Joni Eareckson Tada
Der Gott, den ich liebe Meine Lebensgeschichte
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
Zitat S. 38 – 39, aus: Anna Sewell (1820 – 1878), Black Beauty. Abenteuer eines Pferdes. Zitat S. 392 – 393, aus: C. S. Lewis: Der König von Narnia (Bd. 2 der Reihe »Die Chroniken von Narnia«) © C. S. Lewis Pte Ltd 1950 © der deutschsprachigen Ausgabe 2002 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien Original title in English »The Lion, the Witch and the Wardrobe« published by HarperCollins Publishers UK © C. S. Lewis Pte Ltd 1950. »Narnia« and »The Chronicles of Narnia« are trademarks of C. S. Lewis Pte Ltd. Falls nicht anders vermerkt, sind die Bibelstellen der Elberfelder Übersetzung 2003, Edition CSV Hückeswagen, entnommen. Hervorhebungen in Bibelzitaten sind in der Regel hinzugefügt worden. Die poetischen Texte stammen teilweise von Hermann Grabe, Meinerzhagen.
A. d. H. A. d. Ü. Schlachter 2000 svw.
Abkürzungen Anmerkung des Herausgebers Anmerkung der Übersetzer Die Bibel, übersetzt von F. E. Schlachter (Version 2000), Genf so viel wie
1. überarbeitete Auflage 2014 (CLV) (früher erschienen im Verlag SCM Hänssler, Holzgerlingen) © der amerikanischen Ausgabe 2003 by Joni Eareckson Tada Originaltitel: The God I Love Published by arrangement with The Zondervan Corporation L.L.C., a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc. © der deutschen Ausgabe 2014 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Sieglinde Denzel, Susanne Naumann Satz: CLV Umschlag: Lucian Binder, Marienheide unter Verwendung folgender Bilder: U1: © http://www.joniandfriendsnews.com und U4: »Valley of the Yosemite« von Albert Bierstadt 1868, http://www.wikimedia.org (public domain) Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Bestell-Nr. 256.261 ISBN 978-3-86699-261-0
Teil I Kapitel 1 »Mein Sohn, lass sie [d. h. Weisheit und Einsicht] nicht von deinen Augen weichen, bewahre klugen Rat und Besonnenheit; so werden sie Leben sein für deine Seele und Anmut für deinen Hals. Dann wirst du in Sicherheit deinen Weg gehen, und dein Fuß wird nicht anstoßen. Wenn du dich niederlegst, wirst du nicht erschrecken; und liegst du, so wird dein Schlaf süß sein.« Sprüche 3,21-24 ch grub meine Zehen in den Sand am Ufer des Delaware, schlang die Arme um die Knie und rückte so nah wie möglich ans Feuer. Die Flammen wärmten unsere Gesichter, aber am Rücken froren wir in der kalten Nachtluft. Ich saß eng zusammengedrängt mit meinen Schwestern und meinem Cousin, roch die brennenden Scheite und atmete die Hitze des Feuers ein. Ehrfürchtig blickten wir zu meinem Vater auf. Hoch aufragend stand er vor dem Lagerfeuer, der Umriss seiner Gestalt verschwamm in der aufsteigenden Hitze und dem Rauch, sein Gesicht wurde von den Flammen erhellt. Er sah aus wie ein Prophet auf dem Sinai. Wir klammerten uns aneinander, während er seine Geschichte erzählte, und wagten nicht ein einziges Mal, uns zum Ozean hinter uns umzudrehen, denn dann hätten wir ihn erblickt – »Den Fliegenden Holländer!«. Die Augen meines Vaters weiteten sich, während er uns ansah. »Da stand er, wenige Meter vor uns, am Bug seines Schiffes, so nah, dass ich das Glühen seiner Pfeife sehen konnte!« Das Holz des Lagerfeuers krachte und knallte, die Funken sprühten hoch in den Rauch. Eine weitere Welle rollte heran und spie weißen Schaum an den Strand. Mit jeder Welle kam der Ozean unserem Lagerfeuer ein bisschen näher. Ich sah mich kurz um und fragte
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mich, ob irgendwo dort draußen auf dem dunklen Ozean das Phantomschiff des Fliegenden Holländers kreuzte. »Meine Kameraden an Bord hatten sich aufgegeben«, fuhr mein Vater fort. »Unser Schiff lag seit fünf Tagen im Sargassomeer. Der Tang hatte sich um unser Steuerruder gelegt und hielt uns in tödlichem Griff. Wir hatten kein Trinkwasser mehr, unsere Zungen waren dick geschwollen und klebten uns am Gaumen. Und dann wussten wir, dass all unser Hoffen vergebens war, denn wir sahen –« »Den Holländer«, flüsterte meine Schwester. »Du bist ein kluges Mädchen«, sagte Vater. Wir kannten die Erzählung auswendig. Sie begann in einer windgepeitschten, stürmischen Nacht im 17. Jahrhundert, als ein holländischer Kapitän beim Kap der Guten Hoffnung mit seinem Schiff in einen Sturm geriet. Die Wellen schlugen das Schiff leck, und es begann zu sinken. Als das tosende Wasser das Deck überflutete, hob der Kapitän seine Faust zum Himmel und rief: »Ich werde das Kap umrunden, und wenn ich bis zum Jüngsten Tag übers Meer fahre!« Genau das, so die Legende, tat er denn auch. Und jeder, der das Unglück hatte, den alten Fliegenden Holländer zu Gesicht zu bekommen, war einem schrecklichen Tod geweiht. Deshalb hüte dich, so die Legende weiter, wenn du die dunklen Wolken eines heraufziehenden Gewitters am Horizont erblickst. Du könntest den alten holländischen Kapitän sehen, wie er an seiner Pfeife zieht, und damit ist dein Schicksal besiegelt. »Aber wenn du den Fliegenden Holländer gesehen hast, als du im Sargassomeer festsaßest, warum bist du dann nicht gestorben?«, fragte einer aus unserer Reihe. Wir kannten die Antwort. Aber wir wollten sie noch einmal hören. »Euer Vater fürchtet sich nicht vor einem alten Fluch aus der Legende«, erklärte unser Vater. »Ich sah hinüber zum Bug unseres Schiffes, und mein Blick fiel auf einen großen Teufelsrochen. Da kam mir eine Idee.« 4
Ich wusste nicht, was ein Teufelsrochen war. Doch als Vater seine Hände spreizte und mit den Armen schlug, wusste ich, dass es etwas Großes und Starkes sein musste, ein Riesenfisch eben. »Ich rief nach einer Harpune«, erzählte er mit weit ausholender Geste, »und wartete, bis der riesige Teufelsrochen an unserem Schiff vorübertrieb. Dann zielte ich sorgfältig – und schleuderte ihm den Speer in den Rücken!« Ich verzog das Gesicht. »Der große Fisch kämpfte mit aller Macht gegen das Seil, aber ich hielt es fest umklammert und rief nach meinen Gefährten. ›Du, Angus Budreau, und du, Georgy Banks! Befestigt das Ende des Taus am Anker!‹ Sie beeilten sich, während der Fisch immer stärker zog. ›Hoch mit Focksegel, Großsegel und Besansegel! Setzt den Klüver!‹, schrie ich. Langsam, unter Ächzen und Knarren, setzte sich unser Schiff in Bewegung, gezogen von dem zwei Tonnen schweren Fisch, der seine flügelähnlichen Flossen mit aller Kraft gebrauchte. Ich spürte, wie der Tang gegen den Schiffsrumpf schlug«, unsere eigenen Muskeln verhärteten sich bei der Vorstellung, wie sich der mächtige Fisch anstrengte, »und plötzlich kamen wir mit einem Ruck frei. Die Segel füllten sich mit Wind und begannen zu flattern. Ein Windstoß packte das Großsegel. Die Besatzung brach in Jubel aus. Unser Schiff war frei! Und als der müde alte Teufelsrochen erschöpft in die schlammigen Tiefen hinabsank, winkten wir ihm zum Abschied mit unseren Mützen. Dann nahmen wir Kurs auf die hohe See.« Es machte mich traurig, dass der Teufelsrochen sterben musste. Aber ich war froh, dass mein Vater am Leben war, um die Geschichte zu erzählen. Mutter ging es genauso – das merkte ich an dem Blick, mit dem sie ihn ansah. Immer, wenn mein Vater eine Geschichte zu Ende erzählt hatte, sah ich zu ihr hinüber, um festzustellen, ob sie wahr war. Doch ihr Mienenspiel verriet nie etwas. Sie stand nur auf und warf ein weiteres Holzscheit aufs Feuer. Wenn einer von uns fragte: »Mama, ist das wahr? Ist das wirklich passiert?«, dann lächelte sie nur. Vielleicht glaubte sie Vaters Geschichten ebenso wenig wie 5
wir, aber sie ließ es sich nie anmerken. Immer gab sie uns mit ihrem Kommentar (»Eine gute Geschichte, ›Cap’n John‹!«) das Gefühl, es könnte doch ein Fünkchen Wahrheit an seiner Erzählung sein. Wieder sprühte das Feuer Funken, die ein Windhauch in der Nacht verwehte. »Da ist Vaters Pfeife«, rief jemand, »ich sehe die Funken!« »Nein, siehst du nicht.« »Seh ich doch!« »Nein!« »Doch!« So ging es weiter: Nein-doch, nein-doch, bis Mutter einschritt, indem sie leise sagte: »Still, Mädchen.« »Und was geschah nun mit dem Fliegenden Holländer?« Mein Vater stand lange Zeit ruhig da. Es war ganz still, nur die Wellen rauschten. Rauch und Flammen tanzten im Wind und warfen Schatten in alle Richtungen. Vater trat langsam ein paar Schritte nach vorn in die Dunkelheit von Ozean, Sternen und Nacht. Ich wurde unruhig, als er sich aus der von den Flammen erhellten Sicherheit unseres Lagerfeuers entfernte. Er blieb stehen, legte die Hände an die Hüften und starrte in die Ferne, als suche er jemanden. »Ich entkam dem Holländer«, sagte er leise. »Das gelingt nicht vielen, aber ich gehörte zu den Glücklichen.« Meine drei Schwestern und unser Cousin, der kleine Eddie, lehnten sich nach vorn, der Dunkelheit entgegen. »Sucht nicht nach dem alten Seemann«, warnte Vater, »ihr könntet weniger Glück haben als ich.« Seine Stimme klang geheimnisvoll: »Vielleicht hört ihr eines Tages sein ›Heh-heh-heh!‹.« Und damit drehte er sich abrupt um, rieb seine Hände aneinander und kicherte in unheilvoller Heiterkeit. Wir quiekten vor Vergnügen, drängten uns zusammen und wirbelten den Sand mit den Füßen auf, um uns »den Geist vom Leib zu halten«. Aber für heute war unser Geschichtenerzähler zu Ende. Er verbeugte sich schwungvoll, und wir sparten nicht mit Applaus. »Bitte, bitte, noch eine Geschichte!«, riefen wir. 6
Aber jetzt war Schluss. Mein Vater war immer darauf bedacht, genau dann aufzuhören, wenn es am schönsten war. Ich war froh darüber, denn dadurch wurde das, was wir als Nächstes taten (egal, was es war), nur umso schöner. Singen zum Beispiel. Wenn die Geschichten zu Ende waren, pflegten wir zu singen. Lagerlieder, Pfadfinderlieder, Seemannslieder, Cowboylieder. Meine Mutter und mein Vater legten noch Holz nach, was erneut einen wilden Funkenflug zur Folge hatte, und wir Kinder zogen unsere Decken ein Stück vom Feuer weg. Wir hatten den ganzen Tag auf der anderen Seite der Sandbank nach Muscheln gegraben. In dem flachen, klaren Wasser der Bucht des Indian River verbargen sich Hunderte von Muscheln nur wenige Zentimeter unter dem Sand. Unsere Mühe war reich belohnt worden, und jetzt waren unsere Segeltucheimer vor dem Feuer aufgereiht, um zu trocknen. Der beste Freund meines Vaters – unser Onkel Eddie – kam herübergeschlendert und stellte zwei Körbe mit Eisstückchen neben seinen Sohn, Little Eddie. Auf dem Eis lagen Muscheln. Jeder nahm sich eine. Wir kniffen die Augen gegen die Hitze des Lagerfeuers zusammen und legten die Muscheln sorgsam auf das Ende eines Holzscheits, möglichst nah an den Flammen, um sie zu rösten. Rasch warfen sie an den Rändern Blasen, und eine nach der anderen sprang auf. Mit Daumen und Zeigefinger packten wir vorsichtig eine heiße, halb offene Muschel und schwenkten sie leise jammernd hin und her, bis sie abgekühlt war. Wir konnten es kaum erwarten, das Muschelfleisch – nass und salzig, heiß und weich – in den Mund gleiten zu lassen. Vater rückte seine Seemannsmütze schief und tanzte einen albernen kleinen Jig1. Er stimmte ein Lied dazu an, das eins seiner Liebchen aus seiner Zeit bei der Handelsmarine Anfang des 20. Jahrhunderts für ihn gedichtet hatte. Es war ein Lied, wie geschaffen zum Muschelessen.
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A. d. H.: Britischer Volkstanz, der im 16. Jahrhundert entstand.
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Nie heirate ich einen Muschelfischer, und ich sag euch auch, warum: Seine Stiefel sind immer schlammverschmiert, seine Schuhe sind vom Salzwasser braun, nein, nein, nein! Ein Seemann, Seemann, Seemann muss es sein. Ich will eine Seemannsbraut sein! Wir gruben unsere Hände tief in das Eis, vorbei an der obersten Muschelschicht, und zogen frische Muscheln heraus. Es war die Aufgabe von Onkel George, Vaters Bruder, sie zu öffnen. Das war eine der legendären Fertigkeiten der Einwohner Marylands, von denen wir hofften, dass wir sie eines Tages genauso perfekt beherrschen würden wie er. Man muss dabei Schale, Herz und Muskel der Muschel so durchstechen, dass die Muschel selbst unversehrt bleibt. Onkel George reichte die geöffneten Muscheln an uns weiter, und ich hielt meine hoch und verglich sie mit der meiner Schwester. Es war eine Art Wettstreit zwischen uns, wer die größte und saftigste erwischte. Ich hielt meine hoch, schob die Unterlippe vor, drückte die Schale sanft dagegen, kippte die Muschel ein wenig und schlürfte. Ich hatte gesehen, dass manche Leute sie am Stück herunterschluckten, aber ich wollte es machen wie mein Vater: Wir kauten sie. So schmeckte sie noch besser. Es war ein etwas modriger, salziger Geschmack. Als Kind kam mir dieses Ritual keineswegs befremdlich vor, doch später begriff ich, warum manche Leute meinen, Geschmack habe etwas mit Gewöhnung zu tun. Allmählich gingen die Seemannslieder in Cowboysongs über, und am Schluss, wenn Vater sicher war, dass wir aus diesem Abend alles herausgeholt hatten, sangen wir geistliche Lieder. Plötzlich wandelte sich die Szenerie um das Lagerfeuer von einer Muscheln schlürfenden, mit Sand um sich werfenden und herumalbernden Bande gleichsam in ein Heiligtum unter den Sternen. Die glühenden Funken, die von Zeit zu Zeit aufstoben, stammten jetzt nicht mehr aus einer Seemannspfeife, und der Atlantische Ozean barg nicht mehr 8
das Geheimnis zahlloser Seemannsgräber. Selbst das Zischen der Gischt klang sanfter. Es gab kein schöneres Gefühl, als sich auf der Decke auszustrecken, die Hände unter dem Kopf zu falten und in den sternenübersäten Dom hinaufzusehen, während man ein geistliches Lied sang. Mein Vater verstand es, an einem solchen Abend eine Atmosphäre zu verbreiten, die von Warmherzigkeit geprägt war und die uns alle Gespenstergeschichten vergessen ließ. Dort auf Golgatha stand einst ein alt raues Kreuz, stets ein Sinnbild von Leiden und Weh. Doch ich liebe das Kreuz, denn dort hing einst der Herr, und in Ihm ich das Gotteslamm seh. Wir alle fielen in den Refrain ein. Ich fand es wunderbar, in die Melodie einzustimmen und meine Stimme mit denen meiner Eltern zusammenklingen zu lassen. Beim ersten Teil schwoll der Gesang an wie die nahende Flut, den zweiten Teil ließen wir leise verklingen wie das Wasser, das sich bei Ebbe zurückzieht. Schätzen werd ich das alt raue Kreuz, bis ich Jesus erblick auf dem Thron. Ich will halten mich fest an das Kreuz, einst erhalt ich dafür eine Kron. Der Rest der Familie fuhr mit der zweiten Strophe fort, doch ich hörte auf zu singen. Ich lauschte einem herrlicheren Gesang – dem Gesang des sternenübersäten Firmaments. Ich spürte an meinen Beinen die Hitze des Lagerfeuers. Mein übriger Körper lag im tiefen, kalten Schatten. So lauschte ich auf die Laute ringsumher und kam mir vor wie ein winziges Pünktchen im Universum. Kleine und große Sternenbilder funkelten in der Nacht, die Brandung dröhnte gleichmäßig. Der Atlantik war wie ein zweites Universum voller geheimnisvoller Strömungen, er umspülte die Zehen von Irland und England – Orte, die für mich zu fern waren, um wirk9
lich existieren zu können. Und hier waren wir, um ein kleines Feuer zusammengeschart, dieses winzige Gluthäufchen an einem Strand, der sich meilenweit nach Norden und Süden erstreckte, ohne andere menschliche Spuren zu tragen. Wir waren ein einsames Lichtpünktchen unter Tausenden in dieser Nacht an der Ostküste – und dies war nur eine der vielen Küsten, welche die Kontinente begrenzten. Wir befanden uns auf einem zwergenhaften Planeten in den unendlichen Galaxien um uns herum. Nie hatte ich mich so klein gefühlt. Und nie so sicher. Sicher, geborgen und aufgehoben. Ich konnte mir in jener Nacht kein anderes Kind auf diesem Planeten vorstellen – und noch viel weniger in den Sanddünen am Ufer des Delaware –, das sich so geborgen fühlte wie ich – ein Gefühl, das zum Teil von den Geschichten herrührte, zum größeren Teil aber von den geistlichen Liedern. Als irgendjemand anstimmte: »Ich geh in den Garten allein, / meinem Heiland zu begegnen«, hatte ich das Gefühl, Gott selbst sei mitten unter uns. Dieses Stranderlebnis am Lagerfeuer hat sich mir tief eingeprägt. Meine frühesten Erinnerungen an ein Berührtsein durch den Heiligen Geist sind mit Glaubensliedern verbunden. Sanfte, faszinierende alte Lieder, wie meine Tante Kitty sie sang, wenn sie und Onkel George uns am Freitagabend besuchten, um Vaters Geschäftsbücher durchzusehen. Oder wie diejenigen, die wir in unserer kleinen Kirche in Catonsville sangen. Oder jene, die wir sangen, als wir mit dem Lastwagen über die Chesapeake Bay Bridge an die Ostküste fuhren – über den Highway 1 quer durch Queen Anne’s County, über die Brücke zur Sandbank und zu unserer Lagerstätte. All diese Lieder, deren Worte ich auswendig kannte, ohne sie zu verstehen. Und ich weiß, an wen ich glaube, und Seiner Hand kann mich nichts entreißen, mein Erbteil wird Er mir wahren auf den Tag, da Er erscheint.
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Ich liebte dieses im Kreis der Familie oft gesungene Glaubenslied, obwohl ich keine Ahnung hatte, was der Text bedeutete. Das kümmerte mich aber nicht. Fünfjährige können Wörter in einem Kämmerchen ihres Herzens speichern wie geheime Notizen, die dort für graue Regentage aufbewahrt werden. Alles, worauf es mir jetzt ankam, war, dass diese Lieder mich in einer Melodie mit meinen Eltern und Schwestern vereinten. Sie hatten mit Gott, meinem Vater und meiner Familie zu tun, und so wurde in diesem Herzenskämmerchen die erste zarte Saat des Glaubens gelegt. »Und jetzt alle zusammen!« Vater klatschte in die Hände und scheuchte uns von unseren Decken hoch. »Auf die Füße, jetzt versuchen wir mal das hier:« »Steig, steig doch die sonnigen Berge hinan, die himmlische Lüfte umwehn.« (Wir hoben die Hände wie beim Hula-Tanz.) »Steig höher, dass bald wir Sein Angesicht sehn, so strahlend und wunderbar schön.« (Wir machten Blumengesichter und lächelten.) »Lass Sünde und Trauer und Zweifel zurück, blick nur in den Himmel hinein.« (Wir runzelten die Stirn bei dem Wort Sünde und erhoben die Gesichter bei dem Wort Himmel.) »Steig, steig doch mit mir auf die sonnigen Höhn. Bald werden am Ziele wir sein.« (Wir deuteten auf die Herzen der anderen, dann auf unser eigenes.) Ein Glaubens- oder Sonntagsschullied, das passende Handbewegungen erforderte, musste genauso sorgsam ausgeführt werden wie ein geheimes Verabredungszeichen. Wer es versäumte, ein Gesicht wie eine Blume zu machen oder bei dem Wort Sünde traurig dreinzuschauen, rutschte sofort auf den letzten Platz und wartete deshalb sehnsüchtig auf das nächste Lied, das ihm Gelegenheit gab, in der 11
Rangfolge wieder aufzusteigen. Man musste also beim Mitmachen gut aufpassen. Die Stunden am Lagerfeuer vergingen nur allzu rasch. Mutter hatte seit geraumer Zeit kein Holz mehr nachgelegt, und es glühte nur noch schwach. Wir schlossen mit dem Lieblingslied meines Vaters. Es war ein Lied vom Meer: Leuchtend strahlt des Vaters Gnade aus dem obern Heimatland, doch uns hat Er anvertrauet Rettungslichter längs dem Strand. Dunkel ist die Nacht der Sünde, schaurig klingt der Wogen Lied, manches Auge sucht voll Sehnsucht, ob’s am Strande Lichter sieht. Lass dein Licht doch nicht verlöschen, sonst vielleicht zu dieser Stund, weil es nicht den Hafen findet, sinkt ein Schifflein in den Grund. Lasst die Küstenfeuer brennen, lasst sie leuchten weit hinaus, denn sie zeigen manchem Schiffer sicherlich den Weg nach Haus! Als der Nebel sich vom Meer über unser Lagerfeuer legte, rollten wir unsere Decken zusammen und wanderten über die Dünen zu unseren Zelten zurück. Das Leuchtturmlicht wies uns den Weg zur Düne zwischen dem Strand und den kleinen Sandhügeln, an die sich unsere Zelte schmiegten. Ich, die Jüngste der Earecksons, stapfte hinter meinem Vater her, meine Decke hinter mir durch den Sand schleifend. 12
Oben auf dem fast berghohen Dünenkamm hielten wir an. Im Süden konnte ich den Leuchtturm von Fenwick Island ausmachen. Weit im Norden schimmerten die Lichter von Rehoboth Beach. Wir waren hoch genug, um das Sternenlicht auf der mehrere Hundert Meter westlich gelegenen Bucht des Indian River schimmern zu sehen. Der Sandberg, auf dem wir standen, war der einzige Wall zwischen dem dunklen, gefährlichen Ozean und unserem Heimatkontinent. Ich griff nach der Hand meines Vaters. »Vater, was heißt das: ›Lasst die Küstenfeuer brennen‹?« Mein Vater blickte über die Bucht. Er hob eine Hand und deutete nach vorn, in die Nacht. »Siehst du das?«, fragte er. Ich spähte ins Dunkel. In der Bucht blinkte ein rotes Licht – an, aus, an. Auch ein grünes Fahrtrinnenlicht blinkte. »Das sind die Leitlichter, und dazu dienten in früheren Zeiten die Küstenfeuer«, sagte er. Das überraschte mich. Ich war immer verblüfft, wenn ein bedeutungsträchtiges Wort oder eine Zeile aus einem Lied eine Entsprechung in meiner Welt fand. Wenn ich ein Kreuz auf einem Hügel sah. Oder wenn ich allein in einen Garten ging, von dem im oben erwähnten Lied die Rede ist. Als ich zum ersten Mal einen Wettbewerb im Kuchenbacken gewann, hielt ich den Siegerpreis fest umklammert, bis ich ihn abends auf den Küchentisch stellte. Und dabei hatte ich noch die Worte des Liedes im Ohr: Schätzen werd ich das alt raue Kreuz, bis ich Jesus erblick auf dem Thron. Ich will halten mich fest an das Kreuz, einst erhalt ich dafür eine Kron. Ich war erstaunt und fasziniert, dass es im Himmel anscheinend auch einen Richter gab, der Preise und Kronen verteilte. Und nun gab es hier tatsächlich »Küstenfeuer«, die man mittlerweile »Leitlichter« nannte. »Diese Lichter zeigen an, wo das Wasser tief genug ist für Schiffe«, 13
erklärte Vater. »Wenn sie erlöschen, wissen die Seeleute nicht, wo die Sandbank liegt. An vielen Küsten sind schon Schiffe gestrandet, weil es keine Fahrtrinnenmarkierung gab.« »Und warum heißen sie in dem Lied ›Küstenfeuer‹?« »Gott ist der Leuchtturm, und mit unseren Küstenfeuern weisen wir den Menschen gleichsam den Weg; wir zeigen ihnen, wo man sicher gehen kann«, erklärte er. »Du auch.« »Ich?« »Ja, du«, sagte er. Er teilte es mir mit wie eine Tatsache – eine Tatsache, von der ich wusste, dass ich sie noch nicht begriff. »So hast du es vom Herrn gelernt«, fuhr er fort. Sein Ton wurde feierlich. »Lass dein Licht leuchten vor den Menschen.« Ich kannte die Bibel noch kaum. Doch der Ton, in dem mein Vater sprach, ließ seine Worte klingen, als habe einer der Reformatoren mit geistlicher Vollmacht sie gesprochen oder als seien sie aus einer von Vaters Geschichten. Auf jeden Fall erwartete mein Vater von mir, dass ich mein Licht vor den Menschen leuchten ließ. Ich wusste zwar nicht genau, was mein Licht war oder wie es vor den Menschen leuchten sollte. Aber dies sollte sich später ändern. Ich verstand damals nie so recht, wovon die Rede war, wenn es um Biblisches oder um Aussprüche meines Vaters ging. Das mochte daran liegen, wie seine Stimme sich veränderte, als spräche er ex cathedra, gleichsam wie ein Prophet, der eine Botschaft vom Himmel überbrachte. Oder vielleicht lag es auch daran, wie er das Wort »Herr« mit seinem irischen Akzent aussprach. Er tat das bei keinem anderen wichtigen Wort, das mit »L« begann – nur bei Lord, als wäre er Spencer Tracy in seiner Rolle als irischer Priester in Teufelskerle. In meiner Vorstellung kam dieser Akzent von meiner irisch-schottischen Großmutter, Anna Verona Cacy, die ich nie gekannt hatte. Wie Vater war auch sie eine große Erzählerin von Abenteuergeschichten gewesen. Beide, mein Vater und meine Großmutter, sprachen mit weichem Zungenschlag und gedehnt vom Laard. Mein Vater, John King Eareckson, geboren im Jahr 1900, hätte eigentlich als Kabinensteward auf einem Klipper zur Welt kommen 14
müssen. Vielleicht war es ja auch so. Einer seiner ersten Jobs war der eines Botenjungen für eine Crew von Zimmerleuten und Schiffsbauern, die auf den Trockendocks von Baltimore arbeiteten. Die Namen dieser Männer waren Angus Budreau und Georgy Banks – die also, die in Vaters Geschichten auftauchten – sowie Joe Dowsit und Pete DeVeau, die mit ihm das Sargassomeer befuhren oder im Wind River Canyon Gold schürften. Die Kameraden waren allesamt Meister im Umgang mit der Axt, wilde Raufbolde, die tranken und fluchten. Doch wenn sie versuchten, meinen Vater ebenfalls zum Trinken zu bewegen, lehnte er stets ab, wie er uns oft voller Stolz erzählte. Stattdessen schwärmte er für Eiscreme aus der Pratt Street, in der Nähe des Hafens. Natürlich hatte er bald den Namen »Eiscreme-Johnny« weg. Ich war überzeugt, der Reim »I scream, you scream, we all scream for ice cream«2 stammte von meinem Vater. Dass dem nicht so war, fand ich erst sehr viel später heraus. Als Johnny Eareckson alt genug war, Pferde aufzuzäumen, stand er jeden Tag vor Morgengrauen auf, spannte an und fuhr für das Geschäft seines Vaters Kohlelieferungen aus. Einen Schulabschluss hat er nie gemacht – warum, weiß ich nicht genau. Mit neunzehn gründete er ein eigenes Geschäft für Fußbodenbeläge. Sein Firmenfahrzeug war ein Fahrrad, auf dem er ständig unterwegs war. Er musste sich sehr anstrengen, um mit seinen drei gebildeteren Brüdern Schritt zu halten: mit Onkel George, dem Buchhalter, Onkel Vince, dem Architekten, und Onkel Milt, dem Prediger. John kam abends gewöhnlich sehr spät heim in das kleine Haus der Familie, ein Backstein-Reihenhaus mit marmornen Eingangsstufen in der Stricker Street. Er war todmüde von der harten Arbeit des Tages – einer anderen Art von Arbeit als die, die seine Brüder am Schreibtisch oder Zeichentisch bzw. auf der Kanzel leisteten. Und fast immer stieß Johnny, wenn er die knarrende Hintertür öffnete, auf seine Mutter, Anna Verona, die in der Küche am Kohlenherd saß, 2
A. d. H.: Frei übertragen etwa: »Im Sommer, wenn die Sonne brennt, / gibt’s Eiscreme, die man schätzt und kennt.«
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eine Strickdecke auf dem Schoß und die Bibel in der Hand. Sie las und betete für ihre Jungen, vor allem für Johnny – den Sohn, der so ganz anders war als seine Brüder, dessen Herz zärtlicher und verletzlicher und dabei voller Begeisterungsfähigkeit und Abenteuerlust war. Wie sehr Anna Eareckson ihren Johnny liebte, das sagte sie ihm in singendem, irischem Tonfall. Und er – er liebte sie ebenso. »Ich werde nie vergessen«, erzählte er kopfschüttelnd, »wie ich von einer Versammlung beim CVJM und meine Brüder aus der Schule und von der Arbeit heimkamen und Mutter zu uns sagte: ›Wir brauchen Kohlen für den Ofen. Vince, diesmal bist du dran, sie zu holen.‹ Meine Brüder und ich alberten am Spülstein herum, schlugen spielerisch mit Handtüchern nacheinander, und Vince meinte, George sei an der Reihe. ›Nein, nein, Milton ist dran‹, und Milt deutete auf mich, und ich schubste Vince … und bevor wir wussten, was geschah, sahen wir Mutter, mit Kohlenstaub bedeckt, in ihrem langen Rock die Kellertreppe heraufstapfen, den schweren Kohlenkorb mit ihren zarten Händen schleppend. Es drehte mir fast das Herz um.« Die Mutter meines Vaters starb jung. Man kann sagen, dass sie sich totarbeitete – etwas, was Vater sich offenbar nie vergeben konnte, weil eine Familie mit vier kräftigen, gesunden Jungen ihrer Mutter die Arbeit hätte erleichtern können – ja, müssen. Das erklärte, warum mein Vater ihren Mädchennamen – Anna Verona Cacy – mit solch besonderer Zärtlichkeit und diesem weichen irischen Singsang aussprach. Und es erklärte mir auch, warum er so gern das Lied »Lasst die Küstenfeuer brennen« sang, eines der Lieblingslieder meiner Großmutter. Lasst die Küstenfeuer brennen, lasst sie leuchten weit hinaus, denn sie zeigen manchem Schiffer sicherlich den Weg nach Haus!
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Als Vater und ich im Lager ankamen, ließen wir unsere Sachen neben dem Picknicktisch auf den Boden fallen. Onkel George hantierte noch am Herd. Er hatte seine berühmten weichschaligen Krebse zum Abendessen gebraten. Ganz in der Nähe räumten meine Mutter und ein paar Tanten Sachen in die Kühlbehälter. Mutter nahm die Laterne und führte meine Schwestern und mich zu dem kleinen Zelt vor dem Lager, das uns als provisorische Latrine diente. Von dort leuchtete sie uns zurück zu dem großen Armeezelt, in dem wir schliefen. Wir zogen unsere sandigen Shorts aus und streiften Sweatshirts über unsere feuchte Unterwäsche. Das gefiel mir so an unseren Strandausflügen – wir durften in den seltsamsten, lustigsten Aufzügen schlafen. Wir rubbelten uns den Sand von den Füßen, krochen unter das Moskitonetz und kletterten in unsere Feldbetten. Meines stand in der Ecke, und ich mochte es besonders, wenn das Wetter gut genug war, um die Seitenwände des Zeltes aufgerollt zu lassen. Dann konnte ich das Flüstern der Erwachsenen und das Zischen der Laternen hören. Wenn der Nachtwind die Zeltplane bewegte, schmiegte ich mich ins Kissen, griff nach meinem Stoffhasen und kämpfte, so lange ich konnte, gegen den Schlaf an. Ich wollte den Geschmack der salzigen Luft so lange wie möglich auskosten und den Duft des Kaffees einatmen, der bereits für morgen früh gekocht wurde. Ich wollte die leisen Gespräche meines Vaters, meiner Mutter und meiner Verwandten hören und mich genüsslich in meinen warmen Daunenschlafsack kuscheln. Ich wusste, dass keine der über mir summenden Mücken durch das Netz dringen konnte. Unter seinem Schutz war ich sicher. So sicher wie unter der Bettdecke meines Schlafzimmers zu Hause, von wo ich auf das Bild des kleinen Mädchens im Boot schauen konnte, das die Füllung der Schranktür schmückte und unter dem zu lesen stand: Ach Gott, mein kleines Boot und ich sind mitten auf dem Meer. Bring Du mein kleines Boot und mich doch sicher hin zu Dir. 17
Ich fragte mich, welche Abenteuer der morgige Tag wohl bringen würde. Hoffentlich würde ich von dem Geruch brutzelnden Specks geweckt werden. Vielleicht briet Vater ja sogar seine speziellen Eier – ein Ei wird in der heißen Pfanne gebraten, in letzter Minute gießt man einen Becher Wasser darüber, deckt die Pfanne zu und würzt nachher mit Salz und Pfeffer. Hoffentlich hatte Onkel George das Eis in den großen Milchkrug getan, sodass das Wasser aus der Schöpfkelle eiskalt war. Ich fragte mich, ob mein Cousin, Little Eddie, und meine Schwester Kathy und ich in den Gezeitentümpeln Krabben oder Muscheln finden würden. Oder ob wir Pferdchen spielen und die Sanddünen hinauf- und hinuntergaloppieren würden, die sich zu beiden Seiten unseres Zeltes meilenweit erstreckten. Ich hoffte, der Tag würde strahlend und warm beginnen, sodass ich, wenn ich im Sand lag, die Wange auf den Arm gedrückt, den süßen Duft der Sonnenmilch riechen konnte. Ich hoffte, wir würden mit Tante Lee und Onkel Eddie Sandburgen bauen, nach Krabben buddeln, zusehen, wie die Wellen unsere Fußabdrücke verwischten, duschen, wenn die Sonne unterging, und unsere von der Sonne gerötete Haut dick mit Noxzema eincremen. Am Abend, nach den Krabbenpfannkuchen, würden wir Mutter helfen, die Pfannen und Töpfe im Ozean zu spülen. Dann würden wir nach Rehoboth Beach fahren, die Strandpromenade entlangspazieren und Eis oder Pommes frites mit Essig essen. Vor allem aber hoffte ich, wir würden wieder ein Feuer am Strand machen und Vater würde wieder eine Geschichte erzählen. Oder Onkel George würde »Ramona« singen, während er seine Zigarre hochhielt und uns alle wie ein Impresario dirigierte. Was immer ich auch erhoffte, ich wurde nicht enttäuscht. Das Wehen des Moskitonetzes schläferte uns alle ein. »Gute Nacht, Mädchen«, hörte ich Vater flüstern. Ich weiß nicht, ob es viele Väter wie meinen gibt. Ich glaube nicht. Wie viele Väter haben schon das Flugzeug der Brüder Wright über das Meer fliegen oder einen der ersten T-Fords die Howard Street hinunterfahren sehen? Wie viele Väter haben ihre Kinder 18
durch unzählige Geschichten, die sie aus dem Stegreif erzählten, in eine Welt der Abenteuer mitgenommen? Mein Vater trieb Handel mit den Indianern in British Columbia und kämpfte mit Bären am Yukon – ja, ich bin sicher, er kämpfte mit einem von ihnen mit bloßen Händen, und es war nicht nur eine Geschichte. Wirklich. Aber selbst wenn die Geschichte mit dem Bären nicht wahr war, so wusste ich doch, dass die Warmherzigkeit meines Vaters, sein edler Charakter und seine Liebe zum Laard echt waren. Am nächsten Abend kehrten wir, wie ich gehofft hatte, früh genug von Rehoboth Beach ins Lager zurück, um noch ein Feuer zu machen. Schon bald knisterte das Treibholz, das meine Schwestern Linda, Jay und Kathy und ich am Tag gesammelt hatten, und an dem weiten Firmament über uns funkelten die Sterne, dicht an dicht, wie Puderzuckerkörnchen. Das Kräuseln der Wellen erstrahlte fluoreszierend im letzten Restchen Abendrot, und mein Onkel Eddie hatte gerade das Lied »You Are My Sunshine« beendet. »Sag dein Gedicht auf, Papa«, bettelte ich, »das von der Brandung.« Als große Realistin, die ich war, hatte ich erst kürzlich herausgefunden, dass dieses klassische Gedicht bildhaft die Brandung beschrieb, die der Gläubige durchschreitet, bevor er das himmlische Ufer erreicht. Vater steckte die Hände in die Taschen seiner weiten Hose und starrte ins Feuer. Dann begann er seine Rezitation, allerdings mehr im Eareckson’schen Stil als in jener Art, die dem Dichter dieser Zeilen besser entsprochen hätte. Das Gedicht kam von irgendwo tief aus meines Vaters Brust. Während er die unvergesslichen Verse sprach, hoffte ich inbrünstig, dass jemand aufstehen und ihn festhalten möge, damit er sich nicht zu den Wellen umdrehte und die Brandung ohne mich durchschritt. Jesus, Heiland, führe Du mich zum Hafen selger Ruh; wütend tobt das Lebensmeer, schrecklich droht der Wogen Heer; 19
gib dem bangen Herzen Ruh, Jesus, Heiland, führe Du! Wie die Mutter stillt ihr Kind, stillst Du Sturmesflut und Wind. Großer Retter in der Not, steure Du mein schwaches Boot; Du, vor dem der Sturm entwich, Jesus, Heiland, führe mich! Winkt mir einst mein Heimatland durch die Brandung rings am Strand, seh ich Dich, den Steuermann, mach ich fest im Hafen dann, juble dort voll selger Freud in des Himmels Herrlichkeit. Keiner brach je die Stille, die den Vorträgen meines Vaters folgte. Wir lauschten den Zeilen, wie man der zurückrollenden Brandung lauscht, bevor sich die nächste große Welle bricht. Ich verstand das Gedicht nicht, bis auf die Aussage über den Steuermann – ich nahm an, dass von Gott die Rede war. Aber das Herz wollte mir brechen bei dem Gedanken, dass mein Vater ein Gedicht über den Tod liebte. Ich erinnere mich, dass ich nach Kathys Hand griff. Ich wusste, sie würde meine Angst verstehen. Zu Hause schliefen wir in einem Bett. Oft, wenn Vater uns eine Gutenachtgeschichte erzählt hatte und wir ihn die Treppe hinuntergehen hörten, lagen wir im Dunkeln und lauschten eine auf den Atem der anderen. Auch dann griff ich immer nach ihrer Hand und murmelte: »Was, wenn etwas Schreckliches passiert?« – Ich wollte »Vater« hinzufügen, aber ich brachte das Wort nicht heraus. »Ich weiß, was du meinst«, flüsterte sie zurück. »Ich weiß, was du meinst mit Vater.« Dann hielt sie meine Hand, und sie hielt auch jetzt meine Hand, in den tanzenden Schatten, die das Feuer warf. 20
Vater schloss das Gedicht mit demselben schönen Lied, das wir gestern Abend gesungen hatten und bei dessen Refrain meine Schwestern und ich einfielen: Lasst die Küstenfeuer brennen, lasst sie leuchten weit hinaus, denn sie zeigen manchem Schiffer sicherlich den Weg nach Haus! Alles war wieder gut. Ganz bestimmt rettete mein Vater arme, geschwächte, um ihr Leben kämpfende Seeleute. Wenn nicht im Sargassomeer, dann sicherlich während seiner Zeit bei der Handelsmarine. Doch ich hätte mir nie träumen lassen, dass in nicht allzu ferner Zukunft ich selbst die Arme, Schwache, Kämpfende sein würde, die immer wieder versank und ein ums andere Mal von den Wellen eines Kummers überspült wurde – der mächtiger war als jede Brandung. Schrecklicher als der Fluch des Fliegenden Holländers in der Legende. Und dass nicht einmal Vater mir würde helfen können.
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Kapitel 2 »Hört, Söhne, die Unterweisung des Vaters, und hört zu, um Verstand zu kennen!« Sprüche 4,1 rinnerung bedeutet mir alles. Als Kind konnte ich ein afrikanisches Veilchen auf einer Fensterbank anschauen und mir später das Blaugrün der Staubgefäße, die krausen Blätter und die blassroten Blüten ins Gedächtnis zurückrufen, wenn andere schon vergessen hatten, dass da überhaupt ein Fensterbrett war. Im Jahr 1967 wurde meine Erinnerung lebenswichtig für mich. Es war das Jahr, in dem ich durch einen Tauchunfall gelähmt wurde. Ich war fast zwei Jahre im Krankenhaus. Die meiste Zeit verbrachte ich in einem sogenannten Stryker-Rahmen auf dem Rücken, sodass ich die Zimmerdecke anstarren konnte, oder mit dem Gesicht nach unten, sodass ich imstande war, den Fußboden zu betrachten. Mit einem Körper, der praktisch nicht mehr in der Lage war, sich zu bewegen oder irgendetwas zu empfinden, rief ich mir jeden einzelnen Ausflug an den Strand, jeden Ritt, jedes Tennisspiel, jedes Lied – kurz, alles ins Gedächtnis, drehte und wendete es wie einen Diamanten und kostete seine Farbe und Leuchtkraft voll aus. Wenn ich meine Hände nicht mehr gebrauchen konnte, musste ich alles daransetzen, mich zu erinnern, wie es sich anfühlte, eine Flasche Coca-Cola in der Hand zu halten und zu spüren, wie die eiskalten Tropfen am Glas hinabliefen und über meine Finger rannen. Wenn ich nie mehr gehen konnte, musste ich mir jede Einzelheit des Gefühls, wie meine Zehen sich bewegten, wie sie sich streckten, krümmten oder wackelten, von Neuem vergegenwärtigen. Meine Erinnerungen bekamen also für mich einen ganz neuen Stellenwert. Sie wurden so beruhigend für mich wie der Blick von unserem nächtlichen Lagerfeuer am Strand hinauf an den Himmel, um mich zu vergewissern, wie weit ein Sternbild sich bewegt hatte. Oder wie es war, wenn ich unter die Bettdecke kroch, nachdem wir
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wieder zu Hause angekommen waren. Oder das Aufschauen zu den Sternen, die mein Vater an die Decke meines Schlafzimmers gemalt hatte. Damals, im Jahr 1955, war ich wohl das einzige Kind in meiner Umgebung – ja, vielleicht in der ganzen Stadt –, das jede Nacht unter Sternen schlafen ging, auch wenn diese Sterne nur gemalt waren. Vater schien zu wissen, dass Kinder es über alles lieben, unter einem nächtlichen Sternenhimmel zu schlafen, und weil wir nicht immer im Ferienlager bleiben konnten, holte er das Ferienlager zu uns. Da Vater Bauunternehmer war, baute er unser weitläufiges und verschachteltes, rustikales Haus aus Stein und Holz mit seinen Winkeln, Ecken, Bögen und Geländern, Giebeln und Gauben aus warmer Eiche und Douglasie und den massiven, von Elchgeweihen gekrönten Steinkaminen, die allesamt nur auf Kinder gewartet zu haben schienen. Das Wohnen in diesem Haus war wie das Leben in einem Ferienlager. Es machte einfach Spaß. Aus jedem Raum hörte man den Ruf: »Ich komme!«, denn unser Haus eignete sich wunderbar zum Versteckspielen. Panisch und freudig zugleich rannten wir in Windeseile los, um das ideale Versteck zu finden. Da war zum Beispiel der Balkon im zweiten Stock. Oder man verbarg sich hinter der großen Holztruhe auf dem Treppenabsatz oben auf der Hintertreppe. Oder hinter dem riesigen ausziehbaren Tisch im Esszimmer. Oder man wickelte sich in Mutters Waschbärmantel im Schrank – wenn man den Geruch der Mottenkugeln ertragen konnte. Es kümmerte mich nicht, dass mein keuchendes Atmen oder mein unterdrücktes Kichern mich verriet; unser riesiges Heim umfing uns und spielte jedes Spiel mit. Doch es gab noch mehr Zimmer. Das Wohnzimmer mit dem Tigerfellvorleger in der Ecke, dem Bärenfell in der Mitte und den Elchgeweihen an den Wänden stellte an einem Tag einen Dschungel vor, während am nächsten die Northwest Territories an der Reihe waren. »Die hat Vater erbeutet, als er mit den Indianern am Yukon Handel trieb«, behauptete ich von den Geweihen. Ich hatte keine Ahnung, was der Yukon war, aber es klang fern und weit, wild und 23
exotisch – ein Ort, an dem mein Vater sehr wohl auf so riesige Elchgeweihe stoßen konnte. Linda spielte das Spiel mit und beharrte darauf, dass die dicken Balken, die die Decke stützten, »von Captain Hooks Schiff stammen – ehrlich«. Jahrelang war unser Wohnzimmer unser Gefährte, der unsere Geheimnisse sicher hütete. Ich hielt unser Haus nie für ungewöhnlich, bis ich zum Spielen zu anderen Kindern nach Hause kam. Da lernte ich Häuser mit Teppichen, niedrigen Decken, silbernem Besteck (»Nicht anfassen!«) auf polierten Büfetts und MarieAntoinette-Statuetten aus Porzellan auf Kaminumrandungen kennen. Sogar die Sofas waren mit durchsichtigem, steifem Kunststoff überzogen. In diesen Häusern gab es Stores an den Fenstern, Vitrinen aus Glas und absolut keinen Ort, an dem man sich verstecken konnte. Ich gewann damals eine Erkenntnis, die mich jahrelang begleiten sollte: Die Earecksons waren anders, vielleicht sogar ein wenig seltsam. Das war eine der Tatsachen, über die ich unter meiner sternenbesetzten Zimmerdecke nachdachte. Eigentlich war es gar nicht mein Zimmer, sondern Kathys. Sie war ein wenig älter als ich, und ihr hatte das Zimmer zuerst allein gehört. Das bedeutete, dass sie ein Anrecht auf die geräumigsten Schubladen, die breitere Seite des Schranks und die bessere Seite des Bettes hatte – neben der Tür. Vor dem Löschen des Lichts kniete Kathy sich auf das Bett, zog eine imaginäre Linie in der Mitte und sagte: »Siehst du das?« Vom Kopfteil bis zum Fußteil markierte ihr Finger die entmilitarisierte Zone zwischen uns. »Das ist meine Seite des Bettes, und wehe, du überschreitest diese Linie!« Ich war damals fünf Jahre alt, das jüngste von vier Mädchen. Nie im Leben hätte ich es gewagt, ihr in die Quere zu kommen oder ihre Linie zu überschreiten. Im Grunde war das gemeinsame Zimmer mit meiner Schwester aber gar nicht so schlecht, auch wenn ich ständig gemahnt wurde, nach dem Duschen die Badezimmertür zu schließen, damit ihr Kleiderschrank sich nicht durch die Feuchtigkeit verzog. Sie hatte 24
adrett zusammengebundene Baumwollpolster in alle vier Ecken des Schranks gelegt, um das Holz vor mir und meinem Spielzeug zu schützen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie ein solches Getue um den Schrank machte – schließlich würde sie wohl kaum mit neun Jahren heiraten wollen. Aber egal. Es war schön, neben ihr im Bett zu liegen, ihre Wärme zu spüren, gemeinsam auf das leise Reden unserer Eltern unten zu lauschen und in dem matten Lichtschein, der durch die Flurtür hereinfiel, die Engel an unseren Schlafzimmerwänden zu betrachten. Ja, Engel. Es waren drei. Ein brünetter, ein blonder und ein rothaariger. Unser Schlafzimmer befand sich direkt unter dem Dach, und Vater hatte die Engel auf die schräge Wand zu unserer Linken gemalt. Einen Vater wie unseren gibt es nicht noch einmal, sagte ich mir stolz. Er kann singen, Geschichten erzählen und Engel malen. Und nicht nur das, Vater hatte die ganze Wand hinter dem Kopfteil unseres Bettes bemalt. Da waren Jack auf der Bohnenstange, die alte Frau, die in einem Schuh wohnte, das Baby im Baumwipfel, um das es in dem Schlaflied »Rock-a-bye, Baby« geht, der Rattenfänger von Hameln mit allen Kindern im Schlepptau, eine Kuh, die über einen Mond sprang, und Humpty Dumpty oben auf dem Türpfosten. Inmitten dieser bunten Menagerie hing ein schlichtes Bild von einem Hund und einem Jungen, der im Gebet vor seinem Bett kniete. Manchmal drehte ich mich auf den Bauch, stützte mich auf die Ellenbogen und sah zu all den Gestalten aus Kinderreimen und Märchen oder dem Bild von dem Hund und dem Jungen hinauf. Aber meistens galt meine Aufmerksamkeit den Engeln. Die drei Gestalten füllten die schräge Wand fast ganz aus. Sie sangen von Liedblättern, die Münder weit geöffnet, die Füße fest in die Wolken gestemmt. Der erste Engel sah aus wie meine älteste Schwester Linda. Das brachte mich immer zum Kichern. Linda war alles andere als ein Engel. Sie war fast zehn Jahre älter als ich, schwärmte für James Dean, glättete ihr Haar mit Vaseline, krempelte ihre Jeans hoch und rollte ihre Socken herunter. Sie trug Blusen 25
in Übergröße, den Kragen aufgestellt. In der Schule zog sie zu enge Pullover und Bleistiftröcke an. Elvis war der »King« und Pat Boone ein Trottel – Milchbärte waren nicht ihr Fall. Dabei schlug Linda nicht etwa wirklich über die Stränge; sie tat nur so. Einmal, als ich in dem Zimmer schlafen musste, das sie mit Jay Kay teilte, knipste sie das Licht aus, kletterte zu mir ins Bett, und nach ein paar Minuten in der schweigenden Dunkelheit drehte sie sich zu mir um und flüsterte mir ins Ohr: »Willst du den Werwolf sehen, der in meinem Schrank lebt?« Von Linda lernte ich die inoffizielle Hymne der Milford Mill High School: Ich gehe auf die Milford Mill, hab Mitleid mit mir, denn es gibt partout keine Jungen hier. Um neun Uhr abends heißt’s: Lichter aus! Warum nur, warum bin ich fort von zu Haus? Und wenn ich in den Ferien nach Hause geh, hoff ich, dass ich die Schule nie wieder seh. Dann will ich rauchen, trinken und küssen und all das andre nie mehr tun müssen; dann gibt’s zum Glück nie wieder Drill: Jawohl, ich geh auf die Milford Mill! In diesem Jahr hatten meine Eltern sie auf einer reinen Mädchenschule angemeldet. Der Engel in der Mitte hatte blaue Augen und einen blonden Lockenkopf. Meiner Vermutung nach war es Jay Kay, nur dass meine Schwester braune Augen hatte. Jay war mein »Lieblingsengel«. Sie war etwas jünger als Linda und nicht ganz so wild. Auch sie mochte Elvis, allerdings weniger »Jail House Rock« als »Let Me Be Your Teddy Bear«. Jay sah genau aus wie Betty, das blonde Mädchen mit dem Pferdeschwanz in den Archie-Comics. Sie behandelte mich auch nicht ständig als lästiges Anhängsel. Sie mochte mich. »Jonathan Grundy« nannte sie mich liebevoll. Wenn Jay auf unserem 26