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… als sähe er den

Unsichtbaren Autobiografie von Georg Müller

Auch Sie können wunderbare Gebetserhörungen erleben!

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld


Falls nicht anders vermerkt, sind die Bibelzitate der Elberfelder Übersetzung 2003, Edition CSV Hückeswagen, entnommen.

Originally published in English under the title: The Autobiography of George Müller © 1985 by Whitaker House German edition published with permission of Whitaker House, 1030 Hunt Valley Circle, New Kensington, PA 15068, USA All rights reserved. 1. Auflage 2016 © der deutschen Ausgabe 2016 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Hermann Grabe, Meinerzhagen Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Umschlag: Lucian Binder, Marienheide Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Bestell-Nr. 256340 ISBN 978-3-86699-340-2


Inhalt

Vorwort des Übersetzers

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Georg Müllers Vorwort zum ersten Teil seiner Lebensgeschichte. Geschrieben im Jahr 1837

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Einführung von George Frederic Bergin (1905)

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Einführung der Herausgeber der Originalausgabe

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Das soll ein Prediger werden?

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Die Umkehr des verlorenen Sohnes

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3

Eintritt in den Dienst

28

4

Predigen, lernen und wachsen

34

5

Lernen, im Glauben zu leben

39

6

Der Anfang des Dienstes in Bristol

47

7

Die Einrichtung zur Ausbreitung der Schriftkenntnis

55

8

Erprobung der göttlichen Treue

70

9

Der Dienst weitet sich aus

77

10 Ausharren unter Trübsalen

86

11 Auf Gott in jeder Not vertrauen

94

12 Bitten und empfangen

103

13 Im Aufblick zum Herrn

111

14 Glaube wird durch Übung gestärkt

121

15 Tägliche Gebete und Erhörungen zur rechten Zeit

132


16 Nahrung für den wachsenden Glauben

139

17 Eine Zeit des Wachstums

145

18 Gott wirkt ein Wunder

153

19 Wie man auf Gottes Ruf zum Dienst antwortet

164

20 Das aufregende Leben als Verwalter

170

21 Ein neuer Sieg des Glaubens

176

22 Mehr empfangen, um mehr geben zu können

186

23 Mehr Arbeit und größere Wunder

191

24 Anhaltendes Gedeihen und Wachsen

196

25 Das Werk des Geistes unter uns

201

26 Schluss

206

27 Über den Autor

208

Nachwort

210

Abkürzungen

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Vorwort des Übersetzers

George Frederic Bergin hat 1905 die Autobiografie von Georg Müller als umfassendes Werk herausgegeben. Davon ist das vorliegende Buch nur eine straffe Zusammenfassung. Wie jedes historische Ereignis hat auch das Wirken Georg Müllers eine »äußere« und eine »innere« Seite. Die »äußere« Seite bilden die Spuren, die für uns Nachgeborene erhalten geblieben sind, im Falle Georg Müllers zum Beispiel die großen Waisenhäuser von Ashley Down. Die »innere« Seite berichtet von den Motivationen und Zielsetzungen, Kämpfen, Leiden und Freuden der Protagonisten, während sie das heute Bewunderte schufen. Besonders zu danken ist den Herausgebern des Verlags Whitaker House dafür, dass sie sich weitgehend auf die »innere« Seite beschränkt haben. Die »äußere« Seite wird jeweils nur als »Ergebnis« der inneren Zielsetzungen, Kämpfe und Glaubenssiege kurz skizziert. (Eine Ausnahme ist das Ende von Kapitel 24.) So bietet dieses relativ kleine Werk einen tiefen Einblick in die Absichten Georg Müllers. Er wollte nicht nur den Christen, sondern der ganzen Welt zeigen, dass der Gott der Bibel noch genauso wirkmächtig ist, wie er es zur Zeit der Apostel und Propheten war. Gleichzeitig schildert er aber auch die Bedingungen, die Gott erfüllt sehen will, wenn er sich so eindeutig auf die Seite eines Menschen stellen soll. Gott bedient sich zwar auch der intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen, doch spielen sie nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass sich der Mensch völlig dem Willen Gottes ausliefert und dass er die Gnade empfängt und immer neu erbittet, sich mit Geist, Seele und Leib völlig in Gottes Dienst stellen zu lassen – einerlei, wo, wann und wozu Gott ihn gebrauchen will. Georg Müller war ein großer Beter, der aber auch glaubte, dass Gott ihn hörte und zu seiner Zeit erhören würde. Dieser Glaube wurde oft auf harte Proben gestellt, aber letztlich niemals enttäuscht,

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was ihn immer wieder zu jubelndem Dank und zur Anbetung Gottes brachte. Die Bibel hat er in seinem Leben ungefähr 200-mal ganz durchgelesen. Sie war die einzige Richtschnur seines Glaubens, seiner Erwartungen und seiner Beurteilungen weltlicher und geistlicher Phänomene. Er besaß fast keine anderen Bücher, konnte aber täglich lange Zeit über Bibeltexte nachdenken und seine Entscheidungen aus ihnen ableiten. Das machte ihn zu einem vollmächtigen Prediger, der in seinen letzten Lebensjahren rund drei Millionen Menschen in über 40 Ländern zur Umkehr zu Gott und zu einem Leben des Glaubens aufrief. Er und seine Mitstreiter befolgten den Befehl des Herrn, zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit zu trachten, mit einer solchen Konsequenz, dass es uns verweltlichten »westlichen« Christen schwerfällt, sie als Leitlinie unseres Denkens und Handelns auch nur in Erwägung zu ziehen. Und doch wäre sie das einzige Heilmittel für unsere Seelen und für die unserer Kinder. So bleibt uns die Ermahnung aus Hebräer 13,7: »Gedenkt eurer Führer, die das Wort Gottes zu euch geredet haben, und, den Ausgang ihres Wandels anschauend, ahmt ihren Glauben nach.« Hermann Grabe, Meinerzhagen

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Georg Müllers Vorwort zum ersten Teil seiner Lebensgeschichte. Geschrieben im Jahr 1837

Erst nach monatelangen Überlegungen und nach sehr vieler Selbstprüfung in Bezug auf meine Motive und nach vielen ernsten Gebeten kam ich zu dem Entschluss, dieses kleine Buch zu schreiben. Für keinen einzigen, noch so kleinen Schritt im Dienst des Herrn habe ich so viel gebetet. Mein großes Unbehagen, die Anzahl der frommen Bücher zu vermehren, hätte allein schon ausgereicht, mich für immer davon abzuhalten, wenn mich nicht die Hoffnung gereizt hätte, dadurch das Werkzeug zu werden, einigen meiner Brüder die Heilige Schrift so kostbar zu machen, dass sie alles, was sie tun, an den Maßstäben des göttlichen Wortes messen. Was aber mehr als alles andere wog, war dies: Nach allem, was ich unter Kindern Gottes gesehen habe, besteht leider Grund zu folgender Annahme: Viele ihrer Bedrängnisse kommen daher, dass sie erstens hinsichtlich zeitlicher Dinge nicht genügend auf den Herrn vertrauen und dass sie zweitens ihre Geschäfte in unbiblischer Weise betreiben. Aber gerade weil der Herr mit mir in zeitlichen Dingen so bemerkenswert gehandelt hat, empfinde ich mich als Schuldner der Gemeinde Gottes. Ich fühle mich gedrängt, besonders den ärmeren Brüdern – so viel wie ich kann – bekannt zu machen, wie ich geführt wurde. Außerdem ist mir die Tatsache bewusst, dass der Herr viele Seelen dadurch segnete, dass ich ihnen von den Führungen des Herrn in meinem Leben erzählte. Darum hielt ich es für meine Pflicht, dieses Mittel zu gebrauchen, auch solche an diesem Segen teilhaben zu lassen, mit denen ich wahrscheinlich nicht persönlich sprechen kann. Die Tatsache, dass ich ein Ausländer bin und daher nur unvollkommen Englisch spreche, hielt ich nicht für einen ausreichenden Grund, mich des Schreibens zu enthalten. Christliche Leser, die

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darüber Bescheid wissen, werden alle Unzulänglichkeiten in meinen Ausdrücken großzügig übersehen. Ich möchte noch sagen, warum ich so deutlich über die Sünden berichte, die ich während meiner Zeit als Unbekehrter begangen habe. Dadurch wollte ich die Reichtümer der göttlichen Gnade großmachen, die mir, einem schuldigen Lumpen, zuteilgeworden sind. Lange habe ich überlegt, ob ich das tun sollte oder nicht, weil ich sehr gut weiß, welche Schande das über mich brächte, aber nach vielen Gebeten wurde mir Folgendes klar: Der Sinn dieses kleinen Werkes liegt darin, dem Herrn die Ehre zu geben. Darum wollte ich ein paar Worte darüber sagen, wie ich einst war, und das sollte dann umso deutlicher zeigen, was er für mich getan hat. Ich meinte auch, dass dadurch einige, die augenblicklich in Sünde leben, durch mein Beispiel sehen können, zu welchem Elend das führt – schon allein in diesem Leben – und wie glücklich man in Gott werden kann, wenn man auf seinen Wegen geht. Sie sollten durch das, was Gott für mich getan hat, ermutigt werden, sich zu ihm zu wenden. So habe ich mich in den Augen der Einwohner von Bristol gleichsam zum Narren degradiert, damit ihr, meine lieben unbekehrten Mitsünder, durch das Lesen dieser Zeilen und unter dem Segen Gottes weise werdet. Die Liebe Christi hat mich also gedrängt, über meine früheren Lügen, Diebstähle, Betrügereien usw. zu reden, damit ihr dadurch gesegnet werdet. Denkt nicht, dass ich ein Narr bin und darum aus der Torheit meines Herzens geredet habe, sondern ich habe mich zum Heil eurer Seelen zu einem Narren gemacht. Möge Gott in seiner Gnade und um seines geliebten Sohnes willen diesen Seiten erlauben, für euch »ein Geruch vom Leben zum Leben« zu werden! Ich habe ohne Umschweife über manche meiner Sünden und Irrtümer geredet, in die ich nach meiner Bekehrung gefallen bin, sowie über meine Gebetserhörungen und über die Versorgung meiner zeitlichen Bedürfnisse und über meine Familienangelegenheiten und über den Erfolg, den Gott mir in meinen Bemühungen gegeben hat. Dies geschah nicht, weil ich nicht wüsste, dass es irdischen Gepflogenheiten widerspricht und meiner weltlichen Reputation schadet. Es geschah

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auch nicht, weil mir mein Versagen nicht leidtäte, noch will ich mich damit der vielfältigen Gebetserhörungen oder der Tatsache rühmen, dass ich auf so vielfältige Weise als Werkzeug für das Werk des Herrn gebraucht wurde – nein, ich habe alles nur zum Heil meiner Brüder geschrieben. Ich habe manche meiner Sünden und Irrtümer erwähnt, damit durch solcherlei Verluste die Brüder, die dies vielleicht lesen, einen Gewinn davontragen. Die Gebetserhörungen habe ich erwähnt, damit durch sie andere ebenfalls ermutigt werden, ihre Anliegen vor Gott kundwerden zu lassen. Ich habe über meine zeitliche Versorgung gesprochen, damit andere erkennen können, wie reichlich Gott meine zeitlichen Bedürfnisse befriedigt hat – und zwar von Anfang 1830 an, als ich London verließ. Sie sollen dadurch angeregt werden, »zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit [zu trachten]«, und dürfen dabei ganz sicher sein, dass er ihnen alles gibt, was für das jetzige Leben notwendig ist. Auch habe ich einige Familienangelegenheiten erwähnt, damit Kinder Gottes ermutigt werden, ihre Familienlasten auf den Herrn zu werfen, denn wenn sie es tun, werden sie herausfinden, dass Gott die Lasten für sie trägt. Und schließlich habe ich über den Erfolg geschrieben, den Gott mir in seinem Werk in Gnaden gewährte, damit man sehen kann, dass wir, wenn wir nach biblischen Grundsätzen handeln, den Herrn auf unserer Seite haben und dass unsere Art zu predigen dann von ihm geehrt wird. Falls ich mich bei irgendetwas, was ich geschrieben habe, irrte (und welches menschliche Werk ist irrtumslos?), so irrte ich mich nach vielen Gebeten. Beim Schreiben habe ich Gott oft um Hilfe gebeten. Und während ich das Werk überarbeitete, beugte ich immer wieder meine Knie. Ich habe den Herrn auch oft angefleht, dieses mein schwaches Werk zu segnen, damit es zu seinem Lob und Preis rede, und ich zögere nicht im Geringsten zu sagen, dass wegen der Ernsthaftigkeit und wegen des Trostes, den ich bei meinen Gebeten genoss, und wegen der sehr gründlichen Selbstprüfung meines Herzens ich weiß, dass Gott dieses kleine Werk segnen wird. Georg Müller Bristol, den 5. Juli 1837

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Einführung von George Frederic Bergin (1905)

»Sein Bogen bleibt fest, und gelenkig sind die Arme seiner Hände durch die Hände des Mächtigen Jakobs.« 1. Mose 49,24 Dementsprechend erfüllte der Herr seine Verheißungen, auf denen sein Diener so viele Jahre ohne Zögern ruhte. »Noch im Alter tragen sie Frucht«, »und bis zu eurem grauen Haar werde ich euch tragen.«1 So wurde er befähigt, in die Fußstapfen Abrahams, des »Freundes Gottes«, zu treten, von dem der Heilige Geist durch den Apostel Paulus schreibt: »Und nicht schwach im Glauben, sah er nicht seinen eigenen, schon erstorbenen Leib an, da er fast hundert Jahre alt war, und das Absterben des Mutterleibes der Sara, und zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde gestärkt im Glauben, Gott die Ehre gebend, und war der vollen Gewissheit, dass er, was er verheißen hatte, auch zu tun vermag.«2 Die Hand Gottes war gnädig und sehr bemerkenswert in den Trübsalen zu erkennen, unter denen Mr. Müller seinen Lauf vollendete. Hätte es bis zum Tag seines Todes reichlich Geldmittel gegeben und wäre dann eine Periode des Mangels eingetreten, hätten viele gedacht, dass der Tod Mr. Müllers den Rückgang der Spenden verursacht hätte. Aber gerade das Gegenteil war der Fall, denn bald nach seinem Tod wurde der finanzielle Druck von uns genommen. Wir hoffen sehr, dass der Herr dieses Zeugnis segnet, worin er sich als der lebendige Gott erweist, dessen Wort lebendige Aussprüche

1 2

A. d. H.: Vgl. Psalm 92,15 (Schlachter 2000) bzw. Jesaja 46,4. A. d. H.: Vgl. Römer 4,19-21.

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sind. Möge er dieses Werk im 20. Jahrhundert genauso segnen, wie er diese vier Bände im 19. Jahrhundert gesegnet hat.3 Eine Flut von Unglauben breitet sich im Land, ja, über die ganze Welt aus und reißt viele unserer jungen Leute mit fort und bringt sie von Gott und seinem Wort ab. Denen, die so verführt wurden, auch nur im Geringsten zu helfen, ist mein größter Wunsch bei der Herausgabe dieses Buches. Und mein Gebet und das nicht weniger anderer ist, dass Gott sich in seiner Gnade herablassen möge, es zu diesem Zweck zu gebrauchen und den Glauben seiner Kinder zu stärken. Wir befehlen ihm dieses Buch … an und bitten die gläubigen Leser, sich mit uns zu vereinigen, um Gottes Segen für dieses Anliegen zu erbitten. Wir alle, die wir zusammen in aller Schwachheit versuchen, das Werk weiterzuführen, von dem in diesem Buch die Rede ist, sind auf diese Gebete angewiesen. Möge Gott mit diesem Werk verherrlicht werden durch Jesus Christus, unseren Herrn. G. Fred. Bergin New Orphan House, Nr. 3, Ashley Down, Bristol, den 11. September 1905

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A. d. H.: Damit sind offenbar die vier Bände der Lebensgeschichte von Georg Müller gemeint, die im vorliegenden Werk in Auszügen zusammengefasst sind. (Vgl. die oben befindlichen Anmerkungen zum ersten Band [1837], die hier als Vorwort erscheinen.)

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Einführung der Herausgeber der Originalausgabe

Was versteht man unter einem Glaubensgebet? Was ist das Besondere an den Stellen im Alten und im Neuen Testament, die davon sprechen? Waren diese Verheißungen auf biblische Zeiten beschränkt, oder sind sie als Vermächtnis für uns gültig, bis Jesus wiederkommt? Diese Fragen haben die Gläubigen zu allen Zeiten stark beschäftigt. Wenn ein nachdenklicher Christ eine dieser wunderbaren Verheißungen in der Schrift liest, hält er inne und fragt sich: »Was mögen diese Worte bedeuten? Könnte es sein, dass Gott mir diese Verheißungen gegeben hat? Bin ich wirklich ermächtigt, alle meine kleinen Sorgen einem unendlich weisen Gott vorzutragen, indem ich glaube, dass er sich ihrer annimmt und er gemäß seiner grenzenlosen Liebe und absoluten Allwissenheit Herr über sie sein wird? Ist das Gebet tatsächlich eine transzendente Macht, die fertigbringt, was keine andere Macht tun kann, indem sie alle anderen Gewalten überwindet und sie sich dienstbar macht, sodass sich in wunderbarer Weise seine Wirksamkeit zeigt? Wenn das wahr ist, warum sollten wir uns dann nicht stets in vollem Vertrauen Gott nahen, damit er tun möge, was er versprochen hat?« Ein überaus bemerkenswertes Beispiel für effektives Beten wird in diesem Buch geschildert. Ein junger Christ aus Deutschland namens Georg Müller folgte einem Ruf des Herrn, sich der armen Kinder im westenglischen Bristol anzunehmen. Er predigte einer kleinen Schar von Gläubigen, von denen er nach eigenem Vorschlag kein Gehalt empfing. Seine einzige Unterstützung bestand aus den freiwilligen Spenden seiner Brüder. Als Antwort auf seine Gebete erhielt er aber so viel Geld, wie er brauchte. Einige Jahre später berief Gott ihn, ein Haus zur Fürsorge für Waisenkinder und zu deren Erziehung einzurichten. Er wurde nicht nur durch Menschenfreundlichkeit zu diesem Werk gedrängt, son-

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dern auch von dem Wunsch, die Menschen davon zu überführen, dass Gott wirklich Gebete erhört. Georg Müller begann sein Werk so, dass von niemandem als nur von Gott allein Hilfe erwartet werden konnte. Natürlich erwartete er nicht, Gott werde Gold und Silber erschaffen und es ihm in die Hände legen. Aber er wusste, dass Gott Menschenherzen geneigt machen konnte, ihm zu helfen, und er glaubte, dass Gott – wenn dieses Werk von ihm war – auch für alles Nötige sorgen würde. So blickte er in kindlicher Schlichtheit auf Gott, und alles, was er brauchte, wurde ihm so pünktlich bereitgestellt, als sei er ein Millionär, der regelmäßig von seinem Bankkonto Geld abheben konnte. Georg Müller war ein schlanker Mann, der etwa 1,80 Meter groß war. Seine dunkelbraunen Augen blinzelten die Menschen freundlich an, während er sprach. Er kleidete sich in Schwarz – bis auf eine weiße Krawatte, die vorn mit einer einfachen Nadel festgesteckt war. Seine pechschwarzen, lockigen Haare waren immer fein gekämmt. Ob auf der Kanzel oder auf der Straße – immer bot seine Erscheinung ein Bild von schlichter Eleganz und Ordnungsliebe. Er beherrschte sechs Sprachen: Latein, Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch und Englisch. Auch verstand er Niederländisch und drei orientalische Sprachen. Seine Bibliothek bestand aus einer hebräischen Bibel, drei griechischen Testamenten, einer griechischen Konkordanz und einem Lexikon sowie einem halben Dutzend verschiedener Bibelversionen und -ausgaben, wie sie damals in den besten Übersetzungen in mehreren Sprachen vorlagen. Das war seine gesamte Bibliothek! Wenn er predigte, pflegte er ein ganzes Kapitel oder einen Teil davon vorzulesen, und dann begann er, so reiche Schätze daraus zu entnehmen, dass es sich gelohnt hätte, den Ozean zu überqueren, um unter seinen Zuhörern zu sein. Seine Predigtmethode führte dazu, dass die Mitglieder seiner Gemeinde »mächtig in den Schriften« wurden. Sie waren besser in der Lage, fragende Seelen zu Christus zu führen, als viele junge Pastoren, die drei Jahre an einer theologischen Einrichtung zugebracht hatten.

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Die meisten Menschen hätten seinen intensiven Predigtdienst als vernünftigen Grund angesehen, nur noch wenig Zeit für das Gebet und das Lesen der Bibel zu verwenden. Nicht so Georg Müller! In seiner Gebetskammer, allein mit Gott und der Bibel, pflegte er »die Lenden seiner Gesinnung zu umgürten« und die »geistliche Waffenrüstung« für die täglichen Kämpfe anzulegen. Mit absolutem Vertrauen und kindlicher Schlichtheit glaubte er jedem Wort, das Gott gesprochen hatte. Mehrmals täglich kehrte er eifrig zu Gottes Wort zurück, sodass er unablässig mit dem Himmel verbunden war, um immer neue Anweisungen und kostbare Verheißungen von seinem himmlischen Vater zu empfangen. Georg Müller studierte die Bibel nicht für andere. Er studierte sie in erster Linie nur für sich selbst, um zu erkennen, was sein Vater von ihm wollte. Er war dermaßen von den göttlichen Wahrheiten durchdrungen, dass seine Zuhörer, wenn er von Gott sprach, an die Worte unseres Erlösers aus Johannes 7,38 erinnert wurden, denn auch von ihm schienen »Ströme lebendigen Wassers« zu fließen. Seine Gebete sprach er in schlichten Worten und mit einem demütigen, aber brennenden Geist. Aufgrund des Reichtums, der Menschenfreundlichkeit und der Vergebungsbereitschaft seines himmlischen Vaters fühlte er sich frei, große Segnungen von ihm zu erbitten und zu empfangen. Das bedeutendste Kennzeichen seiner Gebete war aber, dass er alles im Namen des Herrn Jesus Christus erbat. Christus zu verherrlichen und seinen Namen über alle Namen zu erheben, schien das alles beherrschende Thema seines Herzens und Lebens zu sein. Das von Georg Müller geleistete Arbeitspensum erscheint uns in der heutigen Zeit höchst erstaunlich. Seine beinahe grenzenlose Vielseitigkeit war mehr, als die meisten Menschen hätten ertragen können. Doch er blieb immer ruhig, und sein Denken befand sich stets in einer Haltung des Gebets, wobei er alle Sorgen auf den Herrn warf. Georg Müller größte Hoffnung war, dass sein Bericht von Gottes Treue ihm gegenüber nun auch die Gläubigen ermutigen würde,

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einen ebenso großen Glauben zu entfalten – einen Glauben, ohne den es unmöglich ist, Gott wohlzugefallen. Es ist ein Glaube, der durch die Liebe wirkt und die Herzen reinigt; ein Glaube, der Berge von Widerständen aus dem Weg räumt; ein Glaube, der sich an Gottes Kraft klammert. Er ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, und eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht. Möge dieser Glaube Herz und Leben derer füllen, die dieses Buch lesen! Die Herausgeber der Originalausgabe

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1 Das soll ein Prediger werden?

Ich wurde am 27. September 1805 in Kroppenstedt im Königreich Preußen geboren. Mein Vater, ein Steuereinnehmer, erzog seine Kinder nach weltlichen Grundsätzen, und mein Bruder und ich gerieten sehr schnell in viele Sünden. Ich war noch nicht zehn, da hatte ich schon mehrfach Steuergelder gestohlen, die meinem Vater anvertraut waren und die er dann ersetzen musste. Als ich elf war, schickte mich mein Vater nach Halberstadt zur Vorbereitung für die Universität. Nach seinem Willen sollte ich Geistlicher werden – nicht, um Gott zu dienen, sondern um ein bequemes Leben führen zu können. Dort verbrachte ich die Zeit vor allem damit, dass ich studierte, Romane las und allerhand sündigem Treiben frönte. Meine Mutter starb plötzlich, als ich vierzehn war. In jener Nacht spielte ich bis gegen morgens um zwei Uhr Karten und ging am nächsten Tag wieder in die Kneipe. Ihr Tod hinterließ in meinem Leben keinerlei bleibende Spuren. Im Gegenteil, ich trieb es noch schlimmer. Drei Tage vor meiner Konfirmation und der erstmaligen Teilnahme am heiligen Abendmahl machte ich mich grober Unmoral schuldig. Und am Tag vor meiner Konfirmation log ich dem Pastor irgendetwas vor, anstatt meine Sünden zu bekennen. In diesem Herzenszustand – ohne Gebet, wahre Buße, Glauben oder Kenntnis des Heilsplans – wurde ich konfirmiert und nahm am Abendmahl teil. Weil ich jedoch ein wenig von der Feierlichkeit dieser Handlung ergriffen war, blieb ich an jenem Nachmittag und Abend zu Hause. In jenem Sommer habe ich einige Zeit mit dem Studieren verbracht, viel mehr allerdings mit dem Klavier- und Gitarrenspiel,

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dem Lesen von Romanen, mit Kneipenbesuchen und Besserungsentschlüssen, die ich aber fast so schnell vergaß, wie ich sie gemacht hatte. Da war ich froh, als mein Vater für mich eine Stelle in einer Schule in der Nähe von Magdeburg besorgte. Wenn ich meine sündigen Freunde los wäre, so meinte ich nämlich, würde ich auch ein anderes Leben führen. Doch ich wurde immer törichter und fuhr fort, in allen möglichen Sünden zu leben. Im November machte ich eine Vergnügungsreise und verbrachte sechs sehr sündige Tage. […] Ich nahm alles Geld, das ich finden konnte, und reiste nach Braunschweig. Nachdem ich dort in einem teuren Hotel eine Woche zugebracht hatte, war mein Geld zu Ende. Ich ging dann ohne Geld für eine weitere Woche in ein anderes Hotel. Schließlich vermutete der Hotelbesitzer, dass ich nicht bezahlen konnte, und forderte sein Geld. Er nahm meine beste Kleidung als Sicherheit. Ich wanderte ungefähr neun Kilometer zu einer Herberge und begann dort wieder ein Leben, als hätte ich reichlich Geld. Am dritten Morgen schlich ich leise hinaus und rannte fort. Inzwischen war der Wirt misstrauisch geworden und ließ mich festnehmen. Bei der Polizei wurde ich drei Stunden lang verhört. Man schickte mich ins Gefängnis. Mit sechzehn Jahren saß ich zusammen mit Dieben und Mördern in einem Zuchthaus. Danach berichtete ein Justizbeamter, der meinen Fall bearbeitet hatte, meinem Vater von meinem Verhalten. Ich musste im Gefängnis bleiben, bis er alles Geld für die Reisekosten, meine Wirtshausschulden und meinen Aufenthalt im Gefängnis bezahlt hatte. Zwei Tage später kam mein Vater an, schlug mich sehr heftig und brachte mich nach Schönebeck. Durch weitere Lügen und Versprechungen brachte ich ihn dazu, mir zu erlauben, im Herbst des gleichen Jahres eine Schule in Nordhausen zu besuchen. Ich wohnte im Haus des Direktors in Nordhausen. Durch mein Verhalten stieg ich sehr in seiner Gunst. Er hielt so viel von mir, dass er mich gegenüber dem Rest der Klasse als ein leuchtendes Beispiel hinstellte. Doch während ich äußerlich die Anerkennung mei-

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ner Mitmenschen gewann, achtete ich nicht im Geringsten auf Gott. Infolge meines sündigen Lebenswandels wurde ich krank und musste dreizehn Wochen das Bett hüten. Während meiner Krankheit empfand ich keine wirkliche Reue und kümmerte mich nicht um Gottes Wort. Ich besaß mehr als 300 Bücher, aber keine Bibel. Dann und wann wollte ich ein anderer Mensch werden und versuchte, mein Verhalten zu verbessern – besonders, wenn ich zum Abendmahl ging. Am Tag vor der Teilnahme am heiligen Abendmahl enthielt ich mich gewöhnlich gewisser Dinge. An dem Tag selbst versprach ich Gott, dass ich ein besserer Mensch werden wollte. Dabei dachte ich, Gott werde mich irgendwie zu einer Umkehr führen. Doch nach ein oder zwei Tagen hatte ich alles vergessen und war genauso schlimm wie vorher. In meinem 20. Lebensjahr erhielt ich recht ehrenhafte Zeugnisse und konnte mich an der Universität Halle einschreiben. […] Doch ich war so unglücklich und so weit von Gott entfernt wie bisher. Aus zwei Gründen beschloss ich nun, meinen Lebensstil zu ändern: Erstens würde mich keine Gemeinde zum Pastor wählen, wenn ich mich nicht besserte; und zweitens würde ich ohne eine beachtliche Kenntnis der Theologie niemals eine lukrative Stelle bekommen. Doch in dem Augenblick, als ich nach Halle kam, waren alle meine Vorsätze vergessen. Ich setzte mein lockeres Leben fort, obwohl ich jetzt an der Universität war. Tief in meinem Herzen sehnte ich mich danach, solch ein elendes Leben aufzugeben. Ich genoss es nicht, und ich hatte Verstand genug, um zu sehen, dass ich mich damit eines Tages vollkommen zugrunde richten würde. Aber dass ich Gott beleidigte, machte mir keinerlei Kummer. Eines Tages, als ich mit einigen meiner ausgelassensten Freunde in der Kneipe saß, erblickte ich meinen früheren Klassenkameraden Beta. Ich war ihm vier Jahre zuvor in Halberstadt begegnet, und weil er so still und ernst war, verachtete ich ihn. Doch nun erschien es mir klug zu sein, ihn zum Freund zu wählen, indem ich dachte, dass bessere Gesellschaft mein Verhalten verbessern würde.

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Der Geist Gottes arbeitete an Betas Herzen schon in Halberstadt, aber Beta war rückfällig geworden. Er sagte sich von den Wegen Gottes immer mehr los und wollte sich an den Dingen der Welt erfreuen, von denen er zuvor noch wenig kennengelernt hatte. Ich suchte seine Freundschaft, weil ich hoffte, dadurch zu einem moralisch besseren Leben angeleitet zu werden, und er war froh, mich zum Freund zu haben, weil er sich dadurch manche vergnügte Stunde versprach. Im August reisten Beta und ich und noch zwei weitere Studenten vier Tage durch das Land. Als wir zurückkamen, war meine Reiselust größer denn je, und ich schlug vor, in die Schweiz zu fahren. Indem wir Briefe unserer Eltern fälschten, besorgten wir uns Reisepässe und sammelten so viel Geld wie irgend möglich. Wir verließen die Universität und reisten 43 Tage umher. Mein Herzenswunsch war nun erfüllt – ich hatte die Schweiz gesehen. Aber ich war weit davon entfernt, glücklich zu sein. Auf dieser Reise handelte ich wie Judas. Ich verwaltete das Geld so, dass ich nur zwei Drittel dessen bezahlen musste, was meine Freunde aufbringen mussten. Mit vielen Lügen beschwichtigte ich meinen Vater wegen der hohen Ausgaben. Während der restlichen Tage meiner Semesterferien beschloss ich, in Zukunft anders zu leben, und ich lebte anders – aber nur für wenige Tage. Doch als die Ferien vorüber waren und neue Studenten mit frischen Geldvorräten ankamen, waren meine Entschlüsse schnell wieder vergessen. Ganz leicht glitt ich in meine alten Gewohnheiten zurück. Trotzdem hatte der Gott, den ich durch mein schändliches Verhalten und meinen unbußfertigen Geist verunehrte, mich noch nicht aufgegeben.

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2 Die Umkehr des verlorenen Sohnes

Trotz meiner sündigen Lebensführung und meines kalten Herzens hatte Gott Erbarmen mit mir, obwohl ich so sorglos dahinlebte wie eh und je. Ich besaß keine Bibel und hatte schon jahrelang keinen Bibeltext gelesen. Selten ging ich zur Kirche, und nur aus Gewohnheit nahm ich zweimal im Jahr am Abendmahl teil. Ich hörte niemals die Predigt des Evangeliums. Und niemand sagte mir, was Jesus von den Christen erwartet: Er will, dass sie mit Gottes Hilfe nach der Heiligen Schrift leben. Kurz gesagt hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass es Leute gab, die ganz anders waren als ich. An einem Samstagabend im November machte ich mit meinem Freund Beta einen Spaziergang. Er sagte mir, dass er angefangen habe, Christen in ihrem Haus aufzusuchen, wo ein Gebetstreffen stattfand. Er sagte, sie würden in der Bibel lesen, singen, beten und eine gedruckte Predigt vorlesen. Als ich das hörte, kam es mir vor, als hätte ich den Schatz gefunden, nach dem ich schon mein Leben lang gesucht hatte. An diesem Abend gingen wir beide zu dieser Versammlung. Ich konnte nicht verstehen, dass Gläubige sich so freuen, wenn sie sehen, dass Sünder an göttlichen Dingen interessiert sind. Darum entschuldigte ich mich für mein Kommen, doch werde ich niemals die freundliche Antwort des lieben Bruders vergessen. Er sagte: »Kommen Sie, sooft Sie wollen. Unser Haus und unsere Herzen stehen für Sie offen.« Wir setzten uns und sangen ein Lied. Dann kniete Bruder Kayser – jetzt Afrikamissionar – nieder und bat um den Segen für dieses Zusammensein. Dass er sich hinkniete, machte tiefen Eindruck auf mich, weil ich zuvor weder jemanden knien sah, noch hatte ich jemals auf meinen Knien gebetet. Er las ein Kapitel aus der Bibel und

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eine gedruckte Predigt vor. Am Ende des Abends sangen wir noch ein Lied, dann betete der Besitzer des Hauses. Während er betete, dachte ich: ›So schön könnte ich nicht beten, obwohl ich sicher mehr gelernt habe als dieser Mann.‹ Der ganze Abend hatte mich sehr beeindruckt. Ich fühlte mich glücklich, obwohl ich im Grunde nichts hätte sagen können, wenn man mich nach dem Warum gefragt hätte. Als wir nach Hause gingen, sagte ich zu Beta: »Alles, was wir auf unserer Reise in die Schweiz gesehen haben, und alle unsere früheren Vergnügungen sind nichts im Vergleich zu diesem Abend.« Der Herr beginnt sein Werk bei unterschiedlichen Leuten auf unterschiedliche Weisen. Und ich habe keinen Zweifel, dass er an jenem Abend ein Werk der Gnade in mir angefangen hatte. Obwohl ich beinahe nichts von dem wahren Gott wusste, war dies der Wendepunkt in meinem Leben. In den nächsten Tagen ging ich regelmäßig in das Haus dieses Bruders, und wir lasen zusammen die Bibel. Ich fühlte mich zu dem Herrn und seinem Wort dermaßen hingezogen, dass ich nicht bis zum nächsten Samstag warten konnte. Jetzt wurde mein Leben völlig verändert, obwohl ich nicht alle Sünden sofort aufgab. Ich verließ aber doch meine schlechten Freunde, ging nicht mehr in die Kneipen und unterließ das ständige Lügen. Ich las in der Bibel, betete oft, liebte die Brüder, ging mit der richtigen Haltung zur Kirche und bekannte Christus öffentlich, obwohl meine Mitstudenten mich auslachten. Als ich Missionsbriefe las, wurde ich angeregt, selbst ein Missionar zu werden. Mehrere Wochen lang betete ich häufig wegen dieser Sache. Einige Monate später traf ich einen hingegebenen Bruder mit Namen Hermann Ball, einen gelehrten und wohlhabenden Mann. Er hatte sich entschieden, lieber in Polen unter den Juden zu arbeiten, als ein komfortables Leben in der Nähe seiner Familie zu führen. Sein Beispiel machte einen tiefen Eindruck auf mich, und zum ersten Mal war ich in der Lage, mich dem Herrn ganz und ohne Vorbehalt hinzugeben.

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Der alles Verstehen übersteigende Friede Gottes erfüllte nun mein Leben. Ich schrieb an meinen Vater und an meinen Bruder und ermutigte sie, den Herrn zu suchen, und sagte ihnen, wie glücklich ich sei. Ich glaubte, dass sie, wenn sie den Weg zum Glück erst einmal erkannt hätten, ihn auch mit Freuden gehen würden. Zu meiner großen Verwunderung antworteten sie mit einem zornigen Brief. Der Herr schickte Dr. Tholuck, einen Theologieprofessor, nach Halle. Infolgedessen wechselten einige gläubige Studenten von anderen Universitäten nach Halle. Als ich mit anderen Christen bekannt wurde, half mir der Herr, in ihm zu wachsen. Mein früherer Wunsch, mich dem missionarischen Dienst zu widmen, lebte wieder auf. So reiste ich zu meinem Vater, um ihn um Erlaubnis zu fragen. Ohne diese Einwilligung wurde man bei keiner deutschen Missionsgesellschaft angenommen. Mein Vater war im höchsten Maße damit unzufrieden und widersprach mir in schärfster Form. Er sagte, er habe so viel Geld für meine Ausbildung ausgegeben, weil er hoffte, er könne seine letzten Jahre bei mir in einem Pfarrhaus verbringen. Und nun seien diese Aussichten alle zuschanden geworden. Er sagte, er wolle mich nicht mehr als seinen Sohn betrachten. Dann weinte er und fing an, mich zu betteln, meinen Sinn zu ändern. Der Herr half mir, diese schwere Drangsal zu ertragen. Obwohl ich mehr Geld als je zuvor benötigte, entschied ich mich, niemals mehr etwas von meinem Vater anzunehmen. Ich musste noch zwei weitere Jahre zur Universität gehen. Aber es schien mir falsch zu sein, mich von meinem Vater unterstützen zu lassen, wenn ich nicht garantieren konnte, dass ich das wurde, was er von mir er wartete – ein Geistlicher, der ein gutes Einkommen bezog. Der Herr half mir, bei meinem Entschluss zu bleiben. Mehrere Herren aus Amerika, von denen drei Professoren an amerikanischen Colleges waren, kamen nach Halle, um Literaturforschung zu betreiben. Weil sie kein Deutsch verstanden, empfahl mich Dr. Tholuck ihnen. Einige von diesen Herren waren Christen, und sie bezahlten

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mich gut für die Instruktionen, die ich ihnen gab, und für die Vorträge, die ich ihnen abschrieb. Somit hatte ich genügend Geld für das Studium und konnte sogar etwas zurücklegen. Der Herr belohnte mich reichlich für das wenige, was ich für ihn aufgegeben hatte. Obwohl ich immer noch sehr schwach und unerfahren im Glauben war, sehnte ich mich danach, Seelen für Christus zu gewinnen. Jeden Monat verbreitete ich 300 Missionsbriefe, verteilte viele Traktate und schrieb Briefe an einige meiner früheren Freunde, die noch in Sünden lebten. Einige Kilometer entfernt hielt ein Dorfschulmeister morgens Andachten ab. Ich beschloss hinzugehen. Damals wusste ich leider noch nicht, dass er kein Gläubiger war. Später sagte er mir, er hätte die Andachten nur aus Freundlichkeit gegenüber einem Ver wandten anberaumt.4 Die von ihm verlesenen Predigten stammten nicht von ihm, sondern waren aus einem Buch abgeschrieben. Er sagte mir auch, meine Freundlichkeit hätte ihn beeindruckt und sei das Werkzeug geworden, das ihn dazu brachte, die Dinge Gottes sorgfältiger zu beachten. Seit jener Zeit kenne ich ihn als einen treuen Bruder im Herrn. Dieser Schulmeister bat mich, in seiner Gemeinde zu predigen, weil der alte Pastor meine Hilfe nötig hätte. Ich meinte, wenn ich die Predigt eines geistlich gesinnten Menschen auswendig vortragen würde, könnte ich den Leuten damit dienen. So brachte ich die Predigt in eine passende Form und lernte sie auswendig. Ich kam zwar durch den Morgengottesdienst, aber das Predigen gefiel mir nicht. So beschloss ich, am Nachmittag das Evangelium zu predigen, und begann, das fünfte Kapitel des Matthäusevangeliums vorzulesen. Sobald ich über »Glückselig [sind] die Armen im Geist« zu predigen begann, spürte ich die Salbung des Heiligen Geistes. Meine Morgenpredigt war viel zu kompliziert für die Leute gewesen, jetzt aber hörten sie mit großem Interesse zu. Mein eigener Friede 4

A. d. H.: Dabei handelte es sich um Vertretungsdienste bei Andachten, die für Bergleute gehalten wurden, bevor sie in die Gruben einfuhren.

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und meine Freude waren groß, und ich empfand dies als ein gesegnetes Werk. Auf meinem Heimweg nach Halle dachte ich: ›Auf solche Weise sollte ich immer predigen.‹ Aber dann dachte ich, dass diese Art zu predigen wohl für ungebildete Dörfler die richtige sei, sich aber nicht für hochgebildete Stadtgemeinden eigne. Ich wusste, dass die Wahrheit unter allen Umständen gepredigt werden musste, aber aus meiner damaligen Sicht sollte sie in unterschiedlicher Weise den Hörern angepasst werden. Die Frage wegen des Predigtstils unter den jeweiligen Umständen blieb zunächst unentschieden. Weil ich noch nicht das Wirken des Geistes erkannt hatte, konnte ich auch noch nicht die Kraftlosigkeit menschlicher Redekunst einschätzen. Obwohl ich regelmäßig zur Kirche ging, wenn ich nicht selbst predigte, hörte ich nur selten die Wahrheit, weil es keine erleuchteten Pastoren in der Stadt gab. Wenn Dr. Tholuck oder ein anderer gottesfürchtiger Verkündiger predigte, ging ich oft 16 oder auch 24 Kilometer, um das Vorrecht zu genießen, das Wort Gottes zu hören. Von den Zusammenkünften am Samstagabend abgesehen, nährte ich meinen Glauben jeden Sonntagabend mit sechs anderen gläubigen Studenten. Bevor ich die Universität verließ, war die Zahl auf zwanzig angestiegen. In diesen Zusammenkünften beteten einer oder mehrere der Brüder, wir lasen in der Bibel, sangen Lieder, einer ermahnte die Gruppe, und wir lasen Erbauungsschriften frommer Männer. Als ich mein Herz den Brüdern öffnete, halfen mir Fürbitte und Ermutigung, davor bewahrt zu bleiben, lau zu werden. Ich wuchs im Glauben und in der Erkenntnis Jesu, aber immer noch zog ich es vor, religiöse Bücher zu lesen, statt mich der Bibel zuzuwenden. Ich las Traktate, Missionarsbriefe, Predigten und Biografien bekannter Christen. Aber Gott ist der Autor der Bibel, und nur die in ihr enthaltene Wahrheit wird die Menschen zu wahrem Glück bringen. Jeder Christ sollte dieses kostbare Buch täglich und unter ernstem Gebet und Nachsinnen lesen. Doch wie viele andere Gläubige zog ich es vor, statt der unfehlbaren Worte des lebendigen Gottes die Werke nicht inspirierter Menschen zu lesen. Die Kon-

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