Helen Roseveare
Die Entdeckung der Freude – trotz allem
Helen Roseveare Die Entdeckung der Freude – trotz allem Best.-Nr. 271 769 ISBN 978-3-86353-769-2 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Titel des englischen Originals: Count it ALL joy! © Helen Roseveare 2017 Published by Christian Focus Publications, Ltd.
Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. Außerdem wurde verwendet: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
1. Auflage © 2021 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de Übersetzung: Ilse-Marie Neuroth Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotive: Pflanze: @ Shutterstock.com/Pertusinas Hintergrund: Designed by rawpixel.com / Freepik Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1. Durchgefallen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . .16 2. Von Ibambi nach Nebobongo . . . . . . . . . .22 3. Regen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .30 4. Kannst du mir danken? . . . . . . . . . . . . . .36 5. Rückkehr nach dem Bürgerkrieg . . . . . . . .43 6. Eine neue Vision und ein anderer Weg . . . .48 7. In 40 Jahren um die Welt . . . . . . . . . . . . .58 8. Seine Gnade reicht aus . . . . . . . . . . . . . .71
Epilog: Fast am Ziel! . . . . . . . . . . . . . . . . .75
1.
Durchgefallen!
Fast sechs intensive Jahre des Medizinstudiums lagen hinter mir. Das Examen stand bevor, und mir wurde langsam mulmig zumute. Das Examen bestand aus zwei Teilen, acht Prüfungen im ersten, zwölf Prüfungen im zweiten Teil. Ich hatte mich dazu entschlossen, die beiden Teile getrennt voneinander abzulegen. Drei Jahre lang hatte ich in Süd-London in der Zentrale der Missionsgesellschaft WEC gelebt, während ich am West London Hospital in Hammersmith studierte. Der Termin meines Abschlussexamens rückte näher, und jeder in der Missionszentrale betete für mich. Auf wunderbare Weise hatte Gott das notwendige Geld für die Teilnahme an den Prüfungen, die Reise nach Cambridge und die siebentägige Unterbringung dort zur Verfügung gestellt. Der erste Prüfungstag kam … Ich hatte einen Zeitplan für die vor mir liegenden zehn Prüfungstage erhalten. Es handelte sich um schriftliche, mündliche und praktische Prüfungen. Von viel Gebet getragen kam ich mit etwa 180 anderen Studenten im Prüfungsgebäude an, und es ging los. Sehr intensive zehn Tage folgten, doch war 16
ich ganz zufrieden damit, dass ich mit jeder Einzelprüfung zurechtgekommen war. Am letzten Tag wurden in alphabetischer Reihenfolge die Namen derer vorgelesen, die alle acht Fächer bestanden hatten, erst die Männer, dann die Frauen. Mein Name war im Alphabet ganz hinten, und ich wartete … vergeblich. Mein Name wurde nicht vorgelesen. Ich war durchgefallen. Später erfuhr ich, dass ich nur in einem praktischen Fach durchgefallen war (in Geburtshilfe), aber dass ich mich allen Prüfungen erneut unterziehen musste. Mir sank das Herz – doch sofort entschloss ich mich, sechs Monate später beide Teile des Examens zusammen abzulegen. Ich reiste zur WEC-Zentrale zurück und lernte und betete weiter. Sechs Monate später ging ich durch die gleiche Prozedur, aber diesmal mit 20 Fächern auf einmal. Die Prüfungen erstreckten sich über zwei Wochen; dabei fanden an zehn Tagen sogar zwei Prüfungen statt. Im Bewusstsein, dass es schwierig würde, machte ich mich (ich denke, mutig) daran, die Sache in Angriff zu nehmen, wieder mit viel Gebetsunterstützung von allen Freunden in der Mission. Kaum war am zweiten Freitagnachmittag das letzte mündliche Examen vorbei, als wir alle in den Hauptsaal gerufen wurden, um die Ergebnisse zu erfahren. Mein Schwager war ebenfalls da und wartete auf sein Resultat. Wir hatten beide eine Kleinigkeit als Geschenk für den anderen gekauft, 17
um uns gegenseitig zum neuerworbenen Arzt titel zu beglückwünschen. Wieder musste ich die schreckliche Wartezeit ertragen und das langsame Verlesen der Namen anhören. Dann kam eine für mich herzzerreißende Stille, als mein Name nicht vorgelesen wurde. Ich war wieder durchgefallen! John und ich tauschten trotzdem unsere Geschenke aus, und ich bat ihn, meine Mutter anzurufen und ihr zu erzählen, dass ich durchgefallen sei. Ich hatte einfach nicht den Mut, das selbst zu tun. Wie konnte das bloß sein? Ich studierte doch deshalb Medizin, um Gott im Ausland als Missionarin zu dienen … und so viele hatten für mich gebetet! Ich war am Boden zerstört. Später erfuhr ich, dass ich wieder nur wegen einer einzigen Prüfung (Pharmakologie) durchgefallen war, aber wieder die ganzen zwölf Prüfungen des zweiten Teils erneut absolvieren müsse. So folgten wieder sechs Monate intensiven Lernens. Ich stopfte meinen Kopf mit Fakten und Zahlen voll, und versuchte, seitenweise Notizen und Fachbücher auswendig zu lernen. Dann fuhr ich wieder nach Cambridge und machte die Prüfung erneut – und diesmal bestand ich durch Gottes Gnade und Güte! Kann ich im Rückblick ehrlich sagen, dass ich „es für lauter Freude hielt“? Ganz bestimmt nicht! Ich fand es sehr schwer, mit dieser Anfechtung zurechtzukommen, obwohl ich mich natürlich sehr über das Endergebnis freute. Ich fragte mich 18
immer wieder: Warum war ich durchgefallen? Warum war das passiert, obwohl so viele gebetet hatten und mein Ziel doch gut war und es doch deutlich zu Gottes Willen zu gehören schien, dass ich ihm dienen wollte, wo immer er mich hinschicken würde, um mithilfe meiner medizinischen Fähigkeiten Menschen auf Jesus hinzuweisen? Meine Vorbereitungen wurden fortgesetzt. Ich studierte neun Monate lang in Belgien, um Französisch zu lernen und ein Diplom in Tropenmedizin und Hygiene zu erwerben. Dadurch hatte ich das Recht, in Belgisch-Kongo zu praktizieren, damals eine Kolonie Belgiens in Zentralafrika. Dann schlossen sich sechs Monate der Vorbereitung im WEC-Missionszentrum an, um in die Mission aufgenommen zu werden und in Belgisch-Kongo zu dienen. Danach reiste ich per Schiff aus und erreichte endlich nach einer sechswöchigen Reise unsere Arbeit im „Herzen Afrikas“. Jahre später hatte ich ein Erlebnis, das mir meinen Werdegang und die Anfechtungen auf dem Weg, Ärztin zu werden, wieder in Erinnerung rief. Wir hatten auf einer Lichtung am Rande des großen Ituri-Dschungels ein kleines Krankenhaus gebaut. Damit entstand die Notwendigkeit, afrikanische Studenten zu „medizinischen Hilfskräften“ auszubilden – nicht so geschult wie Ärzte, sondern mehr als Pfleger –, die die meisten Aufgaben bei der Patientenbetreuung übernehmen konnten. Daher führten wir einen 18-Monate-Kurs 19
durch, praktisch ohne Vorgaben der Regierung, aber mit ihrer Erlaubnis. Am Ende der Ausbildung wurden die ersten acht jungen Schüler zur offiziellen Prüfung zugelassen. Einer fiel durch – und war untröstlich. Ich bestellte ihn in mein „Büro“, übergab ihm die Papiere und die Prüfungsergebnisse und erklärte ihm betrübt, dass er ohne das begehrte Diplom in sein Dorf würde zurückkehren müssen. Wir sprachen Französisch, die offizielle Amtssprache. Dann lud ich ihn zu mir nach Hause ein. Dort saßen wir bei einer Tasse Kaffee zusammen, ich sprach Suaheli mit ihm, unsere gemeinsame Sprache, in der er mich besser verstehen konnte und in der ich ihn behandeln konnte, als sei ich seine Mutter. Ich erzählte ihm, wie ich vor vielen Jahren durch meine medizinischen Examina durchgefallen war. „Sie sind durchgefallen?“, rief er ungläubig aus. Meinen afrikanischen Freunden erschien dies unvorstellbar. Sie glaubten, ich wisse alles. Aber ich versicherte ihm, dass es stimmte: Ich war durchgefallen. „Aber“, fügte ich schnell hinzu, „ich ging zurück und versuchte es noch einmal.“ Nach einem Augenblick der Stille fragte er mich: „Kann ich es noch einmal versuchen?“ – „Ja“, sagte ich, „und wir alle werden dir helfen, so sehr wir können, dass du es nächstes Mal schaffst.“ Es war erstaunlich, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Er schüttelte mir fest die Hand 20
und versicherte mir: „Nächstes Mal werde ich Sie nicht wieder enttäuschen“, und ging mit neuer Entschlossenheit zu den anderen Schülern zurück. Ich war im Stillen verwundert. „Lieber Herr, danke, dass du mir gezeigt hast, warum du mich dafür vorgesehen hattest, damals in meinem Abschlussexamen durchzufallen – damit ich fähig sein würde, diesem jungen Mann heute zu helfen.“ Aber ich weiß, das war nicht der einzige Grund. Es hat mir für meinen eigenen geistlichen Weg mit dem Herrn überaus gut getan, seinen Willen über meinen eigenen zu setzen. Mit Sicherheit bereiteten mich diese zusätzlichen Monate, in denen ich all die Fächer nochmals lernen musste, auf eine der außergewöhnlichen Schwierigkeiten vor, denen ich im Kongo ausgesetzt war: dass ich alleine auf mich gestellt arbeiten musste, ohne jemanden zu haben, den ich fragen konnte, ohne angemessene Ausrüstung und oft ohne ausreichendes Wissen darüber, wie das zu tun war, was getan werden musste. Ja, im Rückblick konnte ich es jetzt „für lauter Freude halten“ – aber hätte ich nicht die Demut und die Empfänglichkeit haben können, Gott schon damals zu vertrauen? Hätte ich nicht glauben können, dass er wusste, warum es so, wie er es geplant hatte, besser war als auf meine Weise …?
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