Bibel-Chronik
Die Bibel im historischen Kontext





© 2010, Karl-Heinz Vanheiden www.derbibelvertrauen.de
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Alle Rechte vorbehalten
Karl-Heinz Vanheiden
Bibel-Chronik
Die Bibel im historischen Kontext
Best.-Nr. 271 775
ISBN 978-3-86353-775-3
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Best.-Nr. 180 212
ISBN 978-3-85810-566-0
Verlag Mitternachtsruf, www.mnr.ch
1. Auflage
© 2021 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotiv: © shutterstock.com/InnaFelker (Synagoge), Kizel Cotiw-an (Octavius Augustus), Sean Pavone (Davidszitadelle); © unsplash.com/Bruno Aguirre (Israel)
Druck: C.H. Beck, Nördlingen
Printed in Germany
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
1. Grundlagen biblischer Chronologie
3. Zeitmessung in der Bibel
4. Die Christliche Zeitrechnung
Teil 1 Israels Väter und ihr Gesetz
1.1 Die Urgeschichte der Menschheit
1.2 Die Väter des Volkes Israel
1.3 Israels Befreiung aus Ägypten
1.4 Israels Jahre in der Wüste
1.5 Die Eroberung des zugesicherten Landes
1.6 Ansiedlung im versprochenen Land
1.7 Saul, der erste König Israels
1.8 Der Vater einer Dynastie
Teil 2 Israels Könige und seine Propheten
2.1 Israels Glanzzeit unter Salomo
2.2 Die Spaltung des Zwölfstämmevolkes Israel
2.3 Die erste Reformation im Südreich
2.4 Große Propheten im Nordreich
2.5 Jehus Dynastie und das damalige Juda
2.6 Der Untergang des Nordreichs Israel
2.7 Hiskijas Reform und Judas Zerfall
Teil 3 Israels Exil und seine Folgen
3.1 Der Zusammenbruch Israels
3.2 Die Gefangenschaft in Babylon
3.3 Die Rückkehrer Israels
3.4 Die Befestigung eines Volkes
3.5 Fremdherrschaft aus Griechenland
3.6 Das eigene jüdische Reich
Teil 4 Jesus und seine Zeit
4.1 Chronologie des Jesus-Lebens
4.2 Die letzten Jahre vor der Geburt des Messias
4.3 Geburt und Kindheit des Messias
4.4 Die Jugendzeit von Jesus
4.5 Johannes der Täufer und Jesus
4.6 Die Strafverfolgung beginnt
4.7 Auf dem Weg nach Jerusalem
4.8 Die letzten Monate .
4.9 Die letzten Tage vor der Passion
4.10 Die Passion, das Leiden des Christus
4.11 Der Auferstandene
Teil 5 Die Gemeinde und ihr Buch
5.1 Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem
5.2 Die Mission sprengt alle Grenzen
5.3 Die Festigung der Gemeinden
5.4 Die nachapostolischen Väter
5.5 Die Zeit der Apologeten
5.6 Die frühkatholischen Väter
5.7 Die großen Christenverfolgungen
5.8 Die konstantinische Wende
Vorwort
Mit dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass es sich bei den in der Bibel berichteten Ereignissen nicht um erfundene Geschichten, Legenden oder Mythen handelt, sondern um Geschehnisse, von denen man Ort und Zeit oft sehr genau angeben kann.
Weil sich dem normalen Bibelleser diese Dinge aber selbst mit Hilfe von Kommentaren und Lexika nur sehr bruchstückhaft erschließen, entstand die Idee zu dem vorliegenden Werk. In einer Art Bibellesebuch sollte der Leser dem chronologischen Gang der biblischen Geschichte folgen und sich gleichzeitig mühelos über relevante geschichtliche Ereignisse informieren können.
So entstanden in den Jahren 2001 bis 2005 die ersten drei Bände im jota-Verlag Hammerbrücke. Während der Arbeit reifte die Idee, für das geplante Werk eine eigene Übersetzung zu erstellen. Die Buchreihe, die ursprünglich auf zehn Bände angelegt war, sollte den vollständigen Bibeltext in chronologischer Ordnung, sowie die relevanten zeit- und weltgeschichtlichen Informationen enthalten.
Durch den Fortgang der Arbeit an meiner neuen evangelistischen Übersetzung, einer Übertragung der Bibel ins heutige Deutsch (NeÜ bibel.heute) und den Wechsel zur Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg machte sich ein neues Konzept notwendig, das auf fünf Bände beschränkt wurde. Dadurch, dass die NeÜ zu einem selbständigen Werk heranwuchs, war es auch nicht mehr nötig, den gesamten Bibeltext abzudrucken.
Inzwischen sind alle fünf Bände erschienen und zum Teil vergriffen, sodass eine Neuausgabe nötig wurde. Weil diesmal alles in einem Band zusammengefasst sein soll, und die NeÜ bibel.heute schon in vielen Auflagen erschienen ist, wurde der abgedruckte Bibeltext weiter reduziert. Ausnahme sind die vier Evangelien, die vollständig mit allen Anmerkungen, Stellenangaben und Überschriften als Evangelienharmonie wiedergegeben werden.
Das ganze Werk kann so in revidierter Form und überarbeitetem Text erscheinen. Neu ist, dass die Entstehung aller Bücher der Heiligen Schrift in der Chronik an ihrem geschichtlichen Ort dargestellt
– manchmal auch nur vermutet wird –, soweit das auf Grundlage der biblischen Angaben möglich ist.
Hinweise auf außerbiblische historische Ereignisse erfolgen nur, wenn sie in irgend einer Form für die biblische Geschichte relevant sind oder doch allgemein bekannt sein sollten. Auf diese Weise wird deutlich, dass sich Heilsgeschichte mitten in der Weltgeschichte ereignet.
Dem Leser sei empfohlen, das Kapitel „Die Zeiten in der Geschichte“ nicht zu überspringen, damit er sich einen Eindruck über die Hintergründe der Arbeit verschaffen kann, und sich nicht darüber wundert, wenn in anderen Arbeiten manchmal andere Jahreszahlen erscheinen.
Außerdem empfehlen wir, eine Standardausgabe der NeÜ bibel.heute in greifbarer Nähe zu haben, um den angegebenen Bibeltext zu verfolgen und weitere Detail-Informationen aus den Fußnoten aufnehmen zu können.
Karl-Heinz Vanheiden im Januar 2021
Zeichen und Abkürzungen
³ Nachrichten verweisen auf interessante Ereignisse ohne direkten Bezug auf biblische Begebenheiten.
➢ Die kleine Pfeilspitze verweist auf interne Texte dieser Arbeit, Gliederungspunkte, Jahreszahlen oder Seiten.
G Zitatverweis steht unter einem Absatz. Steht er direkt darüber, folgt das eingerückte wörtliche Zitat.
(Keel 1987, 223) verweist auf einen Verfasser, der im LiteraturVerzeichnis genannt ist, auf das Jahr, in dem sein Buch erschien und die Seitenzahl.
123ff bedeutet Seite 123 und die folgenden Seiten.
LXX meint die Septuaginta, die älteste Übersetzung des Alten Testaments in die griechische Sprache.
Die Zeiten in der Geschichte
Unter Geschichte verstehen wir die Darstellung vergangener Geschehnisse in einer zeitlich-geografischen Ordnung. Es muss nicht nur klar sein, was nacheinander geschehen ist, sondern auch, welche Geschehnisse in welcher Weise miteinander verbunden oder voneinander abhängig sind.
Geschichte beginnt mit der Erschaffung des Menschen. Adam und seine Frau Eva erzählten ihren Nachkommen Geschehnisse ihres Lebens in und außerhalb vom Paradies. Diese erzählten es weiter. Irgendwann wurde das unter göttlicher Führung (Inspiration) aufgeschrieben. Die kürzesten Zusammenfassungen dafür sind die Geschlechtsregister, wie wir sie in 1Mose 5 und 11 vorfinden. So entstand das, was wir heute Chronologie, die Wissenschaft von den zeitlichen Abfolgen, nennen.
1. Grundlagen biblischer Chronologie
„Chronologie ist wichtig. Ohne Chronologie ist es nicht möglich, die Geschichte zu verstehen, denn Chronologie ist das Rückgrat der Geschichte.“1
Die alten Kulturvölker, die Ägypter, die Griechen, die Römer, haben Geschichte vorwiegend als Kreisläufe begriffen. In Anlehnung an die Zyklen der Natur hat man die Geschichte in Phasen von Blüte, Reife und Verfall eingeteilt. Diese Abläufe würden sich in immer neuen Zyklen wiederholen (Emrich 2006, 109) Die Bibel setzt dem ein lineares Geschichtsbild entgegen, und zwar seit Mose vor mehr als 3400 Jahren das erste biblische Buch Genesis zusammenstellte. Das beginnt
1 Edwin R. Thiele (1895-1986), amerikanischer Archäologe und Professor für Altes Testament. Verdient gemacht hat er sich vor allem durch chronologische Studien zur israelitischen Königszeit.
mit einem definierten Anfang und steuert geradlinig auf ein Ziel der Geschichte hin.
Damit hat das jüdisch-christliche Denken ein besonders klares Bewusstsein für Geschichte. Zwar haben auch andere Religionen Weltentstehungsgeschichten, aber keine hat einen Blick für das Ende der Welt.2 Israel ist das einzige Kulturvolk, das uns einen lückenlosen chronologischen Bericht seiner eigenen Geschichte gibt. Gerade die Geschlechtsregister zeigen, dass die berichteten Ereignisse geschehene Geschichte sind.
Auch die Völker im Umfeld des späteren Israel kannten Genealogien. Bei ihnen ging es aber nur darum, das Andenken an einen bestimmten Herrscher und seine Erfolge darzustellen. Damit sollten gewisse Herrschaftsansprüche legitimiert werden. Mit den Jahreszahlen ging man dabei sehr großzügig um. So behauptet ein sumerischer Tontafeltext: „Als das Königtum vom Himmel herabkam, da war es zuerst in der Stadt Eridu. In Eridu ward Alulim König; er regierte 28.800 Jahre: Alalgar regierte 36.000 Jahre. Das sind zwei Könige mit 64.800 Regierungsjahren ...“3 Auch die genannten Lebenszeiten in Genesis 5 und 11 sind im Vergleich zu heute recht hoch. So betrug das Durchschnittsalter der Menschen vor der Flut 912 Jahre.4 Wenn man diese Angaben jedoch mit den Zehntausenden von Jahren der babylonischen Urkönige vergleicht, stellen sich die Zahlen bei den Urvätern der Menschheit als sehr nüchtern dar. In jedem Fall wollen es echte Zahlen sein.
Addiert man in den Genealogien der Genesis die Zeiträume bis zur Geburt des jeweiligen Verheißungsträgers5, so erhält man die Zeitspanne von der Erschaffung Adams bis zur Sintflut und von der Sintflut bis zu Abraham.6
2 Siehe auch „Bild der Wissenschaft“ Nr. 6/1999 S. 72 ff.
3 Zitiert bei Külling in fundamentum 1-4/1992 Genesis 42-44.
4 Ohne Henoch gerechnet, der vorzeitig von Gott weggenommen wurde.
5 Der Verheißungsträger war nicht in jedem Fall der erstgeborene Sohn, sondern der, mit dem die Linie der Geschlechterfolgen bis zum Messias weiterläuft. Beispiele dafür sind die Söhne Noahs (vgl. 1Mo 5,32; 10,21 und 11,10) und die Söhne Sems (vgl. 1Mo 10,22 und 11,10).
6 Manche evangelikalen Theologen nehmen an, dass so wie bei außerbiblischen Genealogien aus der Umwelt Israels auch bei den biblischen Geschlechtsregistern Material aus unterschiedlichen Zeiten verwertet wurde, dass es weiterhin Abweichungen wegen unterschiedlicher Absichten gab und manchmal Auslassung mehrerer Generationen. Deshalb würde die biblische Chronologie
1.1 Relative Chronologie
Das zeitliche Verhältnis mehrerer historischer Vorgänge zueinander nennt man relative Chronologie. Dabei wird in der Regel ein besonderes Ereignis mit einem bekannten Ereignis verknüpft. Solch ein Bezugsereignis war später zum Beispiel der Auszug aus Ägypten (1. Könige 6,1), der Tod eines Königs ( Jesaja 6,1) oder ein Erdbeben (Amos 1,1). In der Königszeit setzte sich dann die Datierung nach dem Regierungsantritt des jeweiligen Königs durch, wie es bei den Nachbarvölkern üblich war.
Um die relative alttestamentliche Chronologie in eine absolute Chronologie umzuwandeln, benötigt man mindestens einen Fixpunkt, an dem die biblischen Angaben mit unabhängig überlieferten außerbiblischen Angaben zusammentreffen, deren Datum man genau angeben kann. Für das Alte Testament bietet die Schlacht von Karkar dieses Datum. Es konnte mit Hilfe assyrischer Aufzeichnungen und einer astronomisch datierbaren Sonnenfinsternis (15. Juni 763 v. Chr.) auf das Jahr 853 v. Chr. festgelegt werden, dem Todesjahr des Königs Ahab von Israel.
1.2 Absolute Chronologie
Die Jahreszahlen im heutigen jüdischen Kalender beziehen sich auf die Erschaffung der Welt. Diese Chronologie ist im Mittelalter entstanden und geht von der Weltschöpfung am 7. Oktober 3761 v. Chr. aus. Auf dieses Datum kamen die Juden durch folgende Überlegung: Von Adam bis zum Auszug Israels aus Ägypten setzte man eine Zeitspanne von 2448 Jahren an und von da bis zur Zerstörung Jerusalems durch römische Truppen unter Titus noch einmal 1380 Jahre. Zusammen ergibt das 3828 Jahre. Den Fall Jerusalems legte man auf das Jahr 68 n. Chr. (richtig wäre 70 n. Chr. gewesen), sodass die Welt genau 3828 – 68 = 3760 Jahre vor Christi Geburt entstanden sein musste. Wegen des Jahr-Null-Problems (➢ 4.4) unserer Zeitrechnung muss noch ein Jahr addiert werden, und man erhält das Jahr 3761 v. Chr. als das Jahr der Erschaffung der
von Adam bis Abraham keine exakten chronologischen Folgerungen zulassen. Doch gerade diese Genealogien, die mit konkreten Jahresangaben verbunden sind, lassen solche Abweichungen nicht erkennen.
Welt. Weil alle geschichtlichen Vorgänge zu diesem Datum in Beziehung gesetzt werden, handelt es sich um eine absolute Chronologie.
Solche Berechnungen zum Schöpfungsjahr gab es im Mittelalter noch viele. So kam der Astronom Johannes Kepler auf das Jahr 3992 v. Chr. Berühmt ist die Berechnung von James Ussher auf das Jahr 4004 v. Chr., die meist nur spöttisch mit Tag und Uhrzeit zitiert wird, aber aus anderen Quellen stammt. Ussher war einer der führenden Gelehrten im 17. Jahrhundert. Ihm ging es um die Übereinstimmung von biblischer Chronologie und astronomischen Beobachtungen. Außerdem hatte er alle möglichen Schriften der Kulturen rund ums Mittelmeer studiert. Er war sich auch der unterschiedlichen Überlieferungen der biblischen Zahlen bewusst. So errechnet sich die Zeit zwischen Schöpfung und Sintflut im Samaritanischen Pentateuch auf 1307 Jahre, nach dem hebräischen Text auf 1656 Jahre, nach der Septuaginta von Eusebius 2242 Jahre und nach einem äthiopischen Text 2262 Jahre.
Die genannten Unterschiede mahnen einerseits zur Vorsicht, bleiben aber in derselben Größenordnung. Sie sollten uns nur Zurückhaltung auferlegen, ein genaues Jahr der Erschaffung Adams vor Christus angeben zu können.
Aber die christliche Zeitrechnung (➢ Die Zeiten 4.), die von dem „Jahr der Menschwerdung des Herrn“, also der Geburt von Jesus Christus ausgeht und von diesem Zeitpunkt aus sowohl die vorherigen als auch die späteren Ereignisse einordnet, ist eben auch eine absolute Chronologie.
1.3 Lücken in der biblischen Chronologie
Das in den alttestamentlichen Genealogien verwendete hebräische Wort für „zeugen“ oder „gebären“ yalad kann im direkten oder übertragenen Sinn gebraucht werden. In 1. Mose 46,18 hat das Wort eine übertragene Bedeutung: „Das sind die Söhne der Silpa, die Laban seiner Tochter Lea gegeben hatte; und sie gebar diese dem Jakob, sechzehn Seelen.“ Wir wissen, dass einige davon Enkel waren. Ein klassisches Beispiel ist auch Matthäus 1,8: „Joram aber zeugte Usia“. Tatsächlich war Usia der Ururenkel Jorams, wie wir aus dem AT wissen. Ähnlich ist es mit dem biblischen Gebrauch des Wortes Sohn. Wenn Josef, der Pflegevater von Jesus, ein „Sohn Davids“ genannt wird (Matthäus 1,20), heißt das weiter nichts, als dass Josef ein Nachkomme Davids war.
1.4 Das Problem mit der Septuaginta
Die Autoren des Neuen Testaments zitierten das Alte Testament nur selten nach dem hebräischen Originalext (MT), sondern häufig nach seiner griechischen Übersetzung, der Septuaginta (LXX). So kommt es vor, dass zum Beispiel der Wortlaut von Apg 15,17 (wo Amos 9,12 zitiert wird), sich deutlich vom MT unterscheidet. Das könnte bedeuten, dass die LXX an einigen Stellen den originalen Wortlaut bewahrt hat. Wenn man allerdings die Genealogie von Adam bis Abraham im MT und in der LXX vergleicht, ergeben sich bei den meisten Personen Differenzen von 100 Jahren. Nach den Zahlen der LXX müsste Metuschelach die Sintflut um 14 Jahre überlebt haben, was natürlich nicht sein kann.
1.5 Innerbiblische Differenzen
Manchmal scheinen sich biblische Zeitangaben zu widersprechen. So steht in 2. Chronik 16,1: „Im 36. Regierungsjahr Asas baute König Bascha von Israel die Stadt Rama zur Festung aus.“ Nach 1. Könige 16,6.8 war Bascha damals aber schon 10 Jahre tot. Die Spannung kann dadurch aufgelöst werden, dass man entweder annimmt, dass hier das 36. Jahr des Königreiches Juda gemeint ist, oder dass es sich um einen Abschreibfehler handelt, wobei die Vorlage die Zahlen als numerische Zeichen stehen hatte, die man im Althebräischen leicht verwechseln konnte. Es müsste dann heißen: „Im 16. Regierungsjahr Asas“. Meist gibt es ohnehin mehrere Möglichkeiten, solche innerbiblischen Differenzen sinnvoll zu erklären.
1.6 Das Thronbesteigungsjahr
Wenn man die Jahre von der Reichsteilung nach dem Tod Salomos bis zum Regierungsantritt Jorams von Israel zählt, ergeben sich im Südreich Juda eine Gesamtdauer der Regierungszeiten von 79 Jahren, im Nordreich Israel aber eine Zeit von 86 Jahren. Die Differenz erklärt sich dadurch, dass in Israel das Jahr, in dem ein König den Thron bestieg als volles Regierugsjahr gezählt wurde und in Juda erst das Jahr nach dem nächsten Jahresanfang als erstes Regierungsjahr zählte (Pehlke 2002, 264ff). Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass manchmal der Jahresanfang vom Nisan, dem Frühjahrsmonat, an gezählt wurde, in dem man das Passafest feierte, andererseits auch vom Herbstmonat Tischri.
1.7 Die Zeit des Volkes Israel in Ägypten
Das Jahr des Auszugs aus Ägypten 1446 v. Chr.
„Im April des vierten Jahres, in dem Salomo über Israel regierte – es war das 480. Jahr nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten –, begann der König das Haus für Jahwe zu bauen.“ (1. Könige 6,1)
Es ist allgemein anerkannt, dass der Grundstein für den Tempel im Jahr 966 v. Chr. gelegt wurde. Dann wäre der Exodus Israels aus Ägypten im Jahr 1446 v. Chr. erfolgt. Das wird von einer Aussage Jiftachs in Richter 11,26 bestätigt, der von 300 Jahren spricht, in denen Israel in dem Land wohnte, das früher den Ammonitern gehörte.
Ein Problem bei dieser Frühdatierung des Auszugs ist, dass sich mit den addierten Jahren der Richterzeit dann eine höhere Summe als 480 ergibt. Man erklärt das so, dass einige Richter nur regionalen Einfluss hatten, sodass sich die Wirkungszeit mancher Richter überlappte.
Andere setzen den Auszug aus Ägypten aus archäologischen Gründen um das Jahr 1260 v. Chr. an (Spätdatierung). Das bringt freilich noch mehr Probleme mit der Richterzeit.
Wieder andere befürworten eine extreme Frühdatierung des Exodus im Jahr 1606 v. Chr., die sich allein aus biblischen Angaben ergibt.7
Wie lange lebte Israel in Ägypten: 430, 400 oder 215 Jahre?
Die Frage ist wichtig für die biblische Chronologie vor dem Auszug aus Ägypten. Aber die Bibel gibt scheinbar verschiedene Antworten:
Da sagte Jahwe zu Abram: „Du sollst jetzt erfahren, dass deine Nachkommen Fremde in einem Land sein werden, das ihnen nicht gehört. Man wird sie versklaven und misshandeln. Das alles dauert vierhundert Jahre. Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, wird mein Strafgericht treffen. Und dann werden sie mit großem Besitz von dort wegziehen ... Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren.“8
7 So Roger Liebi (Zusammenfassung eines Referats als PDF-Datei). Liebis Sicht (auch von Philip Mauro und Henk L. Heijkoop vertreten) ist allerdings nach Ansicht anderer Fachwissenschaftler mit der Chronologie der Levante (z.B. der Könige von Tyrus), mit astronomischen und radiometrischen Daten, mit den Zahlen für das altbabylonische Reich wie auch für das mittlere Reich in Ägypten nicht vereinbar (Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“).
8 1. Mose 15,13-16; ziemlich wörtlich zitiert in Apostelgeschichte 7,6-7.
1. Die Grundlagen biblischer Chronologie
„Der Aufenthalt der Söhne Israels ‹als Fremde, zuletzt› in Ägypten, dauerte 430 Jahre. Nach Ablauf dieser Zeit zogen die Heerscharen Jahwes aus dem Land Ägypten weg.“ (2Mo 12,40-41)
„So ist es auch mit den Zusagen, die Gott dem Abraham und seinem Nachkommen geschenkt hat ... Wenn Gott einen Bund rechtskräftig bestätigt hat, dann wird er durch das 430 Jahre später entstandene Gesetz nicht für ungültig erklärt.“ (Galater 3,16-17)
Alle Zeitangaben haben das Ende der Unterdrückung als Endpunkt. Nehmen wir 430 Jahre Aufenthaltsdauer an, müssen die 400 Jahre gerundete Zahlen oder Überlieferungsfehler sein. Dass nur vier Generationen 430 Jahre überbrücken ist selbst in der Erzväterzeit kaum vorstellbar. Nach Galater 3,16 sind Gottes Zusagen an Abraham (1Mo 12,3.7; 15,18; 22,18) aber schon der Startpunkt späterer Verfolgungen. Das bedeutet, die 430 Jahre begannen schon mit Abrahams Zug nach Kanaan, wo er und seine Nachkommen etwa 215 Jahre als Fremde lebten, und dann weitere 215 Jahre in Ägypten. Auch die LXX teilt die 430 Jahre in die Zeit von Kanaan und Ägypten auf (2. Mose 12,40-41).
Die Unterdrückungszeit der 400 Jahre könnte begonnen haben, als Abrahams Sohn Isaak von Ismael verächtlich gemacht (1Mo 21,8-9), ja verfolgt wurde (Gal 4,29)9. Das begann 30 Jahre nach Abrahams Eintreffen in Kanaan und setzte sich fort.
Die Annahme, dass Israel 215 Jahre in Ägypten lebte, kann am besten alle biblischen Aussagen zu dieser Zeit harmonisieren, ohne dass man Fehler oder Widersprüche annehmen muss. Übrigens fällt auf, dass in der Linie der Hohen Priester tatsächlich die vierte Generation nach Kanaan zurückkehrt, denn Levis Sohn Kehat wurde noch in Kanaan geboren und zog mit nach Ägypten. Sein Urenkel Eleasar kehrte als Hohepriester nach Kanaan zurück. (1. Mose 46,8-11; Josua 14,1)
1.8 Altenative Chronologie
Der ägyptische Oberpriester Manetho von Heliopolis schrieb um das Jahr 280 v. Chr. in griechischer Sprache eine Geschichte Ägyptens, die sich auf ältere Quellen stützt. Inzwischen ist aber bekannt, dass mehrere
9 Es ist denkbar, dass Gott die Nachkommen schon in Abraham vorhanden sah, ähnlich wie Hebräer 7,10.
ägyptische Könige (vielleicht sogar ganze Dynastien) nebeneinander regiert haben, wodurch sich die Geschichte Ägyptens um vielleicht 150 Jahre verkürzt. Dadurch kann der in 1. Könige 14,25 und 2. Chronik 12,2 genannte Schischak nicht mehr mit Pharao Scheschonk I. identifiziert werden, was ohnehin auf schwerwiegende Probleme stößt, wenn man den Feldzugsbericht des Pharaos mit den biblischen Angaben vergleicht. Durch die von mehreren Seiten vorgeschlagene vorsichtige Revision der ägyptischen Chronologie kommt es zu einer Neubewertung archäologischer Epochen im Gebiet Israels und zu einer recht guten Übereinstimmung mit den biblischen Angaben. Die Arbeiten dazu stehen allerdings erst am Anfang (van der Veen/Zerbst 2002).
1.9 Der Schaltmonat
Der hebräische Kalender kombinierte das Sonnen- mit dem Mondjahr: die Sonne bestimmte das Jahr in seinem landwirtschaftlichen Rhythmus, der jeweilige Neumond bestimmte die 12 Monate von abwechselnd 29 und 30 Tagen Länge. Das heilige Jahr begann mit dem Neumond der Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche. Weil das Mondjahr aber rund elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, musste dreimal in acht Jahren ein Schaltmonat von 30 Tagen eingefügt werden. Welche Jahre nun die Schaltjahre wurden, ist für die Zeit des Alten Testaments nicht mehr feststellbar. Schon von daher ist es nicht möglich, die biblischen Datumsangaben mit einem Datum des heutigen gregorianischen Kalenders wiederzugeben. Und selbst wenn man den genauen Beginn des Schaltmonats im entsprechenden Jahr kennen würde (wie in Babylon seit 425 v. Chr., wo man sieben Schaltmonate in 19 Jahren einfügte), bleibt immer noch eine Schwankungsbreite von durchschnittlich 14 Tagen für den Jahresbeginn.
1.10 Die Tageszählung im Monat
Um dennoch die vielen konkreten biblischen Angaben verständlich und anschaulich zu übertragen, gehe ich in der NeÜ von einem normalen Jahr aus und setze den 1. des 1. Monats (Nisan) gleich dem 1. April, den 1. des 2. Monats (Ijjar) gleich dem 1. Mai usw. Damit können die biblischen Tageszählungen im Monat beibehalten werden und bleiben mit ausreichender Genauigkeit im erkennbaren Rahmen.
2. Quellen historischer Information
2.1
In der Geschichtswissenschaft
Als Quellen für die Geschichtswissenschaft gelten „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“ (Paul Kirn).
Viel hängt dabei von der Fragestellung des Historikers ab. Interessiert er sich zum Beispiel für die Kultur und das Weltbild eines Verfassers, wird er andere Fragen an seine Quelle stellen, als wenn er sich für den Ablauf der Geschichte interessiert, die jener Autor beschreibt.
Von daher ist eine Unterscheidung der Quellen in primäre und sekundäre wenig hilfreich. So wird ein Autor wie Arrian (85-146 n. Chr.) selbst als Quelle für Alexander den Großen angesehen, obwohl er mehrere Jahrhunderte später geschrieben hat. Ähnlich ist es mit Eusebius von Caesarea (etwa 260-340 n. Chr.), der über die frühe Kirchengeschichte informiert. Dabei zitiert Eusebius einerseits ältere Quellen, die verloren gegangen sind (➢ 303 n. Chr.). In dieser Hinsicht bietet er primäre Quellen. Andererseits beschreibt er, was damals vorgegangen ist. In dieser Hinsicht ist er eine sekundäre Quelle.
Jeder Historiker muss nun den Informationswert seiner Quellen beurteilen. Das tat auch Eusebius in dem genannten Werk, wenn er zum Beispiel den Kirchenvater Papias für geistig beschränkt hielt, weil dieser nicht verstanden habe, wovon die Apostel in Bildern und Gleichnissen sprachen (➢ 125 n. Chr.). Das wiederum müssen wir anhand der Quellen beurteilen, auf die Eusebius anspielt, und aus Quellen, die uns über die Theologie des Eusebius berichten.
2.2 Quellen für eine Bibelchronik
An erster Stelle stehen hier die biblischen Texte selbst. Wir sind dabei in der glücklichen Lage, tausende von Abschriften der ursprünglichen Texte in hebräischer und griechischer Sprache zu besitzen, die bis heute zugänglich sind. Dass die Dokumente des Alten und Neuen Testaments auch einige Zitate in aramäischer Sprache enthalten, sei nur der Vollständigkeit halber hinzugefügt.
In dieser Arbeit gehen wir davon aus, dass die ursprünglichen Dokumente absolut glaubwürdig sind. Wir wissen, dass sie mit äußerster Sorgfalt überliefert wurden. Wenn trotzdem durch das Abschreiben Fehler vorkamen, können diese fast vollständig durch Vergleiche mit den anderen vorhandenen Abschriften getilgt werden. Damit beschäftigt sich die Wissenschaft der Textforschung.
Außerdem gehen wir davon aus, dass den ursprünglichen Autoren durch göttliche Inspiration eingegeben wurde, was sie schreiben sollten, und die Dokumente von daher in allen ihren Aussagen, auch in den historischen, zuverlässig sind.
An zweiter Stelle stehen sogenannte apokryphe Texte, die in manche Bibelausgaben aufgenommen wurden und geschichtliche Information vermitteln können wie zum Beispiel die Makkabäerbücher, aber auch Texte von Kirchenvätern oder dem oben genannten Eusebius. Flavius Josephus mit seinen „Jüdischen Altertümern“ und der „Geschichte des Jüdischen Krieges“ ist hier ebenfalls zu erwähnen.
Wichtige Quellen sind zeitgeschichtliche außerbiblische Texte oder Inschriften, die ein Licht auf die in der Bibel genannten Ereignisse oder Personen werfen, wie zum Beispiel die Bisutun-Inschrift, die in 90 m Höhe eine ganze Felswand im Zagros-Gebirge bedeckt (➢ 522 v. Chr.).
Schließlich liefert auch die Archäologie wertvolle Beiträge für ein Verständnis biblischer Geschichte. So wurden Bruchstücke von Inschriften entdeckt, die in der Bibel vorkommende Namen enthalten, oder Siegelringe von in der Bibel vorkommenden Personen (zum Beispiel König Hiskija oder Baruch). Bisher sind mehr als 30 Bullen (Siegelabdrücke) bekannt, die Namen alttestamentlicher Personen enthalten, und ihre Zahl nimmt stetig zu. Es wurden viele in der Bibel erwähnte Stätten entdeckt, zum Beispiel der Teich Betesda mit seinen fünf Säulenhallen oder der Tunnel zur Wasserversorgung, den König Hiskija aushauen ließ. Auch geschichtliche Vorgänge werden dokumentiert: So prahlt die Mescha-Stele von einem Sieg des Moabiterkönigs über König Omri von Israel und der schwarze Obelisk freut sich über den Tribut, den Jehu von Israel aufbringen musste (➢ 841 v. Chr. Fußnote 9).
Den zurzeit ältesten archäologischen Hinweis auf die Existenz des Volkes Israel in Kanaan liefert ein ägyptisches Granitfragment, das auf die Zeit zwischen 1400 bis 1500 v. Chr. datiert wird, also die Zeit des Auszugs aus Ägypten. Dieses Bruchstück aus dem Sockel der
3. Zeitmessung in der Bibel
Meremptah-Stele macht deutlich, dass Israel neben Aschkelon und Kanaan als Feind Ägyptens ernst genommen wurde.10
Außerbiblische geschichtliche Aussagen können aus prinzipiellen Gründen nur bis zur Sintflut zurückreichen, denn erst danach wurde die Erde wieder neu besiedelt.
3. Zeitmessung in der Bibel
3.1 Der Tag
Weil in Israel die Monate nach dem Mondumlauf ausgerichtet waren, wurde der Sonnenuntergang, ca. 18 Uhr, als Beginn des neuen Tages angesehen. Diese Eigenschaft teilen sich die meisten Mondkalender, denn die schmale Mondsichel nach dem Neumond ist in der Abenddämmerung sichtbar. Damit beginnt ein neuer Monat und folglich auch ein neuer Tag.
Die Nacht teilte man ursprünglich in drei Nachtwachen ein (Ri 7,19): Abend, Mitternacht, Hahnenschrei.11 Die kürzeste Zeiteinheit für den Tag war die Stunde. Sie wurde als ein Zwölftel der Dauer des Tageslichts von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang aufgefasst und war deshalb je nach Jahreszeit unterschiedlich lang.
3.2 Die Woche
Die wichtigste Periode in unserer Zeitrechnung ist die Woche. Alle Kalender, alle Stundenpläne und Termine richten sich nach ihren Tagen. Die Einrichtung der siebentägigen Woche geht – im Gegensatz zum Tag, dem Monat und dem Jahr – direkt auf eine Anordnung des Schöpfers zurück. So lautet die Begründung für das Sabbatgebot:
„Sechs Tage hast du, um all deine Arbeit zu tun, aber der siebte Tag ist Sabbat für Jahwe, deinen Gott ... Denn in sechs Tagen hat Jahwe den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles,
10 factum Magazin Nr. 5/2011 S. 37f.
11 Erst die Römer favorisierten eine Einteilung in vier Nachtwachen.
was dazugehört. Am siebten Tag aber ruhte er. Deshalb hat er den Sabbattag gesegnet und für sich bestimmt.“ (2. Mose 20, 9-11)
Wir wissen nicht, wann die Menschen wirklich anfingen, die Tage in Wochen zusammen zu fassen. In der Bibel kommt der Begriff „Woche“12 das erste Mal bei Jakobs Hochzeitsfeier 1. Mose 29,27 vor. Doch es wird schon wesentlich früher gewesen sein, dass man sich an diesen Rhythmus hielt.13 Namen hatten die Tage der jüdischen Woche allerdings nicht. Man benannte sie entweder nach den ersten sechs Buchstaben des hebräischen Alphabets oder nach den Zahlen von 1-6. Lediglich der Sonnabend trug einen Namen: „Sabbat“.
3.3 Der Monat
Die Monate in Israel richteten sich nach dem Lauf des Mondes. Das wird bereits im Alten Testament im 104. Psalm Vers 19, ausgedrückt:
„Er hat den Mond gemacht, der die Zeiten bestimmt, die Sonne, die ihren Untergang kennt.“
Monatsanfang war jeweils, wenn die dünne Sichel des zunehmenden Mondes erstmals wieder bei Sonnenuntergang sichtbar wurde. Die Festsetzung des ersten Tages eines neuen Monats, des „Rosch Chodesch“, beruhte auf dem Bericht von mindestens zwei Augenzeugen, die das Erscheinen des „Neulichtes“ gesehen hatten. Diese mussten nach Jerusalem kommen, wo ihre Aussagen an einem Platz namens „Bet Jasek“ von einem speziell dazu eingesetzten „Bet Din“ durch genaue Befragung geprüft wurde. Dieser Bet Din proklamierte dann im Fall zweier akzeptierter Zeugenaussagen den neuen Monat.
Die Nachricht wurde durch ein Fackelsystem übertragen und durch Relaisstationen – Leuchtfeuern auf bestimmten hohen Bergen – bis
12 Der hebräische Begriff für Woche ist eine Ableitung aus der Zahl sieben, also Periode von sieben Tagen.
13 Übrigens wird die Woche bis heute unabhängig von Jahr und Monat durchgezählt. Bisher haben es alle Kalenderreformen ängstlich vermieden, die Wochentags-Zählung zu unterbrechen (außer der Reform der französischen Revolution, die aber prompt scheiterte).
3. Zeitmessung in der Bibel
in die entferntesten Gemeinden der Diaspora übermittelt. Als die Samaritaner ihre Ablehnung des rabbinischen Judentums dadurch zum Ausdruck brachten, dass sie bewusst falsche Fackelsignale sendeten (am 30. Tag), wurde das System auf Boten umgestellt. Als diese regelmäßig aufgehalten und überfallen wurden, musste das System der Zeugen eingestellt werden. Es wurde durch ein berechnetes System ersetzt.
Den im Voraus berechneten Kalender entwickelte Hillel II. im 4.Jh. n. Chr. Dieses geregelte System wird heute noch im Judentum universell verwendet. Da ein durchschnittlicher Mondzyklus 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 3,5 Sekunden dauert, konnte ein Monat entweder 29 oder 30 Tage lang sein. Das heißt, Rosch Chodesch wurde für den 30. Tag oder für den 31. Tag proklamiert.
3.4 Das Jahr
Zwischen dem Mondjahr, das heißt einem Ablauf von 12 Monaten und dem Sonnenjahr, das einer Umrundung der Sonne durch die Erde entspricht, besteht ein Unterschied von etwa 11 Tagen. Ein Mondjahr hat nämlich 354,33 Tage, eine Sonnenumkreisung dauert 365,25 Tage. Weil das Jahr einerseits aber mit dem Sonnenlauf übereinstimmen sollte, damit der Frühlingspunkt nicht durch alle Jahreszeiten läuft, und andererseits gleichzeitig mit dem Lauf des Mondes, versuchte man beide miteinander zu kombinieren. Das gelang nur durch das zusätzliche Einfügen von Schaltmonaten. Dafür hätten allerdings zwei Jahre gereicht, ein Gemeinjahr mit 12 und ein Schaltjahr mit 13 Monaten.
Bei den Juden kamen aber noch die sogenannten Ausnahmefälle hinzu: So durfte zum Beispiel der Neujahrstag, der in den Herbst gelegt wurde, nicht auf einen Sonntag, Mittwoch oder Freitag fallen. Falls dies doch der Fall sein sollte, musste der Neujahrsbeginn um einen Tag verschoben werden, wodurch natürlich das vorausgegangene Jahr um einen Tag länger wurde, als es hätte sein sollen. Im Ganzen existieren fünf solcher Ausnahmeregeln. Wenn man sie alle berücksichtigt, ergibt sich die Zahl von sechs verschieden langen Jahren! Es gab das abgekürzte Gemeinjahr mit 353 Tagen, das ordentliche Gemeinjahr mit 354 und das überzählige Gemeinjahr mit 355 Tagen. Außerdem noch ein abgekürztes Schaltjahr mit 383, ein ordentliches mit 384 Tagen und schließlich ein überzähliges Schaltjahr mit 385 Tagen Länge.
Im Laufe von 19 Jahren summiert sich die Differenz von Sonnenund Mondjahr zu etwa sieben Monaten. Daher gibt es sieben Schaltjahre in 19 Jahren, und zwar im 3., 6., 8., 11.,14., 17. und im 19. Jahr, die wiederum von unterschiedlicher Länge sind.14
Diese regelmäßig eingesetzten Schaltjahre gab es freilich erst seit dem 4. Jahrhundert nach Christus. Vorher werden wir mit größeren Unregelmäßigkeiten zu rechnen haben.
4. Die Christliche Zeitrechnung
4.1 Dionysius Exiguus
Unsere christliche Zeitrechnung haben wir dem Skythen Dionysius zu verdanken, der Ende des 5. Jahrhunderts nach Rom kam und dort als Mönch15 lebte. Um seine Demut zu bezeugen, pflegte er sich Exiguus (der Kleine, Bescheidene, Unbedeutende) zu nennen. Doch seine Gelehrsamkeit war über alle Zweifel erhaben. Er beherrschte mehrere Sprachen perfekt, spielte eine bedeutende Rolle als Übersetzer und Herausgeber des Kirchenrechts, bekleidete lange Jahre ein Lehramt und diente mehrfach den Päpsten. Er beschäftigte sich auch mit Dialektik und anderen Wissenschaften. Dionysius wurde um das Jahr 470 geboren und starb um 545 n. Chr.
4.2 Die Ostertabellen
Dionysius erarbeitete eine Fortsetzung der Ostertabelle, mit der das wechselnde Datum des Osterfestes bestimmt wurde. Die 95-jährige „Ostertafel“ des Cyrill von Alexandrien lief im Jahr 531 ab. 525 n. Chr. nahm Dionysius dessen Arbeit auf und fügte von 532 an fünf 19-jährige Zyklen hinzu. Damit glich er die Berechnung des Ostertermins in der westlichen Kirche der alexandrinischen an und erwarb sich so Verdienste um die Einheit der gesamten Kirche.
14 Weitere Informationen siehe bei Husfeld und Jüdisches Museum (Internet).
15 Wenn spätere Zeugen ihn Abt nennen, ist daraus noch nicht unbedingt zu schließen, dass er einem Kloster vorgestanden hat.
4.3 Die neue christliche Zeitrechnung
Zur Zeit des Dionysius war es üblich, die Jahre des Julianischen Kalenders nach der sogenannten Märtyrer-Ära zu rechnen, die mit dem Amtsantritt des römischen Kaisers Diokletian 284 n. Chr. begann. Dionysius fand, dass es würdiger sei, „den Verlauf der Jahre nach der Menschwerdung Christi“ zu bezeichnen als „nach einem Mann, der eher ein Tyrann als ein Kaiser war“. So zählte er die Jahre nicht mehr nach dem gottlosen Christenverfolger Diokletian, sondern ab „incarnatione Domini“. Als den Tag der „Inkarnation des Herrn“ betrachtete er den 25. März und den Tag seiner Geburt demzufolge den 25. Dezember. Der Jahresbeginn der christlichen Ära wurde später aber einheitlich auf den 1. Januar festgesetzt, den Tag der Beschneidung des Christkindes.
Das Jahr der Christusgeburt legte Dionysius auf das Jahr 754 a.u.c.16 fest. Das Jahr für den Beginn der neuen Ostertabellen war das 248. Jahr nach der Thronbesteigung Diokletians, das er mit dem Jahr 532 n. Chr. gleichsetzte. Dass er sich dabei um etwa sieben Jahre „verrechnete“, lag an den ungenauen Quellen, die ihm zur Verfügung standen, sodass er teilweise auf Schätzungen zurückgreifen musste.
Die christliche Zeitrechnung hat sich allgemein durchgesetzt. Schon zur Zeit Karls des Großen 768-814 n. Chr. war die „dionysische Berechnung“ in der ganzen Kirche im Gebrauch.
4.4 Das Jahr und die Null
Natürlich wurde die christliche Zeitrechnung bald auch auf die vorchristliche Zeit ausgedehnt. Damit entstand aber ein Problem. Getreu der damals üblichen Zählung nannte Dionysius das erste Jahr der christlichen Epoche das Jahr 1, nicht etwa das Jahr 0, denn mit einer Null konnte damals noch niemand etwas anfangen.
Bis ins 12. Jahrhundert wurden in Mitteleuropa die römischen Zählzeichen verwendet, die ja keine Null kennen. Unser jetziges Zahlensystem in seiner dezimalen Ordnung mit den Zahlen von Eins bis
16 ab urbe condita – seit (der sagenhaften) Gründung der Stadt (Rom durch Romulus und Remus).
Neun und vor allem der Null17 verdanken wir den Indern, die es seit dem 5. Jahrhundert nach Christus gebrauchten. In Europa war die Null erst nach dem 13. Jahrhundert einigen Gelehrten bekannt. Und erst die Rechenmeister vom 15.-17. Jahrhundert trugen mit dem Rechnen auch die Null ins Volk.
Für die christliche Zeitrechnung ergibt sich von daher ein kleines Problem. Das Jahr 1 nach Christus folgt unmittelbar auf das Jahr 1 vor Christus. Zwischen dem Beginn des Jahres 2 v. Chr. und dem des Jahres 2 n. Chr. liegen also nur drei Jahre und nicht etwa 2 + 2 = 4 Jahre. Will man die Jahre zwischen einem Datum vor und einem nach Christus bestimmen, so muss von dem Ergebnis immer 1 abgezogen werden! Trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers war mit der Ausdehnung der Zeitrechnung auf die vorchristliche Zeit die Voraussetzung für eine universale, absolute Chronologie geschaffen.
4.5 Die Astronomische Jahreszählung
Im Gegensatz zur Jahreszählung der Historiker steht die astronomische Jahreszählung, die sehr wohl ein Jahr 0 kennt. Die Astronomen wollten mit einer Skala ohne Nullpunkt einfach nicht rechnen und fügten kurzerhand ein Jahr zwischen 1 v. Chr. und 1 n. Chr. ein. Damit wurden alle Jahre vor Beginn der Zeitrechnung um zwölf Monate in die Vergangenheit verschoben. Zur Unterscheidung verzichtet die astronomische Jahreszählung auf die Zusätze n. Chr. und v. Chr. und verwendet stattdessen ein Vorzeichen vor der Jahreszahl. Das astronomische Jahr +1 entspricht dann dem Jahr 1 n. Chr., das Jahr 0 entspricht 1 v. Chr. und -1 ist das Jahr 2 v. Chr.
17 Die Null wurde in der Geschichte der Menschheit wohl drei Mal erfunden: von den Babyloniern, den Maya und den Indern, wobei die indische Null die genialste von allen war.