Thomas Gelfert
TesTamenT7
Das Siegel des Falken
Thomas Gelfert
Testament7: Das Siegel des Falken
Best.-Nr. 271586
ISBN 978-3-86353-586-5
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Die Bibelstellen wurden zitiert nach:
NeÜ bibel.heute
© 2010 Karl-Heinz Vanheiden. www.derbibelvertrauen.de bibel@derbibelvertrauen.de Alle Rechte vorbehalten.
Lutherbibel, revidiert 2017
© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
1. Auflage
© 2022 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Umschlaggestaltung: Thomas und Claudia Gelfert
Satz und Illustration: Thomas Gelfert
Umschlagmotiv: © Thomas Gelfert
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany


„Na los! Kommt schon, ihr trüben Tassen!“ Fröhlich hüpfte Dominik über den weichen Moosboden des Waldes und winkte seinen Freunden, die kaum hinterherkamen. Er lief immer weiter den Berg hinauf. Oben angekommen kletterte er auf einen Baumstumpf, breitete die Arme aus und rief: „Herzlich willkommen in meiner Arena!“
Hechelnd erreichten Paul, Samuel und Sarah die Anhöhe und schauten neugierig in die Richtung, in die Dominik zeigte.
„Krass! Das sieht tatsächlich fast wie ein Kolosseum aus“, meinte Samuel nickend.
„Mitten im Wald“, ergänzte Paul. „Sieht man auch nicht oft.“
Dominik sprang die stufenartige Innenwand hinab, suchte sich einen langen Stock und begann, damit in der Luft herumzufuchteln. „Ha! Nimm das!“, rief er vor sich her, während er einen unsichtbaren Gegner zu bekämpfen schien.
„Gegen Luft zu kämpfen ist doch keine Kunst.“ Samuel schüttelte lachend den Kopf, sprang ebenfalls hinunter und schnappte sich einen dünnen Ast.
Mit zusammengekniffenen Augen stellte sich Dominik seinem Freund gegenüber und sagte laut: „Wollt Ihr mich herausfordern, Ihr kleiner Unhold?“
„Aber natürlich, mein Herr! Euch muss mal jemand zeigen, wo’s langgeht.“ Samuel umfasste seinen Ast und nahm die Herausforderung an. Dominik rannte auf ihn zu und holte aus. Im letzten Augenblick wich Samuel aus und stellte Dominik ein Bein, der prompt stolperte.
„Na, mein Herr? Habt Ihr genug?“, lachte Samuel.

„Niemals!“, schrie Dominik lachend und rappelte sich wieder auf.
Paul und Sarah hatten es sich inzwischen auf der Anhöhe bequem gemacht und schauten dem fröhlichen Treiben aus sicherer Entfernung zu. Sie merkten gar nicht, wie sich ihnen jemand näherte.
Plötzlich rief derjenige: „Keine Bewegung!“
Reflexartig drehte Paul sich um und zerkratzte sich die Wange an einem spitzen Ast. „Ahh! Aua!“
„Ich sagte doch: Keine Bewegung!“
„Hey, Mann! Spinnst du?“, beschwerte sich Paul und wischte sich über die blutende Wange.
Sarah war sofort zur Stelle und reichte ihm ein Taschentuch. „Hier, versuch’s mal damit.“
„Danke.“
Dieser Zwischenfall war Samuel und Dominik nicht entgangen, und so kletterten sie geschwind zu ihren Freunden hinauf.
„Was wollt ihr denn hier?“ Samuel stellte sich auf und verschränkte die Arme.
Einer der neuen Besucher kam auf ihn zu und bedrohte ihn mit einem Ast. „Was wir hier wollen? Soll das ’n Witz sein? Ihr seid in unserem Revier!“
Genervt schlug Samuel den Ast beiseite. „Sagt wer?“
„Sagt der Anführer der Black Eagles!“, zischte der Junge mit dem Ast in der Hand.
„Pfff.“ Samuel grunzte und drehte sich zu Paul und Sarah um. „Kennt ihr Kevin noch?“
„Wie sollten wir den wohl vergessen.“ Paul rieb sich die schmerzende Wange.
Dominik meinte schnippisch: „Der hatte doch schon damals die große Klappe, als wir vom Bürgermeister ausgezeichnet wurden.“
Jetzt trat Kevin noch näher an Samuel heran, sodass Samuel Kevins Schweiß riechen konnte.

„Boah, Alter! Du musst dringend mal duschen!“ Angewidert wedelte sich Samuel mit der Hand vor der Nase herum.
Kevin überhörte es einfach und sagte mit bedrohlicher Stimme: „Hatte ich euch nicht damals schon davor gewarnt, uns in die Quere zu kommen?“
„Nu mach mal halblang, Kevin“, schaltete sich nun auch Sarah ein. „Das ist doch nicht dein Wald.“
Jetzt kam eines der Mädchen der Black Eagles dazu, stellte sich oben auf die Anhöhe und zeigte ins Wald-Kolosseum. „Das ist unser Revier. Und zwar schon seit Jahren. Ihr habt kein Recht, hier zu sein. Basta!“
Auf einmal begann Samuel laut zu lachen. „Wie bitte? Du willst uns doch nicht ernsthaft von dieser ... Moosgrube ... verscheuchen.“
Nun kam ein weiteres Mitglied der Bande nach oben und gesellte sich zu ihnen. „Komm bloß nich‘ auf dumme Ideen! Hörst du? Wir sind in der Überzahl. Fünf gegen vier.“
„Ha!“ Dominik spuckte verärgert auf den Boden. „Ich sag nur: Klasse schlägt Masse.“
Verdutzt grinsten Samuel und Paul ihren Freund an.
„Was denn?“ Dominik hob die Schultern. „Ist doch wahr! Wahrscheinlich nur ’ne große Klappe und nichts dahinter.“
„Das wirst du bereuen“, grummelte der Kerl neben Kevin und ballte die Fäuste.
„Versuch’s doch!“, forderte Samuel ihn auf, bereit, jeden Augenblick loszuschlagen.
Fünf Sekunden lang herrschte eisige Stille. Angespannt wartete jeder auf die Reaktion des anderen. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein.
Doch dann nahm Samuel eine Bewegung wahr: Kevin beugte sich leicht nach hinten und holte mit dem Ast aus. Blitzschnell duckte Samuel sich, machte eine Drehung am Boden und holte kräftig mit dem Bein aus. Er traf Kevin am Fuß, sodass der zu wanken begann. Sein Freund versuchte, ihn zu halten. Da

sah Dominik seine Chance und schubste die beiden zur Seite, sodass sie den Hügel hinunterrollten.
„Ha! Das habt ihr davon! Verschwindet!“, schrie er ihnen hinterher.
„Nicht so schnell.“ Samuel und Dominik schauten sich um und sahen, wie Sarah mit dem Mädchen aus der Bande kämpfte – und den Kürzeren zog. Am Ende befand sich das Mädchen hinter Sarah. Sie hatte ihr den Arm verdreht und ihren eigenen Arm um Sarahs Hals geklemmt.
„Hey, lass mich los!“, hustete Sarah. „Ich krieg keine Luft.“
„Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, dann ...“ Paul hatte sich inzwischen wieder gefangen. Er ignorierte seine Wunde und wollte Sarah helfen.
„Dann was?“, fragte das Mädchen und guckte dabei ziemlich böse.
Paul ging strammen Schrittes auf die beiden Mädchen zu, bereit, alles zu tun, was nötig wäre.
„Bleib mir bloß weg!“, schrie das Mädchen und drückte fester zu.
„Aah ... hust.“ Mehr bekam Sarah nicht heraus.
Paul stoppte und überlegte fieberhaft, was er tun konnte.
„Wer ist jetzt am Arsch, hä?“, rief Kevin wütend, während er wieder hinaufgeklettert kam.
Samuel drehte sich sofort wieder zu ihm um und raunte ihm zu: „Los, komm schon! Ich bin noch nicht fertig mit dir!“
Paul holte tief Luft. „Oookaayyyyy. Jetzt mal alle schön langsam, ja? Das muss doch nicht gleich ausarten.“
„Und wie willst du dieses Problem lösen?“ Kevin schien sich etwas zu lockern.
„Ähm ... na ja. Zunächst einmal: Sorry, dass wir in eurem Revier gespielt haben. Wir hatten einfach keine Ahnung. Schließlich steht hier kein Schild herum.“
„Paul!“ Irritiert fuhr Samuel herum und funkelte seinen Freund an: „Was soll das?“

Paul hob schweigend die Hand und sah Kevin erwartungsvoll an. Auch alle anderen schauten nun auf ihn.
„Hmpf. Na schön. Entschuldigung angenommen. Und jetzt macht, dass ihr davonkommt!“ Dann wandte er sich an Maya. „Lass sie los!“
Sarah riss sich los, hustete und rieb sich den Hals. „Wolltest du mich erwürgen? Blöde Kuh!“
„Haste nich‘ genug?“, drohte Maya ihr.
Doch Sarah huschte schnell hinter Paul.
„Und jetzt ... gehen wir trotzdem nicht“, erklärte Paul mit fester Stimme.
„Ach, nicht?“ Kevin war sichtlich überrascht. „Braucht ihr noch ’ne Lektion?“
Samuel und Dominik gesellten sich zu Paul und Sarah, gespannt darauf, was Paul vorhatte. Er schien einen Plan zu haben.
Mit ruhiger Stimme sagte er: „Maya meinte, wir hätten nicht das Recht, hier zu sein.“
„So ist es!“, bestätigte sie.
„Nun, erklärt mir mal, wieso!“
„Was gibt’s da zu erklären?“ Genervt schüttelte Kevin den Kopf. „Erstens waren wir schon eher hier und außerdem ... halt einfach, weil ich es gesagt hab, und basta!“
„Das ist sachlich zur Hälfte falsch“, erklärte Paul.
„Bitte?“ Kevin zog die Augenbrauen hoch.
Paul grinste. „Es ist unbestritten, dass wir – heute – eher hier waren als ihr. Dieses Argument zählt also nicht. Wir hatten außerdem schon festgestellt, dass wir von eurem fragwürdigen Anspruch nichts wissen konnten. Warum sollte nun das einzig verbliebene Argument – dass du es gesagt hast – von Bedeutung sein?“
Paul verlangte von seinem Gegner nachzudenken. Darauf schien der nicht vorbereitet gewesen zu sein. Kevin rang nach Worten.

Da kam ihm sein Freund zu Hilfe, der fies grinsend anmerkte: „Wie wäre es mit dem Recht des Stärkeren?“
„Genau! Voll korrekte Ansage, Mann!“, bestätigte Kevin.
„DAS wäre noch zu beweisen, du Wurm“, brummte Samuel.
„Ach was“, winkte Paul ab. „Kloppen kann sich doch jeder.“
„So?“ Irritiert sah Kevin Paul an. „Was schlägst du also vor?“
„Eine Challenge!“
„Haha!“, lachte Maya böse. „Das ist sinnlos. Wir machen euch eh platt.“
„Das bleibt abzuwarten“, entgegnete Paul. „Drei Runden. Der Sieger darf bleiben.“
Kevin überlegte kurz. Dann hellte sich sein Gesicht auf, und er nickte. „Geht klar, Mann.“
„Hey, Chef!? Was soll das? Die wollen uns das Revier streitig machen, und du spielst da mit?“ Maya verstand nicht.
Doch Kevin grinste noch immer. „Keine Sorge. Wenn sie unbedingt leiden wollen, sollen sie doch.“ Dann wandte er sich an Paul und schlug vor: „Die erste Runde wird einfach. Guck, wir nehmen diesen Baum da drüber, der so einzeln steht. Das sind vielleicht dreißig oder vierzig Meter. Hier sind jede Menge Zapfen. Jeder hat einen Wurf. Wer trifft, bekommt einen Punkt.“
Paul sah sich das Ziel an. „Ziemlich weit weg.“
„Willste kneifen?“
„Nein!“
Dominik zerfurchte die Stirn. „Das ist aber ungerecht. Wenn wir nur vier Leute sind, haben wir ja auch nur vier Würfe, ihr aber fünf.“
„Tja, mein Guter. So ist das Leben“, grinste Maya und schlängelte sich gemütlich an ihm vorbei. „Ich fang an.“
Sie holte kräftig aus, warf und traf ... daneben. „Mist!“
Dominik grinste.
„Dann werfe ich als Nächstes.“ Dominik suchte sich einen runden Zapfen, zielte und warf. „Boom! So macht man das.“

„Das war Glück!“, frotzelte Kevin und warf seinen Zapfen. Auch er traf. „Siehste?“
Jetzt war Samuel an der Reihe. Er nahm sich absichtlich den größten Tannenzapfen, den er finden konnte, und warf ihn mit solcher Wucht an den Baum, dass der Zapfen direkt zerbrach. Dann sah er Kevin ernst an.
Kevin hielt Samuels Blick stand.
Der schlaksige Freund Kevins kam herbei und meinte arrogant: „Keine Kunst. Das kann ich sogar noch besser.“ Er nahm gleich drei Zapfen und holte aus.
Kevin wollte ihn noch bremsen. „Mann, Alter. Was soll das?“
Doch sein Freund ignorierte ihn, holte aus und warf. Sein dreifaches Wurfgeschoss flog in alle Richtungen davon und verfehlte den Baum meterweit. „Upps.“
„Super Leistung!“, spotteten die zwei anderen Black Eagles, die noch dabeistanden.
„Okay, dann versuch ich es jetzt. Aber ich fürchte, das wird nix.“ Sarah positionierte sich, holte aus, warf und traf Maya.
„Hey, pass doch auf!“, schrie Maya. „Ich bin doch kein Baum.“
„Oh, sorry!“ Sarah wurde ganz rot im Gesicht. „Tut mir leid, Jungs.“
„Ist schon okay.“ Paul legte seine Hand freundlich auf Sarahs Schulter und flüsterte: „Mach dir keine Gedanken. Das ist nur ein kleiner Wettbewerb.“
„Aber wenn wir verlieren?“
„Werden wir nicht.“
„Was macht dich da so sicher?“
„Vertrau mir!“
Sarah blickte Paul mit großen Augen an.
Inzwischen hatten die beiden anderen Black Eagles ihre Zapfen geworfen. Einer hatte getroffen, der andere nicht.
„So ... dein Wurf entscheidet“, sagte Samuel.
Paul stellte sich an die Linie, die Kevin in die Erde geritzt hatte. Er schloss die Augen, atmete ganz ruhig und fühlte die

raue, offene Oberfläche des Kiefernzapfens. Er spürte einen leichten Windhauch und öffnete die Augen. Paul fixierte den Baum, holte aus und warf. Alle Augen waren jetzt auf den fliegenden Zapfen gerichtet. Boom!
„Klasse Wurf, Bro!“, rief Dominik aufgeregt. „Wir haben gewonnen.“
„Eine Runde! Schnapp nicht gleich über!“, bremste Kevin ihn.
Maya fügte an: „Das nennt man Anfängerglück.“
In den nächsten Minuten wurden weitere Vorschläge für den Wettbewerb diskutiert, und die Teams traten gegeneinander an. Runde zwei konnten die Black Eagles für sich verbuchen. Die letzte Runde befand sich kurz vor ihrem Ende. Man hatte sich für eine improvisierte Version Wikingerschach entschieden. Jeder Spieler hatte nur einen Wurf zur Verfügung, um die gegnerischen Figuren, oder besser gesagt Äste, umzuwerfen. Jetzt stand nur noch der Turm in der Mitte, und Kevin hatte den nächsten Wurf.
Plötzlich blickte Maya nach oben und rief: „Achtung, der Ast!“ Dabei zeigte sie auf einen Punkt über Samuel, Paul, Sarah und Dominik.
Sofort guckten sie alle nach oben. Aber da war nichts.
Als sie wieder nach unten sahen, hatte sich Kevins Freund an die Seite des Spielfeldes gestellt und grinste komisch.
„Tjaaa ... also, dann bin ich jetzt wohl dran, nicht wahr?“, fragte Kevin gedehnt. Er nahm seinen Wurfzapfen und schlenkerte ihn hin und her, als hätte er alle Zeit der Welt. Dann warf er ungefähr in die Richtung des Turms, und der fiel um.
„Hä? Wie ist das möglich?“ Paul schüttelte den Kopf und wollte sich das näher anschauen. „Du hast doch nicht mal getroffen.“
„Gewonnen ist gewonnen, Schnucki!“, spottete Maya.
Als Paul die Mitte des Spielfeldes erreichte, sah er gerade, wie ein dünnes, langes Etwas davonrutschte. „Hey! Du hast betrogen!“

„Was ist los, Kumpel?“, fragte Kevin nach. „Kannste nicht verlieren?“
Kevins Freund, der noch immer am Spielfeldrand stand, sagte: „Der kleine Kerl hier meint, ich hätte irgendwas gemacht.“
„Klein?“ Sofort fühlte sich Paul wieder in die Tage der alten Schlangenkopfbande zurückversetzt.
„Kannst du mir das hier erklären?“, forschte Samuel nach, der gerade den dünnen Zweig zwischen den Füßen von Kevins Freund herauszog.
„Äh, das? Ja, also ...“
„Das ist Betrug!“ Sarah stampfte mit dem Fuß auf.
„Und was willst du jetzt machen, hm?“
„Ich weiß genau, was ich machen werde.“ Sarah hob einen Tannenzapfen auf und warf ihn dem Jungen ins Gesicht.
Verärgert ballte der die Fäuste und holte aus.
Samuel kam gerade noch rechtzeitig dazwischen: „Willst du etwa Mädels verhauen?“
„Oh nein!“, murmelte Paul. „Nicht schon wieder.“
Doch im nächsten Augenblick überrannten Kevins Bandenfreunde Dominik, der mit voller Wucht gegen einen Baum krachte.
Samuel hob einen besonders großen Zapfen vom Boden auf und guckte Kevin zornig an.
Der konnte sich offenbar noch gut an die erste Runde des Zapfenwerfens erinnern und entschied sich für die Flucht. Doch weit kam er nicht. Kevin sprang über einen kleinen Felsen und verschwand dahinter. Plötzlich hörte man ihn um Hilfe rufen.
„Hey, alle mal stopp!“, schrie Paul.
„Hilfe! Helft mir!“, rief Kevin.
„Soll er sich doch selber helfen“, sagte einer seiner Freunde und verschwand.
„Genau!“, bestätigten die anderen. „Er sagt auch immer, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Los, kommt! Wir hauen ab!“

Mir nichts, dir nichts rannten die verbliebenen Black Eagles davon und ließen ihren Anführer im Stich.
„Wir müssen ihm helfen“, erklärte Paul.
„Echt jetzt?“ Dominik machte große Augen. „Du hast doch selbst erlebt, wie er mit uns umgegangen ist. Jetzt hat er die Quittung dafür bekommen.“
„Nein.“ Paul schüttelte den Kopf. „Wir sind nicht so wie er. Seit dem Umzug nach Villstein haben wir so viele krasse Sachen mit Gott erlebt, dass ich ständig darüber nachdenken muss, ob wir nicht langsam mal dran sind, was zu tun.“
„Was meinst du?“
„Ich bin nicht sicher. Aber ich glaube, das ist es, was Jesus meint, wenn er uns auffordert, in seine Fußstapfen zu treten. Wir müssen über Kevins miese Art hinwegsehen und ihm helfen.“
Dominik verschränkte die Arme und setzte ein griesgrämiges Gesicht auf.
Paul legte nach: „Hast du schon vergessen, wessen Nachfolger du geworden bist?“
„Ich ... nein.“ Betroffen senkte Dominik den Kopf und trabte den anderen hinterher, die schon unterwegs zur Unfallstelle waren.
„Da unten ist er. Sieht aus, als wäre er irgendwo halb eingebrochen“, erkannte Samuel. „Warte, ich helfe dir!“ Vorsichtig kletterte Samuel einen felsigen Abhang nach unten. Als er Kevin erreicht hatte, schrie der: „Mann, Mann, Mann! Alles nur wegen dir!“
Samuel holte tief Luft. „Soll ich dir nun helfen oder nicht?“
„Blöde Frage! Hol mich endlich hier raus!“
Inzwischen halfen Dominik und Paul dabei, ihren Gegner aus dem Loch zu ziehen. „Meine Güte, ist der schwer.“
Geschafft!
Endlich hatte Kevin wieder festen Boden unter den Füßen. Er ging einige Schritte, während die anderen in das dunkle Loch

guckten. „Was da unten wohl sein mag? Schaut mal hier, das sind doch gemauerte Steinwände“, überlegte Samuel.
„Dann findet’s doch raus!“, rief Kevin und schubste Samuel und Dominik mit einem harten Stoß hinein.
„Aaahhh!“
„Du gemeiner Kerl!“ Sarah war außer sich. „Du gemeiner, undankbarer Kerl!“, schrie sie ihm hinterher, während er davonrannte.
Inzwischen erkundigte Paul sich nach seinen Freunden. „Seid ihr verletzt? Leute, sagt was!“
„Ahh“, hörte er sie ächzen. „Ich glaube, wir sind noch in einem Stück.“
„Hab mir den Knöchel verstaucht“, rief Dominik.
„Wir werden Hilfe brauchen, um Dom hier wieder rauszukriegen“, stellte Samuel fest.
Paul und Sarah legten sich auf den Boden und krochen vorsichtig an den Rand des Loches. Zentimeter für Zentimeter rutschten sie weiter, um ihre Hände möglichst tief hinunterreichen zu können.
„Uff. Das wird so nichts.“ Entmutigt richtete Paul sich wieder auf und dachte nach. „Sarah, hast du dein Handy mit? Bei meinem ist der Akku leider leer.“
„Jepp!“
„Ruf bitte unsere Eltern an! Wir brauchen Hilfe.“
„Moment, der Empfang ist hier schlecht, ich geh mal ein paar Schritte.“ Es machte knacks, und dann: „Aaahhh!“
„Sarah?“ Paul drehte sich um und suchte die Gegend ab. „Hm? Wo ist sie hin?“
„Aua!“, hörte Paul auf einmal. Fast wäre er in dasselbe Loch gestürzt wie Sarah. „Sarah? Bist du da unten? Hallo?“
„Alles klar soweit. Also, bis auf den Umstand, dass ich jetzt auch festsitze.“
„Warte, ich versuche, dich hochzuziehen.“ Paul beugte sich über die Öffnung und versuchte, Sarahs Hand zu erreichen.

„Fast ... noch ein ... Stück.“ Doch da verlor er den Halt. „Oh, oh!“ Die Wurzel, an der er sich festgeklammert hatte, riss, und Paul rutschte ab. Mit einem heftigen Aufprall landete er neben Sarah. „Autsch! Ich bin aber auch ein Unglückspilz.“ Mühsam rappelte er sich wieder auf.
„Ach was“, lächelte Sarah im Lichtschein ihres Handys, „so schlimm ist es doch gar nicht.“
„Ist es nicht?“
„Wir haben doch uns.“
Pauls Puls ging auf einmal schneller. Stotternd murmelte er: „Soll das heißen, dass du ...“ Da wurde er plötzlich unterbrochen. Er vernahm ein leises Klopfen.
„Hallo?“, hörte er jemanden gedämpft rufen und suchte die Wände ab. „Leuchte mal hierher!“, bat er Sarah. „Da ist eine halb eingebrochene Mauer. Ich mach mal etwas weg davon.“
„Aah, da seid ihr!“, rief ihm auf einmal Samuel entgegen, der mit Dominik auf der anderen Seite der Mauer stand. Gemeinsam schoben sie die Erde beiseite und brachen weitere Steine aus der Mauer, sodass sie hindurchschlüpfen konnten.
„Geht’s euch halbwegs gut, Leute?“, erkundigte sich Paul bei seinen Freunden.
„Ja, na ja ... den Umständen entsprechend. Aber sagt mal, was macht ihr denn hier unten?“, wunderte sich Samuel.
Sarah lachte. „Tja, ich wollte per Handy Hilfe holen, bin ein paar Schritte gegangen und eingebrochen. Paul wollte mir helfen und, na ja, nun ist er auch hier.“
„Oh, ich verstehe.“
Derweil untersuchte Paul die Wände. „Leute, das scheint eine Art unterirdischer Gang zu sein. Ich frag mich nur, wer so etwas mitten im Wald gebaut haben könnte.“
„Vor allem muss dieser Gang schon sehr alt sein. Ich hoffe, hier bricht nicht noch mehr ein“, merkte Sarah an.
„Wir könnten versuchen, hier herauszuklettern“, murmelte Dominik. „Auch wenn es ziemlich glitschig aussieht.“

Der Lichtstrahl von Sarahs Handylampe leuchtete in eine Art flachen Tunnel. „Ich glaube, da drüben geht es noch weiter.“
Gemeinsam krochen und humpelten die vier Freunde durch den niedrigen Gang und erreichten einen größeren Raum.
„Wow! Schaut euch das mal an!“ Sarah staunte nicht schlecht. „Wenn ich nicht irre, ist das in der Mitte dieses Raums eine mittelalterliche Kochstelle. Hier sind sogar noch Krüge oder zumindest was davon noch übrig ist.“
„Einer ist noch ganz“, erkannte Dominik. „Da ist ein Symbol drauf. Was soll das bedeuten?“
Paul betrachtete das Symbol ganz genau. „Hm, ich kann mich irren, aber der Stil erinnert mich an ägyptische Hieroglyphen, die ich mal bei meinem Dad gesehen habe. Aber was macht das hier mitten im Wald?“
„Hey, Leute. Kommt mal her! Vielleicht hab ich einen Weg hier heraus gefunden.“ Samuel räumte einige kaputte
Steine beiseite und kletterte durch einen halb verschütteten Durchgang. „Hier geht eine Treppe hoch. Da oben befindet sich eine Öffnung. Könnte der Ausgang sein.“
Leider endete die Treppe schon nach wenigen Stufen.
„So ein Mist aber auch!“, schimpfte Dominik.
„Dann Plan B“, sagte Paul.
„Und der wäre?“
Paul sah nach oben. „Das müssen so an die fünf Meter sein. Wir machen eine Räuberleiter – Samuel und ich unten, dann Dominik und Sarah oben auf.“
„Einen Versuch ist es wert“, nickte Samuel und positionierte sich neben Paul. Dann kletterte Dominik auf sie und schließlich mühte sich Sarah ab, nach oben zu kommen.
„Und? Klappt es?“, erkundigte sich Paul ächzend.
„Leider nein. Ich bin vielleicht einen Meter von der Kante entfernt. Aber warte mal, ich versuch’s noch mal mit dem Handy. Mit etwas Glück gibt es hier sogar etwas Empfang ... ja, es klappt. ... Daddy? Boah, bin ich froh, dich zu hören.“

Sarah erklärte ihrem Vater die Lage und beschrieb die Gegend, in der sie sich befanden. Etwa eine halbe Stunde später hörten sie Stimmen.
„Sarah? Sarah!“, rief jemand.
„Hier unten!“, antworteten sie alle vier gleichzeitig.
Kurz darauf erschienen die Köpfe von Sarahs und Pauls Vater am Loch. Mit einem dicken Seil holten sie die Kinder schließlich einen nach dem anderen herauf.
„Danke für die Rettung!“ Glücklich und erleichtert umarmten Paul und Sarah ihre Väter.
„Na, so was. Was bringst du uns denn da mit?“, wunderte sich Pauls Vater über Dominik, der den Krug umklammerte.
„Markus, da unten ist so etwas wie eine alte Kochstelle. Sagt zumindest Sarah. Dort haben wir diesen Krug mit einem Symbol drauf gefunden. Du bist doch unser Experte in solchen Dingen.“
„Na, dann zeig mal her!“ Markus untersuchte den Krug sorgfältig. „Interessant. Könnte ägyptischen Ursprungs sein.“
Sarahs Vater schüttelte den Kopf: „Hier in Villstein?“
„Hm …“ Pauls Vater überlegte. „Ich bin mir nicht sicher. Angeblich soll es hier früher mal nur so vor Schmugglern und Dieben gewimmelt haben. Villstein war in der Vergangenheit ein wichtiger Handelsplatz, wovon die Ruine des alten Kontors auch heute noch zeugt. Außerdem gibt es eine Menge Höhlen in der Gegend. Gut möglich, dass ihr auf ein altes Diebesnest gestoßen seid.“ Als er den Krug umdrehte, fiel etwas heraus.
Sarah hob das Objekt auf und betrachtete es. „Was macht ein Kompass da drin? Mit einer Gravur unten dran – erinnert an ein Labyrinth, mit einem Vogelkopf darin. Das wird ja immer merkwürdiger.“
„Er ist kaputt“, stellte Dominik fest.
„Wieso?“
Dominik zeigte auf das Ziffernblatt des Kompasses. „Schon mal einen Kompass ohne Zeiger gesehen?“

Markus war neugierig geworden und reckte den Hals. „Darf ich mal sehen?“
„Klar, bitte.“
„Hm ...“
„Hm?“
„Hm!“
„Ach Mensch, Paps. Mach’s doch nicht immer so spannend“, klagte Paul grinsend.
„Ich bin mir nicht sicher. Wir sollten ihn zu Hause etwas genauer untersuchen.“

