Das alte Cello
Das Haus lag im matten Abendsonnenschein. Genau so hatte er es seit Kinder- und Jugendtagen und von seinen wenigen späteren Besuchen in Erinnerung. Leichter Dunst stieg auf von den nahen Feldern am Fluss.
Als er näher kam, sah Hermann, dass der Garten ein wenig verwildert wirkte. Die Kletterrose an der mächtigen Holz-Laube war nicht zurückgeschnitten und ihre dürren, nur dünn beblätterten Ästchen hingen wie magere Arme herab. Christina hatte die Rosen früher immer so sehr gepflegt. Doch als sich ihre Krankheit verschlimmerte ...
Hermann näherte sich dem Haus von der Terrassenseite und ging zum Hintereingang. Sein Schlüssel ließ sich nur schwer im Schloss umdrehen und die Tür quietschte leise.
Dumpfe Luft gemischt mit einem Dufthauch getrockneter Lavendelblüten schlug ihm entgegen. Das Geländer der freistehenden zweiflügligen Holztreppe, die in den ersten Stock hinaufführte, war mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Die Sonne sandte dünne, glitzernde Staubfinger durch das große Fenster.
Hermann stellte seinen Aktenkoffer ab und legte seinen Mantel und seinen Schirm darauf. Noch einmal zog er das Telegramm seiner Cousine Marie Claire und das Schreiben des Notars aus der Tasche seines Jacketts.
Seine Schwester Christina war vor drei Wochen im Alter von 54 Jahren verstorben. Hermann befand sich zu dieser Zeit auf einsamer Forschungsreise im Inneren des Amazonas, wo ihn das Telegramm erst mit einwöchiger Verspätung erreichte. Auch die Rückreise gestaltete sich wegen extremer Wetterlage schwierig.
Als er schließlich eintraf, war Christinas Beerdigung schon vorüber. Die Eltern lebten seit Jahren nicht mehr und nun gehörte das alte Haus an den Feldern am Fluss ihm.
Hermann seufzte. Es tat ihm leid, dass Christina ganz allein gestorben war. Er hätte häufiger nach ihr sehen müssen, wo sie doch schon so lange krank war. Christina litt seit mehr als 20 Jahren an MS, einer Nervenerkrankung, die im letzten Jahr rasant fortgeschritten war. Ob sich Marie Claire wohl um sie gekümmert hatte?
Hermann horchte in die Stille des verlassenen Hauses. Was sollte er hier? Er besaß doch keine Beziehung mehr zu seiner Vergangenheit, zu seinem alten Leben. Ebenso fern war ihm der unbekümmerte Glauben seiner Kindertage, der ihm im Lauf der Jahre so staubbedeckt erschien wie dieser alte Raum.
Hermann wusste nicht, wie lange er so gestanden hatte. Die Sonne wanderte nach Westen. Ihre Strahlen berührten sein Gesicht.
Mechanisch, mit schweren Schritten stieg er die breite Holztreppe hinauf, die unter seinem Gewicht
leise knarrte, dann, beinahe automatisch, weiter hinauf in den zweiten Stock. Hier, unter dem Dach, lag Christinas altes Mädchenzimmer.
Hermann zögerte einen Moment, dann trat er ein. Die Abendsonne schien in das niedrige Westfenster und füllte das gemütliche Stübchen mit goldenem Licht. Hermann sank in den Schaukelstuhl und sah hinaus in den pastellblauen Himmel.
Plötzlich fuhr er zusammen. War da nicht ein Geräusch? Leichte, schnelle Schritte draußen auf der Treppe? Genau so war Christina als Kind stets die Treppen hinaufgehuscht. Er starrte zur Tür, die sich langsam, ganz langsam in den Angeln bewegte. Hermann fuhr auf. Das kleine Mädchen, das da ins Zimmer kam, sah aus wie seine Schwester, die gleiche schmale Gestalt, die hellblonden Locken, die ihr bis weit auf den Rücken herabfielen.
„Christina?“, flüsterte er mit klopfendem Herzen. Dann schüttelte er den Kopf über sich selbst. „Du siehst Christina unglaublich ähnlich.“
Das Kind sah ihn traurig an. „Tante Christina ist jetzt im Himmel bei Gott.“
„Ich weiß“, erwiderte Hermann.
„Ich heiße Myra.“
„Marie Claire ist deine Mama?“
„Ja. Und wie heißt du?“
„Hermann. Ich bin der Bruder von Tante Christina. – Warst du oft bei ihr?“
„Ja, ich war oft hier, aber noch nie in diesem Zimmer. Heute habe ich gesehen, dass die Hintertür offen war.“
„Leider bin ich zu spät zur Beerdigung gekommen.“
„Soll ich dir das Grab zeigen?“
„Ja, gerne“, sagte Hermann. „Gehen wir morgen zusammen hin?“
Das Kind lächelte und nickte. Dann reichte es ihm die Hand.
Gemeinsam wanderten sie durch Christinas Mädchenzimmer. Hermann strich liebevoll über das glatte Holz der schönen alten Möbel. An diesem Sekretär hatte Christina oft gesessen und geschrieben. Und dort, zwischen Schrank und Wand, lehnte Christinas Cellokasten. Hermann zog ihn hervor und öffnete den Deckel. Dass Christinas wertvolles Instrument noch da war, überraschte ihn. Aber sie hatte sich vielleicht nicht davon trennen können.
„Ich wusste gar nicht, dass Tante Christina musiziert hat“, bemerkte Myra leise. Mit strahlenden Augen betrachtete sie das Cello.
Hermann nahm es heraus und berührte leicht eine der Saiten. Ein warmer Ton hing für einen Moment im Raum.
„Tante Christina konnte wegen ihrer Krankheit nicht mehr spielen“, erklärte er.
Das Kind betrachtete das Instrument voller Sehnsucht. „Und du?“, wandte sie sich an Hermann.
„Kannst du spielen?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Hm, wollen einmal sehen.“ Er holte sich den Stuhl vom Sekretär heran, setzte sich und stellte das Cello vor sich auf den Boden. Behutsam stimmte er die Saiten. Das Instrument war nach all den Jahren in erstaunlich gutem Zustand. Sacht strich er mit dem Bogen über die Saiten. Doch die Bogenhaare waren spröde und der Ton deshalb nur dünn. Wo war denn das Kolophonium? Christina hatte es immer in einem kleinen Fach im Boden ihres Cellokastens aufbewahrt. Er hob die Samtauskleidung hoch. Da lag ja das Kolophoniumkästchen. Als er es herausnahm, segelte ein dünn zusammengefaltetes Papier auf den Fußboden.
Myra hob es auf und faltete es auseinander. „Frühlingslied“, buchstabierte sie und betrachtete die Noten. Dann legte sie das Blatt ausgebreitet vor ihn hin. „Kannst du das spielen?“
Hermann schluckte. Er erinnerte sich so gut an dieses Stück, das Christina selbst komponiert hatte. Sie waren draußen im Frühlingswald in einen erfrischenden Regenschauer geraten. Und genau diese Stimmung hatte Christina eingefangen. Er nahm das Blatt zur Hand. Über den Noten war in Christinas zierlicher Handschrift notiert:
„Jeder Frühling ist wie ein Bote: Er erinnert uns an den neuen Anfang, der auf uns wartet! Jesus kommt wieder! Er wird alle, die an ihn glauben, zu sich in die Herrlichkeit holen. Und alle, die im Glauben sterben, werden ebenfalls für immer bei ihm sein.“
Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit.
(Johannes 11,25.26)
Er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanz nach dem Regen sprosst das Grün aus der Erde.
(2. Samuel 23,4)
Die Worte erschienen ihm wie ein Gruß, wie eine Botschaft, als hätte Christina geahnt, wie nötig er diesen Zuspruch einmal haben würde.
Hermann weinte.
Myra stand still an seiner Seite. Schließlich reichte sie ihm das Kästchen mit dem Kolophonium und den Bogen. Hermann hörte auf die stille Bitte. Er zog den Bogen durch das Kolophoniumharz. Myra hielt ihm das Notenblatt und er begann zu spielen. Zuerst noch ein wenig zitterig und kratzig, dann mit vollem, sicherem Ton klang das Frühlingslied durch den Raum.
Und Hermann spürte, wie jeder Ton der einfachen, süßen Melodie den Staub von seiner Seele nahm und die Worte aus der Bibel ganz neu darin Raum fanden.
Das Geheimnis des Schmiedes
Ein Gewittersturm tobt über das weite Land. Blitz und Donner folgen unaufhörlich aufeinander und ein wütender Regen prasselt vom dunkel drohenden Himmel herab.
Mit letzter Kraft, durchnässt und verfroren hat Hans-Hermann das Dorf erreicht und betritt die leere Gaststube. Seine tropfnasse Reisetasche lässt er bei der Tür stehen.
Der Wirt schaut auf. „Womit kann ich dienen?“, fragt er. „Ein scheußliches Wetter heute.“
Hans-Hermann nickt. Er kramt eine seiner letzten Münzen heraus und bestellt einen Tee.
Nach wenigen Minuten bringt der Wirt das Getränk, dann zieht er sich einen Stuhl heran. „Darf ich?“
Hans-Hermann nickt.
„Sie sind fremd in der Gegend?“
„Ja. Ich bin Schmied von Beruf. Mu… wollte mich gern verändern“, verbessert er sich im letzten Moment. „Man sagte mir im Nachbardorf, dass Frederik Bender, der hiesige Schmied, vielleicht einen Gehilfen einstellt.“
„Das mag schon sein. Er hat viel zu tun, weil die Bauern auch von den umliegenden Dörfern zu ihm kommen. Er arbeitet gut und macht annehmbare Preise. Ein gottesfürchtiger und ehrlicher Mann. Man vertraut ihm. Ja, ja.“
Hans-Hermanns Gesicht ist undurchdringlich, als er der Rede des Wirtes zuhört. Dann zuckt er un-
merklich die Achseln. Er nimmt einen tiefen Schluck von seinem Tee.
„Der ist gut“, sagt er anerkennend. „Sagen Sie, könnten Sie mir den Weg zum Schmied beschreiben?“
„Das ist ganz einfach: Folgen Sie der Hauptstraße, das letzte Haus auf der rechten Seite ist’s. Die Schmiede liegt direkt daneben. Sie können es nicht verfehlen, weil fast Tag und Nacht Feuer in der Esse brennt.“
Hans-Hermann bedankt sich. Und nachdem er seinen Tee ausgetrunken hat, schultert er sein Gepäck und tritt hinaus auf die Dorfstraße.
Der Abend dämmert schon, aber der Regen hat endlich nachgelassen. Langsam und seltsam zögernd schlägt er den Weg zum Schmied ein. Ihm klingt noch in den Ohren, was der Wirt gesagt hat:
„Ein gottesfürchtiger Mann …“ Ob der Schmied einen Gehilfen wie ihn aufnimmt?
Hans-Hermann richtet sich trotzig auf. Schließlich kennt ihn hier keiner und es wird niemand erfahren, was in seiner Heimatstadt geschehen ist. Wer weiß, vielleicht gelingt es ihm sogar, ein neues Leben zu beginnen. Aber seine Schuld? Kann er sie vergessen?
„Jede Schuld ist vor allem Schuld vor Gott“, hat sein Vater immer gesagt. Und Hans-Hermann hat im tiefsten Herzen die Wahrheit dieser Worte längst erkannt. Doch das würde er niemals eingestehen, nicht einmal sich selbst.
Durch das unverhängte Fenster der Werkstätte ist das warme Feuer der Esse zu sehen, vor der ein Mann hantiert. Vorsichtig nimmt er mit zwei Eisenzangen ein glühendes Stück Erz aus dem Feuer und trägt es hinüber zum Amboss. Mit geschickten Schlägen hämmert er das Eisenstück zu einer flachen, schmalen, länglichen Scheibe – einer Messerklinge? HansHermann kann es nicht genau erkennen.
Er fasst sich ein Herz und klopft an die niedrige Tür. Sein Blick fällt auf das liebevoll geschnitzte Spruchbild über dem Rahmen. Es ist ein Bibelvers:
Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. (1. Johannes 4,16)
„Herein!“, ruft der Schmied, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.
Hans-Hermann tritt ein.
„Was kann ich für Sie tun?“ Er wendet Hans-Hermann sein schweißüberströmtes Gesicht zu, ein freundliches, vertrauenerweckendes Gesicht mit hoher Stirn und schmalen, feinen Zügen. Kinn und Wangen sind von einem dünnen, blonden Bart bedeckt.
Der Schmied scheint nur wenig älter zu sein als er selbst, stellt Hans-Hermann überrascht fest. Das gibt ihm Mut.
„Ich suche Arbeit.“
„Haben Sie das Schmiedehandwerk gelernt?“, fragt Bender.
„Ja. Bei meinem Vater ging ich in die Lehre. Er besitzt eine Schmiede in Leer.“
„Ihr Vater kann Ihre Arbeitskraft im Moment entbehren?“
Diese Frage Benders überrascht Hans-Hermann und bringt ihn aus dem Konzept. Er will antworten, dass er sich verändern, einmal woanders arbeiten wolle, um zu lernen. Doch angesichts der klaren, strahlenden Augen des Schmiedes, die freundlich auf ihn gerichtet sind, kommt ihm die Lüge nicht über die Lippen.
„Ich war gezwungen, meine Heimat zu verlassen“, stottert er. „Ich … ich hatte keine Wahl.“
Der Schmied nickt. Er stellt keine weiteren Fragen. „Es ist spät geworden“, sagt er stattdessen. „Kommen Sie.“
Bender führt Hans-Hermann ins Haus hinüber, wo eine kleine, ältere Frau in der Küche hantiert.
„Frau Marten, bitte zeigen Sie meinem neuen Mitarbeiter sein Zimmer.“
Die Frau am Herd wirft Hans-Hermann einen freundlichen Blick zu, der fast etwas Mütterliches hat.
Hans-Hermann folgt ihr die schmale Stiege hinauf in eine winzige Kammer unter dem Dach, die aber blitzsauber und gemütlich ist. Auch hier hängt ein geschnitztes Bibelwort über der Tür:
Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1,9)
Das Wort trifft ihn bis ins Herz. Wenn man doch alle Schuld loswerden könnte!
In der Nacht wacht Hans-Hermann aus unruhigem Schlaf auf. Seine Lippen und sein Hals sind wie ausgedörrt. Ob er sich wohl in der Küche ein Glas Wasser holen darf? Der freundliche Schmied hätte sicher nichts dagegen.
Leise steigt Hans-Hermann die Stiege hinunter. Eine einzelne Kerze brennt im Flur. Der junge Mann tastet sich zur Küchentür und dann zur Speisekammer. Im Regal steht ein Krug mit frischer Milch und ein Tontopf mit klarem Wasser. Er gießt etwas Wasser in einen Becher und trinkt in großen, durstigen Zügen. Das tut gut.
Gerade schickt sich Hans-Hermann an, die Stiege wieder hinaufzusteigen, als von draußen heftig gegen die Haustür gehämmert wird. Hans-Hermann flieht schnell in die Küche zurück.
Im gleichen Augenblick öffnet sich die Zimmertür gegenüber und gibt den Blick frei auf ein Studierzimmer, dessen Regale bis oben mit Büchern gefüllt
sind. Wie eigenartig. Im Haus eines Handwerkers, eines einfachen Schmiedes?
Bender geht ruhig zur Haustür und fragt: „Wer da zu so später Stunde?“
„Reisende aus der Stadt! Wir haben Neuigkeiten für Sie, Schmied.“
Hans Hermann drückt sich tiefer in den Schatten. Seine Hände zittern. Diese Stimme kennt er. Das – das ist der Verwalter seines Bruders daheim in Leer! Seine Schuld, seine Schuld hat ihn eingeholt. Und in seiner Angst schickt Hans-Hermann ein Stoßgebet zum Himmel: „Gott, gib mir noch eine Chance, eine einzige!“
Bender öffnet die Tür. „Kommen Sie doch herein“, sagt er freundlich zu den Fremden.
„Nein, danke, Schmied, wir haben Quartier im Gasthof. Wir möchten Sie nur warnen.“
„Mich warnen?“, fragt Bender lächelnd.
„Ja. Wir verfolgen schon seit Tagen einen jungen Kerl, einen üblen, jähzornigen Hitzkopf. Leider haben wir im Moment seine Spur verloren, aber es kann gut sein, dass er sich in der Gegend hier Unterschlupf und vielleicht auch Arbeit sucht.“
Bender nickt. „Haben Sie vielen Dank für Ihre Warnung!“
Die Fremden verabschieden sich.
Hans-Hermann lauscht mit klopfendem Herzen. Die Tür fällt hinter den Fremden ins Schloss. Dann ist alles still.
Hans-Hermann wartet. Lauscht. Kein Laut ist vom Flur zu hören. Da öffnet er hastig die Küchentür und tritt hinaus. Er sieht sich Frederik Bender gegenüber, der noch in der offenen Tür seines Arbeitszimmers steht und nachdenklich vor sich hin blickt.
„Ich … ich hatte Durst“, stottert Hans-Hermann. „Ich habe mir etwas Wasser geholt.“
„Selbstverständlich“, erwidert Bender freundlich. „Sie haben freie Kost und Logis. Fühlen Sie sich wie zu Hause.“
„Vielen Dank“, sagt Hans-Hermann und steigt die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.
Ihm ist seltsam zumute. Ob Bender wirklich nicht ahnt, vor wem die Fremden ihn warnen wollten?
Wieder fällt sein Blick auf den Bibelvers über seiner Tür: Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt …
Das klingt so einfach.
Vielleicht gibt es ja doch noch einen neuen Anfang für ihn. Aber: Wenn wir unsere Sünden bekennen – das ist die Voraussetzung! Das weiß er ja schon längst!
Hans-Hermann fällt vor seinem Bett auf die Knie. „Ja, Gott, ich bin ein Sünder! Sei mir gnädig!“
Als Hans-Hermann am nächsten Morgen erwacht, scheint schon die Sonne durch das Fenster seiner Dachstube. Erschrocken springt er aus dem Bett, kleidet sich rasch an und eilt die Stufen hinunter.
Frau Marten hantiert in der Küche. Sie nickt ihm freundlich zu.
„Wie spät ist es?“, fragt Hans Hermann. „Meine Uhr ist leider stehen geblieben.“
„Ein Viertel vor zehn.“
„Ich habe verschlafen.“
„Herr Bender hat ausdrücklich gesagt, dass ich Sie schlafen lassen soll, weil Sie erschöpft waren von Ihrer Reise.“
„Aber nun muss ich schnell an die Arbeit.“
„Nein, jetzt frühstücken Sie erst!“ Frau Marten stellt einen Becher mit gutem, starken Kaffee vor Hans-Hermann auf den blank polierten, grob gezimmerten Holztisch. Dazu gibt es Bauernbrot und Käse. „Gott segne Ihre Mahlzeit! Und Ihren Aufenthalt bei uns.“
Hans-Hermann dankt ihr stumm.
Der warme Schein des Feuers dringt durch das Fenster der Schmiede. Hoch lodern die Flammen in der Esse, als der Schmied ein Stück Eisen in das Herz des Feuers hält.
„Kommen Sie, versuchen Sie Ihr Glück.“ Bender legt das rotglühende schmale Eisenstück auf die steinerne Arbeitsplatte. Daneben hängt eine Zeichnung. „Diesen eisernen Sternenkranz hat ein Kunde für seinen Grabstein bestellt.“
Geschickt greift Hans-Hermann das Eisen mit der Zange und biegt es in die gewünschte zierliche Form. Er schließt die Enden zu einem Kreis und hämmert das glühende Eisen flach. Das Stück, das er auf dem Amboss bearbeitet, wird schon etwas spröde. Hans-Herrmann schlägt noch einmal mit aller Kraft zu, um das Eisen in die gewollte Form zu zwingen. Da zerbricht der Eisenkranz in zwei Teile.
Frederik Bender, der Schmied, hat ihm nachdenklich zugesehen. „Sie arbeiten gut“, sagt er. „Doch Sie müssen Ihre Kraft beherrschen!“
Flammende Röte steigt in Hans-Hermanns Gesicht. Der Schmied hat genau sein Problem erkannt.
„Schauen Sie, ich will es Ihnen zeigen.“ Vorsichtig nimmt Bender ein neues Stück Eisen aus dem Feuer. Sorgfältig, fast liebevoll, bearbeitet er das rotglühende Metall, bis es die vorgezeichnete Form hat. Dann lässt er es zum Abkühlen ins kalte Wasser sinken. „Es gehört ein wenig Geduld dazu“, sagt Bender. „Sehen Sie, das Handeln Gottes mit uns Menschen wird in der Bibel mit der Arbeit eines Schmiedes verglichen; und es gibt in der Tat Analogien, finden Sie nicht?“ „Ich weiß nicht.“
„Gott möchte etwas Schönes aus uns machen. Darum lässt er uns in das Feuer der Not, der Verfolgung, der Bedrängnis kommen, damit er uns formen kann in das Bild seines Sohnes. Gott geht immer vorsichtig mit uns um. Er schlägt niemals im Zorn zu.“
Hans-Hermann zuckt zusammen und wendet sich ab. Den Rest des Vormittags arbeiten die beiden Männer schweigend.
Am Nachmittag kommen verschiedene Kunden zu Frederik Bender. Mehrere Pferde müssen beschlagen werden. Hans-Hermann arbeitet ohne aufzusehen. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über den Körper.
„Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit“, sagt Bender am Abend freundlich. „Machen wir Schluss für heute.“
Da wird noch einmal heftig gegen das Tor der Schmiede gehämmert. Bender öffnet. Hans-Hermann kann nicht sehen, wer draußen steht. Aber als der Besucher zu sprechen beginnt, erkennt er die Stimme sofort. Es ist der Verwalter seines Bruders. Was will er schon wieder hier? Sind sie ihm auf der Spur?
„Können Sie uns helfen, Schmied? Der Braune aus unserem Gespann hat einen Schuh verloren.“
„Selbstverständlich. Bringen Sie das Tier herein.“
Voller Angst verbirgt sich Hans-Hermann im Dunkel des großen Raumes. Sein Herz klopft zum Zerspringen. Wenn die Männer doch schon wieder weg wären!
Bender arbeitet ruhig und sicher, während der Kunde von seiner Reise erzählt. Nein, sie haben den Flüchtigen, den sie verfolgen, nicht gefunden. Er scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Niemand hat ihn gesehen. Hans-Hermann presst sich zitternd in seine Ecke.
„Gott im Himmel, hilf mir, hilf mir!“, betet er in seinem Herzen.
Bender entfernt das halb abgerissene Hufeisen des Kutschpferdes. Dann wird der Huf sorgfältig neu beschlagen. Endlich verabschiedet sich der Verwalter. Hufgeklapper verklingt in der Ferne.
Da kommt Hans-Hermann aus seinem Versteck hervor, beschämt, mit gesenktem Kopf.
„Ich … ich war in eine Schlägerei verwickelt“, beginnt er stockend. „Bei Bekannten. Wir gerieten zunächst in Streit. Heftig. Ein Wort gab das andere. Mein Bruder rief mich zur Ordnung. Machte mich lächerlich vor den anderen. Da schlug ich zu. Mein Bruder ging zu Boden. Eine mächtige Keilerei entstand. Zwei Männer prügelte ich zusammen. Ich war blind in meinem Zorn. Als ich erwachte, packte mich die Angst. Ich floh noch in der gleichen Nacht.“
„Sie müssen es lernen, Ihren Zorn zu beherrschen, sonst beherrscht er Sie und zerstört Sie irgendwann.“
„Ich weiß! Aber wie? Wie?“
„Allein schaffen Sie das nicht. Aber Jesus, der Sohn Gottes, will uns frei machen von Sünde, von Zorn, von Unbeherrschtheit.“
„Gestern Abend habe ich ihm endlich auf den Knien meine Schuld bekannt und ihn gebeten, mich in Gnaden anzunehmen“, sagt Hans-Hermann.
„Wie mich das freut!“, erwidert Bender und kommt mit ausgestreckten Händen auf den jungen Mann zu.
„Aber noch immer bin ich ein Flüchtling“, fährt Hans-Hermann mutlos fort.
„Kehren Sie in Ihr Elternhaus zurück. Bitten Sie Ihre Familie um Verzeihung. Bringen Sie in Ordnung, was Sie getan haben, soweit es möglich ist.“
„Ja, das will ich tun“, sagt Hans-Hermann aufatmend. „Gleich morgen früh will ich zu meinem Vater und zu meinem Bruder gehen!“
Zwei Tage sind vergangen. Frederik Bender arbeitet still und konzentriert in seiner Schmiede. Seine Gedanken sind bei dem jungen Mann, den er für kurze Zeit beherbergt hat. Und er betet für HansHermann, wie so oft in den letzten Tagen.
Da ertönt Hufgetrappel auf der Dorfstraße. Kurz darauf ein leises Klopfen am Tor der Schmiede.
Frederik Bender öffnet.
Hans-Hermann steht vor der Tür. Er strahlt über das ganze Gesicht.
„Ich hatte solche Angst“, sprudelt er hervor. „Angst vor dem Zorn des Vaters, vor der Wut des Bruders! Doch Jesus, der Herr, hat geholfen. Dass ich wirklich demütig um Verzeihung bitten konnte. Auch die beiden anderen Männer haben mir vergeben. Nun bin ich hier. Ich möchte einige Zeit bei Ihnen bleiben. Und bei Ihnen das Handwerk eines vorsichtigen Kunstschmieds und eines beherrschten Menschen lernen. Wenn Sie mich aufnehmen?“
„So kommen Sie“, sagt Bender lächelnd und öffnet seine Tür weit.