Skip to main content

256165

Page 1

Alfred J. Gilliard

Der Schatz der Tuscarora

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


1. Auflage 2015 (CLV) Lizenzausgabe Alfred J. Gilliard: Der Schatz der Tuscarora © 1980 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Original erschienen unter dem Titel »White Deer’s Treasure« im Verlag Lutterworth Press, Cambridge © der Lizenz-Ausgabe 2015 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld www.clv.de Übersetzung: Wendelin Baumeister Satz: CLV Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: BasseDruck GmbH, Hagen Bestell-Nr. 256.165 ISBN 978-3-86699-165-1


Inhalt Im Lager der Tuscarora

7

Der Schatz

12

Kampf um die Wahrheit

21

Die Eindringlinge

31

Von den Weißen gefangen

39

Das Geheimnis des Schatzes

45

Weißer Hirsch spricht fremde Worte

50

Auf einsamer Fährte

54

Die Tomahawk-Fälle

58

Nonsega

64

Gefangen!

67

Nonsegas Mutter

72

Befreiung

78

Das große Wasser

82

Über das große Wasser

87

Der Trapper

92

Gefährten

98

Winter

102

Der verwundete Trapper

107

Der Schatz

113

Bruderschaft

121


Im eisigen Norden

127

Die RĂźckkehr

129

Aufforderung zum Kampf

133

Silberner Strom greift ein

138

Der Schatz der Tuscarora

142


Im Lager der Tuscarora

W

ar Frieden oder Krieg? Seit Schweigender Bär in das Lager zurückgekehrt war und die stärksten Krieger aufgefordert hatte, ihm in die Wälder des Südens zu folgen, war diese Frage bei Männern und Frauen nicht mehr zur Ruhe gekommen. Eine seltsame Unrast lag seit dem letzten Vollmond über den Zelten der Tuscarora. Old Mentanah, der Medizinmann, hatte Not, Hunger und das Klagen vieler Witwen prophezeit. Krächzend hatte er seine krummen Finger erhoben: »Die Medizin steht schlecht, wenn der Mond ganz in Blut getaucht ist!« Damals hätten scharfe Beobachter kaum merkbare Zeichen des Zweifels in den beherrschten Gesichtern der Krieger entdecken können. Das Ansehen des Medizinmanns war in den letzten Jahren gesunken. Hatte er nicht vorausgesagt, dass Weißer Hirsch, des Häuptlings einziger Sohn, einen Bruder bekommen sollte? Und dann hatte doch nur das helle Geschrei von Silberner Strom den Wigwam erfüllt. Häuptling Donnernde Stimme war sorgenvoll einhergegangen, bis die Krieger ihm versichert hatten, dass seine kleine Tochter so fest zupacken konnte wie nur je ein Junge. Wollte der Medizinmann nicht ganze Heringsschwärme im Brüllenden Fluss gesehen haben? Und doch hatten sie in den letzten Sommern kaum einen Fisch gefangen. 7


Jetzt aber war der Ruf Old Mentanahs wiederhergestellt. Nach dem letzten Vollmond waren Späher der Onondaga ins Lager gekommen. Sie hatten Kunde von Männern gebracht, deren Gesichter weiß wie Silberbirke im Mondlicht leuchten sollten. Niemand, den die Krieger kannten, hatte sie je gesehen. Aber die Späher der Onondaga stießen weit in das sagenhafte Land im Westen vor. Dort hatten sie andere Indianer getroffen, die ihnen davon berichtet hatten. Einer von ihnen wollte gesehen haben, dass diese weißen Männer einen feurig-roten Zauber ausatmen konnten, der auf große Entfernungen tötete. Wie unsichtbare Pfeile. In der Nacht nach dem Besuch der Onondaga-Späher hatte Morgenwind, die älteste Squaw des Stammes, im Traum eine große weiße Welle gesehen, die das ganze Land überspülte, Lager und Zelte mit sich fortriss und alle Indianer ertränkte. Nur einige wenige trug sie lebend davon. Nun war Schweigender Bär ins Lager gekommen und hatte einige Krieger zusammengerufen. Mit kampfbereiten Tomahawks waren sie aufgebrochen, und nur Donnernde Stimme kannte ihren Auftrag. War Frieden oder Krieg? Die Sonne berührte die Spitzen der hohen Fichten und warf lange Schatten über das kleine Plateau, auf dem die Tuscarora ihr Lager aufgeschlagen hatten. In den schwermütigen Gesang der Frauen, die das Abendessen zubereiteten, mischte sich das Rauschen der Bäume auf dem Westhang. Die alten Squaws mochten sich noch an den letzten Krieg mit den Oneida erinnern. Jeder Tuscarora hatte damals den Skalp eines feind8


lichen Oneida am Gürtel getragen. Aber auch die Oneida hatten stolz auf ihre Tuscarora-Skalpe gewiesen. Sie, die Squaws, waren damals fast vergangen vor Hunger und Angst. Aber das war lange her. Die jungen Frauen wussten schon nichts mehr davon. Seitdem war lange Jahre Frieden gewesen. Und jetzt? Häuptling Donnernde Stimme trat aus seinem Zelt und ging mit gewichtigen Schritten zum Beratungsfeuer hinüber. Um ihn scharten sich die ältesten Krieger des Stammes, die Mitglieder des Lagerrats. Lange starrte Donnernde Stimme ins Feuer. Die Fichtenscheite knackten, und leise strich der Abendwind durch die Baumwipfel. Dann begann der Häuptling zu sprechen: »Viele Monde lang haben wir im Überfluss gelebt.« Dröhnend schallte seine Stimme über das Lager hin. »Ohne Behinderung haben wir gejagt und gefischt. Der Stamm ist reich geworden. Unsere Hunde sind fett und unsere jungen Krieger reif für den Kampf!« Leises Murmeln lief durch die Reihen der Krieger. Sie hockten im Halbkreis um das Feuer, und der Schein der zuckenden Flammen huschte über ihre Gesichter. »Hat der lange Frieden uns zu Weibern gemacht?« Der Spott in der Stimme des Häuptlings traf die Männer wie ein Peitschenhieb. »Soll man uns nachsagen, dass die Tuscarora den Gebrauch von Speer und Tomahawk verlernt haben? Sind unsere Augen so schwach geworden, dass wir der Fährte nicht mehr zu folgen vermögen?« Seine Stimme schallte, dass die Hunde unten in den Höhlen am Fluss sich winselnd duckten. 9


»Wollt ihr Frieden oder Krieg?« Scharf und fordernd kam die Frage von des Häuptlings Lippen. Schreiend sprangen die Krieger auf: »Wir wollen den Krieg!« Und sie stimmten den Kriegsgesang der Tuscarora an. Ein Stöhnen lief durch die Reihen, als wären es Geister getöteter Krieger, denen die Fröhlichen Jagdgründe verschlossen waren, anschwellend und jäh abfallend, von schrillen Schreien unterbrochen, dann verebbend bis zu schluchzendem Winseln, als würden die letzten Blutstropfen des geschlagenen Gegners im Sande versickern. Tomahawks wirbelten über den Köpfen der Krieger, die im Rhythmus des Tanzes den Tod ihrer Feinde beschworen. Am wildesten schwenkte Treibende Wolke, der jüngste Krieger des Stammes, seine Waffen. Er schrie am lautesten, obwohl er noch nie hatte Menschenblut fließen sehen. Der aufgehende Mond erleuchtete in dieser Nacht ein gespenstisch anmutendes Bild. Auch Frauen und Kinder nahmen in einem äußeren Kreis an dem wilden Getümmel teil. Sie wagten es nicht, sich den Kriegern zu nähern, wollten aber auch nicht ausgeschlossen sein. Endlich ging der Tanz zu Ende. Keuchend ließen die Krieger sich zu Boden fallen. In die plötzlich eingetretene Stille klang das Kläffen der erregten Hunde. Nur einer war hoch aufgerichtet am Feuer stehen geblieben. Haltung und Kleidung kennzeichneten ihn als des Häuptlings Sohn. »Es ist Krieg«, rief er mit heller Stimme über das Lager hin. »Aber gegen wen kämpfen wir eigentlich? 10


Fordert Donnernde Stimme uns heraus mit einer Geschichte, die bei geschwätzigen Nachbarn entstanden ist? Sind die Tuscarora tapfer angesichts eines Frauenmärchens? Wir haben den Kriegsgesang angestimmt. Sollten wir nicht besser erst wissen, wer unser Gegner ist?« Wollte er den ganzen Stamm verspotten? Über das Feuer herüber drang ein leises Zischen, bei dem Donnernde Stimme mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf wandte. Aber da war es schon wieder verstummt. Vielleicht war es nur ein grüner Ast im Feuer gewesen.

11


Der Schatz

H

atte Donnernde Stimme die Tuscarora ohne Grund zum Kampf aufgerufen? Schweigender Bär und seine vier Begleiter hätten Antwort darauf geben können. Hintereinander pirschten sie durch den Wald, jeder in die Fußspur des Vordermanns tretend, damit man aus ihrer Fährte nicht lesen konnte, wie viele Krieger sie begangen hatten. Sie überquerten den Brüllenden Fluss oberhalb der Prancing-Fälle an einer Stelle, an der die Felsen wie abgebrochene Zähne aus dem Wasser ragten. Ohne Rast marschierten sie weiter, bis sie eine weite Lichtung erreichten. Schweigender Bär hob den Tomahawk. Im Schatten der Fichten blieben die Späher stehen. Prüfend ließ Schweigender Bär seine Blicke über die Lichtung gleiten, achtete auf jede Bewegung, jedes Geräusch. Erst dann trat er aus dem Wald hinaus und winkte seine Begleiter heran. »Hier sind die Spuren der Fremden«, flüsterte er niederkniend. »Zwei Männer haben vergangene Nacht hier gelagert. Schaut!« Er beugte sich über eine verglommene Feuerstätte. »Komische Fährte!«, brummte Wieselauge und deutete auf den Boden, wo sich die Fußabdrücke der Fremden deutlich im grünen Moos abzeichneten. Kein indianischer Mokassin hinterließ solche Spuren. Und das Fremde, Unbekannte erfüllte die Krieger mit leiser Furcht. Auf der anderen Seite aber forderten sie diese scharf in den Boden geprägten Abdrücke geradezu 12


heraus. »Die weißen Männer sind uns reichlich nahe gekommen«, stellte Wieselauge fest. »Sie sind zwei, und wir sind fünf!«, entgegnete Schweigender Bär. »Fremde Skalpe wären im Lager der Tuscarora etwas Wertvolles!« »Sie können nicht weit sein. Das Feuer ist noch nicht lange kalt.« Mit geschulten Augen untersuchten die Krieger Lager und Feuerstätte. Dann drängte Schweigender Bär zum Aufbruch. Mit raumgreifenden Schritten strebte er dem südlichen Rand der Lichtung zu. Sie konnten der Fährte der Fremden mühelos folgen. Schweigender Bär deutete auf zertretenes Unterholz und beschädigte Bäumchen und grunzte verächtlich. Angesichts so vieler Beweise von Unachtsamkeit gewannen die Tuscarora-Späher ihre Sicherheit zurück. Was man ihnen auch immer erzählt haben mochte: Wenn die Fremden so achtlose Fährten hinterließen, konnte es mit ihrer Weisheit nicht so schrecklich weit her sein. Schweigender Bär nahm sich keine Zeit zum Rasten und Essen. Während er von Baum zu Baum glitt, malte er sich bereits die Rückkehr ins heimatliche Lager aus, geschmückt mit den Skalpen der Fremden als Beweis seiner Tapferkeit. Sie folgten der fremden Spur, bis die Sonne blutig rot hinter den Bäumen verschwand und Dunkel sich zwischen den Stämmen auszubreiten begann. »Seht!« Ein leises Zischen von Schweigender Bär ließ die Männer regungslos verharren. Und während die vorgeneigten Köpfe sich mühten, die Dunkelheit zu durchdringen, umspannten die Hände kampfbereit die 13


Tomahawks. Ein feiner, kaum merklicher Lichtschein tanzte über den schwarzen Hintergrund. Schweigender Bär wandte sich nun mehr nach Westen, bis der Schein eines Feuers durch die Bäume schimmerte. Zentimeterweise schoben die fünf Indianer sich jetzt ihrem Ziel entgegen. Kein Ast knackte unter den Tritten ihrer Mokassins. Die letzte Strecke brachten sie auf Händen und Füßen hinter sich. Dann sah Schweigender Bär unter den Zweigen eines niedrigen Busches hindurch, kaum fünf Meter von sich entfernt, was ihn bis hierher getrieben hatte. Im Schein des Feuers saßen ein MohawkIndianer und ein Mann mit so weißer Haut und so blonden Haaren, dass Schweigender Bärs Augen sich weiteten vor Staunen. Das Knistern der Flammen verstärkte sich, als der Nachtwind unter die Scheite fuhr. Dann hörten die fünf Tuscarora, die sich bis an den Kreis des Feuers herangeschoben hatten, den Mohawk sagen: »Noch hast du den Schatz sicher!« Er deutete auf ein schweres, viereckiges Bündel, das der weiße Mann von seinem Gepäck gelöst hatte. Die Antwort konnte Schweigender Bär nicht verstehen, denn die Stimme des Weißen trug nicht bis zu seinem Versteck herüber. Aber schon die Worte des Mohawks hatten sein Herz höher schlagen lassen. Die Fremden hatten einen Schatz ins Land gebracht! Waren nicht die Tuscarora als Beherrscher dieses Landes seine rechtmäßigen Besitzer? Er sah die Augen seiner Begleiter aufglühen. Wieselauge kroch an ihn heran und presste seinem 14


Anführer den Tomahawk in die Hüften. Schweigender Bär aber bedurfte keiner Aufforderung. Die Späher, gewohnt Wild zu jagen, das schlauer und schneller war als der kühnste indianische Jäger, verstanden einander. »Die Mohawks werden den Schatz des weißen Mannes in Ehren halten«, sagte der Indianer am Feuer und schob mit dem Fuß die brennenden Scheite zurecht. Sein Blick ruhte auf der Glut, dann sah er auf und wandte sich seinem Gefährten zu. Plötzlich aber wich aus dieser Bewegung alle Gleichgültigkeit. Ohne ein Zeichen der Überraschung zu verraten, war der Mohawk mit einem Schlag hellwach. Seine Augen hefteten sich an den im Schatten liegenden Waldrand. Hatte sich dort nicht leise ein Ast nach oben bewegt? Der Indianer, dessen Kenntnis des Waldes nahezu zu einem sechsten Sinn herangebildet war, hatte gestutzt. Aber Schweigender Bär war die Veränderung im Verhalten des Mohawks nicht entgangen. Sekundenschnell entschloss er sich zu handeln. Mit erhobenem Tomahawk stürzte er auf die Lichtung, von seinen fächerförmig ausschwärmenden Gefährten gefolgt. Bei dem wilden Geschrei der Angreifer war der Weiße aufgesprungen. Schweigender Bär, gewöhnt an die Grausamkeit und den Schneid indianischer Kriegführung, rechnete mit einer harten Gegenwehr der Bedrohten. Aber der Mohawk streckte beide Arme vor und entbot so das indianische Zeichen des Friedens. Einen Augenblick zögerte Schweigender Bär. Seine blitzenden Augen trafen den Blick seines Gegners und begegneten darin Mut und Offenheit. Er ließ den Toma15


hawk sinken. Mit dieser Lage wurde er so ohne Weiteres nicht fertig. Sein Gegenüber nutzte diese Unentschlossenheit. »Wir bringen euch Frieden im Namen des Großen Manitou«, sagte er. Seine Worte vergrößerten die Unsicherheit noch, in der Schweigender Bär sich befand. Gehorsam hatten auch seine Begleiter die Waffen gesenkt und warteten mit unbewegten Gesichtern, was geschehen würde. »Die Krieger der Tuscarora mögen das Kriegsbeil begraben und die Pfeife des Friedens mit uns rauchen«, bat der Mohawk. Aber noch während er sprach, verfinsterten sich Schweigender Bärs Mienen. »Ihr seid Feinde unseres Stammes!«, donnerte er den Mohawk an. »Gebt den Schatz heraus!« Gedankenschnell wandte sich der Angeredete an seinen Begleiter, entriss ihm das viereckige Bündel und hielt es den Angreifern entgegen. »Da! Nehmt ihn!«, rief er. »Wir haben ihn monatelang für euch getragen!« Schweigender Bär hob den Tomahawk, als ihm das Bündel gereicht wurde. Wieselauge aber, dessen Wildheit bei der Erwähnung des Schatzes neu aufgeflammt war, stürzte sich auf den Mohawk. Die Autorität von Schweigender Bär war vergessen. »Viele Monde sind vergangen, seit die Tuscarora Skalpe ihrer Feinde gesehen haben!« Befriedigt warf Wieselauge eine Stunde später neues Holz auf das verglimmende Feuer. Missfällig beobachtete Schweigender Bär seine Prahlerei. 16


»Der Große Manitou wird in die Fröhlichen Jagdgründe einen Mohawk mit seinem weißen Begleiter aufnehmen müssen, die beide von einem Narren dorthin geschickt worden sind!«, brummte er. »Wo ist denn jetzt dein Schatz?« Ein bitterer Unterton schwang in seiner Stimme. Wieselauge lachte gezwungen. »Du würdest ja mit deinen Feinden die Friedenspfeife rauchen wie eine Oneida-Squaw!«, gab er zurück. »Jedenfalls würde ich mir ein Geheimnis erst erzählen lassen, bevor ich seinen Besitzer umbrächte!«, zürnte Schweigender Bär. Die kleine Waldlichtung wies kaum Zeichen der blutigen Tragödie auf, deren Schauplatz sie vor Kurzem gewesen war. Ein Aufblitzen von Wieselauges Tomahawk – Schweigender Bärs Einspruch, um Sekunden zu spät – ein Verteidigungsversuch des Weißen, dann das zornige Lachen des fallenden Mohawks – innerhalb weniger Augenblicke waren die Tuscarora durch eine blutige Metzelei alleinige Besitzer des Schatzes geworden. Mürrisch hatte Schweigender Bär zugesehen, wie Wieselauge gierig an der Umhüllung gezerrt hatte, und seinen Ohren war der leise Ruf der Enttäuschung nicht entgangen. Wieselauge hatte ein schwarzes Buch in Händen gehalten, dessen weiße Blätter mit unzähligen Reihen unbekannter Zeichen bedeckt waren. Nie hatten die Krieger so etwas gesehen. Weder von seinem Wert noch von seinem Gebrauch hatten sie die geringste Ahnung. Der habgierige Späher hatte farbige Perlen, Kupfer oder leuchtendes Silber erwartet. Aber so etwas? Ein Windstoß war durch die Bäume gefahren und hatte mit 17


leisem Rascheln die Blätter des Buches bewegt. Da hatte Wieselauge es mit einem Schreckensruf von sich geworfen. Das Ding besaß ja eine Stimme! »Wieselauge wird von jetzt an ein reicher Krieger sein«, spottete Schweigender Bär weiter. »Er wird seinen Mut zusammennehmen und seinen Schatz ins Lager tragen.« Dabei wies er auf das Buch, das noch immer unangetastet am Waldrand lag. »Wieselauge wird den Schatz seinem mächtigen Bruder Schweigender Bär zum Geschenk machen«, entgegnete der Gefoppte. Die Blicke der beiden Krieger trafen sich herausfordernd. Die anderen Späher begannen zu fürchten, dass die kleine Lichtung in der gleichen Nacht zum Schauplatz eines zweiten, noch heftigeren Kampfes würde. Da erhob sich Schweigender Bär langsam von seinem Platz am Feuer und schritt zu dem Buch hinüber. Er hob es auf, kehrte ans Feuer zurück, ließ sich nieder und barg es in den Falten der Decke, die er über den Schultern trug. »Es gibt noch Männer unter den Tuscarora«, bemerkte er ruhig. Schweigend bereiteten seine Gefährten ihre Lager. Wieselauge, der gedankenverloren in die Nacht starrte, war, als hörte er von Neuem das leise Rascheln der weißen Blätter des Buches. Ihn schauderte vor dem schwarzen Zauber, den sie auf ihrem Streifzug erbeutet hatten. Schweigender Bär hatte er sich zum Feind gemacht. War an allem nicht der unglückselige Schatz des Weißen schuld? Er musste jedenfalls etwas tun, um sein verlorenes Ansehen wiederherzustellen. Als der Himmel zwischen den Baumspitzen sich 18


grau zu färben begann und den nahenden Tag ankündigte, schlug Schweigender Bär die Augen auf. Mit einem Satz war er auf den Beinen. Alle Müdigkeit war von ihm gewichen. Sein überraschter Ausruf brachte auch die anderen auf die Füße. Wo war Wieselauge? Der Morgenwind entfachte das zusammengesunkene Feuer zu neuer Flamme, als einer der Späher die niedergebrannten Holzscheite mit dem Fuß zusammenschob. Ihr Lichtschein erhellte den Männern den Umkreis des Lagers. Wieselauge war fort. Sitzender Stier und Kleiner Wolf waren auf ihren Posten von Wieselauge abgelöst worden, der die letzte Wache allein übernommen hatte. Der Wald lag still mit Ausnahme des ersten Raschelns und Flatterns seiner bepelzten und gefiederten Bewohner, die sich für einen neuen Tag rüsteten. »Schlechte Medizin«, knurrte Sitzender Stier, als er den Boden um das Feuer sorgfältig untersucht hatte. »Zum Feuer ist er nicht zurückgekehrt. Er wird schon wissen, warum er es so eilig hatte.« »Wir kehren ins Lager zurück!«, bestimmte Schweigender Bär. Wortlos verzehrten die vier Krieger ihr getrocknetes Fleisch, verwischten die Spuren ihres Lagers und traten den Rückmarsch an. Hinter ihren unbeweglichen Mienen kreisten besorgt die Gedanken immer wieder um das gleiche Thema. Leise flüsterten die jungen Krieger miteinander, als sie hinter Schweigender Bär durch den Wald zogen. »Hat er den schwarzen Zauber bei sich?«, fragte Sitzender Stier, als eine Windung des Pfades sie den Blicken ihres Anführers entzog. 19


»Er hat ihn in seiner Decke«, antwortete Kleiner Wolf. »Er behandelt ihn sorgfältiger als seinen Tomahawk.« »Schlechte Medizin«, brummte Sitzender Stier. »Old Mentanah wird seine Freude haben!« Schweigender Bär hörte das Sprechen hinter sich. Es war nicht schwer zu erraten, worüber die jungen Krieger sich unterhielten. Zornig stürmte er vorwärts. Er wusste, dass Wieselauges Verschwinden mit seiner gestrigen Demütigung zusammenhängen musste. Er hatte erwartet, dass auch Schweigender Bär den Zauber des Buches meiden würde. Jetzt würde er schon etwas aushecken, um seine Schande zu vertuschen. Zu Schweigender Bärs Wut über Wieselauge gesellte sich die Angst vor dem schwarzen Zauber, den er bei sich trug. Er fürchtete ihn nicht weniger als Wieselauge. Jedes Mal zuckte er zusammen, wenn er das Buch in seiner Decke spürte. Aber ein Tuscarora zeigt keine Furcht. Er würde diesen Zauber wie seinen Augapfel hüten, und wenn seine Macht ihn verbrannte. Nie aber würde er so offen seine Angst verraten, wie Wieselauge es in der vergangenen Nacht getan hatte. Weit schritt der junge Krieger aus, um mit seinen wilden Gedanken Schritt zu halten. Ohne Rast trieb die innere Unruhe ihn weiter.

20


Kampf um die Wahrheit

S

chweigender Bär mochte seine Leute noch so sehr zur Eile antreiben. Wieselauge war doch schneller als er. Nach seiner Auseinandersetzung mit Schweigender Bär am vergangenen Abend hatte er sich seinen Racheplan zurechtgelegt. Sein heimliches Verschwinden, während die anderen noch schliefen, war der erste Schritt zu seiner Verwirklichung gewesen. Es war gefährlich, nachts allein durch die Wälder zu streifen, aber Wieselauge hatte alle Furcht aus seinem Herzen getrieben. Zäh und geschickt hatte er sich seinen Weg gebahnt. Als der Tag dämmerte und Schweigender Bär sein Fehlen entdeckt hatte, war er den anderen schon ein gutes Stück voraus gewesen. Ohne sich eine Pause zu gönnen, war er vorwärtsgehastet und hatte am frühen Nachmittag das Lager des Stammes erreicht. Die Späher, die Donnernde Stimme seit den ersten Unruhen rund um das Lager postiert hatte, meldeten sein Eintreffen. Wieselauge kam allein, und von seinem Gürtel hingen die untrüglichen Zeichen des Kampfes. Von Zelt zu Zelt sprang die Neuigkeit. Alle Krieger eilten dem Ankömmling entgegen. Wo waren Schweigender Bär und die anderen? Die Blicke der Männer verdüsterten sich, als sie Wieselauges verschlossenes Gesicht sahen, und die Herzen der Frauen wurden schwer. 21


Old Mentanah hatte recht! Das Unglück war über den Stamm hereingebrochen. Keiner wagte Wieselauge anzusprechen, der dem Beratungszelt des Häuptlings zustrebte. Auf den Ruf hin, der die Ankunft eines Kriegers gemeldet hatte, war Donnernde Stimme in den Eingang seines Zeltes getreten und sah dem Ankommenden entgegen. Mit dem Zeichen des Willkommens trat er auf ihn zu, als der junge Mann wartend vor ihm stehen blieb. Die anderen, die neugierig und ängstlich in der Nähe standen, schien er nicht zu bemerken. »Du bringst Neuigkeiten?« »Ich habe Nachrichten für Häuptling Donnernde Stimme.« Mit einem raschen Blick auf Wieselauges blutbefleckten Tomahawk und auf seine staubbedeckten Mokassins schob der Häuptling die Zeltwand beiseite und bedeutete dem jungen Krieger einzutreten. Beunruhigt umlagerten die Krieger das Häuptlingszelt, wagten aber die Unterhaltung zwischen Donnernde Stimme und dem Neuankömmling nicht zu stören. Die Frauen hatten ihre Arbeit verlassen und formierten sich hinter den Männern zu flüsternden Gruppen. Vier ältere Squaws hielten sich abseits von den anderen. Neugierige Blicke flogen zu ihnen hin. Es waren die Mütter von Schweigender Bär und seinen fehlenden Kameraden. Die Furcht, die so plötzlich über das Lager gekommen war, hatte sie zusammengetrieben. Die Schatten zwischen den Zelten wurden länger. Bedeutungsvoll sahen die Krieger sich an, wenn die dröhnende Stimme des Häuptlings zu ihnen heraus22


drang. Warum zögerte Donnernde Stimme? Wenn es getötete Tuscarora zu rächen galt, worauf wartete man dann noch! Furcht vor dem Unbekannten schwelte erneut durch die Zeltgassen. Manches Auge hatte im Vorübergehen das weiche, blonde Haar entdeckt, das als Siegeszeichen an Wieselauges Gürtel hing. Die Fremden mussten nahe sein! Endlich öffnete sich das Häuptlingszelt, und Donnernde Stimme trat ins Freie. Zornig funkelten seine Augen. Ohne die wartenden Männer eines Blickes zu würdigen, schritt er auf das Beratungsfeuer zu. Die Krieger drängten ihm nach und ließen sich schweigend um die Flammen nieder. »Dies ist eine dunkle Stunde in der Geschichte unseres Stammes!«, begann der Häuptling. »Die Tapferen unter den Tuscarora mögen ihre Häupter verbergen!« »Sie sind tot!«, ging es raunend durch die Runde. »Ich wollte, ich hätte sie mit dieser meiner Hand erschlagen!«, schrie Donnernde Stimme. Drohend reckte er seine Rechte gegen den Himmel. »Wieselauge bringt schlechte Nachricht. Fremde sind in unser Land eingefallen!« Er deutete auf den Skalp an Wieselauges Hüfte. »Sie trachten nach unseren Jagdgründen und wollen uns aus unserem Land vertreiben. Dazu führen sie einen großen Zauber mit sich. Schweigender Bär und seine Krieger sind bereits von diesem Zauber befallen. Sie haben sich mit den Fremden verbündet, die unser Land stehlen wollen!« Wären die feindlichen Oneida ins Lager eingebrochen, der Aufschrei der Krieger hätte nicht wilder sein 23


können. Laut schwirrten die erregten Stimmen durcheinander, bis Donnernde Stimme mit einer Handbewegung Ruhe gebot. Aus dem Kreis der Krieger, welche die Ehrenplätze in der Nähe des Häuptlings innehatten, sprang ein junger, hochgewachsener Tuscarora hervor. Mit blitzenden Augen gab er das Zeichen, dass er zu sprechen wünschte. »Seit vielen Monden kennen wir Schweigender Bär!«, rief er. »Hat er je wie ein Verräter an uns gehandelt?« Jenseits des Feuers sprang ein zweiter Krieger auf: »Glaubt Weißer Hirsch meinen Worten nicht?« Die Erregung des ganzen Tages zitterte durch seine drängende Frage. »Weißer Hirsch glaubt jedem Tuscarora. Aber Schweigender Bär braucht sich nicht weit nach einem Freund umzusehen. Können diese Freunde schweigen, wenn sein Name beschmutzt wird?« »Schweigender Bär braucht deine Freundschaft nicht«, knirschte Wieselauge verächtlich. »Er hält es jetzt mit einem fremden Zauber!« »Dann wird dieser Zauber uns nicht schaden!«, entgegnete Weißer Hirsch stolz. Als er sprach, mischte sich dasselbe leise Zischen, das seinen Worten schon bei der letzten Beratung gefolgt war, in das feine Knistern der Flammen. Auch diesmal wandte Donnernde Stimme ärgerlich den Kopf, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte Old Mentanah sich erhoben: »Lasst die Säuglinge untereinander zanken und Männer mit ihren Feinden streiten. Die Zeiten sind viel 24


zu ernst. Die Tuscarora haben Weisheit nötiger denn je. Wenn Schweigender Bär uns betrogen hat …« Ein Sturm der Entrüstung unterbrach ihn. »… wenn Schweigender Bär uns betrogen hat, so soll er sterben. Sagt Wieselauge die Wahrheit, so mag er sie beweisen! Wieselauge und Schweigender Bär gebrauchen Worte, die miteinander streiten. Bringt beide her! Schweigender Bär mag selber für sich sprechen …« »Das will er!« Die Krieger sprangen auf. Neben Old Mentanah stand der Gesuchte. »Lass mich sprechen!«, bat er Donnernde Stimme, bevor die Tuscarora sich von der Überraschung durch sein plötzliches Auftauchen erholt hatten. Auf ein zustimmendes Nicken des Häuptlings hin richtete Schweigender Bär sich zu seiner vollen Größe auf. In kurzen Sätzen berichtete er von seinem Streifzug bis zur Entdeckung von Wieselauges Verschwinden. »Wieselauge trägt die Zeichen seiner Geschicklichkeit!« Seine Hand wies auf Wieselauge, der ihn über das Feuer hinweg mit glühenden Augen anstarrte. »Hier aber ist der Beweis für Schweigender Bärs Treue!« Hoch hielt er das rechteckige Paket in die Höhe, das er den ganzen Tag in den Falten seiner Decke bei sich getragen hatte. »Es ist ein Schatz, aber sein Geheimnis ist entflohen«, fügte er bedeutungsvoll hinzu. »Zweifelt Häuptling Donnernde Stimme an meinen Worten?«, begehrte Wieselauge auf. 25


Der Häuptling begegnete seinem fordernden Blick. »Das mag der Kampf entscheiden«, bestimmte er gelassen. Ein aufgeregtes Gemurmel erhob sich bei diesen Worten unter den Kriegern. Sie kannten ihre Bedeutung wohl. Als Kinder schon hatten die Mütter sie in dem alten Indianerglauben unterwiesen, dass Wahrheit den Arm eines Kriegers stärke, Falschheit dagegen ihn schwächt. Seit Jahren war es bei den Tuscarora zu keiner derartigen Auseinandersetzung gekommen. Aber die alten Gesetze galten noch immer. »Dann mag der Kampf jetzt gleich beginnen!«, forderte Schweigender Bär. Die Krieger verließen die abgelegene Seite des Feuers und umschlossen einen ebenen Rasenplatz, der nur spärlich von den Flammen erhellt wurde. Zwei Tomahawks blitzten auf. Der Kampf um die Wahrheit hatte begonnen. Geduckt näherten sich die beiden Rivalen bis auf Reichweite. Ihre Waffen blinkten, und die bronzefarbenen Arme schimmerten rötlich im Feuerschein. Lauernd tasteten sie sich aneinander heran. Beide warteten auf eine günstige Gelegenheit zum Schlag. Nur geübte Augen konnten bei dem spärlichen Licht verwundbare Stellen in der Abwehr des Gegners entdecken. Da stolperte Schweigender Bär, von einem Aufschrei der Zuschauer begleitet, über einen verdeckten Stein im Gras. Wieselauge stürzte auf ihn zu und holte zum tödlichen Schlag aus. Aber der geschmeidige braune Körper, dem sein Hieb gegolten hatte, entwand sich ihm in Sekundenschnelle. 26


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook