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Dass niemand deine Krone nehme

Ein Bibelstudium ĂĽber das Preisgericht Jesu Christi

Eduardo Cartea Millos

Luis Pérez Sío, meinem Lehrer, María Ligia, meiner unvergleichlichen Ehefrau, den jungen Leuten, die die Bibel studieren und die Zukunft der Gemeinde Christi bis zu seiner Wiederkunft repräsentieren.

Dass niemand deine Krone nehme

Eduardo Cartea Millos

Copyright spanische Ausgabe: Llamada de Medianoche, Guatemala

Copyright deutsche Ausgabe:

Verlag Mitternachtsruf, CH-8600 DĂĽbendorf www.mitternachtsruf.ch

1. Auflage 2023 (Koproduktion)

Verlag Mitternachtsruf, CH-8600 DĂĽbendorf www.mitternachtsruf.ch

Artikel-Nr. 180186

ISBN 978-3-85810-536-3

Christliche Verlagsgesellschaft mbH, DE-35683 Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Artikel-Nr. 271703

ISBN 978-3-86353-703-6

Übersetzung aus dem Spanischen: Jutta Schäfer

Umschlag: Cicero Studio AG, CH-9442 Berneck Satz und Layout: Verlag Mitternachtsruf

Herstellung: ARKA Druck, PL-43-400 Cieszyn

Bibelzitate folgen, wenn nicht anders bezeichnet, der Schlachter Version 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Um den Text noch klarer hervorzuheben, werden gelegentlich auch andere Übersetzungen hinzugefügt.

In der Originalausgabe sind keine Quellenangaben verzeichnet, sodass wir sie in der Regel, wenn nicht anders angegeben, aus dem Spanischen ĂĽbersetzt haben.

Dass niemand deine Krone nehme

Ein Bibelstudium ĂĽber das

Preisgericht Jesu Christi

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel 7 Was wird gerichtet werden? Die Treue ĂĽber die empfangenen

Einleitung

Das Thema des Preisgerichts Christi ist im Neuen Testament von grosser Bedeutung. In den beiden Hauptstellen, Römer 14,10-12 und 2. Korinther 5,10, wird es eingehend erklärt, und es kommt auch an vielen anderen Textstellen zur Sprache, sei es direkt oder indirekt, wie zum Beispiel als Gleichnis. Darauf werden wir in diesem Buch später noch eingehen.

Im Allgemeinen ist es ein Thema, das nur wenig Beachtung findet und dem man nicht den Platz einräumt, der ihm wirklich gebührt. In der römisch-katholischen Theologie wurde es völlig beiseitegelegt, da man es als einen Bestandteil des Weltgerichts ansieht, in dem Gott alle Menschen aller Zeiten, seien sie Christen oder nicht, richten wird. Es kommt erstmalig im sogenannten Apostolischen Glaubensbekenntnis vor, das zwischen Mai und Juni 325 n. Chr. vom Konzil von Nizäa in Bithynien, Kleinasien, verfasst wurde. In diesem Grundstein des römischen Katholizismus heisst es, dass Jesus Christus vom Himmel kommen wird, «zu richten die Lebenden und die Toten». Der Katechismus der römisch-katholischen Kirche sagt, dass die Aufer-

stehung aller Toten, der Gerechten und der Sünder (Apg 24,15), dem Endgericht vorausgehen wird und gemäss Johannes 5,2829 die Stunde kommt, «in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und sie werden hervorgehen: die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber das Böse getan haben, zur Auferstehung des Gerichts».

Weiter lautet es im Artikel 1038 des erwähnten Katechismus: «Dann wird ‹der Menschensohn in seiner Herrlichkeit [kommen] und alle Engel mit ihm. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben› (Mt 25,31.32-33.46).»

Ein Satz belegt diese Lehrmeinung, wo geäussert wird, dass das Gericht Gottes dem Kommen des erhöhten Christus folgen wird: «Das Letzte Gericht wird bei der herrlichen Wiederkunft Christi stattfinden. […] Dann wird er durch seinen Sohn Jesus Christus sein endgültiges Wort über die ganze Geschichte sprechen» (Artikel 1040).

In der evangelischen Theologie vertreten viele ebenfalls die Position, dass ein einziges Endgericht «am Ende der Zeit» stattfinden wird. Gemäss dieser theologischen Auffassung spricht die Bibel immer von dem kommenden Gericht als einem einzigen Ereignis. Sie lehre, nach vorne zu schauen, nicht auf die Zeiten des Gerichts, sondern auf den «Tag des Gerichts» (Joh 5,2829; Apg 17,31; 2Petr 3,7), der auch «jener Tag» genannt wird

(Mt 7,22; 2Tim 4,8) und der «Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes» (Röm 2,5). Ausserdem, so meinen Vertreter dieser theologischen Richtung, könne man aufgrund zahlreicher Textstellen darauf schliessen, dass die Gerechten und die Übeltäter gemeinsam im Gericht zu einer endgültigen Trennung erscheinen werden (Mt 7,22-23; 25,31-46; Röm 2,5-7; Offb 11,18; 20,11-15).

Obwohl ein Gericht zur Belohnung der guten Werke derjenigen, die bereits gerettet sind, bejaht wird, betrachten viele evangelische Theologen es nicht als ein getrenntes Ereignis, sondern als einen Bestandteil des «grossen Tages des Gerichts» Gottes über die Menschen.

Zuletzt sei die theologische Position genannt, die auf einer wörtlichen oder historisch-grammatikalischen Auslegung der Heiligen Schrift basiert. Sie lässt uns verschiedene Endzeitgerichte erkennen, die über die Menschen hereinbrechen werden. Alle werden jedoch vom selben Richter, dem Herrn Jesus Christus, ausgeführt (Joh 5,22; Apg 17,31).

Diese Gerichte erfolgen nicht nur zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, sondern sie beziehen sich auch auf verschiedene Gruppen von Menschen und haben unterschiedliche Kriterien der Beurteilung sowie verschiedene Folgen.

Man darf das eine nicht mit dem anderen vertauschen, wie wir im Folgenden sehen:

• Das Gericht über die auferstandenen und zu ihren Lebzeiten entrückten Gläubigen bei dem Kommen des Herrn für seine Gemeinde (Lk 14,14; 1Thess 4,13-17; 1Kor 4,5; 2Tim 4,8; Offb 22,12). Dieses Gericht wird im Himmel erfolgen (1Thess 4,17; 2Kor 5,1-3) und die Werke des Gläubigen beurteilen (Röm 14,10; 2Kor 5,11), mit dem Ziel, jeden Ein-

zelnen seinen Werken gemäss zu belohnen (1Kor 3,1-15; 2Kor 5,10; 1Kor 9,27; Offb 22,12).

• Das Gericht über Israel – über diejenigen, die am Ende der Grossen Trübsal noch leben. Es wird nach dem zweiten Kommen Christi auf dieser Erde stattfinden, wie wir es in Matthäus 24 und 25 sehen, besonders in 24,31 und 25,1-30. Hier werden die Geretteten von den Ungläubigen getrennt werden, so wie es damals der Hirte mit den Schafen machte, die er eines nach dem anderen «unter dem Stab hindurchgehen» liess. Die Absicht war, sie «in die Bundesverpflichtungen» einzuführen (Hes 20,37-38), zu ihrer Rettung (Röm 11,26-27) oder zu ihrer Verdammnis (Mt 25,30). Dadurch wird offenbar, wer zum wahren Israel, dem «Israel Gottes» gehört (Röm 9,6; Gal 6,16).

• Das Gericht über die Heiden – in Matthäus 25,31-46 «Heidenvölker» genannt –, wobei von ihnen nicht als politischem Gebilde gesprochen wird, sondern als Nationen, die nicht zu Israel gehören, das heisst die Heiden (griech. ethne; hebr. gojim). Hierbei werden nicht Menschengruppen gerichtet, sondern Einzelpersonen, jeder ganz persönlich, und zwar sind es diejenigen, die nach der Grossen Trübsal noch leben. Die Bibel sagt, dass Gott «jedem vergelten wird nach seinen Werken» (Röm 2,6-8). Dieses Gericht wird auf der Erde stattfinden. Nach Joel 4,2 wird es im «Tal Josaphat» sein, allerdings ist es nicht so ganz einfach, den genauen Ort anzugeben (vgl. Sach 14,4). In dieser Rechtsprechung geht es um den Umgang mit den Juden während der Zeit der Angst Jakobs. Diese Juden werden vom Herrn «meine Brüder» genannt, und er fällt das Urteil, wer ins Tausendjährige Reich eintreten darf (Mt 25,34.41.46), unter

der Bedingung, dass diese Menschen gerettet sind, weil sie das gepredigte «Evangelium vom Reich» während der Grossen Trübsal angenommen haben (Mt 24,14).

• Das Gericht vor dem Grossen Weissen Thron (Offb 20,1115). Es ist das Endgericht über die Menschen, das im Plan Gottes am Ende der Zeit stattfinden wird. Es geschieht erst nach dem Tausendjährigen Reich (Offb 20,5.12.13) an einem Ort, den die Bibel nicht genau definiert. Dort werden «die Toten, Kleine und Grosse» aller Zeiten, die zur Verdammnis auferweckt wurden, gerichtet, und zwar nach «ihren Werken, entsprechend dem, was in den Büchern geschrieben stand» (Offb 20,12). Dadurch wird jedem Einzelnen der Ungläubigen, dessen Name nicht «im Buch des Lebens» gefunden wurde, gezeigt, dass er es verdient, «in den Feuersee geworfen» zu werden, ewig von Gott getrennt (Offb 20,14).

Es sollte keine Verwechslung geben zwischen Lebenden und Toten, zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Gerichten im Himmel und Gerichten auf der Erde, zu verschiedenen Zeiten vor oder nach der Grossen Trübsal oder vor oder nach dem Tausendjährigen Reich. Dieses Unterscheidungsvermögen ist jedoch nur gegeben, wenn, wie eben erwähnt, die Bibel wortgetreu ausgelegt und die Reihenfolge im göttlichen Plan für die letzte Zeit beachtet wird.

Wir wollen dieses wunderbare Thema jedoch nicht nur unter dem eschatologischen und prophetischen Gesichtspunkt studieren, sondern auch unter dem praktischen Aspekt. Stellen Sie sich folgende Fragen:

• Welche Bedeutung hat das Preisgericht Christi für mein Leben im Hier und Jetzt?

• Was soll das Wissen darüber, dass ich eines Tages vor dem Herrn stehen und von ihm gerichtet werde – zur Belohnung oder zum Verlust –, in meinem Charakter und in meinem Lebenswandel als Christ auslösen?

• Welchen Anreiz für meinen Dienst kann das Wissen bewirken, dass eines Tages meine Werke von dem forschenden Blick dessen begutachtet werden, der Augen hat «wie eine Feuerflamme» (Offb 19,12), der aber auch bereit ist, den Treuen Kronen zu verleihen (Offb 2,10)?

Aus diesen Gründen bedarf das Preisgericht Jesu Christi für die Gläubigen eines besonderen Studiums, zumal diesem Thema im Allgemeinen nicht das Gewicht beigemessen wird, das es verdient. Es ist die Absicht dieses Buches, dem nachzukommen und ihm gerecht zu werden, nach dem Willen des Herrn und allein zu seiner Ehre.

KAPITEL 1

Die glĂĽckselige Hoffnung

Die Zeit der Gemeinde des Herrn liegt zwischen den beiden Kommen Jesu Christi, ihres Herrn. Das erste Kommen war zu ihrer Rettung und zu ihrer Heiligung, das zweite (die Entrückung) erfolgt zu ihrer Verherrlichung. Die Gemeinde sehnt sich nach diesem Ereignis, der «glückseligen Hoffnung» (Tit 2,13). Im Endzeitplan Gottes ist es das erste Geschehen, das keiner weiteren Erfüllung irgendeines Zeichens bedarf. Es gibt kein anderes Ereignis, worauf die Gemeinde warten müsste, als allein auf das Kommen des Herrn Jesus Christus.

Das bedeutet seine RĂĽckkehr fĂĽr die Seinen. Er wird uns fĂĽr immer zu sich holen. Es wird die ErfĂĽllung der Prophezeiungen des Neuen Testaments sein.

Das Wort «Prophetie» hat hier zwei Bedeutungen. Erstens ist es die Erklärung des göttlichen Willens, für dessen Weitergabe

Gott die Vollmacht erteilt hat. Im Kontext des Neuen Testaments ist die Prophetie die Botschaft des göttlich inspirierten Wortes. Die Prophetie ist aber auch eine Voraussage, eine Deklaration zukünftiger Ereignisse.

Prophetie beruht auf Offenbarung. Diese Offenbarung wird dem Propheten erteilt, und sie wird dann zu einer prophetischen Proklamation, wie es in 2. Petrus 1,19-21 geschrieben steht:

«Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, dass keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.»

An dieser Stelle sind verschiedene Dinge zu beachten:

• Das prophetische Wort ist kein Gegenstand persönlicher Interpretation. Das heisst, dass seine Aussage mit der ganzen Heiligen Schrift im Einklang stehen muss und nicht mit irgendeiner persönlichen Auslegung.

• Es ist inspiriertes Wort. Das bedeutet, dass das von den Autoren Geschriebene von Gott eingehaucht ist. Somit gehört es zum Kanon der Heiligen Schrift und hat göttliche Autorität.

• Es ist ein Licht, das auf unsere Füsse gerichtet ist und Schritt für Schritt den Weg erhellt (Ps 119,105), damit wir nicht stolpern, sondern den Blick auf das grosse Ereignis richten, mit dem unsere Erlösung, deren wir uns jetzt erfreuen, eines Tages im Himmel zur Vollendung kommt.

• Es ist ein Wegweiser, bis der Tag anbricht, das heisst der Tag Jesu Christi, der Tag seines Kommens, und der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen (2Petr 1,19).

Darum dient das prophetische Wort dem Gläubigen nicht nur zur Information, sondern auch zur Bildung des Charakters und zur Prägung des Lebenswandels. Das heisst, dass wir es nicht studieren, nur um etwas mehr über die Zukunft zu erfahren, wie interessant dies auch sein mag, sondern um unser Christenleben den Ereignissen gemäss zu führen, die uns erwarten.

Die Ereignisse, die nach dem prophetischen Plan stattfinden werden und sich auf die Gemeinde des Herrn beziehen, sind:

• die parousia, die Erscheinung des Herrn Jesus, die die herrliche Auferstehung und die Entrückung der Gemeinde beinhaltet;

• die Vergabe der Belohnungen: das Preisgericht Jesu Christi;

• die kommende Herrlichkeit: die Hochzeit des Lammes, das Tausendjährige Reich und die Ewigkeit.

Der Tag Christi

Die glückselige Hoffnung der Gemeinde besteht aus einem zweifachen Ereignis: der Auferstehung der Gläubigen, die im Herrn verstorben sind, und der Entrückung der Gemeinde, die beim Kommen des Herrn lebt.

Das Thema der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus ist für die Gläubigen sehr klar. Der natürliche Mensch und das Namenschristentum schenken ihm keine Beachtung und sie haben dafür kein Verständnis.

Doch die ganze Bibel spricht davon, und einer von zwanzig Versen erwähnt sein herrliches Kommen. Es wird «am Tag

Christi» geschehen. Dieser Tag, auch «der Tag Jesu Christi» oder «unseres Herrn Jesus Christus» und auch «jener Tag» genannt (1Kor 1,8; 5,5; 2Kor 1,14; Phil 1,6.10; 2,16; 2Tim 1,12; 4,8), hat mit Geschehnissen zu tun, die sich ausschliesslich auf die Gemeinde des Herrn beziehen. Sie gehören in die Zeit vor der Aufrichtung des sichtbaren Reiches Christi bei seinem zweiten Kommen auf diese Erde.

Die Gewissheit seines Kommens

Die Verheissung der Wiederkunft des Herrn Jesus wurde von ihm selbst gegeben. In Offenbarung 22,12.13 heisst es: «Und siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird.» Wie eine Unterschrift fügt er dann diese Worte hinzu: «Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.» Dieser Ausdruck deutet auf mindestens drei Dinge hin:

1. den Totalitätsanspruch: Er ist alles, der Anfänger und Vollender unseres Glaubens, «derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit» (Hebr 13,8);

2. die Ewigkeit: Niemand war vor ihm und niemand wird nach ihm sein, «von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott» (Ps 90,2);

3. die Autorität: Er ist der Erste, folglich empfing er von niemandem Macht. Er ist der Mittelpunkt und teilt seine Macht mit keinem anderen. Er ist der Letzte und wird somit seine Macht niemandem übergeben. Seine Autorität ist absolut: «Mir ist gegeben alle Macht – alle Autorität – im Himmel und auf Erden» (Mt 28,18).

«In ihm ist das Ja und … das Amen», er ist der «Amen» (2Kor 1,20; Offb 3,14). Darum ist sein Wort absolut zuverlässig. Seine Ver-

heissung wird in Erfüllung gehen, weil er sein Wort hält, denn er ist der treue und wahrhaftige Zeuge: «Und siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird» (Offb 22,12). Von Anfang an wartete die Gemeinde des Herrn hoffnungsvoll auf dieses Ereignis, ohne dass die Notwendigkeit bestanden hätte, dass sich noch irgendein Zeichen erfüllen müsste.

Dessen ungeachtet zeigen uns die aktuellen Weltereignisse –wie die Globalisierung, die ökumenische Bewegung, die wechselnden Krisen, der wachsende Relativismus, die überhandnehmende Korruption und gräuliche Gewalttaten – immer mehr den Schauplatz, auf den die Schrift für das Kommen des Herrn hinweist.

Alles deutet darauf hin, dass das Kommen Jesu bald geschehen wird. Im 22. Kapitel der Offenbarung steht dreimal der Ausdruck «ich komme bald» (V. 7,12 und 20).

Auch in Hebräer 10,37 lesen wir: «Denn noch eine kleine, ganz kleine Weile, dann wird der kommen, der kommen soll, und wird nicht auf sich warten lassen.» Lasst uns in Erwartung dieser «glückseligen Hoffnung» leben (Tit 2,13). Schon bald werden wir die Posaune Gottes und die Stimme des Erzengels hören, die uns nach oben rufen werden, so wie es Johannes in Offenbarung 4,1 vernahm: «Komm hier herauf …» «Ja, ich komme bald!», sagt der Herr; «Amen. – Ja komm, Herr Jesus!», antwortet die Gemeinde (Offb 22,20).

Paulus schrieb einen kurzen, aber wertvollen Brief an Titus, in dem er in Kapitel 2 erklärte, wie das Zeugnis eines Christen im täglichen Leben sein sollte. Dabei richtete er sich an die Ältesten – in Bezug auf das Alter –, an die alten und die jungen Frauen, die jungen Männer und die Knechte.

Titus lebte in einer schwierigen Generation in der Gesellschaft von Kreta. Der Apostel bezeichnete die Kreter in seinem Brief als Lügner, Perverse, Götzendiener, Materialisten und Hedonisten. Unsere heutige Gesellschaft unterscheidet sich nicht sehr von der des ersten Jahrhunderts. Auch heute, im Zeitalter des Relativismus und der Postmoderne, sind die Menschen wie sie Lügner. Auf allen Ebenen der Gesellschaft, sei es in den persönlichen Beziehungen, im Berufsleben, in der Wirtschaft oder der Politik, nehmen Lügen, Übervorteilungen, Heuchelei und Betrug überhand.

Ebenso sind die Menschen heute pervers. Die Bildung hat die primitivsten Instinkte des Menschen nicht verändert, der von seiner Habgier und seinen Leidenschaften beherrscht wird. Die ganze Perversität, die sich in seinem Verstand und in seiner Seele eingenistet hat, trägt der Mensch in seinem Verhalten zur Schau.

Die Menschen sind Materialisten. Das Geld ist der grosse Götze, den die Welt liebt und anbetet; ja, sie dient ihm. Das führt zum Konsumismus, der die Menschen mitreisst, in schwindelerregendem Stress zu arbeiten, um das Notwendige wie auch das Unnötige im Leben zu erlangen.

Ebenso sind sie Hedonisten, die sich um jeden Preis bemühen, gut zu leben, sich zu vergnügen und «glücklich» zu sein, selbst wenn es bedeutet, Ideale aufzugeben und stattdessen nach immer neueren und erregenderen Alternativen zu suchen. Der «Light-Mensch» von heute sucht sein Glück im Sichtbaren, mehr im Haben als im Sein. Er lebt ohne Verbindlichkeiten, gleichgültig, kalt und gottlos. Er ist ein Nihilist ohne verpflichtende Beziehungen, ist gelangweilt und lässt sich einfach treiben.

Zweifellos ist heute, genauso wie gestern, das Evangelium die einzige Antwort auf die «Gesellschaft von Kreta» des 21. Jahrhunderts. Deshalb schreibt Paulus in Titus 2,10, wie das Volk Gottes inmitten einer solchen Gesellschaft sein muss: Die Christen sollen «der Lehre Gottes, unseres Retters, in jeder Hinsicht Ehre machen». Das bedeutet, dass im Leben der Gläubigen die Lehre Gottes in ihrem ganzen Glanz erstrahlen soll.

Und dann wird uns in Titus 2,11 der Grund dieser Aufforderung genannt: «Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen.» Gnade ist das, was Gott uns Menschen unverdient gibt und was sich unbegreiflicherweise durch einen Gott erklärt, der sich zum verlorenen Sünder herabneigt, der sich durch seine Sünde von ihm entfernt hat. Nun aber hat Gott sich ihm gezeigt und die Finsternis der Menschheit wie ein Leuchtfeuer zur Errettung für alle Menschen erhellt.

Zwischen Gnade und Herrlichkeit

Das Christenleben ist von der Gnade und der Herrlichkeit umrahmt. Gnade und Herrlichkeit werden in verschiedenen Bibelstellen zusammen genannt (Ps 84,12; Röm 5,2), und sie sind besonders in dem verkörpert, von dem Johannes sagt: «Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit» (Joh 1,14, LUT). In Titus 2,11 steht, dass die «Gnade Gottes … erschienen» (epephane) ist, und in Vers 13 wird die «Erscheinung (epiphaneia) der Herrlichkeit» erwartet. Ausserdem übt diese Gnade ein Lehramt aus: Sie unterweist, erzieht und diszipliniert uns, damit wir drei Haltungen annehmen, die die geistliche Natur offenbaren, die im Gläubigen vorherrschen soll: das Absagen, das Leben und das Warten. Diese

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