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Lois Walfrid Johnson ist Autorin von 38 Büchern. Ihre Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt worden und haben viele Preise gewonnen. Doch für Lois ist das Wissen, dass die Leser ihre Bücher mögen, die schönste Auszeichnung. Lois und ihr Mann Roy haben ihre Wahlheimat in Minnesota, USA, gefunden, zu ihrer Familie zählen drei mittlerweile verheiratete Kinder. Um mehr über Lois und ihre Bücher zu erfahren, besuche ihre Website www.lwjbooks.com.

1. Auflage 2018 Originaltitel: The Fiddler’s Secret / The Freedom Seekers # 6 © 2013, 1998 by Lois Walfrid Johnson Moody Publishers 820 N. LaSalle Boulevard Chicago, IL 60610 USA © der deutschen Ausgabe 2018 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Ravensberger Bleiche 6 · 33649 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Franziska Sägesser Satz: EDV- und Typoservice Dörwald, Steinhagen Umschlag: Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Artikel-Nr. 256176 ISBN 978-3-86699-176-7


Allen Lesern, die einen so treuen Rettungshund wie Wellington als Gefährten haben: Danke für euer Mitgefühl und dass ihr euch immer wieder neuen Abenteuern stellt!


Der obere

Mississippi Michigansee

1857

0

100 Kilometer

200


Inhalt Eine Nacht voller Angst

8

Das verborgene Gesicht

16

Störenfriede

26

»Schattenmann«

37

Sicher und frei?

47

Libbys Zeichnung

61

Wo ist sie?

75

Die Pfandleihe

85

»Herr Ärger«

96

Diebe!

111

Riggs!

119

Gefürchteter Freund

131

Libbys große Ungeschicklichkeit

143

Gefährlicher Fremder!

157

Das Schlimmste?

168

Unangenehme Überraschung

182

Wo ist Annika?

195

Eissturm

204

Die »Schwedenmulde«

215

Wieder einmal Samson

228

In der Falle!

238

Mit Flügeln wie Adler

252

Danksagung

268


Fahnenmast

Ankerwinde Poller

Spieren

Glocke

Hauptdeck Kesseldeck

Klampe

Schornsteine

Schaufelrad

Schaufelradkasten

Auslassrohre Texasdeck

Sturmdeck

Der Raddampfer Christina

Texas

Treppe

Kapitänskajüte Kommandobrücke Signalhorn

Oberlichter für Hauptkajüte Libbys Kajüte

Jolle (kleines Boot)


Harriet Bishop, Joe Rolette, James Thompson, Meriwether Lewis, William Clark, Zebulon Pike und Dr. Horatio Newhall sind historische Figuren, die in den 1850er-Jahren lebten. Alle anderen Figuren sind erfunden, und jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Orte wie die Pfandleihe und der Gemischtwarenladen sind ebenfalls erfunden.


Eine Nacht voller Angst itten in der dunklen Nacht erwachte Libby Norstad plötzlich. Wo bin ich?, fragte sie sich. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was hat mich geweckt? Ein Traum? Ein Albtraum? Was auch immer der Grund war – Libby erschauderte vor Angst. Kurz nach Mitternacht war das Dampfschiff ihres Vaters aus Galena, Illinois, ausgelaufen, um den Mississippi hinaufzufahren. Doch nun spürte Libby keine Bewegung, hörte kein Maschinengeräusch und kein Klatschen der Schaufelräder auf das Wasser. Es ist still. Zu still. Sogar die Nachtluft fühlte sich schwer und seltsam an. Dann zerriss ganz in ihrer Nähe die Schiffsglocke die Stille. Als die kurz aufeinanderfolgenden Schläge erklangen und wieder verhallten, erkannte Libby, dass es ein Signal war. Was ist los?, fragte sie sich. Was ist geschehen? Wo ist Papa? Mit klopfendem Herzen sprang sie auf und zog sich ein Kleid an. Als sie auf das Deck vor ihrer Kajüte trat, schien dicker Nebel wie mit kalten Fingern nach ihr zu greifen. Libby hielt den Atem an. Ohne nachzudenken, streckte sie die Hände aus, um sich ihren Weg zu ertasten. Als sie in die Dunkelheit spähte, konnte Libby nicht einmal zwei Meter weit sehen. »Papa!«, schrie sie voller Angst. »Wo bist du?« Mit der einen Hand an der Außenwand ihrer Kajüte

M

8


entlangtastend, setzte Libby einen Fuß vor den anderen. Doch als sie die Kajüte ihres Vaters auf der Vorderseite der Christina erreichte, war diese leer. Also drehte sich Libby um. Auf dem Weg zurück zu ihrer Kajüte kam sie sich wie eine Schlafwandlerin vor. Wie dumm!, redete sie sich selbst zu. Ich bin schließlich auf dem Schiff meines Vaters. Warum sollte ich mich fürchten? Doch die Schiffsglocke ertönte erneut und schonte Libbys strapazierte Nerven nicht. Libby zwang sich wenigstens äußerlich zur Ruhe und ging zur Treppe. In den ersten vier Jahren nach dem Tod ihrer Mutter hatte Libby bei ihrer Tante in einer Villa in Gold Coast, einem Stadtteil von Chicago, gelebt. Seit fünf Monaten war Libby nun wieder bei ihrem Vater. In jenem August des Jahres 1857 lernte sie noch immer mit den Gefahren umzugehen, die das Leben auf einem Dampfschiff mit sich brachten. Ich will stark sein, dachte sie. Aber ich bin einfach nur total ängstlich! Als Libby das darunterliegende Deck erreichte, war es noch dunkler um sie herum. Das Kesseldeck befand sich direkt über den großen Kesseln, in denen Wasser aufgeheizt und Dampf erzeugt wurde, um die Maschinen anzutreiben, und war normalerweise von Passagieren der Ersten Klasse bevölkert. Doch nun war kein einziger Mensch in Sicht, und das Deck war seltsam still. Libby konnte nur an eines denken: Sie musste Papa finden – oder Caleb Whitney, einen ihrer Freunde – oder sonst irgendjemanden, der ihr das Gefühl von Sicherheit geben würde. 9


Stattdessen fand Libby erst einmal die Reling und ging an ihr entlang zur Vorderseite des Dampfers. Trotz der fast undurchdringlichen Dunkelheit konnte sie eine Person ausmachen, die am Bug stand. Libby fiel ein Stein vom Herzen. Annika Berg! Das lange schwarze Haar der jungen Frau war zusammengebunden und fiel leicht gelockt an ihrem Hinterkopf hinunter. Die Lehrerin hatte Libby und ihren Freunden in der vergangenen Woche in einer gefährlichen Lage geholfen. Da sie bei der »Untergrundbahn« arbeitete, also entlaufenen Sklaven dabei half, auf einer geheimen Route von einem sicheren Unterschlupf zum nächsten zu gelangen, hatte Annika ihnen einen Übernachtungsplatz angeboten. Nach wenigen Tagen hatte Libby sie bereits ins Herz geschlossen. Als Libby einen weiteren Schritt auf sie zuging, hörte Annika sie und drehte sich um. »Komm her und genieß die wunderbare Aussicht mit mir!« Libby kicherte. »Was für eine tolle Aussicht! Dichter Nebel!« Zum ersten Mal, seitdem sie aufgewacht war, fühlte sie sich besser. Annika stand an der Reling und blickte angestrengt nach unten. »Ich wollte nachsehen, ob die Leinen ausgeworfen sind. Wir sind am Ufer festgebunden, nicht wahr?« Libby nickte. Sie konnte das Tau oder Seil kaum erkennen, mit dem das Schiff an die kleinen Weiden am westlichen Flussufer gebunden war. Annika blickte Libby ins Gesicht. »Wir sind hier, weil der Steuermann nichts sehen kann, dein Vater nichts sehen kann …« 10


»Ja.« Libby versuchte Annika das Wort abzuschneiden, da sie nicht über ihre Ängste sprechen wollte. Doch im Kopf spann sie den Gedanken weiter. Wir sind hier, damit wir nicht auf eine Sandbank auflaufen. Damit die scharfen Wurzeln eines im Flussbett liegenden Baumes den Schiffsrumpf nicht durchbohren. Damit wir nicht mit einem anderen Schiff zusammenstoßen. Oder … »Sind wir weit genug von der Fahrrinne entfernt?«, sprach Annika Libbys Gedanken laut aus. »Könnten wir von einem Schiff gerammt werden?« Libby ballte die Hände zu Fäusten. Das war ihre größte Angst. Wenn ich es nicht zugebe, passiert es vielleicht nicht … Nun wünschte sie sich, dass Caleb mit Annika spräche. Denn er beantwortete solche Fragen in der Regel besser – auch weil er jahrelange Übung darin hatte, von deutlich weniger netten Menschen als Annika befragt zu werden. Die Lehrerin blickte Libby in die Augen. »Falls ein Kapitän das Gefühl hat, er müsse trotzdem weiterfahren …« Die Schiffsglocke ließ sie innehalten. Dann fiel Libby wieder ein, dass man auf einem Flussdampfer, der im Nebel vertäut war, die Schiffsglocke jede Minute fünf Sekunden lang läutete. Als die Schiffsglocke verstummt war, wartete Annika Libbys Antwort ab. »Die Leinen halten uns so nah am Ufer wie möglich, ohne dass das Schaufelrad auf der Uferseite beschädigt wird«, erklärte sie. »Wir können nicht weiter aus der Fahrrinne heraus. Wir sind lang 11


und breit, und das Heck wird von der Strömung nach außen gezogen.« »Und ein Schiff, das nicht wartet, bis der Nebel sich auflöst, kann mit uns zusammenstoßen?« Annikas blaue Augen blickten besorgt. »Warum ordnet dein Vater nicht an, dass alle Leute ans Ufer gehen sollen?« Libby verlor langsam die Geduld wegen Annikas Fragen. Doch dann fiel ihr ein, dass Annika es gewohnt war, auf Leute aufzupassen – auf Kinder in der Schule und auf Sklaven auf der Flucht. Annika war es gewohnt vorauszudenken. Trotzdem hatte Libby das Gefühl, ihren Vater verteidigen zu müssen. Ihretwegen hatten Annika und Papa sich nicht gerade unter den besten Voraussetzungen kennengelernt. Annika soll das Beste von Papa denken. Sie soll in ihm einen Helden sehen. »Wenn wir auf dem Schiff bleiben, besteht die Gefahr, dass etwas passiert«, sagte Libby. »Aber wir hoffen das Beste. Wenn wir im Dunkeln ans Ufer gehen würden, gäbe es bestimmt unschöne Überraschungen.« »Welche?« Libby zuckte mit den Schultern. »Ich kann nicht erkennen, was am Ufer ist. Ich weiß nur, dass wir uns zwischen Ortschaften befinden und dass es im Fluss Inseln gibt. Wenn ein Dampfschiffkapitän einen Kriminellen an Bord findet und es bis zum nächsten Halt noch weit ist, setzt der Kapitän den Mann auf einer Insel ab.« »Wenn es ein ernstes Verbrechen ist und der Kapitän keine andere Wahl hat?«, fragte Annika. »Wenn er weiß, dass seine Passagiere Schaden nehmen könnten«, erklärte Libby. 12


Annika klang beeindruckt. »Ich hatte keine Ahnung, dass ein Dampfschiffkapitän mit alldem klarkommen muss.« Libby lächelte. Nun mache ich Fortschritte, dachte sie selbstgefällig. Ich werde dafür sorgen, dass Annika Papa mag. Aber diesmal gehe ich schlau vor. Aus Erfahrung wusste Libby, dass sie vorsichtig sein musste. Annika hatte ihr bereits klar gesagt, dass sie nicht den Eindruck erwecken wollte, auf der Suche nach einem Mann zu sein. »Ich weiß nicht, was wir sonst noch vorfinden würden«, fuhr Libby fort. »An einigen Stellen gibt es tiefen Schlamm, Schilf und hohes Gras. Vielleicht Schwingrasenmoore. Und Schlangen.« »Schlangen?« »Mokassinottern. Wald-Klapperschlangen. In dieser Jahreszeit leben sie direkt am Fluss.« »Aha.« »Auch wenn es neblig ist …« Zu ihrer Überraschung fühlte Libby sich bereits besser. Annika konnte verstehen, wie sehr Libby Schlangen und Kriminelle und Nebel fürchtete. Es wäre schön, wenn sie immer hier wäre. Nun wusste Libby, was sie sagen konnte. »Papa ist ein mutiger Mann. Ein Dampfschiffkapitän darf nicht ängstlich sein …« Mit weit aufgerissenen Augen hörte Annika ihr zu. »Und er ist weise und gut.« Libby sprach schnell, damit sie alles erwähnen konnte. »Er kümmert sich um seine Passagiere. Deshalb ist er ein guter Familienmensch, eine gute Wahl als Ehemann.« 13


Annika trat einen Schritt zurück. »Nun«, sagte sie, »da ich weiß, dass wir in guten Händen sind, kann ich ruhig schlafen gehen.« Innerlich stöhnte Libby auf. Nicht schon wieder. Sie hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Stattdessen rief sie: »Nein, geh nicht!« Der Nebel schien sie bereits wieder zu umzingeln. Wenn Annika in ihrer Nähe war, hatte Libby weniger Angst. »Ich zeige dir die Laterne, die anderen Dampfern signalisiert, dass wir hier sind.« Gemeinsam gingen sie auf der Flussseite über das Deck. Als sie sich dem Heck näherten, wurden sie vom Licht der Laterne begrüßt. Doch der Nebel schien noch dichter zu sein als vorher. »Ich frage mich, aus welcher Entfernung ein Steuermann das Licht sehen kann«, sagte Annika. Bevor Libby antworten konnte, hörte sie das lange, tiefe Tuten eines Dampfschiffs. Das Signal bedeutete: »Ich komme! Aus dem Weg!« Wie ein Albtraum war es – ein wahr gewordener Albtraum, der Libby erschaudern ließ. Als die Schiffsglocke der Christina ohne Unterbrechung zu läuten begann, schrie Libby in den Nebel: »Achtung! Wir sind hier!« Doch das tiefe Tuten ertönte erneut, diesmal näher als zuvor. Dann hörte Libby das Schlagen von Schaufelrädern auf das Wasser. Annika stand direkt neben ihr, während Libby angestrengt in die Nacht blickte. Kurz darauf rief ein Deckhelfer auf dem anderen Schiff seinem Steuermann. Der Bug des Dampfschiffs erschien plötzlich und bedrohlich aus dem Nebel. Libby 14


winkte mit den Armen. »Wir sind hier! Achtung! Wir sind hier!« Nun sah Libby die Reling eines oberen Decks und die Männer, die auf dem Ausguck standen. Als ein Deckhelfer noch eine Warnung schrie, schlug Libbys Herz wie wild. »Rammt uns nicht!« Doch die Schiffsglocke des Dampfschiffs übertönte ihre Worte, und Libby wurde klar: Niemand hört auch nur ein Wort von dem, was ich sage! Panikerfüllt packte sie Annika am Arm und riss sie von der Reling weg. »Lauf!« Dicht gefolgt von Annika rannte Libby auf die andere Seite des Schiffes. Dort ließ Libby sich auf den Bauch fallen, und Annika tat es ihr gleich. Mit den Händen über dem Kopf und dem Gesicht auf den Brettern machte sich Libby auf den Aufprall gefasst. In diesem Augenblick des Wartens erfüllte nur ein Wunsch ihre Gedanken: Hoffentlich stößt Annika nichts zu!

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Das verborgene Gesicht ekunden später spürte Libby, wie ein Ruck durch das Schiff ging. Holzbalken krachten entzwei. Teile flogen durch die Luft und landeten mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Erschreckte Stimmen schrien auf. Aus den Verschlägen für die Tiere in der Nähe des Hecks brüllten Kühe und blökten Schafe. Im Kielwasser des anderen Schiffes schaukelte die Christina auf und ab. Mit jeder Welle wurde sie angehoben und die Leinen spannten sich. Dann entfernte sich das Geräusch von schlagenden Schaufelrädern und stampfenden Maschinen immer weiter. Auf dem Kesseldeck, auf dem Libby lag, kamen die Passagiere der Ersten Klasse aus ihren Kajüten. Auf dem darunterliegenden Hauptdeck riefen Leute in verschiedenen Sprachen durcheinander. Vor Angst immer noch wie gelähmt, hatte Libby das Gefühl, dass sie sich nicht bewegen konnte. Es kam ihr vor, als wären Stunden vergangen, als sie schließlich den Kopf hob. »Annika?« Die Lehrerin lag mit dem Gesicht nach unten und hielt die Hände über ihren Kopf. »Annika?« Libby setzte sich hin. »Ist alles in Ordnung mit dir?« Annika setzte sich nun ebenfalls auf. »Es geht mir gut, Libby.« Sie drückte Libbys Hand. »Das war knapp, nicht wahr?« »Ich bin froh, dass du gerannt bist.« Libby klapperten die Zähne, und sie zitterte am ganzen Körper. Und

S

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sie zitterte immer noch vor Angst, als Caleb Whitney zu ihnen stieß. »Libby!« Caleb kniete sich neben sie auf das Deck. »Hast du dir wehgetan?« Sogar im Nebel und in der Dunkelheit der Nacht konnte Libby Calebs blonde Haare und die Sorge in seinen Augen sehen. Vor fünf Jahren hatte Papa Calebs Großmutter als Chefköchin angestellt. Seitdem lebte auch Caleb an Bord. »Wo warst du, als das Schiff vorbeifuhr?«, fragte er. Libby nickte nur, sie war immer noch zu erschüttert, um zu sprechen. Sie nahm einen tiefen Atemzug und versuchte ihre Angst zu verbergen. »Vorhin standen Annika und ich an der Reling, ganz in der Nähe vom Heck. Dort hat es uns getroffen, nicht wahr?« Caleb nickte. »Wie seid ihr hierhergekommen?« Libby zwang sich zu einem Lächeln. »Wir sind gerannt.« »Geht es dir gut, Annika?«, fragte Caleb, als er ihr auf die Füße half. »Ja, dank Libby.« Annika strich sich die Haare aus den Augen. Nun wurde Libby zornig. »Wie kann ein Dampfschiffkapitän nur bei solchem Nebel einfach weiterfahren?« »Er muss einen sehr guten Grund haben.« Caleb schaute ihr prüfend ins Gesicht. »Du hast echt einen Schreck bekommen, was?« Libby schluckte. »Die Deckpassagiere auf dem Hauptdeck. Auch wenn das Schiff sie nicht direkt 17


getroffen hat …« Libby hielt inne, sie hatte Angst, ihre Gedanken in Worte zu fassen. »Ich weiß.« Caleb sprach ebenfalls leise. »Ich war dort, als das Schiff uns traf. Es befinden sich über hundert Leute auf jenem Deck. Der Aufprall hätte viele von ihnen ins Wasser werfen können. Aber soweit ich weiß, ist niemand hineingefallen.« Als Caleb auch Libby auf die Füße half, schaute sie ihm in die Augen. »Du hast genauso viel Angst wie ich«, bemerkte sie. »Nicht ganz.« Calebs Gesichtsausdruck verriet keine Angst, doch Libby kannte ihn gut. Wenn Caleb entlaufenen Sklaven half, konnte er sich keinen falschen Gesichtsausdruck leisten. Für einen flüchtigen Sklaven könnte das über Leben und Tod entscheiden. Caleb hatte gelernt, seine Gefühle zu verbergen. »Papa?«, fragte Libby immer noch fröstelnd. »Ich habe ihn noch nicht gesehen.« Caleb zog seine Jacke aus und gab sie Libby. Sie war froh über die Wärme. »Es war heute so warm, dass ich kaum glauben kann, wie kalt es jetzt ist.« »Das bringt der Nebel mit sich«, erinnerte Caleb sie. »Der Fluss ist immer noch warm. Wenn ein Wind kommt oder die Sonne den Nebel durchdringt, wird dein Papa weiterfahren.« Trotz Calebs Jacke zitterte Libby erneut. Dann erinnerte sie sich an etwas, worüber sie sich freuen konnte. »Papa fährt ein gutes Schiff, nicht wahr?« Calebs Grinsen war nun echt. »Das beste Schiff! Ich hoffe, es stößt ihm nichts zu.« Seine Worte ähnelten dem, was Libby in Bezug auf 18


Annika gedacht hatte, so sehr, dass sie nun auf einmal ein seltsames Gefühl hatte. Falls seinen Passagieren etwas zustoßen würde, wäre dies für Papa ein harter Schlag. Wer auch immer sie waren, ob reiche oder arme Menschen, Sklaven oder Freie – seine Passagiere waren ihm nicht egal. Als die Schiffsglocke der Christina erneut läutete, drangen die hohen Töne einer Geige durch den Nebel und die Dunkelheit. Als sie die fröhliche Melodie hörte, klopfte Libby mit dem Fuß den Takt. »Komm, wir sehen nach, wer spielt. Vielleicht finden wir Jordan und Peter.« Auf dem Weg zum Geiger gingen sie zum Heck zurück, um nachzusehen, was geschehen war. Auf der Seite der Fahrrinne war ein langes Stück der Reling zersplittert. Genau an der Stelle, wo Libby und Annika gestanden hatten, war die Reling abgerissen – und ein großes Loch im Deck blieb zurück. Annika warf einen Blick darauf und sagte leise: »Danke, Libby.« Und mit einem Blick zum Nachthimmel sagte sie: »Danke, Herr!« In diesem Augenblick stieß Papa auf sie. In seiner Kapitäns-Uniform sah er groß und stattlich aus. Doch für Libby bedeutete Papa immer mehr – die Art Vater, die er war. Soweit sie zurückdenken konnte, war Libby stolz auf ihn. Als Papa sie erblickte, sah er erleichtert aus. Er hält nach mir Ausschau, dachte Libby mit einem Gefühl von Geborgenheit. Er kümmert sich um mich. Dann wanderte Papas Blick weiter zu Annika. »Schön, Sie zu sehen, Frau Berg. Geht es Ihnen gut?« 19


Annika lächelte. »Ja, danke, Kapitän Norstad.« Libby freute sich darüber, dass Papa sich auch um Annika sorgte. Vielleicht würden sie trotz des schlechten Beginns ihres Kennenlernens doch noch gute Freunde werden. »Dank Libby geht es mir gut«, fügte Annika hinzu. Als sie die Geschichte erzählte, wurde Papa bleich. »Und dort habt ihr gestanden?« Papa zeigte auf das Loch im Deck. »Komm, Libby. Lass dich in den Arm nehmen.« Als Papas Arme sie umgaben, fühlte sich Libby wieder geborgen. Im nächsten Augenblick kam der Schiffsschreiner mit seinen Mitarbeitern zu Kapitän Norstad. »Wir haben viele Gründe, dankbar zu sein«, sagte Papa ihnen. »Niemand hat sich verletzt, und der Schaden hätte viel größer sein können. Sorgen Sie hier bitte mit einer Absperrung dafür, dass niemand hinunterfällt. Gehen Sie dann nach unten und arbeiten Sie auf dem Hauptdeck.« Libby, Caleb und Annika ließen Papa zurück und begaben sich zur Treppe in der Mitte der Christina, um die restlichen Schäden zu begutachten. Auf dem Hauptdeck hatte das vorbeifahrende Schiff die Verschläge für die Tiere aufgerissen. Mindestens sieben Meter der Abdeckung – jenem Teil des Schiffes, das über den Rumpf hinausragte – waren abgerissen. In der Nähe des Hecks hielt ein Besitzer seine Kuh an einem Seil fest, das sie um den Hals trug. Ein anderer Mann bemühte sich, seine Schafe vom Rand fernzuhalten. Libby wusste: Es war ein Wunder, dass niemand verletzt wurde. 20


Der Geiger spielte immer noch, und Libby, Caleb und Annika folgten dem Klang seiner Musik. Auf der Vorderseite des Schiffs stießen sie auf Peter, der auf der obersten Stufe der breiten Treppe saß, von der aus man eine gute Sicht auf den Bug hatte. Libbys Neufundländer, ein großer schwarzer Hund namens Samson, lag neben ihm. Jordan Parker saß zwei Stufen weiter unten. Er war ein entlaufener Sklave, der sich auf die Christina geflüchtet hatte und nun für Papa arbeitete. Als Caleb sich neben Jordan setzte, drängten Libby und Annika sich neben Peter. Für Libby war Peter Christopherson wie der jüngere Bruder, den sie sich immer gewünscht hatte. Er war ein Waisenjunge, der sein Gehör durch eine Krankheit verloren hatte, und lebte seit etwa einem Monat auf der Christina. Nun war Libby so froh, ihn zu sehen, dass sie ihn kurz umarmte. Peter sah erstaunt aus, grinste dann aber. »Geht’s dir gut?«, fragte Libby ihn in Gebärdensprache. »Ja«, antwortete der blonde Zehnjährige in seiner gewohnten Art. Er konnte auf sich selbst aufpassen. Peter hatte die Gebärdensprache an der Schule für Gehörlose in Jacksonville, Illinois, gelernt. Nun brachte er Libby und den anderen die Gebärdensprache bei. Peter hatte sprechen gelernt, bevor er im Alter von sieben Jahren sein Gehör verloren hatte. »Und dir?«, fragte er Libby. Sie nickte, doch in ihrem Innern war sie sich nicht so sicher. Immer wenn sie an jenen Augenblick direkt vor 21


dem Aufprall des Schiffes dachte, erschauderte sie. Das Geräusch von schlagenden Hämmern erinnerte Libby an ihr knappes Entkommen. Auf dem Hauptdeck hing eine Laterne direkt neben der Treppe zum Kesseldeck. Ihr sanftes Licht durchdrang den Nebel und die Dunkelheit vor der Dämmerung. Der Geiger stand in der Nähe der Laterne, während sein Bogen über die Saiten tanzte. Um ihn herum saßen die Deckpassagiere auf Lattenkisten und Fässern oder standen dort, wo sie gerade Platz fanden, und klopften im Rhythmus der Musik mit den Füßen. Annika neigte den Kopf in Richtung des Geigers und flüsterte: »Er ist wirklich gut.« Der Geiger war jung und schlank, sein dunkles Haar reichte ihm beinahe bis zu den Schultern. Er trug einen Schnurrbart, hatte eine gerade Nase und hohe Wangenknochen. Er stand neben dem Koffer eines Einwanderers, doch Libby fragte sich: Ist das sein Koffer? Irgendetwas passt nicht ganz zusammen. Sogar von der Stelle aus, wo Libby saß, konnte sie erkennen, dass das weiße Hemd des Geigers zerlumpt aussah. Das erschien ihr komisch. Deckpassagiere besaßen normalerweise nicht viel Geld, doch die Einwanderer unter ihnen gaben sich Mühe, ihre Kleider stets zu flicken. Vielleicht kann der Geiger seine Kleider nicht selbst flicken, dachte Libby. Vielleicht reist er allein. Doch Libby dachte weiter. Auch wenn er alleine reist … Mama ist jetzt seit mehr als vier Jahren tot. Seitdem war Papa die ganze Zeit allein unterwegs. 22


Von ihrem Platz auf einer Seite der Treppe blickte Libby nach oben und hielt nach ihrem Vater Ausschau. Als Papa zu ihnen kam, lächelte er Libby und Annika wieder an. Er blieb kurz stehen, um mit Peter und Jordan zu sprechen, und ging dann weiter die Stufen hinunter. Während der Geiger weiterspielte, ging Papa von einer Menschengruppe zur anderen. Oft blieb er stehen, um mit einer Einwandererfamilie zu sprechen. Mehrmals zeigte Papa auf ein Kind und dann zum Rand des Decks. Jedes Mal, wenn Papa eine Bewegung machte, wie wenn er das Kind zurückhalten würde, nickte ein Vater oder eine Mutter. Obwohl Papa ihre Sprache nicht sprach, schienen sie ihn zu verstehen. Schließlich kehrte Papa zur Treppe zurück. Neben der Wand, an der die Laterne hing, blieb er stehen und schaute und hörte zu. Der Bogen des Geigers bewegte sich schneller und schneller und berührte die Saiten dabei fest und kurz. Weder der Nebel noch die Dunkelheit konnten seine Melodien daran hindern, zu allen Zuhörern durchzudringen. Einige klatschten im Rhythmus der Musik. Dann begann der Geiger beim Spielen zu tanzen. Wo immer dies möglich war, schoben die Passagiere etwas Fracht beiseite. In dem engen freien Raum stampfte der Geiger mit den Füßen und wirbelte dabei herum. Als ein kleines Mädchen aufstand, drängten die Leute noch weiter zurück, um Platz zu machen. Mit nackten Füßen flog das Mädchen förmlich über die Bretter und drehte sich dabei übermütig im Kreis. Ein noch kleinerer Junge kletterte auf eine Lattenkiste und sprang zur Musik auf und ab. 23


Als der Geiger aus dem Kreis zurücktrat, schweifte seine Musik weiter, leicht und frei. Andere Tänzer füllten den Raum. Auch Caleb und Jordan klatschten wie die Deckpassagiere, stampften mit den Füßen und riefen nach mehr Liedern. Peter beobachtete die beiden Jungs, um den Rhythmus zu halten, und begann dann ebenfalls zu klatschen. Manchmal zupfte der Geiger an den Saiten. Manchmal spielte er auf zwei Saiten gleichzeitig. Von einem fröhlichen Lied zum nächsten ging er, und seine Musik ließ einen den Nebel und die Dunkelheit vergessen. Libby brauchte nur einen Blick in die Runde zu werfen, um zu wissen, dass sich die Nacht verändert hatte. Die Deckpassagiere begannen, ihren Schrecken zu vergessen. Obwohl sie immer noch von dichtem Nebel umgeben waren, war das Deck von Musik und Lachen erfüllt. Nur einmal konnte Libby die graublauen Augen des Geigers sehen. Er ist sich dessen bewusst, dachte sie. Er ist sich dessen bewusst, dass Musik die Angst vertreibt. Doch seltsamerweise hatte Libby bei dem Mann ein unbehagliches Gefühl. Sein Gesicht verbirgt ein Geheimnis. Wer ist er? Warum ist er hier? Selbst verwirrt durch ihr Unbehagen, schaute Libby dem Geiger weiter zu. Wie komme ich darauf, dass er ein Geheimnis hat? Dann fiel ihr noch etwas auf. Obwohl er in seinen zerlumpten Kleidern arm aussah, hatte er keinen Hut aufgestellt, um Geld zu sammeln. Eine Zeit lang wartete Papa, als wollte er den Deck24


passagieren ihren Spaß nicht verderben. Als der Geiger aufhörte zu spielen, jubelte und klatschte die Menge. Erst dann trat Papa vor. »Bitte«, lud Papa den Geiger ein. »Würden Sie auch für meine Passagiere der Ersten Klasse spielen?« Der Mann blickte verständnislos drein. Deshalb zeigte Papa auf den Geiger und seine Geige und dann die breite Treppe hinauf, die zur großen Hauptkajüte führte, in der das Essen serviert wurde. Der Geiger schüttelte den Kopf. »Nein!«, erwiderte er auf Deutsch. Libby kannte das Wort. »Es würde mich sehr freuen, wenn Sie das für mich täten«, antwortete Papa. »Meine Passagiere lieben gute Musik und würden sich durch Ihren Auftritt geehrt fühlen.« Der Geiger schüttelte den Kopf. »Das ist nicht gut!«, sagte er mit starkem deutschem Akzent. Trotzdem fragte sich Libby, ob er wirklich aus Deutschland kam. Irgendwie klang der Geiger anders als ihre deutsche Freundin Elsa. »Kommen Sie.« Papa führte den Geiger weg von den horchenden Passagieren. »Ich erwarte nicht, dass Sie gratis spielen sollen. Wir werden Sie für Ihr Konzert bezahlen.« Einen Augenblick lang zögerte der Geiger, unschlüssig, wie er sich entscheiden sollte. Seine Augen blicken ängstlich, dachte Libby. Warum bloß?

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Störenfriede er Geiger deutete auf sein zerschlissenes Hemd. »Meine Kleider?« »Wenn es Sie stört, können Sie meine Kleider tragen«, schlug Papa vor. »Wir sind etwa gleich groß.« »Nein!«, rief der Geiger sofort, noch energischer als zuvor. Papa trat einen Schritt zurück und lächelte. »Sie können anziehen, was Sie wollen. Sie sehen gut aus, wie Sie sind.« Komisch!, dachte Libby. So etwas habe ich Papa noch nie tun sehen. Die Passagiere der Ersten Klasse waren alle gut gekleidet, weit gereist und gebildet. Die Leute, die Papa zur Unterhaltung einstellte, waren immer gut gekleidet, außer wenn sie sich für eine Rolle verkleideten. Doch Libby kannte ihren Vater. Er wollte den Geiger nicht in Verlegenheit bringen. »Sie sind mein Stargast«, erklärte Papa. Diesmal nickte der Geiger. »Ich komme.« »Heute Abend? Nach dem Abendessen?« Der Geiger lächelte. »Ich spiele ein Konzert, das Ihre Passagiere nie mehr vergessen werden.« Papa wandte sich an Caleb und Jordan, die immer noch auf den Treppenstufen saßen. »Macht die Veranstaltung bekannt! Sagt den Passagieren der Ersten Klasse, dass wir das beste Konzert veranstalten werden, das sie je gehört haben!« Der Nebel hatte sich in ein milchiges Weiß verwandelt, als sich Libby in der großen Hauptkajüte, dem

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