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Christliche Einheit und Gemeinschaft

William Kelly und andere

Christliche Schriftenverbreitung An der Schloßfabrik 30 • 42499 Hückeswagen www.csv-verlag.de

Die Bibelstellen werden nach der überarbeiteten Fassung der „Elberfelder Übersetzung“ (Edition CSV Hückeswagen) angeführt.

2. erweiterte Auflage 2023

© by Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen

Umschlag: Brockhausdruck, Sophia Greeb Satz: Christliche Schriftenverbreitung

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN: 978-3-89287-676-2

www.csv-verlag.de

Vorwort zur Neuauflage

Im Jahr 1982 erschien „Christliche Einheit und Gemeinschaft“ im Heijkoop-Verlag in Schwelm. Der Ursprung dieser Schrift liegt in einem 1882 gehaltenen Vortrag von W. Kelly. Dieser wurde erstmals veröffentlicht in der vom Verfasser selbst herausgegebenen Monatsschrift The Bible Treasury Vol. 14 (1882/83), S. 140 ff. unter dem Titel „The Unity of the Spirit“. Der Übersetzung zugrunde lag die vom ehemaligen C. A. Hammond Trust Bible Depot in London als „Christian Unity and Fellowship“1 herausgegebene 5. Auflage (o. J.) eines Sonderdrucks dieses Vortrags, in dem einige Anspielungen Kellys auf damals aktuelle historische Hintergründe gekürzt bzw. ausgelassen wurden.

Nachdem diese Publikation einige Jahre vergriffen war, haben wir uns entschlossen, sie noch einmal neu aufzulegen.

Wir haben einige kleine sprachliche Änderungen durchgeführt sowie Bibelstellenangaben hinzugefügt, ansonsten sind die Ausführungen von W. Kelly (und J. N. Darby) auch umfänglich gleich geblieben.

1 Online: www.stempublishing.com/authors/kelly/7subjcts/unity.html (Auch die Langfassung von 1882/83 ist auf stempublishing verfügbar unter dem Titel: The Unity of the Spirit, and what it is to keep it.)

Vorwort zur Neuauflage

Ergänzt haben wir in dieser Neuauflage eine hilfreiche Aufstellung von Günter Vogel, die 1996 in der Schrift Entgegen der Lehre, die wir gelernt haben erschienen ist, sowie einen erwägenswerten Aufsatz von F. B. Hole, der aus dem Englischen übersetzt wurde. Außerdem wurden noch einige Überlegungen zur Teilnahme am Brotbrechen hinzugefügt.

In diesen letzten Tagen, in denen es viel Verwirrung gibt, ist es nicht immer einfach, „mitten auf den Steigen des Rechts“ (Spr 8,20) zu gehen und die verschiedenen Gefahren zu erkennen, die uns davon abziehen wollen.

Ergänzend zu der vorliegenden Publikation empfehlen wir dem interessierten Leser drei weitere Bücher, die Hilfestellung bieten, auf dem Weg Gottes weder zur Rechten noch zur Linken abzuweichen (siehe Seite 82ff.). Der Wunsch eines jeden Christen sollte es sein, „die Einheit des Geistes zu bewahren im Band des Friedens“ (Eph 4,3). Treffend wird dieser Wunsch in einem Lied so ausgedrückt:

Auch wollen wir im Band des Friedens wahren die Einheit des Geistes hier, sanftmütig gehn den Weg des Lebens, brüderlich, einträchtig, Herr, mit Dir!2 Der Herausgeber

2 Kleine Sammlung Geistlicher Lieder , Lied 210

Zum Geleit zur ersten Auflage

Wohl jedem Gläubigen dürfte es klar sein, dass wir in der letzten Zeit des christlichen Zeugnisses auf der Erde leben. Wenn wir an Bibelstellen wie 2. Thessalonicher 2; 1. Timotheus 4; 2. Timotheus 3 und 4; 2. Petrus 3 und Judas 17 usw. denken, so erkennen wir, dass Gott dies in seinem Wort bereits vorausgesagt hat. Schon das Alte Testament bekundet, dass der Mensch alles verdirbt, was Gott ihm an Gutem anvertraut hat. Das Neue Testament zeigt prophetisch, dass sogar das Höchste, das Gott aufgrund des wunderbaren Werkes des Herrn Jesus auf Golgatha den Menschen geschenkt hat, von ihnen verdorben und verworfen wird.

Aber wie geduldig ist unser Herr und unser Gott! Er ist bemüht, die Menschen auch von den schrecklichsten Verwirrungen zurückzuführen zu dem ersten Zustand, in dem sie in dem vollen Genuss aller Segnungen Gottes standen und ein echtes Zeugnis von der Güte Gottes waren. Diese Bemühungen der Gnade Gottes durchziehen sein ganzes Wort, auch im Blick auf die Geschichte des Christentums. Zu der Versammlung in Ephesus sagt der Herr: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tu Buße und tu die ersten Werke“, und zu Sardes: „Gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tu Buße“, und schließlich zu Philadelphia: „Ich komme bald; halte fest, was du hast, damit niemand deine Krone nehme!“ (Off 2,5; 3,3.11).

Sollten wir dieses Rufs des Herrn nicht bedürfen? Jeder, der sich selbst ein wenig kennengelernt hat, weiß, dass nur die Treue des Herrn uns bewahren kann. Er versucht immer wieder, uns zurückzuführen zu dem, was von Anfang war. Er ermöglicht es uns, zu dem zurückzukehren, was Er im Anfang gegeben hat, denn Er hat in seinem Wort die Fundamente niedergelegt. Er hat auch später durch seine Diener niederschreiben lassen, was Er Ihnen an Erkenntnis über seine Gedanken gegeben hat.

Ich bin daher sehr dankbar, dass die nachstehenden Ausführungen nun auch in deutscher Sprache erscheinen. Sie sind im vorigen Jahrhundert in England geschrieben worden, als der Herr vor ungefähr 150 Jahren wichtige göttliche Grundsätze in das Bewusstsein der Seinen zurückrief. Die Wahrheit von der Einheit des Leibes Christi und ihre praktische Verwirklichung sind auch für uns heute von allergrößter Bedeutung. Der Herr schenke es uns, dass wir uns alle anhand des Wortes Gottes prüfen, ob wir festgehalten haben, „was von Anfang war“, und uns mit Herzensentschluss vornehmen, diese Grundsätze praktisch zu verwirklichen, wenn es auch in der Zeit des Verfalls, ja des Abfalls, in der wir leben, schwer sein wird.

„Möge Gott in seiner Gnade dieses Heft benutzen, um seinem Volk seine eigenen Gedanken über Einheit und Gemeinschaft ins Gedächtnis zurückzurufen; denn das wird notwendig zur Verherrlichung unseres Herrn Jesus Christus gereichen“ (aus dem Vorwort zur 5. engl. Auflage).

H. L. Heijkoop

Die Einheit des Geistes

Fleiß anwenden

Welche Bedeutung Gott dem Bewahren der Einheit des Geistes beimisst, ist jedem christlichen Leser, der mit Epheser 4,1-3 vertraut ist, hinreichend klar. „Befleißigen“ gibt jedoch nicht die volle Aussagekraft des Wortes wieder, das der Geist Gottes hier im Grundtext verwendet. In gewöhnlicher Alltagssprache pflegt man von „befleißigen“ oder „fleißig sein“ zu reden, wenn jemand etwas zu erlangen versucht, nach etwas strebt, selbst wenn er keine Hoffnung hat, das Erstrebte zu erreichen. Er mag fühlen, dass es ihm misslingen könnte, versucht oder „befleißigt sich“ aber auf jeden Fall, dieses oder jenes zu tun. Eine solche Bedeutung hat das in Epheser 4,3 gebrauchte Wort nicht. Es meint vielmehr: Eifer bei der aufmerksamen Beachtung und Ausführung von etwas, das bereits wahr ist; Fleiß anwenden, um „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“. Das zeigt, welche Ermahnung hier beabsichtigt ist: Wir sollen nicht Bemühungen anstellen, um etwas zu erreichen, sondern Eifer zur Bewahrung von Bestehendem aufbringen.

Die Einheit des Geistes ist nämlich für den Glauben eine bestehende Tatsache. Sie zu bewahren, ist deshalb aber nicht weniger unsere gegenwärtige Verpflichtung. Nicht,

Die Einheit des Geistes

dass wir von uns aus eine Einheit zu bewerkstelligen hätten, oder dass Gott sie erst im Himmel für uns schaffen würde. Hier und jetzt hat der Heilige Geist diese Einheit gebildet, die zu bewahren ganz klar unsere Verantwortung auf der Erde ist. Zweifellos können wir viel aus der Tatsache lernen, dass es sich um „die Einheit des Geistes“ handelt, wie sie genannt wird. Es geht also keineswegs um eine bloße Einheit unsererseits, noch um die Einheit des Leibes (obwohl diese ein Ergebnis der Einheit des Geistes ist), sondern um diejenige Einheit, die der Heilige Geist stiftete, als Er alle Glaubenden, Juden oder Heiden, Sklaven oder Freie, zu einem Leib taufte. Das stellt die handelnde göttliche Person, die wirksame Quelle und Kraft der Einheit, den Heiligen Geist, in den Vordergrund, setzt aber den einen Leib voraus und schließt ihn ein.

Dieser eine Leib ist selbst eine so unzweifelhafte und beständige Wirklichkeit, dass manche Ausdrücke, die im Blick darauf oft gebraucht werden, sich als falsch erweisen. Von einem Zertrennen des Leibes hören wir in den Worten und Schriften der Menschen, niemals in Gottes Wort. Geradeso wie kein Bein Christi gebrochen werden durfte, so kann auch der Leib Christi, die Kirche, nicht zertrennt werden. „Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung“ (Eph 4,4). Das sind die lebenswichtigen, bleibenden und unveränderlichen Wahrheiten dieser neuen Beziehung, in der die Gläubigen nun zu Christus und untereinander stehen. So gewiss wie ein Geist vom Himmel herniedergesandt worden ist, so gewiss gibt es auch nur einen Leib auf der Erde; doch was die Glieder dieses Leibes zu bewahren berufen sind, ist die Einheit des Geistes.

Seit Pfingsten besteht eine göttliche Einheit auf der Erde – nicht eine bloße Ansammlung von durch Gnade berufenen Einzelnen, sondern eine durch den Geist Gottes geschaffene Einheit. Diese göttliche Gemeinschaft hier auf der Erde wird nicht durch den Willen der Personen gebildet, die zu ihr gehören. Zwar sollte man annehmen, dass ihre Herzen, falls sie richtig stehen und einsichtig sind, völlig mit der Gnade in Einklang sind, die sie so vereint hat. Aber die Kirche oder Versammlung Gottes ist durch den Willen Gottes gebildet worden. Wie Er sie in seiner Gnade geplant hatte, so hat Er sie durch seine Macht ins Leben gerufen, wobei es der Heilige Geist war, der diese gesegnete Einheit zustande gebracht hat. Aus diesem Grund hat der Geist Gottes das tiefste und innigste Interesse daran, diese Einheit zur Verherrlichung Christi und nach den Ratschlüssen des Vaters praktisch zu verwirklichen. Sie wird die Einheit des Geistes genannt; doch möge sich niemand einbilden, er könne die Einheit des Geistes einsichtsvoll bewahren, wenn er den einen Leib Christi auch nur für einen Moment dem Grundsatz nach oder in der Praxis aus dem Blick verliert.

Eine zu weite Einheit – Gleichgültigkeit

Es gibt natürlich verschiedene Weisen, wie die Gläubigen darin versagen können, die Einheit des Geistes zu bewahren. Aber solches Versagen kann sich letztlich nur in zwei entgegengesetzten Richtungen auswirken, die ebenso weit verbreitet wie offenkundig sind. Der erste Fehler besteht darin, eine Einheit herzustellen, die weiter ist als diejenige des Geistes; den zweiten Fehler begeht

Die Einheit des Geistes

man, wenn man die Einheit enger macht als die Einheit des Geistes. Auf der einen Seite kann es weltliche Laxheit, auf der anderen bloße Parteilichkeit geben. Die Gefahr, in diese Extreme zu verfallen, ist so groß, dass nur der Geist Gottes durch das Wort unsere Blicke auf Christus gerichtet halten kann. Was immer man bezwecken oder womit man sich auch entschuldigen mag – der treibende Beweggrund kann im Grunde nur der dem Willen Gottes entgegengesetzte Eigenwille des Menschen sein.

Im ersten Fall ist man also geneigt, die Einheit zu erweitern. Man besteht darauf, außer den Gliedern des Leibes Christi noch weitere große Mengen aufzunehmen. Seelen werden als solche, die Christus angehören, anerkannt, ohne dass man einen angemessenen Grund dafür hätte. Welch eine Verunehrung seines großen Namens! Ich rede jetzt nicht von Schwachheit bei der Anerkennung solcher, deren Bekenntnis man für wahr hält, sondern von der willentlichen Absicht, Personen aufzunehmen und als zum Leib Christi gehörend zu behandeln, die nicht einmal selbst bekennen, Glieder seines Leibes zu sein, und die offensichtlich nie aus dem Tod in das Leben übergegangen sind.

Gerade das aber hat Rom während seiner Herrschaft über den Westen im Mittelalter getan; und die östlichen Kirchen (wie die Griechisch-Orthodoxen, Nestorianer usw.) waren um keinen Deut besser als die Katholische Kirche, bevor die große Spaltung sie entzweite. Ohne auf den Glauben und das Empfangen des Geistes zu achten, haben sie alle mittels fleischlicher Anordnungen die Welt gesucht und aufgenommen. Die Reformation, so viel sie

auch zustande gebracht hat, hat diesen grundlegenden Irrtum keineswegs berichtigt. Der Protestantismus lehnte die Frau ab, die über die Nationen – wenn möglich, alle Nationen – herrschte (vgl. Off 17,1 ff.). Da er aber von der Einheit des Geistes nichts verstand, errichtete er überall dort, wohin sich sein Einfluss erstreckte, kraft Gesetz seine eigene unabhängige Religion.

Das ist der wohlbekannte Grundsatz der Landeskirchen, wo immer sich diese befinden, sei es in England oder in Schottland, in Deutschland oder in Holland. Sie bekennen, alle anständigen Leute in den jeweiligen Bezirken oder Gemeinden aufzunehmen. Das ist zugestandenermaßen eine Religion für jedermann und entspricht in gar keiner Weise der Absicht oder dem Wunsch, sich mit niemandem zu verbinden, der kein lebendiges Glied Christi ist. Man lässt Herkunft oder örtliche Beziehungen gelten, es sei denn, ein öffentlicher Skandal liege vor. Neues Leben oder Glaube werden nicht verlangt, noch weniger die Gabe des Heiligen Geistes, wie es früher doch der Fall war (Apg 11,16.17). Dergleichen entspricht eher dem Muster Israels als dem der Versammlung (Gemeinde), in der es weder Juden noch Griechen gibt, sondern alle in Christus eins sind. Es geht bei den Landeskirchen um familiäre Bande und geographische Grenzen. Die Leute sind keine Israeliten oder Heiden, sondern bekennen sich, da sie sich in einer allgemein sogenannten Landeskirche befinden, zur christlichen Religion. Aber ist es denn nicht klar, dass in einer Landeskirche die Einheit des Geistes in keiner Weise bewahrt werden kann? Jemand mag ein wirklicher Christ, ein Kind Gottes sein – aber für ein Mitglied einer

Die Einheit des Geistes

Landeskirche bestehen weder der Gedanke noch die Möglichkeit, innerhalb dieser Kirche „die Einheit des Geistes zu bewahren“. Folglich spricht man z. B. von der Kirche Englands und nicht von der Kirche Gottes in England; noch weniger hat man alle im Blick, die auf der ganzen Erde Christus angehören.

Tatsache ist, dass solche evangelische Christen zwar aus Babylon entronnen, jedoch stattdessen dazu gelangt sind, eine von der Einheit des Geistes völlig verschiedene, ja dieser sogar entgegengesetzte Einheit anzuerkennen. Sie haben eine Einheit aufgerichtet, die, wenn mit vollständigem Erfolg durchgeführt, die ganze Nation umfassen würde, vielleicht mit Ausnahme derer, die allen religiösen Schein meiden. Im Blick auf Letzteres möchte ich nämlich nicht vergessen, dass die liturgischen Vorschriften gegen Verbrechen oder öffentliches Ärgernis Vorsorge treffen. Es ist jedoch allgemein bekannt, dass es in jeder Stadt, nahezu in jeder Familie mehr oder weniger angesehene Personen, moralische und liebenswürdige Menschen gibt, die genau wissen, dass sie nicht aus Gott geboren sind, und die sich scheuen würden, sich Glieder Christi zu nennen, es sei denn, sie sind dazu verleitet worden, diese Stellung aus rituellen Gründen zu beanspruchen. Die meisten von ihnen würden davor zurückschrecken, „Heilige“ genannt zu werden, und umgekehrt nicht zögern, diesen Ausdruck als Schimpfwort den Kindern Gottes beizulegen, die sich nicht schämen, sich als diejenigen zu bezeichnen, die sie sind.

Wer den Namen „Heiliger“ ablehnt, ist auch offensichtlich keiner – es sei denn, man könnte sich ehrlicherweise einen so tief gesunkenen oder verfinsterten Gläubigen vorstellen, dass er aus der Bezeichnung, die Gott seinen Kindern gegeben hat, einen Spottnamen macht. Und wir können ohne Zweifel sicher sein, dass jemand, der so denkt und redet, nicht wandelt, wie es einem Heiligen geziemt. Wenn nun jemand nicht im schriftgemäßen Sinn ein Heiliger ist, dann ist er mit Sicherheit kein Christ, außer im Blick auf sein leeres Bekenntnis, für das ihn Gott richten wird. Ist es denn nicht klar, dass ein Christ ein Heiliger und noch wesentlich mehr als das ist? Es gab Heilige auch zur Zeit des Alten Testaments, es gab Heilige vor dem Kreuz Christi; aber waren all diese wirklich Christen? Ein Christ ist ein Heiliger in der Zeit nach dem Erlösungswerk, jemand, der durch den Glauben an das Evangelium, in der Kraft des Heiligen Geistes und auf der Grundlage des Werkes Christi für Gott abgesondert ist. Was immer er auch vorher als natürlicher Mensch gewesen sein mag – Gott hat ihn mit Christus lebendig gemacht und ihm all seine Vergehungen vergeben. Nun, da er durch das Blut Christi nahe gebracht worden ist, darf er als ein Kind vor Gott treten. Damit ist er auch ein Glied des Leibes Christi.

Nun, diese Personen sind es, die die Berufung haben, die Einheit des Geistes in dem Band des Friedens zu bewahren und sich allem zu widersetzen, was diese Einheit verfälschen könnte. Das bedeutet nicht lediglich, dass die Gesinnung im Inneren und der persönliche Wandel nach außen hin zu der Einheit des Geistes passen müssen, obwohl das natürlich wahr ist. Doch Zuneigungen

und Wandel mögen noch so hervorragend sein, es wäre etwas Ernstes für einen Christen, den Ausdruck dieser Einheit zunichtezumachen oder einfach darüber hinwegzusehen. Aber wird die Einheit des Geistes nicht durch jeden Gläubigen verunehrt, der irgendeine Einheit anerkennt, die nicht vom Heiligen Geist ist? Wenn er die Gemeinschaft einer Landeskirche in diesem oder jenem Land anerkennt, ist es dann nicht klar, dass er den Boden verlassen hat, auf den die Schrift alle Heiligen stellt? Wie kann man als Mitglied einer solchen Kirche die Einheit des Geistes bewahren? Der Betreffende mag sich übrigens in anderer Hinsicht durchaus als ein wahres Kind Gottes verhalten, sein Wandel mag Achtung und Liebe verdienen, und sicher sollte er für jeden, der sich beeifert, die Einheit des Geistes zu bewahren, ein Gegenstand zartfühlender Anteilnahme sein; denn wenn Letztere ihrer Berufung treu sein wollen, müssen sie für die Befreiung aller Kinder Gottes beten, die in diesem Punkt nicht dem Willen und dem Wort des Herrn Jesus folgen.

Dennoch steht es außer Frage, dass diejenigen, die sich zu einer Einheit bekennen, die auf der Grundlage von aller Welt offenstehenden Riten das Fleisch zulässt, sich auf einem Boden befinden, der weiter ist als die Einheit des Geistes. Folglich können sie auch nicht in Übereinstimmung mit dieser wandeln. Wahre Einheit schließt jede andere aus. Wie man nicht zwei Herren dienen kann, so kann man auch nicht an einer zweifachen Gemeinschaft teilhaben. Die Einheit des Geistes lässt keine rivalisierende Einheit zu. Die Einheit des Geistes

Eine zu enge Einheit – Sektiererei

Doch es gibt noch eine andere Art des Abweichens von der Wahrheit, die die Kinder Gottes daran hindern kann, die Einheit des Geistes zu bewahren. Durch den Missbrauch von Lehre oder Zucht können sie eine Einheit bilden, die nicht nur tatsächlich, sondern grundsätzlich und mit Absicht enger ist als die Einheit des Leibes Christi. Befinden sich solche auf göttlichem Boden? Ich denke nicht. Sie mögen ihre eigene Regierungsform offen aufrichten oder auch insgeheim ein ausgemachtes, wenngleich ungeschriebenes System von Vorschriften haben, wodurch Gläubige, die zwar ebenso gottesfürchtig sind wie sie, aber diese Vorschriften nicht akzeptieren können, ausgeschlossen werden. Dann haben wir es mit einer Sekte zu tun. Ihre Satzungen sind nicht die Gebote des Herrn, erhalten in der Praxis aber dennoch ebenso viel Autorität wie sein Wort, oder (wie es üblich ist) sogar noch mehr. Was soll noch die Behauptung, keine menschlichen Vorschriften zu haben, wenn man für solche, mit denen man in Berührung kommt, unter der Hand bestimmte Bedingungen für die Gemeinschaft einführt –hier schärfer, dort lockerer, je nach der unterschiedlichen Politik und Laune der Führer? Jede derartige Haltung nimmt die Gestalt, nicht von Landeskirchentum, sondern von Sektiererei an, die (anstelle zu weiter oder offener Grenzen) eher diejenigen aufzuspalten sucht, die zusammen sein sollten. Wenn Christen so zusammenkommen, dann geben sie durch ihre Gemeinschaft lediglich ihrer Verschiedenheit von ihren Brüdern Ausdruck; sie stehen in keiner Weise auf dem Boden der Einheit zusammen, die von Gott ist. Das ist dem Grundsatz nach Sektiererei;

Die Einheit des Geistes

und wenn die Betreffenden es besser wissen, dann sind sie schuldiger als gewöhnliche freikirchliche Christen.

Unter dieser Rubrik einer zu engen Einheit finden wir die Kinder Gottes oft zerstreut vor, und zwar durch den Druck fragwürdiger oder sogar falscher Zuchtausübung, oder infolge übermäßig betonter, wenn nicht falscher Lehre. Einige ziehen eine entschieden arminianische, andere eine streng calvinistische Gemeinschaft vor.3 Die einen mögen bestimmte Ansichten über das Kommen und das Reich Christi aufdrängen; andere über den Dienst, Bischöfe, Älteste usw.; wieder andere über die Taufe, deren Durchführungsweise oder die zu taufenden Personen. Diese kirchlichen Gesetzgeber scheinen sich überhaupt nicht bewusst zu sein, dass ihr Missbrauch dieser Lehren oder Praktiken mit dem Bewahren der Einheit des Geistes in dem Band des Friedens unvereinbar ist; sie selbst irren sich, wenn nicht in ihren Ansichten, so doch zumindest in der Art und Weise, wie sie diese anderen aufdrängen.

Hinter diesen nach außen hin sichtbaren Abweichungen vom Willen Gottes über seine Kinder wird man tieferliegende Ursachen finden, die den Heiligen Geist

3 Anmerkung des Übersetzers: Während Jean Calvin (1509–1564) eine schroffe Prädestinationslehre vertrat (Gott habe von Ewigkeit her die einen zur Seligkeit, die anderen zum Gericht bestimmt), betonte der Leidener Theologieprofessor Jacobus Arminius (1560–1609) die Willensfreiheit des Menschen (es liege allein beim einzelnen Menschen, sich für oder gegen das Heil zu entscheiden). Der arminianische Streit (1604–1619) war weit über seine Zeit und die Grenzen Hollands hinaus von großer theologischer Bedeutung.

betrüben und die wahre und geistliche Erkenntnis des Gläubigen hindern. Die persönlichsten und vielleicht am weitesten verbreiteten Hindernisse entspringen dem Zustand der Seele, und zwar durch Unkenntnis eines voll und ganz befreienden Evangeliums. Die Sünde ist in solchen Fällen nie völlig vor Gott gerichtet worden, und folglich kennt man selbst den Grundsatz der Befreiung (Röm 8,2) nur zum Teil, wenn man ihn überhaupt kennt. Noch weniger ist die Kraft des Geistes vorhanden, in welcher der Tod Christi schonungslos auf das eigene Ich praktisch angewandt wird. Vielleicht hat man selbst die Vergebung der Sünden als eine vollendete Tatsache nur schwach erfasst. Dass es oft so ist, zeigt die Auffassung, man müsse immer aufs neue seine Zuflucht zu dem Blut Christi nehmen, oder (wie einige es ausdrücken würden) ein ständiger Reinigungsprozess müsste vor sich gehen. Diese Lehre gründet man auf ein falsches Verständnis der Gegenwartsform in 1. Johannes 1,7, deren moralische Tragweite man unwissenderweise auf die bloß tatsächliche Zeit einschränkt. Wieder andere haben eine völlig oberflächliche und falsche Ansicht über die Welt, so als ob die ganze Welt durch das Kreuz Christi nun dem Christen gehöre, während doch im Gegenteil der Christ der Welt und die Welt ihm gekreuzigt ist.

Wenn das Fleisch und die Welt auf diese Weise nur unzulänglich und nicht nach dem Wort Gottes im Licht des auferstandenen Christus gerichtet worden sind, dann ist das Herz nicht in jeder Hinsicht in Gemeinschaft mit Gott. Obwohl man den größten Eifer für Seelen an den Tag legen mag, so weit ihre gefährliche Lage und die vergebende Gnade Gottes verstanden werden, und obwohl man mit

Die Einheit des Geistes

aufrichtiger und brennender Liebe wünschen mag, dass Christus durch die Segnung dieser Seelen geehrt werde, so nimmt doch die Natur immer noch einen breiten Raum ein. Das Wort und der Geist Gottes regieren das zu dem Gestorbenen, Auferstandenen und Verherrlichten hin abgesonderte Herz nicht vollständig. Wie kann man bei einem solchen Zustand erwarten, dass jemand sich ein gesundes geistliches Urteil über die Kirche zu bilden vermag, kompliziert wie diese Frage nun durch den Ruin der Kirche ist?

Viele Gläubige messen der Wissenschaft, Literatur und Philosophie Wert bei, die allesamt das Fleisch erhöhen, oder sie schätzen Beziehungen, die Behaglichkeit und Ehre in der Welt einräumen, hoch ein. Aufgrund mangelnden Verständnisses des Wortes und eines schwachen Empfindens für die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn versäumen sie es, den gegenwärtigen bösen Zeitlauf zu richten, und sind stattdessen ganz von ihren eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen, wenn sie nicht sogar nach größeren Dingen streben. Folglich stehen sie in Gefahr, Vorurteilen und Voreingenommenheit zum Opfer zu fallen. Weder geben sie Christus in der Praxis den Ihm gebührenden obersten Platz, noch können sie sich über brüderliche Freundlichkeit in die reinere Atmosphäre gottgemäßer Liebe erheben und so selbstlos für die Versammlung als den Leib Christi Sorge tragen. Sie sind nicht darauf vorbereitet, völlig mit dem eitlen gesellschaftlichen Verkehr zu brechen, den die Überlieferung im Christentum wie schon vor alters im Judentum hervorgebracht hat. Sie schrecken vor den schmerzlichen Folgen zurück, die vollständiger und ohne Zögern praktizierter Gehorsam

für jeden, der dem Herrn untergeordnet ist, mit sich bringen muss. Das Auge ist nicht einfältig, und daher der Leib nicht licht; der Weg sieht ungewiss aus, das Wort scheint schwierig zu sein; und in einem Glauben, der dem Herrn um jeden Preis nachfolgt, scheinen Gefahren zu liegen.

Einsicht – kein Prüfstein für die Aufnahme

Sollen wir angesichts dessen aus Vorsicht ein bestimmtes Maß an Einsicht verlangen, bevor wir jemand aufnehmen? Gerade das ist ein Hauptunheil, das es stets aufmerksam zu verhüten gilt; es muss als ein grundsätzlicher Fehler, ja als eine Sünde gegen Christus und die Versammlung behandelt werden. Nichts könnte unmittelbarer darauf hinauslaufen, die sektiererischste aller Sekten zu bilden, als von den Seelen, die hereinzukommen wünschen, ein richtiges Urteil über die von den Gläubigen am wenigsten verstandene Wahrheit zu verlangen. Diese Wahrheit des Geheimnisses des Christus oder insbesondere des einen Leibes wird für sie, wie es in der Praxis zu sein pflegt, dadurch noch viel schwerer verständlich, dass ständig neue Gruppen aus dem gegenwärtigen gefallenen Zustand der Christenheit hervorgehen.

Nie hat man von einer solchen Forderung gehört, auch dann nicht, als die Zeit der Versammlung begann und die Gegenwart des Heiligen Geistes etwas ganz Neues war. Die Heiligen wurden auf das Bekenntnis des Namens Christi hin zugelassen, da ja Gott allen die gleiche Gabe geschenkt hatte – sein Siegel und damit sozusagen seinen Pass (vgl. Apg 10,47). Einsichtig waren

Die Einheit des Geistes

gerade diejenigen, die den Wert des Namens Christi und der Gabe des Geistes anerkannten, wie sie es ja selbst zu Beginn an sich erfahren hatten. Hätten sie Verständnis dessen, was die Versammmlung ist, als eine Bedingung der Gemeinschaft verlangt, hätten sie damit in Wirklichkeit ihren eigenen Mangel an Einsicht bewiesen und dem Ziel zuwidergehandelt, wofür Christus gestorben war –die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (Joh 11,52).

Hat der gegenwärtige Ruin der Versammlung diesen ursprünglichen Grundsatz verändert? Der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: „Der Herr kennt, die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ (2. Tim 2,19). Was heute seinen Namen trägt, ist einem großen Haus gleich geworden, in dem sich Gefäße zur Ehre und Gefäße zur Unehre befinden. Von den Letzteren hat sich wegzureinigen, wer selbst ein Gefäß zur Ehre sein möchte, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereit (2. Tim 2,20.21). Wenn der öffentliche Zustand böse ist, ist persönliche Treue zu Christus oberstes Gebot. Der Wunsch nach Einheit darf sich darüber weder hinwegsetzen noch den Christen dazu verpflichten, den Namen des Herrn mit Ungerechtigkeit zu verbinden. Auch nach persönlicher Reinheit gilt es zu streben; und das nicht in Isolation, sondern mit allen, die den Herrn aus einem reinen Herzen anrufen (2. Tim 2,22). Kein Wort von einer Forderung kirchlicher oder lehrmäßiger Einsicht; es heißt vielmehr, „mit denen, die ...“, d. h., mit den wahren Gläubigen zu einer Zeit lauen und hohlen Bekenntnisses.

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