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ALEXANDER STRAUCH

REISSENDE WÖLFE KOMMEN

Habt acht auf die Herde

Alexander Strauch

Reißende Wölfe kommen

Habt acht auf die Herde

Best.-Nr. 271 040

ISBN 978-3-86353-040-2

Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

Titel des englischen Originals:

Acts 20: Fierce Wolves are Coming; Guard the Flock

A study of Paul’s final charge to the Ephesian elders

Copyright © 2021 by Alexander Strauch.

Wenn nicht anders angegeben, wurde folgende Bibelübersetzung verwendet:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

Außerdem wurden verwendet:

Neue evangelistische Übersetzung (NeÜ), Neue Genfer Übersetzung (NGÜ), Neues Leben Bibel (NLB), Schlachter 2000 (SLT):

Sofern es keine deutsche Quellenangabe gibt, wurden Zitate aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

1. Auflage

© 2022 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de

Übersetzung: Svenja Tröps

Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

Umschlagmotiv: www.freepik.com

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

1. Ein außergewöhnliches Treffen

2. Dem Herrn in aller Demut dienen

3. Dienen unter Tränen und Versuchungen .

4. Gedenkt meiner Lehre und meines Dienstes am Evangelium!

5. Völlige Hingabe an Christus und an das Evangelium

6. Den ganzen Ratschluss Gottes verkündigen

7. Habt sehr genau acht auf euch selbst und auf die ganze Herde Gottes!

8. Warum man die Gemeinde Gottes hüten soll

9. Reißende Wölfe werden kommen – seid wachsam!

10. Die Ältesten Gott und seinem Wort anbefehlen

11. Die finanzielle Integrität wahren .

12. Sich der Schwachen annehmen, der Segen des Gebens und ein Abschied

Schriftstellenverzeichnis

Themenverzeichnis

Danksagung

Weitere Titel von Alexander Strauch

Abkürzungen

Bibelübersetzungen

ELB Revidierte Elberfelder Übersetzung 2006

NeÜ Neue evangelistische Übersetzung

SLT Schlachter 2000

NGÜ Neue Genfer Übersetzung

MENG Menge

NLB Neues Leben Bibel

Weitere Bücher

BDAG – Walter Bauer, A Greek-English Lexicon of the New Testament and Other Early Christian Literature, 3. Ausg., Übers. W. F. Arndt

BAUER – Bauer, Walter/Aland, Kurt/Aland, Barbara: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, 6., völlig neu bearbeitete

Auflage, Berlin/New York 1988.

BECNT – Baker Exegetical Commentary on the New Testament

EBC – Expositor’s Bible Commentary

ICC – The International Critical Commentary

IVPNTC – InterVarsity New Testament Commentary

L&N – Louw & Nida, Greek-English Lexicon of the New Testament

NICNT – New International Commentary on the New Testament

NIDNTTE – New International Dictionary of New Testament Theology and Exegesis, 2. Ausg.

REC – Reformed Expository Commentary

TDNT – G. Kittel and G. Friedrich, eds., Theological Dictionary of the New Testament; dt. TWNT - Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Kohlhammer, Stuttgart, 1990

TNTC – Tyndale New Testament Commentary

ZECNT – Zondervan Exegetical Commentary on the New Testament

Ein außergewöhnliches Treffen

Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Gemeinde herüber. Als sie aber zu ihm gekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die ganze Zeit bei euch gewesen bin. (Apg 20,17-18)

Gotthat uns mit der Abschiedsbotschaft des Paulus an die Ältesten von Ephesus ein besonderes Geschenk gemacht.

Apostelgeschichte 20 ist ein Hirtenauftrag, gegeben von einem der größten Leiter und Lehrer, den die Gemeinde Jesu Christi je hatte – dem Apostel Paulus. Timothy Kellers Einschätzung der Bedeutung von Paulus für die Kirchengeschichte ist bemerkenswert:

Ich denke, man kann kaum der Tatsache widersprechen, dass er zu den sechs oder sieben einflussreichsten Führungspersönlichkeiten der Geschichte der Menschheit gehört. Einer der einflussreichsten Menschen der Geschichte.1

1 Timothy Keller, The Freedom of Self-Forgetfulness: The Path to True Christian Joy (Leyland, England: 10Publishing, 2012), S. 29.

Die Botschaft des Paulus, von Lukas vor 2000 Jahren aufgezeichnet, ist heute noch so aktuell wie damals. Es ist die einzige Stelle im Neuen Testament, an der sich Paulus direkt an die Ältesten einer Gemeinde wendet und ihnen einen letzten Handlungsauftrag erteilt. Und weil es die Abschiedsbotschaft des Paulus ist, hat sie eine besondere Bedeutung und erfordert unsere volle Aufmerksamkeit.

DER DIENST DES PAULUS IN EPHESUS

Paulus wirkte drei Jahre lang (52–55 n. Chr.) als Missionar in der Stadt Ephesus. Ephesus war nach Alexandria in Ägypten und Antiochia in Syrien die drittgrößte Stadt im Ostgebiet des Römischen Reiches. Diese Jahre erwiesen sich als einige seiner fruchtbarsten Jahre im Dienst am Evangelium. Lukas berichtet, dass „alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als auch Griechen, das Wort des Herrn hörten“ (Apg 19,10). Aber es waren auch einige der mühsamsten Jahre im Leben dieses Apostels, denn er hatte viele Widersacher.

Ephesus wurde bald zu einem Epizentrum des frühen Christentums, neben Jerusalem, Antiochia und Rom. In Ephesus arbeitete Paulus in der Gemeinde mit einer Gruppe von Leitern zusammen, die „Älteste“ oder „Aufseher“ genannt wurden. Er hatte eine enge Beziehung zu diesen Männern und sie zu ihm. Gemeinsam arbeiteten sie für das Evangelium und dienten als Hirten.

Als Paulus Ephesus westwärts verließ, um seine Gemeinden in Mazedonien und Achaja zu besuchen, ließ er die Gemeinde in den fähigen Händen der Ältesten von Ephesus zurück. Zum Zeitpunkt ihres Wiedersehens in Milet (im Frühjahr 57 n. Chr.) war Paulus seit über eineinhalb Jahren nicht mehr in Ephesus gewesen.

Nachdem er seine Arbeit im Westen beendet hatte, reiste Paulus ostwärts nach Jerusalem. Auf der langen Reise legte sein Schiff in der Hafenstadt Milet an. Von dort aus sandte Paulus

eine Botschaft nach Ephesus, in der er die Ältesten der Gemeinde aufforderte, zu einem dringenden Abschiedstreffen zu ihm nach Milet zu kommen (Apg 20,17). Milet war etwa 100 km Fußweg von Ephesus entfernt.2

Ein letzter Auftrag

Aber warum rief Paulus die Ältesten nach Milet, was für sie eine lange Reise bedeutete, nur um sich kurz mit ihnen zu treffen? Dieses Treffen sollte das letzte Gespräch von Angesicht zu Angesicht sein, bei dem Paulus ihnen einen letzten Auftrag erteilte und ihnen erklärte, was sie in seiner Abwesenheit tun sollten und wissen mussten. Paulus‘ Warnung und Ermahnung ist ernüchternd:

Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde ... Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her. Darum wacht. (Apg 20,28-31a)

Die Ältesten brauchten damals – wie auch wir heute – eine überzeugende und nachhaltige Ermutigung, um ihrer Aufgabe treu zu bleiben, die ihnen der Geist Gottes übertragen hatte: die Herde Gottes zu hüten und das Evangelium angesichts von falschen Lehrern zu bewahren.

2 Von dem Zeitpunkt, als Paulus den Boten nach Ephesus schickte (etwa 100 km Fußmarsch), bis zur Ankunft der Ältesten vergingen etwa acht Tage. Für die Ältesten bedeutete dies eine Hin- und Rückreise von 200 km. Siehe Eckhard J. Schnabel, Apostelgeschichte, ZECNT (Grand Rapids: Zondervan, 2012), S. 838.

Reißende Wölfe kommen: Habt acht auf die Herde

Die Geschichte zeigt deutlich, dass man die Wahrheiten von Paulus’ Botschaft nicht oft genug betonen oder wiederholen kann. Das erschütternde Versäumnis über die Jahrhunderte, falsche Lehrer daran zu hindern, in die Gemeinschaft der Gläubigen einzudringen, lässt sich direkt auf die Unkenntnis oder den Ungehorsam gegenüber diesen prophetischen Warnungen an die Ältesten in Ephesus zurückführen.

Ein Gemeindeältester, der den Inhalt dieser Botschaft an die Ältesten in Ephesus nicht kennt, ist kaum in der Lage, Gottes Volk Gottes zu leiten und zu schützen.

Eine Pflichtlektüre

Ein Gemeindeältester, der den Inhalt dieser Botschaft an die Ältesten in Ephesus nicht kennt, ist kaum in der Lage, Gottes Volk zu leiten und zu schützen. Das wird im weiteren Verlauf dieses Buches deutlich werden. Ein Bibelkommentator drückt es so aus:

[Dieser Abschnitt] ist von entscheidender Bedeutung, da er uns einen Einblick gewährt, wie man in der neutestamentlichen Gemeinde Leitungsaufgaben wahrnahm; und damit gibt er uns eine Richtschnur, wie man heute der Gemeinde treu vorstehen kann.3

Ich möchte Sie ermutigen, sich vorzunehmen, den Inhalt der prophetischen, apostolischen Botschaft von Paulus zu verinnerlichen – untersuchen Sie diese, lernen Sie sie auswendig, denken Sie gründlich darüber nach, sprechen Sie mit anderen darüber,

3 Derek W. H. Thomas, Acts, REC (Phillipsburg, NJ: P&R, 2011), S. 575.

lehren Sie sie und leben Sie sie. Wenn Sie sich die Zeit nehmen, diese von Gott gegebene Herausforderung an alle Unterhirten Christi unter Gebet zu studieren und gründlich darüber nachzudenken, werden Sie Warnungen und Ermahnungen entdecken, die für Ihre Aufgabe ungemein wichtig sind. Diese Botschaft wird Sie aber auch immer wieder neu motivieren und Ihnen göttlichen Zuspruch geben.

Jede neue Generation von Gemeindeverantwortlichen muss Paulus’

Anweisungen an die Ältesten von Ephesus neu für sich entdecken.

Paulus’ Anweisungen und Bitten an die Ältesten in Ephesus sind heute von gleicher Dringlichkeit wie damals an der Küste von Milet. Jede neue Generation von Gemeindeverantwortlichen muss diese Anweisungen neu für sich entdecken.

Apostelgeschichte 20 ist die Aufforderung des Heiligen Geistes an Sie, zuzuhören und zu lernen und dann die Gemeinde Gottes nach Gottes Vorgaben zu leiten.

Zunächst sollten wir zwei wichtige Fragen beantworten: Wer war Paulus, und warum sollten wir tun, was er sagt? Und wer waren diese Ältesten aus Ephesus, zu denen er sprach?

Wer war Paulus?

Man beachte, dass sich von den 18 Versen, die Paulus’ eigene Worte wiedergeben, 13 Verse auf sein eigenes Leben beziehen. Paulus stellte sich als Vorbild für die Ältesten von Ephesus dar, dem sie nacheifern sollten. Er konnte auf diese Weise ohne Stolz von sich selbst sprechen, weil er Christus nachahmte und wollte, dass sie dasselbe taten: „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi Nachahmer bin“ (1Kor 11,1).

Reißende Wölfe kommen: Habt acht auf die Herde

Apostelgeschichte 20 ist ein wertvoller Schatz für Gemeindeleiter, voller Weisheit und Einsichten des von Christus erwählten Apostels für die Heiden. Paulus wurde vom Herrn Jesus Christus persönlich als Apostel (ἀποστολος [apostolos]) auserwählt. Dies bedeutet, dass er ein besonders autorisierter Bote war, ein Abgesandter und Botschafter, der direkt von Christus beauftragt worden war.

Paulus war nicht nur ein Missionar, ein Gemeindegründer oder ein brillanter Gelehrter – obwohl er all das auch war. Paulus war der einzigartige Botschafter Christi, gesandt, um das Evangeliums zu definieren und zu erklären, es zu verteidigen und den Nationen zu verkünden.4

Ein großer Teil des Neuen Testaments stammt von Paulus. Zusammen mit seinem Reisegefährten Lukas schrieb er über 50 Prozent des Neuen Testaments. Paulus ist der meisterhafte Verfasser eines Großteils des Wortschatzes und der theologischen Grundbegriffe, die das Evangelium und die Gemeinde beschreiben. Als solcher spielte Paulus eine einzigartige Rolle bei der Gründung und Ausbreitung des christlichen Glaubens.

Das Evangelium des Paulus ist das Evangelium Christi. Was Paulus lehrt, lehrt Christus. Was Paulus befiehlt, befiehlt Christus. Paulus’ Autorität, den Gemeinden schriftliche Anweisungen zu geben, wurde ihm von Christus übertragen, und somit muss man ihnen gehorchen.

4 Apg 9,15-17; 20,24; 22,14-15.21; 26,15-18; Röm 1,1.5.13-14; 11,13; 15,1518; 16,25-26; 1Kor 9,1-2; 11,23; 15,3-11; 2Kor 12, 12; Gal 1,1.11.16; 2,7-8; Eph 3,1-13; 6,19-20; Phil1,16; Kol 1,25-27; 2Thes 2,15; 3,6.14; 1Tim 1,11; 2,7; 2Tim 1,11.13; 4,17; Tit 1,3.

Als Botschafter Christi hatte sich Paulus die Botschaft des Evangeliums nicht selbst ausgedacht. Er erhielt sie durch direkte Offenbarung vom auferstandenen Christus:

Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi. (Gal 1,11-12)5

Das Evangelium des Paulus ist das Evangelium Christi. Was Paulus lehrt, lehrt Christus. Was Paulus befiehlt, befiehlt Christus. Paulus’ Autorität, den Gemeinden schriftliche Anweisungen zu geben, wurde ihm von Christus übertragen, und somit muss man ihnen gehorchen.6 Letztlich stammen also Paulus’ Anweisungen an die Ältesten von Ephesus von Christus selbst und gelten nicht nur den Ältesten von Ephesus. Sie sind verbindlich für alle Hirten unter Christus in allen Gemeinden, für alle Generationen zu allen Zeiten.

WER WAREN DIESE ÄLTESTEN AUS EPHESUS?

Wer also waren diese Ältesten aus Ephesus? Es ist wichtig, dass wir diese Frage präzise mithilfe der Heiligen Schrift beantworten. Das griechische Wort für Älteste lautet presbyteroi (πρεσβυτεροι). Und da manchmal Älteste als Presbyter bezeichnet werden, werden wir sie gelegentlich auch so nennen.

Der Begriff Älteste war von Lukas bereits zuvor in der Apostelgeschichte eingeführt worden, um bestimmte Führungspersönlichkeiten zu bezeichnen. Vier verschiedene Gruppen werden

5 Hier wie auch an anderen Stellen gilt: Hervorhebungen vom Autor hinzugefügt.

6 2Thes 2,15; 2Petr 3,15-16.

Reißende Wölfe kommen: Habt acht auf die Herde als Älteste bezeichnet: (1) die jüdischen Ältesten Jerusalems, die den Judenchristen feindlich gesinnt waren; (2) die jüdischen Ältesten der christlichen Gemeinde in Jerusalem, die eng mit den zwölf Aposteln verbunden waren; (3) die christlichen Ältesten, die von Paulus und Barnabas für die heidnischen Gemeinden in Galatien eingesetzt wurden; und (4) die christlichen Ältesten der Gemeinde in Ephesus. Im Gespräch mit den Ältesten von Ephesus macht Paulus deutlich, dass die Ältesten als Hirten die Aufsicht über die Ortsgemeinde ausüben sollten (Apg 20,28).

Das neutestamentliche Konzept von Ältesten als Leiter mit Hirtenverantwortung, insbesondere die Lehre aus Apostelgeschichte 20, unterscheidet sich stark von den traditionellen Vorstellungen und Praktiken, wie man sie heutzutage oft antrifft. Die meisten Christen verbinden mit dem Begriff „Älteste“ ein offizielles Kirchen- oder Gemeindegremium, Ehrenamtler, einflussreiche Gemeindemitglieder oder kommissarische Berater des leitenden Pastors. Sie denken bei Ältesten in erster Linie an Vereinsvorsitzende, Kassenwarte, Spendensammler oder Verwalter. Ich nenne diese Art von Ältesten „Vorstandsälteste“. Die meisten Menschen erwarten nicht, dass solche Älteste der Gemeinde seelsorgerlich als Hirten dienen oder das Wort Gottes lehren. Sie sind sich vielleicht nicht einmal bewusst, dass es bestimmte biblische Qualifikationen für Älteste gibt, darunter die Anforderung, „lehrfähig“ zu sein (1Tim 3,1-7; Tit 1,5-9).

Nach biblischem Verständnis sind die Ältesten die Aufseher, Hirten, Verwalter, Lehrer und Leiter der Ortsgemeinde.

Nach dem Neuen Testament jedoch sollen die Ältesten gemeinsam die Gemeinde leiten, das Wort Gottes lehren, die Gemeinde vor falschen Lehrern schützen, die Gläubigen mit gesunder Lehre ermahnen und ermuntern, die Kranken besuchen und

über Lehrfragen urteilen. Nach biblischem Verständnis sind die Ältesten die Aufseher, Hirten, Verwalter, Lehrer und Leiter der Ortsgemeinde. Mit anderen Worten: Sie sind die Unterhirten des Oberhirten Jesus Christus – sie tragen die Verantwortung für seine Herde.

Da die beiden führenden Apostel, Paulus und Petrus, die Ältesten – und keine andere Person oder Gruppe – beauftragen, die Ortsgemeinde zu hüten bzw. zu leiten, können wir daraus schließen, dass die Ältesten nach biblischem Verständnis für die Hirtenaufsicht über die Ortsgemeinde verantwortlich sind (Apg 20,28; 1Petr 5,1-5). Biblische Älteste sind in erster Linie Hirten – nicht nur Mitglieder eines Gremiums.

Gleichheit und Vielfalt innerhalb einer Ältestenschaft

Aus dem Brief, den Paulus an Timotheus und die Gemeinde in Ephesus geschrieben hat, erfahren wir, dass es in einer biblischen Ältestenschaft sowohl Gleichheit als auch Vielfalt gibt (1Tim 5,17-18). Alle Ältesten haben das gleiche Mandat und die gleiche pastorale Verantwortung, aber gleichzeitig spiegelt die Ältestenschaft eine große Vielfalt wider. Offensichtlich sind nicht alle Mitglieder einer Ältestenschaft gleich begabt, effektiv, einflussreich, zeitlich verfügbar, erfahren, sprachgewandt, leitungsfähig oder biblisch versiert. In 1. Timotheus 5,17-18 findet man den Schlüsseltext, der die Vielfalt innerhalb der Ältestenschaft anerkennt.7

7 A. d. V.: Wenn dieses Konzept für Sie neu ist, hören Sie sich dazu Vorträge auf www.gesunde-gemeinde.de an oder bestellen Sie das Buch von Alexander Strauch: Älteste – Grundzüge neutestamentlicher Gemeindeleitung (www.cb-buchshop.de).

Reißende Wölfe kommen: Habt acht auf die Herde

Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre gewürdigt werden, besonders die in Wort und Lehre arbeiten. Denn die Schrift sagt: „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“, und: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ (1Tim 5,17-18)

Innerhalb einer biblischen Ältestenschaft gibt es also sowohl Gleichheit in der Stellung als auch eine gesunde Vielfalt von Begabungen und Aufgaben. Dies kann u. U. bedeuten, dass einige Älteste – vor allem diejenigen, „die in Wort und Lehre arbeiten“ –von der Gemeinde finanziell unterstützt werden, damit sie mehr Zeit für das Bibelstudium und den Vollzeit- oder Teilzeitdienst des Predigens und Lehrens haben.

Schließlich sehen wir an der Art, wie Paulus die Ältesten in Milet anspricht, die hohe Wertschätzung, die er ihnen entgegenbringt, und wie unverzichtbar ihre Arbeit für den Schutz und die Leitung der Herde Gottes ist. Biblische Älteste sind keine befristet eingesetzten, ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzende einer Gemeinde. Sie sind diejenigen, die der Heilige Geist Gottes als Aufseher eingesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten (Apg 20,28).

Da dieses Buch eine biblische Auslegung von Apostelgeschichte 20 ist, werden wir uns an dem Konzept von Paulus orientieren, der Älteste als Hirten der Herde Gottes sieht. Wenn man dies im Hinterkopf behält und den Kontext der Bibelstelle kennt, kann man die Anweisungen des Paulus an „die Ältesten der Gemeinde“ in Ephesus besser verstehen.

Was die Bibel lehrt

Betrachten Sie zur eigenen Vorbereitung jeden der folgenden Bibeltexte. Lassen Sie sich von Gottes Geist und seinem Wort belehren und für die weitere Betrachtung von Apostelgeschichte 20 vorbereiten.

Die Aufgaben der Ältesten sind:

• die Gemeinde Gottes zu leiten (1Tim 5,17)

• die Menschen das Wort Gottes zu lehren (1Tim 3,2; 2Tim 2,2; Tit 1,9)

• die Heiligen zum Dienst zuzurüsten und vorzubereiten (Eph 4,11-12)

• in der Wortverkündigung und in der Lehre zu arbeiten (1Tim 5,17)

• die Gemeinde vor falschen Lehrern zu beschützen (Apg 20,28-31; Tit 1,9-11)

• für die Gemeinde Gottes zu sorgen (1Tim 3,5)

• sich um die Schwachen in der Gemeinde zu kümmern (Apg 20,35)

• Handauflegung in bestimmten Situationen (1Tim 4,14)

• der gesamten Gemeinde als Hirtenälteste zu dienen: die Schafe zu ernähren, zu beschützen, zu leiten und zu pflegen (Apg 20,28; 1Petr 5,2)

• Aufsicht auszuüben: zu verwalten und zu beaufsichtigen (1Petr 5,2)

• christliche Leiterschaft vorzuleben (1Petr 5,3)

• in strittigen Lehrfragen zu urteilen (Apg 15,2-30; 16,4; 21,20-25)

• für die Kranken zu beten und sie mit Öl zu salben (Jak 5,14-15)

• über die Finanzen der Gemeinde zu wachen (Apg 11,2930; 1Petr 5,2)

• die Ortsgemeinde vor anderen Gemeinden zu vertreten (Apg 11,30; 15,4.22-23; 21,18-19)

• vor Gott Rechenschaft abzulegen (Hebr 13,17)

Schlüsselpunkte zum Einprägen

1. Die Autorität des Paulus, den Gemeinden schriftliche Anweisungen zu geben, ist eine von Christus gegebene Autorität, der man Folge leisten muss.

2. Apostelgeschichte 20 ist der einzige Abschnitt im Neuen Testament, in dem Paulus direkt zu den Ältesten einer Gemeinde spricht und ihnen letzte Weisungen erteilt.

3. Diese Botschaft des Paulus sollte den gegenwärtigen Ältesten als Anleitung dienen und ihnen zeigen, was Gott von ihnen erwartet, damit sie sich wirksam um seine Gemeinde kümmern können, und sie sollte auch zur Ausbildung künftiger Hirtenältester dienen.

4. Älteste im Sinne der Bibel üben als Hirtenälteste die Aufsicht über die Ortsgemeinde aus.

5. Jede neue Generation von Gemeindeverantwortlichen muss die wichtige Botschaft des Paulus an die Ältesten in Ephesus für sich neu entdecken und umsetzen.

Dem Herrn in aller Demut dienen

Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die ganze Zeit bei euch gewesen bin und dem Herrn diente mit aller Demut und unter Tränen und Versuchungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren. (Apg 20,18-19)

Als die Ältesten der Gemeinde von Ephesus eintrafen, rief Paulus ihnen am Anfang seiner Botschaft in Erinnerung, was sie bereits über sein Leben und seinen Dienst wussten. Er sagte: „Ihr wisst.“ Dreimal in diesem Abschnitt fordert Paulus die Ältesten ausdrücklich auf, sich an ihre früheren Erfahrungen mit ihm als ihrem Leiter und Lehrer zu erinnern (V. 18.20.34; NeÜ).

„Wie ich vom ersten Tag an ... die ganze Zeit bei euch gewesen bin.“

Paulus wusste, dass es für die Ältesten mit am wichtigsten war, ein christusähnliches Vorbild zu haben, das sie beobachten und dem sie nacheifern konnten. Schließlich sind es am Ende das Vorbild und die Taten – weniger die Worte –, an die sich Menschen bis an ihr Lebensende erinnern können. Als Paulus den Ältesten ins

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