Kraft und Gnade
Zehn Männer des Glaubens
Gerrid Setzer (Hrsg.)
Kraft und Gnade
Zehn Männer des Glaubens
1. Auflage 2025
© by Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen
Satz, Layout: Christliche Schriftenverbreitung
Umschlag: ideegrafik
ISBN 978-3-98838-066-1
Bestell-Nr. 260066
www.csv-verlag.de
Vorwort
In diesem Buch stellen wir zehn Männer Gottes aus der Geschichte der christlichen Kirche vor. Sie lebten zu unterschiedlichen Zeiten und bewährten sich auf verschiedenen Arbeitsfeldern.
Diese zehn Glaubensmänner waren Menschen wie wir. Nicht perfekt, nicht fehlerfrei. Doch sie dienten dem Herrn treu in dem, was sie erkannt hatten. An ihrem Beispiel lernen wir, was Gott bewirken kann, wenn wir uns von ihm immer wieder mit Kraft und Gnade beschenken lassen. Denn Gottes Kraft und Gottes Gnade sind auch für uns heute da!
„Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht. Daher will ich mich am allerliebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir wohne“ (2. Kor 12,9).

George Wishart wird 1513 im Osten Schottlands geboren. Er ist der einzige Sohn von dem Gutsherr James Wishart und seiner zweiten Frau Elizabeth. George wird ein sehr guter Schüler. Als er 12 Jahre alt ist, stirbt sein Vater, und die Erziehung wird von der Mutter übernommen. Nach dem Schulabschluss studiert er in Aberdeen, wo er zeigt, wie talentiert und fleißig er ist.
Anschließend geht er ins Ausland, um Studiengänge zu belegen und sein Wissen zu erweitern. Gerade in der Schweiz lernt er auch viel von der Wahrheit Gottes kennen, wie sie durch Reformatoren gelehrt wird. Im Jahr 1534 übernimmt er in Montrose (Schottland) eine Schule, in der Altgriechisch unterrichtet wird. Da er aber Probleme bekommt und der Ketzerei beschuldigt wird, begibt er sich nach Cambridge (England), wo die Reformation schon mehr Fuß gefasst hat. Er wird in einem College aufgenommen und lehrt dort.
Wishart ist ein großer, schlanker, einfach gekleideter Mann, der einen Vollbart trägt. Er ist höflich und bescheiden und großzügig gegenüber den Armen. Seine ganze Liebe gilt seinem Herrn, dem er sein Leben weihen will.
Predigt des Evangeliums
Wishart predigt an verschiedenen Orten das Evangelium der Gnade. Er legt das Wort Gottes klar und verständlich aus, sodass seine zahlreichen Zuhörer sehr beeindruckt sind. Im Jahr 1544 verlässt er Cambridge und verkündigt die gute Nachricht in Schottland – zuerst in der Küstenstadt Montrose, danach in
Dundee. Hier hält er mit so viel Freimütigkeit einige Ansprachen über den Römerbrief, dass die Feinde des Evangeliums sehr beunruhigt werden. Sie wollen nicht hören, dass der Herr Jesus der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen ist und dass man nur in seinem Namen von allen Sünden gerechtfertigt werden kann. Die Ablehnung, die diesem Boten des wahren Evangeliums entgegenschlägt, ist mit Händen zu greifen.
Eines Tages kommt es zum Eklat. Während Wishart in der Kirche predigt, marschiert ein Abgesandter des Erzbischofs hinein und ruft Wishart lauthals zu, er solle mit dem Predigen sofort aufhören. Man würde seine Ketzerei nicht länger dulden, da sie für Schwierigkeiten und Aufruhr in der Stadt sorge. Wishart ist von diesem plötzlichen Vorstoß überrascht. Nach einer kurzen Pause wendet er sich mit traurigem Gesicht an diesen Boten und an die gesamte Zuhörerschaft: „Gott ist mein Zeuge, dass ich niemals vorhabe, euch Schwierigkeiten zu machen, sondern ich will euch trösten. Ja, eure Schwierigkeiten sind für mich schmerzlicher als für euch selbst. Ich bin mir sicher, dass es euch nicht vor Schwierigkeiten bewahren wird, wenn ihr euch Gottes Wort verweigert und seine Botschafter verjagt, sondern es wird euch gerade Probleme bringen. Gott wird euch solche Boten schicken, die weder Feuer noch Verbannung fürchten. Auch ich habe euch das Wort der Errettung unter Lebensgefahr gebracht. Und jetzt lehnt ihr mich ab. Ich muss es meinem Gott überlassen, meine Unschuld zu bezeugen. Wenn es euch weiterhin gut geht,
dann bin ich nicht vom Geist der Wahrheit geleitet. Doch wenn unerwartete Schwierigkeiten euch treffen, erkennt die Ursache an und wendet euch Gott zu, der gnädig und barmherzig ist.“
Als er die Rede beendet hat, geht er direkt an einen anderen Ort. Seine Feinde dort sind verblüfft, wie gelehrt und eindringlich dieser junge Mann predigt.
Die Pest in Dundee
Vier Tage nachdem Wishart aus Dundee abreisen musste, bekommt er die Nachricht, dass dort die Pest ausgebrochen sei und so extrem wüte, dass niemand die Toten zählen könne. Obwohl seine Freunde ihm dringend davon abraten, nach Dundee zu gehen, besteht Wishart darauf. Er sagt: „Die Menschen sind nun in Schwierigkeiten und brauchen Trost. Vielleicht wird dieses Handeln Gottes sie dazu bringen, das Wort Gottes zu verherrlichen, welches sie vorher geringgeschätzt haben.“
Als er in Dundee ankommt, bietet sich ihm ein Bild des Grauens. Viele drängen ihn, öffentlich das Evangelium zu predigen. Aber wie soll das geschehen, ohne die Gesunden zu gefährden? Wishart findet einen Weg: Er predigt im Osttor der Stadt. Innerhalb des Tores versammeln sich die Gesunden, während die Kranken außerhalb des Tores der Ansprache lauschen. In seiner Predigt setzt George Wishart vier Schwerpunkte:
• Der Trost, den das Wort Gottes bietet.
• Das Gericht für diejenigen, die das Wort Gottes verachten.
• Die Freiheit der Gnade, die die Gläubigen kennen.
• Die ewige Freude, die alle Gläubigen erleben werden.
Der „East Port“ von Dundee („Cowgate Port“) ist auch bekannt als „Wishart Arch“

Die große Kraft seiner Rede ermutigt viele. Tief bewegt danken die Menschen ihm für dieses Wort in schwerer Zeit. Während die Pest umhergeht und seine Opfer fordert, besucht Wishart unentwegt die Kranken und ermahnt und ermuntert sie. Er darf erleben, dass die Epidemie langsam abklingt.
Gefährliche Feindschaft
Wisharts selbstloser Dienst der Nächstenliebe unter den Pestkranken, bei der er die gute Botschaft von Jesus Christus weitergibt, macht nicht jeden glücklich. Kardinal David Beaton, der Erzbischof von St. Andrews, sieht in Wisharts Lehre eine lästerliche Ketzerei. Darum beauftragt er den katholischen Priester John Weighton, Wishart bei nächster Gelegenheit umzubringen.
John Weighton setzt sich mit einem versteckten Dolch in eine Kirche und hört zu, wie Wishart predigt. Als der Reformator von der Kanzel herabsteigt und die Zuhörer sich zerstreuen, kommt er an dem bösen Mann vorbei. Wishart, bekannt für seinen scharfen Blick, bemerkt schnell, dass etwas nicht stimmt. Mit einem „Mein Freund, kann ich dir helfen?“, wendet er sich dem Priester zu, und ehe sich dieser versieht, hat er ihm den Dolch geschickt entwunden. Erschrocken fällt der Priester auf die Knie, gesteht seine Absicht und fleht um Gnade. Mittlerweile begreifen einige Kirchenbesucher, was hier vor sich geht, und es kommt zu tumultartigen Szenen. „Übergib uns den Verräter, wir werden ihn niederstrecken!“,
tönt es laut. Wishart jedoch umarmt den Priester schützend und erklärt: „Wer ihn verletzt, verletzt mich. Er hat mir nichts Böses getan, sondern er hat mich gelehrt, wie achtsam ich in der Zukunft sein muss.“ Mit diesen sanftmütigen Worten beruhigt er die Menge und rettet so das Leben des Auftragsmörders.
Wieder in Montrose
Als die Pestepidemie sich merklich gelegt hat, geht Wishart wieder nach Montrose, um dort das Wort Gottes zu predigen. In Montrose verbringt er aber auch viel Zeit im Gebet und in persönlicher Andacht vor Gott. Eines Tages bekommt er einen Brief in die Hand gedrückt: Sein Freund John Kinnear soll ernstlich erkrankt sein und ihn zu sehen wünschen. Von Mitleid ergriffen, schwingt sich George Wishart sofort auf ein Pferd und macht sich mit Freunden auf den Weg. Ein paar Männer reiten voraus und bemerken im Außenbezirk der Stadt etwa sechzig Reiter, die offenbar beabsichtigen, über Wishart herzufallen. Schnell warnen sie ihn vor dieser Falle, sodass sich Wishart gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen kann.
In Edinburgh
Kurz darauf verlässt er Montrose und reist nach Edinburgh. Er nimmt dabei einen Umweg in Kauf, um auf der Reise möglichst unentdeckt zu bleiben. Aber auch in Edinburgh wird ihm
geraten, sich verborgen zu halten, weil überall die Feinde des Evangeliums lauern würden. Er willigt ein, beklagt sich aber bald über die auferlegte Zurückhaltung. „Worin unterscheide ich mich von einem Toten“, klagt er, „außer dass ich esse und trinke? Bis jetzt hat Gott meine Arbeit zur Belehrung der Unwissenden und zur Entlarvung des Irrtums angenommen. Doch nun kauere ich im Verborgenen wie einer, der sich zu schämen hat.“ Kurz darauf predigt er in einem Dorf und wählt als Thema das Gleichnis vom Sämann. Seine Freunde sind beunruhigt darüber, wie mutig und kühn er das Wort Gottes verkündigt, und raten ihm, vorsichtiger zu sein.
Verhaftung und Verhör
Wishart findet Unterschlupf in den Häusern von drei einflussreichen Männern, die an unterschiedlichen Orten wohnen und allesamt dem Werk der Reformation zugetan sind. Einer von ihnen ist John Cockborn aus Ormiston.
Trotz der Gefahren predigt Wishart an unterschiedlichen Orten. Durch seinen Dienst bekehrt sich auch der katholische Priester John Foxe1 . Dieser Mann begleitet danach den tapferen Reformator Wishart, der für ihn zum Vorbild und Mentor wird.
1 John Foxe (1516�1587) ist der Verfasser des Buches „Book of Martyrs“, das erstmals 1563 in englischer Sprache erschien. Es ist ein umfangreiches und sehr populäres Werk über christliche Märtyrer. Foxe zeichnet darin besonders ausführlich das Bild der Verfolgung zu seiner Lebzeit. Einige Seiten widmet er seinem Freund George Wishart. Auf seine Beschreibungen geht auch dieser Beitrag hauptsächlich zurück.

Als Wishart wieder in Ormiston ist, wird das Haus seines Gastgebers eines Mitternachts von Truppen umstellt, die von einem Mann aus dem Hochadel angeführt werden. Als Wishart merkt, dass sich die Situation zuspitzt, sagt er ruhig: „Der John Foxe
| George Wishart
Wille des Herrn geschehe.“ Er wird gefangen genommen und in den Elphinstone Tower nahe bei Edinburgh gebracht. Nach einer kurzen Zeit wird er dem zuständigen Kardinal ausgeliefert, der ihn nach St. Andrews bringen lässt und sofort einen Prozess gegen ihn beginnt.
George Wishart wird vor Gericht mit achtzehn Anklagepunkten konfrontiert, die er ruhig und mit der Bibel begründet pariert. „Abtrünniger, Verräter und Dieb“, schreit einer ihn während des Verhörs an, „du hast das Volk getäuscht und die heilige Kirche und die Autorität des Gouverneurs verachtet. Als dir verboten wurde, in Dundee zu predigen, hast du weiter gepredigt. Als der Bischof von Brechin dich verfluchte, dem Teufel übergab und dir befahl, mit dem Predigen aufzuhören, hast du hartnäckig nicht gehorcht.“ – „Ich lese in der Heiligen Schrift“, antwortet Wishart, „dass wir Gott mehr

St.-Andrews-Kathedrale im Mittelalter (Rekonstruktion)
gehorchen sollen als den Menschen.“ Alle Versuche, ihn zum Widerruf zu bewegen, scheitern. Wishart ist viel zu sehr von der Wahrheit des Evangeliums erleuchtet, als dass er auch nur im Geringsten von seinen Überzeugungen abweichen würde. Es kommt, wie es zu erwarten war: George Wishart wird als Ketzer zum Tod verurteilt. Er soll zu Asche verbrannt werden.
Die Hinrichtung
Es ist Freitag, der 1. März 1546. Vor dem Haupteingang des Schlosses wird auf dem offenen Platz ein Scheiterhaufen errichtet, während der Kardinal und die Bischöfe von ihren prächtigen Sitzen aus zusehen. Die Militärgarde mit ihren Insignien umringt den Scheiterhaufen. Als Trompeten ertönen, holen zwei Henker den Gefangenen. Einer von ihnen legt Wishart ein schwarzes Leinengewand um und der andere bringt mehrere Säcke mit Schießpulver, die sie um seinen Körper binden. Sobald er am Scheiterhaufen ankommt, legt ihm ein Henker das Seil um den Hals und eine Kette um seinen Rumpf. Daraufhin fällt George Wishart auf die Knie und ruft: „O du Retter der Welt, hab Erbarmen mit mir! Vater im Himmel, ich befehle meinen Geist in deine heiligen Hände.“
Er wendet sich an die Umstehenden, unter denen auch gläubige Weggefährten sind: „Meinen Brüdern und Schwestern, die mich anderswo gehört haben, erkläre ich, dass meine Lehre keine Fabel einer alten Frau ist, sondern das gesegnete Evangelium des Heils. Für die Verkündigung die -
ses Evangeliums muss ich nun leiden, und ich leide gern um des Erlösers willen. Sollte jemand von euch Verfolgung erleiden müssen, so fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib, aber nicht die Seele verderben können.“ Danach betet er für seine Feinde und sagt: „Ich flehe dich an, Vater im Himmel, vergib denen, die in Unwissenheit oder aus böser Absicht Lügen über mich erfunden haben. Ich vergebe ihnen von ganzem Herzen.“
Dann wird er an den Pfahl gebunden. Nachdem die Reisigbündel entzündet sind, fängt das Pulver an seinem Körper sofort Feuer und es steigen große Flammen und viel Rauch auf. Der Vogt des Schlosses, der von den Flammen versengt wird, ermahnt den Märtyrer, Gott um Vergebung für seine ketzerischen Taten zu bitten. Doch Wishart bleibt unerschütterlich und sagt: „Diese Flammen verursachen meinem Körper zwar Qualen, doch sie haben keineswegs meinen Geist gebrochen.“ Der Henker zieht mit roher Gewalt an dem Seil, das um Wisharts Hals gebunden ist, sodass er erstickt. Das Feuer nimmt an Stärke zu und brennt mit solcher Intensität, dass sein Körper in weniger als einer Stunde komplett verzehrt ist.
Mit 33 Jahren ist George Wishart bereits in der großen Ewigkeit Gottes. Aber was für eine tiefe Spur des Segens hat er in Schottland hinterlassen!
Gerrid Setzer