Trost in dem Wissen, dass ja das, was ihnen da widerfuhr und was so traumatisch war, von den Propheten vorhergesagt worden war. Und wir können es ihnen gleichtun. Hat Jesus nicht mit deutlichen Worten gesagt, dass die, die ihm nachfolgen, genauso behandelt werden würden wie er selbst ?
Ich sage euch diese Dinge, damit ihr euch durch nichts vom Glauben abbringen lasst. Man wird euch aus den Synagogen ausschließen. Ja, es kommt
eine Zeit, wo jeder, der euch tötet, meint, Gott damit einen Dienst zu erweisen. ( Joh 16,1–2 ; NGÜ )
Jesus sagte dies seinen Jüngern im Voraus, sodass sie dann, wenn die Verfolgungen kamen, wussten, dass sie nicht aus Gottes Hand gefallen waren. Vielleicht kann ein Beispiel uns hier helfen. Denken Sie an eine Straßenkarte. Solange Sie auf einer Hauptstraße sind und die Schilder gut lesen können, brauchen Sie diese kaum. Aber wenn die Straße immer schmaler wird und Sie sich nicht mehr sicher sind, wo sie hinführt, ist es sehr hilfreich, eine Karte zur Hand zu haben, die Ihnen zeigt, dass dieses schwierige Terrain genau das ist, was Sie auf diesem Abschnitt Ihrer Reise zu erwarten haben, wenn Sie auf dem richtigen Weg sind. So eine » Karte « kann uns wirklich helfen, wenn die » Straße « unseres Lebens rau wird. Für Daniel war sie sehr rau, aber auf Jeremias » Straßenkarte « war sie deutlich eingezeichnet.
Wenn wir realistisch sind, wissen wir natürlich, dass es hier noch viele schwierige Fragen gibt. Was genau meint Jeremia, wenn er sagt, dass Gott Frieden und nicht Unheil für uns im Sinn hat ? Was war denn friedlich daran, als Daniel und seine Freunde aus der Geborgenheit ihres Zuhauses herausgerissen und nach Babylon verfrachtet wurden ? Ist eine schwere Krankheit oder Verletzung, Verfolgung oder Hunger kein Unheil für den Betreffenden ? Ist es etwa nicht furchtbar für den Ehemann und die Kinder, wenn die Ehefrau und Mutter vom Krebs dahingerafft wird ? Was ist denn damit gemeint, dass Gott Gedanken des Friedens und nicht des Unheils für uns hat ? Wir kommen einer Antwort vielleicht näher, wenn wir uns anschauen, was Unheil aus Gottes Perspektive ist. Jesus hat gesagt :
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen ; fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als auch Leib zu verderben
Ein wenig Geschichte
vermag in der Hölle ! Werden nicht zwei Sperlinge für eine Münze verkauft ? Und nicht einer von ihnen wird auf die Erde fallen ohne euren Vater. Bei euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. Fürchtet euch nun nicht ! Ihr seid wertvoller als viele Sperlinge. ( Mt 10,28–31 )
Jesus stellt hier klar, dass die Art Unheil, die den Körper tötet, nicht das ist, was in Gottes Augen Unheil ist. Der Apostel Petrus hat etwas Ähnliches gesagt, um den Glauben von Christen, die Verfolgungen gegenüberstanden, zu stärken :
Und wer würde euch schaden wollen, wenn ihr euch bemüht, das Gute zu tun ? Wenn ihr aber trotzdem leiden müsst, weil ihr tut, was vor Gott recht ist, dann dürft ihr euch glücklich preisen. Habt also keine Angst vor ihren Drohungen und lasst euch nicht einschüchtern. ( 1Petr 3,13–14 ; NeÜ )
Es ist eine traurige Tatsache, dass bekennende Christen manchmal Schwierigkeiten und Leiden über sich bringen, weil sie Unrecht getan haben. Petrus spricht hier aber die an, die leiden, weil sie getan haben, was vor Gott recht ist, und fordert sie auf, keine Angst zu haben.
Was macht den Unterschied aus ? Könnte es sein, dass das, was wir für Unheil halten, aus Gottes ewiger Perspektive anders aussieht ? Wenn mit dem physischen Tod alles aus ist, wie uns die Atheisten versichern, sind Petrus’ Worte leer, ja, schlimmer noch, sie sind ein Betrug. Aber wenn der Tod nicht das Ende ist, sondern eine Tür zu etwas, das viel größer ist als das irdische Leben, dann sieht alles anders aus.
Daniel hatte diese größere Perspektive. Er beendet sein Buch mit der unverblümten Hoffnung auf die Auferstehung. Die letzten Worte, die er aufgeschrieben hat, sind Worte, die ihm ein Bote aus einer anderen Welt gebracht hatte :
Aber du, geh deinen Weg bis zum Ende ! Du wirst dich zur Ruhe legen und am Ende der Zeit auferstehen, um dein Erbe in Empfang zu nehmen. ( Dan 12,13 ; NeÜ )
Eine zukünftige Welt, die Auferstehung von den Toten – das sind lauter rote Tücher für die » Neuen Atheisten «. Oder vielleicht nicht ganz. Andere Welten – das können sie noch akzeptieren, glauben sie doch an eine universale Evolution, die eine Fülle von Leben hervorgebracht haben muss. Aber eine Auferstehung können sie sich nicht vorstellen. Eine übernatürliche Bruchstelle in der Geschichte kann es definitionsgemäß nicht geben, wenn man durch die Brille einer materialistischen ( oder naturalistischen ) Weltanschauung blickt. Aber das beweist nicht, dass es diese Bruchstelle nicht gibt. Ein Gerät, das so gebaut ist, dass es nur Licht im sichtbaren Spektrum registriert, wird niemals Röntgenstrahlen entdecken, aber das bedeutet nicht, dass es keine Röntgenstrahlen gibt. Und es gibt eine solche, gut bezeugte Bruchstelle in der Menschheitsgeschichte, ein Phänomen, das in keine reduktionistische Theorie der Geschichte oder der Wissenschaft hineinpasst. Wie der Theologe C. F. D. Moule, Professor an der Universität Cambridge ( England ), ausführt :
Wenn das Auftreten des Nazareners – ein Phänomen, das vom Neuen Testament unleugbar bezeugt wird –eine Riesenbruchstelle in die Geschichte reißt, eine Bruchstelle von der Größe und Gestalt der Auferstehung, womit will der säkulare Historiker diese stopfen ? [ … ] Die Geburt und der schnelle Aufstieg der christlichen Kirche [ … ] müssen für jeden Historiker ein
Ein wenig Geschichte
Rätsel bleiben, der sich weigert, die einzige Erklärung ernst zu nehmen, die die Kirche selbst ihm bietet.15
Die Geschichte bezeugt bereits etwa 600 Jahre nach Daniels Zeit die leibliche Auferstehung von Jesus. Sie ist ein mächtiger Beleg dafür, dass er der Messias war, der Sohn Gottes. Und sie zeigt, dass der leibliche Tod nicht das Ende ist.
Aber jetzt sind wir zu schnell. Lassen wir das Ende des Buches Daniel, bis wir das entsprechende Kapitel erreicht haben. Ich erwähne die Auferstehung hier nur, um zu zeigen, dass wir die Stabilität und die Zielstrebigkeit von Daniels Leben erst dann verstehen können, wenn wir die innere Einstellung begreifen, von der es geprägt war. Er lebte in dieser gegenwärtigen Welt, aber er lebte nicht für sie. Er investierte sein Leben in eine andere Welt, und dort genießt er jetzt sein Erbteil.
Es versteht sich von selbst, dass es verrückt wäre, für eine andere Welt zu leben, wenn es diese Welt nicht gäbe. Das wäre in der Tat eine Illusion. Aber wenn es diese andere Welt gibt, wäre es doch genauso realitätsfremd, unser Leben nicht in sie zu investieren, oder ?
15 C. F. D. Moule, The Phenomenon of the New Testament ( London : SCM Press, 1967 ), S. 3 u. 13.