Henry Allen Ironside
Die Brüderbewegung – ein historischer Abriss
Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld
1. Auflage 2018 Die Originalausgabe erschien 1942 im Verlag Zondervan (Grand Rapids, Michigan, USA), als überarbeitete Neuauflage 1985 im Verlag Loizeaux Brothers (Neptune, New Jersey, USA) unter dem Titel »A Historical Sketch of the Brethren Movement«. © der deutschen Ausgabe 2018 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld CLV im Internet: www.clv.de Übersetzung: Günther Schwalb, Alois Wagner Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Umschlag: Lucian Binder, Marienheide Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Artikel-Nr. 256288 ISBN 978-3-86699-288-7
Inhalt
Vorwort des Verlags
5
Vorwort des Autors
9
Kapitel 1 Die Anfänge der Bewegung
11
Kapitel 2 Die Erweiterung der Grenzen
35
Kapitel 3 Aufziehende Wolken
52
Kapitel 4 Zunehmende Uneinigkeit
66
Kapitel 5 Die Bethesda-Frage und die erste große Trennung
92
Kapitel 6 Weitere Entwicklungen
113
Kapitel 7 »Kirche« spielen
136
Kapitel 8 Die Montreal-Trennung
160
Kapitel 9 Zunehmende Uneinigkeit – Die Reading-Spaltung
182
Kapitel 10 »Ravenismus« und kleinere Spaltungen
199
Kapitel 11 Die Offenen Brüder
219
Kapitel 12 Ein gescheiterter Versöhnungsversuch
239
Kapitel 13 Der Versuch eines Zusammenschlusses wird vereitelt
257
Kapitel 14 Spätere Entwicklungen und kritische Kommentare
278
Anhang A J. N. Darbys persönlicher Bericht von den Anfängen der Bewegung
292
Anhang B Die Lehren der ersten Brüder
303
Anhang C Kritische Bemerkungen
315
Anhang D Die Lehre der sogenannten Plymouth-Brüder: Ist sie schriftgemäß? Antwort auf einen Angriff in Dr. Strongs »Systematischer Theologie«
329
Anhang E
351
Vorwort des Verlags
Der Autor dieser geschichtlichen Darstellung, H. A. Ironside, lebte von 1876 bis 1951. Als die erste Auflage dieses Werkes 1942 erschien, war er bereits 12 Jahre Pastor der Moody Church in Chicago. Vorher hatte er fast ein halbes Jahrhundert lang (seit 1896) verschiedenen Gemeinden der Brüderbewegung angehört. Durch seine Tätigkeit in der Moody Church war er zwar, wie er selber formulierte, »teilweise von der vollen Gemeinschaft mit Brüderversammlungen getrennt«, seine Liebe zu ihnen und seine Hochachtung für sie war jedoch dadurch in keiner Weise geschmälert.1 Einerseits war er ein gründlicher Kenner der Lehren der Brüderbewegung und blieb diesen in nahezu allen Punkten bis zu seinem Heimgang treu. Auf der anderen Seite kannte er die Praxis in zahlreichen Gemeinden. Er war also ein Insider, der durch die Arbeit in der Moody Church mit einer gewissen Distanz auf die (damalige) Gegenwart und Vergangenheit der Bewegung blicken konnte. Geschichtliche Darstellungen der Brüderbewegung gibt es viele, vor allem im englischsprachigen Raum. Die meisten lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Die einen wurden von Angehörigen der Bewegung geschrieben und dienten der Rechtfertigung jenes Zweiges der Bewegung, in dem sich der jeweilige Autor befand. Dabei tragen die Beschreibungen der Leiter des betreffenden Zweiges nicht selten hagiografische Züge. Die historischen Darstellungen der anderen Kategorie stammen von Autoren außerhalb der Bewegung und haben häufig die Absicht, das (vermeintlich) Falsche darin aufzuzeigen. Des Öfteren mangelt es diesen Abhandlungen an Sachlichkeit und Detailkenntnis. Das vorliegende Werk zeichnet sich durch eine gründliche Kenntnis der Materie aus. Zahlreiche vorbildliche Aspekte dieser kirchengeschichtlichen Strö1
Siehe S. 10 des vorliegenden Buches
5
mung werden beleuchtet, aber schwerwiegende Mängel und Fehlentwicklungen werden nicht verschwiegen. Eine halbwegs ausgewogene geschichtliche Beschreibung der Brüderbewegung zu geben, ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Auf der einen Seite ist der positive Einfluss dieser Erweckungsbewegung sehr umfangreich. Watchman Nee, ein bekannter Erweckungsprediger des 20. Jahrhunderts in China, hatte folgende Einschätzung: »Seit dem Beginn der Kirchengeschichte hat es keine Zeit gegeben, in der das Licht des Evangeliums heller geschienen hat als in der Zeit der Brüder. … Da verwundert es nicht, wenn D. M. Panton sagte: ›Die Brüderbewegung und ihre Bedeutung ist viel größer als die Reformation.‹«2 »Nie in der Kirchengeschichte hat es Männer gegeben, die das Wort Gottes so gut kannten wie die Brüder. Das Licht kam über sie, wie das Herabstürzen eines gewaltigen Regens. … In der Tat ist das eine der vortrefflichsten Eigenschaften der Brüder: Sie kennen das Wort Gottes.«3 Ob man nun die Lehren der Brüder teilen mag oder nicht: Jeder aufrichtige, mit der Geschichte vertraute Christ wird anerkennen, dass Gott Großes gewirkt hat in der Evangelisation und Mission, z. B. durch das Leben von Hudson Taylor, und in der Diakonie und im praktischen Glaubens- und Gebetsleben beispielsweise durch Georg Müller und Robert Cleaver Chapman. Auf der anderen Seite ist die Geschichte der Brüderbewegung gekennzeichnet durch eine große Anzahl von Spaltungen. Ein Historiker stellt fest: »Die Brüder auf ihrem Gipfel hatten wohl etwa 60 rivalisierende Gruppierungen.«4 Wie in dem vorliegenden Werk erwähnt, sind die Brüder von W. H. Griffith Thomas als »bemerkenswerte Leute« bezeichnet worden, »die das Wort der Wahrheit recht teilen, sich selbst aber immer wieder falsch teilen«. Ein 2 3 4
Watchman Nee, Philadelphia und Laodicäa, Bielefeld, 1999, S. 42f. Watchman Nee, a. a. O., S. 48 Lineham, P., Learning from History – An Exclusive Brethren Story, in: Pickles, K. u. a. (Hrsg.), History Making a Difference, Cambridge Scholars Publishing, 2017, S. 75 https://books. google.de/books?id=n2fXDgAAQBAJ&lpg=PP1&dq=History%20Making%20a%20 Difference&hl=de&pg=PA76#v=onepage&q=sixty%20rival&f=false (aufgerufen am 13. 12. 2017)
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geschichtlicher Abriss steht vor der großen Herausforderung, halbwegs den Überblick über die komplizierten Verzweigungen zu behalten. Ironside verschweigt diese dunklen Kapitel der Brüderbewegung nicht. Er lässt Kritiker mit aus seiner Sicht berechtigter Kritik wie den als »Vater des amerikanischen Dispensationalismus«5 bezeichneten James H. Brookes zu Wort kommen. Brookes kannte Darby persönlich, hatte ihm seine Kanzel zur Verfügung gestellt und vieles von ihm aus der Heiligen Schrift gelernt. Andererseits verteidigt Ironside die Bewegung gegen Anschuldigungen, die er für unberechtigt hält. Im Unterschied zu den bislang in deutscher Sprache erschienenen Geschichtswerken zur Brüderbewegung enthält diese Arbeit eine ausführliche Darstellung der Ereignisse in Nordamerika. Z. B. wird den meisten an der Geschichte der Brüderbewegung Interessierten aus dem deutschsprachigen Raum der von Brüdern aus Nordamerika ausgehende Versuch der Versöhnung zwischen unterschiedlichen Gruppierungen der Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts neu sein. Für Leser, die mit der Gedankenwelt der Brüderbewegung nicht vertraut sind, ist das Ringen um die Richtigkeit und Reinheit der biblischen Lehre nur schwer nachzuvollziehen, zumal in einer Zeit, in der auf christliche Dogmen nicht viel Wert gelegt wird. Wenn man darin etwas Positives sehen will, spricht es von dem Eifer um das richtige Verständnis der Heiligen Schrift und das unbedingte Bemühen, damit im Einklang zu sein. Im negativen Sinn kann man darin eine falsche Prioritätensetzung und Überheblichkeit sehen. Folgende Anekdote veranschaulicht die Mentalität der Brüder: Ein Angehöriger der Bewegung wird auf eine einsame Insel verschlagen. Dort fängt er unmittelbar an, zwei Versammlungshäuser zu bauen. Als er einige Zeit später gefunden wird, fragen ihn die Helfer, warum er zwei Kirchen gebaut habe, wo er doch ganz 5
Ice, Th., Short History of Dispensationalism, http://www.pre-trib.org/articles/view/shorthistory-of-dispensationalism (aufgerufen am 13. 12. 2017)
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allein auf der Insel wohne. Seine Erklärung war: »Zuerst habe ich ein Versammlungshaus gebaut, wo ich nicht hingehe. Und dann habe ich ein Versammlungshaus gebaut, wo ich immer hingehe.« Die Geschichte der Brüderbewegung ist, wie eine andere historische Darstellung titelt,6 eine Geschichte von Versagen und Gnade. Vielleicht hilft das vorliegende Buch, die Gnade Gottes in und mit dieser Bewegung mehr zu bewundern und manche Fehler in der Zukunft zu vermeiden. Gerrit Alberts CLV
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Ouweneel, W. J., Het Verhaal van de »Broeders« – 150 jaar falen en genade, Winschoten 1977 (Bd. I) und 1978 (Bd. II)
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Vorwort des Autors
Die Bearbeitung dieser Aufzeichnungen (sowohl in ihrer ursprünglichen Form als auch als Artikelserie in der Zeitschrift Serving and Waiting,8 die es nicht mehr gibt) war für mich ganz ohne Frage eine »Bemühung der Liebe« (vgl. 1Thes 1,3), ebenso wie die Revision und das Hinzufügen zusätzlichen und neueren Materials für die Veröffentlichung als Buch. Dass diese Bewegung, von deren Geschichte ich mich einiges herauszuarbeiten bemühte, eindeutig ein Werk des Heiligen Geistes war und immer noch ist, ist meine feste Überzeugung – wenngleich sie, wie alle anderen dem Menschen anvertrauten Zeugnisse Gottes, durch das Versagen ebendes menschlichen Elements in ihr stark beeinträchtigt wurde. Ich wurde von vielen gedrängt, diese Aufzeichnungen in eine dauerhafte Form zu bringen, hatte aber jahrelang kein inneres »Ja« dazu, da ich mir nicht sicher war, ob dies zur Verherrlichung Gottes und zum Segen seiner Kinder beitragen würde. Doch nach vielen Herzensprüfungen und intensivem Gebet mit der Bitte um Gottes Führung sowie nach Beratung mit führenden Brüdern innerhalb der Brüderversammlungen, die mich alle ermunterten, dem Anliegen zu entsprechen, ging ich nochmals meine ursprünglichen Aufzeichnungen durch, bemühte mich um die Korrektur eventueller Ungenauigkeiten und integrierte sehr viel zusätzliches Material. Nun wird ja oft die Frage aufgeworfen, ob die Aufarbeitung und Darstellung der vielen Spaltungen unter den Brüdern von Nutzen sei, und gelegentlich wurde vorgeschlagen, dass es doch höflicher und liebevoller sei, diesen Teil der Geschichte wegzulassen und 7
8
Zum Autor H. A. Ironside vgl. E. Schuyler English, H. A. Ironside – Ordained of the Lord, Neptune, NJ (Loizeaux Brothers) 1976. Dt.: Henry Allan Ironside. Ein Leben lang unterwegs für Christus (238 S.), Bielefeld (CLV) 1995. Online: clv.de/Buecher/Biografien/Henry-A-Ironside. html William LeRoy Pettingill (1866 – 1950, Hrsg.), Serving and Waiting, ab 1911, Zeitschrift der Philadelphia School of the Bible (Präsident: Cyrus Ingerson Scofield, 1843 – 1921). Ironsides Artikelserie erschien 1925.
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lediglich den anderen (positiveren) Teil zu Papier zu bringen. Dies aber schien mir nicht recht. Grundsätzliche Aufrichtigkeit ließ es mir zwingend erscheinen, die ganze Wahrheit vorzustellen, die in Verbindung mit der Brüderbewegung steht, soweit es menschlich überhaupt möglich ist; und zwar in der Hoffnung, dass dieser Teil des Buches, der über Streit und Uneinigkeit berichtet, eine heilsame Lektüre für die Brüder selbst sei und auch als Warnung und Belehrung für andere Christen diene, diese Stolpersteine zu meiden, die sich als so unheilvoll für das erwiesen, was doch offensichtlich ein eindeutig von Gott bestätigtes Werk war. Ich maße mir keine Unfehlbarkeit bei der Behandlung der vielen aufgeworfenen Fragen an. Ich war auf viele zeitgenössische und zu konkreten Anlässen verfasste Schriften in Heft- und Traktatform angewiesen. Viele dieser Quellen widersprachen sich gegenseitig und es war oft schwierig, die genaue Faktenlage herauszufiltern. Aber nach Rücksprache mit vielen älteren Brüdern, von denen etliche inzwischen schon beim Herrn sind, glaube ich, in der Lage zu sein, einen fairen und geradlinigen Bericht vorlegen zu können, wie er in diesem Buch enthalten ist. Seit zwölf Jahren bin ich Pastor der Moody Memorial Church in Chicago, einer unabhängigen Gemeinde, die weitgehend für die Wahrheiten einsteht, welche die Brüder lieben und von denen Dwight L. Moody so viel profitiert hat. Dieser Umstand hat mich teilweise von der vollen Gemeinschaft mit Brüderversammlungen getrennt, die ich über so viele Jahre hinweg genossen hatte; meine Liebe zu ihnen und meine Hochachtung für sie ist dadurch jedoch in keiner Weise geschmälert. H. A. Ironside Chicago (Illinois, USA), August 1941
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Kapitel 1 Die Anfänge der Bewegung
Im 19. Jahrhundert gab es verschiedene Erscheinungsformen des Wirkens des Heiligen Geistes in der Neubelebung und Erleuchtung des Volkes Gottes. Sein Wirken zeigte sich unter anderem auch in einem Kreis, geprägt von intensiver Gemeinschaft nach innen und unermüdlicher Aktivität nach außen, der seine Anfänge im frühen 19. Jahrhundert hatte und der einen weit größeren Einfluss auf die Christen allgemein hatte und hat, als vielen bewusst ist. Ich meine damit die Gemeinschaft, die allgemein als »Brüderbewegung« bezeichnet wird (früher gelegentlich auch »Plymouth-Brüder«9). Aufgrund des weitreichenden Einflusses dieser markanten christlichen Denkrichtung ist es nützlich, nach den Ursachen für die Entstehung dieser Bewegung zu fragen, einige ihrer herausragenden Kennzeichen zu skizzieren und – wenn möglich – die Gründe für den Widerspruch zu entdecken, den sie bei vielen christlichen Kirchen und Institutionen hervorgerufen hat. Darüber hinaus soll auch möglichst deutlich gezeigt werden, welches ihre wesentlichen Beiträge zum heutigen sog. Fundamentalismus10 sind. Deshalb gibt es eine direkte Verbindung zwischen dieser Bewegung und der gegen9 10
»Plymouth-Brüder«: nach der Hafenstadt Plymouth an der Südküste Englands, wo die erste große Brüderversammlung entstand. Fundamentalismus: u. a. Festhalten an der vollen Inspiration und Autorität der Bibel. Unter dem Begriff (Christlicher) Fundamentalismus werden vorwiegend solche Denkrichtungen im Christentum verstanden, die sich ausdrücklich auf die Bibel als Fundament (»Bibeltreue«) und wörtlich inspiriertes Wort Gottes berufen. Der Ursprung des Fundamentalismus-Begriffs liegt bei amerikanischen Zeitungsredaktionen und ihrer Wahrnehmung konservativ-protestantischer Kreise. Auslöser war die zwischen 1910 und 1915 erschienene Schriftenserie The Fundamentals. Die beiden Brüder Lyman (1840 – 1923) und Milton Stewart (1838 – 1923) waren nach einer Predigt in der Moody Memorial Church in Chicago, die gegen die zunehmende Kritik an der Bibel unter protestantischen Geistlichen gerichtet war, bewegt und wollten etwas dagegen tun. Von diesen Schriften wurden über drei Millionen Exemplare verteilt. In den Schriften wurden die Grundlehren des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aus dem 5. Jahrhundert verteidigt, zu denen alle Kirchen weltweit über 1500 Jahre lang gestanden hatten. Die Schriften grenzten sich zudem gegen die Evolutionstheorie und verschiedene Sekten ab. Propagiert wurde auch der Dispensationalismus.
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wärtigen Auflehnung gegen den sog. Modernismus11, was keinem aufmerksamen Beobachter der gegenwärtigen evangelikalen Szene entgehen dürfte. Die Brüder als Ganzes sind sog. Fundamentalisten. Ihr Gemeindeverbund ist von solcher Art, dass »Modernismus« im vorgenannten Sinn unter ihnen nicht toleriert werden könnte, ohne zugleich die einzelnen örtlichen Versammlungen zu zerstören. Die große Mehrheit der herausragenden fundamentalistischen Leiter in den USA erkennen bereitwillig ihre Dankesschuld gegenüber dem mündlichen und schriftlichen Dienst der Brüder an, zumindest in gewissem Maß. Viele dieser Leiter wurden von einer öffentlichen Identifikation und Solidarisierung mit den »Versammlungen« – die sich nach ihrem Bekenntnis ausschließlich in oder zum Namen des Herrn Jesus versammeln – lediglich dadurch abgehalten, dass Streit und Uneinigkeit in deren Reihen solche Zerstörungen anrichteten, dass sie als hoffnungslos zerspalten erscheinen. Dies führte zudem bei einigen Gruppierungen der Brüder zu einer unerwarteten sektiererischen Voreingenommenheit. Dass es ein klar definierbares Wirken des Heiligen Geistes gab, der die Herzen vieler weit voneinander entfernter Gläubige zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung bewegte, sodass sie allmählich zu einer äußerlich sichtbaren Gemeindegruppierung zusammenwuchsen, kann eine sorgfältige Untersuchung der Ursprünge der Bewegung deutlich belegen. Es ist nachgewiesen, dass schon zwischen 1812 und 1820 Briefe ausgetauscht wurden zwischen einer Gruppe von Christen in New York City (die nach einer einfacheren und biblischeren Form christlicher Gemeinschaft Ausschau hielten als derjenigen, in der sie sich gerade befanden) und einer anderen Gruppe von Gläubigen in Großbritannien (die ebenfalls mit den bestehenden Zuständen unzufrieden waren). Einige dieser Gläubigen kamen dann in Gemeinschaft mit den Brüdern, aber ihren wirklichen Beginn hatte die Bewegung offensichtlich in Irland im Jahre 1825. 11
Modernismus: gemeint ist die liberale, sog. historisch-kritische Theologie
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Auf Missionsfeldern in Südamerika, besonders in BritischGuayana, und im weit entfernten Rangun in Hinter-Indien begannen in dieser Zeit oder etwas später ähnlich geartete Bewegungen und es wurden Briefe ausgetauscht, die eine bemerkenswerte Einmütigkeit der weit verstreuten Gruppen in ihren Ansichten aufzeigten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir nach Südirland gehen müssen, um das erste öffentliche Zeugnis dieser Wahrheiten zu entdecken, die viele bereits anderswo – wenn auch zurückhaltend – geäußert hatten. Obwohl der Name Plymouth schon früh in Verbindung mit den Brüdern bekannt wurde, war es nicht in Plymouth, sondern in Dublin in Irland, wo die erste derartige Zusammenkunft stattfand. Ähnliche Versammlungen gab es kurz darauf auch in Plymouth, in Bristol, in London und an anderen Orten; dennoch wussten die Teilnehmer vieler solcher Zusammenkünfte oft über Monate oder gar Jahre hinweg nichts voneinander. Die ersten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren Zeiten großer Unruhe in der Church of England 12 und auch in den verschiedenen freikirchlichen Gemeindegruppierungen (allgemein als nonconformists oder dissenters oder independents bezeichnet) in Großbritannien und Irland. Die Erweckung durch die Wesleybrüder13 und ähnliche Bewegungen brachten neues Leben in Gemeinschaften hinein, die zuvor jahrelang kalt und in bloßem Formalismus erstarrt waren. Eine Geisteshaltung des Nach- und Hinterfragens mit der Sehnsucht nach etwas Besserem verbreitete sich. Gläubige Christen forschten nun eifrig in ihren Bibeln nach größerer Klarheit bezüglich ihrer Verantwortung, sowohl persönlich als auch gemeinschaftlich. Die Napoleonischen Kriege lenkten ihre Blicke wie nie zuvor auf das prophetische Wort; und die Wahrheit über das bal12 13
Church of England: Die Kirche von England oder Anglikanische (Staats-)Kirche, außerhalb Englands als Episkopalkirche (Episcopalian Church, z. B. Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika) bezeichnet. John Wesley (1703 – 1791) und Charles Wesley (1707 – 1788) waren zusammen mit George Whitefield (1714 – 1770) die Begründer des Methodismus und die wichtigsten Gestalten der Erweckung in England und Nordamerika im 18. Jahrhundert
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dige und jederzeit mögliche Wiederkommen des Herrn wurde neu entdeckt, nachdem sie anscheinend jahrhundertelang verschüttet war. Zweifellos war bei dieser Frage auch viel Fanatismus mit im Spiel; trotzdem steckte in dieser Sache ein gewisses Maß an Wahrheit, das dann im weiteren Verlauf zu einem vollständigeren und klareren Verständnis des prophetischen Wortes führte. Das, was später fälschlicherweise historisch-kritische Forschung (obwohl seither durch archäologische Funde deutlich widerlegt) genannt wurde, war gerade im Begriff, die Aufmerksamkeit vieler auf sich zu ziehen; und viele wahre Christen waren entsetzt darüber, wie unbekehrte, staatlich bezahlte Kirchenmänner diese neuen Ideen bereitwillig aufgriffen und etliche, wie etwas später Bischof Colenso14, bewusst und mit voller Absicht die Authentizität der Heiligen Schrift von innen aus der Kirche heraus angriffen. Das ließ viele an der staatlich organisierten Kirche als »dem Pfeiler und der Grundfeste der Wahrheit«15 verzweifeln. Die Oxford-Bewegung oder »Traktarianer«16 mit ihren Bestrebungen Richtung Rom, die Irvingianische Häresie17, die die (zeichen- und wunderhaften) Geistesgaben und das Apostelamt wieder14
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John William Colenso, 1814 – 1883, anglikan. Bischof von Natal, Südafrika, Theologe, Mathematiker und Sozialaktivist, vertrat in Wort und Schrift eine aufklärerische, liberalhumanistische Haltung, gelegentlich als Vorläufer der Befreiungstheologie bezeichnet. Colenso verteidigte Darwins Evolutionstheorie, lehnte die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod Jesu ab und verfasste kontrovers diskutierte kritische Kommentare zum Pentateuch und zum Buch Josua. Colenso setzte sich aber auch sehr für die Zulus ein und kämpfte gegen deren Unterdrückung und gegen Korruption und wurde von ihnen »Vater des Volkes« und »der letzte ehrliche weiße Mann« genannt. Zu Colenso vgl. J. N. Darby, »Dr. Colenso and the Pentateuch« in: The Collected Writings of J. N. Darby, Bd. 23 (Doctrinal No. 7), Kingston-on-Thames, o. J., S. 82-114. Vgl. 1Tim 3,15 Die Oxford-Bewegung (englisch: Oxford Movement) entstand innerhalb der anglikanischen Kirche um 1830 als Versuch, dem Anglikanismus zugrunde liegende katholische Prinzipien und frühkirchliche Orientierungen vermehrt zur Geltung zu bringen (Anglokatholizismus). Die Bewegung wurde getragen durch John Keble, John Henry Newman und Edward Bouverie Pusey, die in Oxford lehrten. Nach den von Newman (1845 zum Katholizismus konvertiert und später Kardinal) seit 1833 herausgegebenen Tracts for the Time wurden diese Protagonisten auch Traktarianer genannt. Edward Irving (1792 – 1834): schottisch-presbyterianischer Geistlicher, war einer der Wegbereiter der katholisch-apostolischen Gemeinden und früher Befürworter der Kontinuität der (zeichen- und wunderhaften) Geistesgaben. Bis ins späte 20. Jahrhundert wurde die katholisch-apostolische Bewegung auch »Irvingianismus« und die Mitglieder »Irvingianer« genannt. Dies geht von der historisch falschen These aus, Edward Irving sei der Gründer dieser Bewegung und deren prägende Gestalt gewesen.
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beleben wollten, die vielen kleinen Gruppen, die durch die ständigen Uneinigkeiten unter den Nachfolgern von Wesley13 und Whitefield13 entstanden, die Unruhen in den Schottischen Kirchen18 und das drohende Auseinanderbrechen der Irischen Kirche19, dies alles veranlasste wahre Gläubige, sich mehr auf Gott selbst und das Wort seiner Gnade zu stützen, und führte dahin, »für sich selbst und für ihre Kinder von ihm (Gott selbst) den rechten Weg zu erfahren«. Und so kam es, dass aufgrund dieser ungeklärten Missstände innerhalb der etablierten Kirchen im folgenden halben Jahrhundert einige markante Bewegungen entstanden, die zum Ziel hatten, den Namen des Herrn Jesus zu verherrlichen, den Heiligen Geist zu erheben und zu ehren, der vollen Autorität der Bibel wieder ihren rechtmäßigen Platz als allgenugsamem Maßstab für christliche Lehre und Praxis zu geben; sie wollten sich der energischen Ausbreitung des Evangeliums in einer verlorenen Welt verschreiben, unabhängig von kirchlich oder klerikalen Vorgaben. Die 18
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1843 spaltete sich die Free Church of Scotland (1843 – 1900) von der Church of Scotland ab. Der Spaltung vorangegangen waren Auseinandersetzungen zwischen dem Mehrheitsflügel der Moderates und dem Minderheitsflügel der Evangelicals um Thomas Chalmers. Im Jahr 1900 vereinigte sich die Free Church of Scotland größtenteils mit der United Presbyterian Church of Scotland zur United Free Church of Scotland, welche sich im Jahr 1929 in ihrer großen Mehrheit wieder mit der Church of Scotland zusammenschloss. Eine kleine Minderheit der ursprünglichen Free Church of Scotland, welche einen konservativen Calvinismus vertrat und ihren geografischen Schwerpunkt in den Highlands und auf den Hebriden hat(te), folgte der Vereinigung 1900 nicht und existiert noch heute. 1847 vereinigte sich die United Secession Church (1820 von der Church of Scotland abgespalten) mit der Relief Church (1761 von der Church of Scotland abgespalten) zur United Presbyterian Church of Scotland (1847 – 1900), die sich – wie gerade erwähnt – 1900 mit der Free Church of Scotland zur United Free Church of Scotland vereinigte. 1893 hatte sich die Free Presbyterian Church of Scotland von der Free Church of Scotland abgespalten. Ihren Schwerpunkt hat diese Freikirche in Schottland, wo sie 38 Gemeinden umfasst. Weitere Gemeinden befinden sich unter anderem in England, den USA, Neuseeland und Simbabwe. Sie begreift sich selbst als Hüterin des Erbes der Reformation nach Johannes Calvin in ihrer Ausprägung durch John Knox und lehnt die liberalen Strömungen ab, die aus ihrer Sicht die meisten übrigen presbyterianischen Kirchen erfasst haben. Zu ihrer Glaubenslehre gehören unter anderem die Autorität der Bibel und die Heiligung des Sonntags. Geltende Bekenntnisschrift ist die Westminster Confession. Infolge des Act of Union von 1800/1801 (Vereinigung des Königreichs von Großbritannien mit dem Königreich von Irland zum Vereinigten Königreich von Großbritannien) kam es vorübergehend auch zur Vereinigung der beiden (anglikanischen) Staatskirchen Church of England und Church of Ireland. Als mittelbare Folge der katholischen Emanzipation (Catholic Relief Act 1778, 1791, 1793 und vor allem 1829 [Aufhebung des Act of Union]) wurde aber die bis dahin herausragende Stellung der Church of Ireland aufgeweicht und sie wurde schließlich mit dem Irish Church Act 1869 aus dem Etat der Church of England herausgenommen. Gleichzeitig verlor sie ihren offiziellen Status als Staatskirche.
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großen weltweiten Missionsbewegungen sind bis heute eines der Resultate davon. Die Bibelgesellschaften als Ganzes können ebenfalls als weitere Frucht dieser Bemühungen gesehen werden. Und das, was manchmal als »Brüderbewegung« bezeichnet wird, kann als drittes interessantes Ergebnis dieser Entwicklungen betrachtet werden, und nach meiner Überzeugung nicht als das unbedeutendste. Obwohl die Brüderversammlungen nie eine große Zahl von Mitgliedern aufwiesen, verglichen mit den großen Denominationen des Protestantismus, so war ihr Einfluss doch weltweit und Tausende haben ihre Ansichten auf vielen Gebieten christlicher Lehre und Praxis übernommen, obwohl sie sich nicht öffentlich mit den Brüdern als solche identifizieren. Die Namen von sieben Männern, die in mancher Hinsicht als die Begründer dieser Bewegung unter dem Wirken Gottes (oder – wie manche sie nennen – als die ursprünglichen Brüder) gelten, sind allgemein bekannt geworden. Den Begriff Brüder gebrauche ich in diesem Sinn nur deshalb, um nicht ständig unnötig langatmige Umschreibungen und Erklärungen verwenden zu müssen. Diejenigen, die an den besonderen Prinzipien des Zusammenkommens festhalten, die zu untersuchen ich auf den folgenden Seiten vorhabe, haben sich von Anfang an geweigert, irgendeinen speziellen Namen anzunehmen, der sie von anderen unterscheidet und nicht zu Recht für das ganze Volk Gottes verwendet werden kann. Deshalb reden sie von sich selbst als von Brüdern, Gläubigen, Christen, Heiligen oder verwenden irgendeinen anderen Begriff, der auf alle Glieder am Leib Christi angewandt werden kann. Mit dieser Erklärung hoffe ich, niemandem Anlass zu irgendeiner Verletzung von Gefühlen zu geben, indem ich im weiteren Verlauf von ihnen als den Brüdern (kursiv)20 reden werde, und ich gebrauche dafür ein großes »B« (im Deutschen »Brüder« [kursiv]), um klarzumachen, wer gemeint ist, 20 Im amerikanischen Original Brethren (mit großem ›B‹, dt. ›Brüder‹) für die Anhänger der Brüderbewegung, zur Unterscheidung von brethren (mit kleinem ›b‹, dt. ›Brüder‹) als Bezeichnung für alle Christen.
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obwohl der Gebrauch des Begriffs (zu ihrer Unterscheidung von anderen Christen) von diesen Christen selbst verurteilt wird. Die oben erwähnten sieben Brüder sind Edward Cronin21, Edward Wilson22, H. Hutchinson23, William Stokes24, J. Parnell (der spätere Lord Congleton)25, J. G. Bellett26 und John N. Darby27. Von diesen sieben scheint Edward Cronin das auserwählte Werkzeug gewesen zu sein, der zuerst die anderen dazu veranlasste (oder zumindest zuerst nach seinen Überzeugungen handelte), obwohl die beiden Letzteren unabhängig davon bereits seit einigen Jahren in dieselbe Richtung dachten und dahingehend die Schrift untersuchten. Edward Cronin war ein junger Student der Zahnmedizin, der in der römisch-katholischen Kirche groß geworden war, aber durch den Geist Gottes und seine Gnade ins Licht gestellt wurde und so zu einem persönlichen Glauben an Christus und zum Frieden mit Gott kam, indem er in dem Sühnungswerk des Herrn Jesus völlige Ruhe fand. Einige Zeit nach seiner Bekehrung wurde er aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustands nach Dublin geschickt. Dies geschah in den frühen 1820er-Jahren. Nach seinem Abschlussexamen als Arzt blieb er bis zum Jahre 1836 in Dublin und widmete die meiste Zeit seines Lebens der Verkündigung des Wortes. Es war genau in dieser Zeit (von 1825 an), dass die Bewegung, über die ich schreibe, ihren Anfang nahm. 21 22 23
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Edward Cronin, 1801 – 1882, geb. in Cork (Irland), Arzt und Pionier der Homöopathie in England. Edward Wilson, Diakon und Assistant Secretary der British and Foreign Bible Society in Dublin, verzog später nach England und ist dort in jungen Jahren verstorben. Francis Synge Hutchinson, 1802 – 1833, Sohn des Pfarrers und Archdeacons von Killala, Sir Samuel Synge-Hutchinson, 3rd Baronet von Castlesallagh in der Grafschaft Wicklow. Francis Hutchinson war Eigentümer des Hauses Fitzwilliam Square No. 9 in Dublin, in dem die ersten Zusammenkünfte stattfanden. William James Stokes, 1807 – 1881, Mitgründer des Waisenhauses Harold’s Cross Orphanage und des Obdachlosen- und Fürsorgeheims Rescue Home, 31 Marlborough Street (beide in Dublin). John Vesey Parnell, später bekannt als Lord Congleton (er war ab 1842 2nd Baron Congleton von Congleton [Chester]), 1805 – 1883, geb. in London, 1831 – 1833 verh. mit Nancy, Edward Cronins Schwester, 1831 – 1837 Missionar in Bagdad und Indien. John Gifford Bellett, 1795 – 1864, geb. in Dublin (Irland), Rechtsanwalt, Theologe und Schriftsteller. John Nelson Darby, 1800 – 1882, geboren in Westminster, London, zunächst Rechtsanwalt, dann Theologiestudium und ab 1825 anglikan. Pfarrer in der Church of Ireland.
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Wie viele andere geistlich erweckte Menschen, die sich aus Gewissensgründen von der scheinbaren Einheit des römisch-katholischen, päpstlichen Systems abgewandt hatten, war Edward Cronin sehr verwirrt und verstört wegen der vielen zersplitterten Gruppierungen im Protestantismus. Es betrübte ihn sehr, dass er erleben musste, wie Christen mit demselben kostbaren Glauben so oft in sich gegenseitig bekämpfende Lager gespalten waren: Konfessionelle Loyalitäten und Polarisierungen hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur. Dennoch herrschte trotz dieser verzweifelten Notlage große Kraftlosigkeit. Das Argument, die verschiedenen Denominationen seien wie die unterschiedlichen Regimenter oder Bataillone einer einzigen großen Armee, erschien Cronin bedeutungslos, als er feststellen musste, dass sie sozusagen ihre Geschütze gegeneinander richteten, anstatt vereint dem gemeinsamen Feind entgegenzutreten. Doch alle Freikirchen hießen ihn zuerst gleichermaßen herzlich willkommen, als er sie besuchte, und waren hocherfreut über seine Befreiung aus dem Joch der römisch-katholischen Kirche. Er konnte auch mit ihnen als Gast Gemeinschaft haben am Tisch des Herrn. Als sich sein Aufenthalt in Dublin jedoch in die Länge zog, wurde er bedrängt, sich einer bestimmten Gemeinde anzuschließen und bei dieser zu bleiben, da kirchliche Vagabunden nicht gerne gesehen wurden und man auf festem Anschluss und konkreter Mitgliedschaft bestand. Die Frage, welcher Gemeinde er sich nun genau anschließen sollte, beunruhigte ihn jedoch in starkem Maße; aber schließlich wurde er Mitglied einer unabhängig-nonkonformistischen (kongregationalistischen) Freikirche, die sich in der York Street versammelte. Er saß unter der Verkündigung von Pastor W. Cooper. Sein Gewissen kam jedoch keineswegs zur Ruhe und er verstand nicht, dass die eine Kirche, die der auferstandene Herr gegründet hatte, nach außen hin so zersplittert und geteilt erschien. Schließlich entschied er sich, das Neue Testament diesbezüglich genauer zu lesen, um in dieser Sache mehr Licht zu bekommen. Als er die Aussagen 18
der apostolischen Autoren abwog und die Geschichte der Urkirche im Wort Gottes studierte, fand er darin keinen Platz für einen wie auch immer gearteten Denominationalismus. Es wurde ihm immer klarer, dass die eine Kirche, die sich auf Christus selbst gründet und aufbaut – von der der Herr selbst der Eckstein und in der jeder Gläubige ein lebendiger Stein ist und vom Heiligen Geist dorthin gesetzt wird – dass dies die einzige Kirche ist, die die Bibel beschreibt. Er sah, dass von dieser Kirche auch als vom Leib des Christus gesprochen wird, von der der auferstandene Christus das verherrlichte Haupt ist, und dass alle wahrhaft Gläubigen seit Pfingsten in diesen Leib hinein getauft und dadurch Glieder von Christus und Glieder voneinander wurden. »Der Herr tat täglich [zu der Versammlung] hinzu, die gerettet werden sollten.«28 So etwas wie Mitgliedschaft in einer Denomination konnte er nicht in der Schrift finden, obwohl er sah, dass es durchaus örtliche Gemeinden gibt, die sich aus den einzelnen Gliedern des Leibes Christi zusammensetzen, um sich zur Gemeinschaft, zur Unterweisung, zum Brotbrechen und zu Gebetsversammlungen in örtlichen Gemeinschaften zu treffen; diese aber sind offensichtlich miteinander eins auf der Grundlage des Leibes des Christus, indem sie sich gegenseitig als Glieder am Leib aufnehmen, ohne sich besonderen Prüfungen oder Tests zu unterziehen bzw. selbst verschiedene getrennte Unter-Organisationen innerhalb des einen großen Organismus zu bilden. Wie viel davon ihm sofort klar wurde, ist schwer abzuschätzen; aber er begann bald über das zu reden, was er zu lernen im Begriff stand. Bald stellte er bei sich selbst eine Abneigung gegen einen »Ein-Mann-Dienst« fest, da es für ihn deutlich war, dass es für eine solche Praxis in der neutestamentlichen Kirche keinen Platz gab, sondern dass vom Geist begabte Männer ihren Dienst so versahen, wie sie vom Geist Gottes in der Abhängigkeit vom Herrn geleitet wurden, und dass die Idee der Heiligen Schrift fremd ist, dass nur ein Pastor/Pfarrer der Gemeinde vorstehe. Damit wollte er nicht abstreiten, dass in vie28 Vgl. Apg 2,47
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len Orten die Verantwortung für das Predigen und Lehren des Wortes großenteils bei nur einem begabten Bruder lag. Im Blick auf die Anbetungsstunden jedoch war er überzeugt, dass es hier eine Ordnung gab, wo der Geist Gottes jeden Bruder gebrauchen konnte, wie der Geist gerade wollte, und wie es zur Erbauung aller notwendig war – vorausgesetzt, die Gläubigen unterwarfen sich seiner Leitung. Als er viele Jahre später über seine frühen Erfahrungen schrieb, äußerte er: »Diese Freiheit blieb mir erhalten, bis es dazu kam, dass ich mich dauerhaft in Dublin niederließ. Mir wurde mitgeteilt, dass ich in keiner Gemeinde mehr Brot brechen könnte ohne eine konkrete Mitgliedschaft bei einer von ihnen. Das hatte zur Folge, dass ich für einige Monate ohne Gemeinschaft mit Christen war und ich mich wegen meiner zunehmenden Abneigung gegen den EinMann-Dienst nicht mehr in der Lage sah, ihre Zusammenkünfte aufzusuchen. Ich war öffentlichen Anschuldigungen der Religionsfeindlichkeit und des Antinomismus29 ausgesetzt. Dies beschwerte mich so sehr, dass es eine Zeit tiefer Herzensübungen war, die mich auch von vielen fernhielt, die ich im Herrn liebte; und um den Anschein von bösem Verhalten zu vermeiden, verbrachte ich viele Sonntagmorgenstunden während ihrer Gottesdienste unter einem Baum oder in einem Heuschober. Nachdem ich namentlich öffentlich von einer ihrer Kanzeln (der von Rev. W. Cooper) verurteilt wurde, sah sich einer ihrer Diakone, Edward Wilson22 (stellvertretender Geschäftsführer der Bibelgesellschaft), veranlasst, dagegen zu protestieren, was im Ergebnis dazu führte, dass er die Gemeinde verließ. Auf diese Weise getrennt, trafen wir zwei uns, um in einem Zimmer seines Hauses das Brot zu brechen und zu beten, bis zu seiner Abreise nach England.«
29 Der Begriff Antinomismus (griech. antí = »gegen«, nómos = »Gesetz«; sinngemäß »gegen Gesetze«) steht in Philosophie und Theologie für eine grundsätzliche, anarchistische Gegnerschaft zu Gesetz und Gesetzlichkeit. Speziell in der Theologie bezeichnet Antinomismus eine Lehre, die die Bindung an das alttestamentliche Gesetz (besonders das Mosaische Sittengesetz) ablehnt und die menschliche Glaubensfreiheit und die göttliche Gnade betont.
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Das geschah im Jahre 1825, und es kann deshalb gesagt werden, dass es die erste Zusammenkunft war, die auf dieser (später von den Brüdern eingenommenen) Grundlage durchgeführt wurde. Nachdem Edward Wilson (nach England) abgereist war, trennten sich zwei von Cronins Cousinen, die beiden Misses Drury30, ebenfalls von der Gemeinde in der York Street, da sie die Ansichten ihres Verwandten teilten, und ein Mr Tims, ein Buchhändler in der Grafton Street, schloss sich ihnen ebenfalls an. Diese vier trafen sich nun regelmäßig zum Brechen des Brotes (Abendmahl) im hinteren Wohnzimmer von Edward Cronins Haus in der Lower Pembroke Street. Auch andere hörten von der eigenartigen kleinen Versammlung (mit ihren »engen und scheinheiligen Ansichten«, wie viele dachten). Dennoch wurden manche berührt und angezogen von diesen Lehren bezüglich der Einheit des Leibes und der Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde zur Leitung und Führung in Wortverkündigung und Gottesdienst. Im Jahr 1827 stieß Francis S. Hutchinson23 zu dieser Gruppe und da die Teilnehmerzahl inzwischen größer geworden war, bot er ihnen einen größeren Raum in seinem Haus am Fitzwilliam Square an. Von ihm ist sehr wenig bekannt, außer dass er offensichtlich ein äußerst liebenswürdiger und frommer Mann war, da John G. Bellett später über ihn schrieb: »Die Erinnerung an ihn ist mir sehr teuer und wird von mir in hohen Ehren gehalten.« Im Jahr 1827 war es dann, dass John G. Bellett und John N. Darby sich mit der kleinen Versammlung zusammenschlossen, die Edward Cronin ins Leben gerufen hatte. Ersterer wurde in späteren Jahren ein bekannter Verfasser von Schriften über biblische Themen, die aber nicht unbedingt nach dem Geschmack der großen Masse waren. Seine Bücher und Schriften haben einen gro30 Es waren Susan Drury (1795 – 1829, ab 1828 verheiratet mit Edward Cronin) und ihre Schwester Mary Drury (1796 – 1863, ab 1825 verheiratet mit J. G. Bellett, 6 Kinder, von denen nur die Tochter Letitia [»Letty«, 1832 – 1918] das Erwachsenenalter erreichte). Susans und Marys Tante Mary Anne Drury (1760 – 1832), Edward Cronins Mutter, reiste 1832 mit Edward Cronin, F. W. Newman, J. V. Parnell und anderen nach Bagdad, um sich der Mission von A. N. Groves anzuschließen, und starb in Bagdad im Juli 1832.
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ßen geistlichen Tiefgang und meditativen Charakter; sie sind reich in ihren Schilderungen des Herrn Jesus Christus und zeigen einen tiefen Einblick in die Geheimnisse Gottes, wie man ihn selten in unserem geschäftigen Alltagsleben findet. Bellett ist buchstäblich in diese biblische Wahrheiten eingetaucht und seine davon ergriffene Seele begeisterte sich beim Blick auf den Heiland, der sich in diesen Wahrheiten offenbarte. Niemand kann seine Bücher und Schriften wie z. B. »The Evangelists«31, »The Patriarchs«32 oder andere Betrachtungen lesen, besonders »The Son of God«33 und »The Moral Glory of the Lord Jesus Christ«34, ohne dadurch geistlich gestärkt zu werden – vorausgesetzt, jemand ist wirklich ein Liebhaber der Person, die das zentrale Thema des Buches Gottes ist. John Bellett hat uns in einem Brief einen historischen Abriss hinterlassen, der uns einen Rechenschaftsbericht von den ersten Anfängen der Bewegung gibt, seitdem er mit ihr in Verbindung stand, obwohl er nicht ganz bis zum tatsächlichen Beginn im Jahre 1825 zurückreicht. Wir werden daraus später noch zitieren. John Nelson Darby war zu dieser Zeit ein junger Kurat35 der Church of Ireland 19. Im Jahre 1800 geboren, war er mit 27 Jahren ein hingegebener geistlicher Arbeiter in Praxis und Lehre, dessen nach Gott dürstender Seele keine Anstrengung zu groß war, um anderen zum Segen zu sein. Er musste zuerst durch tiefe Wasser gehen, bevor er seine Füße auf die feste Grundlage des »Felsens der
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J. G. Bellett: The Evangelists: Being Meditations Upon the Four Gospels, 370 S., dt. Betrachtung über das Evangelium nach Lukas, Hückeswagen (Christliche Schriftenverbreitung) 1979, und Betrachtung über das Evangelium nach Johannes, Hückeswagen (Christliche Schriftenverbreitung) 21978. J. G. Bellett, The Patriarchs, 226 S., dt. Die Welt vor der Flut und die Patriarchen, Elberfeld (R. Brockhaus) 1925. J. G. Bellett, The Son of God, 180 S., dt. Der Sohn Gottes, Elberfeld (R. Brockhaus) 1894, 21907. Neuausgabe: Neustadt/Weinstraße (Ernst-Paulus-Verlag) 1953. J. G. Bellett, The Moral Glory of the Lord Jesus Christ, 64 S., dt. Die Herrlichkeit Jesu Christi unseres Herrn in Seiner Menschheit, Elberfeld (R. Brockhaus) 41891, 51907. Neuausgabe: Die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus in Seiner Menschheit. Ebd. 61926. Neuausgabe: Die Herrlichkeit Jesu Christi unseres Herrn als Mensch, Neustadt an der Weinstraße (Ernst-PaulusVerlag) 1965. Curate: Hilfsgeistlicher, der unter Umständen eine Pfarrei betreut, im Gegensatz zum Rector, dem Inhaber der Pfarrei und vollen Nutznießer der Pfründe
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Ewigkeiten«36 setzen konnte und bevor er erkannte, wie notwendig es für die Menschen ist, im Wort der Gnade fest gegründet zu sein. Er sagte von sich selbst, dass »drei Jahre meines Lebens nur der 88. Psalm mir irgendwelchen Trost zusprach, und das, obwohl es in diesem Psalm nicht einen einzigen Funken von Trost gab; und doch war ich überzeugt, dass ein Heiliger ihn geschrieben haben musste, da er sonst nicht in der Bibel stehen würde«. Für einige Zeit folgte er dem Irrlicht der Oxford-Bewegung16, die die Anglikanische Kirche mit römischen Ritualen in die römisch-katholische Kirche zurückbringen wollte, und als Geistlicher der Irisch-Englischen Hochkirche schaute er mit einer der Jugend eigenen engherzig-fanatischen Verachtung auf alle anderen bekennenden Christen herab, »in der Hoffnung, dass sie vielleicht Gnade finden möchten durch die nicht im Gnadenbund eingeschlossenen Barmherzigkeiten [›uncovenanted mercies‹] Gottes«, aber gleichzeitig lebte er ständig in der Sorge, dass diese Christen leben und sterben könnten ohne den »Segen des hochkirchlichen Klerus«. Einer, der ihn in seinen frühen Tagen gut kannte – und von dem Darby sich damals viel versprochen hatte, der aber einer der ersten »Modernisten«11 werden sollte, Francis William Newman37, Bruder des späteren Kardinals Newman16 –, schrieb Folgendes über ihn unter der Bezeichnung »Irish Clergyman« [Irischer Geistlicher]:38
36 Vgl. Jes 26,4 37 Francis William Newman, 1805 – 1897, britischer Gelehrter und Professor, Mathematiker und Orientalist (veröffentlichte u. a. ein zweibändiges Arabisch-Lexikon), Prof. für Latein am University College, London. In jungen Jahren war er enger Freund John N. Darbys und konservativ Gläubiger. Er begleitete sogar Anthony N. Groves, John Kitto, John V. Parnell und andere auf ihrer äußerst beschwerlichen und gefährlichen Missionsreise nach Bagdad. Später wurde er Agnostiker und beschreibt seinen Weg vom konservativ-evangelikalen Calvinismus zum agnostisch-liberalen Theismus in seinem Buch Phases of Faith; or, Passages from the History of my Creed (280 S., London 1850). Dieses Buch hat sein früherer Freund John N. Darby in seinem Buch The Irrationalism of Infidelity: Being a Reply to »Phases of Faith« (590 S., London 1853) Punkt für Punkt zu widerlegen versucht. The Irrationalism of Infidelity ist auch erschienen als The Collected Writings of J. N. Darby, Bd. 6 (Apologetic No. 1), Kingston-onThames, o. J., S. 1-358. 38 Francis William Newman, Phases of Faith; or, Passages from the History of my Creed, London 1850, S. 27-30.
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Dieser John Nelson Darby, ein junger Verwandter von ihm39, war ein äußerst bemerkenswerter Mann, der rasch unermesslichen Einfluss über mich gewann. Ich werde ihn fortan den »irischen Geistlichen« nennen. Seine »Gegenwart des Leibes«40 war in der Tat »schwach«. Eingefallene Wangen und blutunterlaufene Augen, verkrüppelte Gliedmaßen, die sich auf Krücken stützten41, ein selten rasierter Bart, abgetragene Kleidung – insgesamt eine Person, die geringen Wert auf ihr Äußeres legte und zunächst Mitleid erregte, dann aber auch Verwunderung darüber, einer solchen Gestalt in einem vornehmen Salon zu begegnen. Es wurde berichtet, dass ihm jemand in Limerick einen halben Penny angeboten hatte, weil er ihn für einen Bettler hielt; und wenn die Geschichte nicht wahr sein sollte, so ist sie jedenfalls gut erfunden. Dieser junge Mann hatte mit höchster Auszeichnung seine (Grund-)Studien an der Dubliner Universität (am Trinity College) abgeschlossen42 und dann weiter Jura studiert43, und er hätte unter der 39 Von Edward Pennefather, 1774 – 1847, mit John N. Darbys 15 Jahre älterer Schwester Susannah verheiratet und einer der angesehensten Juristen seiner Zeit. Er war 1830 – 1831 Attorney General for Ireland (›Generalstaatsanwalt‹ oder ›Justizminister‹ von Irland), 1835 und 1841 SolicitorGeneral for Ireland (›Kronanwalt‹ oder ›Generalstaatsanwalt von Irland‹) und 1841 – 1846 Lord Chief Justice of Ireland (›Lordoberrichter‹, der Präsident des Obersten Gerichtshofs von Irland). In Pennefathers Residenz in Dublin begegneten sich John N. Darby und Francis W. Newman. 40 Vgl. 2Kor 10,10 41 Die so beschriebene Erscheinung Darbys war der Tatsache geschuldet, dass er sich zu dieser Zeit im Haus seines Schwagers Pennefather von einem schweren Reitunfall erholte, den er bei einem der seelsorgerlichen Besuche seiner weitverstreuten Pfarrkinder erlitten hatte. 42 Seine höhere Schulbildung absolvierte Darby von 1812 – 1815 an der Westminster School in London und immatrikulierte sich dann 1815 am Trinity College in Dublin, wo er hauptsächlich Latein und Griechisch, aber auch englische Literatur, Mathematik und Naturwissenschaften studierte. Am 10. Juli 1819 graduierte er zum Bachelor of Arts (B. A., der niedrigste akademische Grad der philosophischen Fakultät) und erhielt die Goldmedaille für alte Sprachen, die höchste Auszeichnung für klassische Philologie. 43 Darbys Jurastudium fand in Dublin (am King’s Inn) und London (Zulassung und Abschluss am Lincoln’s Inn) statt. Er wurde am 9. November 1819 zum Lincoln’s Inn zugelassen und schloss seine acht Pflichtquartale dort am 26. November 1821 ab. Am 21. Januar 1822 bekam er seine Zulassung als Anwalt für Irland (»Barrister«, vor den höheren Gerichten plädierender Rechtsanwalt im Gegensatz zum »Solicitor«). Der Lincoln’s Inn ist eine der vier Anwaltskammern der Barristers in London (die anderen sind Inner Temple, Middle Temple – dort wurden z. B. E. Pennefather und J. G. Bellett zugelassen – und Gray’s Inn). Diese Anwaltskammern sind für die Ausbildung und Zulassung der Barristers zuständig. Sie werden Inns of Court oder kurz Inns (»Gasthöfe«, »Herbergen«) genannt, weil Studenten und Auszubildende des Rechts dort ursprünglich nicht nur lernten, sondern auch wohnten und speisten. Darby wurde zuerst beim King’s Inn (dem juristischen Inn im irischen Dublin) zugelassen und dann dem Lincoln’s Inn (also einem der vier englischen Inns of Court) empfohlen und dort zugelassen. Er besuchte den Lincoln’s Inn aber nicht, sondern blieb in Dublin und erhielt dort seine Ausbildung. Bellett andererseits war für diese zweijährige Ausbildung nach London gegangen.
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Protektion seines bedeutenden Verwandten (Edward Pennefather44)39 ausgezeichnete berufliche Perspektiven gehabt; aber sein Gewissen erlaubte es ihm nicht, Rechtsanwalt zu bleiben, um nicht dadurch seine Talente zur Beugung des Rechts zu verkaufen. Neben scharfer logischer Kraft verfügte er über große Warmherzigkeit, solide Menschenkenntnis, zuvorkommendes Mitgefühl und völlige Selbstvergessenheit. Bald schon trat er in den geistlichen Stand45 und wurde ein rastlos tätiger Kurat35 in den Bergen von Wicklow (in Irland, 40 km südlich von Dublin). Jeden Abend machte er sich auf, um in den einfachen Hütten der Bergbauern zu lehren. So wanderte er überall auf den Bergen und zwischen Sumpfgebieten umher und kam selten vor Mitternacht nach Hause. Durch solche extremen Kraftanstrengungen litten seine Gesundheit und vor allem seine Gliedmaßen, sodass als Folge davon nicht nur zeitweilige Lähmung, sondern noch Schlimmeres zu befürchten war. Er fastete nicht absichtlich, aber seine langen Wanderungen in der wilden Berglandschaft und unter den einfachen Menschen, die dort hausten, brachten schwerste Entbehrungen mit sich; und mehr noch, da er alles aß, was immer ihm angeboten wurde (oft unschmackhaftes und für ihn unverdauliches Essen), kam es, dass seine ganze Erscheinung in punkto Auszehrung mit der eines Mönchs von La Trappe hätte wetteifern können. … Dass ein Dutzend solcher Männer mehr zur Bekehrung ganz Irlands zum Protestantismus beigetragen hätte als der ganze Apparat der Staatskirche, war binnen Kurzem meine Überzeugung – auch wenn ich zunächst abgestoßen war von seinem scheinbar zur Schau getragenen armseligen Äußeren. Aber ich begriff bald, dass er auf keine andere Weise gleichermaßen Zugang bekommen hätte zu den niederen und niedrigsten Gesellschaftsschichten und dass er nicht von Askese oder gar Imponiergehabe dazu motiviert war, sondern von seiner völ44 Pennefather war seit 1816 King’s Counsel, »Kronanwalt«, d. h. ein Anwalt, der die englische Krone in Strafsachen zu vertreten hatte. 45 Darby wurde am 7. August 1825 durch Bischof William Bissett in der Kathedrale von Raphoe (in der Grafschaft Donegal im Norden der Republik Irland) zum Deacon (in der anglikanischen Kirche der dritte [niederste] Weihegrad eines ordinierten Geistlichen neben Priest und Bishop) geweiht. Am 19. Februar 1826 wurde er in der Christ Church Cathedral (Dublin) von Erzbischof Willliam Magee zum Priest ordiniert.
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ligen Selbstvergessenheit, die durchaus fruchtbare Folgen zeitigte. Er hatte praktisch alle Lektüre außerhalb der Bibel aufgegeben46 und kein geringer Teil seines Auftretens mir gegenüber nahm bald die Form des Abratens von allen anderen freiwilligen Studien an. In der Tat konzentrierte sich meine geistliche Lektüre mehr und mehr auf dieses eine Buch: Dennoch konnte ich nicht umhin, den Wert eines gebildeten Geistes zu schätzen. Gegen dies richtete mein neuer exzentrischer Freund (der selbst ein alles andere als gewöhnliches Maß an Bildung besaß) seine scharfsinnigsten Angriffe. Ich erinnere mich, wie ich einmal – in Verteidigung einer weltlichen Stellung – zu ihm sagte: »Nach Reichtum zu streben, ist unchristlich und absurd, aber wenn ich als Vater Kinder hätte, wünschte ich, reich genug zu sein, um ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen zu können.« Er antwortete: »Wenn ich Kinder hätte, würde ich sie lieber beim Straßenbau Steine brechen sehen als irgendeine andere Laufbahn zu verfolgen, wenn ich für sie dadurch die Annahme des Evangeliums und die Gnade Gottes sicherstellen könnte.« Ich war nicht in der Lage, darauf mein »Amen« zu geben, aber ich bewunderte seine unnachgiebig konsequente Haltung, denn auch jetzt – wie immer – war alles, was er sagte, auf Bibelstellen gegründet, die er treffend zitierte und mit zwingender Logik zur Geltung brachte. Er brachte mich dazu, dass ich mich mehr und mehr der politischen Ökonomie, der Moralphilosophie und jeglicher Naturwissenschaft schämte, welches alles »für Verlust geachtet« werden sollte »wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Jesu Christi, unseres Herrn«47. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich einem Mann begegnet, der die Grundsätze entschlossen in die Wirklichkeit umsetzte, die andere nur mit ihren Lippen bekannten …
46 In Wirklichkeit studierte Darby eifrig und sorgfältig die hebräische und griechische Bibel, die alten Übersetzungen und alles, was zum besseren Verständnis des in der Schrift geoffenbarten Wortes Gottes beitragen konnte, außerdem war er auch in Kirchengeschichte sehr bewandert. Aber dies war die Zeit, wo die Heilige Schrift vollkommene Autorität über sein Denken bekommen hatte. 47 Vgl. Phil 3,9
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