Der Mond warf sein silbernes Licht auf die sanft gewellte Ebene, die sich meilenweit erstreckte. Noch war das Gras kurz, aber bald würde es sich in ein wogendes, grün und grau, manchmal silbern schimmerndes Meer verwandeln. Ein großer, dunkler, rechteckiger Fleck zeigte an, dass der Prärieboden an einer Stelle bearbeitet worden war. Braune Erdschollen bedeckten hier den Boden. Nicht weit davon entfernt sah man einen weiteren dunklen Fleck, nur sehr viel kleiner. Es war ein Haus, gebaut aus eckigen Grassoden, die aus dem Boden gestochen und aufeinandergestapelt worden waren. Nicht weit vom Haus stand ein kleineres, das offensichtlich als Stall und Schuppen diente. Ein Mann trat heraus, stellte sich an den Feldrand und stemmte beide Arme in die Hüften. Die Aussaat wäre geschafft! Hoffentlich wächst der Weizen gut. Der Mann war mittelgroß und blondhaarig. Er schaute zum Himmel hinauf, der immer dunkler wurde und an dem erste, funkelnde Lichter sichtbar wurden. Es wird Zeit für meine Sternstunde. Der Mann lächelte, schaute sich ein letztes Mal um und betrat dann das größere der beiden Erdhäuser. Kurz darauf flammte ein Licht darin auf. Man
konnte es durch die einzige Glasscheibe sehen, die in eine der Sodenwände eingelassen war. Ein Bett, ein Regal, ein Stuhl und ein Tisch bildeten die gesamte Einrichtung. Holz und Werkzeug in einer Ecke des Raumes deuteten darauf hin, dass hier weitere Möbel entstehen würden. Der Mann setzte sich an den Tisch und schlug die Bibel auf, die darauf lag. Das Lesezeichen lag am Anfang des Matthäusevangeliums und er las die Geschichte von den Sterndeutern, die dem Licht am Himmel folgten, das sie zu Jesus, dem neu geborenen König der Juden, führte. Diese Geschichte hatte er vor einem Jahr gemeinsam mit seiner Frau gelesen, kurz bevor er alleine in den Westen aufgebrochen war. Er wusste, dass man als Christ keinen Stern am Himmel brauchte um den richtigen Weg zu finden. Trotzdem wünschte er sich, dass er – wie die Sterndeuter- offen war für Gottes Führung und er hoffte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, seine Frau und seinen kleinen Sohn zurückzulassen um ihnen das erste schwere Jahr in der Wildnis zu ersparen. Er konnte es kaum erwarten, dass die beiden hier eintrafen. Wenn alles glatt lief, dann war der Wagentreck mit dem sie reisen wollten, schon unterwegs. Der Mann stand auf und kniete sich vor seinem Stuhl auf den Boden, der aus festgetretener Erde bestand. Er faltete die Hände, schloss die Augen und verharrte eine Weile still in dieser Stellung. Als er sein Gebet beendet hatte erhob er sich, klappte die Bibel auf dem Tisch zu und fuhr mit dem Finger die goldfarben eingeprägten Buschstaben auf dem Einband nach. Die Heilige Schrift. Und unten in kleineren Buchstaben: Familie Peter und Anna Wagner. Ein sehnsüchtiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht und er drückte einen Kuss auf das Wort Anna. Er machte sich fertig zum Schlafengehen, blies die Kerze aus
und der einzige helle Punkt, der in die Dunkelheit geleuchtet hatte, verlosch. Nach einem anstrengenden Tag Feldarbeit schlief er rasch ein.
Zwei Indianer krochen hinter einem niedrigen Gebüsch hervor und richteten sich auf. Lautlos huschten sie über die Prärie. Wolken schoben sich vor den Mond und die Dunkelheit war nahezu undurchdringlich. Trotzdem fanden sie sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zurecht. Am Sodenhaus angekommen, blieben sie stehen. Es knarrte leise, als einer von beiden die hölzerne Eingangstür öffnete. Der Schläfer rührte sich nicht. Geräuschlos betraten beide den dunklen Raum.
Ein neuer Anfang
Dixon, Iowa, April 1868
Cassandra Mae Stuart erwachte unter einer geblümten Steppdecke. Sie blinzelte in das Sonnenlicht, das durch die hellen Baumwollvorhänge am Fenster fiel, und zog die Stirn kraus. Warum sah alles so anders aus? Warum lag sie nicht in dem spartanisch eingerichteten, kleinen Zimmer in Lady Prescotts Mädcheninternat, in dem es keine Farbe und keine Freude gab? Sie öffnete die Augen komplett und mit einem Mal fiel ihr alles wieder ein: Sie arbeitete ja überhaupt nicht mehr als Lehrerin in Miss Prescotts Schule! Sie befand sich bei ihrer Tante und ihrem Onkel, teilte das Zimmer mit zwei ihrer Cousinen und brauchte heute nicht in das mausgraue Kleid mit dem steifen, weißen Kragen zu schlüpfen. Stattdessen wohnte sie in einem Haus in dem es fröhliche Kinderstimmen, helle Vorhänge und geblümte Steppdecken gab. Die bedrückenden Jahre in der strengen Mädchenschule gehörten der Vergangenheit an. Sie war frei!
Cassie setzte sich im Bett auf. Die beiden leeren Betten auf der anderen Seite des schmalen Zimmers verrieten ihr, dass Tina und Tessie bereits aufgestanden waren. Sie machte sich schnell fertig und stieg die Treppe hinunter.
„Tina, Tessie, Toby? Es ist Zeit für die Schule! Nein, Theodor, du stehst nicht auf, erst isst du dein Frühstück. Timmy, warte, du bekommst gleich deinen Brei!“ Die freundliche aber auch energisch klingende Stimme ihrer Tante erklang durch das Haus. Sie schien alle Hände voll zu tun zu haben, die „fünf Ts“, wie Cassie ihre Vettern und Cousinen nannte, zur Ordnung zu rufen. Sie betrat die Küche. „Guten Morgen, Tante Bess! Es tut mir leid, dass ich so lange geschlafen habe!“
„Das macht doch nichts! Schließlich bist du gestern erst angekommen.“
„Gib mir Timmy, ich beaufsichtige das Frühstück der beiden jungen Herren hier. Dann kannst du nach den drei Großen sehen.“
„Danke, Cassie!“ Ihre Tante reichte ihr erleichtert den elf Monate alten Timothy und verließ die Küche. Cassie gab ihrem jüngsten Cousin einen Kuss auf die pralle Babywange und setzte sich mit ihm an den Tisch, wo sein Bruder bereits vor einer Schale mit Haferbrei saß.
„Ich hab` keinen Sirup mehr“, beschwerte sich der Dreijährige.
„Weil du ihn aufgegessen und den Haferbrei übriggelassen hast! Du solltest ihn dir einteilen, kleiner Mann. Hier, etwas bekommst du noch.“
Theodor strahlte als der braune, süße Saft auf seinen Brei tropfte und aß seine Schüssel komplett leer. Cassie fütterte Timothy und erlaubte Theodor aufzustehen. Ihre Tante lächelte als sie die Küche wieder betrat. „Es tut so gut, dich hierzuhaben, Cassie! Hoffentlich kannst du noch etwas bleiben.“
„Ich bin sehr gerne hier, Tante Bess. Aber ich muss mir schleunigst eine neue Arbeitsstelle suchen. Schließlich brauche ich das Geld.“
„Ja, das verstehe ich. Schade, dass hier im Ort keine Lehrerin gesucht wird.“
Genau das Gleiche dachte Cassie auch, als sie kurz darauf mit Theodor an der einen und einem Einkaufsnetz an der anderen Hand durch die Straßen von Dixon ging. Hier würde es ihr gefallen. Keine einengenden Mauern, keine strenge Schulleiterin, die … Cassie verdrängte ihre Erinnerung, und wich einem etwa achtjährigen Jungen aus, der über die Straße rannte, ohne dabei nach rechts oder links zu blicken. Er hatte mittelblondes Haar und trug einen Stoffbeutel bei sich, den er fest an sich drückte. „Hoppla, junger Mann! Du solltest besser aufpassen!“ Der Junge schrak zusammen und blieb stehen. „Tut mir leid, Miss!“, stieß er hervor. Er schaute sie einen Moment unsicher an, dann rannte er weiter. Cassie schaute ihm kopfschüttelnd nach. Sie erledigte ihre Einkäufe und studierte anschließend die Plakate, die an einer Holzwand ausgehängt waren. Ein Schmuckdieb wurde gesucht. Sein kalter Blick auf dem Foto ließ sie erschauern. Eine Frau mit zwei Kindern suchte eine weibliche Begleitung für ihre Treckreise in den Westen. Ein Schaukelstuhl stand zum Verkauf und dann … „Lehrerin in Poplar Creek gesucht! Bei Interesse in Marshalls Gemischtwarenladen melden.“
Ihr kleiner Vetter zog an ihrem Mantel. „Cassie? Können wir nach Hause gehen?“
„Sicher, das können wir.“ Cassie warf einen letzten Blick auf das Plakat. Sie würde später noch einmal losziehen und in Marshalls Gemischtwarenladen Erkundigungen einholen.
Den Namen Poplar Creek hatte sie noch nie gehört. Ob es hier in der Nähe lag?
„Poplar Creek liegt ungefähr hier, Miss!“ Mr Marshalls Finger fuhr über eine verblichene Landkarte, die im Hinterzimmer seines Ladens hing. Cassies Augen wurden groß. „Es liegt … im Westen?“, stieß sie hervor. „So weit weg?“
„Ja, es liegt im sogenannten Wilden Westen. Das Land dort wird erst seit kurzem erschlossen, es gibt noch nicht viele Siedler. Aber die, die dort sind, suchen dringend Lehrer. Deshalb werden die Plakate so gut wie überall aufgehängt. Gibt nicht viele Freiwillige, die in diese Gegend ziehen wollen.“
„Das kann ich mir denken. Ich … brauche Bedenkzeit und melde mich noch einmal bei Ihnen, Mr Marshall.“
Der Mann nickte und rieb sich das Kinn. „Das sagen alle. Aber am Ende nimmt die Stelle niemand. Na, ich kann es keinem verübeln. Ist bestimmt mächtig einsam da draußen.“
„Wie gesagt, ich werde es mir überlegen. Auf Wiedersehen, Mr Marshall!“
Cassie verließ den Laden und blinzelte in das helle Sonnenlicht. Poplar Creek lag hunderte von Meilen entfernt. Damit hatte sie nicht gerechnet. Andererseits würde es ein großes Abenteuer bedeuten, dorthin zu reisen. Das absolute Kontrastprogramm zu Miss Prescotts Mädchenschule. Was sie wohl sagen würde, wenn sie erfuhr, dass die aufmüpfige, rebellische Miss Stuart eine Stelle im Westen angenommen hatte?
„Bist du verrückt, Cassie? Das kannst du nicht machen!“
Ben Stuart schaute seine Zwillingschwester fassungslos an.
„Und ob ich das kann! Hier im Umkreis wird keine Lehrerin benötigt. Miss Prescott hat ganze Arbeit geleistet und offensichtlich alle umliegenden Schulen vor mir gewarnt. Also muss ich woanders mein Geld verdienen!“
„Du wirst eine Stelle finden! Du musst einfach etwas Geduld haben.“ Ben trat ans Küchenfenster, lehnte sich gegen die schmale Fensterbank und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. Seit ihre Eltern vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, mussten er und seine Schwester auf eigenen Füßen stehen. Das Haus ihrer Tante Bess, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, stand ihnen allerdings jederzeit offen. „Der Westen steckt voller ungehobelter Männer“, fuhr er fort. „Zumindest, wenn man den Zeitungberichten glauben kann. Dachtest du, ich würde dich allein dorthin reisen lassen?“
„Seit wann muss ich dich um Erlaubnis bitten, Bruderherz? Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und kann meine Entscheidungen selbstständig treffen.“
„Ich weiß sehr gut wie alt du bist“, gab ihr Bruder zurück. „Schließlich bin ich genauso alt wie du. Wie willst du überhaupt nach Poplar Creek kommen?“
„Mit einem Wagentreck. Ende April geht es los.“
„Und du hast einen eigenen Planwagen?“
Cassie verdrehte die Augen. „Natürlich nicht! Ich reise mit einer jungen Frau und ihren beiden Kindern. Sie heißt Anna Wagner sucht eine Begleiterin, da ihr Mann bereits letztes Jahr nach Wyoming gefahren ist, um dort ein Haus für sie zu bauen.“
„Und das hast du alles schon festgemacht, bevor du mir auch nur ein Wort davon gesagt hast?“ Ben stemmte beide Arme in die Hüften. Er war groß und schlank gebaut, hatte braunes Haar und braune Augen. Er glich seiner Schwester sehr, wenn er auch mehrere Zentimeter größer war.
„Du warst nicht hier! Und außerdem … wusste ich, dass du dagegen sein würdest. Deshalb …“
„… fandest du es besser, mich vor vollendete Tatsachen zu stellen.“
„Ben!“ Cassie legte ihrem Bruder eine Hand auf den Arm und schaute ihn bittend an. „Ich brauche eine Anstellung, das weißt du. Und nach der Zeit bei Miss Prescott sehne ich mich nach … Freiheit! Genau die werde ich im Westen erleben. Ich möchte einen komplett neuen Anfang machen. Bitte versteh das, Ben!“
Ihr Bruder atmete tief durch. „Ich verstehe dich, Cassie, wirklich. Aber trotzdem muss man nicht Hals über Kopf alles stehen und liegenlassen und in den Westen reisen. Du bist einfach zu impulsiv!“
Als sie abends in ihrem Bett lag, dachte Cassie noch einmal an diese Unterhaltung zurück. Sie konnte Ben gut verstehen. Wenn er ihr eröffnet hätte, dass er hunderte von Meilen fortziehen würde, hätte sie wahrscheinlich genauso reagiert. Aber Ben wusste nicht, was in Miss Prescotts Schule alles passiert war. Sie brauchte dringend Abstand. Er würde sich beruhigen und sie irgendwann einmal in Poplar Creek besuchen kommen. Bei diesem Gedanken lächelte sie. Trotzdem dauerte es lange, bis sie einschlief.
Treckführer gesucht
Lydianns Tagebuch
Dixon, Iowa, 21. April 1868
Mein Name ist Lydiann Fisher. Ich bin elf Jahre alt. Meine Eltern heißen Amos Levi und Margaret Fisher und meine Schwester heißt Laura. Es ist Nachmittag und die Sonne scheint. Ich sitze auf einer umgestülpten Holzkiste neben unserem Planwagen, habe mein Tagebuch auf den Knien liegen und benutze zum ersten Mal meinen neuen Bleistift. Vor mir liegt ein Platz, dessen Boden aus festgetretener Erde und kurzen Grasbüscheln besteht und auf dem andere Planwagen, oder Prärieschoner, wie man sie auch nennt, stehen. Mama sagt, ich soll dieses Tagebuch schreiben, weil das, was wir erleben werden, vielleicht eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen wird. Zumindest wird es einmal meine zukünftigen Schüler interessieren. Mama glaubt nämlich
immer noch fest daran, dass ich mein Ziel, Lehrerin zu werden, erreichen werde. Wenn es Gottes Wille ist, sagt sie, dann hat er auch einen Weg. Ich bin mir da nicht so sicher. Schließlich stehen wir kurz davor, Iowa zu verlassen und mit einem der letzten Trecks westwärts zu ziehen, um im dünn besiedelten Bergland von Wyoming ein neues Leben anzufangen. Ein Leben in der Wildnis, wie Laura es nennt. Ein Leben in einem einsamen Blockhaus mit Bären und heulenden Kojoten als nächsten Nachbarn. Weit weg von jeder Schule oder jedem College, an dem man zur Lehrerin ausgebildet werden könnte. Laura will mir Angst machen, wenn sie so etwas sagt. Und sie schafft es tatsächlich. Ich habe Angst!
Laura schafft eigentlich immer, was sie sich vornimmt. Sie ist meine Zwillingsschwester und sieht mir äußerlich mit den blonden Haaren und blauen Augen zum Verwechseln ähnlich. Aber sonst sind wir unterschiedlich. Sehr sogar. Laura ist mutig und abenteuerlustig und findet die vor uns liegende Treckreise unglaublich aufregend. Ihr Ziel im Leben ist, Cowgirl auf Pas Ranch zu werden. Sie reitet schnell wie der Wind und träumt von einem eigenen Pferd. Sie klettert auf Bäume und spuckt Kirschkerne weiter als jeder Junge in unserer alten Schulklasse. Ich dage-
gen lese Bücher, denke mir Geschichten aus und stelle mir abwechselnd vor, eine Prinzessin, Krankenschwester oder Leiterin einer Mädchenschule zu sein. Natürlich bin ich in solchen Fällen die hübscheste Prinzessin, die aufopferungsvollste Krankenschwester und die beliebteste Lehrerin, die jemals gelebt hat.
Laura findet, dass meine Tagträume Zeitverschwendung sind. „Mensch, Lydie!“, sagt sie dann, „hör auf zu träumen. Lass uns nach draußen gehen und spielen!“ Meistens lasse ich mich überreden, aber ich bin jedes Mal froh, wenn ich zu meinen Geschichten zurückkehren kann. Laura findet außerdem, dass Tagebuchschreiben Zeitverschwendung ist. Im Moment stromert sie draußen herum und versucht herauszubekommen, was Pa und die anderen Männer vom Treck zu besprechen haben. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Laura will wissen, was es ist und das, bevor Luke es herausbekommt. Luke Peterson ist zwölf Jahre alt. Er und seine Familie werden mit uns im Wagenzug nach Westen reisen. Luke hat braunes Haar und kann (leider) sehr gut reiten. Aber sonst ist er eingebildet und angeberisch und ich bin sicher, dass er keine Ziele im Leben hat. Außer vielleicht, der unausstehlichste Junge im ganzen Treck zu sein. Das schafft er leicht.
Zurzeit wohnen wir hier in unseren Planwagen in einem Sammelcamp nah bei der Stadt Dixon und es kommen jeden Tag neue Wagen hinzu. Auf diese Weise gewöhnen wir uns schon ein bisschen an das Vagabundenleben, das wir die nächsten Wochen führen werden, meint Mama. Mir wäre es lieber, wenn wir in unser Farmhaus zurückkehren könnten. Zurück zu Grandma, Tante Olivia und unseren anderen Freunden.
Aber das geht nicht. Mama hat das feuchte Klima hier in Iowa noch nie gut vertragen und war im letzten und vorletzten Winter lange krank. Der Doktor hat gesagt, dass sie dringend fort muss, irgendwohin, wo die Luft trockener und kühler ist. Und da Papa schon immer davon geträumt hat, in den Westen zu ziehen, hat er unsere Farm verkauft, unser Hab und Gut auf drei Planwagen geladen und wartet jetzt darauf, dass es losgeht. Westwärts, in Richtung Wyoming.
Immer noch 21. April (Am Abend)
Laura hat herausgefunden, was die Männer heute besprochen haben: Unser Treckführer fällt aus! Er hat abgesagt, da es in seiner Familie einen Todesfall gibt. Es wird dringend ein Ersatzmann gesucht. Wahrscheinlich verschiebt sich unsere Abreise noch um einige Tage. Mr Holmes hat einen sehr guten Ruf als
Treckführer und viele haben Angst, dass wir nun einen schlechteren Mann bekommen. Pa sagt, wir sollen uns keine Gedanken machen. Gott wird dafür sorgen, dass wir einen guten Ersatz finden. Ich hoffe, dass er recht hat denn auf seinen Treckführer muss man sich verlassen können. Besonders wenn es darum geht, reißende Flüsse zu überqueren, Indianerüberfälle abzuwehren oder Klapperschlangen zu töten. Solche Sachen passieren auf Treckreisen ständig, sagt Laura. Sie hat es im „Ratgeber für Pioniere“ gelesen. Jetzt ist sie gespannt, was bei uns als Erstes auf der Liste steht. Sie tippt auf einen Indianerüberfall... ICH WILL NICHT NACH WYOMING!
Auf dem Hof ertönten Schritte, die Tür wurde geöffnet und helles Sonnenlicht flutete in den halbdunklen Pferdestall. „Nate? Bist du hier?“
„Jep. Hier hinten in der letzten Box.“ Der mit Nate angeredete Mann richtete sich auf und klopfte der braunen Stute mit den sanften, dunklen Augen den Hals. Sein Besucher kam näher und blieb vor der geöffneten Boxentür stehen. Nate sah sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Was gibt es Jon? Ist etwas passiert?“
Die Augen seines Freundes wurden um eine Schattierung dunkler. „Mein Schwager hatte einen Unfall.“
„Samuel?“
„Ja. Er wurde auf seiner Farm von einem wütenden Bullen angegriffen. Er … hat es nicht überlebt.“
„Was sagst du? Er ist … tot?“ Nathaniel Henderson schaute seinen Freund ungläubig an. Als dieser nickte, legte er ihm in einer spontanen Geste des Mitgefühls eine Hand auf den Arm. „Das ist … schrecklich. Wie …“ Er brach ab. „Es tut mir unglaublich leid, Jonathan. Besonders für deine Schwester und die Kinder.“
„Ja, mir auch.“ Sein Gegenüber schluckte. „Ich werde zu ihr fahren. Lisa steht jetzt allein mit vier kleinen Kindern und der Farm da. Ich weiß nicht, was sie vorhat, aber sie braucht dringend Unterstützung.“
„Ja, sicher.“ Nate trat aus der Box, verschloss sie sorgfältig und deutete auf einen Strohballen am Ende des Gangs. Beide Männer ließen sich darauf nieder. „Was ist mit dem Treck, den du nach Wyoming führen wolltest? Konntest du so schnell einen Ersatzmann finden?“
„Deshalb bin ich hier, Nate.“ Jonathan Holmes zupfte einen Halm aus dem Strohballen und rieb ihn zwischen seinen Fingern. „Ich wollte fragen, ob du meinen Posten übernehmen würdest.“
Wieder schaute Nate seinen Freund ungläubig an. „Du meinst, ich soll den Treck nach Wyoming führen?“, brachte er endlich heraus. „Du weißt doch, dass ich so etwas nie wieder …“
„Ja, schon. Es macht mir auch keinen Spaß, dich darum zu bitten. Ich weiß, dass du nach der Sache mit Ellen nie wieder in den Westen reisen wolltest. Aber dies hier ist ein Notfall, Nate. Die Leute brauchen dringend einen vertrauenswürdigen Mann, der sie sicher an ihr Ziel bringt.“
„Das klingt, als ob ich der einzige Treckführer wäre, der das tun könnte! Ich bin sicher, es gibt genügend andere, die so einen Job übernehmen würden.“
„Genau darum geht es ja! Die meisten anderen würden es einfach als „Job“ ansehen. Aber du würdest die Sache ernst nehmen. Du hast Verantwortungsgefühl. Diese Leute verdienen einen guten Mann als Führer. Bei einer der Familien geht es um die Gesundheit der Mutter. Sie müssen dringend in ein gesünderes Klima ziehen, weil sie sehr krank war. Dann ist eine junge Frau dabei, die allein mit ihren zwei kleinen Kindern loszieht, da ihr Mann schon letztes Jahr in den Westen gereist ist, um dort eine neue Existenz für seine Familie aufzubauen. Ich fühle mich schrecklich, wenn ich daran denke, dass ich sie im Stich lasse.“
„Du hast einen guten Grund, Jon! Du lässt sie nicht im Stich. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich …“
„Du hast doch nach einer neuen Aufgabe gesucht, oder?“
„Ja, schon. Aber …“
Jonathan warf den Strohhalm fort. Er musste Nate einfach dazu bringen für ihn einzuspringen. Er beschloss, sein letztes Geschütz aufzufahren, von dem er sicher war, dass es seinen Zweck erfüllen würde. „Es ist auch ein Arzt dabei mit seiner Frau. Überleg mal, was es für die Siedler im Westen bedeuten wird, einen Doktor in erreichbarer Nähe zu haben! Er hat seine Praxis verkauft, weil er sich von Gott berufen fühlt, im Westen tätig zu sein. Du bist doch seit einiger Zeit auch einer von diesen frommen Leuten. Willst du schuld sein, dass er seinem Ruf nicht folgen kann?“
Nathaniel Henderson erhob sich zu seiner vollen Größe und fuhr sich mit der Hand durch das dichte, dunkelblonde Haar. Dieses letzte Argument seines Freundes saß. „Ich …
muss darüber nachdenken, Jon. Eine Reise in den Westen ist keine Kleinigkeit. Ich brauche eine komplette Ausrüstung. Ich …“
„Du könntest meine ausleihen. Auf der Farm meiner Schwester brauche ich bestimmt kein Zelt, keinen Schlafsack oder Kochgeschirr.“
„Ich muss mich zu der Sache aber auch von Gott berufen fühlen. Genau wie der Doktor.“
Sein Freund nickte zögernd. „Wahrscheinlich. Ich kenne mich in solchen Sachen nicht so aus.“
Nate runzelte die Stirn. „Solltest du aber.“
„Ich weiß. Irgendwann werde ich mich damit beschäftigen. Im Moment habe ich allerdings anderes im Kopf.“ Jonathan stand ebenfalls auf und klopfte sich ein paar Strohhalme von der Kleidung. „Danke, dass du drüber nachdenkst.“
Die beiden Männer gingen die Stallgasse entlang und traten auf den sonnenbeschienenen Hof. Der Treckführer band sein Pferd los uns stieg in den Sattel. „Mach`s gut, Nate!“
„Du auch, Jon. Ich werde für euch alle beten.“
„Danke.“ Sein Freund tippte sich an den Hut und ritt im Schritt vom Hof.
„Wieviel Zeit zum Nachdenken habe ich denn?“, rief Nate hinter ihm her. „Wann brauchst du die Antwort?“
„In drei Tagen soll es losgehen.“
„In drei Tagen schon? Ist das dein Ernst?“
Jonathan nickte. „Die Leute wollen los und wie ich schon sagte, du kannst meine Ausrüstung haben.“ Er trieb sein Pferd an und trabte los. Nate stemmte beide Hände in die Seiten und schaute seinem Freund kopfschüttelnd hinterher.
Zweimal Zwillinge und
ein Wiegenlied
Mit weitgeöffneten Augen lag Lydiann auf der schmalen Pritsche des Prärieschoners und schaute in die Dunkelheit. Durch die runde Öffnung der Plane konnte sie einen einzelnen Stern am Himmel erkennen. Es knarrte, als ein Windstoß den Eimer bewegte, der außen am Wagen befestigt war. Irgendwo in der Ferne heulte ein Kojote. Neben sich hörte sie die gleichmäßigen Atemzüge ihrer Zwillingsschwester Laura. Sie schlief bereits. Lydiann schloss die Augen und versuchte, die Gedanken an endlose, heiße Tage in der Prärie, reißende Flüsse, Klapperschlangen und Indianer aus ihrem Kopf zu verdrängen. Aber die Bilder tauchten immer wieder vor ihrem inneren Auge auf. „Bitte nimm meine Angst weg, Herr Jesus“, flüsterte sie lautlos in die Dunkelheit. „Pa sagt, dass du immer bei uns bist, auch, wenn wir die Prärie durchqueren. Aber ich vermisse unsere Freundinnen und Grandma und Tante Olivia jetzt schon und ich habe Angst, dass Ma vielleicht wieder krank wird oder dass uns etwas passiert.“ Lydiann schaute auf den winzigen Stern, den sie am samtblauen Himmel erkennen konnte. In Grandmas Flur hing ein kleines Bild an der Wand auf dem ein heller Stern am Himmel und einige Männer mit Kamelen zu
sehen waren. Darunter stand der Satz: „Sie alle folgten dem Stern.“ Lydiann sah Pa vor sich, wie er vor drei Wochen mit der geöffneten Bibel an Grandmas Esstisch gesessen hatte. Sie wusste noch genau, was er gesagt hatte: „Wir Christen brauchen keinen Stern am Himmel, der uns die Richtung zeigt. Wir kennen Gott als unseren Vater und dürfen ihn und seinen Sohn, den Herrn Jesus, direkt um Hilfe bitten. Er wird uns ans Ziel bringen. Darauf wollen wir vertrauen.“ Lydiann schluckte. Manchmal war es schwer, zu vertrauen.
Im Wagen nebenan weinte plötzlich ein kleines Kind. Man hörte eine flüsternde Stimme, dann summte eine Frau eine leise, beruhigende Melodie. Lydiann lächelte. Es war die gleiche Melodie, die die junge Mutter schon gestern Abend gesummt hatte. Mrs Wagner stammte aus Deutschland und sie reiste mit ihren beiden kleinen Kindern und einer anderen jungen Frau nach Westen, wo ihr Mann auf sie wartete. Mr Wagner war schon letztes Jahr losgezogen um das neue Land, das er gekauft hatte, in Besitz zu nehmen. Lydiann fand seine Frau unglaublich mutig. Die schlichte Melodie aus dem Planwagen nebenan erfüllte ihren Zweck. Nicht nur das Baby, auch Lydiann, schlief tief und fest ein.
Am nächsten Tag
„Komm jetzt, Laura! Ma wartet auf uns!“ Lydiann verlagerte das Gewicht ihrer Einkaufstasche auf die linke Schulter und warf einen ungeduldigen Blick zu ihrer Zwillingsschwester hinüber, die vor einer großen Plakatwand stand und die mit Heftzwecken daran befestigten Aushänge studierte. Die Son-
ne schien und für Ende April war es bereits sehr warm. „Ich komme ja schon! Man wird sich ja wohl noch informieren dürfen, was in dieser Kleinstadt los ist.“ Laura riss sich nur zögernd von den Plakaten los und lief hinter ihrer Schwester her, die sich bereits auf den Weg zum Sammelplatz der Planwagen gemacht hatte, die in Richtung Westen aufbrechen würden. Das prall gefüllte Einkaufsnetz schlug gegen ihr Bein, aber Laura bemerkte es kaum. In Gedanken war sie noch bei den Neuigkeiten, die sie gerade eben gelesen hatte.
„Das Blatt mit: „Lehrerin in Poplar Creek gesucht“, ist weg“, informierte sie Lydiann außer Atem, als sie sie eingeholt hatte. „Aber das Bild von dem Mann, der ein Schmuckgeschäft ausgeraubt hat, hängt noch da. Und dann kann man immer noch einen Schaukelstuhl und ein Pony kaufen.“
„Ich würde den Schaukelstuhl nehmen“, sagte Lydiann ohne zu zögern. „Bestimmt ist es so einer, wie Grandma ihn auf der Veranda stehen hat. Ich würde meine Lieblingsbücher auf den Boden stapeln, es mir im Schaukelstuhl gemütlich machen und den ganzen Tag lesen!“
Laura schüttelte den Kopf und brachte damit ihre Zöpfe zum Schwingen. „Ich wünschte, Pa würde mir das Pony kaufen! Ich würde es „Fliegender Wind“ nennen und mit ihm über die Prärie reiten. Ich würde Freundschaft mit einem Indianermädchen schließen und ...“
Platsch! Direkt vor ihren Füßen landete etwas Weiches, Braunes und bespritzte ihre Schuhe und Strümpfe mit Matsch. Während Lydiann erschrocken aufschrie und zurückwich, ließ Laura ihr Einkaufsnetz fallen und stemmte beide Arme in die Hüften. „Das war heute schon das zweite Mal!“, rief sie. „Zeig dich, du Feigling!“ Statt einer Antwort wurde im Gebüsch sekundenlang ein brauner Haarschopf