Peter J. Williams glaubwürdig
Peter John Williams glaubwürdig
1. Auflage
ISBN 978-3-9817729-3-7 ( cvmd )
ISBN 978-3-86353-715-9 ( CV )
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 Christlicher Veranstaltungs- und Mediendienst e. V., Neuried b. München
Originaltitel : Can We Trust the Gospels ?
Copyright © 2018 Peter John Williams
Original erschienen bei : Crossway, a publishing ministry of Good News Publishers, Wheaton, Illinois 60187, USA
This edition published by arrangement with Crossway
All rights reserved
Übersetzung : Jotham Booker und Christian Rendel Gesamtgestaltung : Velimir Milenković, München
Gesetzt aus der Sabon und Applied Sans
Druck : ARKA, Cieszyn ( Polen )
Printed in the EU 2020
Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, aus der NeÜ wiedergegeben. NeÜ bibel.heute © Karl-Heinz Vanheiden und Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Peter J. Williams
glaubwürdig
Können wir den Evangelien vertrauen ?
Inhalt
Vorwort 11
Einleitung 13
1 Was sagen nichtchristliche Quellen ? 15
2 Was sind die vier Evangelien ? 35
3 Kannten sich die Evangelisten wirklich aus ? 49
4 Unbeabsichtigte Übereinstimmungen 87
5 Haben wir Jesu eigene Worte ? 99
6 Hat sich der Text verändert ? 115
7 Widersprechen die Evangelien einander ? 129
8 Wer sollte das alles erfunden haben ? 135
Anmerkungen 148
Vorwort
Ich sehe schon seit Längerem die Notwendigkeit, ein kleines Buch herauszugeben, das einer breiten Leserschaft einige der unzähligen Indizien für die Glaubwürdigkeit der vier Evangelien näherbringt. Einige ausführliche Abhandlungen zu diesem Thema gibt es bereits, und jede davon hat ihren eigenen Fokus.1 Diese hier soll ein Plädoyer für die Zuverlässigkeit der Evangelien für diejenigen sein, die über dieses Thema zum ersten Mal nachdenken. Ich hätte auch ein viel längeres Buch schreiben können, wenn ich noch mehr Beispiele und Referenzen angeführt hätte oder auf mancherlei Einwände eingegangen wäre, doch um der Kürze willen habe ich alles weggelassen, was nicht zwingend notwendig war. Es ging mir darum, interessierten Lesern genügend Informationen zu geben, damit sie die Indizien überprüfen können. Ich habe es jedoch allgemein vermieden, auf die buchstäblich Millionen von Seiten wissenschaftlicher Abhandlungen zum Neuen Testament zu verweisen, von denen ich selbst nur einen Bruchteil gelesen habe.
Ich habe vielen Personen für allerlei Hilfe zu danken – für Ratschläge, Kritik, Ermutigung, finanzielle Unterstützung, Korrekturen, Recherchehilfe und fachliche Expertise. Professor Richard Bauckham, James Bejon, Rich und Carrie Berg, Phillip und Kathleen Evans, Dr. Simon Gathercole, Julian Hardyman, Jack Haughton, Dr. John Hayward, Dr. Martin Heide, Peter Hunt, Dr. David Instone-Brewer, Dr. Dirk Jongkind, Mark und Becky Lanier, Kevin Matthews, Peter Montoro, Phil und Judy Nussbaum, Philip und Helen Page, Lily Rivers, Laura Robinson, Professor Rodney Sampson, Anna Stevens, Julie Woodson und Dr. Lorne
Zelyck haben mir alle in irgendeiner Weise beim Schreiben dieses Buchs geholfen – genauso wie die Mitarbeiter und das Kuratorium des Tyndale House. Ich bin auch meinen Familienangehörigen Diana, Kathryn, Magdalena und Leo Williams dankbar für ihre Unterstützung und Kritik. Es war ein Vergnügen, dieses Buch am Tyndale House in Cambridge zu schreiben, dessen Bibliothek manche als den weltweit besten Ort für biblische Studien ansehen. Äußerst dankbar bin ich zudem meinen Freunden von Crossway für ihre herausragende Verlagsarbeit.
Was sagen nichtchristliche Quellen ?
Es dürfte kaum überraschen, dass von Christen geschriebene Texte unsere Hauptinformationsquelle über den Ursprung des Christentums sind. Die meisten Bücher über Bogenschießen, Angeln oder Kochen sind von Leuten geschrieben, die diese Tätigkeiten mit Begeisterung ausüben. Christen waren vom Christentum begeistert und haben verständlicherweise mehr darüber geschrieben als andere. Die vier Evangelien wurden natürlich von Befürwortern des Glaubens an Jesus als den versprochenen Erlöser geschrieben. So gesehen könnte man sagen, sie sind voreingenommen – es sind ja keine unparteiischen Aufzeichnungen, sondern solche, die den Glauben an Jesus Christus fördern wollen. Allerdings ist das kein Grund, ihnen zu misstrauen. Ein Mann, der zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird, hat großes Interesse daran, seine Unschuld zu beweisen, aber wegen dieser Voreingenommenheit kann man die Indizien, die er vorbringt, nicht einfach verwerfen. Die Frage ist also nicht, ob die Evangelisten eine Agenda hatten, sondern ob sie die Dinge richtig wiedergegeben haben.
Manche Quellen können allerdings nicht der Voreingenommenheit zugunsten des Christentums bezichtigt werden. Dazu
zählen nichtchristliche Schreiber, die in einem Zeitraum von neunzig Jahren nach dem Entstehen des Christentums Aufzeichnungen verfasst und uns hinterlassen haben. Wir werden uns zunächst mit drei Autoren befassen : Cornelius Tacitus, Plinius dem Jüngeren und Flavius Josephus. Jeder von ihnen schrieb aus einem anderen Anlass, aber keiner von ihnen wollte für das Christentum werben. Tacitus und Plinius waren dem Christentum sogar feindlich gesinnt.
Cornelius Tacitus
Tacitus wurde um das Jahr 56 n. Chr. geboren. Er hatte eine Reihe angesehener Ämter inne, unter anderem das eines Senators und das eines Konsuls. Bekannt ist er heute vor allem wegen seiner Schriften, zu denen die in der Tabelle 1.13 aufgeführten gehören :
Tabelle 1.1 Schriften des Tacitus
Titel ( abgek. ) Inhalt Umfang Datum ( ca. )
Agricola
Germania
Historien
Annalen
Über Tacitus’ Schwiegervater, Julius Agricola, Statthalter Britanniens, einschließlich einer Beschreibung Britanniens und seiner Bewohner
Eine Beschreibung der Beziehung zwischen Rom und den germanischen Stämmen
Römische Geschichtsschreibung über die Jahre 69 – 96 n. Chr.
Römische Geschichtsschreibung über die Jahre 14 – 68 n. Chr.
Buch
n. Chr.
Buch 14 Bücher 16 Bücher
n. Chr.
n. Chr.
n. Chr.
Tacitus war sicherlich voreingenommen. Er gab Geschichte wieder, um seine Leser moralisch zu belehren, indem er Leute lobte, die er für gut befand, und oft ein ganzes Arsenal an rhetorischen Mitteln gegen diejenigen auffuhr, die ihm missfielen. Als Berichterstatter über Fakten jedoch war er unübertroffen. Er konnte abgelegene Orte, an denen er nie gewesen war, genau und korrekt beschreiben und war beispielsweise auch der Erste, der Literatur über die Lochs in Schottland herausbrachte. Augenscheinlich hatte er Zugang zu Quellen, mit denen er detailliert über Ereignisse aus über vier Jahrzehnten vor seiner Geburt berichten konnte.4 Es besteht daher kein Grund, die allgemeinen Fakten seines Berichts über die frühen Christen, wie sie in den Annalen aufgezeichnet sind, anzuzweifeln. So heißt es auch im Oxford Companion to Classical Literature : » Vor allem die Annalen zeigen, dass Tacitus einer der größten Geschichtsschreiber war. Er hatte tiefe Einblicke in Charaktere und ein nüchternes Verständnis der Themen jener Zeit. «5
Tacitus schrieb auch über den großen Brand in Rom vom Juli 64 n. Chr. Er berichtete, nach allgemeiner Meinung habe der wahnsinnige Kaiser Nero den Brand gelegt und dennoch die derzeit in Rom zahlreichen Christen der Brandstiftung beschuldigt. Im Zuge seiner Karriere in Rom dürfte Tacitus mit vielen älteren Zeitzeugen über diese Ereignisse gesprochen und die offiziellen Aufzeichnungen Roms eingesehen haben. Wir haben also allen Grund, die Fakten, die er nennt, als zuverlässig anzusehen.
Tacitus erzählt die Geschichte wie folgt, wobei er die damals gängige alte Schreibweise Chresten statt Christen verwendet :6
Doch nicht menschliche Vorkehrungen, des Fürsten Freigebigkeit, noch Sühnen der Götter vermochten die Schmach zu entfernen, dass man glaubte, der Brand sei auf Befehl [von Nero] gelegt worden. Um also dieses Gerücht
niederzuschlagen, schob er die Schuld auf andere und belegte mit den ausgesuchtesten Strafen jene Menschen, die das Volk Chresten nannte und wegen ihrer Schandtaten hasste. Ihr Namensgeber, Christus, war unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden. Für den Augenblick unterdrückt, brach jene heillose Schwärmerei aufs Neue aus, nicht allein in Judäa, von wo das Unheil ausgegangen war, sondern auch in der Hauptstadt [Rom], in die von überall her alle Gräuel und Schändlichkeiten zusammenströmen und Anklang finden. Daher wurden zuerst diejenigen gefasst, die Geständnisse ablegten, sodann auf ihre Angabe hin eine gewaltige Menge Menschen, die weniger wegen der ihnen zur Last gelegten Brandstiftung als wegen ihres allgemeinen Menschenhasses als überführt galten. Mit den zum Tode Bestimmten trieb man noch Hohn : in Felle wilder Tiere eingenäht, von Hunden zerfleischt oder ans Kreuz geschlagen mussten sie sterben, oder sie wurden angezündet, um bei Eintreten der Dunkelheit zur nächtlichen Beleuchtung zu brennen.7
An dieser Stelle stellt sich natürlich die Frage, wie wir wissen können, dass Tacitus das tatsächlich geschrieben hat. Ist es nicht denkbar, dass das Werk dieses heidnischen Schriftstellers von späteren christlichen Autoren verfälscht wurde ? Das wurde sogar von einigen Gelehrten behauptet, bleibt jedoch aus mehreren Gründen, von denen ich hier nur zwei anführen will, eine kaum vertretene Ansicht. Erstens sollten wir nicht vergessen, dass die ganze griechische und lateinische Literatur, die uns aus der Antike überliefert ist, von christlichen Schreibern weitergegeben wurde. Sie behielten die Verweise auf griechische und römische Götter bei und gaben
religiöse Vorstellungen, die sich von ihren eigenen, christlichen Ansichten unterschieden, gewissenhaft wieder. Im letzten Jahrhundert wurden im trockenen Sand Ägyptens wesentlich ältere Handschriften – aus vorchristlicher Zeit – gefunden, die belegen, dass die Schreiber die Texte im Allgemeinen getreu kopierten. Die Beweislast liegt also bei denen, die behaupten, Texte seien nach der Antike geändert worden.
Zweitens hatte Tacitus im Lateinischen einen einzigartigen Stil, der der sogenannten Silbernen Latinität zuzuordnen war.8 Mit jedem Jahrhundert veränderte sich das Lateinische, wie alle anderen Sprachen auch. Mittelalterliche Schreiber wurden in mittelalterlichem Latein ausgebildet und waren sich all der Unterschiede zwischen ihrem und Tacitus’ Latein nicht mehr bewusst. Es wäre ihnen kaum möglich gewesen, Tacitus’ Latein-Stil über längere Strecken zu imitieren. Altertumswissenschaftler sehen daher Tacitus’ Bericht heute als zuverlässig an, zumindest was die Hauptereignisse angeht.
Die Erzählung enthält wichtige Informationen. Wir erfahren offensichtlich, dass Tacitus keine Christen mochte ( er nennt die Religion ein Unheil ) , und dennoch hält er einige wichtige Tatsachen fest. Er benennt den Namen Christus als Ursprung des Namens der Gruppe, die von anderen Chrestiani genannt wurde – und er ersetzt, wie im Vulgärlatein üblich, das i durch ein e.9 Interessant ist auch Tacitus’ Aussage, nicht die Nachfolger Jesu selbst, sondern das Volk habe diese Gruppe Chresten genannt. Das passt zu den drei Stellen, an denen das Wort Christ im Neuen Testament steht ( Apostelgeschichte 11,26 ; 26,28 ; 1. Petrus 4,16 ) . Der Begriff wurde zuerst von Nichtchristen angewendet und später von Christen übernommen.
Das lateinische Christus ist ganz einfach eine Transliteration des griechischen Wortes Christos, was so viel wie » gesalbt « bedeutet und dem hebräischen Wort Messias entspricht. Da der
Messias der versprochene Erlöser war, den viele Juden erwarteten, zeigt die Bezeichnung Christ eindeutig, dass diese Gruppe glaubte, der versprochene jüdische Erlöser sei bereits gekommen. Wie wir noch sehen werden, entstand das Christentum in der Wiege des Judentums, und je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto jüdischer werden die Dokumente über das Christentum. Wir können also die Glaubensüberzeugungen dieser Gruppe in gewissen Teilen erraten, ohne deren Schriften zu betrachten.
Auch gewisse andere Dinge können wir erkennen. Tacitus erwähnt, Christus sei während der Kaiserzeit des Tiberius hingerichtet worden, also zwischen 14 und 37 n. Chr. Des Weiteren berichtet Tacitus, dies sei geschehen, während Pontius Pilatus Judäa verwaltete, somit zwischen 26 und 36 n. Chr. Damit verschafft uns Tacitus eine zeitliche Eingrenzung der grundlegenden Ereignisse des Christentums.
Tacitus gibt uns nicht nur diesen chronologischen Rahmen, sondern hilft uns auch mit geografischen Informationen. Er sagt, das nach Christus benannte Unheil habe in Judäa begonnen, wie auch alle christlichen Quellen behaupten. Aus christlichen Texten wissen wir, dass Jesus Christus bei Jerusalem, dem geistlichen Zentrum Judäas, hingerichtet wurde. Tacitus schreibt, zur Zeit des großen Brandes in Rom im Jahr 64 n. Chr. habe es viele Christen in Rom gegeben. Er verwendet dafür die lateinische Phrase multitudo ingens – eine » gewaltige Menge «. Das Christentum hatte sich ganz unzweifelhaft weit ausgebreitet ; die Entfernung zwischen Jerusalem und Rom beträgt 2300 Kilometer Luftlinie. Das ist mehr als die Entfernung zwischen Edinburgh und dem Norden Marokkos oder zwischen New York City und Havanna.
Tacitus schildert auch, dass Nero die Christen grausam behandelte und viele von ihnen wegen der Ausübung ihrer Religion zum Tode verurteilt wurden. Wir können aus Tacitus’ Bericht also schließen, dass das Christentum sich schnell und weit verbreitete
und dass es sehr schwierig sein konnte, ein Christ zu sein. Die Zeitspanne zwischen den Anfängen des Christentums und dem großen Brand in Rom betrug auf jeden Fall weniger als vierzig Jahre.
Die schnelle Ausbreitung des Christentums könnte für die Frage nach der Zuverlässigkeit der Evangelien relevant sein. Je weiter sich das Christentum ausbreitete, desto schwieriger wurde es natürlich, dessen Botschaft und Glaubensinhalte zu verändern – vor allem, wenn die Christen einen hohen Preis für ihren Glauben zu bezahlen hatten. Wer behauptet, grundlegende christliche Glaubensinhalte wie die Auferstehung Jesu seien Erfindungen gewesen, die mit der Verbreitung des Christentums durch Mundpropaganda aufkamen, muss erklären, wann das geschehen sein könnte. Die Vorstellung, die grundlegenden Glaubensinhalte seien erst Jahrzehnte nach den Anfängen des Christentums aufgekommen, kann nicht erklären, warum das Christentum überhaupt Anklang fand oder warum Menschen, die einer Version des Christentums ohne diese Glaubensinhalte anhingen, diese dann erst später übernahmen. Christen lehrten in späterer Zeit übereinstimmend, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei, dass die Prophetien in den jüdischen Schriften von ihm handelten, dass er für die Sünden der Welt gekreuzigt und von Gott von den Toten auferweckt worden sei. All dies wird am besten dadurch erklärt, dass diese und andere zentrale Glaubensinhalte bereits feststanden, bevor sich das Christentum auszubreiten begann.
Plinius der Jüngere
Wir kommen nun zu unserem zweiten römischen Zeugen, Plinius dem Jüngeren ( 61 / 62 – 111 n. Chr. ) . Gegen Ende einer großartigen Karriere, während der er viele öffentliche Ämter innehatte, wurde Plinius Statthalter von Bithynien und Pontus, einer Region im Nordwesten der Türkei. Dort regierte er etwa zwischen 109 und
111 n. Chr.10 Er richtete mehrere Briefe an Kaiser Trajan, der von 98 bis 117 n. Chr. regierte. In seinem bekanntesten Brief an Trajan fragt er, wie er mit Christen umgehen solle ( Epistulae 10.96 ) :
Ich habe es mir zur Regel gemacht, Herr, alles, worüber ich im Zweifel bin, Dir vorzutragen. Wer konnte denn besser mein Zaudern lenken oder meine Unwissenheit belehren ? Gerichtsverhandlungen gegen Christen habe ich noch nie beigewohnt ; deshalb weiß ich nicht, was und wie weit man zu strafen oder zu untersuchen pflegt. Ich war auch ziemlich unsicher, ob das Lebensalter einen Unterschied bedingt oder ob ganz junge Menschen genauso behandelt werden wie Erwachsene, ob der Reuige Verzeihung erfährt oder ob es dem, der überhaupt einmal Christ gewesen ist, nichts hilft, wenn er es nicht mehr ist, ob schon der Name » Christ «, auch wenn keine Verbrechen vorliegen, oder nur mit dem Namen verbundene Verbrechen bestraft werden. Vorerst habe ich bei denen, die bei mir als Christen angezeigt wurden, folgendes Verfahren angewandt. Ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Wer gestand, den habe ich unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt ; blieb er dabei, ließ ich ihn abführen. Denn mochten sie vorbringen, was sie wollten – Eigensinn und unbeugsame Halsstarrigkeit glaubte ich auf jeden Fall bestrafen zu müssen. Andre in dem gleichen Wahn Befangene habe ich, weil sie römische Bürger waren, zur Überführung nach Rom vorgemerkt.
Als dann im Laufe der Verhandlungen, wie es zu gehen pflegt, die Anschuldigung weitere Kreise zog, ergaben sich verschieden gelagerte Fälle. Mir wurde eine anonyme Klageschrift mit zahlreichen Namen eingereicht. Diejenigen, die leugneten, Christen zu sein oder gewesen zu sein,
glaubte ich freilassen zu müssen, da sie nach einer von mir vorgesprochenen Formel unsre Götter anriefen und vor Deinem Bilde, das ich zu diesem Zweck zusammen mit den Statuen der Götter hatte bringen lassen, mit Weihrauch und Wein opferten, außerdem Christus fluchten, lauter Dinge, zu denen wirkliche Christen sich angeblich nicht zwingen lassen. Andre, die der Denunziant genannt hatte, gaben zunächst zu, Christen zu sein, widerriefen es dann aber ; sie seien es zwar gewesen, hätten es dann aber aufgegeben, manche vor drei Jahren, manche vor noch längerer Zeit, hin und wieder sogar vor zwanzig Jahren. Auch diese alle bezeugten Deinem Bilde und den Götterstatuen ihre Verehrung und fluchten Christus. Sie versicherten jedoch, ihre ganze Schuld oder ihr ganzer Irrtum habe darin bestanden, daß sie sich an einem bestimmten Tage vor Sonnenaufgang zu versammeln pflegten, Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen und sich durch Eid nicht etwa zu irgendwelchen Verbrechen zu verpflichten, sondern keinen Diebstahl, Raubüberfall oder Ehebruch zu begehen, ein gegebenes Wort nicht zu brechen, eine angemahnte Schuld nicht abzuleugnen. Hernach seien sie auseinandergegangen und dann wieder zusammengekommen, um Speise zu sich zu nehmen, jedoch gewöhnliche, harmlose Speise, aber das hätten sie nach meinem Edikt, durch das ich gemäß Deinen Instruktionen Hetärien verboten hatte, unterlassen. Für umso notwendiger hielt ich es, von zwei Mägden, sogenannten Diakonissen, unter der Folter ein Geständnis der Wahrheit zu erzwingen. Ich fand nichts andres als einen wüsten, maßlosen Aberglauben.
Somit habe ich die weitere Untersuchung vertagt, um mir bei Dir Rat zu holen. Die Sache scheint mir nämlich der Beratung zu bedürfen, vor allem wegen der großen Zahl der Angeklagten. Denn viele jeden Alters, jeden Standes, auch beiderlei Geschlechts sind jetzt und in Zukunft gefährdet. Nicht nur über die Städte, auch über Dörfer und Felder hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet, aber ich glaube, man kann ihr Einhalt gebieten und Abhilfe schaffen. Jedenfalls ist es ziemlich sicher, daß die beinahe schon verödeten Tempel allmählich wieder besucht, die lange ausgesetzten feierlichen Opfer wieder aufgenommen werden und das Opferfleisch, für das sich bisher nur ganz selten ein Käufer fand, überall wieder Absatz findet. Daraus gewinnt man leicht einen Begriff, welch eine Masse von Menschen gebessert werden kann, wenn man der Reue Raum gibt.
Trajan antwortete Plinius ( den er Secundus nannte ) dann kurz und knapp ( Epistulae 10.97 ) :
Mein Secundus ! Bei der Untersuchung der Fälle derer, die bei Dir als Christen angezeigt worden sind, hast Du den rechten Weg eingeschlagen. Denn insgesamt läßt sich überhaupt nichts festlegen, was gleichsam als feste Norm dienen konnte. Nachspionieren soll man ihnen nicht ; werden sie angezeigt und überführt, sind sie zu bestrafen, so jedoch, daß, wer leugnet, Christ zu sein, und das durch die Tat, das heißt : durch Anrufung unsrer Götter beweist, wenn er auch für die Vergangenheit verdächtig bleibt, auf Grund seiner Reue Verzeihung erhält. Anonym eingereichte Klageschriften dürfen bei keiner Straftat Berücksichti-
gung finden, denn das wäre ein schlimmes Beispiel und paßt nicht in unsre Zeit.11
Eine große Anzahl von Christen
Aus dieser Korrespondenz können wir einige Schlüsse ziehen. Zum einen mochten weder Plinius noch Kaiser Trajan die Christen. Zum anderen war es oft schwierig, Christ zu sein. Außerdem scheint es in Plinius’ Gebiet eine große Anzahl von Christen gegeben zu haben, ein Motiv, das auch in Tacitus’ Annalen zu finden ist. Tacitus spricht von einer gewaltigen Menge in Rom, und hier schreibt der Statthalter von Bithynien dem Kaiser, in seinem Gebiet seien so viele Menschen Christen geworden, dass die Tempel fast schon menschenleer seien und die Verkäufer von Opferfleisch kaum noch Abnehmer fänden. Natürlich können wir aus Plinius’ Schilderungen verwaister Tempel und geringer Opferfleischabsätze eine gewisse rhetorische Ausschmückung heraushören. Dennoch schrieb er hier immerhin an den Kaiser, dem er sicherlich nicht den Eindruck vermitteln wollte, unzutreffend über seine Provinz zu berichten.
Die Situation in dieser nichtchristlichen Quelle hat auffallende Ähnlichkeit mit der Schilderung in der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Dies ist für die Frage nach der Zuverlässigkeit der Evangelien relevant, da der Stil der Apostelgeschichte darauf hindeutet, dass sie von derselben Person geschrieben wurde wie das Lukasevangelium. Apostelgeschichte 19 beschreibt die Situation etwas weiter südlich in Ephesus, wo ein großer Aufstand ausbrach, weil sich so viele Leute dem Christentum zuwandten, dass die Kunstschmiede ihre Götterbilder nicht mehr loswurden.
Die naheliegendste Lesart dieser Quellen in ihrer Summe besagt, dass sehr viele Menschen Christen wurden. Allein die Existenz vieler Christen bedeutet freilich nicht, dass ihre Überzeugungen richtig waren. Auch falsche Überzeugungen können sich rasch