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Janet und Geoff Benge

C. T. Studd Der Draufgänger Gottes


Die Bibelzitate sind der Elberfelder Übersetzung 2003, Edition CSV Hückeswagen, entnommen.

A. d. A. A. d. H. svw.

Abkürzungen Anmerkung der Autoren Anmerkung des Herausgebers so viel wie

1. Auflage 2016 © der amerikanischen Ausgabe 2005 by YWAM Publishing, originally published under the title Christian Heroes: Then and Now – C. T. Studd, all rights reserved. © der deutschen Ausgabe 2016 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Johannes Böker, Eppstein Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Bestell-Nr. 256275 ISBN 978-3-86699-275-7


Inhalt Kapitel 1 Verirrt

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Kapitel 2 Ein religiöser Fanatiker

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Kapitel 3 Der Kricket-Champion

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Kapitel 4 Die »Cambridge Seven«

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Kapitel 5 Endlich China

40

Kapitel 6 Priscilla oder keine

52

Kapitel 7 Fremde Teufel

63

Kapitel 8 Indien

75

Kapitel 9 Missionare gesucht

84

Kapitel 10 Endlich Afrika

94

Kapitel 11 Mittagessen mit den Kannibalen

103

Kapitel 12 Im Herzen Afrikas

111


Kapitel 13 Buana Mukubua

122

Kapitel 14 Gott in Nala finden

133

Kapitel 15 Ein neues Abenteuer

140

Kapitel 16 Kein Schokoladensoldat

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Bibliografie

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WEC International

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Die Autoren

160


Kapitel 1

Verirrt »So etwas Dummes. Wir haben uns total verirrt«, sagte Charles Studd und schaute sich in dem grünen Blättermeer um. Er und sein Reisegefährte Alfred Buxton hatten mehrmals vergeblich versucht, den richtigen Pfad durch den dichten afrikanischen Dschungel zu finden, aber immer wieder kamen sie an derselben Stelle heraus. Nun begriffen sie: Sie hatten sich total verlaufen. Alfred trat neben Studd und schaute ihn an. »Was sollen wir denn jetzt machen? Verirrt, verlaufen, wir sind beide furchtbar hungrig, und als ob das nicht reicht, haben wir keine Ahnung, wo unsere Träger sind. Diese Männer tragen unsere gesamten Vorräte!« Nach einem Schweigen, das nur allzu deutlich verriet, dass beide Männer nicht wussten, was sie sagen oder tun sollten, setzten sich die beiden Engländer wieder in Bewegung und marschierten tapfer weiter. Schließlich erreichten sie eine Lichtung. Charles schaute nach oben; vielleicht konnte er ja an den Wolken oder den Flugrouten der Vögel erkennen, wo sie waren. »Ist dir bewusst, dass dies die Gegend ist, wo sie den Elefantenjäger mit einem vergifteten Pfeil getötet haben?«, flüsterte Alfred ängstlich. Charles bekam eine Gänsehaut. »Ja, ich weiß«, erwiderte er. Er schaute sich um. »Ich will das hier nicht dramatischer machen, als es ist, aber um ehrlich zu sein, Alfred, ich habe das komische Gefühl, dass uns jemand beobachtet.« »Du auch?«, hauchte Alfred. »Ich wollte ja nichts sagen. Aber ich habe das gleiche Gefühl. Wie sollen wir hier bloß wieder herauskommen?« 7


Bevor Charles antworten konnte, hörten die Männer hinter sich im Dschungel ein Rascheln. Blitzschnell drehten sie sich um und sahen, wie ein bis auf ein zerlumptes Hemd nackter Afrikaner aus dem Dickicht auf sie zukam. Charles und Alfred starrten auf den Pfeil und Bogen in seiner linken Hand. Der Mann lächelte und zeigte seine weißen Zähne, die zu Spitzen gefeilt worden waren. »Schau auf die angespitzten Zähne, das ist ein Menschenfresser«, entsetzte sich Charles. Erst dann entdeckte er den geflochtenen Korb, den der Mann in seiner Rechten hielt. Der Korb war voll mit Süßkartoffeln und Maiskolben. Der Mann lächelte immer noch, und Charles begann zu hoffen, dass er ihnen nichts Böses wollte. Dann deutete Charles auf den Korb und schlug sich auf den Bauch, um zu zeigen, dass er Hunger hatte, und der Mann verstand. Er kam näher und gab Charles einige Maiskolben und Süßkartoffeln. »Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen«, sagte Charles auf Englisch – wohl wissend, dass der Mann keine Silbe seiner Sprache verstehen konnte. Charles wollte sich erkenntlich zeigen, aber weder er noch Alfred hatten Geld dabei. Dann entdeckte er auf einmal die Knöpfe an seiner Hose. »Sag mal, weißt du, warum Hosen so viele Knöpfe haben?«, fragte er Alfred mit einem Grinsen. Alfred schaute ihn verwirrt an und verstand angesichts der Situation, in der sie sich befanden, die Frage nicht. »Ich sag’s dir«, fuhr Charles fort, »um damit bei unbekleideten Kannibalen für Gemüse zu bezahlen, wozu denn sonst?« Dann riss er sechs Knöpfe von der Hose und gab sie dem Mann. Ein breites Lächeln legte sich über das Gesicht des Mannes und gab den Blick auf die angespitzten Zähne frei. Dann plötzlich forderte er die beiden Missionare auf, ihm in den Dschungel zu folgen. Charles und Alfred schauten einander verwirrt an, folgten ihm aber. 8


Nach etwa einer Stunde kamen sie wieder zu einer Lichtung, auf der sich ein kleines Dorf befand. »Glaubst du nicht, das könnte eine Falle sein? Vielleicht wollen die uns töten und fressen?«, flüsterte Alfred, als sie dem Dorf näher kamen. »Nein, das glaube ich nicht«, beruhigte ihn Charles, »dafür sind wir zu mager und zu zäh. Da gibt es Tiere im Urwald, deren Fleisch viel zarter und leckerer ist.« Der Mann führte sie zum Lagerfeuer in der Nähe einer Grashütte. »Hinsetzen!«, gab er ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen. Als Charles und Alfred ihm gehorcht hatten, legte er die Süßkartoffeln und Maiskolben in die Glut. Nach einer halben Stunde holte er sie wieder heraus und brachte sie zu seinen Gästen. Aus der Hütte holte er jetzt gebratenes Fleisch und setzte es ihnen ebenfalls vor. Die halb verhungerten Wanderer hörten auf, sich zu sorgen oder zu wundern. Ohne Fragen zu stellen oder länger zu warten, verschlangen sie gierig das Fleisch und das Gemüse. »Die Süßkartoffeln und die Maiskolben schmecken ja fantastisch«, bemerkte Alfred zwischen zwei Bissen, »und das Fleisch, so zart und saftig. Von welchem Tier stammt das wohl?« »In einem Kannibalendorf stellst du diese Frage besser nicht«, gab Charles trocken zurück. Ihr Gastgeber lächelte, während sie aßen. Plötzlich grinste Alfred breit. »He, stell dir mal vor, die Leute in England könnten uns jetzt sehen.« »Ja, die meisten würden uns das kaum glauben«, erwiderte Charles. Während Charles weiter an seinem Maiskolben kaute, dachte er über diese Vorstellung nach. Ja, was würden die Leute zu Hause in England wohl denken? Er, Charles, war in einer reichen Familie aufgewachsen. Er hatte Eliteschulen besucht. Er war der beste Kricketspieler seines Landes gewesen. Tausende waren als 9


Zuschauer zu seinen Wettkämpfen gekommen. Ob diese Fans sich jemals vorstellen konnten, dass ihr Kricketstar mitten im afrikanischen Urwald saß und zusammen mit Kannibalen eine Mahlzeit einnahm? Er glaubte es ja selbst kaum. Was hatte sein Leben doch für eine drastische Wendung genommen! Was würden die Leute daheim wohl denken und sagen, wenn sie ihn jetzt hier sehen würden?

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Kapitel 2

Ein religiöser Fanatiker Charles stand im Innenhof des Eton College und unterhielt sich mit seinen Freunden. »Unglaublich, dass ihr alle drei in die erste Mannschaft aufgestiegen seid«, staunte Cecil Polhill-Turner und gratulierte Charles und seinen Brüdern. Dann rief er den anderen Studenten zu: »Schaut euch die Studd-Brüder an. Ich prophezeie euch, 1877 wird unser bestes Jahr. Wir werden die Mannschaft von Harrow schlagen!« Charles lachte: »Für ein erfolgreiches Kricket-Team braucht man bekanntlich mehr als drei Leute, aber wir werden alles geben. Doch vorher müssen wir es erst einmal unserem Vater erzählen.« Charles war sich sicher, dass sein Vater Edward vor Stolz platzen würde. Seine drei Jungs, die altersmäßig dicht beieinander und alle noch Teenager waren – Kynaston (auch Kinny genannt), George und Charles –, hatten es jetzt ausnahmslos in die führende Kricketmannschaft der Eliteschule von Eton geschafft. Ihr Vater war durch und durch sportbegeistert. Am meisten hatten es ihm Kricket und Pferderennen angetan. Eines seiner Pferde namens Salamander hatte 1866 sogar den ersten Platz beim »Grand National«1 belegt. »Seht her, hier kommt Kinny«, unterbrach Cecil Charles’ Gedanken. Mit stolzgeschwellter Brust schlenderte Kinny, der frisch gekürte Mannschaftskapitän, auf die Gruppe zu und wedelte mit einem Brief in der Hand. 1

A. d. H.: Bedeutendstes Pferdehindernisrennen in Großbritannien.

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»Schau mal, was ich hier habe«, sagte er und fuhr seinem jüngeren Bruder durch das Haar. »Post von Vater. An diesem Wochenende will er sich mit uns in London treffen. Hast du Zeit?« Charles nickte. »Schreibt er auch, was er mit uns vorhat?« »Nein, kein Wort«, erwiderte Kinny. »Ich denke mal, er will mit uns feiern gehen, ins Theater, ins Konzert oder so.« »Klingt gut«, meinte Charles, »ich bin ja gespannt, wer ihm die Kricket-Neuigkeiten schon gesteckt hat.« Die Gruppe löste sich kurz danach auf, und Charles ging auf sein Zimmer, das er mit seinen Brüdern teilte. Bevor sie irgendwo hingehen konnten, musste sein Butler den Sonntagsanzug bügeln. Die Studds gehörten zu den reichsten Familien in ganz England, und Vater Edward wollte, dass man das seinen Söhnen auch ansah. Als der Samstag kam, stiegen die drei jungen Männer zur verabredeten Zeit in den Zug, der sie zum Bahnhof Paddington Station bringen sollte. Dort wartete der Vater schon auf sie. Mit seinen 56 Jahren sah er noch jugendlich und frisch aus. Als er sie von außen im Zug entdeckte, winkte er ihnen zu. Nach der Begrüßung fragte Charles: »Also Vater, wo geht es hin?« »Oh, hatte ich das nicht geschrieben? Wir gehen ins berühmte Drury Lane Theatre – zu einer ganz besonderen Vorstellung. Gefällt euch garantiert.« »Und was wird dort gespielt?«, wollte Kinny wissen. Vater Edward sagte nichts, sondern ging mit seinen Söhnen durch das überfüllte Bahnhofsgebäude zum Vorplatz, wo schon die Kutsche wartete. Charles fragte sich, was es dort so Tolles geben sollte. Außerdem wunderte er sich, dass sein sportbegeisterter Vater ihnen gar nicht zum bemerkenswerten Aufstieg in die führende Kricketmannschaft von Eton gratuliert hatte. 12


Als die Kutsche schließlich in die Straße zum Theater einbog, verfiel Charles in Schockstarre: Auf großen Plakaten stand: »Kommen und erleben Sie Dwight L. Moody, den Prediger, und Ira Sankey, den Sänger.« George lehnte sich zu seinem Bruder Charles hinüber und flüsterte: »Ich fasse es nicht, unser alter Herr ist religiös geworden.« Als ob er das gehört hätte, räusperte sich Edward Studd und setzte an: »Jungs, ich muss euch etwas sehr Wichtiges sagen. Seit dem Sommer hat sich mein Leben grundlegend geändert. Ihr kennt doch meinen Freund, Mr. Vincent. Er hat uns mit der ganzen Familie besucht. Es war nicht mehr der Mr. Vincent, den ich seit so vielen Jahren von Indien her kannte. Er hat mich ins Theater zu diesen beiden Amerikanern, Moody und Sankey, eingeladen. Ich hatte überhaupt keine Lust. Dummerweise hatte ich ihm aber versprochen, dass er bestimmen durfte, was wir an dem Abend machen wollten. Und genau hier wollte er hin. Also stand ich zu meinem Wort und ging mit. Und ich sage euch, was der Moody da gepredigt hat, ergab mehr Sinn als alles, was ich sonst jemals gehört habe. Und danach bin wiedergekommen – jeden Abend, bis ich mich grundlegend bekehrt habe.« Totenstille. Schließlich brach Kinny das Schweigen und fragte: »Bekehrt? Heißt das, dass du jetzt … ein religiöser Fanatiker bist?« Charles schaute seinen Vater an und sah ein breites Grinsen in seinem Gesicht. »Ihr müsst es einfach selbst erleben«, antwortete Mr. Studd. »Es gibt nichts auf der ganzen Welt, was auch nur im Entferntesten an das Glück heranreicht, Jesus Christus zu kennen. Seitdem er in mir lebt, hat sich mein Leben komplett geändert. Pferderennen interessieren mich nicht mehr, und ich habe kaum noch Zeit zum Jagen. Ihr werdet das Haus nicht wiedererkennen. Den großen Ballsaal habe ich leer geräumt und Stühle und Bänke hineingestellt, und alle möglichen Leute – Kaufleute, Geschäfts13


partner und Hausangestellte – kommen jetzt zu den Versammlungen. Es ist unglaublich.« »Und was denkt Mutter darüber?«, fragte George zweifelnd. »Sie ist auch Christin geworden und steht voll hinter mir. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben. Ach Jungs, Jesus ist wirklich die Antwort, ganz bestimmt. Er ist die Antwort auf alle Fragen des Lebens.« Angespannt starrte Charles auf den Sitz der Kutsche. Er hatte Angst, dass sie alle laut loslachen würden, sobald er aufschaute. Sein Vater, der knallharte Geschäftsmann, der als junger Mann in Indien ein Vermögen gemacht hatte, um dann in England sein Leben zu genießen, war jetzt ein religiöser Spinner? Für Charles war das alles zu viel. Warum hatte ihn niemand gewarnt? »Hier entlang«, zeigte Mr. Studd seinen Söhnen den Weg, als die Kutsche vor dem Theater hielt. »Jetzt hört euch den Moody einfach mal selbst an. Danach fahren wir nach Hause, um es uns beim Abendessen gemütlich zu machen, und ihr könnt mich alles fragen, was ihr wollt.« Die Studds besaßen eine wunderschöne Stadtvilla am Hyde Park. Mr. Studd hatte sie vor einigen Jahren gekauft, um eine standesgemäße Bleibe in London zu haben, wenn er zu Pferdegeschäften und -rennen in die Stadt kam. Am liebsten wäre Charles schon jetzt dorthin gegangen, um sich über Kricket oder sonst etwas zu unterhalten. Aber nein, zusammen mit seinen Brüdern trottete er seinem Vater hinterher, um bei dieser Versammlung zugegen zu sein. Als sie hineinkamen, wurde schon kräftig gesungen, aber merkwürdigerweise kannte Charles keines von den Liedern. Wie alle wohlerzogenen englischen Jungen zu jener Zeit musste auch er jeden Sonntag in die Kirche gehen, aber die Lieder hier waren nicht die anglikanischen Kirchenlieder, die er kannte. Nicht nur die Lieder waren anders – auch die Art der Verkündigung war für Charles völlig neu. Als Moody auf die Bühne 14


ging und anfing zu predigen, stellte Charles fest, dass er noch nie jemanden mit so viel Feuer und Überzeugung hatte predigen hören. Er hörte genau zu, aber er konnte die Begeisterung seines Vaters nicht teilen. Er fand den Prediger schon gut, verstand aber nicht, wovon er eigentlich sprach. Nach der Veranstaltung ging es endlich in die Stadtvilla zum Abendessen. Die Unterhaltung bei Tisch war sehr einsilbig. Alle drei Söhne waren sich einig: Mit dem religiösen Überschwang ihres Vaters konnten sie nichts anfangen. Aber es kam noch schlimmer. Als sie beim Nachtisch angekommen waren, eröffnete Mr. Studd ihnen, dass er fast all seine Pferde verkaufen und nur noch vier Tiere behalten wollte – für jeden Sohn und für sich je eines. Pferdezucht, Pferdewetten und Pferderennen waren für ihn bedeutungslos geworden. »Ich habe mal den Prediger Moody um seine Meinung dazu gefragt«, sagte Mr. Studd fröhlich, »und er hat gesagt: ›Wenn man erst einmal einen Menschen für Jesus gewonnen hat, will man nichts anderes mehr tun.‹ Und wisst ihr was? Der Mann hat recht behalten. Nachdem sich der Erste bei mir bekehrt hatte, wurden mir Pferderennen oder Geldgeschäfte gleichgültig. Ist das nicht wunderbar?« Totenstille. In der folgenden Woche ging das Studium der drei StuddBrüder am Eton College seinen gewohnten Gang. Hier gab es in der College-Kirche feierliche Gottesdienste und nicht so »überdrehte christliche Veranstaltungen« wie jene, die sie am Wochenende erlebt hatten. Die Wochen gingen ins Land, und Charles versuchte, die Bekehrung seines Vaters zu vergessen. Aber schon jetzt war ihm klar, dass in den Sommerferien zu Hause in Tedworth jedes Wochenende christliche Versammlungen stattfinden würden. Außerdem machte die Nachricht von Mr. Studds Bekehrung am Eton College langsam die Runde, und Charles’ Freunde sprachen ihm ihr 15


»Beileid« aus. Sie konnten sich nichts Schlimmeres als einen religiösen Vater vorstellen. Glücklicherweise mussten sich die Studd-Brüder auf ihre Kricketkarriere konzentrieren. Und tatsächlich – wie schon vorausgesagt, schlug die Eton-Mannschaft mit den drei StuddBrüdern ihren Erzrivalen Harrow haushoch: Im entscheidenden Spiel erzielte Kinny 52 Runs, während Charles es auf 53 brachte und George 54 gelangen. Das war ein Ereignis, über das wochenlang geredet wurde. Schließlich kam der Sommer, und Charles und seine Brüder packten ihre Sachen, um sich auf den Weg zu ihren Eltern zu machen. Tedworth House, das herrschaftliche Anwesen mit seinen weißen hohen Säulen und seiner pompösen Architektur, lag da wie immer, aber zum ersten Mal war Charles nervös, als er es betrat. Was kam da auf ihn zu? Es war genau so, wie sein Vater gesagt hatte. Im Ballsaal standen jetzt Stühle und Bänke auf dem schönen Marmorboden. Am Eingang lagen in hohen Stapeln Gesangbücher und Bibeln. Die Eltern gegrüßten die heimgekehrten Studenten herzlich, und die vier Jüngsten in der Familie – Arthur, Herbert und Reginald sowie die kleine Dora – sprangen um ihre »berühmten« Brüder herum. Die jüngeren Geschwister hatten schon Pläne für die Ferienzeit gemacht: Picknicks, Kricketspiele, Jagdausflüge. Aber immer wieder erzählten sie von den Veranstaltungen an den Wochenenden. Da kamen Hunderte von Menschen in ihr Haus. Charles war nicht wohl bei dem Gedanken, dass seine Jugendfreunde und ihre Familien ebenfalls dazu eingeladen wurden. Alles hatte sich verändert im Hause Studd. So kam es, dass Charles versuchte, seinem Vater auszuweichen, wo es nur ging. Denn Vater Edward lenkte jede Unterhaltung auf Glaubensdinge und fragte seinen Sohn mehr als einmal, ob er er nicht gerettet werden wollte. Er ging sogar so weit, sich abends an das Bett sei16


nes Sohnes zu setzen und ihm zu erklären, warum er unbedingt Christ werden sollte. »Das wird deine allerbeste Erfahrung im Leben werden«, versicherte der Vater immer wieder. Charles wurde das alles zu viel, und er fühlte sich wie ein Gefangener im eigenen Haus. Häufig stellte er sich einfach schlafend, wenn er abends seinen Vater kommen hörte. Und bevor er einen Raum betrat, schaute er erst einmal von außen hinein, ob sein Vater schon drinnen war. Am schlimmsten waren die Wochenenden, wenn sich all die Gläubigen im Haus aufhielten. Überall wurde ständig gesungen und gebetet – nicht nur bei den Zusammenkünften, sondern auch im Speisesaal und sogar im Garten. Und es wurde über fast nichts anderes als über Jesus Christus gesprochen. Charles und seine Brüder hielten es nicht mehr aus. Wieder einmal war ein Prediger für das kommende Wochenende eingeladen worden – ein gewisser Mr. Weatherby. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Aus Sicht der Studd-Brüder musste etwas geschehen. Charles hatte gesehen, wie Mr. Weatherby auf seinem Pferd angeritten kam – ein hagerer, humorloser Mann, wie es schien. »Old Weatherby ist ein schlechter Reiter. Den schnappen wir uns«, flüsterte Charles seinen Brüdern am Samstagmorgen zu. »Wir laden ihn zu einem Ausritt ein und geben ihm Vaters Pferd. Wir fangen ganz gemächlich an und gehen dann plötzlich in den Galopp über. Vaters Pferd zieht da natürlich mit. Und dann wollen wir doch mal schauen, wie sattelfest Old Weatherby ist!« Gesagt, getan. Kinny, George und Charles holten ihre Pferde aus dem Stall und warteten, bis Mr. Weatherby so weit war. Reiten lag Charles im Blut. Ja, solange sie zurückdenken konnten, hatten die Studd-Söhne im Sattel gesessen. Als sie noch klein waren, hatte ihre Mutter ihnen die rote Reiteruniform angezogen, und der Vater hatte sie am Sattel festgebunden. Alle Studd-Söhne konnten reiten, bevor sie sechs Jahre alt waren. 17


Mr. Weatherby hatte der Einladung freudig zugestimmt, und es ging los. Nachdem sie das Gelände von Tedworth House verlassen hatten, ritten sie langsam durch die herrliche englische Landschaft – vorbei an Hecken und Schafherden. Plötzlich zwinkerte Charles seinen Brüdern zu. In Sekundenschnelle preschten die drei in vollem Galopp los und rissen Mr. Weatherbys Pferd mit. Jetzt begann der Rodeo-Ritt. Der arme Prediger hing im Sattel und klammerte sich fest. Dann sprangen die drei über ein Tor, aber Old Weatherby blieb im Sattel, bevor ein weiterer Sprung folgte und noch einer – doch der Prediger war immer noch oben. Schließlich merkten die Jungen, dass da nichts zu machen war. Sie verlangsamten das Tempo, und der Prediger schloss wieder zu ihnen auf. Charles erwartete eine Standpauke, aber Mr. Weatherby sagte nur: »Welch ein herrlicher Tag für so einen Ausritt, findet ihr nicht?«, und lächelte. Charles hatte ein schlechtes Gewissen, weil er und seine Brüder dem Prediger und Freund ihres Vaters so arg mitgespielt hatten. Aber das Schuldgefühl hielt nicht lange an. Charles versuchte, ihm für den Rest des Tages einfach aus dem Weg zu gehen. Doch als er abends noch eine Runde um das Haus drehte, stand der Prediger auf einmal vor ihm. »Hast du mal einen Moment für mich, Charles?«, fragte er den jungen Mann. Unter keinen Umständen wollte Charles sich allein mit ihm unterhalten, aber auf der anderen Seite schuldete er Old Weatherby noch etwas für den »Höllenritt« am Morgen. »Na gut, worum geht es denn?«, wollte Charles wissen. »Komm, wir setzen uns hier auf die Gartenstühle«, meinte der Alte. Gehorsam setzte Charles sich, und dann begann der Prediger: »Charles, bist du Christ?«, wollte er wissen. Genau das hatte Charles vermutet. Er fühlte sich in der Falle. Was sollte er sagen? Nach einer längeren Pause stammelte er: 18


»Ja, aber vermutlich nicht so, wie Sie das meinen. Ich habe schon immer an Gott geglaubt, seit ich denken kann.« Er vermied den Augenkontakt und fügte hinzu: »Und ich gehe natürlich auch in die Kirche.« Er hoffte, dass der Prediger mit dieser Antwort zufrieden war. Das war allerdings nicht der Fall. »Charles, jetzt schau mal. Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat. Glaubst du also, dass Jesus Christus starb?« Charles zögerte. Er wollte in keine Falle gehen, antwortete dann aber doch ehrlich: »Ja, das glaube ich.« »Sehr schön. Glaubst du auch, dass er für dich starb?«, bohrte der Prediger weiter. »Ja«, kam es etwas zögerlich. »Prima. Glaubst du dann auch den zweiten Teil dieses Verses, wo es heißt, dass du ewiges Leben bekommen wirst?« »Eher nicht, ich finde das sehr schwierig zu glauben«, antwortete Charles. »Aber es ist doch inkonsequent, den ersten Teil eines Bibelverses zu glauben und den zweiten Teil nicht«, entgegnete Mr. Weatherby. »Ja, da haben Sie wohl recht«, gab Charles zu. »Bist du in Glaubensdingen immer so inkonsequent?« »Nein, nicht immer«, erwiderte Charles. »Irgendwann werde ich mich mal intensiv damit befassen.« »Aber warum denn nicht hier und jetzt«, warf der Prediger ein. Charles überlegte einen Moment und fand, der Alte hatte recht. Den Anfang eines Verses glauben und das Ende nicht, das war unlogisch. Er seufzte und sagte dann: »Es stimmt: Wer A sagt, muss auch B sagen.« »Hervorragend. Das ewige Leben ist ein Geschenk, und wenn dir jemand zu Weihnachten etwas schenkt, was machst du 19


damit?« Mr. Weatherby wartete die Antwort gar nicht mehr ab. Er klopfte Charles freundschaftlich auf die Schulter und sagte: »Du nimmst es an, packst es aus und sagst Danke. Und dasselbe gilt für das Geschenk des ewigen Lebens. Du nimmst es an und sagst Gott Danke.« Das klang wirklich einfach und logisch. Und weil sonst niemand gerade zusah, ging Charles auf seine Knie und dankte Gott für dieses Geschenk. Als er aufstand, war etwas anders geworden, wie er ganz überrascht feststellte. Charles spürte, wie Freude und Frieden in sein Leben gekommen waren. Der Prediger erklärte ihm noch kurz, dass regelmäßiges Beten und Bibellesen sehr wichtig sind, und dann trennten sie sich. Charles ging in Richtung des Kricketspielfeldes und stellte fest, dass es sich gar nicht so schrecklich anfühlte, ein richtiger Christ zu sein. Aber er wollte es für sich behalten und niemandem etwas davon sagen.

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Kapitel 3

Der Kricket-Champion Das Studium in Eton hatte wieder begonnen, und Charles saß mit seinen zwei Brüdern am Frühstückstisch. Er war sich treu geblieben und hatte niemandem von seiner Bekehrung erzählt, außer seinem Vater. Ihm hatte er von Eton aus einen vertraulichen Brief über seine Bekehrung geschrieben, wobei er auf dem Umschlag mit schwarzem Stift dick »Persönlich« vermerkt hatte. Er wusste, dass sich sein Vater über seinen Glaubensschritt freuen würde. Die drei Brüder waren gerade beim zweiten Brötchen angekommen, als ihr Butler eintrat und Kinny einen Brief überreichte. Er war an alle drei adressiert, aber Kinny las ihn zuerst. Ohne etwas zu sagen, gab er ihn weiter an George, der ihn las und wortlos an Charles weiterreichte. Dem blieb die Spucke weg. Ihr Vater gratulierte jedem von ihnen, dass sie am gleichen Tag bewusste Christen geworden waren, nachdem sie jeweils mit Mr. Weatherby gesprochen hatten! Etwas geschockt schauten sie einander an. Anscheinend hatten sie alle drei diese Lebensentscheidung an ein und demselben Tag getroffen und niemandem davon gesagt. »Jetzt ist die Katze aus dem Sack«, lachte Kinny. »Habt ihr es an dem Tag ernst gemeint?« »Hundert Prozent«, erwiderte Charles, »nur wollte ich nicht so ein großes Ding daraus machen – ihr wisst ja, wie aufgeregt Vater bei so etwas ist.« »Mir ging’s genauso«, stimmte George zu. Seit diesem Tag lese ich täglich die Bibel und bete, und selbst die Gottesdienste geben mir viel mehr als früher.« 21


»Ich fasse es nicht, mir geht es ebenso. Und soll ich euch etwas sagen: Ich habe für euch beide gebetet, dass ihr doch auch entschiedene Christen werden mögt. Da habe ich gesessen und gebetet, und dabei wart ihr es schon«, staunte Kinny mit einem Grinsen. Was für ein Frühstück! Alle drei Studd-Jungen waren, nachdem sie fast ein Jahr lang Widerstand geleistet hatten, am selben Tag durch denselben Mann zum Glauben gekommen. Es dauerte nicht lange, da hatten sie zusammen mit einigen ihrer besten Freunde einen Bibelkreis am College gegründet. Für Charles war es ein fantastisches Jahr, in dem er seinen beiden Leidenschaften frönen konnte. Entweder war er auf dem Spielfeld beim Kricket oder in Kinnys Bibelkreis zu finden. Ihr Vater Edward Studd, der über all dies natürlich informiert wurde, war ein rundum glücklicher Mann – jetzt, wo er wusste, dass seine Söhne auf dem richtigen Weg waren. Nachdem Kinny an das Trinity College in Cambridge gewechselt war, folgte ihm bald danach George, um ebenfalls dort zu studieren. Charles war jetzt allein in Eton und wurde Kapitän der Kricketmannschaft. Kricket und andere Sportarten – das war weiterhin sein Lebenselixier. Er meinte, dass das Crosstraining2 seine Wettkampfleistungen verbessern würde, und seine Schlagtechnik beim Kricket erwies sich als grandios. In dieser Sportart konnte Eton immer auf ihn zählen. Er lebte, soweit es ging, ein »anständiges Leben«, aber ohne seine Brüder fehlte ihm etwas. Er hatte aufgehört, in den Bibelkreis zu gehen, und die große Freude, die er am Anfang verspürt hatte, ebbte langsam ab. Charles nahm das gar nicht bewusst wahr, da er sich so dem Sport hingab. 2

A. d. H.: Das Crosstraining setzt sich aus Elementen des Ausdauer-, Kraft-, Bewegungs-, Koordinations- und Schnelligkeitstrainings zusammen.

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Eines Tages im November3 wurde er zum Direktor der Schule gerufen. Auf dem Gang zwischen dem Klassenzimmer und dem Büro des Direktors murmelte Charles: »Na, das muss ja etwas unglaublich Wichtiges sein, wenn man mich sogar aus dem Lateinunterricht holt.« Es war etwas Wichtiges: Mit ernster Miene eröffnete ihm der Direktor, dass sein Vater gestorben war. Charles war wie vom Blitz getroffen. Sein Vater tot? Was mochte bloß passiert sein? Sein Vater war doch immer ein gesunder und sportlicher Mann gewesen! Als die Kutsche, die ihn nach Hause bringen sollte, endlich Tedworth House erreichte, erzählte ihm seine Mutter gleich die Einzelheiten. »Gestern Abend waren wir auf dem Weg zu einer Missionsveranstaltung, als dein Vater plötzlich die Kutsche anhalten ließ.« Mutter Studd trocknete sich die Tränen. »Er sagte, dass er vergessen habe, einen der Pferdepfleger zu der Veranstaltung einzuladen. Ich sagte ihm, das wäre sicher in Ordnung, und er könne doch das nächste Mal mitkommen. Aber dein Vater bestand darauf, dass die Kutsche weiterfuhr und er zurück zum Haus ging. Zusammen mit dem Pferdepfleger wollte er sich dann in den Sattel schwingen und zur Versammlung nachkommen. Er kam aber nicht. Das hat mich schon gewundert, und als ich dann nach Hause zurückkam, fand ich ihn, wie er auf der Couch lag. Er war den ganzen Weg zurückgelaufen, und dabei muss ein Blutgefäß in seinem Bein geplatzt sein. Der herbeigerufene Arzt konnte so gut wie nichts mehr tun. Dein Vater starb heute Morgen.« Charles umarmte seine Mutter, aber er fand keine Worte des Trostes. Er versuchte vergeblich, seine Tränen zu unterdrücken. Am nächsten Tag war die Beerdigung. In seiner Ansprache betonte der Pfarrer vor den vielen Anwesenden, dass Mr. Studd in den zwei Jahren als Christ mehr für Gott getan habe als die 3

A. d. H.: Es gibt voneinander abweichende Angaben darüber, wann genau Edward Studd gestorben ist. Im Original wird hier der November 1879 genannt, andere seriöse Quellen sprechen von 1877. Aufgrund der Unterschiede wurde die Jahreszahl hier weggelassen.

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meisten Christen in zwanzig Jahren. »Da hat er völlig recht«, bestätigte der Kutscher. »Als Mr. Studd religiös wurde, da haben wir das nicht verstanden, und manche haben sich auch ein wenig über ihn lustig gemacht. Denn äußerlich war er ja ganz der Alte, aber dann hat doch jeder mit der Zeit gemerkt, dass Mr. Studd innerlich ein ganz neuer Mensch geworden war.« Die Familie war sehr froh, dass der Vater ein detailliertes Testament hinterlassen hatte. Mit ihrem 26. Geburtstag sollten die Söhne jeweils ein stattliches Vermögen erben. Kinny, dem Ältesten, fiel dabei das Anwesen zu. Die Mutter hatte lebenslanges Wohnrecht im familieneigenen Haus am Londoner Hyde Park. Nach einer Woche war Charles wieder in Eton, um sein letztes Jahr dort abzuschließen. Er konnte es immer noch nicht richtig glauben, dass sein Vater tot war. Es war alles so schnell passiert. Als die Zeit in Eton zu Ende ging, wechselte Charles – wie seine Brüder vor ihm – nach Cambridge ans Trinity College. Sofort wurde sein Kricket-Talent bekannt. Er bekam eine Auszeichnung und wurde gleich Spieler in der zweiten Mannschaft. Im darauffolgenden Jahr wechselte er in die erste Mannschaft, in der seine Brüder Kinny und George spielten. Zu dritt wurden sie ein unschlagbares Team. Charles wurde immer besser und überholte seine Brüder. Auch 1882 spielten die drei Brüder in der Kricketmannschaft von Cambridge. In diesem Jahr kam die australische Nationalmannschaft zum dritten Mal nach England. Die Australier waren ein sehr starkes Team und gewannen alle Vorrundenspiele. Bevor das Testspiel Australien – England stattfinden sollte, bat der australische Mannschaftskapitän darum, gegen die Cambridge-Auswahl spielen zu dürfen. Die meisten Leute wie auch der Präsident des Cambridge Cricket Club hielten das für 24


eine grausige Idee. Bisher hatten die Australier jedes Team geschlagen – was um alles in der Welt sollte dann ein Spiel gegen eine Universitätsmannschaft? Kamen die Verantwortlichen der Bitte nach, könnte das eine bittere Niederlage gegen das Team aus der Kolonie Australien4 bedeuten. Obwohl es nicht viel zu hoffen gab, sagte die Universität zu, und ein Spieltermin wurde festgelegt. Es war ein klarer und sonniger Montag, als die Mannschaften sich auf dem Spielfeld gegenüberstanden. Die Zuschauermenge war riesig. Die Australier hatten Aufschlag und erzielten zunächst durch ihre Schlagmänner einen Run nach dem anderen. Alles deutete darauf hin, dass die Universitätsmannschaft von den Australiern haushoch geschlagen werden würde. Doch dann bekam Cambridge den Aufschlag, und Charles war der Mann der Stunde. Zwar schlugen die Australier zunächst fast alle Bälle erfolgreich ins Feld, aber als die Lage immer hoffnungsloser für Cambridge wurde, traf einer der Australier den Ball nicht genau, und einem Cambridge-Mann gelang es, den Ball zu fangen. Der Australier war damit draußen. Und so ging es weiter. Zur Überraschung aller musste ein Australier nach dem anderen wegen eines Schlagfehlers das Feld verlassen. Nun war das Cambridge-Team wieder dran. Kinny und George hatten den ersten Aufschlag. Kinny schied schließlich aus, und auch zwei anderen Schlagmännern von Cambridge erging es so. Dann war Charles mit dem Aufschlag dran. Nachdem er zusammen mit George am Ende der Pitch5 in Stellung gegangen war, erzielten die beiden die meisten Runs für Cambridge. Am nächsten Tag ging der Wettkampf mit deutlich mehr Zuschauern weiter. Das Spiel war schweißtreibend und span4 5

A. d. H.: Erst 1901 bzw. 1907 erlangte Australien die Unabhängigkeit vom Mutterland Großbritannien. A. d. H.: Damit ist der zentrale Teil des Kricketspielfeldes gemeint.

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nend, und Kinny und George waren die Spielführer. In der heißen Phase des Wettkampfes war Charles wieder an der Reihe und erzielte einen Run nach dem anderen. Am Ende war das geschehen, womit niemand gerechnet hatte: Die CambridgeAuswahl hatte die australische Nationalmannschaft geschlagen! Der Jubel kannte keine Grenzen. Die Leute auf der Straße und in den Pubs ließen die Spielzüge immer wieder Revue passieren, und selbst in dem Standardwerk Lillywhite’s Cricket Record wurden Charles’ Spielkünste auf das Höchste gelobt. Er wurde als ein Mann beschrieben, dessen Technik ausgefeilt und dessen Ausdauer außergewöhnlich war. Obwohl Charles erst in seinem dritten Jahr in Cambridge war, hatte er sich bereits als außergewöhnliches Kricket-Talent erwiesen – als junger Spieler, der Amateure und Profisportler gleichermaßen hinter sich ließ. Trotzdem war er überrascht und fühlte sich sehr geehrt, als er eine Einladung in die Nationalmannschaft erhielt. Er sollte in einem Testspiel gegen Australien antreten. Kricket-Experten stuften das damalige Team als eine der besten Mannschaften ein, die England je hatte aufbieten können. 20 000 Besucher waren in das Londoner Oval6 gekommen, um das Spiel England – Australien anzuschauen. Es war ein erbitterter Kampf, aber am Ende gewannen doch die Australier. Während die Gäste ausgelassen feierten, senkte sich eine tiefe Trauer über viele englische Fans. Nach dem Spiel druckte die Sporting Times eine Todesanzeige für den Kricketsport in England:

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A. d. H.: Es wird auch Oval Cricket Ground genannt und ist eines der bekanntesten Kricketstadien der Welt.

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