Bengel erinnert sich Bengel war vor etwas mehr als zwölf Jahren im Marien-Hospital in Wattenscheid geboren worden. Natürlich nicht als „Bengel“. Welche Eltern würden ihrem Kind schon so einen Namen geben? Der Rechnungsprüfer Erik Gniesel und seine Frau, die Zahnarzthelferin Hilda Gniesel, jedenfalls nicht. Bengels Eltern waren Christen. Und weil ihnen die Bibel so wichtig war, hatten sie ihren beiden Söhnen Namen aus der Bibel gegeben. Bengel, der übrigens der zweite Gniesel-Sohn war, fand, dass es seinen Bruder dabei ganz schön böse erwischt hatte. Der hieß doch tatsächlich Daniel David Lukas. – Ein Hammer, oder? Was seine Eltern sich dabei bloß gedacht hatten! Das waren eindeutig zwei Vornamen zu viel für einen einzigen Jungen. Was, wenn der mal etwas unterschreiben müsste? Und – was noch ein viel größeres Problem war: Bevor man beim Fußballspielen alle drei Namen gerufen hatte, war der Ball doch längst an einem vorbeigeflogen! Aber zum Glück benutzte kaum jemand den kompletten Namen, um Bengels großen Bruder zu rufen. Als in der Schule einmal jemand den vollständigen Namen auf einer Liste entdeckt hatte, kam 7
schnell der Spitzname DaDaLu auf, wobei man das U am Schluss ganz lang zog. DaDaLu war das recht. Jedenfalls fand er das besser, als furchtbar umständlich Daniel David Lukas genannt zu werden. Bengel war der Überzeugung, dass er selbst in Sachen Namen noch verhältnismäßig gut davongekommen war. Mit Simon ließ es sich passabel leben. Wenn man mal davon absah, dass in seinem Umfeld offenbar noch mehr Eltern Gefallen an diesem Namen gefunden und ihre Sprösslinge so genannt hatten. In Bengels Klasse gab es tatsächlich gleich drei Simons! – Oder hieß die Mehrzahl von Simon Simone? – Nein! Das konnte nicht sein. Simone war ein Mädchenname. Egal. Jedenfalls waren drei Simons schon ein guter Grund dafür, dass mindestens einer einen Spitznamen bekam, und zwar er! Seinen Spezial-Spitznamen hatte Bengel vor etwas mehr als zwei Jahren verpasst bekommen. Das kam so: Alle hatten sie dagestanden. Mit Papi und Mami, manche auch nur mit Mami. Und ein paar sogar mit Papi, Mami und Oma und Opa. 28 neue Fünfer. – Nein, keine Geldscheine, sondern Jungen und Mädchen. – Sie alle standen auf dem Schulhof des Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums. Bengel erinnerte sich noch ganz genau: Wie der Direktor ihnen erklärte, trug die neue Schule den Namen eines Dichters, der nun schon seit 150 Jahren tot war. Üble Aussichten auf eine viel zu lange, öde Schulzeit waren das. Heute, kurz vor Klasse sieben, mit zwölf Jahren, sah das alles schon ganz anders aus. Aber damals … 8
Kein einziges bekanntes Gesicht gab Bengel in dieser Situation wenigstens ein kleines bisschen Hoffnung, dass am Ende doch noch alles gut werden würde. Obwohl seine Mutter direkt neben ihm stand, fühlte er sich so einsam und verlassen wie nie zuvor. Alle seine Freunde aus der Grundschule wurden an einer Schule in Wattenscheid eingeschult. Und er stand hier. Viele Kilometer weit weg. In Bochum-Gerthe. Die Aussicht darauf, von nun an jeden Morgen um sieben Uhr fast eine ganze Stunde lang mit der Straßenbahn quer durch die Ruhrgebietsstadt zur Schule fahren zu müssen, trug auch nicht gerade zur Besserung seiner Laune bei. Und dann kam diese Frau. Oder vielmehr ihre Stimme: „Ach nee ... da ist ja sogar ein Bengel aus Wattenscheid mit dabei!“ Klar und deutlich konnten alle es hören. Ja, wirklich alle. Auch die Opas und Omas mit Hörgerät. Alle! Der neue Klassenlehrer hatte gerade die Namen der neuen Schüler mit der jeweiligen Adresse vorgelesen. Und weil ein Wattenscheider in BochumGerthe wohl so ungewöhnlich war wie ein Eskimo in der Wüste, konnte diese Frau – wahrscheinlich die Mutter von irgendeinem anderen Schüler – ihre Überraschung einfach nicht für sich behalten. Toll, ganz toll! Sicher, einen Vorteil hatte das Ganze: Nun wusste die ganze neue Klasse, wer der „Bengel“ war. Denn als Mutter Gniesel nach dem wunderschönen Kommentar zur Namensnennung tapfer ein leicht gequetscht 9
klingendes „Hier“ herausbrachte, waren sofort alle Blicke auf sie und somit auch auf ihn gerichtet. Bereits in diesem Moment war klar, dass Simon nur noch als Name im Klassenbuch zu finden sein würde. Ab sofort würde er sich an „Bengel“ als Rufnamen gewöhnen müssen. Sein neuer Klassenlehrer würde ihn natürlich nicht so nennen. Der versuchte geschickt, die Situation zu retten: „Unsere Schule hat eben einen sehr guten Ruf. Der reicht sogar bis Wattenscheid“, sagte er freundlich. Ohnehin war der alte Schrader ganz in Ordnung. Man spürte ihm ab, dass er die Schüler mochte. Diese und noch viele andere Gedanken wanderten gemächlich durch Bengels Kopf. Und er ließ sie ihren Weg finden. Die Gelegenheit dafür war günstig. Die ersten Stunden des vierten Sommerferientages waren vorbei, und die Erwartung, dass heute noch etwas Besonderes passieren würde, war sehr klein. Immerhin war am Montag, Dienstag und Mittwoch auch nichts los gewesen. Er hatte also genug Zeit für einen kleinen Rückblick. So saß Bengel gemütlich in der Nachmittagssonne auf seinem Monte Klamotte. Der Monte Klamotte war ein kleiner Berg, der nach und nach bei den Bauarbeiten für das Haus der Gniesels aufgetürmt worden war. Nun gut, es war vielmehr ein Erdhügel als ein Berg. Ein Erdhügel, auf dem von den Bauarbeitern alle möglichen Klamotten abgeladen worden waren, also Schutt und ähnlicher Kram. Der Bau war inzwischen fertig – oder was man bei einem Neubau eben fertig nennt. Fußleisten gab es noch nicht, im Wohnzimmer deutete bisher nur 10
eine nackte Glühbirne unter der Decke an, wo später einmal eine Lampe hängen könnte, und im Bad wartete der Duschvorhang noch auf seine Anbringung. Von diesen Kleinigkeiten und 27 anderen abgesehen, war aber alles in Ordnung. Im Haus, wohlgemerkt. Denn draußen sah es ganz anders aus. Da war nach dem Einzug vor zwei Monaten noch gar nichts passiert. Nur darum exis tierte Monte Klamotte noch. Jetzt war er ein angenehm sonniges Plätzchen im Garten, wo Bengel gerne saß und seinen Gedanken freien Lauf ließ. „Sag mal, träumst du?“ Bengel zuckte zusammen. Wie aus dem Nichts aufgetaucht, stand sein Freund und Klassenkamerad Frami vor ihm – und das offenbar schon eine ganze Weile. Die beiden Jungen waren äußerlich so unterschiedlich, wie es nur ging. Bengel hatte glatte, dunkle Haare und seine auf 1,52 Meter verteilten 53 Kilogramm ließen ihn eher ein bisschen – sagen wir – gemütlich wirken. Nicht dick. Natürlich nicht. Dafür bewegte Bengel seinen liebevoll mithilfe von Weingummi, Schokolade, Eis und ähnlichen Leckereien gestalteten Körper doch zu gerne. Vor allem beim Fußballspielen. Da war er zwar nicht der Schnellste, aber er konnte gut mit dem Ball umgehen und – wichtig! – mit links und rechts gleich gut schießen. Mit links etwas fester, dafür aber mit rechts umso genauer. So dunkel Bengel war, so hell war Frami. Er hatte glasklare blaue Augen und kurz darüber wellten sich schon die ersten Ausläufer einer hellblonden 11
Lockenmähne, die manchen Löwen hätte neidisch machen können. Was die Statur anging: Wenn Bengel zu viel davon hatte, Frami hätte gut ein paar Kilos mehr vertragen können. Die beiden waren beste Kumpels, seit sie sich zu Beginn der fünften Klasse kennengelernt hatten. Es traf sich daher gut, dass Frami neuerdings auch noch in der direkten Nachbarschaft der Gniesels wohnte. „Mann, Mann, Mann. Musst du dich denn immer so anschleichen? Du bist doch kein Indianer auf dem Kriegspfad!“ Bengel hatte sich aber schnell von seinem Schrecken erholt. Er freute sich über die Gesellschaft seines besten Freundes. Frami war auch immer gerne bei Gniesels. Für ihn war ein Besuch bei Bengel immer ein bisschen so etwas wie eine Flucht. Er hatte noch fünf jüngere Geschwister. Das Haus, in dem seine Familie wohnte, war für so viele Menschen allerdings einfach nicht gebaut. Da musste er manchmal einfach raus. Heute war es wieder einmal so weit. Frami grinste und gab Bengel einen leichten Schubs. „Was sitzt du denn hier so langweilig auf deinem ollen Monte Klamotte rum?“ Bengel erhob sich endlich aus seiner bequemen Sitzposition, pustete sich eine lange braune Haarsträhne aus der Stirn und entgegnete: „Langweilig ... oller Monte Klamotte – du hast doch keine Ahnung! Viele Berge sind weltberühmt: Mount Everest, Mont Blanc, der Kilimandscharo. Wer weiß, ob der Monte Klamotte nicht eines Tages auch weit und breit bekannt sein wird!“ 12
Ob Bengel schon ein bisschen zu viel Julisonne abbekommen hatte oder ob es schlicht an seiner blühenden Fantasie lag – wer weiß das schon –, jedenfalls legte er jetzt erst richtig los: „Dieser Berg birgt ein Geheimnis. Über viele Jahre blieb es verborgen. Doch nun, im Jahr 2013, werden zwei junge Helden dem Berg sein Geheimnis entreißen!“ Die Handbewegung und die Grimasse, die Frami bei diesen Worten machte, waren eindeutig. Er hielt Bengel für total übergeschnappt. Der schien das jedoch nicht zu bemerken. Unverdrossen setzte er seine Ansprache fort: „Mit Mut, und getrieben von der Hoffnung, Sommerferien zu erleben, die diesen Namen auch verdient haben, gehen sie frisch ans Werk. Kein Familienurlaub, keine Jugendfreizeit in Sicht! Traurig, geradezu niederschmetternd! Aber deswegen aufgeben? Nur dasitzen und Langeweile schieben? Niemals! Nicht mit Frami und Bengel! Solange es auch nur einen Funken Hoffnung gibt, werden wir alles geben!“ Frami trug immer noch mehr als ein Fragezeichen im Gesicht. Was faselte Bengel denn da? Obwohl ... die Sache mit den Sommerferien und der Hoffnung klang nicht völlig daneben. War es denn wirklich völlig ausgeschlossen, dass Monte Klamotte ein Geheimnis unter sich begraben hatte? Immerhin, auf diesem Grundstück hatte früher einmal eine alte Gärtnerei gestanden. Und über den uralten Gärtner Marschmeder, der, wie schon viele Marschmeder-Männer vor ihm, von den Alten im 13
Ort hinter vorgehaltener Hand gerne „Mooreiche“ genannt wurde, hatte man schon so manche abenteuerliche Geschichte gehört. Wer wusste schon, was in dem alten Gemäuer so alles vor sich gegangen war?
Grabung am Monte Klamotte Mehr als die Absprache „Morgen früh. Pünktlich hier!“ war nicht nötig gewesen. Am fünften Ferientag, kurz nach neun Uhr, standen Bengel und Frami am Fuß des Monte Klamotte, bereit, den erhofften Schatz auszugraben. Bengel verschwand kurz in der Garage, um wenig später auch schon mit der Schatzgräberausrüstung zurückzukommen. „Tä-tä-tä ... die Werkzeuge der Schatzsucher. Ach, was sage ich – die Spaten der Schatzfinder. Hier, kurz vor –!“ Weiter kam Bengel nicht. „Ist ja gut, ist ja gut. Beruhige dich. Noch keinen Krümel gebuddelt, aber von einem Schatz faseln! Gib ein Ding her, pack an und dann los!“ Frami hatte keine Lust mehr auf die Vorrede. Er wollte jetzt endlich loslegen. 14