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Die wahre Gnade Gottes

1. Petrus, 2. Petrus

Norbert Lieth

Die wahre Gnade Gottes: 1. Petrus, 2. Petrus Norbert Lieth

Copyright by:

Verlag Mitternachtsruf

Ringwiesenstrasse 12a CH-8600 Dübendorf

1. Auflage 2021 (Koproduktion)

Verlag Mitternachtsruf, CH-8600 Dübendorf www.mitternachtsruf.ch

Bestell-Nr. 180195

ISBN 978-3-85810-548-6

Christliche Verlagsgesellschaft mbH, DE-35683 Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Bestell-Nr. 271 757

ISBN 978-3-86353-757-9

Umschlag, Satz und Layout: Verlag Mitternachtsruf Herstellung: ARKA Druck, PL-43-400 Cieszyn Bildnachweis Titelseite: shutterstock.com/Leigh Prather

Bibelzitate folgen in der Regel der Schlachter Version 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Weitere zitierte Bibelübersetzungen sind die gemeinfreien Texte der Menge-Bibel, der alten Elberfelder-Bibel und der Luther-Übersetzung 1912, sowie: Hoffnung für alle, © 2015 Biblica, Inc.; Zürcher Bibel, © 2007 Theologischer Verlag Zürich; Gute Nachricht Bibel, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Neue Genfer Übrsetzung, Neues Testament und Psalmen, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft; Neues Leben. Die Bibel, © 2017 SCM R. Brockhaus, Holzgerlingen; Neue evangelistische Übersetzung, © 2019 Karl-Heinz Vanheiden.

IDER 1. PETRUSBRIEF

EINLEITUNG

Der Verfasser des Briefes ist der Apostel Petrus, der sich selbst als Augenzeuge der Leiden des Herrn Jesus ausweist (1Petr 1,1; 5,1). Er ist der Jünger, den der Herr zu Beginn Seines Dienstes berief (Joh 1,40-42) und der Ihn während der drei Jahre Seiner messianischen Tätigkeit begleitete (Joh 21,15-23). Deshalb führt Petrus in beiden Briefen auch etliche Gedanken auf, die er von Jesus selbst übernommen hat; zum Beispiel:

• Das Umgürten der Lenden, in der Hoffnung und Bereitschaft auf die Wiederkunft Jesu (1Petr 1,13;). Petrus hörte dies selbst aus dem Mund Jesu (Lk 12,35-36).

• Der Herr sieht die Person nicht an (1Petr 1,17). Dies wurde Petrus verdeutlicht, bevor er zu Kornelius geschickt wurde (Apg 10,15.34).

• Das makellose und unbefleckte Lamm Gottes (1Petr 1,19). Petrus wurde damals zusammen mit Johannes von Jesus gesandt, um das Passahlamm zu bereiten (Lk 22,7-8). Dies muss einen nachhaltigen Eindruck gemacht haben. – Welchen Eindruck hinterlässt Jesus auf unser Leben? Sind wir nachhaltig beeindruckt und lassen wir uns prägen von Seinem Leben?

• Lebendige Steine eines geistlichen Hauses, wobei Jesus der von Menschen verworfene, aber von Gott gelegte Eckstein ist (1Petr 2,4-7; Apg 4,11). Diese bildhafte Veranschaulichung erhielt Petrus vom Herrn, als Er sagte: «Habt ihr noch nie in den Schriften gelesen: ‹Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom

Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unseren Augen›? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das dessen Früchte bringt» (Mt 21,42-43).

• Die Schafe ohne Hirten (1Petr 2,25). Petrus erlebte mit, wie der Herr Seinem Mitleid Ausdruck gab über die verlorenen Schafe Israels (Mt 9,36).

• Das Bekleiden mit Demut (1Petr 5,5). Petrus war dabei und wehrte sich zunächst dagegen, als Jesus sich schürzte, um Seinen Jüngern die Füsse zu waschen (Joh 13,3-10).

• Die Dringlichkeit auf das prophetische Wort zu achten (2Petr 1,16-19). Dabei bezieht sich der Apostel auf sein Erlebnis mit dem Herrn auf dem Berg der Verklärung (Mt 17,1-8).

• Die Prophezeiung kommender falscher Propheten und Irrlehrer (2Petr 2,1). Dies hat Petrus offensichtlich aus Jesu Ölbergrede entnommen (Mt 24,11).

• Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht (2Petr 3,10). Das gleiche sagte auch der Herr (Mt 24,43).

Petrus nachahmend, dürfen auch wir weitergeben, was wir selber aus einer wachsenden Beziehung mit Jesus erfahren, das heisst, aus dem Umgang mit Seinem Wort.

Der Schreiber

Der Schreiber des Briefes, dem Petrus diktierte, war Silvanus, der auch Silas genannt wird (1Petr 5,12). Paulus grüsst die Thessalonicher im 1. und 2. Thessalonicherbrief zusammen mit Silvanus (1Thes 1,1; 2Thes 1,1).

Silvanus war Prophet (Apg 15,32) und römischer Staatsbürger (Apg 16,37). Das erklärt das gute Griechisch in diesem Brief.

Ausserdem war Silvanus auch der Mitarbeiter des Paulus, der ihn auf seiner zweiten Missionsreise begleitete und mit ihm im Gefängnis von Philippi sass und sang (Apg 15,40; 16,25). Silas war neben Paulus, Barnabas und Judas einer der Abgesandten, die den Brief des Apostelkonzils zu den Christen nach Antiochia brachten. Er gehörte zu den «führenden Männern unter den Brüdern» (Apg 15,22ff.).

Demnach war Silas ein bekannter, flexibler, treuer und geschätzter Mitarbeiter der leitenden Persönlichkeiten wie Paulus, Barnabas, Petrus und Jakobus. Er stand ihnen gleichermassen zur Verfügung und war allen ein sehr nützliches Werkzeug. Da Silvanus sowohl mit Paulus als auch mit Petrus zusammenarbeitete, waren wohl auch durch ihn die Briefe des Paulus bekannt, worauf Petrus in seinem zweiten Brief eingeht (2Petr 3,15-16).

Wie ist das mit uns? Sehen wir nur Aufgaben in unserem eigenen engen Kreis oder sind wir geistlich flexibel genug, darüber hinausgehend uns im Werk Gottes gebrauchen zu lassen?

Datierung und Schwerpunkt

Der Brief wurde etwa 64 n.Chr. geschrieben, kurz nachdem Nero Rom in Brand gesetzt und die Schuld dafür den Christen zugeschoben hatte, wodurch eine schwere Verfolgung entstanden war. Es könnte sein, dass 1. Petrus 4,12 eine Anspielung auf diesen Umstand ist und gleichzeitig geistlich angewandt wird: «Geliebte, lasst euch durch die unter euch entstandene Feuerprobe nicht befremden, als widerführe euch etwas Fremdartiges.»

Bei dem Schreiben handelt es sich auch um ein Trostschreiben an Gläubige in Verfolgung und Leid. Der Begriff «Leid»

kommt 15 Mal in diesem Brief vor. Es ist nicht nur so, dass Gläubige auch durch Leid müssen; es ist sogar so, dass dies zu ihrem Leben dazugehört und durchaus nichts Fremdartiges, Seltsames, Ungewöhnliches oder Zufälliges ist. Als Schlüsselvers kann diesbezüglich 1. Petrus 1,7 gesehen werden:

«Damit die Bewährung eures Glaubens (der viel kostbarer ist als das vergängliche Gold, das doch durchs Feuer erprobt wird) Lob, Ehre und Herrlichkeit zur Folge habe bei der Offenbarung Jesu Christi.»

Petrus zeigt uns die wahre Gnade Gottes im Leiden und legt dar, wie wir hinwachsen zu Christus, leben aus Christus und ruhen in Christus.

Die Empfänger

Die Adressaten, an die sich der Brief richtet, sind an Jesus gläubige Juden in der Diaspora. Es geht also um den jüdischen Teil innerhalb der Gemeinde, die aus Juden und Heiden besteht (Eph 2,15-18; Röm 3,30; 10,12).

Diese Gläubigen lebten im Gebiet der heutigen Türkei, das Paulus bei seiner zweiten Missionsreise nicht bereisen durfte (Apg 16,6-8). Das zeigt, dass Gott dieses Gebiet nicht etwa übersehen hat, sondern Er hat die Arbeit den Aposteln unterschiedlich zugeteilt. Paulus brachte als Heidenapostel das Evangelium nach Europa und Petrus wirkte als Judenapostel mehr in dieser Gegend. Dafür sprechen mehrere Gründe:

1. «Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Fremdlinge in der Zerstreuung in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asia und Bithynien» (1Petr 1,1).

Der Begriff «Zerstreuung», griechisch: Diaspora, ist ein gebräuchlicher Ausdruck für zerstreute Juden unter den Heidenvölkern. Wären mit dem Ausdruck «in der Zerstreuung» Heidenchristen gemeint, ergäbe das keinen Sinn, denn Heidenchristen lebten ja sowieso unter den Nationen und waren dort beheimatet. Sie lebten demnach nicht in der Zerstreuung. Darum verwendet Paulus den Begriff Diaspora für die Heidenchristen nicht, sondern er schreibt:

«An die Gemeinden in Galatien» (Gal 1,2). «An die Heiligen und Treuen … die in Ephesus sind» (Eph 1,1). «An die Heiligen … die in Philippi sind» (Phil 1,1). «An die Heiligen und treuen Brüder… in Kolossä» (Kol 1,2). «An die Gemeinden der Thessalonicher» (1Thes 1,1).

Beim 1. Petrusbrief handelt es sich demnach um ein Rundschreiben für an den Messias glaubende Juden in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asia und Bithynien, das sind Orte in der Provinz der heutigen Türkei. Ebenso ist der 2. Petrusbrief an Juden gerichtet (2Petr 3,1). Desgleichen der Hebräerbrief (Hebr 1,1: «Väter» = Väter Israels, die Heiden konnten ja zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes noch nicht auf Glaubensväter zurückblicken). Der Jakobusbrief richtet sich ausdrücklich an die zwölf Stämme in der Zerstreuung (Jak 1,1), das setzt voraus, dass diese damals immer noch vorhanden waren. Der Judasbrief lehnt sich ganz eng an den 2. Petrusbrief an, Judas nennt sich «Bruder

des Jakobus» (V. 1) und der Inhalt des Briefes ist sehr jüdisch. Die Johannesbriefe sind auch jüdisch. Im 1. Johannesbrief 2,2 schreibt der Apostel, dass Jesus das Sühnopfer für «unsere Sünden» ist (Juden) aber nicht nur für die «unseren» (Juden), sondern auch für die der «ganzen Welt». Die Offenbarung ist von Johannes verfasst, also muss sie sich auch zuerst an Juden richten. Alle Briefe, ausser die Paulusbriefe, richten sich an jüdische Gemeinden.

Wir müssen ja davon ausgehen, dass die ersten Gläubigen in Jerusalem Juden gewesen sind. Diese wurden später verfolgt und zerstreuten sich unter den Juden, die sich bereits im Ausland befanden. Dadurch entstanden unter den Nationen jüdische Gemeinden (Apg 2,9-11; 8,1-2.5.25.26ff.; 18,2).

Der Apostel Petrus war ausdrücklich der Judenapostel, während Paulus der Heidenapostel war. Paulus war mit einem besonderen Apostelamt als 13. Apostel für die Heiden berufen, und der Aposteldienst des Petrus und der anderen Säulen galt den Juden (Gal 2,7-9). Daraus ergibt sich, dass die Petrusbriefe an Juden gerichtet sind.

Wie gesagt, ist der 1. Petrusbrief ein Trostschreiben an Gläubige, die in der Verfolgung standen und viel Leid zu ertragen hatten. Damit erfüllte sich buchstäblich das, was der Herr Jesus Petrus als Auftrag und Verheissung weitergegeben hatte: «Simon, Simon, siehe, der Satan hat euch begehrt, um euch zu sichten wie den Weizen; ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre; und wenn du einst umgekehrt bist, so stärke deine Brüder!» (Lk 22,31-32).

Die Brüder des Petrus waren in erster Linie seine Volksbrüder aus dem Judentum (vgl. Apg 2,29; Hebr 2,11.12.17). Petrus wurde ein Tröster seiner jüdischen Brüder, weil er selbst trotz Verfolgung

in einem unerschütterlichen Glauben stand. Petrus hatte sich von einem Verleugner zu einem mutigen Bekenner gewandelt. Auch wir sind aufgerufen, einander zu trösten: «Wir ermahnen euch aber, Brüder: Verwarnt die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen jedermann!» (1Thes 5,14).

2. «Als gehorsame Kinder passt euch nicht den Begierden an, denen ihr früher in eurer Unwissenheit dientet, sondern wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel Denn es steht geschrieben: ‹Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!›» (1Petr 1,14-15).

Der letzte Satz ist ein Zitat aus 3. Mose 11,44-45 und 20,26 (vgl. Hebr 2,11) und war eine Aufforderung Gottes an das jüdische Volk. Es ging also um Juden, die sich dem heidnischen Umfeld angepasst hatten, die nicht mehr abgesondert lebten. Sie hatten über Generationen hinweg den Bund Gottes mit Seinem Volk aus den Augen verloren. Jetzt wurden sie an den Messias gläubig und werden aufgefordert, sich auf ihre eigentliche Berufung zu besinnen.

3. «Denn ihr wisst ja, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, losgekauft worden seid aus eurem nichtigen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut des Christus, als eines makellosen und unbefleckten Lammes» (1Petr 1,18-19).

Damit sind die jüdischen Väter der vorhergegangenen Generationen gemeint. Weitere Bibelstellen machen das deutlich: «… die

Israeliten sind, denen die Sohnschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse gehören und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheissungen; ihnen gehören auch die Väter an, und von ihnen stammt dem Fleisch nach der Christus, der über alle ist, hochgelobter Gott in Ewigkeit. Amen!» (Röm 9,4-5).

Auch Hebräer 1,1-2 erklärt sich in die gleiche Richtung: «Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Ihn hat er eingesetzt zum Erben von allem, durch ihn hat er auch die Welten geschaffen.»

Auf diese Väter berufen sich die in 2. Petrus 3,4 genannten Spötter, die sagen: «Wo ist die Verheissung seiner Wiederkunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so, wie es von Anfang der Schöpfung an gewesen ist!»

Die Spötter sagen mit anderen Worten: «Seit unseren jüdischen Stammvätern hat sich nichts verändert, es ist immer noch alles gleich». Sie glauben nicht an die erste Ankunft Jesu, der alles verändert hat, und deshalb glauben sie auch nicht an Seine Wiederkunft. Sie leben immer noch in der starren Tradition des «Alten Bundes».

Und der «nichtige, von den Vätern überlieferte Wandel» im 1. Petrusbrief zeigt die Lebensweise eines Judentums ohne Messias auf. Denn das gesamte Alte Testament ist ohne Wirkung (nichtig), wenn man nicht an die Erfüllung des ersten Kommens Jesu glaubt.

Alle alttestamentlichen Bündnisse, Gesetzgebungen und Gottesdienste zielen auf das Kommen Christi im Fleisch. Alle Propheten, die zu den jüdischen Vätern redeten, blickten prophetisch auf Jesus. Wer daran nicht glaubt, lebt in Nichtigkeit.

Die Väter der im 1. Petrusbrief angeschriebenen Juden glaubten noch nicht an Jesus, sie aber – als neue Generation – waren zum Glauben an Jesus gekommen und durch das kostbare Blut des makellosen und unbefleckten Lammes erlöst. Ohne Zweifel ist das eine Anspielung auf das Passahlamm.

4. «Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht» (1Petr 2,9).

Den Ausdruck «königliches Priestertum» gebraucht Paulus in seinen Briefen an die Heidenchristen interessanterweise nicht.

Er schreibt zwar von seinem priesterlichen Dienst an die Heiden (Röm 15,16) und von einem priesterlichen Dienst des Glaubens (Phil 2,17), aber von einem königlichen Priestertum als heiliges

Volk schreibt er nicht. Das ist ein typischer Ausdruck für die Berufung Israels, die Gott als Ziel für Sein Volk bestimmt hat: «Ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges

Volk sein! Das sind die Worte, die du den Kindern Israels sagen sollst» (2Mo 19,6).

Jesaja verkündet prophetisch: «Ihr aber werdet Priester des Herrn heissen, und man wird euch Diener unseres Gottes nennen» (Jes 61,6).

In der Offenbarung lesen wir im Blick auf Israel:

«… und uns zu Königen und Priestern gemacht hat für seinen Gott und Vater – Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen» (Offb 1,6); «und hast uns zu Königen und Priestern gemacht für unseren Gott, und wir

werden herrschen auf Erden» (Offb 5,10); «Glückselig und heilig ist, wer Anteil hat an der ersten Auferstehung! Über diese hat der zweite Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und des Christus sein und mit ihm regieren 1000 Jahre» (Offb 20,6).

5. «Euch, die ihr einst nicht ein Volk wart, jetzt aber Gottes Volk seid, und einst nicht begnadigt wart, jetzt aber begnadigt seid» (1Petr 2,10).

Das scheint in diesem Zusammenhang eine deutliche Anspielung auf die Aussage des Propheten Hosea zu sein: «Und ich will sie mir im Land ansäen und mich über die ‹Unbegnadigte› erbarmen und zu ‹Nicht-mein-Volk› sagen: ‹Du bist mein Volk›, und es wird sagen: ‹Du bist mein Gott!›» (Hos 2,25; vgl. 1,9; 2,1). Wir als Heiden sind nach Römer 9,24-26 auch zu diesem neuen Volk hinzugetan, aber Petrus spricht zu dem jüdischen Teil der Gemeinde.

6. «Denn ihr wart wie Schafe, die in die Irre gehen; jetzt aber habt ihr euch bekehrt zu dem Hirten und Hüter eurer Seelen» (1Petr 2,25).

Diese Aussage bezieht sich ebenfalls in erster Linie auf die Juden. Der Heidenapostel Paulus gebraucht eine derartige Formulierung nicht in seinen Briefen. Aber es entspricht dem, wie Jesus über Sein Volk empfunden hat:

«Und Jesus durchzog alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündigte das Evangelium von dem Reich und

heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen im Volk. Als er aber die Volksmenge sah, empfand er Mitleid mit ihnen, weil sie ermattet und vernachlässigt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben» (Mt 9,35-36).

Der Herr Jesus erklärt: «Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Schafhürde sind; auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte sein» (Joh 10,16).

Der Ausdruck: «ich habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Schafhürde sind», bezieht sich meines Erachtens auf Juden in der Diaspora; das waren die Juden, die ausserhalb der Schafhürde des Landes Israels lebten. Nun schreibt Petrus an diese gläubig gewordenen Israeliten in der Zerstreuung (1,1). Somit sind Juden ausserhalb der Schafhürde – genauso wie es Jesus angekündigt hatte – hinzugefügt worden. Bei den Ereignissen der Offenbarung wird dann gänzlich der jüdische Überrest hinzugetan.

Den Anfang nahm das Pfingstfest. Zu diesem grossen Feiertag kamen Juden aus dem Ausland nach Jerusalem (Apg 2,5-12.3741). Sie hörten die Botschaft, wurden gläubig und wurden zur Herde hinzugetan. Sie gingen als gerettete Schafe zurück in ihre Länder. Diesen Juden sagt Petrus: «Denn euch gilt die Verheissung und euren Kindern und allen, die ferne sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird» (Apg 2,39).

Dass Petrus diese Aussage auf Juden bezog und nicht auf Heiden, zeigt die Tatsache, dass er später sehr überrascht war, als Kornelius als Heide hinzugerettet wurde (Apg 10).

7. «Denn es ist für uns genug, dass wir die vergangene Zeit des Lebens nach dem Willen der Heiden zugebracht haben, indem wir uns gehen liessen in Ausschweifungen, Begierden, Trunksucht, Belustigungen, Trinkgelagen und frevelhaftem Götzendienst» (1Petr 4,3).

Petrus schreibt, dass sie als Juden nach dem Willen der Heiden gelebt hatten, sie hatten sich assimiliert. Paulus schreibt hingegen den Ephesern als Heidenapostel: «Darum gedenkt daran, dass ihr, die ihr einst Heiden im Fleisch wart und Unbeschnittene genannt wurdet von der sogenannten Beschneidung, die am Fleisch mit der Hand geschieht» (Eph 2,11).

Die Juden, an die Petrus schreibt, waren keine Heiden, aber sie haben nach der Art und Weise der Heiden gelebt. Die Heiden, an die Paulus schreibt, waren Heiden der Herkunft, dem Fleisch nach, und haben dementsprechend wie Heiden gelebt.

Wenn wir jetzt so ausführlich festgestellt haben, dass der Brief des Petrus an Judenchristen geschrieben wurde, dann stellt sich die Frage, ob der Brief auch uns als Heidenchristen gilt? – Selbstverständlich ist er durch den Heiligen Geist an alle Kinder Gottes gerichtet und darf als Gemeindebrief gesehen werden, aber unter Berücksichtigung dessen, dass er zunächst an Judenchristen gerichtet ist und diese Tatsache nicht unterschlagen werden sollte.

Ich habe einige Merkfragen übernommen, die zu einem klareren Verständnis der Heiligen Schrift hilfreich sind:

• In welche Situation hinein wurde ein Wort gesprochen oder geschrieben?

• An wen richtet sich das Wort?

• Galt es nur für damals?

• Hat es eine allgemein gültige Bedeutung, die auch für uns heute gilt?

• Handelt es sich um erfüllte Ereignisse oder um noch zu erfüllende?

Es sollte in den kleineren Rahmen der näheren Umstände passen. Und in den grösseren Rahmen der weiteren Zusammenhänge. Im Bild gesprochen darf eine Aussage, welche mit einem Pflänzchen zu vergleichen ist, nicht aus dem Erdboden, in dem es verwurzelt ist, rücksichtslos herausgerissen und dann im «vertrockneten Zustand» betrachtet werden. Das Pflänzchen muss im Erdboden stehend angeschaut werden, d. h. es gilt die Beziehung zu sehen, die es zu seinem Standort hat (A. E. Knoch).

Wir sollten Aussagen der Bibel nicht gleich auf unsere gegenwärtige Situation anwenden. Zuerst müssen wir erfassen, was der Text damals bedeutet hat. Erst im zweiten Schritt kann er geistlich auch auf unsere heutigen Umstände angewandt werden.

Dr. Arnold G. Fruchtenbaum schreibt zur «goldenen Regel der Auslegung»:

«Wenn der einfache Sinn einer Schriftstelle dem gesunden Menschenverstand einleuchtet, dann suche keinen anderen Sinn. Versuche deshalb, jedes Wort in seiner ursprünglichen, einfachen, gewöhnlichen und wirklichen Bedeutung zu erfassen, wenn nicht der unmittelbare Textzusammenhang – im Licht anderer, ähnlicher biblischer Aussagen und ohne unumstössliche, fundamentale Wahrheiten betrachtet – deutlich in eine andere Richtung weisst» (nach Handbuch der biblischen Prophetie, S. 11, vom amerikanischen Theologen David L. Cooper formuliert).

Die Prophetie in 1. Petrus

Um die Briefe besser zu verstehen und auch auf uns anwenden zu können, sollten wir wissen, an wen sie adressiert sind. Wenn wir nämlich berücksichtigen, dass der 1. und 2. Petrusbrief sich in erster Linie an Juden richten, dann verstehen wir besser, dass sie weniger über die Entrückung als viel mehr über die Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit sprechen und über einen neuen Himmel und eine neue Erde. So erübrigt sich die Frage, warum denn in diesen Briefen die Entrückung nicht erwähnt wird und «nur» die Rede ist von der Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit, von dem Tag des Herrn, dem Tag der Untersuchung, dem Tag des Gerichts, dem Tag Gottes und dem Tag der Ewigkeit (1Petr 2,12; 2Petr 2,9; 3,7; 3,10; 3,12; 3,18).

Der 1. Petrusbrief ist voll mit Hinweisen auf die Wiederkunft Jesu, neun Mal wird darauf hingewiesen. Der Zusammenhang aller Textstellen miteinander macht deutlich, dass es dabei um die Rückkehr Jesu in Herrlichkeit geht und nicht um die Entrückung, die doch allem Anschein nach vorher geschieht. Die Entrückung ist ausschliesslich dem Heidenapostel Paulus offenbart worden, kein anderer schreibt darüber.

So sehen wir im 1. Petrusbrief:

1. «… die wir in der Kraft Gottes bewahrt werden durch den Glauben zu dem Heil, das bereit ist, geoffenbart zu werden in der letzten Zeit» (1Petr 1,5).

Der Petrusbrief hat eine prophetische Komponente, die in Zukunft dem gläubigen Überrest des jüdischen Volkes in der Zeit der grossen Trübsal dienen wird. Sie werden in jener Zeit bewahrt zur Errettung, die bereit ist, in der letzten Zeit offenbart

zu werden. Diese letzte Zeit bezieht sich auf die Zeit unmittelbar vor der Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit, das macht der Zusammenhang zum nächsten Punkt in den Versen 7 und 9 deutlich.

2. «… damit die Bewährung eures Glaubens (der viel kostbarer ist als das vergängliche Gold, das doch durchs Feuer erprobt wird) Lob, Ehre und Herrlichkeit zur Folge habe bei der Offenbarung Jesu Christi … wenn ihr das Endziel eures Glaubens davontragt, die Errettung der Seelen!» (1Petr 1,7.9).

Die Offenbarung Jesu ist Seine Offenbarung vor der ganzen Welt, wenn Er wiederkommt, wobei alle Augen Ihn sehen werden (Offb 1,7; Mt 24,30). Es ist die Offenbarung, die Gott Ihm gab (Offb 1,1). Die an Ihn Gläubigen werden dann jubeln. Somit bezieht sich Seine Offenbarung immer auf Seine sichtbare Wiederkunft, so auch in den weiteren Versen.

3. «Darum umgürtet die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch zuteil wird in der Offenbarung Jesu Christi» (1Petr 1,13).

Jesus bezieht das Umgürten der Lenden auf die Wachsamkeit bezüglich Seiner Wiederkunft am Tag des Herrn und für Israel, wobei die Jünger den gläubigen Überrest Israels repräsentieren:

«Eure Lenden sollen umgürtet sein und eure Lichter brennend; und seid Menschen gleich, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit aufbrechen wird, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Glückselig sind jene Knechte, welche der Herr, wenn er kommt, wachend fin-

den wird! Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und sie zu Tisch führen und hinzutreten und sie bedienen. Und wenn er in der zweiten Nachtwache kommt oder in der dritten Nachtwache kommt und sie so findet, glückselig sind jene Knechte!» (Lk 12,35-38).

Jeremia wird gesagt: «Du aber, gürte deine Lenden, mache dich auf und rede zu ihnen alles, was ich dir gebieten werde! Sei nicht verzagt vor ihnen, damit ich dich nicht vor ihnen verzagt mache!» (Jer 1,17).

Das Umgürten der Lenden symbolisiert Bereitschaft im Dienst und die Bereitschaft, den Herrn zu erwarten. Petrus wendet dieses Thema auch auf die Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit an. Die Gläubigen werden an diesem Tag allen Leiden enthoben.

4. «… und führt einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie da, wo sie euch als Übeltäter verleumden, doch aufgrund der guten Werke, die sie gesehen haben, Gott preisen am Tag der Untersuchung» (1Petr 2,12).

Der Wandel unter den Heiden bezieht sich in diesem Fall auf die Lebensführung der gläubigen Juden unter den Heiden.

Der «Tag der Untersuchung» kann auch «Heimsuchung» bedeuten. Die Gemeinde wird nach ihrer Entrückung vor dem Richterstuhl Christi beurteilt. Petrus aber beschreibt eine Zeit, in der die Heiden mit einbezogen sind, deshalb muss es sich dabei um einen Tag des Gerichts auf Erden handeln, der mit Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit in Verbindung steht, an welchem Israel und die Nationen heimgesucht werden. Dieser Tag erinnert an Matthäus 25, an die zehn Jungfrauen, an die Knechte

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