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Don Richardson

Herren der Erde GĂśtterangst und Menschenopfer in Neuguinea

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Ravensberger Bleiche 6 ¡ 33649 Bielefeld


1. Auflage 2018 (CLV) Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Lords of the Earth«, © by Don Richardson © der deutschen Ausgabe 2018 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld CLV im Internet: www.clv.de (früher erschienen im Verlag der Liebenzeller Mission) Das Gedicht »Wenn …« von Rudyard Kipling wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus Band III der Gesammelten Werke, © by Paul List Verlag, München Übersetzung: Litera/Köppl Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Bildnachweis: Stan Dale, Bruno de Leeuw, Phil Masters, Phyliss Masters, John Wilson Umschlag: Lucian Binder, Marienheide Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Artikel-Nr. 256366 ISBN 978-3-86699-366-2


Für meine – zwar menschlichen, dennoch auf reizvolle Weise ungewöhnlichen – Mitarbeiter, die den Bewohnern des östlichen Hochlandes von Irian Jaya ihr Leben, ihre Liebe und ihre Arbeit schenkten. Für diejenigen, die mir gestatteten, ihre Geschichte frei und offen zu berichten. Und für alle, die dieses Werk weiterführen.


Inhalt

Vorwort Einführung

9 11

Teil I – Die Welt mit den drei Umgrenzungen Der Tag, als der Himmel einstürzte Der Überfall Angst vor dem Kulamong Lösung nach Yali-Art Das Omen Die Rebellion

15 17 48 66 76 86 94

Teil II – Jenseits des Gebirgskamms Der Schwächling Die gnadenlose Minute Verlorenes … Hinter den Bergketten

103 105 130 148 159

Teil III – Der Stützpunkt jenseits der Bergkämme Ein einsamer Platz zum Sterben Noch ein Zuhörer Prüfungen einer Familie Entdeckungsreisen Die jungen Ersatztruppen Der Konflikt Im Wikboon-Kessel

205 207 216 241 254 271 292 325


Teil IV – Triumph hinter dem Gebirgsrand Schüsse im Seng-Tal Das unerwartete Eingreifen Ein Kind soll sie führen

371 373 391 411

Nachwort Bibliografie

428 431


Vorwort

Die Namen einiger Yali-Gestalten in diesem Buch wurden gekürzt oder abgeändert, damit man sie leichter aussprechen und behalten kann. Die Ereignisse in Teil I – »Die Welt mit den drei Umgrenzungen« – sind selbstverständlich ohne Datumsangaben, so wie sie mir von Yali-Gewährsleuten erzählt wurden, denn die Yali besaßen kein System der Datierung. Ich habe mir deshalb einige Freiheit genommen, diese Ereignisse in eine chronologische Ordnung zu bringen, die dem Leser die kulturelle Bedeutung verständlicher macht. In einigen Fällen wurden Gedächtnislücken meiner Informanten hinsichtlich bestimmter Personen oder Ereignisse mit kulturspezifischem Material von anderen Personen oder Geschehnissen der Yali ausgefüllt. Mein herzlicher Dank gebührt: Meinen Yali-Freunden Foliek, Sar, Dongla, Luliap, Yemu, Erariek, Latowen, Aralek, Suwi, Emeroho, Engehap, Kusaho, Nalimo und anderen für die faszinierenden Angaben über Kultur und Geschichte der Yali. Meinem langjährigen Freund und Mitarbeiter Tuangen, einem der fünf mutigen Dani, die bei Stan und Bruno blieben, bis der Landestreifen von Ninia fertig war. Ihm verdanke ich die historischen Einzelheiten über diesen gefährlichen ersten Vorstoß ins Heluk-Tal. Meinem schottischen Mitbruder John Wilson, dessen hervorragende Kenntnis der Yali-Sprache meine wichtigste Verbindungsbrücke zum Yali-Volk war; er führte mich auch an die Schauplätze zahlreicher hier berichteter Ereignisse. Johns Frau Gloria sowie Art und Carol Clarke für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft während der Nachforschungen in Ninia. 9


Stan Dales Schwestern, Sadie Murley und Elaine Cook, sowie Alex Gilchrist, Ted Hoeld und Lindsey und Claire Slade für die Mitteilung ihrer Erinnerungen an Stan Dales Jugend und frühe Dienstjahre. Pat Dale, die mir ihre und ihres Gatten Tagebücher und Notizen zur Verfügung stellte. Phyliss Masters für die Mitteilung ihrer Erinnerungen an Phil1 und die erste Zeit in Korupoon. Bruno und Marlys de Leeuw sowie Costas und Alky Macris für ihre Erinnerungen an die erste Zeit des Kampfes im Heluk. Don und Alice Gibbons, Gordon und Peggy Larson2 sowie John und Helen Ellenburger für Hintergrundmaterial über die geistliche Bewegung unter den Stammesangehörigen der Damal und Dani. Meiner Frau Carol und Barbara Willis für die vielen Stunden, die sie mit dem Schreiben des Manuskripts zubrachten.

Anmerkung des Verlags Wir haben uns entschieden, die in der amerikanischen Originalausgabe sowie der deutschen Erstübersetzung verwendete Bezeichnung »Irian Jaya« für Westneuguinea (den indonesisch verwalteten Teil der Insel Neuguinea) beizubehalten, da sie die politischen Verhältnisse zurzeit der Abfassung widerspiegelt. Heute ist Westneuguinea in die indonesischen Provinzen Papua und Westpapua aufgeteilt.

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Philipp Jesse Masters (geb. 1932) starb schließlich zusammen mit Stanley Albert Dale den Märtyrertod im Wikboon-Kessel des Seng-Tals am 25. September 1968 (siehe Kapitel »Im WikboonKessel). Die Erfahrungen der C&MA (Christian and Missionary Alliance)-Missionare Don und Alice Gibbons und Gordon und Peggy Larson bei der Mission der Danli und der Damal sind u. a. beschrieben in: Joseph F. Conley, Drumbeats That Changed the World. A History of The Regions Beyond Missionary Union and The West Indies Mission 1873–1999 (561 S.), Pasadena (William Carey Library) 2000.

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Einführung

Die Yali, Kannibalen ganz besonderer Art, Meister des Dschungelkriegs, die so lange weiterschießen, bis die Pfeile »so dicht wie Schilf in einem Sumpf« im Leib ihres Opfers stecken. Die Yali, schwarze Dämonen, die von einer aus Schweinefett und Ruß bestehenden »Kosmetik« glänzen, mit unzähligen Metern von Palmschilf, das wie Draht um eine Magnetspule um ihren Körper gewickelt ist, mit einem Penisschutz, der wie ein Klüverbaum vorsteht und ihre Männlichkeit zur Schau stellt. Sie nennen sich selbst »Männer der Macht … Herren der Erde«, denn in ihren fernen, von Bergen umgebenen Tälern stellte niemand ihre Herrschaft infrage. Im Bund mit den kembu-Geistern beugten sich die Yali-Männer vor niemandem, und sie brauchten auch nichts. Oder vielleicht doch? Der wettergegerbte missionarische Vorkämpfer Stan Dale und der sanfte Holland-Kanadier Bruno de Leeuw glaubten, dass die Yali das Evangelium von Jesus von Nazareth brauchten. Angefeuert und getragen von ihrem Glauben betraten Bruno und Stan das Heluk-Tal, wohin ihnen später Stans Frau Pat und ihre vier Kinder folgten. Weder Stan noch Bruno träumten auch nur im Entferntesten davon, wie vielschichtig ihre Mission wirklich war. Und sie ließen sich auch nicht träumen, welch grauenvolle Gefahren auf sie lauerten.

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Irian Jaya / Indonesien (früher Niederländisch-Neuguinea)

Arafurasee Korallenmeer Indischer Ozean

Australien

N W

O S Karte Nr. 1: Irian Jaya im Verhältnis zu Australien

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Pazifik

Jayapura Karubaga Ekari Dani Damal

Wamena

Yali-Dörfer

(siehe Karte Nr. 3)

Agats Arafurasee Pirimapun

Merauke

N W

O S Karte Nr. 2: Irian Jaya (früher Niederländisch-Neuguinea)

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24 km

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Karte Nr. 3: Die Welt mit den drei Rändern

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Tiefländer

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Balinga O Ninia O Sivimu O Hwim O O

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Holuwon

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Heluk -Fluss


Teil I Die Welt mit den drei Umgrenzungen


Der Tag, als der Himmel einstürzte

Kugwarak starrte in den grauen Abgrund wie ein finsterer Wasserspeier. Buschige Brauen, die durch feine Nebeltröpfchen noch buschiger wirkten, überschatteten die schwarzen Augenhöhlen. Hautfalten, denen die Muskeln der Jugend fehlten, hingen über seine eingefallene Brust wie die Brustwarzen einer alten Frau. Trotz seines Alters kauerte er in einer seltsam fötalen Stellung auf seinen Fersen, die Arme um die Knie geschlungen, das Kinn auf dem knochigen Handgelenk ruhend. Kugwarak schauderte. Hoch über ihm türmten sich die schwarzen Zinnen der Schneeberge von Niederländisch-Neuguinea drohend gegen die Morgendämmerung und ließen Kugwaraks Welt winzig erscheinen. Weit unten, kaum wahrnehmbar durch mehr als dreihundert Meter Nebel hindurch, schäumte der Heluk-Fluss durch eine chaotische Schlucht. Sein Donnern stieg und fiel mit dem Wind, wie der Puls der Zeit selbst. Kugwarak schauderte wieder und blickte nach der Sonne. An ihrer Stelle tauchte ein lebhafter brauner Cherub aus dem Nebel auf und rannte zu ihm hin – Nindik, seine Enkelin. Bekleidet war sie nur mit einem knappen Schilfgrasröckchen. In den Händen trug sie zwei frisch gekochte Yams-Wurzeln. Die größere gab sie ihrem Großvater, sie selbst aß die kleinere samt der aschenverkrusteten Haut und allem anderen. Kugwarak hätte sie gescholten, wenn sie die Haut weggeworfen hätte. Dann lehnte sie sich warm an Kugwaraks zitternden Körper und begann, Läuse von seinem kahler werdenden Schädel zu sammeln, die sie als Dessert zwischen ihren Zähnen zerknackte. Ihr Lachen umfloss ihn wie ein Bächlein den Stein. Da fiel der erste Sonnen-

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strahl nieder und hüllte den alten Mann und das Kind in ein sanftes, goldenes Licht. Bald brannte das volle Sonnenlicht auf sie nieder und schluckte den Nebel auf. Schräg gegen eine Kuppe lehnte hinter ihnen die Behausung des alten Mannes, eine arg baufällige yogwa, eine Männerhütte des Yali-Stammes. Sie war rund angelegt, mit Wänden aus steinbehauenen Brettern und einem kegelförmigen Dach aus drei Meter langen Pandanuswedeln3. Vom Dachgipfel aus ragte eine einzelne hölzerne Spitze in den Himmel. Rauch aus der letzten Aschenglut von Kugwaraks nächtlichem Feuer kräuselte sich durch tausend Ritzen. Nindik vernahm Schritte und blickte auf. Jenseits der yogwa zeichnete sich eine mächtige Gestalt im Nebel ab. Nindik wandte sich um und floh; ihr winziges Schilfgrasröckchen flappte hinter ihr her. Die Gestalt näherte sich ihrem Großvater. Kugwarak, der noch auf dem letzten Rest seiner Yams-Wurzel kaute, verdrehte den Hals und blickte zu dem Mann auf, der sich hinter ihm aufgepflanzt hatte. Nun wusste er, warum das kleine Mädchen geflüchtet war. Nicht nur das kleine Mädchen, selbst mancher erfahrene Krieger würde nicht zögern, dem Mann Platz zu machen, der nun auf ihn niedergrinste. Selambo! Glänzend eingesalbt mit Schweinefett und Ruß, bildete Selambo die lebende Idealfigur eines Geschichtenerzählers der Yali – »ein Mann, dessen Leber trocken ist«. Kühl und selbstsicher konnte Selambo einen stahlharten Beschluss mit sich herumtragen und ihn erst im geeigneten Augenblick offenlegen. Mit der leidenschafts3

Die Schraubenbäume (Pandanus), auch Schraubenpalmen oder Pandane genannt, sind eine Pflanzengattung aus der Familie der Schraubenbaumgewächse (Pandanaceae) in der Ordnung der Schraubenbaumartigen (Pandanales). Sie haben eine paläotropische Verbreitung. Schraubenbaum-Arten wachsen als immergrüne, baum- oder strauchförmige, ausdauernde Pflanzen. Sie besitzen einfache oder verzweigte Stämme und manchmal Luftwurzeln. Die in dreifacher Spirale stehenden Laubblätter sind groß, einfach, lineal, am Rand und an der Mittelrippe dornig.

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losen Distanziertheit eines Gottes konnte er töten oder Leben schonen. Selambos blutunterlaufene Augen glühten wie Kohlen. Sein von Schweinefett starrendes Haar hing in Strähnen herum und fiel ihm fast über das Gesicht. Bänder, die mit den weißen Schalen von Kaurie-Muscheln besetzt waren, glänzten wie das widersinnige Bild eines Heiligenscheins um seine Schläfen. Aus der gespaltenen Nasenscheidewand sprangen drohend die gekrümmten Enden eines Wildschweinhauers vor. Er ging an Kugwarak vorbei; seine Hüftmuskeln waren glatt, die nackten Gesäßmuskeln dick, aber fest. Dann wandte er sich dem alten Mann zu, den Rumpf mit dem fassförmigen Brustkorb eitel vorgebeugt, um die von den Yali bewunderte Haltung des zurückschwingenden Rückens zu erzielen. Wie alle mannbaren Yali-Männer trug Selambo einen aus einem langen, getrockneten gelben Kürbis geschnittenen Penisschutz, der mit einem Stück Faden an seiner Taille befestigt war und nach oben stand, um so seine Sexualität augenfällig zu betonen. »Halabok!«, rief Selambo und beugte sich vor, um den alten Mann unter dem Kinn zu kratzen. Halabok, ein typischer skatologischer4 Gruß der Yali, bedeutet einfach: »Ich preise selbst deine Exkremente!« Damit soll ausgedrückt werden: »Wenn mir schon das Unangenehmste an dir zusagt, dann stell dir vor, wie sehr ich deine guten Seiten schätze!« Kugwarak antwortete noch zärtlicher: »Hai bisoksok!« Die Übersetzung dieses Grußes würde Besuchern aus Stämmen, deren Sprache keine skatologischen Grußformen kennt, Übelkeit verursachen. Die meisten Fremden lernen die Bedeutung der Yali-Grußformen nie und sprechen sie rein mechanisch nach, was ihrem Magen weit besser bekommt. 4

Skatologie, skatologisch [von altgriech. skôr, skatós = Kot]: Kot, Exkremente, Fäkalien oder den Anus betreffend, bzw. Fäkalausdrücke in der Sprache verwendend.

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Mit seinem seltsam entwaffnenden Lächeln fasste Kugwarak die Unterarme von Selambo, als jener sich vor ihm niederkauerte. Die beiden Männer schwatzten freundschaftlich, während sich um sie herum der Nebel hob und einen Hügelstreifen freigab, der mit Dutzenden anderer yogwas besetzt war, die meisten in besserer Verfassung als die von Kugwarak. Um die yogwas gruppierte sich die gleiche Zahl kleinerer Behausungen, die homias – Frauenhütten – genannt wurden. »Erzähle mir etwas vom kürzlichen Schweinefest in Ombok!« Fliegen wippten auf Kugwaraks grauem Bart, als er sprach. »Es war ein seltsames Fest«, meinte Selambo mit einem schlauen Lächeln. »Wir waren eben damit fertig, einen neuen Rachefetisch im Hause der dokwi-Geister zu weihen, als« – Selambo blickte sich um, wie um sicherzugehen, dass niemand horchte – »als mein Freund Buli aus Ombok mir ein Stück rohes Schweinefleisch gab und sagte: ›Schneide es für diese Männer zum Kochen auf.‹ Ich nahm ein Stück scharfkantigen Bambus und begann zu schneiden, aber die Klinge traf in der Mitte auf irgendetwas. Ich sagte zu mir: ›In diesem Fleisch ist kein Knochen; warum kann ich dann nicht durchschneiden?‹ Ich sah innen nach, und rate, was ich da fand?« »Eine Pfeilspitze aus Bambus«, kicherte Kugwarak mit wissendem Seitenblick. »Ich blickte zu Buli auf und sah, wie er mich aus dem Augenwinkel beobachtete.« »Natürlich«, warf der alte Mann ein. »Dann bemerkte ich, dass Buli ähnliche Stücke Schweinefleisch an Männer aus anderen Dörfern zum Schneiden gegeben hatte. Ich saß und beobachtete, wie einer nach dem anderen die gleiche Entdeckung machte wie ich. Buli hatte in jedem Stück eine Pfeilspitze versteckt.« »So wurdet ihr alle verpflichtet, mit ihm an einem Überfall teilzunehmen!« 20


»Ja! Wir wurden ganz still, als wir das erkannten. Dann legte Buli seinen Plan vor …« Aus spitzgiebeligen yogwas und homias kräuselte sich Rauch um Nindik, als sie heimwärts rannte. An allen Enden erwachte das Dorf zum Leben, das den Namen Hwim trug. Frauen mit Kindern auf dem Rücken und Grabstöcken in der Hand machten sich auf den Weg zur Arbeit in den Yams-Gärten unterhalb der Siedlung. Junge Burschen übten sich mit Miniaturspeeren, die sie durch hochgeschleuderte Schlingen aus Palmschilf warfen. Männer kauerten vor ihren yogwas, und wie ein böses Vorzeichen banden sie Bambuspfeilspitzen an Stücke von weißem Rohr. Hwims Schwesterdorf, Sivimu, das sich den niedrigeren Bergrücken entlang nach Norden hinzog, empfing das Morgenlicht auf hundert kegelförmigen Dächern. Zwischen den beiden Zwillingsdörfern ragten auf einem einzelnen Hügel mit Namen Yarino zwei grimmige Bauten in die Luft, die in Höhe und Umfang die übliche Yali-Behausung fast um das Doppelte übertrafen. Dies waren ganz besondere yogwas; jede war einer der beiden von den Yali anerkannten Arten von Geistern gewidmet. Die etwas tiefer stehende yogwa bildete ein Museum von geheiligten Gegenständen, die den dokwi-Geistern der im Krieg umgekommenen Ahnen gewidmet waren; Geistern, die beständig die Lebenden aufstachelten, ihren Tod zu rächen. Diese yogwa wurde daher in der Yali-Sprache als dokwi-vam – Haus der dokwi – bezeichnet. Der zweite Bau, der vom höchsten Punkt des Hügels aufragte, war der Tempel der kembu – nichtmenschlicher Geister, die den Kosmos der Yali beherrschten. Hinter dem Tempel lag ein Hain aus heiligen Pandanus und Kiefern und ein geweihter Garten, dessen Erzeugnisse nur von »Männern des Wissens« gegessen werden konnten, einer auserwählten Gruppe älterer Männer, die allein all die gefürchteten Geheimnisse von Leben und Tod kannten. 21


Eine gewundene Mauer aus gezackten weißen Steinen umgab Tempel, Hain und Garten und hob ihre Bedeutung noch hervor. Die Mauer und der Ort, den sie umschloss, war den Yali als dokwi, »heiliger Platz«, bekannt. Und so war, länger als jeder lebende Yali zurückdenken konnte, der Hügel Yarino und das ihn krönende kembu-vam das Zentrum des religiösen Lebens von Hwim und Sivimu und den dazugehörigen umliegenden Siedlungen gewesen. Nur einmal in jeder Generation wurde das kembu-vam neu gebaut und die es umgebende Steinmauer wieder hergerichtet. Kugwarak, Nindiks nun alternder Großvater, und sein Schützling Marik waren die letzten der Alten, die das kembu-vam neu errichtet und die Steinmauer in Ordnung gebracht hatten. Das war vor Jahren gewesen, als Kugwarak noch in der Blüte seiner Jahre stand. Seit dieser Zeit nannten die Männer von Hwim und Sivimu den Hügel Yarino respektvoll »Kugwaraks und Mariks Platz«. Aber für die Frauen der Yali und damit auch für die kleine Nindik war »Kugwaraks und Mariks Platz« ein Ort des Schreckens. Wie oft hatte Nindik die strenge Warnung vernommen: Jede weibliche Person, die diese Steinmauer überschreitet oder sie auch nur berührt, muss in die Stromschnellen des Heluk geworfen werden! Selbst männliche Personen, die noch nicht den kembu-Geistern geweiht wurden, müssen sterben, wenn sie ihren Fuß auf den geheiligten Grund setzen! Nindik erschauerte und vermied vorsichtig einen Pfad, der in die Nähe des dokwi führte. Mit Entsetzen erinnerte sie sich, dass ihr Vetter Foliek beinahe hingerichtet worden wäre, weil jemand ihn einen Pilz essen sah, von dem man glaubte, er sei innerhalb der gefürchteten Steinmauer gepflückt worden. Als die kleine Nindik um eine Biegung des Fußpfades kam, sah sie ihren Onkel Kiloho auf das Dach seiner neuen yogwa klettern, die nun fast fertig zum Eindecken war. Deko, ein anderer von Nindiks Onkeln, saß auf einem Stein neben der neuen Behausung und hielt eine hölzerne Stange, während sein Bruder Bukni sie in eine 22


scharfe Spitze für Kilohos Dach zurechthieb. Nindik mischte sich scheu unter eine Gruppe von Kindern, die dastand und zusah. »Vater Bukni«, wagte eines der Kinder zu fragen (jeder Ältere kann bei den Yali »Vater« genannt werden), »warum muss vom Dach eine hölzerne Spitze hochstehen?« Die Frage kam von dem kleinen Yekwara. Er hatte seiner Mutter schon die gleiche Frage gestellt, aber sie erwiderte: »Frage mich nicht solche Sachen. Ich bin eine Frau. Frage die Männer.« »Vater« Bukni mit seinem freundlichen Gesicht stützte sich auf seine Krummaxt und blickte seltsam auf Yekwara. Dann deutete er auf den heller werdenden Himmel und sagte: »Falls der Himmel einstürzt, möchtest du doch nicht, dass er direkt auf das Dach fällt, oder? Die Spitze durchsticht ihn zuerst und bremst ihn ab.« Bukni setzte mit ernstem Gesicht seine Arbeit fort, während alle Kinder zum Himmel hinaufsahen und sich fragten: Kann der Himmel wirklich einstürzen? Dann legte Bukni seine Krummaxt weg, und Deko erhob sich und reichte Kiloho den langen, spitzen Pfahl hinauf. Die Kinder beobachteten gespannt, wie Kiloho auf die Spitze des Daches kletterte und ein Pfahlende in eine kleine Öffnung hinabstieß, wo alle Dachbalken zusammenliefen. Die Kinder entschieden, es müsse wahr sein, dass der Himmel einstürzen könne. Yekwara gab flüsternd ein Geheimnis preis: »Wenn dies ein Haus für den kembu-Geist unseres Dorfes gewesen wäre, dann hätten sie zuerst Schweinefett in das Loch getan und dann die Spitze darin eingelassen. Ich habe beobachtet, wie sie das taten, als sie das kembu-vam in Bahinga neu bauten.« Das älteste unter den Kindern war die hübsche Alisu, Kilohos eigene Tochter. Bei Yekwaras Worten schnappte sie nach Luft und legte ihre Hand auf seinen Mund. »Du hättest so etwas nicht beobachten sollen, Yekwara. Du bist noch nicht den kembu geweiht worden. Wenn ein Priester dich 23


bemerkt hätte, dann hätte er dir Schweineblut in die Augen gerieben, um alles wieder in Ordnung zu bringen.« Alisu blickte nervös zu ihrem Vater und ihren Onkeln hin, ob sie zuhörten, aber sie waren in ihre Arbeit vertieft. »Und du solltest Nindik und mir niemals solche Dinge erzählen, denn wir sind Mädchen.« Die Sonne brannte nun heiß, und das Hinaufstarren zum Himmel ließ Schweißtröpfchen auf Alisus Augenbrauen glänzen. »Kommt, wir gehen zum Baden unter den Wasserfall«, rief sie und verdrängte für den Augenblick alle halb geformten Fragen über einstürzende Himmel und Schweinefett auf dem Dach. Alisu stürzte zu dem blätterverhangenen Spalt im Berg, wo der Wasserfall niederrauschte. Nindik, Yekwara und Alisus kleiner Bruder Toli rannten ihr nach und kreischten vor Aufregung. Nackt wie sie waren, hüpften die Buben sofort unter die glitzernde Kaskade. Alisu und Nindik brauchten einen Augenblick, bis sie ihre Röcke losgebunden hatten. Als Nindik ihr einfaches Kleidungsstück auf einen Fels breitete, blickte sie zurück zu der rauchumwölkten Siedlung Hwim, ihrer Heimat. Jenseits des Dorfes sah sie ihren Großvater Kugwarak und Selambo, die noch immer auf einer Felsbank über dem Abgrund hockten und in eines jener geheimnisvollen Gespräche versponnen waren, wie nur Männer sie führten. »Wo werdet ihr zuschlagen?« Jedes Mal, wenn Kugwarak sprach, summten die Fliegen in seinem Bart ärgerlich auf. »In Kobak.« »Wann?« »Morgen früh vor Tagesanbruch.« »Es wird langsam Zeit, dass jemand die Initiative ergreift«, brummte Kugwarak. »Der Feind ist schon viel zu lange unbestraft geblieben.« Die beiden Männer blickten über die Schlucht des Heluk hinüber. Rauchfahnen bezeichneten die Lage von etwa sieben Dörfern des östlichen Bündnisses – des Feindes. 24


»Ich bitte dich um einen Gefallen, mein Vater«, fuhr Selambo fort. »Wenn ich von diesem Überfall zurückkehre, möchte ich meinen Neffen den kembu weihen. Dafür brauche ich ein ausgesuchtes Schwein.« »Du möchtest mein letztes Schwein kaufen? Ich habe nicht die Absicht, es zu verkaufen!«, sagte Kugwarak rundweg. »Bitte, mein Vater. Überlege es dir noch einmal«, bat Selambo und kratzte Kugwarak wieder unter dem Kinn. Plötzlich leuchtete ein grausames, unheimliches Licht in Kugwaraks eingefallenen Augen auf. Seine welke Hand streckte sich aus und packte Selambo am Handgelenk. »Du kannst mein Schwein haben, wenn …« – krächzte er. Selambos Gesicht glühte unter seiner Rußschicht in Erwartung eines leichten Handels auf. »… wenn du mir dafür den Körper eines Menschen bringst.« Nindik und Alisu tauchten kichernd aus den Wasserfällen auf. Rücken an Rücken gelehnt, setzten sie sich auf einen sonnendurchwärmten Felsen und strichen Wassertropfen aus ihrem triefend nassen Haar. Als sie fast trocken waren, spritzte sie der dicke Toli, dessen Haut von der Kälte des Bades ganz straff war, wieder nass. Alisu schalt ihn: »Schau dich an, Toli. Deine komische Nase steht gerade heraus wie eine Raupe, die auf einen anderen Zweig kriechen will! Was ist nur passiert, dass sie so dick ist?« Aller Augen wandten sich Toli zu, der einfältig von einem Gesicht zum anderen sah, seine Nase mit seinen molligen Händchen bedeckte und tief errötete. »Eine Biene muss sie gestochen haben!«, sagte er mit heiserem Flüstern. Die Kinder platzten los vor Lachen, drängten sich um Toli und spritzten ihn nass. »O Toli, du bist so komisch!« Toli war erleichtert und quietschte aus purem Vergnügen. Er mischte sich unter die anderen, bis Alisu sich umwandte und den 25


Trupp einen Waldweg hinabführte bis zu einem großen Fels, von dem aus man das Tal überblickte. Sie setzten sich ruhig in der Sonne nieder, um sich zu trocknen. Ihr Blick schweifte über ein blaugrünes Panorama von Bergen, Siedlungen und furchterregend tiefen Schluchten. Dann legte sich Yekwara auf den Fels zurück und blickte in den Himmel hinauf. Reihen von winzigen weißen Wölkchen bildeten sich über dem Zenit. »Seht!«, rief er und deutete hinauf. »Die domil-mil müssen wohl ihre Gärten richten!« Die Kinder legten sich alle zurück und studierten die Gärten am Himmel. Sie fragten sich, wie es wohl wäre, ein domil-mil zu sein, einer der kleinen weißen Leute, die so hoch über der Erde zusammen in Frieden spielten und arbeiteten und deren klingende Stimme man manchmal im Wind vernahm, wenn man ganz scharf hinhorchte. Nindiks zarte, vogelgleiche Stimme unterbrach ihre Träumereien. »Wenn der Himmel einstürzen sollte, was geschieht dann mit den domil-mil?« Lange herrschte Schweigen. Nindik seufzte nachdenklich: »Ich hoffe, der Himmel stürzt nicht auf mich!« Selambos Gesicht verriet Schrecken. Die Haut über seinem Magen zitterte leicht. Kugwarak grinste. Es war keine geringe Leistung für einen alten Kobold wie ihn, einen so starken jungen Krieger zu entnerven. Ein plötzlicher Windstoß fuhr über den Felsen, auf dem sie kauerten. Bald würde sich die Heluk-Schlucht mit Wolken und Regen füllen, vielleicht sogar noch vor Mittag. Schon sammelten sich um die blauen Berggipfel die ersten Andeutungen der Wolkenmassen eines neuen Sturms. Selambo hockte sprachlos da, während das Gespenst vor ihm überlegend halb zu sich selbst sagte: »Vor langer Zeit, als ich jung 26


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