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Benedikt Peters

DER BRIEF AN DIE

RÖMER

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Ravensberger Bleiche 6  ·  33649 Bielefeld


Anmerkung des Herausgebers: Es ist zu beachten, dass der Autor an gewissen Stellen den Text des Römerbriefes direkt aus dem Griechischen übersetzt hat. Die sonstigen Bibelzitate sind, wenn nicht anders vermerkt, der unrevidierten Elber­ felder Bibel 1905 und der Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen) 2003 entnommen. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass manche Buchtitel, die zum großen Teil in der Bibliografie erscheinen, in den Fußnoten gelegentlich in Kurzform angeführt sind. Mit rechteckigen Klammern versehene Wörter und Wendungen im Bibeltext weisen darauf hin, dass sie im Grundtext nicht vorhanden sind, aber aus sprach­­­ lichen Gründen in den deutschen Text eingefügt wurden. Darüber hinaus die­ nen diese Klammern nach den gängigen Zitierregeln dazu, diejenigen Stellen zu kennzeichnen, wo Änderungen in der Wortstellung notwendig sind.

1. Auflage 2019 © 2019 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld Internet: www.clv.de Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Umschlag: Lucian Binder, Marienheide Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Artikel-Nr. 256386 ISBN 978-3-86699-386-0


Inhalt Einleitung Kapitel 1 1. Anrede und Gruß (1,1-7) 2. Anlass und Absicht des Briefes (1,8-17)

Teil 1: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in seinem Zorn über alle Ungerechtigkeit des Menschen (1,18 – 3,20)

7 18 18 36 53

Übersicht über 1,18-32

53

Kapitel 2 1. Gott richtet nach der Wahrheit und ohne Ansehen der Person (2,1-16) 2. Wer sich Jude nennt und wer Jude ist (2,17-29)

70

Kapitel 3 1. Die Juden stehen trotz Gesetz und Beschneidung unter Gottes Zorn (3,1-8) 2. Mit den Juden ist die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen (3,9-20)

Teil 2: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung des Glaubenden (3,21 – 4,25) 1. Gerechtigkeit aus Glauben (3,21-26) 2. Die Ergebnisse der Gerechtigkeit aus Glauben (3,27-31) Kapitel 4 1. Abraham wurde die Gerechtigkeit zugerechnet durch Glauben (4,1-8) 2. Abraham wurde gerechtfertigt, als er unbeschnitten war (4,9-12) 3. Abraham empfing die Verheißung des Erbes durch Glauben (4,13-17a) 4. Abraham glaubte an den Gott, der die Toten auferweckt (4,17b-22) 5. Dem ganzen Samen Abrahams wird die Gerechtigkeit zugerechnet durch Glauben (4,23-25)

71 86 98 98 105 113 114 128 135 136 141 143 149 154


Teil 3: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Bewahrung des Glaubenden (5,1 – 8,39) Kapitel 5 1. Das dreifache Rühmen der durch Glauben Gerechtfertigten (5,1-11) 2. In Adam starben wir, in Christus leben wir (5,12-19) 3. Das Gesetz, das daneben einkam (5,20-21) Kapitel 6 1. Der Gerechtfertigte ist mit Christus einsgemacht, weshalb er nicht mehr in der Sünde verharren kann (6,1-11) 2. Der Gerechtfertigte ist nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade, weshalb er nicht sündigen muss (6,12-14) 3. Der Gerechtfertigte ist ein Knecht Gottes geworden, weshalb er nicht sündigen will (6,15-23) Kapitel 7 1. Vom Gesetz kann ich nicht anders frei werden als durch Sterben (7,1-6) 2. Ist das Gesetz Sünde? Nein: Ich bin sündig (7,7-13) 3. Wer wird mich entreißen diesem Leib des Todes? (7,14-24) 4. Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn (7,25) Fazit des ganzen Kapitels Kapitel 8 1. Der Wandel im Geist (8,1-11) 2. Die Schuldigkeit und die Vorrechte der Söhne und Erben Gottes (8,12-17) 3. Hoffnung und Gewissheit im Leiden (8,18-30) 4. Wer kann uns scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus? (8,31-39)

Teil 4: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung Israels (9 – 11) Kapitel 9 1. Der Schmerz des Apostels über Israels Unglauben (9,1-3) 2. Die Vorrechte Israels (9,4-5)

161 164 164 177 193 202 204 215 218 229 231 235 239 246 247 249 251 260 266 280

289 292 292 293


3. Das Wort Gottes ist nicht hingefallen: Das Zeugnis der Erzväter (9,6-13) 4. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit: Israel und Ägypten (9,14-18) 5. Gefäße des Zorns und des Erbarmens (9,19-23) 6. Das Wort Gottes ist nicht hingefallen: Das Zeugnis der Propheten (9,24-29) 7. Israel hat seines Unglaubens wegen die Verheißungen nicht erlangt (9,30-33) Kapitel 10 1. Das Herzensverlangen des Paulus für seine Brüder, die Juden (10,1-3) 2. Der Glaube an Christus rechtfertigt (10,4-11) 3. Das Heil gilt allen Menschen (10,12-17) 4. Warum ist Israel nicht gerettet worden? (10,18-21)

297 307 317 322 327 334 335 337 341 345

Kapitel 11 1. Gott hat Israel nicht vollständig verworfen (11,1-10) 2. Das Straucheln Israels ist den Nationen zum Heil geworden (11,11-15) 3. Die Nationen stehen durch den Glauben und fallen durch den Unglauben (11,16-24) 4. Die Beiseitesetzung Israels ist Gottes Weg zu dessen Wiederherstellung (11,25-32) 5. Lobpreis der Wege Gottes (11,33-36)

365 371

Teil 5: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich im gerechten Wandel des Glaubenden (12,1 – 15,13)

376

Kapitel 12 1. Unser vernünftiger Gottesdienst: Die Hingabe des Leibes an Gott (12,1-2) 2. Die Hingabe des Leibes zum besonderen Dienst in der Gemeinschaft (12,3-8) 3. Die Hingabe des Leibes zum Dienst aneinander (12,9-21)

349 350 356 360

377 377 382 386


Kapitel 13 1. Der Christ als Staatsbürger (13,1-7) 2. Der Christ ist von Liebe getrieben (13,8-10) 3. Der Christ lebt im Licht der Wiederkunft des Herrn (13,11-14) Kapitel 14 1. Einander annehmen statt richten oder verachten (14,1-12) 2. Dem Frieden und der Erbauung nachjagen, statt Anstoß zu geben (14,13-23) Kapitel 15 1. Von Christus, dem vollkommenen Diener, lernen (15,1-6) 2. Lernen von Christus, dem Diener der Juden und Heiden (15,7-13)

400 402 409 412 419 420 427 434 434 438

Teil 6: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Predigt in der Welt (15,14-33) 1. Der Apostel der Nationen (15,14-21) 2. Die Reisepläne des Apostels (15,22-33)

444 445 449

Schlusswort

456

Kapitel 16 1. Paulus empfiehlt eine Schwester den Heiligen in Rom (16,1-2) 2. Paulus grüßt geliebte Geschwister in Rom (16,3-16) 3. Warnung vor falschen Brüdern (16,17-20) 4. Grüße von Begleitern des Apostels (16,21-24) 5. Abschließende Doxologie (16,25-27)

457 462 466 467

Bibliografie

474

Abkürzungen

479

456 456


7

Einleitung 1. Der Wert und die Bedeutung des Römerbriefes Der Römerbrief kommt seit der Antike in den verschiedenen Samm­ lungen kanonischer Schriften stets als erster Brief nach der Apostel­ geschichte. Er ist nicht der älteste (das ist nämlich 1. Thessalonicher); er steht also nicht deshalb an erster Stelle. Er steht da, weil er der grund­­­­ legendste aller apostolischen Lehrschriften ist. Im unmittelbaren An­­ schluss an die Apostelgeschichte zeigt er … • … was der Inhalt der Botschaft war, die mit solch unaufhalt­ samer Kraft um sich griff, dass innerhalb der ersten Generation von Gläubigen das ganze Römische Reich von unzähligen Ge­­ meinden durchsetzt war, • … auf welcher Grundlage diese Gemeinden ruhten. Über den Römerbrief haben alle, die ihn studiert und etwas von dessen Inhalt erfasst haben, nur in Superlativen geredet. Die ältesten Ausleger aus antiker Zeit, Reformatoren, Puritaner, die Pietisten und Erweckungs­ prediger haben alle in den Chor der Bewunderer dieses großartigen Brie­ fes eingestimmt. »Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium, welche wohl würdig und wert ist, dass sie ein Christenmensch nicht allein Wort für Wort auswendig wisse, sondern täglich damit umgehe als mit täglichem Brot der Seelen. Denn sie kann nimmer zu viel und zu wohl gelesen oder betrachtet werden, und je mehr sie gehandelt wird, je köstlicher sie wird und besser schmecket« (Martin Luther, WA DB 7, 2, 3-11).


Einleitung 8

2. Die Empfänger Paulus schreibt »allen Geliebten Gottes, berufenen Heiligen, die in Rom sind« (1,7). Die Gemeinde in Rom hatte Paulus nicht gegründet und nie besucht, aber er hatte von ihrem Glauben gehört (1,8). Es hatte wohl auch nicht Petrus oder ein anderer Apostel die Gemeinde in Rom gegründet, denn sonst hätte Paulus sich nicht so um sie gemüht. Wie war die Gemeinde entstanden? In Apg 2,10 vernehmen wir, dass Juden aus Rom am Pfingsttag des Jahres 30 in Jerusalem waren. Es kamen gewiss einige von ihnen durch die Predigt des Petrus zum Glau­ ben, und sie brachten das Evangelium nach Rom, der Hauptstadt der Welt, in die alle Wege des Imperiums führten. Die Gemeinde bestand wohl mehrheitlich aus Heiden. Kapitel 1,24-32 zeigt, wie tief diese gesunken waren, doch das Evangelium war stark genug, auch solche zu retten. In der Gemeinde waren auch Juden, wie wir 7,1 entnehmen (»ich rede zu denen, die Gesetz kennen«). Priska und Aquila sind unter den Christen in Rom (16,3), und die waren Juden (siehe Apg 18,2), und in 16,7.11 spricht Paulus von »Verwandten«, die also auch Juden gewesen sein müssen.

3. Zeit und Ort der Abfassung Wir erfahren in 1,10-13, dass Paulus Rom noch nicht besucht hat. Das bedeutet, dass er diesen Brief vor dem Frühjahr 60 schrieb, denn damals kam er als Gefangener zum ersten Mal nach Rom. In 15,23-25 spricht Paulus von seinen Reiseplänen; das aber konnte er nur tun, bevor er am Pfingstfest des Jahres 58 in Jerusalem verhaftet worden war. In 15,25-27 kündigt er an, dass er nun aufbrechen werde nach Jerusalem, um das Geld, das man für »die Armen unter den Heiligen … in Jerusalem« gesammelt hatte, zu überbringen. Das muss im Jahr 57 gewesen sein. Er war damals in Korinth, denn er schreibt in 16,1-2 eine Emp­ fehlung für Phöbe, eine Schwester aus der Gemeinde in Kenchreä (das war der Hafen der Stadt), der er den Brief an die Gemeinde in Rom mit­ gab. Gajus, der Gastgeber, den der Apostel in 16,23 erwähnt, ist der


9 Römer

gleiche Mann, den Paulus bei seinem ersten Besuch in Korinth getauft hatte (1Kor 1,14); und in 16,23 grüßt ein gewisser Erastus, der gemäß 2Tim 4,20 in Korinth lebte. Nehmen wir alle diese Angaben zusammen, können wir sagen: Paulus diktierte den Römerbrief dem Tertius (16,22), als er am Ende der dritten Missionsreise im Jahr 57 noch in Korinth war.

4. Die Absicht des Apostels »Denn mich verlangt, euch zu sehen, um euch etwas an geistlicher Gnadengabe mitzuteilen, damit ihr gefestigt werdet« (1,11). Der Apostel wünscht seit Jahren, sie zu besuchen, ist aber stets ver­­ hindert worden (1,13; 15,22-23), und darum schreibt er ihnen, was er nicht mündlich vortragen kann. Da der Apostel die Gemeinde nicht kennt und keine Abweichungen von der Lehre oder Mängel im Be­tragen an­sprechen kann, schreibt er einen Brief, der von allgemeiner Be­­deutung ist. Er er­örtert in ihm die Herkunft, den Inhalt und die Früchte des Evan­ geliums so umfassend wie sonst nirgends. Der Römerbrief ist eine syste­ matische, vollständige Abhandlung des Evangeliums. Eine solche war auch sehr nötig. Bedenken wir: Inzwischen war das Evangelium durch die Apostel ein Vierteljahrhundert gepredigt worden; überall waren Gemeinden entstanden. Diese mussten in den Grundwahrheiten des Evangeliums befestigt und so zugerüstet werden, allen Angriffen auf die Glaubenslehre standzuhalten. Wenn wir den Verfasser des Römerbriefes recht verstehen wollen, müs­ sen wir bedenken, dass Paulus Jude gewesen und in den Lehren des Judentums gründlich geschult worden war, bevor er Christ wurde. Das altehrwürdige theologische System, dem er einst gefolgt war, be­hauptete von sich, den allein rechten Weg zu einem gottgefälligen Leben zu leh­ ren. Gegen dieses ganze Selbstverständnis richtet sich die Wahrheit des Evangeliums. Da dieses aber aus dem Alten Testament kommt, wie Pau­ lus in Röm 1,2 ausdrücklich sagt (siehe auch 3,21), ist er ge­nötigt zu demonstrieren, in welcher Weise die Juden in ihrem Verständnis von der Gerechtigkeit Gottes und damit von der Bedeutung des Gesetzes irr­ ten. Er tut das, weil er als einstiger Jude seine Brüder nach dem Fleisch


Einleitung 10

gewinnen will (siehe 9,1-3; 10,1; 11,13-14). Darum beantwortet er immer wieder Einwände, welche gegen die Lehre von der Rechtfertigung ohne Gesetz und durch Glauben allein vorgebracht werden (siehe 3,1; 4,1; 6,1; 6,15; 7,7; 11,1). Damit will er die Anstöße aus dem Weg räumen, die dem Juden den Zugang zum Evangelium versperren. Gleichzeitig will er den ehemaligen Heiden die Argumente an die Hand geben, mit denen sie den Juden antworten können, die das Evangelium angreifen. Wie die Juden hatten auch viele Christen Fragen, die Paulus in seinem Schreiben be­antwortet: • Wo bleibt Gottes Gerechtigkeit, wenn Schuldige ohne jegliche Gegenleistung von ihrer Schuld freigesprochen werden und ewi­ ges Leben empfangen? • Wird die Predigt von der freien Gnade nicht jedes Streben nach Heiligung ersticken? • Welche Bedeutung hat noch das von Gott gegebene Gesetz? • Kann der Gerechtfertigte seinen Stand verlieren? • Sind die besonderen Verheißungen, die Gott Abraham und seinen Nachkommen gab, hinfällig geworden? • Ist Israel für immer verworfen, und hat die neue Heilsgemein­ schaft, die christliche Kirche, dessen Platz eingenommen? • Muss der Christ, der zum Glauben und zum Gehorsam an Jesus Christus gekommen ist, der Obrigkeit gehorchen?

5. Das Thema Das Thema des Briefes wird in 1,1 bereits angekündigt (das »Evangelium Gottes«) und in 1,16-17 ausformuliert: »Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: ›Der aus Glauben Gerechte wird leben‹« (1,16-17). Paulus nennt die Ursache, warum er sich des Evangeliums nicht schämt: Es ist Gottes Kraft zum Heil. Diese Kraft ist es, weil es Gottes Gerech­ tigkeit offenbart.


11 Römer

Das Erstgenannte leuchtet uns unmittelbar ein. Das Evangelium, das Wort vom Kreuz, ist Gottes Kraft (1Kor 1,18); das haben wir schließ­ lich an uns selbst erfahren. Aber die Bedeutung des Zweitgenannten geht uns meist erst später auf. Wir hätten nämlich zunächst wohl formuliert, das Evangelium offenbare Gottes Gnade oder Gottes Liebe. Und das tut es natürlich auch. Aber das Wunder des Evangeliums ist, dass es Got­ tes Gerechtigkeit offenbart. Es offenbart den Gott, der in seinem Wesen und in seinem Tun vollkommen gerecht ist und es auch dann bleibt, wenn er dem Sünder gnädig ist und ihn von seiner Schuld freispricht (siehe Jes 45,21), heiligt und verherrlicht (siehe Röm 3,23-26).

6. Gliederung und Inhalt Der Brief zerfällt ganz organisch in zwei Hälften: Die Kapitel 1 – 11 sind Lehre; die Kapitel 12 – 16 enthalten die Anwendung der Lehre im täg­ lichen Leben. Wie das große Thema des Briefes, Gottes Gerechtigkeit, sich durch alle Kapitel erstreckt, zeigt folgende Gliederung: Einleitung (1,1-17) 1. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in seinem Zorn über alle Ungerechtigkeit des Menschen (1,18 – 3,20) 2. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung des Glaubenden (3,21 – 4,25) 3. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Bewahrung des Glaubenden (5,1 – 8,39) 4. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung Israels (9 – 11) 5. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich im gerechten Wandel des Glaubenden (12,1 – 15,13) 6. Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Predigt in der Welt (15,14-33) Schlusswort (16,1-27) In der Einleitung (1,1-17) stellt sich der Verfasser vor mit Namen und Auftrag, den er von Gott bekommen hat, und dann nennt er den Grund, warum er diesen Brief schreibt: Er hat vom Glauben der Römer gehört,


Einleitung 12

und schon lange hat er die Absicht gehabt, sie zu besuchen. Da er aber noch immer verhindert ist, schreibt er diesen Brief, um sie im Glauben zu befestigen. Denn er schuldet allen Menschen das Evangelium, zu dem Gott ihn ausgesondert hat, und dieses Evangeliums schämt er sich nicht, denn es ist die Kraft Gottes zum Heil für alle, die glauben, denn es offen­ bart Gottes Gerechtigkeit. Teil 1: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in seinem Zorn über alle Ungerechtigkeit des Menschen (1,18 – 3,20) Dieser Teil zeigt, wie alle Menschen unter der Sünde sind und darum aus eigener Leistung und eigenem Verdienst nie gerechtfertigt werden kön­ nen. Er beginnt mit den Worten: »Denn es offenbart sich Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen« (1,18), und er endet mit den Worten: »… damit jeder Mund verstopft werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei. Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde« (3,19-20). Paulus hat in 1,16 gesagt, dass das Evangelium die Kraft Gottes zum Heil ist für beide, für Juden und Griechen. Jetzt erklärt er, warum alle Men­ schen dieses Evangelium nötig haben: Gottes Zorn steht über allen Men­ schen wegen ihrer »Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit« (V. 18). Die­ sem Zorn können sie nur entrinnen, wenn sie von ihrer Ungerechtigkeit befreit werden. Dazu müssen sie aber als Erstes erkennen, wie Gott sie beurteilt; sie müssen erkennen, dass sie vor ihm schuldig sind. Zuerst zeigt er, dass Heiden alle der Sünde verfallen sind (1,19-32), und dann, dass auch die Juden ihr erlegen sind (2,1 – 3,8). In 3,9-20 fasst er alles bis dahin Gesagte zusammen in der Aussage, dass beide, Juden wie Grie­ chen, »unter der Sünde« sind (3,9), und belegt dann dieses Urteil mit Worten aus dem Alten Testament, die zeigen, dass der Wille, der Ver­ stand, die Worte, die Handlungen und die Wege aller Menschen sündig sind (3,10-18). Auf diese Weise hat er gezeigt, dass »die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen« ist (3,19), und: »Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden« (3,20).


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Teil 2: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung des Glaubenden (3,21 – 4,25) Dieser Teil zeigt, wie Gott in Christus so gehandelt hat, dass er dem Sünder, der nichts leistet, sondern nur an ihn glaubt, seine Gerechtig­ keit zusprechen kann. Er beginnt mit den Worten: »Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die glauben« (3,21-22); er endet mit den Worten: »Wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, aus [den] Toten auferweckte, der unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt wurde« (4,24-25). Nachdem Paulus gezeigt hat, dass alle unter der Sünde sind und dass kein Mensch durch eigenes Bemühen von der Sünde loskommen und vor Gott gerecht werden kann (3,19-20), erklärt er, wie Gott dem Menschen seine Gerechtigkeit auf einem ganz anderen Weg gibt. Dieser Weg war schon im Gesetz und in den Propheten bezeugt (3,21), und nun ist er mit dem Kommen Jesu Christi allen offenbart worden. In 3,21-31 entfaltet Paulus die wunderbare Lehre von der »Gerechtigkeit … durch Glauben an Jesus Christus« (3,22). Er zeigt, wie es möglich ist, dass Gott den Sünder für gerecht erklären kann, ohne dass er dabei seine Gerechtigkeit verleug­ net: Gott hat Christus zum »Sühneort« (oder »Gnadenstuhl«) bestimmt; der Sohn Gottes hat sein Blut gelassen, um unsere Schuld zu sühnen, »zum Erweis seiner Gerechtigkeit …, dass er [Gott] gerecht ist, auch wenn er den rechtfertigt, der an Jesus glaubt« (3,25-26). Auf diese Weise wird der Mensch »durch Glauben gerechtfertigt …, ohne Gesetzeswerke« (3,28). Dann demonstriert er an zwei alttestamentlichen Beispielen – an Abraham und an David –, dass die Rechtfertigung durch den Glauben keine neue Lehre ist; dass Gott immer so gehandelt hat, dass er Men­ schen nur durch Glauben gerecht gesprochen hat, nie aufgrund von menschlicher Leistung, dass es immer »ohne Gesetz … ohne Gesetzeswerke« (3,21.28) geschah. Dafür ist Abraham das schlagende Beispiel; und was für Abraham galt, gilt allen, sowohl Juden wie Heiden: »›Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.‹ … Es ist aber nicht allein seinetwegen geschrieben, dass es ihm zugerechnet wurde, sondern auch unsertwegen, denen es zugerechnet werden soll,


Einleitung 14

die wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, aus [den] Toten auferweckte, der unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt wurde« (4,3.23-25). Teil 3: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Bewahrung des Glaubenden (5,1 – 8,39) Dieser Teil zeigt, dass Gott in so wundersamer Weise gehandelt hat, dass der Sünder, den er gerechtfertigt hat, vollkommen sicher ist, sodass ihn nichts und niemand mehr ins Verderben zurückreißen kann, in welches die Sünde Adams ihn gerissen hatte. Er beginnt mit den Worten: »Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir mittels des Glaubens auch Zugang erhalten haben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes« (5,1-2); er endet mit den Worten: »Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (8,38-39). Paulus sagt zu Beginn dieses Teils, wie aus der Rechtfertigung durch den Glauben die Sicherheit des Gerechtfertigten folgt: Wir haben »Frieden mit Gott«, d. h., wir sind nicht mehr Feinde (siehe 5,10), sondern Ver­ söhnte (5,11). Gott ist nicht mehr gegen uns in seinem gerechten Zorn (1,18; 2,8), sondern »für uns« (8,31). Das Evangelium ist die Kraft Got­ tes, die den sündigen Menschen vor Gott gerecht spricht und ihn dabei von der Herrschaft der Sünde so vollkommen befreit, dass er einst in die Herrlichkeit Gottes eingehen wird. Aufgrund der Rechtfertigung »stehen« wir in der »Gnade«, und weil wir stehen, »rühmen [wir] uns der Hoffnung der Herrlichkeit« (5,2). Es heißt »Hoffnung«, nicht etwa, weil die Sache ungewiss wäre, sondern weil die Herrlichkeit noch zukünftig ist – noch nicht offenbart, aber so gewiss, als ob sie bereits offenbart wäre; denn welche Gott »zuvorbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht« (8,30). Die noch ausstehende Verherrlichung der Gerechtfertigten ist so gewiss, dass Paulus sagt, sie sei schon ge­­schehen. Paulus schließt mit dem triumphierenden Bekenntnis:


15 Römer

»Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (V. 38-39). Teil 4: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Rechtfertigung Israels (Kapitel 9 – 11) Dieser Teil zeigt, wie Gott dem Volk, das mit größeren Vorrechten ge­­ segnet gewesen war als alle anderen Nationen, aber gegen alle diese Vor­ rechte gesündigt hatte, alles vergibt und an ihm alle ihm ge­gebenen Ver­ heißungen erfüllt und dabei gerecht bleibt. Er beginnt mit den Worten: »Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, indem mein Ge­wissen zusammen mit mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist: Ich habe große Traurig­keit und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen; denn ich selbst, ich wünschte, von Christus weg verflucht zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch« (9,1-3). Er endet mit den Worten: »O Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschbar sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm vorher gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!« (11,33-36). In Kapitel 9,1-29 zeigt Paulus, dass Gott nicht gegen seine Ver­ heißungen handelt, wenn jetzt der Großteil des Volkes Israel diese nicht erlangt hat. Er handelte in der Geschichte der Erzväter und Israels immer so, dass nur ein Teil, ein Überrest errettet wurde (9,6-13.27-29). In 9,30 – 10,21 zeigt Paulus, dass Gott gerecht handelte, als er Israel bei­ seitesetzte, weil es im Unglauben und Ungehorsam verharrte und Gott widersprach (9,30-33; 10,16.21). In Kapitel 11 zeigt Paulus, dass Gott gerecht handelt, indem er Israel als Nation wiederherstellt; Gottes Berufung ist unumkehrbar (11,29). So widerlegt Paulus die irrige Annahme, Israel sei auf immer ver­worfen (11,1-2). Indem Paulus darlegt, wie Gott auch sein altes Bundesvolk noch retten wird, hat er umfassend gezeigt, wie Gott sich in der Errettung


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von Sündern als der gerechte, gnädige und allein weise Gott offenbart. Der Apostel schließt darum diese drei Kapitel und mit ihm den ganzen lehrhaften Teil des Briefes mit Anbetung und Bewunderung über Got­ tes Wege, in denen er dessen Weisheit, Souveränität und Macht in der Er­­ rettung von Juden und Heiden entfaltet: »O Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschbar sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm vorher gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!« Teil 5: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich im gerechten Wandel des Glaubenden (12,1 – 15,13) Dieser Teil zeigt, wie sich die Gerechtigkeit Gottes in den Gerecht­ fertigten bewährt durch deren Leben und Handeln in der Gemeinde und im Staat. Das Evangelium Gottes ist die Kraft Gottes, welche die Natur selbstverliebter Menschen überwindet, sodass diese ein Leben füh­ ren, das die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten im Auge hat. Das zeigt sich im Leben der Gemeinde, wo wir einander dienen (Kap. 12), im Staat, dem wir untertan sind (Kap. 13), und in der Bereitschaft, uns als Christen gegenseitig zu tragen (Kap. 14,1 – 15,13). Teil 6: Gottes Gerechtigkeit offenbart sich in der Predigt in der Welt (15,14-33) Dieser Teil zeigt, wie Gott seine Gerechtigkeit in der Predigt des Evan­ geliums unter allen Nationen offenbart. In 15,14-21 schaut Paulus zurück auf die Jahre missionarischer Arbeit im östlichen Mittelmeerraum: »[Ich habe] das Evangelium des Christus völlig verkündigt« »von Jerusalem an und ringsumher bis nach Illyrikum1« (V. 19). In 15,22-24 spricht er von seiner Absicht, das Evangelium im westlichen Mittelmeerraum zu predigen: »Jetzt habe ich nicht mehr Raum in diesen Gegenden, habe aber ein großes Verlangen, zu euch zu kommen, seit vielen Jahren. Falls ich nach Spanien reise … hoffe [ich], auf der Durchreise euch zu sehen 1

Das heutige Albanien.


17 Römer

und von euch dorthin geleitet zu werden, wenn ich mich vorher an euch etwas gelabt habe.« Davor hat er noch einen wichtigen Dienst in Jeru­ salem zu tun (V. 25-32). Er schließt diesen Teil mit einem Segenswunsch: »Der Gott des Friedens sei mit euch allen!« (V. 33). Das Schlusswort (16,1-27) besteht aus einer persönlichen Empfehlung (V. 1-2), Grüßen an die Geliebten in Rom (V. 3-16), letzten Anweisun­ gen (V. 17-20), Grüßen von den Mitarbeitern des Apostels (V. 21-24) und einem Segenswunsch, der in ein Lob Gottes mündet: »Dem, der euch zu befestigen vermag nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften, gemäß Befehl des ewigen Gottes, zum Glaubensgehorsam an alle Nationen kundgetan worden ist, dem allein weisen Gott durch Jesus Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen« (V. 25-27).


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Kapitel 1 Dieses Kapitel besteht aus drei Teilen: Es beginnt mit der Anrede des Apostels, der mit seinem üblichen Segenswunsch schließt (V. 1-7). Es folgt eine Einleitung zum Brief, in dem der Apostel zunächst die Ur­sache und die Absicht seines Schreibens und dann dessen Thema nennt (V. 8-17). Darauf beginnt er seine Abhandlung, und zwar, indem er zeigt, warum alle Menschen das Evangelium nötig haben: Sie stehen wegen ihrer Sünde unter Gottes Zorn (V. 18-32).

1. Anrede und Gruß (1,1-7) Paulus kannte die Gemeinde in Rom nicht; er hatte sie nicht selber gegründet (wie die Gemeinde in Korinth), noch war sie durch einen Mitarbeiter von ihm entstanden (wie die Gemeinde in Kolossä). Da die Mehrzahl der Geschwister in Rom ihn nicht kannte, sagt er in der Anrede so viel über sich, seine Berufung und das Evangelium. Lassen wir die eingeschobenen Sätze aus, lautet die Anrede: »Paulus, Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evan­ gelium Gottes über seinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn, allen Geliebten Gottes, berufenen Heiligen, die in Rom sind: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!« Folgendes sind die Hauptaussagen: 1. Paulus schreibt und lebt als »Knecht« Jesu Christi, d. h. im Gehorsam an seinen Meister; was er schreibt, schreibt er nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag des Herrn. 2. Sein Herr und Meister ist »Jesus«, und dieser Jesus ist der »Christus«, der in den Propheten verheißene Messias. 3. Paulus ist »berufener Apostel«, d. h., er ist von Gott zu diesem besonderen Dienst berufen worden.


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4. Er ist »abgesondert zum Evangelium«, dazu bestimmt, für das Evangelium zu leben. 5. Die Botschaft heißt »Evangelium Gottes«, denn sie kommt von Gott und führt zu Gott. 6. Das Evangelium ist »über seinen Sohn, … Jesus Christus, unseren Herrn«. Er ist Inhalt und Thema des Evangeliums. Wer ist er? Er heißt Jesus, ist also Mensch; und er ist Gottes Sohn, also Gott. 7. Die Empfänger sind »Geliebte Gottes, berufene Heilige«. 8. Diese sind »in Rom«, leben also in dieser Welt der Sünde und des Todes; in einer solchen Welt ruft und rechtfertigt Gott Sünder und sammelt sie in Gemeinden. 9. Ihnen wird gewünscht »Gnade … und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus«.

1 Paulus, Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes, 2 das er durch seine Propheten in heiligen Schriften zuvor verheißen hat, Dass Paulus ein »Knecht Jesu Christi« wurde, muss man ein unermess­ liches Wunder nennen. Um das richtig einzuschätzen, müssen wir be­­ denken, wer dieser Paulus ist und was der Name Jesus zusammen mit dem Titel Christus besagt: Paulus war, als er noch Saulus hieß, ein Jude, der sich rühmte, ein »Hebräer von Hebräern« zu sein, »unterwiesen nach der Strenge des väterlichen Gesetzes«, und »was den Eifer betrifft, ein Verfolger der Versammlung« (Phil 3,6; vgl. Apg 22,3). Und dieser Jude wird ein Knecht Jesu Christi. Um das recht zu würdigen, müssen wir bedenken, was die Zusammenstellung der beiden Wörter »Jesus« und »Christus« für einen Juden bedeutete. Wir empfinden das als Christen kaum, weil wir den Titel »Christus« zusammen mit dem Eigennamen »Jesus« als Ein­ heit – wie einen einzigen Namen – auffassen und aussprechen. Das war für die Juden im ersten Jahrhundert ganz anders. In deren Ohren war das eine einzige Provokation. Saulus hasste die Christen, eben weil sie mit dieser Selbstverständlichkeit von »Jesus Christus« sprachen und damit


Anrede und Gruß (1,1-7)

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behaupteten, dass Jesus von Nazareth der Messias sei, der gesalbte Ret­ ter und König, auf den die Juden seit Jahrhunderten warteten. Dass nun der Jude Saulus so verändert wurde, dass er sich als Knecht des Messias Jesus bezeichnen kann, demonstriert in schlagender Weise die Kraft des Evangeliums. Paulus nennt sich zuerst Knecht, dann Apostel. Bevor er von seinem Rang spricht, spricht er von seiner Arbeit, ehe er von der Würde seiner besonderen Berufung spricht, verweist er auf seine Niedrigkeit. Er ist ein Knecht, ein Sklave, der keine eigenen Rechte hat, der dazu bestimmt ist, dem Willen eines anderen zu leben. Und nur weil er Knecht war, konnte er ein Apostel (wörtlich: »ein Gesandter des Herrn«) werden. Ein Knecht des Herrn ist jeder, der an ihn glaubt; aber nicht jeder ist Apostel. Darum sagt Paulus, er sei ein »berufener Apostel«. Die Apostel waren be­­ sonders Berufene, wie wir aus den Evangelien verstehen. Es folgte dem Herrn eine große Anzahl von Jüngern nach. Aus dieser Menge wurden die Zwölf besonders berufen (Mt 10,1-5; Lk 6,12-16), und später auch Paulus (Apg 9,15; 26,16-17; 1Kor 15,9-10; Gal 1,15-16). Saulus war als Jude bereits »abgesondert« gewesen, nämlich als Pha­ risäer, was so viel wie »Abgesonderter«2 bedeutet. Damals hatte er sich selbst abgesondert, um sich an die Gesetze einer besonders strengen Rich­ tung des Judentums zu halten, jetzt aber war er von Gott »ab­­gesondert zum Evangelium«, afwrismenoj, aphōrismenos, von aphorizō. Dieses Verb steht auch in Apg 13,2. Dort berichtet Lukas, wie Paulus zu seinem besonderen Dienst berufen wurde: »Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus3 Barnabas und Saulus zum Werk, zu dem ich sie berufen habe.« In Gal 1,15 sagt Pau­ lus, dass Gott ihn aber lange vor seiner Bekehrung und seiner Berufung zum Dienst dazu abgesondert hatte: »Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert4 und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Na­tionen verkündigte …« An Paulus demonstriert der Herr der Gemeinde, wie er den Sün­ denknecht zu einem Gottesknecht macht. Alles beginnt damit, dass Gott zum Heil aussondert, wie Paulus in Röm 8,28-30 ausdrücklich sagen 2 3 4

Das im NT verwendete Wort Pharisaios, »Pharisäer«, Plural Pharisaioi, entspricht dem hebräischen Peruschim, vom Verb parasch = abtrennen, absondern. aphorisate. aphorisas.


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wird.5 Wie der Herr einst Abraham ausgesondert hatte aus seiner götzen­ dienerischen Verwandtschaft, sonderte er Paulus aus, den er von Mutter­ leib an dazu verordnet hatte, Christ zu werden und als Christ ein Diener am Evangelium zu sein (Gal 1,13-16); und es war der Herr, der ihm in den Weg trat und ihn in seinem wütenden Lauf aufhielt.6 In V. 9 sagt Paulus, dass er Gott dient »im Evangelium seines Sohnes«; in V. 15 sagt er, dass er bereitwillig sei, »auch euch, die ihr in Rom seid, das Evangelium zu verkündigen«; und in V. 16 bekennt er: »Ich schäme mich des Evangeliums nicht.« Paulus stellt sich den Empfängern des Briefes vor als ein Mensch, der dem Ruf des Herrn gehorchte und ganz für das Evangelium lebte. Er identifizierte sich so völlig mit dem Auftrag und der Botschaft, dass er zweimal das Evan­ gelium »mein Evangelium« nennt (2,16; 16,25). In Apg 20 fasst Pau­ lus in seiner Rede an die Ältesten von Ephesus sein ganzes Leben mit den Worten zusammen: »Aber ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben, als teuer für mich selbst, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, zu be­­zeugen das Evangelium der Gnade Gottes« (Apg 20,24). Etliche Jahre später konnte er bekennen, dass er diesem Vorsatz treu geblieben war bis an sein Lebensende (2Tim 4,6-7). Was Paulus antrieb, war nicht nur das Wissen, dass Gott ihn be­­ rufen hatte, sondern auch, dass es das »Evangelium Gottes« war, das er predigte. Es heißt so, weil es von Gott kommt und weil in ihm Gott selbst redet und damit seine Kraft entfaltet, die einen Sünder zum Hei­ ligen macht. Im Evangelium wird Gottes Wahrheit verkündigt; deshalb nennt es Paulus »das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils« (Eph 1,13) und »das Wort der Wahrheit des Evangeliums« (Kol 1,5). Das Evangelium verkündigt Gottes Gerechtigkeit und Gnade, Gottes Heilig­ keit und Liebe, Gottes Weisheit und Macht und lässt damit in der Herr­ lichkeit Christi Gottes Herrlichkeit aufleuchten (2Kor 4,4.6). Welch hohe 5

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Spurgeon sagte einmal in einer Predigt über Gal 1,15: »In diesen Worten ist der göttliche Heilsplan sehr klar niedergelegt. Er beginnt mit dem Wohlgefallen Gottes: ›Als es Gott wohlgefiel.‹ … Hier ist der Anfang, hier ist der Quell, aus dem alle lebendigen Wasser fließen: ›Es gefiel Gott.‹ Auf den souveränen Willensentschluss und das Wohlgefallen Gottes folgt als Nächstes die Aussonderung … Gott sonderte uns zum Heil aus, als noch keine Berge waren … Auf diesen Akt der Aussonderung folgte die wirksame Berufung: ›Er berief mich in seiner Gnade.‹« So geschieht, wenngleich nicht so dramatisch wie bei Paulus, allen, die der Herr für sich ausgesondert hat. »Irgendwann in meinem Leben, als ich ein junger Mann war, bin ich auf Jesus gestoßen, wie ein Auto, das nicht mehr ausweichen kann und gegen eine Mauer fährt« (Wilhelm Busch, Freiheit aus dem Evangelium, Neukirchen-Vluyn: Schriftenmissions-Verlag, 1987, S. 7).


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Berufung, dieses Wort predigen zu dürfen, und welche Verantwortung! Wehe dem Apostel, wenn er es nicht predigt (1Kor 9,16)! Und verflucht, wer es zu ändern wagt (Gal 1,8-9)! Jedes Mal, wenn ein Mensch dem Evangelium glaubt und anfängt, ein Leben des Glaubensgehorsams zu leben, wird Gott verherrlicht. Durch das Evangelium werden Knechte der Sünde zu Knechten Gottes, werden Lästerer zu Anbetern. Und nicht zu vergessen: Das Evangelium verherrlicht Gott, indem der Ungläubige gemäß diesem Evangelium gerichtet wird (Röm 2,16). So wie Gott sich verherrlicht, wenn er durch sein Evangelium den Sün­ der rettet, so verherrlicht er sich, wenn er nach seinem Evangelium den Gottlosen verdammt. Paulus unterstreicht den göttlichen Ursprung des Evangeliums, indem er vom Evangelium sagt, dass Gott es »durch seine Propheten in heiligen Schriften zuvor verheißen hat«. Gott gab den Propheten des Alten Bundes die Wahrheiten des Evangeliums ein, und sie redeten oder schrieben, »getrieben vom Heiligen Geist« (2Petr 1,21). Der Römerbrief lehrt also nichts Neues, sondern er erhellt und erklärt, was Gesetz und Propheten bereits bezeugt hatten: »Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten« (Röm 3,21). Dass Gott das Evangelium im Alten Testament verheißen hatte, wird Paulus in diesem ganzen Brief immer wieder bestätigen, indem er die Wahrheit des Evangeliums belegt mit Zitaten aus dem Alten Testament und indem er an zwei der größ­ ten Persönlichkeiten des Alten Testaments, an Abraham und David, die Rechtfertigung aus dem Glauben demonstriert (Kap. 4,1-8). Weil diese bereits in den alttestamentlichen Schriften enthalten war, vermoch­ ten und vermögen diese »weise zu machen zur Errettung« (2Tim 3,15). Das müssen wir gut beachten: Man kann im Alten Testament die Bot­ schaft finden, die den Glaubenden rettet. Das Evangelium ist nicht eine plötzlich in die Welt geplatzte Idee; es wurde während Jahrhunderten vor dem Kommen Christi von Gott angekündigt. Entsprechend predigte Pau­ lus in den Synagogen: »Und wir verkündigen euch die gute Botschaft von der zu den Vätern geschehenen Verheißung, dass Gott dieselbe uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus erweckte; wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: ›Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.‹« (Apg 13,32-33). Als Prediger des Evangeliums der Gnade


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Gottes (Apg 20,24) bekannte Paulus vor dem Statthalter Felix: »Aber dies bekenne ich dir, dass ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, so dem Gott meiner Väter diene, indem ich allem glaube, was in dem Gesetz und in den Propheten geschrieben steht« (Apg 24,14). Ohne das Alte Testament gibt es keine Botschaft des Neuen Testaments; ohne die heiligen Schriften der Juden gibt es kein Christentum. Wenn wir nicht wie Paulus allem glauben, was im Alten Testament steht, haben wir kein Evangelium, denn das Evangelium bestätigt und erfüllt Gesetz und Pro­ pheten (Röm 3,21). Warum hat Gott das so eingerichtet, dass er von der Errettung und damit vom kommenden Retter redete, bevor wir alle geboren waren? Was will er damit erreichen? 1. Wir sollen verstehen, dass Gott sich in seinem Herzen unsere Errettung vorgesetzt hatte, bevor wir je an Sünde und an die Not­ wendigkeit der Errettung dachten, ja, bevor die Sünde überhaupt in die Welt kam. Daran sollen wir erkennen, dass das Evangelium ganz von Gott ausgeht. Am Anfang der Errettung steht nicht der Wunsch des Menschen, errettet zu werden, sondern der Wille Gottes, den Menschen zu retten. Am Anfang der Errettung steht nicht die Not des Menschen, sondern Gottes Vorsatz. Das wird Paulus in Röm 8,28-30 offen aussprechen. 2. Gott hat im Evangelium das Heil »zuvor verheißen«. Indem er es zuerst ankündigt und es dann genau so ausführt (Jes 42,9; 46,9-11), wie er es gesagt hat, erweist er sich als der treue Gott, der tut, was er ankündigt. Und er zeigt damit, dass er selbst alles, was er verheißen hat, ausführt (siehe Jes 41,21-24; 43,9-13; 44,7-8; 45,21). Paulus sagt »seine Propheten«, nicht lediglich »die Propheten«, denn er will unterstreichen, dass die Propheten Gottes Eigentum waren: Sie waren von ihm berufen, von ihm zum Schreiben beauftragt, von ihm mit seinem Geist begabt und durch diesen geführt (2Petr 1,21). Nur auf diesem Weg konnten die »heiligen Schriften« entstehen, Schriften, die wie Gott selbst sind: ganz ohne Irrtum und damit unfehlbare und voll­ kommene Zeugen der Wahrheit über Gott, den Menschen und das Heil.


Anrede und Gruß (1,1-7)

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3 über seinen Sohn, der aus dem Samen Davids [geboren] wurde dem Fleisch nach 4 und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen wurde dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung, Jesus Christus, unseren Herrn, Das Evangelium Gottes ist »über seinen Sohn«. Im Evangelium geht es nicht um Gebote und um Leistungen, die Gott einfordert. Es geht um Gottes Sohn. Er ist die Substanz der Frohen Botschaft, und die lautet: Gottes Sohn ist zu uns gekommen, ist Mensch geworden, um unter uns zu leben und für uns zu sterben zu unserem Heil. Das Evangelium ist nicht wie das Gesetz, das den Menschen lehrte, was seine Pflicht ist, und das ihm Leben verhieß, wenn er diese erfüllte (Hes 18,9; Röm 10,5). Es handelt nicht vom Menschen, was der vermag, sondern vom Sohn Got­ tes, was der getan hat. Wie es ohne die Heiligen Schriften kein Altes Tes­ tament geben kann, so auch ohne den Sohn Gottes kein Evangelium. So wichtig es ist, dass wir ein ungebrochenes Vertrauen in die Heiligen Schriften haben, so wichtig ist es, dass wir den Sohn erkennen und an den Sohn glauben. Unterhalten wir falsche Gedanken über Jesus Chris­ tus, ist das Evangelium dahin. Darum fährt der Apostel fort und bietet in den Versen 3 und 4 eine ganz kompakte, umfassende Christologie, d. h. biblische Lehre vom Wesen und Werk des Christus Gottes. Er hat bereits gesagt, dass Jesus der Christus ist; nun folgt alles Weitere, was man über ihm wissen muss, um durch den Glauben an ihn gerettet zu werden: 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Er ist Gott. Er ist Mensch. Er ist Sohn Davids. Er war als Mensch ohne Sünde. Er auferstand aus den Toten. Er ist Herr.

All das ist enthalten in diesen beiden Versen. Christus ist »sein«, d. h. Gottes Sohn, und das bedeutet, dass er Gott ist. Und er ist »aus dem Samen Davids … dem Fleisch nach«, und das bedeutet, dass er Mensch ist. Der Retter ist wahrer Mensch, und er ist


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ein genau identifizierter Mensch, geboren in einem bestimmten Volk und in einer präzise definierten Familie, an einem mit Namen be­nannten Ort zu einem eindeutig datierten Zeitpunkt (Lk 2,1-2). Er wurde als Nach­ komme Davids angekündigt (2Sam 7,12-14); die Apostel haben be­ ­ stätigt, dass Jesus von Nazareth dieser Nachkomme Davids war (Mt 1,1; 2Tim 2,8). Der Mensch Jesus wurde geboren, als Augustus über das Römische Reich herrschte (Lk 2,1-7), und er wurde etwas mehr als drei­ ßig Jahre später hingerichtet, als Pontius Pilatus römischer Statthalter in Judäa war (Lk 3,1; 23,1.24). Diese historische Persönlichkeit, dieser Mensch Jesus, ist der Christus, der von Gott verordnete und in diese Welt gesandte »Heiland der Welt« (Joh 4,42). Nehmen wir beide Aussagen »aus dem Samen Davids« und »Sohn Gottes … dem Geist der Heiligkeit nach« zusammen, können wir das Ganze so formulieren: Christus ist Sohn Davids, und er ist Sohn Got­ tes. Er wurde von Maria, einer Tochter Davids, empfangen und ist darum seiner menschlichen Herkunft nach Davids Sohn (Lk 1,32); er wurde durch den Heiligen Geist gezeugt. Darum »wird er Sohn Gottes genannt« (Lk 1,35). Er wurde nicht nur vom Heiligen Geist gezeugt (Lk 1,35), son­ dern er war auch »voll Heiligen Geistes« (Lk 4,1) und wurde stets durch den Heiligen Geist geführt (Mt 4,1). Und durch diesen Geist opferte er sich Gott (Hebr 9,14). Bereits durch seine Werke (siehe Joh 14,11), aber vor allem durch die Auferstehung wurde er »als Sohn Gottes in Kraft erwiesen«. Beachten wir den Wortlaut: Es heißt nicht, dass er Sohn Gottes wurde, so wie er in der Zeugung und Geburt Sohn Davids, also Mensch, wurde (siehe Joh 1,14). Er war ewig Sohn Gottes; er blieb Got­ tes Sohn, als er im Fleisch in Niedrigkeit unter uns war, und er wurde in der Auferstehung öffentlich »als Sohn Gottes« festgestellt, de­monstriert, erwiesen.7 Christus hatte sich in der Menschwerdung der »Gestalt Gottes« entäußert (Phil 2,6-7), obwohl er allezeit wahrer Gott blieb. Er wurde den Menschen gleich und erniedrigte sich bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. Er wurde »in Schwachheit gekreuzigt« (2Kor 13,4), aber in der Auferstehung »in Kraft« bestätigt und erwiesen als Sohn Gottes. In der Auferstehung und der darauf folgenden Erhöhung hat er als Mensch die 7

Das hier verwendete Verb orizō kommt noch in Lk 22,22; Apg 2,23; 10,42; 11,29; 17,26.31; Hebr 4,7 vor, wo es die Bedeutung »beschließen, bestimmen, festlegen, festsetzen« hat. Die Grundbedeutung des Verbs ist »eine Grenze [horos] bestimmen«, also »abgrenzen«, und damit auch »definieren« (was ja wörtlich eben »abgrenzen« heißt, von lat. finis [die Grenze]) und somit »erklären, deklarieren«. Entsprechend ist in Röm 1,4 mit orizō »deklarieren« gemeint. Janzen übersetzt sinngemäß treffend, Christus wurde als Sohn Gottes »herausgestellt«.


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Herrlichkeit, die er als Gottessohn ewig beim Vater hatte (siehe Joh 17,5), wieder angenommen. Petrus sagt, dass er durch die Auferstehung und danach folgende Erhöhung als Herr erwiesen wurde (Apg 2,36). Er war immer Herr; er wurde nicht Herr durch die Auferstehung; er war immer der Sohn Gottes; er wurde nicht Sohn Gottes. Dass der Sohn Davids auch Sohn Gottes ist, wurde David offenbart (2Sam 7,12-14) und von den neutestamentlichen Schriftpropheten be­­ stätigt (Lk 1,35; Hebr 1,5). Der Mensch Jesus ist wahrer Gott; denn das bedeutet der Titel »Sohn Gottes«. Das begriffen die Juden, von denen Johannes berichtet: »Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte und damit sich selbst Gott gleich machte« (Joh 5,18). Dass er Gott gleich war, bewies der Herr »durch Toten-Auferstehung«. Als die Juden sein Tun, seine Autorität und damit seine Gottheit infrage stellten, antwortete er ihnen: »Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten« (Joh 2,19). Kein Mensch hat die Macht, aus den Toten zu erstehen. Der Mensch Jesus aber hatte diese Macht, und damit bewies er, dass er Gott gleich, dass er Gottes Sohn ist: »Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen« (Joh 10,17-18). Diese Auferstehung enthält die ganze Erlösungstat des Sohnes Gottes: 1. Er musste zuerst Mensch werden und damit sterbliches Fleisch annehmen, denn sonst hätte er nicht sterben können. 2. Dann musste er sterben, denn sonst hätte Paulus hier nicht sagen können, er sei aus den Toten auferstanden. 3. Er ist auferstanden, weil der Tod ihn nicht halten konnte, und das wiederum beweist, dass er sündlos war: Er war von Geburt an »das Heilige [Kind]« (Lk 1,35) und Gottes Frommer (Apg 2,27), ohne Erbsünde (2Kor 5,21; 1Jo 3,5) und ohne Tatsünden (1Petr 2,22). 4. Nur weil er sündloser Mensch war, konnte er in seinem Tod an unserer Stelle das Gericht tragen (1Petr 3,18), und weil er Gottes Sohn war, konnte er auferstehen.


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5. Die Auferstehung war notwendig zu unserer Errettung; denn: Ohne Auferstehung gibt es keine Vergebung der Sünden (1Kor 15,17) und keine Rechtfertigung (Röm 4,25). Ohne Tod und Auferstehung des Herrn gibt es kein Evangelium (siehe 1Kor 15,3-4). Paulus schreibt nicht, dass Jesus durch die Auferstehung »aus den Toten«, sondern durch »Toten-Auferstehung«, d. h. durch die Auf­erstehung der Toten (Mehrzahl), als Sohn Gottes in Kraft erwiesen wurde. Warum das? Er will damit andeuten, was er an anderer Stelle ausführlich erörtert: Christus ist der Erstgeborene aus den Toten (Kol 1,18); er ist »der Erstling der Entschlafenen« (1Kor 15,20), der als Erster auferstand. Als die­ ser eine Mensch auferstand, auferstand eine ganze neue Menschheit in ihm. »Damit, dass Christus als ein zuvor gestorbener Mensch auferweckt worden war, war der Mensch durch die Kraft der Auferstehung in eine völlige neue Stellung gebracht worden, zum Leben gebracht … jenseits von Tod, Sünde, Gericht und Macht Satans … Alles wurde gewirkt zur Verherrlichung Gottes durch einen Menschen, welcher der Sohn Gottes war … und damit ist der Mensch, gemäß dem Wert dieses vollbrachten Werkes und durch die Kraft des Leben spendenden Geistes, in der Person des Sohnes Gottes in eine neue Stellung gebracht, sodass durch Glauben wir als Söhne angenommen sind.«8 Und in ihm werden alle, die in Christus sind, einst auferstehen, »denn, wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden. Jeder aber in seiner eigenen Ordnung: der Erstling, Christus; dann die, die des Christus sind« (1Kor 15,22-23; vgl. V. 20). Die Auferstehung der Erlösten zu ewiger Herrlichkeit ist noch zukünftig; aber die Auferstehung ist auch schon geschehen, nämlich am Tag, da Christus, der Erstling aus den Toten, erstand, da erstanden alle, die in Christus sind, mit ihm (Röm 6,4.8; Kol 3,1). Das Evangelium ist »über seinen Sohn« (V. 3), also über »Jesus Christus, unseren Herrn«: Er ist der Inhalt des Evangeliums; nicht 8

J. N. Darby, On the Epistle to the Romans, S. 313, 316.


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Regeln und Gebote machen das Evangelium aus, sondern Jesus Chris­ tus, der alle Gebote für uns erfüllte und alle Sanktionen, die auf Ungehor­ sam folgen, auf sich nahm. Das Evangelium predigen heißt deshalb, Jesus Christus predigen (2Kor 1,19; 4,5). An das Evangelium glauben heißt, an Jesus Christus, den Herrn, zu glauben. »Jesus« ist der Name, den er als Mensch bekam: »Und sie wird einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden« (Mt 1,21). Jesus ist die der griechischen Sprache angepasste Form des hebräischen Namens Jeschuah, und das wiederum ist eine Kurzform des Namens Jehoschuah = Jahwe ist Heil (Rettung). Damit, dass der Sohn Gottes Mensch wurde (mit allem, was damit zusammenhing: seine Sünd­ losigkeit und sein Gehorsam bis zum Tod am Kreuz), wirkte er Heil. Das war der Sinn seines Kommens in die Welt; darum sollte er Jesus heißen. Jesus ist »der Christus«. Dieses griechische Wort bedeutet »der Gesalbte« und damit nichts anderes als das hebräische Messias. Und er ist »Herr«. Ihn hat Gott der Vater erhöht über alle und alles (Apg 2,34-36).

Der Christus, der Gesalbte Gottes Als Gesalbter war Jesus der von Gott verordnete Prophet, Priester und König. Diese drei waren nämlich stets »Gesalbte«; sie wurden in ihr Amt öffentlich eingesetzt durch Salbung mit Öl (siehe 2Mo 29,7; 1Sam 16,13; 1Kö 19,16b). 1. Jesus kam in die Welt als der wahre Prophet, den Gott durch Mose angekündigt hatte (5Mo 18,15). Als solcher lehrte er das Volk, wovon alle vier Evangelisten ausführlich berichten. Man achte einmal darauf, wie häufig sie das hervorheben (Mt 4,23; 5,2; Mk 1,21-22; Lk 4,14-15; 5,3; Joh 7,16-17; 18,20 etc.). 2. Jesus kam in die Welt als der wahre Priester, der anders als alle seine Vorläufer erstens sündlos war, weshalb er nicht wie Aaron zuerst für sich selbst Opfer zur Vergebung seiner eigenen Sünden darbringen musste (Hebr 5,1-3). Zweitens brachte er nicht fremdes Blut vor Gott (Hebr 9,12), sondern er opferte sich selbst durch den ewigen Geist Gott (Hebr 9,14) und ging mit seinem eigenen Blut ein in die Gegenwart Gottes. Und drittens lebt er ewig und hat darum ein ewiges Priestertum, weshalb er allezeit und


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Römer 1 bis ans Ende des Zeitalters für alle seine Erlösten eintreten kann (Röm 8,34; Hebr 7,25). 3. Jesus ist der gesalbte König (Joh 1,49), der über sein Volk und über alle Nationen herrschen soll (Ps 2,6-7; Jes 9,5-6; Jer 23,5; Dan 7,13-14; Sach 6,13; Offb 19,16).

So sehen wir, wie Jesus, der Gesalbte, alles wirkt zu unserem Heil: Als der Prophet lehrt er uns und stellt uns damit unsere Sünden vor Augen; als der Priester opfert er sich an unserer statt, um unsere Sünden zu sühnen; und als der Herr stellt er uns unter seine Herrschaft. Mit die­ sem Letzten ist die Errettung des Sünders erst abgeschlossen, ist die Sünde Adams überwunden. Adam war in Ungehorsam gegen Gott auf­­ gestanden; wir, die wir glauben, werden unter den Gehorsam des Chris­ tus und damit Gottes gebracht. Darum nennt ihn Paulus Jesus Christus, unseren Herrn. »Herr«, Kyrios, ist der Titel Gottes, der hebräisch Jahwe lautet, und der im griechischen Alten Testament stets mit Kyrios übersetzt wurde. Wir sollten das immer vor Augen haben: Unser Herr Jesus ist der ewige Gott, der unveränderliche, der große »Ich bin«, der sich Mose offenbarte (2Mo 3,13-14) und Israel aus Ägypten führte. Damals wirkte er eine zeit­ liche Errettung; seit er Mensch geworden, für uns gestorben und wie­ der auferstanden ist, ist er uns zum »Urheber ewigen Heils« (Hebr 5,9) geworden. 5 durch den wir Gnade und Apostelamt empfangen haben zum Gehorsam des Glaubens unter allen Nationen für seinen Namen, 6 unter denen auch ihr seid, Berufene Jesu Christi. Das Evangelium handelt von Jesus Christus, unserem Herrn; ihm ver­ danken wir alles, durch ihn »haben« »wir Gnade … empfangen«. Im Dienst wie in der Errettung ist alles »von ihm und durch ihn« (Röm 11,36). Aus ihm haben wir die Gnade, und aus Gnade haben wir das Heil (Eph 2,8), und aus Gnade haben wir unseren Dienst empfangen. Darum sagt der Apostel: »Ich danke Christus Jesus, unserem Herrn, der mir Kraft verliehen, dass er mich treu erachtet hat, indem er den in den Dienst stellte, der zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war;


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aber mir ist Barmherzigkeit zuteilgeworden … Aber darum ist mir Barmherzigkeit zuteilgeworden, damit an mir, dem ersten, Jesus Christus die ganze Langmut erzeige, zum Vorbild für die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben« (1Tim 1,12-13.16). Wie gerne rühmt Paulus »die Gnade unseres Herrn Jesus Christus« (2Kor 13,13), und Johannes sagt, dass wir alle aus seiner Fülle »Gnade um Gnade« empfangen haben (Joh 1,16). »Gnade und Apostelamt«: Die Gnade kommt vor dem Dienst; ohne Gnade kann niemand Gott dienen. Ist Gott nicht zuerst uns Sündern gnädig, kann er uns nie zu sich nehmen; und wäre seine Gnade damit erschöpft, dass er uns gerettet hat, könnte keiner ihm dienen. Darum sagt Paulus an anderer Stelle: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war« (1Kor 15,10). Wer ihm dient, tut alles »für seinen Namen« (siehe Apg 15,14); denn es ist nicht nur alles von ihm und durch ihn, sondern auch »zu ihm« (Röm 11,36) oder für ihn, d. h. zu seiner Ehre. Im Evangelium rettet Gott Menschen zu seiner eigenen Verherrlichung, und er gibt ihnen einen Dienst »für seinen Namen«, nicht für ihren eigenen Namen. Das Evan­ gelium befreit uns für Gott; es befreit uns vom Drang, jemand und etwas sein zu wollen in dieser Welt, und es gibt uns das Verlangen, dass der Name Jesu Christi gerühmt werde. Der große Evangelist George White­ field sagte seinen Freunden, als sie ihn drängten, es John Wesley gleich­ zutun und eine eigene Denomination zu gründen, die seinen Namen tra­ gen sollte: »Mein Name soll vergessen und von allen Menschen niedergetreten werden, wenn nur Jesus dadurch verherrlicht wird. Mein Name möge allenthalben sterben, meine Freunde mögen mich vergessen, wenn dadurch die Sache des gepriesenen Jesus vorangetrieben wird.«9 Der Dienst, den der Apostel von Gott empfangen hat, soll Menschen »zum Gehorsam des Glaubens«, hypakoē pisteōs, führen. Wie ist die­ ser Genitiv aufzufassen? Es könnte sein wie in 1Petr 1,22 (hypakoē tēs 9

B. Peters, George Whitefield. Der Erwecker Englands und Amerikas, Bielefeld: CLV, 2. Auflage 2003, S. 328.


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alētheias, der Gehorsam gegenüber der Wahrheit) oder wie in 2Kor 7,1 (»Furcht Gottes«, phobos theou = die Furcht vor Gott) oder in 1Jo 5,3 (agapē tou theou = die Liebe zu Gott). Der »Gehorsam des Glaubens« wäre demnach der Gehorsam gegenüber der Glaubenslehre, das, was wir in Apg 6,7 lesen: »Eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam.« Aber naheliegender ist es, den Genitiv so zu verstehen wie »das Zeichen des Menschensohnes« (Mt 24,30). Das ist das Zeichen, welches darin besteht, dass der Menschensohn selbst am Himmel erscheint. Oder »das Zeichen der Beschneidung« (Röm 4,11). Das ist das Zeichen, das in der Beschneidung besteht. Oder derjenige, der »die Erstlingsgabe des Geistes« hat (Röm 8,23), hat als Gabe den Geist selbst empfangen. Der Gehorsam des Glaubens ist also jener Gehorsam, der darin besteht, dass man glaubt. Der Glaube an das Evangelium ist der Gehorsam, den Gott von allen Men­ schen fordert. Wenn jemand an das Evangelium glaubt, gehorcht er dem Befehl des Sohnes Gottes: »Glaubt an das Evangelium« (Mk 1,15). Als die Juden den Herrn fragten, was sie denn tun müssten, um Gottes Werk zu tun, antwortete er: »Dies ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat« (Joh 6,29). Die Predigt muss dazu führen, dass die Men­ schen dieser Predigt glauben; dieser Glaube ist der Gehorsam, zu dem Gott alle Menschen aufruft (siehe 2Thes 1,8). In Röm 10,16 sagt Paulus: »Nicht alle haben dem Evangelium gehorcht«, und führt als Schriftbeweis Jesaja an: »Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt?« »Wenn wir diese Stelle mit anderen Stellen vergleichen, in denen diese Redeweise vorkommt, so müssen wir das Wort ›Gehorsam des Glaubens‹ nicht verstehen von dem Gehorsam gegen das ganze Wort Gottes, der eine Frucht des Glaubens ist, sondern von dem eigentlichen Gehorsam, dass man glaubt.«10 Sind wir damit, dass wir glaubten, gehorsam geworden, beginnt ein gan­ zes Leben des Gehorsams, mit dem wir beweisen, dass unser Glaube echt ist. In den Kapiteln 6 – 8 und 12 – 15 wird Paulus dieses Leben ausführ­ 10 C. O. Rosenius, Der Brief an die Römer, Bd. 1, S. 33. »Den Rat Gottes zu unserer Seligkeit so zu hören, dass man sich davor beugt … und trotz allem Widerstand der Vernunft und des Herzens diesen Ratschluss annimmt – das ist’s, was hier der ›Gehorsam des Glaubens‹ genannt wird« (C. O. Rosenius, Der Brief an die Römer, Bd. 1, S. 34-35).


Anrede und Gruß (1,1-7)

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lich darlegen. Wahrer Glaube macht uns zu Sklaven der Gerechtigkeit; er macht uns zu Kindern des Gehorsams (1Petr 1,14; vgl. Eph 2,2), er unter­ wirft uns Gottes Willen. Er drängt und befähigt uns, so zu wandeln, wie Christus wandelte (1Jo 2,6). »unter allen Nationen«: Gott sonderte Paulus aus, damit er in ers­ ter Linie seinen Sohn »unter den Nationen verkündigte« (Gal 1,16). Er wurde von Gott »bestellt … als Herold und Apostel … ein Lehrer der Nationen« (1Tim 2,7) – dies im Gegensatz zu den Aposteln Johannes und Petrus, die unter den Juden predigen sollten (Gal 2,9). Das Evan­ gelium soll Heiden und Juden, d. h. der ganzen Menschheit, gepredigt werden, aller Schöpfung, der ganzen Welt, bis an die Enden der Erde (Mt 28,18-20; Mk 16,15; Apg 1,8; 2Kor 5,19-20). Gottes Heilswille gilt allen Menschen (1Tim 2,4), denn sein Sohn wurde zum Lösegeld ge­­geben für alle (1Tim 2,6). Dass Gott ein Retter aller Menschen ist, verkün­dete Gott nicht erst mit dem Kommen des Sohnes und durch die Predigt der Apostel, sondern schon durch seine alttestamentlichen Pro­ pheten (siehe Röm 1,2; Jes 42,1; 45,22; Röm 15,9-12). 1. Das Evangelium muss allen Menschen gepredigt werden, weil es unter Menschen keinen Unterschied gibt; sie haben alle ge­­ sündigt und verfehlen deshalb alle ihre Bestimmung: die Herr­ lichkeit Gottes (Röm 3,23). 2. Das Evangelium muss gepredigt werden, damit diese zum »Glaubensgehorsam« kommen, denn niemand kann glauben, wenn er nicht das Wort der Wahrheit, das Evangelium des Heils, zu hören bekommt (Röm 10,17; Eph 1,13; Kol 1,5-6). Dass alle Nationen zum Heil gerufen sind und nicht nur die Juden, wurde bereits im Alten Testament verkündet: In Abraham sollten alle Na­­ tionen gesegnet werden (1Mo 12,3), und die Nationen sollten mit Got­ tes Volk einst jubeln (5Mo 32,43). Da aller Segen nur von Abraham her und durch Israel zu den Nationen kommen sollte, konnte man das kaum anders verstehen, als dass die Nationen von Israel abhängig bleiben wür­ den. Israel bliebe also Haupt (5Mo 28,1.12-13), und die Nationen sollten unter ihnen von jenen Segnungen, die Gott Israel gegeben hatte, etwas bekommen. Dass aber beide unter einem anderen Haupt, unter Christus, völlig eins sein sollten, dass sie beide Teil am gleichen Erbe, ja, sogar


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zusammen die Glieder eines Leibes sein sollten, das wurde erst nach der Erhöhung Christi seinen Aposteln offenbart (Eph 3,5-6). Auf diese Tatsache bezieht sich Paulus, wenn er im Schlusswort das von ihm ge­­ predigte Evangelium ein Geheimnis nennt, das »ewige Zeiten hindurch verschwiegen war« (16,25). Im Epheserbrief erklärt er »das Geheimnis des Christus, das in anderen Geschlechtern den Menschenkindern nicht kundgetan wurde, wie es jetzt offenbart worden ist den heiligen Aposteln und Propheten im Geist, dass die aus den Nationen Miterben seien und Mitteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium« (Eph 3,4-6). »unter denen auch ihr seid«: Auch die Christen in Rom sind Teil der großen Gemeinschaft all derer, die Gott aus allen Nationen gerufen und zu seinen Kindern gemacht hat. »Berufene Jesu Christi«: Jeder Gläubige ist von Jesus Christus per­ sönlich und mit Namen gerufen worden. So wie der Herr einst Matthäus am Zollhaus sitzen sah und rief (Mt 9,9), so hat er uns mit Namen ge­rufen (Joh 10,3). Und Gott der Vater hat uns gerufen in die Gemeinschaft sei­ nes Sohnes (1Kor 1,9). Er hat uns damit seinem Sohn zum Besitz ge­­ geben; wir sind sein (Joh 6,37.39; 17,2.6). 7 Allen Geliebten Gottes, berufenen Heiligen, die in Rom sind: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! In Rom hatte man das Evangelium Gottes gepredigt, und dort hatten einige geglaubt; dort gab es einige »Geliebte Gottes«, »geliebte Kinder« (Eph 5,1), »Heilige und Geliebte« (Kol 3,12), »von Gott geliebte Brüder« (1Thes 1,4), vom Herrn geliebte Brüder« (2Thes 2,13), »in Gott, dem Vater, geliebte Berufene« (Jud 1). Die Gläubigen in Rom sollen wis­ sen, dass sie deshalb zum Glauben kamen, weil Gott sie geliebt hatte, als sie noch Sünder waren (Röm 5,8), und sie sollen wissen, dass sie als Geliebte Gottes »berufene Heilige« heißen. Das bedeutet, dass Gott sie rief, weil er sie liebte; und das bedeutet, dass er sie vorher erkannt und zuvorbestimmt hatte (Röm 8,29-30). Er rief sie durch die Predigt des Evangeliums, durch dessen Kraft sie von der Sünde befreit und von den Unreinheiten der Heiden abgesondert (1Thes 1,5.9) und zu Gott gebracht wurden (vgl. 1Petr 3,18).


Anrede und Gruß (1,1-7)

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Ein jeder Berufene ist ein von Gott dem Vater Geliebter. Er hat uns zuerst geliebt; darum lieben wir ihn (1Jo 4,19). Er, der uns zuerst geliebt hat, wird uns lieben bis ans Ende (Joh 13,1). Darum können wir gewiss sein, dass wir in aller Drangsal weit überwinden durch den, der uns geliebt hat (Röm 8,37), und dass uns nichts wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist (8,38-39). Gott hat die ganze Welt geliebt (Joh 3,16), aber nur die Heiligen heißen »Geliebte Gottes«. Der Sünder wird aufgerufen, an den Gott zu glauben, der aus Liebe zu ihm seinen Sohn für alle Menschen gab. Wird er gläubig, weiß er, dass Gott ihn mit ewiger Liebe geliebt hat (Jer 31,3) und dass Gott der Vater ihn mit besonderer Liebe liebt: »Der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin« (Joh 16,27). »Von Gott geliebt, nicht bloß mit Gottes allgemeiner Liebe, mit der er die ganze Welt liebte, sodass er seinen eingeborenen Sohn gab, sondern [mit] einer besonderen Liebe, mit der sie als Kinder und Freunde geliebt sind.«11 Die »Geliebten Gottes« sind die Erwählten Gottes: Jene, die durch nichts und niemanden je von Gottes Liebe geschieden werden können (Röm 8,38-39), sind »Gottes Auserwählte« (8,33; siehe auch 9,13.25). In Kol 3,12 nennt sie Paulus »Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte«. Die Juden heißen ebendeshalb Geliebte, weil sie zur »Auswahl« gehören (Röm 11,28). Paulus nennt die Christen in Rom »Heilige«. Was sagt der Apostel damit? a. Jeder Gläubige ist von Gott dem Vater ausgesondert. b. Er ist geheiligt worden durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi (Hebr 10,10). c. Er ist aus der Welt herausgenommen und zu Gott gebracht (Gal 1,4; 1Petr 3,18). d. Er ist fortan von der Sünde und der Welt getrennt und lebt in der Gemeinschaft mit allen anderen Erlösten für Gott (2Kor 6,14-18). 11 C. O. Rosenius, a. a. O., S. 29, aus der schwedischen Ausgabe übersetzt (in der deutschen Ausgabe Bd. 1, S. 36).


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