Käthe, die entflohene Nonne
Anne Bruins–Bouter
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Anne Bruins–Bouter
Anne Bruins–Bouter

Königsberg ist das heutige Kaliningrad in Russland.

1. Auflage 2023
© 2023 by Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen
Übersetzung: Sigrid Minrath • Umschlaggestaltung: Brockhaus in Dillenburg • Satz: Christliche Schriftenverbreitung
Druck: BasseDruck, Hagen
ISBN: 978-3-89287-677-9 www.csv-verlag.de
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Martin Luther! Bestimmt habt ihr schon mal von ihm gehört oder etwas über ihn gelesen. In Wittenberg schlug er 1517 95 Thesen gegen Missstände in der Kirche an die Tore der Schlosskapelle. Auf dem Reichstag in Worms sollte er seine Schriften widerrufen. Luther weigerte sich und wurde darauf von seinem Landesherrn entführt und auf der Wartburg in Sicherheit gebracht. Hier übersetzte er das Neue Testament der Bibel in die deutsche Sprache.
Allgemein weniger bekannt ist seine Frau, Katharina von Bora, die eine ganz wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hat. Ohne seine Katharina, die er Käthe nannte, wäre Luther nicht der Luther geworden, den seine Freunde schätzten und liebten. Sie kümmerte sich um ihn, sie wusste genau, wie all seine Krankheiten und Schmerzen gelindert werden konnten. Und sie war auch diejenige, die ihn bei dem großen Auftrag, den Gott ihm erteilt hatte, unterstützte und ermutigte.
Ein Freund von Luther sagte einmal über sie:
„Sie ist dazu geschaffen, Deine Gesundheit aufrechtzuerhalten, so dass Du umso länger der Kirche, die unter Dir geboren ist, das heißt allen, die auf Christus hoffen, zu dienen vermagst.“
Aber neben ihrer wichtigsten Aufgabe als Ehefrau und Beistand für ihren Mann gab es für Katharina viele Gelegenheiten, ihre Talente einzusetzen.
In diesem Buch erfährst du vieles aus Katharinas sehr bewegtem Leben. Nicht alles ist ganz genau so geschehen, aber ich habe versucht, mich so eng wie möglich an die historischen Fakten zu halten.
Ab Seite 254 findest du eine Liste, in der schwierige Begriffe aufgeführt sind. Auch gibt es dort ab Seite 259 eine Auflistung der Namen fast aller Personen, die in diesem Buch vorkommen. In manchen Fällen habe ich ein paar historische Informationen hinzugefügt. Außerdem finden sich im Anhang Original-Briefe und Luther-Zitate (ab Seite 244), die im Text zum Teil frei übertragen sind.
Wohin Gott sie auch schickte – Katharina war für viele Menschen, die ihr nahestanden, ein Segen. Ich wünsche mir, dass dieses Buch über sie auch ein Segen für dich sein möge.
Die Autorin
Auf dem Landgut in Lippendorf
„Katharina, Katharina! Wo steckst du nur?“
Dorothea, das Kindermädchen der Familie von Bora, geht vor die Tür. Suchend sieht sie sich auf dem Hof um. Sie seufzt.
Seitdem die Mutter der Familie gestorben ist, muss sie sich jeden Morgen darum kümmern, dass die vier Kinder ordentlich und pünktlich zum Frühstück am Tisch sitzen. Und das ist wirklich keine einfache Aufgabe!
Der älteste Junge, Hans, will nicht, dass sie nach ihm schaut. Er meint, dass er alt genug ist und alles schon alleine kann. Klemens, den zweiten Sohn, muss sie morgens immer aus dem Bett jagen und der dritte Junge weint jeden Tag um seine Mutter.
Und dann ist da noch Katharina, das jüngste Kind. Fast jeder nennt das kleine fünfjährige Mädchen Käthe, aber Dorothea ruft sie immer bei ihrem richtigen Namen Katharina. Mit dem ersten Hahnenschrei ist Käthe hellwach. Wann immer es möglich ist, flitzt sie schnell nach draußen, noch bevor die anderen wach sind und jemand sie aufhalten könnte.
Wohin könnte sie denn jetzt schon wieder gelaufen sein? In den Pferdestall, wo sie ihrem Lieblingspony so gerne Hafer gibt? Oder in den Schweinestall, wo sich jetzt zwölf kleine Ferkel darum balgen, bei der Mutter trinken zu können? Oder ist sie zu den Hühnern gelaufen? Sie war ja letztens außer sich vor Freude gewesen, als sie die kleinen, gelben Küken entdeckt hatte, die gerade aus den Eiern geschlüpft waren.
Ja, denkt sich Dorothea, ich werde erst einmal bei den Küken nachsehen. Sie blinzelt in die Sonne, die langsam wie eine große, rote Kugel am Himmel aufgeht. Sie muss sich beeilen, denn sonst werden die Kinder nicht rechtzeitig zum Frühstück fertig sein. Sie rafft ihre langen Röcke zusammen, damit sie schneller laufen kann und hastet über den Hof zum Hühnerstall. Und da sitzt die Kleine dann auch. Ganz vorsichtig hält sie in ihren Händchen ein gelbes, flauschiges Bällchen, das leise vor sich hin piepst. Ihre kleinen Augen strahlen, als sie Dorothea ansieht und sagt: „Sind die nicht allerliebst?“
Dorothea nickt. Nein, sie kann der kleinen Käthe einfach nicht böse sein, dafür dass sie sich wieder so früh am Morgen heimlich hinausgeschlichen hat. Für einen Augenblick vergisst sie, dass sie sich beeilen muss, damit sie pünktlich zum Frühstück fertig ist. Sie betrachtet das liebe Mädchen mit den blonden Zöpfen und ihrem strahlenden Blick, den sie ihr so glücklich zuwirft. Fast kommen ihr die Tränen. Ach Mädchen, denkt sie, genieße es einfach. Wenn du wüsstest …!
Natürlich ahnt die kleine Käthe nichts von Dorotheas Gedanken. Sie steht auf und setzt das kleine Küken behutsam zurück. Dann hält sie ihr ein Körbchen hin und sagt: „Sieh mal, Dorothea, die Eier habe ich auch schon eingesammelt.“
„Sehr schön, Katharina, das hast du wirklich gut gemacht. Aber jetzt musst du schnell mitkommen; deine Brüder sind schon fast fertig.“
Gehorsam folgt Käthe Dorothea. Sie sieht sich noch einmal um. Es ist einfach schön, so früh am Morgen bei den Tieren zu sein. Sie liebt den Bauernhof so sehr. Niemals will sie fort von hier …
Einige Monate später steht Dorothea wieder auf dem Hof des kleinen Landguts in Lippendorf, wo sie sich um die Kinder der Familie von Bora kümmert. Ihr Blick schweift in die Ferne,
aber dieses Mal sucht sie nicht nach Käthe. Nein, dort hinten sieht sie eine Kutsche, die immer kleiner wird. In dieser Kutsche sitzt die kleine Käthe. Sie und nur der Vater verreisen. Wohin nur?
Dorothea sieht ihnen hinterher, bis die Kutsche ganz aus ihrem Blick verschwunden ist. Dann dreht sie sich um und eine Träne läuft über ihre Wange. Sie macht sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. „Auf Wiedersehen, liebes Mädchen“, flüstert sie. „Auf Wiedersehen!“
Ob sie ihre liebe Katharina wohl jemals wiedersehen wird?
Auf der einsamen Landstraße rattert die Kutsche langsam weiter voran. Unablässig fällt leichter Regen auf den Rücken des Pferdes, auf die Jacke von Vater Hans von Bora und auf die quietschende Kutsche. Der Regen verwandelt die kleine Straße in einen schlammigen Weg. Nur sehr langsam kommen sie voran.
Als die Kutsche am Morgen aus Lippendorf abfuhr, blitzte die Sonne noch blass zwischen den Wolken hervor. Aber je länger sie unterwegs sind, desto dichter wird der Nebel.
Als Käthe durch das kleine Fenster nach draußen schaut, sieht sie nichts als eine graue Wand. Am Morgen hatte sie sich unterwegs noch nach allem gespannt umgeschaut. Noch nie zuvor ist sie so weit von zu Hause weggewesen. Aber nun, nach so vielen Stunden allein in dem holpernden Wagen, fallen ihr oft die Augen zu. Einschlafen kann sie aber nicht, denn immer wieder schreckt sie hoch, wenn der Wagen über ein Schlagloch oder über einen Stein fährt.
Die Freude über die unerwartete Reise ist ihr inzwischen völlig vergangen. Immer wieder stellt sie sich die Frage nach dem Ziel und Vater sagt nichts. An seinem Gesicht kann sie ablesen, dass sie besser keine Fragen stellt. Erneut kommt ihr das betrübte Gesicht von Dorothea in den Sinn, als sie sich
am Morgen von ihr verabschiedete. Ein ungutes Gefühl beschleicht sie. Ihr läuft ein kalter Schauer über den Rücken, sie zieht ihr Tuch noch fester um sich herum.
Dann schreckt sie plötzlich hoch, der Wagen hält an. Sie hört ihren Vater vom Bock steigen. Die kleine Tür der Kutsche wird geöffnet. „Komm, Katharina, wir sind da.“
Sie stolpert das Treppchen herunter und sieht sich rasch um. Es ist dämmrig geworden und der Nebel liegt noch wie eine schwere Decke über der Landschaft. Aber dann erkennt sie etwas. Durch den Nebel hindurch ragt eine dicke, hohe Steinmauer mit großen Türmen. Käthe bleibt wie angewurzelt stehen, aber ihr Vater gibt ihr einen kleinen Schubs in den Rücken. „Komm“, sagt er ungeduldig. „Wir sind angekommen. Das ist dein Kloster …“
Käthe ist verängstigt, sie möchte sich umdrehen und weglaufen oder aufwachen aus einem bösen Traum. Aber sie spürt die Hand des Vaters in ihrem Rücken, die sie weiterschiebt, weiter bis zur kleinen Tür in der dicken, hohen Mauer.
Eine Nonne in einem langen weißen Gewand und einer schwarzen Haube auf dem Kopf begrüßt sie höflich, als sie hereinkommen. Sie lächelt Käthe freundlich zu, kniet sich neben sie und spricht ruhig auf sie ein. „Hab‘ keine Angst, Mädchen, es ist ganz schön bei uns. Hier leben viele kleine Mädchen, du wirst schon sehen. Aber zuerst bekommst du von mir mal einen Becher mit leckerer, warmer Milch. Nach einer so langen Reise wird dir das bestimmt gut schmecken.“
Diese freundlichen Worte nehmen Käthe die Angst ein bisschen. Als die Nonne kurz darauf mit der warmen Milch zurückkehrt, umfasst sie den Becher mit ihren kalten Händen und nippt vorsichtig daran.
Währenddessen erzählt die Nonne weiter: „Ich bin Mutter Maria Agatha. Du bist hier im Nonnenkloster in Brehna. Wir weihen unser Leben Maria, der Mutter Gottes. Aus diesem Grund führen wir alle den Namen „Maria“ vor unserem eigenen Namen. Wir, die Chorfrauen, werden mit „Mutter“ oder „Frau“ angesprochen. Die Laienschwestern, die man an den braunen Gewändern erkennt, werden als „Schwester“ angesprochen.“
„Was sind Laienschwestern?“, fragt Käthe.
Mutter Maria Agatha lächelt. „Die Chorfrauen müssen Latein singen und beten, vor allen Dingen viel beten. Die Laienschwestern lernen kein Latein, aber sie helfen uns in Haus und Garten bei all den schweren Arbeiten, die wir nicht alleine erledigen können. Sie beten auf Deutsch.“
„Oh.“ Käthe seufzt. Sie trinkt den letzten Schluck aus ihrem Becher. Dann sieht sie sich um. Wo ist denn ihr Vater geblieben? Sie sieht ihn nicht mehr. Er ist doch wohl nicht einfach so gegangen?
Sie folgt Mutter Maria Agatha durch einen langen Gang. Schließlich bleiben sie vor einer Tür stehen. Die Nonne öffnet sie und im Halbdunkel erkennt Käthe einen großen Saal mit Betten.
Mutter Maria Agatha weist ihr einen Platz zu. „Das hier ist dein Bett. Du legst dich jetzt am besten hin, du musst ja müde sein. Die anderen Mädchen kommen auch bald nach ihrem Abendgebet.“ Dann dreht sie sich um und lässt Käthe allein.
Verlassen steht Käthe inmitten der Bettenreihen. Sie zieht Schuhe und Strümpfe aus und kriecht betrübt unter die Decke. Kurz darauf hört sie, dass die anderen Mädchen hereinkommen.
Ohne ein Wort gehen sie ins Bett.
„Wie heißt du?“, flüstert eine leise Mädchenstimme im Bett nebenan.
„Katharina. Und du?“
„Klara.“
„Ruhe da hinten, es wird jetzt geschlafen!“, ruft eine Stimme.
In dem dunklen Saal liegen die Mädchen der Klosterschule in Brehna nahe beieinander. Draußen prasselt noch immer der Regen. Nach einer Weile beginnt das Geflüster von neuem.
„Wie lange bist du schon hier?“
„Fast schon zwei Jahre.“
Käthe seufzt.
„Es ist nur am Anfang nicht schön“, flüstert Klara. „Ich habe auch viel geweint, als ich neu hier war. Aber du solltest dir das nicht anmerken lassen. Du musst tapfer sein. Und du wirst dich daran gewöhnen, das verspreche ich dir.“
Wieder muss Käthe tief seufzen. Sie spürt ihre Augen brennen. Dann dreht sie sich auf die Seite und sinkt schließlich in tiefen Schlaf.
Sehr langsam vergehen die langen, langen Tage in der Klosterschule. Wenn es draußen noch ganz dunkel ist, müssen die Mädchen schon ihre warmen Betten verlassen und noch vor dem Frühstück zur Kirche gehen. Es ist feucht und kalt, und niemand darf sprechen. Schweigend sehen sie zu, wie die erste Kerze auf dem Altar angezündet wird. Dann beginnen die Chorfrauen zu singen.
Schlaftrunken kniet Käthe sich nieder und hört im Licht der Kerzen dem schönen, klaren Gesang der Chorfrauen zu. Trotz ihres Heimwehs gibt ihr der Gesang ein Gefühl von Geborgenheit.
Wenn dann schließlich das Tageslicht durch die Fenster scheint, dürfen die Mädchen frühstücken. Warmer Gerstenbrei steht für sie bereit. Im Anschluss daran haben sie Unterricht. Die Mädchen lernen Lesen und Schreiben auf Latein.
Käthe bekommt eine kleine Wachstafel, auf der sie mit einem Griffel die lateinischen Buchstaben sehr sorgfältig nachschreibt.
„Pastor, pastoris“ – der Hirte. Käthes Gedanken schweifen ab. Sie denkt an zu Hause, wo im Sommer oft große Schafherden über die Felder an ihrem alten Landhaus zogen. Sie und ihre Brüder liebten es, zwischen den Schafen hindurchzulaufen und der Hirte zeigte ihnen immer die frischgeborenen Lämmchen.
„Katharina, du träumst!“
Käthe schreckt auf und beugt sich wieder gehorsam über ihre Tafel.
„Agnus“ – das Lamm. Käthe erinnert sich lebhaft daran, wie sie sich neben ein neugeborenes Lamm kniete und wie sie das warme, weiche Fell streichelte. Es kommt ihr vor, als sei das schon sehr lange her.
„Agnus Dei“ – das Lamm Gottes. Was hat das zu bedeuten? Hat Gott etwa auch ein Lamm, das Er genauso liebt, wie sie Lämmer liebt?
„Katharina, wo bist du nur mit deinen Gedanken?“ – Mutter Maria Agatha stellt sich neben sie und schaut sich ihre Tafel an. „Jetzt sieh mal, wie schief und unordentlich deine Buchstaben aussehen. Setz dich gerade hin und gib dir mehr Mühe!“ Sie streicht das Wachs auf Käthes Tafel wieder glatt.
Käthe seufzt und beginnt brav von vorne mit den schwierigen Buchstaben.
Als Käthe ihre Wachstafel und den Griffel endlich zur Seite legen darf, ist es Zeit zum Mittagessen. Zusammen mit Klara geht sie zum Speisesaal. Auch beim Essen darf nicht gesprochen werden. Während der Mahlzeit spricht eine Schwester über das Leben der Heiligen. Die Mädchen müssen gut aufpassen, denn später werden sie abgehört.
Käthe hört kaum, was die Schwester sagt. Unauffällig betrachtet sie die anderen Mädchen, die der Schwester anscheinend sehr aufmerksam zuhören, während sie gleichzeitig ihren Teller leer machen. Ob sie alle das wirklich interessant finden? Sie gähnt und als sie nach dem Essen sowieso einen täglichen Mittagsschlaf machen müssen, schläft sie sehr schnell ein.
„Was sollen wir heute Nachmittag machen?“ Käthe zupft an Klaras Ärmel. „Sollen wir nach draußen gehen und spielen?“ „Ähm, was ist los?“ Klara reibt sich die Augen und wirft Käthe einen verschlafenen Blick zu.
„Gehen wir jetzt endlich nach draußen?“, wiederholt Käthe etwas ungeduldig.
„Pst, wir müssen leise sein!“, warnt Klara und sie sieht sich schnell um, ob eine Schwester in der Nähe ist. Sie haben Glück, die Luft ist rein. Ganz leise flüstert sie: „Wir müssen leise sein, immer leise sein! Das darfst du auf gar keinen Fall vergessen. Eigentlich dürfen wir noch nicht einmal miteinander flüstern, aber das machen wir natürlich trotzdem. Heimlich, wenn die Schwestern nichts davon mitkriegen.“
„Oh!“ Käthe weiß gar nicht, was sie dazu sagen soll. Dürfen sie etwa niemals miteinander reden?
„Was hast du gerade eigentlich gesagt?“, fragt Klara leise.
„Ich habe dich gefragt, was wir heute Nachmittag machen sollen“, flüstert Käthe zurück. „Dürfen wir draußen spielen?“
„Draußen spielen?“, wiederholt Klara langsam. Sie schüttelt den Kopf. „Wir spielen hier nie.“ Dann ist sie plötzlich ganz still und dreht den Kopf zur anderen Seite.
In der Tür steht Mutter Maria Agatha. „Kommt Mädchen, es ist Zeit, aufzustehen!“
Zu zweit nebeneinander folgen die Mädchen Mutter Maria Agatha, bis sie in einem großen Saal ankommen. Den hat
Käthe bisher noch gar nicht gesehen. Sie ist gespannt darauf, was sie hier wohl tun werden. Schweigend setzen sich die Mädchen und Käthe freut sich darüber, dass sie einen Platz neben Klara bekommt.
Mutter Maria Agatha öffnet eine große Truhe und gibt jedem Mädchen ein Stück Stoff. Sofort machen sich alle eifrig an die Arbeit.
Käthe sieht die glänzenden Nadeln, die auf- und abgehen und sie schaut Klara bewundernd zu, die schon ein sehr hübsches Muster gestickt hat.
Mutter Maria Agatha kommt zu ihr. „Hast du schon einmal gestickt?“, fragt sie freundlich. Käthe schüttelt den Kopf.
„Das habe ich mir schon gedacht“, lächelt die Schwester, die die Mädchen geduldig beim Sticken hilft. „Aber das wirst du ganz schnell lernen. Sieh mal. So hält man die Nadel.“ Sie zeigt Käthe, wie man viele winzig kleine Kreuzchen stickt.
Dann darf Käthe es selbst ausprobieren. Sie gibt sich große Mühe, aber es gelingt ihr einfach nicht. Immer wieder verheddert sich ihr Faden oder er rutscht aus dem Nadelöhr. Zum Glück ist die Schwester nicht böse auf sie. „Jeder Anfang ist schwer“, sagt sie. „Du wirst es schon noch lernen.“
Aber Käthe seufzt vor Erleichterung, als endlich die Glocke zur Vesper, dem Abendgebet, läutet. Ob sie morgen mit dieser anstrengenden Arbeit weitermachen muss?
Die Tage vergehen, jeder Tag verläuft gleich. Aus den Tagen werden Wochen, aus den Wochen werden Monate und bevor Käthe sich darüber im Klaren ist, ist schon ein Jahr vergangen.
Klara hatte recht, denkt sie, man gewöhnt sich daran. Immer seltener denkt sie an früher. Die Bilder von dem alten Landhaus, in dem sie zur Welt kam, werden unschärfer. Immer weniger kann sie sich daran erinnern, wie ihr Vater, wie ihre Brüder aussahen. Nur an Dorothea kann sie sich noch sehr gut erinnern.
Wenn sie an Dorothea denkt, sieht sie sich selbst wieder mit einem Körbchen voller Eier hinter ihr herlaufen. Dann kann sie in ihren Händen fast den schwachen Flaum der kleinen Küken fühlen, die gerade erst aus den Eiern geschlüpft waren. In solchen Momenten laufen ihr doch mal ein paar Tränen über die Wangen und dann bekommt sie Heimweh. Heimweh nach einer Zeit, die nie wiederkommen wird.
Die Familie von Bora gehörte zum verarmten Landadel. Damals war es gang und gäbe, dass Mädchen von ihren Familien in einer Klosterschule untergebracht wurden. Dort bekamen sie eine gute Ausbildung, sie lernten Lesen und Schreiben – auf Latein, der Sprache der „Gelehrten“. Das bedeutete nicht unbedingt, dass sie in jedem Fall und für immer im Kloster bleiben und Nonne werden mussten, obwohl dies oft geschah, insbesondere wenn man nicht vermögend war. Für das Mädchen musste dann nicht die bei einer Heirat anfallende Mitgift bezahlt werden und im Kloster waren sie zeit ihres Lebens gut versorgt. Außerdem war man der Meinung, dass ein Leben im Kloster, das dem Dienst an Gott geweiht war, das allerbeste war.
Es ist ein kalter Morgen im Januar 1509. Käthe sitzt in der Nähe des Fensters im Klassenzimmer. Immer wieder haucht sie in ihre kalten Hände. Ihre Finger sind steif und die Beleuchtung ist schwach. So ist es ihr fast unmöglich zu schreiben.
Plötzlich hört sie Schritte auf dem Gang. Die Tür wird geöffnet, ihr Name wird gerufen, sie soll zur Äbtissin kommen. Neugierig folgt sie der Schwester durch die langen Gänge des Klosters zur Kammer der Ehrwürdigen Mutter Oberin. Abwartend bleibt sie stehen, bis die Äbtissin das Wort ergreift.
„Katharina von Bora, ein großes Glück wird dir zuteil!
Du wirst Chorfrau in dem schönen Kloster Marienthron in Nimbschen. Die Kutsche steht schon bereit für dich. Komm, ich begleite dich.“
Erstaunt schaut Käthe die Mutter Oberin an. „Aber, aber …“, fängt sie an. „Muss ich …, warum?“
Die Mutter Oberin versteht ihre Verwirrung. „Wir haben eine Nachricht von deinem Vater bekommen. Es ist sein Wunsch, dass du dein Leben Gott weihst. Marienthron ist ein wunderschönes, reiches Kloster. Ausschließlich junge Töchter aus dem Adel werden dort aufgenommen. Außerdem ist die Mutter Oberin, Margarete von Haubitz, eine Verwandte deiner Mutter. Für dich ist das eine große Ehre. Jetzt komm bitte mit, du hast noch eine lange Reise vor dir.“
Schweigend folgt Käthe der Mutter Oberin durch die langen Gänge nach draußen. Auf dem Platz vor dem Kloster warten Pferd und Wagen auf sie. Sie steigt ein und Mutter Oberin legt ihr warme Decken um.
„Gehe hin in Frieden, mein Kind, und die Gnade unseres Herrn sei mit dir“, hört sie sie zum Abschied sagen.
Dann setzt sich der Wagen in Bewegung. Noch einmal sieht Käthe sich um, von den anderen hat sie noch nicht einmal Abschied nehmen können.
Es ist schon spät am Mittag, als Käthe endlich in Nimbschen ankommt. Es liegt sehr einsam. Um sich herum sieht sie nichts als weite Felder. Und wie groß das Kloster ist! Es besteht aus so vielen Gebäuden, dass es fast wie eine kleine Stadt aussieht.
Als sie aus dem Wagen steigt, wird sie von Mutter Margarete von Haubitz persönlich begrüßt. Ihre Stimme hat einen warmen, freundlichen Klang. Käthe fühlt sich sofort wohl. Gemeinsam überqueren sie den Klosterhof hin zur Klausur, wo die Nonnen wohnen. Eine kleine, schon etwas ältere Nonne kommt auf sie zu.
„Sieh mal, da kommt deine Tante, Mutter Maria Magdalena von Bora. Sie wird dir deine Kleidung geben.“
„Meine liebe Käthe!“, ruft Tante Magdalena. „Wie schön, dass du zu uns kommst. Gut siehst du aus. Wie geht es euch in Lippendorf?“
„Ich komme nicht aus Lippendorf. Ich war schon eine lange Zeit in Brehna“, antwortet Käthe.
„Ach so! Dann weißt du sicher auch nicht, dass dein Vater wieder geheiratet hat?“
Käthe schüttelt den Kopf. „Nein, davon weiß ich nichts“, sagt sie langsam. Sie fragt sich, ob sie deswegen endgültig im Kloster bleiben muss?
„Probiere das hier mal an, es sollte dir passen“, hört sie Tante Magdalena sagen. „Dann gehen wir jetzt mal direkt in den Speisesaal. Da bekommst du warmen Brei mit frischem Brot.“
Während Käthe isst, erzählt ihre Tante viel Interessantes über das Kloster.
„Marienthron ist ein Zisterzienserkloster. Wir leben in großer Abgeschiedenheit von der Welt da draußen. Das bedeutet, dass wir uns – nach den Regeln unseres Ordens – um alles, was wir benötigen, selbst kümmern müssen. Hinter dem Klosterhof liegt die Propstei. Die besteht aus einer Mühle, einem Backhaus, einem Schlachthaus, einer Schmiede und einer Brauerei. Außerdem sind da die Ställe für die Pferde, Kühe, Schweine und Schafe. Und Hühner und Gänse gibt es da auch.“
Käthe beginnt zu strahlen. „Oh! Darf ich auch dorthin?“
Entschieden schüttelt Tante Magdalena den Kopf. „Nein, mein Mädchen, wo denkst du hin? Dort arbeiten ausschließlich die Knechte und Dienstmädchen. Wir Nonnen haben dort keinen Zutritt. Wir leben in strengster Klausur. Selbst wenn jemand aus unserer Familie uns besuchen möchte, ist das nur mit Erlaubnis der Äbtissin möglich. Und dann trennt uns ein vergittertes Fensterchen, an dem die Gitterstäbe so eng nebeneinander stehen, dass man nicht einmal eine Hand durchstrecken könnte!“
„Oh!“ Käthe stößt einen Seufzer aus. „Und was ist dann unsere Aufgabe?“
„Der Leitsatz unseres Lebens heißt: ‚Ora et labora‘ – Bete und arbeite.“ Tante Magdalena fasst zusammen: „Morgens um vier stehen wir auf, dann gehen wir in die Kirche …“
Während die Tante noch weiter erzählt, verspeist Käthe mit Genuss den leckeren, warmen Brei. Sie nickt, als Tante Magdalena abschließt: „Merke dir gut, die wichtigste Regel
lautet: schweigen und beten. Es wird von dir erwartet, dass du langsam gehst, deinen Kopf etwas gesenkt hältst, die Augen niederschlägst und die Hände in den Ärmeln verbirgst. Denke immer an deinen Himmlischen Bräutigam.“
Als Käthe am ersten Abend in ihrer kleinen Zelle auf der harten, mit Stroh gefüllten Matratze liegt, wickelt sie sich fest in die raue Decke. Es ist sehr kalt hier, viel kälter als in Brehna, wo es wenigstens noch eine Feuerstelle im Schlafsaal gab. Aber es stört sie nicht, es wird ihr schon gleich warm werden. Sie ist froh und erleichtert, die neue Umgebung hat etwas Vertrautes. Ihre Tante, die so gut und freundlich zu ihr ist, lebt hier. Sie wird sich schnell an die neue Umgebung gewöhnen.
Wenn ich schon Nonne werden muss, dann werde ich auch mein Bestes tun, um eine gute Nonne zu werden. Ich werde fleißig beten, arbeiten und fasten. Mit diesen Gedanken schläft sie schnell ein.
Die Heilkunde
Ein neuer Winter steht vor der Tür. Käthe ist nun schon seit fast zwei Jahren in Marienthron. Kurz nach ihrer Ankunft ist auch Ave von Schönfeld in das Kloster gekommen. Sie ist etwas jünger als Käthe, aber die beiden Mädchen haben sich sehr schnell angefreundet, wenn sie auch nur selten die Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen.
An diesem kalten Wintermorgen sitzen die Mädchen fröstelnd über ihre Arbeit gebeugt. Sie schlagen ihre Umhänge fester um sich herum. Es kostet sie sehr viel Mühe, den Griffel mit ihren roten, steifen Fingern festzuhalten. Immer öfter wird die Schreibstunde durch Husten und Niesen gestört.
Plötzlich legt Ave, die neben Käthe sitzt, ihren Griffel aus der Hand. Ihr ganzer Körper wird von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt.
Schwester Gertrud sieht das Mädchen besorgt an. „Es ist besser, wenn du in deine Zelle gehst und dich hinlegst“, sagt sie.
Ave steht auf, sie schwankt.
„Katharina, begleite sie bitte in ihre Zelle!“
Käthe nimmt ihre Freundin fest am Arm. Langsam gehen sie durch den endlosen Gang, Schritt für Schritt. Aves Hand ist heiß und das Mädchen zittert. Als sie schließlich in ihrer Zelle ankommen, lässt sich Ave keuchend auf die Strohmatratze fallen. „Mir ist so furchtbar kalt!“
„Warte, ich hole dir noch ein paar Decken.“ Käthe ist froh, dass sie etwas für ihre Freundin tun kann. Sie rennt zum Schlafsaal und kehrt kurz darauf mit ein paar dicken Decken zurück. Sie wickelt Ave in die Decken ein und bleibt dann abwartend stehen.
„Katharina …?“ Die Stimme des kranken Mädchens ist sehr schwach. „Bleibst du bitte bei mir?“
„Ja, natürlich bleibe ich bei dir. Hab keine Angst.“
Käthe zittert vor Kälte, aber sie bleibt tapfer neben ihrer Freundin sitzen, auch als Ave schon längst eingeschlafen ist.
Da hört sie Schritte auf dem Gang. Schwester Gertrud kommt, um nach dem kranken Mädchen zu sehen. Tante Magdalena ist auch mitgekommen. „Das hast du gut gemacht, Katharina, dass du bei deiner Freundin geblieben bist“, sagt sie freundlich. Sie fühlt den Puls und die heiße Stirn der Kranken. „Komm mal mit. Wir wollen ein paar Kräuter holen und daraus einen Tee zubereiten.“
Käthe folgt ihrer Tante Magdalena in einen Saal, in dem sie bisher noch nicht war. Ein unbekannter Geruch liegt in der Luft, eine Mischung aus Kräutern, Staub, etwas Essig und
Alkohol. An den Wänden hängen hunderte Pflanzen, und es gibt Regale, worauf unzählige Töpfe voller Samen und Blätter stehen. Auf einem großen Tisch entdeckt sie ein dickes Buch. Es ist aufgeschlagen und Käthe erkennt Zeichnungen von Blättern und Wurzeln.
„Das hier ist die Apotheke, Katharina“, sagt Tante Magdalena. Sie nimmt sich ein paar Töpfe und setzt Wasser zum Kochen auf den kleinen Ofen der Apotheke. Dann gießt sie das Wasser über die Kräuter.
Käthe atmet tief ein – was für ein herrlicher Duft!
„So, diesen Krug bringst du nun deiner kranken Freundin. Achte darauf, dass sie jede Stunde ein paar Schlucke davon trinkt.“
Mit beiden Händen umfasst Käthe den Krug mit dem warmen Getränk. Vorsichtig läuft sie zurück, es ist ziemlich dunkel in dem langen Gang. Ein Lämpchen am Ende des Ganges zeigt ihr den Weg.
Schwester Gertrud nickt ihr zu, als sie an das Bett ihrer Freundin zurückkommt. Behutsam sorgen beide dafür, dass das kranke Mädchen von dem Tee trinkt.
Am nächsten Tag liegen zwei weitere Mädchen mit Fieber im Bett. Wieder wird Tante Magdalena gerufen. Käthe begleitet sie von einem Bett zum anderen.
Langsam geht es den Mädchen wieder besser, die Kräuter haben ihnen geholfen.
Als Käthe wieder einmal mit Tante Magdalena in der Apotheke ist, fragt sie: „Woher weißt du denn so genau, welche Kräuter du verwenden musst, wenn jemand krank ist?“
„Ich habe mich lange Zeit mit der Krankenpflege befasst, mein Kind“, antwortet Schwester Magdalena. Sie zeigt auf das dicke Buch. „In diesem Buch findest du eine Liste von Heilmitteln und ihrer Wirkung. Seit es dieses Kloster gibt, haben die Pflegenden darin ihr Wissen und ihre Erfahrungen
aufgezeichnet. Sieh mal hier. Die erste Aufzeichnung stammt aus dem Jahre 1250. Dieses Buch ist voller Geheimnisse, es ist für uns hier von unschätzbaren Wert.“
„Darüber würde ich gerne mehr lernen“, sagt Käthe voller Interesse.
Tante Magdalena schaut Käthe prüfend an. „Ich habe den Eindruck, dass du tatsächlich dafür geeignet bist. Ich habe beobachtet, wie du mit den Kranken umgegangen bist und wie du dich um sie gekümmert hast. Weißt du was? Ich werde Mutter Oberin Margarete bitten, dass sie die Erlaubnis erteilt, dich in der Krankenversorgung zu unterweisen. Vielleicht könntest du dann bei der Pflege der Kranken mithelfen.“
„Oh, Tante! Das möchte ich sehr gerne!“, ruft Käthe froh.
Tante Magdalena runzelt ihre Stirn. „Ich bin Mutter Maria Magdalena, auch für dich, vergiss das nicht“, sagt sie streng. Aber dann lächelt sie schon wieder und sagt leise: „Hier hat das ja niemand gehört.“
Margarete von Haubitz erteilt die erbetene Erlaubnis sehr gerne. Schon am nächsten Morgen nimmt die Krankenschwester1 sie mit zur Apotheke des Klosters. Prüfend sieht sie Käthe an. „Also, Katharina, du interessierst dich für die Heilkunde?“ Käthe nickt.
„Eine schöne Aufgabe, Kind, aber es handelt sich auch um eine verantwortungsvolle und gefährliche Arbeit. Fehler dürfen dir nicht passieren.“ Ernst schaut sie Käthe an und ergänzt: „Auch wenn du immer alles nach bestem Wissen und Gewissen tust, so wirst du trotzdem nicht immer erfolgreich sein. Dafür reicht unser Wissen nicht aus und ohne die Hilfe und den Willen Gottes können wir sowieso nichts tun. Es gibt Menschen, die uns kurzerhand die Schuld für etwas geben
1 Das war die damalige Siechenmeisterin des Klosters
oder uns sogar der Zauberei verdächtigen. Also gib immer gut acht und sei vorsichtig. Alles, was du tust, kann Menschenleben retten – oder auch eben nicht.“ Sie zeigt nach oben.
„Sieh mal. Auf diesen Regalen stehen Töpfe mit Kräutern, Wurzeln, Aufgüssen und auch Töpfchen mit Salben.“
Käthe betrachtet die vielen Töpfe. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht zu lesen, was darauf steht.
„Lies immer sorgfältig, was auf den Töpfen steht und merke dir, wo du alles findest, damit du nie lange suchen musst“, sagt die Krankenschwester weiter. „Wenn du dir etwas nimmst, musst du immer zweimal nachsehen, ob du das Richtige genommen hast. Achte ganz genau auf die vorgeschriebene Menge. Alle Heilmittel sind auch Gifte.“ Sie zeigt auf einen Topf. „In diesem Topf befindet sich eine Flüssigkeit, von der einige Tropfen genügen, um gut schlafen zu können. Wenn du aber einen Löffel voll davon zu dir nimmst, wirst du nie wieder aufwachen.“
Käthe ist entsetzt.
Die Krankenschwester nimmt sich ein Glas, in dem eine trübe Flüssigkeit schwimmt. „Das hier ist eine Medizin, die gegen Herzprobleme hilft. Hergestellt wird sie aus den Blüten der Fingerhutpflanze. Aber pass gut auf! Es hilft nur, wenn man eine ganz geringe Menge davon verabreicht. Bei einer größeren Menge stirbt der Patient.“
Vor Schreck schlägt Käthe sich eine Hand vor den Mund. „Aber, aber … das ist ja furchtbar ge-gefährlich!“, stottert sie.
„Ja“, bestätigt die Krankenschwester ernsthaft. „Deswegen ist es sehr wichtig, dass du so sorgfältig wie möglich arbeitest. Und wenn einer der Töpfe zur Hälfte aufgebraucht ist, musst du den Namen des Mittels hier auf die Tafel schreiben, damit der Vorrat wieder aufgestockt werden kann. Es ist wichtig, dass wir darauf achten, die Pflanzen und Kräuter in der richtigen Jahreszeit zu ernten.“ Sie zeigt auf eine Ecke in der Apotheke.
„Wie du siehst, steht hier eine ganze Reihe von Pflanzen aus dem Wald. Im Sommer haben wir immer viel damit zu tun, sie zu ernten.“
„Dann gehen wir also nach draußen?“, fragt Käthe überrascht.
Die Krankenschwester nickt. „Ja, wir suchen die Pflanzen im Wald des Klosters, rund um den Teich und in der Heide.“
Käthe strahlt. Nach draußen! Endlich! Wenn es doch nur schon Sommer wäre!
„Wir kümmern uns außerdem um den Kräutergarten hinter der Küche“, sagt die Krankenschwester weiter. Dann zeigt sie auf den Tisch. „Aber nun nimmst du dir die Schale und zwei Leinentücher, denn jetzt müssen wir unsere Kranken besuchen.“
Käthe tut, was ihr aufgetragen wird.
Die Krankenschwester hält einen Becher in der Hand.
Käthe sieht, dass in der hellen Flüssigkeit merkwürdige Dinge schwimmen, darunter kleine Körner und sehr kleine Stücke von Stroh. „Was ist denn das?“, fragt sie.
„Das ist ein wirksames Mittel gegen den Husten, nämlich in Wein aufgelöster Pferdemist.“
Käthe muss ganz plötzlich husten.
„Pass auf! Lass die Schale nicht fallen! Was ist denn los? Möchtest du etwas von der Medizin probieren?“
„N-nein, lieber nicht, d-danke“, stammelt Käthe.
Besuch von Abt Balthasar
Zwei Mönche klopfen an das Tor des Klosters. Sie kündigen den alljährlichen Besuch von Balthasar, dem Abt des Klosters in Pforta an. Er hat die Aufsicht über die Frauenklöster der
Umgebung. Sehr bald wird er nach Marienthron kommen, um zu prüfen, ob die Regeln des Ordens hier eingehalten werden.
Käthe weiß natürlich mittlerweile, was das bedeutet. Das Kloster muss auf Hochglanz gebracht werden. Jeder Raum wird geschrubbt, alle Kleidungsstücke werden gewaschen. Bei Kaufmann Koppe in der Stadt Torgau werden Bestellungen aufgegeben, damit den Gästen bei ihrem Besuch die köstlichsten Mahlzeiten serviert werden können. Aber vor allem wird mit noch größerem Eifer gebetet und die Gesänge werden wieder und wieder geübt. Kein einziger falscher Ton darf unter dem strengen Blick und den spitzen Ohren des Abtes erklingen.
Schließlich ist es so weit. Margarete von Haubitz schickt den Wagen, um Abt Balthasar mit seinem Gefolge abzuholen. Von den herrlichen Mahlzeiten, die den Gästen bei der Äbtissin serviert werden, kriegen die Nonnen nichts zu sehen. Ihre eigene Mahlzeit ist nun noch einfacher als zuvor geworden, damit der strenge Mann zufriedengestellt werden kann und um so zu zeigen, dass hier die Regeln des Ordens ganz genau eingehalten werden.
Käthe stöhnt leise, als sie nach dem Essen vom Tisch aufsteht. Sie ist noch lange nicht satt. Sie wünscht sich, dass der Abt möglichst bald wieder abreist. Vielleicht bekommen sie dann am Abend wieder etwas mehr zu essen. So oft hat sie großen Hunger.
Nach dem Mittagessen macht Abt Balthasar persönlich einen Besuch bei den Nonnen. Es ist etwas ganz Außergewöhnliches, dass ein Mann in diese Unterkunft kommt. Selbst die Beichtväter dürfen diese Räumlichkeiten nur betreten, wenn jemand erkrankt ist.
Mit gesenkten Köpfen hören Käthe und die anderen Nonnen zu, als der Abt mit barschem Ton zu ihnen spricht: „Ich habe gehört, dass merkwürdige Gesänge hier Einzug gehalten
haben. Entgegen der Regel des Heiligen Bernhard wird hier zu schnell und zu unmelodisch gesungen. Ihr habt die üble Angewohnheit, dass man manchmal nur ein paar Stimmen und dann wieder alle Stimmen zugleich hört. Ich ermahne euch, mit Inbrunst zu singen, sauber und einstimmig, Silbe an Silbe aneinandergereiht, weder zu hoch noch zu tief. Ich werde das überwachen lassen!“ Durchdringend blickt der Abt die Nonnen an, eine nach der anderen.
Käthe läuft ein Schauer über den Rücken, als sein Blick auf ihr ruht. Sie versucht sich noch ein bisschen mehr hinter ihrem Schleier zu verstecken und schlägt die Augen nieder.
„Weiter sage ich mit großem Nachdruck, dass euch jeglicher Besitz strengstens verboten ist. Es ist euch nicht erlaubt, ein Geschenk von jemandem aus eurer Familie oder von anderen Menschen von außerhalb anzunehmen. Ihr habt es bei der Äbtissin abzugeben. Bei ihr bittet ihr demütig um das, was ihr unbedingt benötigt. Vollkommen abgeschieden von der Welt und nur noch für euren Himmlischen Bräutigam habt ihr zu leben.“ Der Abt wird immer lauter, sein Gesicht ist ganz rot. „Achtet darauf, zu jeder Zeit zu schweigen und zu gehorchen. Denkt daran, dass ihr über jedes überflüssige Wort Rechenschaft ablegen müsst. Nicht nur vor dem Thron Gottes, sondern auch im Beichtstuhl des Priesters. Ihr habt euch still, sittsam und demütig zu verhalten!“
Noch einmal wirft er einen strengen Blick auf die Nonnen, dann kehrt er ihnen den Rücken zu und verlässt den Raum.
Erleichtert holt Käthe Luft. Alle Nonnen sind froh darüber, dass der alljährliche Besuch vorüber ist. Auch Äbtissin Margarete von Haubitz würde diese Aufsicht gerne loswerden. Ab und zu drückt sie ein Auge zu, so dass der Abt bei seinem nächsten Besuch genau die gleichen Dinge beanstanden muss.