Christopher Yuan
Heilige Sexualität Lust, Sex und Beziehungen im Licht des Evangeliums gestalten
Christopher Yuan Heilige Sexualität Lust, Sex und Beziehungen im Licht des Evangeliums gestalten Best.-Nr. 271 689 ISBN 978-3-86353-689-3 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Originally published in English under the title: Holy Sexuality and the Gospel by Christopher Yuan Copyright © 2018 by Christopher Yuan Published by Multnomah Books, an imprint of The Crown Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC. This translation published by arrangement with Multnomah Books, an imprint of The Crown Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. 1. Auflage © 2020 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de Übersetzung: Svenja Tröps Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotiv: © Unsplash.com/David Jorre und NordWood Themes Druck: ARKA, Cieszyn Printed in Poland
Stimmen zum Buch „Christopher Yuan hat eine Leidenschaft für eine Heilige Sexualität, die Gott ehrt. Diese Leidenschaft ist in dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu spüren. Yuan gelingt es auf exzellente Weise, ebenso liebevoll wie klar, die menschliche Sexualität und ihre Gefährdungen in Gottes Geschichte mit den Menschen einzuzeichnen. Dabei überzeugt sein Ansatz, sich die leitenden Begriffe und Konzepte (wie Begehren, Versuchung, Liebe) von ihrer biblischen Bedeutung her vorgeben zu lassen. Auf diesem Weg kommt er zu profunden Einsichten: Nicht Heterosexualität, sondern Heiligkeit ist Gottes Bestimmung für den Menschen. Nicht die Ehe ist das höchste Gut, sondern Gott. Auch Singlesein ist eine Gabe Gottes, und das heißt schlicht: Sie ist gut. So entsteht das größere Bild davon, wie Christen nach Gottes Willen und Verheißung leben sollen: treu in der Ehe oder enthaltsam außerhalb der Ehe. Mehrere Kapitel sind den praktischen Fragen gewidmet, wie wir gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen in einladender Weise begegnen können. Gerade in dieser Hinsicht habe ich manches dazugelernt. Fazit: ein theologisch und ethisch verlässliches, in praktischen Fragen äußerst hilfreiches und insgesamt ermutigendes Buch für evangelikale Gemeinden.“ \\ Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen und Direktor des dortigen Instituts für Ethik & Werte. „Die Diskussionen rund um das Thema Homosexualität konzentrieren sich heute auch in christlichen Kreisen oft auf das Konzept der sexuellen Orientierung und die Verhaltensebene.
Es ist eine Stärke dieses Buches, dass es unsere modernen Vorstellungen von Identität und sexueller Orientierung an der Heiligen Schrift prüft. Herausgekommen ist eine biblisch fundierte Untersuchung zum christlichen Menschenbild. Was Christopher Yuan davon ausgehend über Sexualität, Begehren und unsere Beziehungen schreibt, ist gut begründet, visionär, praktisch und ermutigend. Es ist die beste evangeliumszentrierte Wegweisung, die ich zu dem Thema gelesen habe. Ich bin dankbar und froh, dass das Buch in deutscher Sprache vorliegt.“ \\ Ron Kubsch, Studienleiter für Seelsorgelehre am Martin Bucer Seminar „Ich lese sehr viele Bücher, und Heilige Sexualität gehört auf meine persönliche Bestsellerliste – und diese Liste ist eher überschaubar. Es gibt einen enormen Informationsbedarf beim allem, was mit dem Thema menschliche Identität, Gender und Sexualität zu tun hat. In diesem Buch wurden mit wachem Verstand und Scharfsinn biblische Beobachtungen zusammengetragen, die theologisch fundiert sind, aber auch mit viel Feingefühl und großer Freundlichkeit vorgetragen werden. In einer Zeit von großer Unsicherheit mit all ihren negativen Auswirkungen ist Heilige Sexualität zutiefst relevant. Ich empfehle dieses Buch jedem, der seine eigene sexuelle Identität infrage stellt, und allen Pastoren, Ältesten, Eltern, Freunden oder Angehörigen.“ \\ Randy Alcorn, Verfasser der Bücher Der Himmel: Was uns dort wirklich erwartet (SCM) und Behüte dein Herz (CLV) und Direktor der christlichen Organisation Eternal Perspective Ministries „Ein wirklich atemberaubendes Buch, das das Thema Geschlechtlichkeit an der Wurzel packt. Dieses Buch betrifft nicht
nur die Kernfrage der Sexualität, es berührt ebenso den Kern des Evangeliums. Yuan besitzt Einfühlungsvermögen, er ist ein kluger Kopf und Meister der Erzählkunst.“ \\ Dr. J. D. Greear, Verfasser vieler bekannter englischer Bücher, 62. Präsident der Southern Baptist Convention (amerikanischer Verband baptistischer Gemeinden) und Pastor der Summit Church in Raleigh-Durham, North Carolina, USA „In einer Welt der großen sexuellen Vielfalt gibt Christopher Yuan der Gemeinde und anderen ein Hilfsmittel an die Hand, das in etwas viel Beständigerem verankert ist – im Wort Gottes. Und daher glaube ich, dass dieses Buch viele in die Wahrheit führen kann, die sie freimachen wird.“ \\ Jackie Hill-Perry, Dichterin, Rednerin, Künstlerin und Schriftstellerin des in den USA bekannten Buches Gay Girl, Good God: The Story of Who I Was and Who God Has Always Been (zu Dt. etwa: Lesbisches Mädchen, guter Gott: Die Geschichte davon, wer ich war und wer Gott schon immer gewesen ist) „Dr. Christopher Yuan hat etwas Tiefgreifendes und dringend Notwendiges getan: Er erklärt den Plan Gottes und was die Bibel über Sexualität sagt – und über gleichgeschlechtliche Empfindungen – und zwar in einer Art und Weise, die weder die Wahrheit verschweigt noch die Liebe, die das Herzstück dieser Geschichte Gottes mit den Menschen ist. Gottes überwältigende Liebe für uns äußert sich in seinem tiefen Wunsch danach, dass wir so heilig sind, wie er heilig ist. Deshalb beruft er niemanden einfach nur zur bloßen Enthaltsamkeit oder zum bloßen Glücklichsein, sondern zu einer übernatürlichen Heiligkeit und Freude. Das ist
die Erfüllung und die Schönheit eines Lebens mit Gott, der für uns starb – möge Gott uns davor bewahren, dass wir uns mit weniger zufriedengeben.“ \\ Eric Metaxas, Bestsellerautor der New York Times von Büchern wie Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet und Luther: Der Mann, der Gott neu entdeckte (beide SCM) „Welch ein Geschenk ist Christopher Yuan für die Gemeinde Jesu. Seine Reise ‚auf dem Weg zum Abgrund‘ und zurück nach Hause in die Einheit mit Christus konfrontierte ihn mit einigen schwierigen Fragen, die sich in unserer Zeit jeder stellt (oder stellen sollte). Es geht um Sexualität, Identität, Heiligung (sowohl den Prozess als auch das Ziel) und was es heißt, der Sünde zu sterben und gegen die Götzen des Herzens anzukämpfen. Christopher behandelt diese wichtigen Themen mit Demut, Mitgefühl und Einsicht. Unerschütterlich sieht er sich der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes und der Autorität der Schrift verpflichtet. Solch ein Buch zu schreiben wird eine große Herausforderung gewesen sein und verlangte eine gehörige Portion Mut. Danke, Christopher, dass du bereit warst, dieses Projekt durchzuziehen – um unseretwillen, aber vor allem um Christi Willen.“ \\ Nancy DeMoss Wolgemuth, Schriftstellerin u. a. von Ort der Stille und Der Schlüssel zur Freude (beide CV), Lehrerin und Moderatorin der amerikanischen Radiosendung Revive Our Hearts „Ich bin so dankbar für Christopher Yuan und seine Treue dem Dienst gegenüber, in den er berufen wurde. Ich bin auch dankbar, dass er zu einer klaren Stimme der Vernunft in einem theologischen Durcheinander rund um das Thema Sexualität wurde. Ich
bete, dass jeder den Weckruf vernimmt und sich zu einer Heiligen Sexualität verpflichtet.“ \\ Tim Challies, Blogger, Buchrezensent und Verfasser von Do More Better „Christopher Yuans Arbeit weist uns darauf hin, was am meisten zählt – unsere Identität in Christus und welche Möglichkeiten sich dadurch ergeben. Es wird deutlich, dass dieser Fokus für alle Lebensbereiche wichtig ist, vor allem aber auf den Gebieten von Sexualität, sexueller Identität, Ehe, Ehelosigkeit und den Gemeinschaften, die das Bedürfnis nach Familie und Nähe stillen. Eine biblische Balance kann in unserer Kultur eine Herausforderung darstellen, besonders auch die Frage, wie man sich liebevoll über diese Themen austauscht. Dieses Buch ist eine exzellente Hilfe dafür.“ \\ Dr. Darrell L. Bock, verantwortlicher Direktor für den Bereich kultureller Dialog am Howard G. Hendricks Center und Forschungsleiter im Bereich neutestamentliche Studien am Dallas Theological Seminary in Texas, USA „Heilige Sexualität ist ein Buch, das von jedem ernsthaften Christen gelesen werden sollte. Yuan schafft eine erstaunliche Balance zwischen biblischer Erkenntnis und praktischer Anwendung. Er zeigt, wie man in der heutigen Zeit als Christ heikle Themen wie Beziehungen und Sexualität umsichtig ansprechen kann. Und dennoch hält er konsequent am Evangelium fest. Ich möchte dieses Buch ausdrücklich jedem empfehlen.“ \\ Dr. Sean McDowell, Privatdozent für christliche Apologetik an der Biola University in La Mirada, Kalifornien; Referent und Mitverfasser von Wer ist dieser Mensch? (CLV/SCM)
„Dies ist ein Buch über sexuelle Vernunft, und weiß Gott, wir brauchen es. Unsere Kultur hat Sexualität von geistlichen und biologischen Tatsachen getrennt und sie mit einer Last beladen, die sie nie und nimmer tragen kann. Doch Sexualität war niemals dazu gedacht, uns zu definieren. Sie kann nicht Träume wahr werden lassen. Sie wird uns nicht erfüllen. Als Geschenk Gottes, nüchtern betrachtet, ist Sexualität wunderbar. Als Götze ist sie schrecklich. Mehr als je zuvor müssen wir erkennen, was Heilige Sexualität ist.“ \\ Jon Bloom, Schriftsteller, Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer von Desiring God
Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1. Geprägt von Gottes Heilsgeschichte . . . . . . . . . 18 Ein theologischer Rahmen für unser Gespräch 2. Ein Fall von missverstandener Identität . . . . . . . . 25 Definiert Sexualität, wer wir wirklich sind? 3. Das Bild Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Wo Identität beginnt 4. Der Abdruck der Sünde . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Die Schwere des Sündenfalls 5. Warum Anthropologie so wichtig ist . . . . . . . . . 59 Was sind die Folgen, wenn wir ignorieren, wer wir sind? 6. Heilige Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Gottes guter Wille für alle 7. Die Versuchungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Gleichgeschlechtliche Empfindungen 8. Anatomie des Begehrens . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Das Ziel vor Augen haben 9. „Sexuelle Orientierung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Blinde Akzeptanz oder kritische Bewertung? 10. Der biblische Bund der Ehe . . . . . . . . . . . . . . 111 Mehr als Gemeinschaft – mehr als Partnerschaft
11. Eine Theologie der Ehe . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Die Bedeutung von „Ja, ich will!“ 12. Als Single leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 In guten wie in schlechten Zeiten? 13. Mehr zum Thema Ehelosigkeit . . . . . . . . . . . . . 150 Einfach ein gutes Geschenk 14. Die geistliche Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Brüder und Schwestern auf Ewigkeit 15. Heiligung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Der Weg zur Heiligen Sexualität 16. Schlechte Früchte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Die gute Frucht der Heiligung 17. Barmherzigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Der einzige Weg nach vorn 18. Evangelisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Hinweise für unsere Gespräche 19. Die Neuigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 Wie sollen wir reagieren, wenn ein Freund sich öffnet? 20. Jüngerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Gegründet auf einer neuen Identität Gesprächsleitfaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
FĂźr meine Mutter Ich danke dir! Du bist die Heldin meiner Kindheit, du hast mich Beharrlichkeit gelehrt und mir gezeigt, dass man sich nie mit MittelmäĂ&#x;igkeit zufriedengeben sollte. Dann wurdest du zu meiner Wegbereiterin. Du bist unbeirrt in die richtige Richtung gegangen, ausgerichtet auf das vollkommene Ebenbild Gottes, das Christus ist. Dieses Buch zum Thema Heiligkeit ist dir gewidmet.
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Geprägt von Gottes Heilsgeschichte Ein theologischer Rahmen für unser Gespräch
„Ich bin schwul“ ist eine einfache Aussage mit einer komplexen und vielschichtigen Bedeutung. Wir alle kennen jemanden, der homosexuell ist. Wahrscheinlich lesen Sie dieses Buch, weil Sie ein homosexuelles Kind, einen homosexuellen Verwandten, Kollegen oder Freund haben. Als Nachfolger Christi kennen Sie Johannes 3,16: „Denn so hat Gott die Welt geliebt ...“ Sie wissen, dass dies die Person einschließt, an die Sie gerade denken. Niemand stellt infrage, ob Sie diesen Menschen lieben sollen. Die Frage lautet vielmehr: Wie soll sich diese Liebe äußern? In vielen Büchern liest man, dass man Menschen mit gleichgeschlechtlichen sexuellen Empfindungen mit viel Mitgefühl begegnen soll. Sie bieten unterschiedliche und manchmal widersprüchliche Ansätze, wie das praktisch geschehen soll. Soll man Homosexuellen helfen, ihre Sexualität anzunehmen und eine „Reformation“ der Kirchen und Gemeinden anstreben, damit gleichgeschlechtliche Ehen anerkannt werden? Hilft man einer Gemeinde, die an diesem Zwiespalt zu zerbrechen droht, indem man Befürworter und Gegner zur Einheit aufruft? Helfen wir homosexuellen Christen, echte und tiefe geistliche Freundschaften zu entwickeln, während sie für sich die harte Realität eines lebenslangen Zölibats akzeptieren? Helfen
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wir Menschen, die sich ungewollt zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, ihr heterosexuelles Potenzial zu entwickeln und jemanden aus dem anderen Geschlecht zu heiraten? Oder könnte es sein, dass das Evangelium uns alle zu etwas beruft, das zwar viel teurer, aber auch viel kostbarer ist, als wir es uns je hätten vorstellen können? Die verschiedenen Ansätze all dieser Bücher haben einen gemeinsamen Nenner: Liebe. Der Unterschied liegt nicht nur in der Methodik, sondern auch in den abweichenden Definitionen von Liebe. Tatsächlich glauben wohlmeinende Pastoren, die von ihren Kanzeln Feuer und Schwefel gegen Homosexualität predigen, dass sie dies aus Liebe tun. Das ist dann eine sehr irregeführte Liebe und verzerrte Sicht des Evangeliums. Wie kann man bei so vielen Methoden die richtige finden? Die rechte Art und Weise zu lieben ist kein theoretisches Kon strukt. Für mich ist das Ganze sehr, sehr persönlich. Meine Geschichte
Im Jahr 1993 eröffnete ich meinen Eltern, dass ich schwul bin. Das führte zu einem großen Bruch in unserer Familie, um es milde auszudrücken. Letzten Endes war diese Situation jedoch der Auslöser dafür, dass jeder von uns, einer nach dem anderen, zum Glauben an den Herrn kam. Zunächst reagierte meine damals ungläubige Mutter mit großer Ablehnung. Aber nachdem sie Christin wurde, begriff sie, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihren homosexuellen Sohn so zu lieben, wie Gott sie liebte. Ihr Verhalten entsprach nicht dem stereotypen Bild, das mancher von Christen haben mag. Als die Katze jedoch aus dem Sack war, hinderte mich nichts mehr daran, „das, was ich war“, in jeder Form auszuleben. Diese neue Form der Freiheit führte mich sehr schnell auf einen Pfad der Selbstzerstörung, der von sexueller Freizügigkeit und Drogenmissbrauch gekennzeichnet war. Selbstverständlich schlagen
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nicht alle Homosexuellen diesen Weg ein, aber bei mir war es so. Es kam so weit, dass ich von der Universität in Louisville flog, wo ich Zahnmedizin studierte. Ich zog nach Atlanta und wurde zum Zulieferer für Drogendealer in über einem Dutzend amerikanischer Bundesstaaten. Während dieser Zeit wirkte Gott in seiner Gnade im Leben meines Vaters und meiner Mutter, und beide vertrauten Christus als ihrem Retter. Meinen Eltern waren die Ausmaße meiner Rebellion nicht bewusst, aber im Licht ihres neu gefundenen Glaubens begriffen sie, dass meine größte Sünde nicht mein gleichgeschlechtliches Sexualverhalten war – meine größte Sünde war mein Unglaube. Mehr als alles andere brauchte ich diesen Glauben an Jesus, um ihm durch Gottes Geschenk der Gnade zu vertrauen und nachzufolgen. Meine Mutter fing an, mutig zu beten: „Bitte, Herr, tue, was auch immer nötig ist, um diesen verlorenen Sohn zurückzubringen.“ Sie betete nicht primär, dass ich nach Chicago zurückkommen oder mein rebellisches Verhalten ablegen würde. Ihr oberstes Anliegen war, dass Gott mich zu sich ziehen und ich als sein Sohn in seine liebevollen Arme fallen würde, angenommen und erkauft durch das Blut Jesu. Die Antwort auf ihre Gebete war jedoch eine völlig unerwartete: Ich wurde wegen Drogenhandels verhaftet. Im Gefängnis erlebte ich die dunkelsten Stunden meines Lebens, als ich die Nachricht erhielt, dass ich HIV-positiv war. An jenem Abend lag ich auf meinem Zellenbett, als mir ein Gekritzel ins Auge sprang, das jemand auf die Metallunterseite der oberen Pritsche geschrieben hatte: „Wenn dir langweilig ist, lies Jeremia 29,11.“ Ich folgte diesem Rat und war tief berührt von dem Versprechen, das dort steht: „Denn ich kenne ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren.“ Ich las mehr und mehr in der Bibel. Dadurch wurde mir klar, dass ich meine Identität an falscher Stelle gesucht hatte. Unsere Kultur erklärt uns Menschen mit gleichgeschlechtlichen
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Empfindungen, dass unsere Sexualität der Kern dessen ist, wer wir sind. Aber Gottes Wort zeichnet ein anderes Bild. In 1. Mose 1,27 steht, dass wir alle im Ebenbild Gottes geschaffen sind. Der Apostel Paulus schreibt: „Denn in ihm (Christus) leben wir und bewegen uns und sind wir“ (Apg 17,28). Also ist meine Identität nicht „homosexuell“, „ex-homosexuell“ oder „heterosexuell“. Meine wahre Identität ist allein in Jesus Christus. Nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen worden war, habe ich mich entschlossen, die biblischen und theologischen Wahrheiten intensiv zu studieren und danach zu leben. Ich schrieb mich an einer Bibelschule ein und später an einem Seminar. Im Laufe der Zeit schenkte der Herr mir die Jahre zurück, die die Heuschrecken gefressen hatten (vgl. Joel 2,25). Meine Eltern und ich reisen nun um die ganze Welt. Als Zwei-Generationen-Team sprechen wir über Gottes Gnade und Wahrheit in Bezug auf biblische Sexualität. Von der Sinnfrage zur Methode
Auf meiner Reise vom homosexuellen Agnostiker zum evangelikalen Bibellehrer ist mir Folgendes bewusst geworden: Wie Menschen auf homosexuelle und andere nichtheterosexuell-orientierte Personen reagieren, wurzelt in der Sinnfrage. Seit Anfang der Menschheitsgeschichte ist man auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Und die Antwort auf diese Frage lässt Taten folgen. Die verschiedenen Herangehensweisen, wie wir Menschen der Homosexuellen-Szene mit Liebe begegnen sollen, können verwirrend sein. Sie entstehen letztlich aufgrund konkurrierender Interpretationen der Sinnfrage. Klarheit findet man aber nicht, indem man fragt, welcher Ansatz mehr Mitgefühl zeigt, sondern indem man einen Ansatz auf Wahrheit prüft – Gottes Wahrheit. Wir können vorschnell und mit bester Absicht das vermeintlich Richtige tun. Aber wenn man nicht zuerst richtig denkt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man schlussendlich falsch handelt.
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Sowohl Mitgefühl als auch Weisheit sind Tugenden. Aber Mitgefühl ohne Weisheit kann leichtsinnig und geradezu fahrlässig sein. Weisheit ohne Mitgefühl ist wertlos, sogar überheblich. Wahres Mitgefühl entspringt aus der Quelle der Weisheit, und wahre Weisheit mündet in Mitgefühl – es sollte kein Gegensatz sein. Wahres christliches Leben wird auf göttlicher Weisheit errichtet. Unsere Gesellschaft betont häufig Relevanz und Pragmatismus auf Kosten von Wahrheit. Aber richtiges Handeln basiert auf als richtig erkannter Wahrheit. Wir müssen dem natürlichen Impuls widerstehen, unser Handeln von der Wahrheit oder die Wahrheit vom Handeln zu trennen. Dabei ist es wichtig, die Ethik gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu erforschen. Viele Gelehrte haben die Schlüsselstellen des Alten und Neuen Testaments genau analysiert und das Verbot von gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen dargestellt. Diese Arbeiten sind wichtig, und es gibt in diesem Bereich viel gute Literatur.2 Jedoch schränkt man sich zu sehr ein, wenn man annimmt, „richtiges Wissen“ resultiere nur aus dem Studium einer Handvoll biblischer Texte, die das Thema kritisch beurteilen. Das hieße, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Eine gesunde Theologie darf nicht darauf gründen, was wir nicht tun dürfen. Denn das christliche Leben besteht aus viel mehr als dem Vermeiden sündigen Verhaltens. Wenn wir die Dinge nur durch die Brille biblischer Verbote betrachten, könnten wir dabei sogar das Evangelium verfehlen. Dieses Buch möchte sowohl das Thema Sexualität theologisch reflektieren, als auch praktische Hilfen geben, wie man homosexuelle Angehörige und Freunde auf Christus hinweisen kann. Dazu 2 Robert A. J. Gagnon, The Bible and Homosexual Practice: Texts and Hermeneutics (Nashville: Abingdon, 2001); Kevin DeYoung, What does the Bible Really Teach about Homosexuality? (Wheaton, IL: Crossway, 2015).
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nehmen wir die ganze Heilsgeschichte Gottes in den Blick – Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Vollendung. Vielleicht denken Sie jetzt: „Aber ich bin doch kein Theologe!“ Allerdings bedeutet der griechische Begriff theologia wörtlich „die Lehre von Gott“. Wissen Sie einiges von dem, was die Bibel über Gott lehrt? Wenn ja, dann sind auch Sie ein Theologe! Kevin Zuber, einer meiner Bibelschullehrer, hat mich tief geprägt, als er unseren Kurs herausforderte, sich Theologie als Verb vorzustellen. Christen sollen theologisch handeln. Es geht um gelebte Theologie, mit Herz, Sinn, Verstand und Händen. Blutarme theoretische Theologie verursacht Teilnahmslosigkeit, doch gute Theologie lässt Taten folgen. Aber vielleicht denken Sie jetzt: „Was ich vor allem brauche, ist nicht Theologie, sondern einen guten Rat, wie ich meine homosexuellen Angehörigen und Freunde erreichen kann!“ Aber woher wollen wir wissen, was Gott sich von unseren homosexuellen Freunden wünscht, wenn wir Gott nicht hinreichend gut kennen? Gedanken gehen Taten voraus. Gute Theologie, richtige Handlungen. Schlechte Theologie, falsche Handlungen. Mit schlechten Paradigmen brechen
Im Jahr 2011 schrieben meine Mutter Angela und ich gemeinsam das Buch Christopher: Ein Sohn auf dem Weg zum Abgrund.3 Am Ende des Buches erwähnte ich kurz ein Konzept namens „Heilige Sexualität“. Der Impuls für diesen neuen Begriff entstammte meiner Frustration über das vorherrschende heterosexuell-bisexuell-homosexuell-Paradigma. Denn dieser Denkrahmen stimmte nicht mit 3 Christopher Yuan und Angela Yuan, Christopher: Ein Sohn auf dem Weg zum Abgrund. Eine Mutter, die betet ... (Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2014).
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Geprägt von Gottes Heilsgeschichte
den biblischen und theologischen Wahrheiten überein. Mir war bewusst, dass ich irgendwann einmal den Begriff „Heilige Sexualität“ weiter würde ausarbeiten müssen. Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass das Ziel einer „Heiligen Sexualität“ nicht allein denen gilt, die sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen; Heilige Sexualität ist für jeden wichtig. Dieses Verständnis von Sexualität ist eng verwoben mit Gottes Heilsgeschichte – Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Vollendung. Dieser vollständige und in sich schlüssige theologische Rahmen hilft uns, die menschliche Sexualität im Licht der offenbarten Wahrheit Gottes besser und umfassend zu verstehen. Ich lade Sie ein, mich auf einer Reise zu begleiten, auf der wir eine Theologie der Sexualität erkunden. Bereiten Sie sich darauf vor, dass wir biblisch, theologisch und kritisch nachdenken wollen; wir werden einige alte, menschengemachte Denkrahmen infrage stellen, denn sie finden sich nicht in der Schrift. Und wir werden vielleicht in manchen Fällen lernen, umzudenken und Gottes Wahrheit neu anzunehmen. Auch auf dieser Reise gilt: Widerstehen Sie nicht dem Heiligen Geist, wenn er Sie von falschen Denkweisen überführen möchte. Er gibt uns das Gnadengeschenk der Buße. Machen Sie sich bereit, Ihre Gotteserkenntnis und Ihr Wissen über seine wunderbare Heilsgeschichte zu vertiefen. Dieser Blick wird unser Verständnis der menschlichen Sexualität richtig formen. Sind Sie bereit?
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Ein Fall von missverstandener Identität Definiert Sexualität, wer wir wirklich sind?
„Ich bin so.“ Dieser Satz stammt von Andy, einem meiner Kommilitonen im Bibelseminar. Er, ein gemeinsamer Freund und ich trafen uns regelmäßig nach Unterrichtsende und diskutierten über Bibeltexte – das machte uns einfach Spaß. Andy war ein kluger junger Mann, aufgewachsen auf dem Missionsfeld und mit einer gottesfürchtigen jungen Dame verheiratet. Deshalb war ich ziemlich überrascht, als Andy sich plötzlich als homosexuell outete und von seiner Frau trennte. Er hatte diesen Teil seines Lebens bis dato vor Freunden und Verwandten geheim gehalten, und nun wurden sie von seinem Outing wie vom Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Als wir uns in der folgenden Woche zu unserer Diskussionsrunde trafen, kamen wir zwangsläufig auf Themen rund um Homosexualität zu sprechen. Es wurde deutlich, dass sich Andys Hermeneutik verschoben hatte. Bibeltreue Ausleger wurden flapsig als „dumm“ oder „ungebildet“ abgestempelt, was bewies, dass er seine Meinung zur Autorität und Irrtumslosigkeit der Bibel geändert hatte. Wir hatten uns ungefähr eine Stunde lang gegenseitig zum Nachdenken herausgefordert, als Andy dem Gespräch plötzlich eine neue Wendung gab. Es ging nicht länger um Theorien, sondern er wurde nun sehr persönlich: „Warum sollte Gott mich so