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Lois Walfrid Johnson ist eine bekannte Autorin unter christlichen Lesern. Ihre den Teenagern gewidmeten Bücher waren mehrere Jahre Bestseller. Sie und ihr Ehemann Roy haben drei Kinder und leben in Minnesota, USA.

1. Auflage 2013 Originaltitel: Mystery of the Missing Map / Adventures of the Northwoods 9 © 1994 by Lois Walfrid Johnson © der deutschen Ausgabe 2013 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Martin Plohmann, Bielefeld Satz: CLV Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-86699-149-1


Inhalt Drohungen in der Nacht

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Eine seltsame Begegnung

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Cousin Casey

30

Noch ein Kampf

40

Unheimliche Schatten

49

Der verschwundene Schatz

58

Central

68

Willies Geschichte

79

Noch mehr Schwierigkeiten

90

Die Geheimnisse der Villa

102

Das Versteck

114

Schritte im Dunkeln

125

Sonderbare Dinge

136

Kates Entdeckung

143

Megans Wettbewerb

153

Hornissen!

163

Papa geht nun auf die Jagd

171

Das Bergwerk in Osceola

180

In der Falle!

188

Eine neue Gefahr

197

Ăœberraschung fĂźr Kate

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Copper Country Halbinsel Keweenaw (Michigan) 1907

Oberer See

Copper Harbor Fort Wilkins

Eagle Harbor Eagle River Cliff

Central Phoenix

Mandan Delaware

Mohawk Ahmeek

Allouez Portage-LakeSchiffskanal Þ

Kearsarge

Red Jacket (Calumet) Osceola

Laurium Lake Linden e

Hubbell

Torch Lake

Hancock

Oberer See

Houghton Portage Lake

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na wB

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Û Zufahrt zum Portage Lake

Ke we e

Atlantic


ž Ž›1•Ž–1 ’›’•Ž—•Ž—1 ˜‘—1 ‘’•’™1 ˜žœŠ1ûW^[Z9.9W_YXü1 sind alle weiteren Charaktere in diesem Buch frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Zu der Zeit, als Kate, Anders und Erik das Copper ˜ž—•›¢1 û ž™•Ž›•Š—• ü1 ’—1 ’Œ‘’•Š—1 ‹ŽœžŒ‘•Ž—ð1 wurde das Handelszentrum Red Jacket genannt – heute ist es als Calumet bekannt. Das heutige Calumet und andere wichtige Orte in der Umgebung gehören zum Keweenaw National Historical Park. Das Opernhaus von Red Jacket heißt heute Calumet Theatre.


Drohungen in der Nacht in langes Pfeifen schallte durch die Nacht. Mit einem Ruck erwachte Katherine O’Connell aus dem Schlaf. Sie riss ihre Augen weit auf und fragte sich: Wo bin ich? Ein schwaches Licht durchschnitt die Dunkelheit. Sogar der Boden unter Kate rumpelte. Wieder erklang das Pfeifen. Sein klagender Ton half Kate, sich zu erinnern. Sie war im Zug zur Oberen Halbinsel von Michigan. Bald werde ich im Copper Country sein! Und treffe meine irische Cousine Megan! Allein der Gedanke daran ließ Kate ganz wach werden. Im Sitz ihr gegenüber schlief ihr Stiefbruder Anders. Auch ihr gemeinsamer Freund Erik Lundgren war noch fest am Schlafen. Langsam stand Kate auf und stieg über die großen Füße ihres Bruders, um in den Gang zu gelangen. Als Kate durch den Eisenbahnwaggon ging, schaute ein Mann auf und starrte sie verärgert an. Kate schüttelte sich innerlich und schaute weg. Doch ebenso schnell schaute sie wieder hin. Sie hatte den Mann noch nie zuvor gesehen. Warum sollte er sich so verhalten, als würde er sie nicht leiden können? Wer auch immer dieser Mann war: Er hatte mittlerweile einen Hut über sein Gesicht gezogen. Als Kate den hinteren Teil des Waggons erreicht hatte, ging sie in den Waschraum und nahm dort einen großen Schluck aus dem Wasserhahn. In der

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Nacht waren die Gaslampen heruntergedreht worden und erzeugten lange Schatten. Am besten wasche ich mich jetzt, dachte Kate. In dieser dritten Juli-Woche des Jahres 1907 wehten oft schwarze Rauchwolken durch die offenen Fenster herein. Während der ganzen langen und heißen Reise von Nordwest-Wisconsin waren Ruß und Asche auf Kates Kleidung gekommen. Das Wasser fühlte sich gut an in ihrem Gesicht. Als sie den Waschraum verließ, nahm sie noch einen Schluck. Von irgendwoher hörte sie Stimmen. Neugierig wie immer folgte Kate dem schwach beleuchteten Gang vor dem Waschraum. Am Ende des Waggons standen hinter einer leicht geöffneten Tür zwei Personen auf der Plattform. »Ich sage dir: Die machen uns Schwierigkeiten«, sagte ein Mann. »Ein Haufen Gören?« Die Stimme der zweiten Person war gedämpft, aber verächtlich. Beim Rattern des Zuges konnte Kate kaum etwas verstehen. »Wie sollten die unsere Pläne durcheinanderbringen?« »Ich habe sie gesehen. Es sind die, von denen wir schon gehört haben, und sie sind nicht dumm. Die Jungen sind über 1,80 Meter groß.« 1,80 Meter groß?, dachte Kate. Wer auch immer dieser Mensch war: Er sprach ganz offensichtlich von Anders und Erik. In Nordwest-Wisconsin, wo sie unter vielen Amerikanern schwedischer Abstammung lebten, war diese Größe nicht ungewöhnlich für dreizehnjährige Jungen. Doch hier fiel man mit einer solchen Körpergröße auf. 9


Langsam trat Kate so nah an die Tür heran, wie sie sich traute. Die beiden Personen trugen Geschäftsanzüge und Hüte. Sie standen mit dem Rücken zu Kate am Geländer, das die Plattform einzäunte. »Ich habe sie miteinander reden hören«, fuhr der Mann fort. »Die Jungen sehen stark aus. Kräftige Muskeln an den Schultern. Sie sind das Arbeiten gewohnt.« Der andere Mann lachte. »Im Gegensatz zu dir, was? Was bist du, Curly – ein Feigling?« Kate ging noch ein bisschen weiter nach vorn. Durch das Klappern der Räder konnte sie die zweite Stimme kaum hören. »Du hast gesagt, es wäre schnell zu finden und leicht zu stehlen«, meinte der Mann namens Curly. »Jetzt bist du schon sechs Monate dort. Wann wirst du etwas finden?« »Es braucht seine Zeit.« Aufgrund der Zuggeräusche war die andere Stimme noch immer schlecht zu verstehen. »Ich werde diese Karte bald finden.« »Ich bin es leid, für einen Hungerlohn zu arbeiten!« Vor Zorn wurde Curly lauter. »Lass uns aussteigen, solange wir noch können.« »Nein!« Das Wort klang scharf und wütend. Kate sprang zurück. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr das schwache Licht hinter ihr ein. Wenn die Männer sich umdrehen würden, würden sie sie sehen. »Ich werde jetzt nicht aufgeben«, sagte die zweite Stimme weiter. »Mach nur, was ich dir sage!« 10


Curlys heiseres Lachen schnitt die übrigen Worte ab. »Du bist nicht mein Boss!« Die andere Stimme unterbrach ihn wieder. »Alles passt – die O’Connells und die Mitchells zusammen.« Kate schnürte es den Magen zu. Der Vater ihrer Cousine Megan arbeitete für einen Mann namens James Mitchell. »Es ist zu gefährlich«, warnte Curly. »Sei still, du Narr!« »Nenn nicht mich einen Narr!«, rief Curly aus. »Wir vergeuden unsere Zeit. Wir sollten lieber einen Plan machen«, gab die andere Stimme zurück. »Wenn wir erst einmal da sind, dürfen wir uns nicht zusammen sehen lassen.« »Hast du noch andere Ideen?«, fragte Curly. »Gute, meine ich.« »Lass uns die Gören, vor denen du dich so fürchtest, mit einplanen.« Vor Angst schnürte sich Kates Herz zu. Der Mann musste Anders und Erik meinen und wahrscheinlich auch sie. »Vielleicht finden sie etwas, was wir übersehen haben. Sie sollen das Rätsel lösen und uns zu dem Schatz führen!« Schatz? Ohne an die Gefahr zu denken, bewegte sich Kate weiter nach vorn und hörte gespannt zu. »Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal davon«, wandte Curly ein. »Sie werden davon erfahren«, sagte die zweite Stimme. »Jeder, der in diese Gegend kommt, hört von der Geschichte so wie wir.« 11


»O.K.!« Curly klang verärgert. »Noch ein Versuch. Aber diesmal werde ich dafür sorgen, dass wir Erfolg haben!« »Komm erst spät in der Nacht zu mir«, sagte die andere Stimme. »Wenn du eine Nachricht hinterlässt, dann nur in unserem Geheimcode.« »Natürlich, natürlich.« Curly mochte die Befehle offensichtlich nicht. Er hatte Kate noch immer den Rücken zugewandt. Dann trat er vom Geländer zurück und kam Kate näher. Vor lauter Panik hastete Kate in den Gang. Als sie zurückschaute, sah sie, wie einer der beiden Männer die Tür zum Gang weiter öffnete. Kate drehte sich um und eilte den Gang entlang zu den Sitzen mit den schlafenden Passagieren. Auf halbem Weg durch den Waggon sah Kate sich um. Niemand schien ihr zu folgen. Trotzdem war sie erleichtert, als sie wieder bei Anders und Erik war. Sie ließ sich in ihren Sitz fallen und zerrte am Arm ihres Bruders. »Anders! Wach auf!« Ihr Bruder stöhnte. »Anders!« Kates Flüstern klang heiser. So als würde er eine lästige Fliege verscheuchen, schwang Anders seinen Arm durch die Luft und traf dabei Kate fast im Gesicht. »Anders!« Jetzt war Kate ärgerlich. »Es ist wichtig!« »Pssst!«, zischte jemand auf der anderen Seite des Gangs. »Wir wollen schlafen!« Verzweifelt trat Kate gegen den Fuß ihres Bruders. Als Anders noch immer nicht aufwachte, rüt12


telte sie an Eriks Schulter. »Ich brauche Hilfe!«, flüsterte sie. Erik öffnete die Augen. Er streckte sich und war hellwach. »Was ist los?« »Komm kurz mit in den Gang!« So schnell sie konnte, erzählte Kate es ihm. »Du musst nachsehen, wer diese Männer sind!« Erik ging zu Anders zurück und kniff ihn in den Ellbogen. Anders jaulte vor Schmerz. Der Mann auf der anderen Seite beugte sich in den Gang vor. »Wir versuchen zu schlafen!« Auch Anders war jetzt wach. Er starrte Erik an. »Tut mir leid, alter Kumpel!«, sagte Erik leise. »Kate ist wieder einem Rätsel auf der Spur. Ich brauche deine Hilfe.« »Ach, Erik, komm schon. Hör nicht auf sie!« Aber Erik stand auf. »Bleib hier, falls sie dich gesehen haben«, sagte er zu Kate. »Ich schau mich mal um.« »Los, komm!«, drängte er Anders, als er über dessen Beine stieg. »Verschwende keine Zeit!« Noch immer murrend strich Anders sich mit seinen Fingern durchs blonde Haar und taumelte Erik hinterher. Kate drehte sich um und sah ihnen zu. Bald schon verschluckte die Dunkelheit die beiden Jungen. Vor über einem Jahr hatte Kates verwitwete Mutter Anders’ verwitweten Vater, Carl Nordstrom, geheiratet. Kate und ihre schwedische Mutter waren von Minneapolis auf die Windy Hill Farm im Nordwesten von Wisconsin gezogen. Jetzt hatte Kate eine Stiefschwester namens Tina, 13


zwei Stiefbrüder – Anders und Lars – und einen neugeborenen kleinen Bruder. Aber Kate sehnte sich oft danach, mehr über die irische Seite ihrer Familie zu erfahren. Vor Kurzem hatte Mama Casey O’Connell, Vatis Cousin ersten Grades, geschrieben. Casey hatte schnell geantwortet und Kate in die Wälder auf der Oberen Halbinsel von Michigan eingeladen. Er hatte sogar drei Fahrkarten beigelegt, damit Kate nicht allein reisen musste. Kate erschien es wie eine Ewigkeit, bis Anders und Erik zurückkamen. Jetzt war Anders sogar noch aufgebrachter. »Weißt du, Kate, du hast die blühendste Fantasie, die mir je begegnet ist. Da war niemand.« »Aber sie waren dort. Sie sind abgehauen, während du noch diskutiert hast.« Anders schüttelte den Kopf. »Verrücktes Mädchen! Du hast alles nur erfunden!« Kate wandte sich an Erik. »Ist dir etwas Merkwürdiges aufgefallen?« Auch Erik schüttelte den Kopf. »Alle saßen auf ihren Plätzen. Durch seinen Aufschrei hat Anders ein paar von ihnen aufgeweckt.« »Hast du einen Mann mit wütenden Augen gesehen?«, erkundigte sich Kate. »Hat er dich angesehen?« Wieder schüttelte Erik den Kopf. »Tut mir leid, Kate.« Doch Anders war nicht so freundlich. »Du hast mich umsonst wach gemacht!« 14


»Umsonst?«, platzte Kate heraus. »Ich habe gehört, wie zwei Männer miteinander redeten …« »Ruhe!« Der Mann auf der anderen Seite des Gangs flüsterte nicht länger. Jetzt war er richtig sauer. Kate senkte ihre Stimme. »Sie sprachen über euch! Über dich und Erik!« Anders stöhnte, kroch in seinen Sitz und schloss die Augen. Kate sah Erik an und hoffte, wenigstens er würde ihr glauben. Stattdessen fragte Erik sie: »Kate, bist du dir sicher, dass du das nicht geträumt hast? Hast du vielleicht einen Albtraum gehabt?« Kate schüttelte den Kopf. Sie war so sauer, dass sie nichts sagen konnte. Kurz darauf lehnte sich Erik wieder gegen das Fenster und schlief bald ein. Kate starrte die beiden Jungen an und wollte nicht glauben, dass sie wieder einschlafen konnten. Nicht zu fassen. Aber ich werde es ihnen schon zeigen! Kate versuchte sich an jedes Wort zu erinnern, das sie gehört hatte. Wie können diese Leute uns benutzen, um einen Schatz zu finden? Übel gelaunt warf Kate ihren langen Zopf über ihre Schulter und stand auf. Sie ging noch einmal durch den Waggon. Der Mann mit den wütenden Augen war nicht mehr da. Ich werde das im Auge behalten, sagte Kate sich, als sie zu ihrem Platz zurückkehrte. Wenn wir in Red Jacket ankommen, werde ich darauf achten, ob etwas Seltsames vor sich geht. 15


Aber Kate mochte das ungute GefĂźhl in ihrer Magengegend nicht. Es hatte nichts damit zu tun, dass sie ihre Cousine Megan treffen wĂźrde.

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Eine seltsame Begegnung as Wort Schatz wirbelte Kate im Kopf herum. Was wissen wir nicht? Was müssen wir herausfinden? Als sich der Himmel im Osten aufhellte, wachte Erik auf. Das frühe Sonnenlicht schien auf sein welliges braunes Haar. Als er sah, dass Kate ebenfalls wach war, beugte er sich vor, um mit ihr zu reden. Erst vor wenigen Tagen war Kates Familie von einem Zirkusbesuch aus River Falls, Wisconsin, zurückgekehrt. Kate würde nie vergessen, was sie empfand, als sie Erik auf dem Bahnsteig in Frederic sah. Unzählige Male hatte sie über seinen Blick nachgedacht, als er sie anschaute. Auf dem Rückweg im Farmwagen quasselten alle ununterbrochen. Seitdem hatten Kate und Erik keine Gelegenheit gefunden, allein miteinander zu reden. Jetzt schaute Kate zu ihrem Bruder herüber. Er atmete gleichmäßig, so als würde er fest schlafen. Vielleicht war das der Augenblick, in dem sie Erik mitteilen konnte, was sie empfand. »Was weißt du über deine Cousine Megan?« Erik redete leise, so als hätte auch er kein Interesse, Anders aufzuwecken. »Nicht viel«, gab Kate zu. »Als Vati starb, haben Mama und ich Megans Vater Casey aus den Augen

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verloren. Ich weiß nur, dass Megan meine Cousine zweiten Grades ist und etwa fünf Monate nach mir geboren wurde.« »Du hast nicht mal ein Bild von ihr gesehen?«, fragte Erik. Kate schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, wir werden enge Freundinnen.« »Das werdet ihr schon, Kate. Da bin ich mir sicher!« »Casey hat etwas Merkwürdiges geschrieben«, meinte Kate. »Er schrieb: ›Bitte kommt so schnell, wie ihr könnt. Megan möchte Kate kennen lernen, und sie braucht sie jetzt.‹« »Das ist wirklich seltsam. Warum sollte Megan dich brauchen?«, fragte Erik. »Keine Ahnung. Auch Mama verstand es nicht. Aber Casey ist wirklich daran interessiert, dass wir kommen. Fahrkarten für drei Personen kosten viel Geld.« Ein Grinsen ließ Eriks Augen erstrahlen. »Mir macht es bestimmt nichts aus, dich zu begleiten.« Kate wurde ganz warm ums Herz. Wie schon so oft war Kate dankbar, dass sie Erik als besonderen Freund hatte. Erik senkte die Stimme und wurde noch leiser. »Kate, was ist in River Falls passiert?« Kate schluckte schwer. Das war keine leichte Zeit. Seitdem sie auf die Windy Hill Farm gezogen war, fühlte sie sich oft hin- und hergerissen zwischen ihrer Erinnerung an Michael Reilly und dem, was sie für Erik empfand. Ein Teil von Kate fürchtete 18


sich, Erik zu erzählen, wie sehr sie ihn mochte. Der andere Teil wollte es ihm sagen. »Wie bist du mit Michael klargekommen?«, erkundigte sich Erik. »Ja, Kate«, platzte Anders plötzlich dazwischen. »Sag Erik, wie es war.« Erik stöhnte und schnitt eine Grimasse. Kate fühlte dasselbe. In der Nacht war Anders nicht wach zu bekommen. Jetzt wachte er fast von allein auf. Wahrscheinlich hatte er alles mitbekommen, was sie geredet hatten! Am Morgen erreichte der Zug die Halbinsel Keweenaw, die als Copper Country bekannt war, weil es dort eine ganze Reihe von Kupferminen gab. Keweenaw war ein langer Streifen Land am Ende der Oberen Halbinsel von Michigan. Obwohl sie den Oberen See nicht sehen konnte, wusste Kate, dass dessen klares Wasser die Halbinsel Keweenaw umschloss. Kate hatte kaum ein Auge für die schönen Wälder. Mehr als alles andere wollte sie mit Erik reden, aber nicht in Gegenwart ihres Bruders. Jedes Mal, wenn sie und Erik zum Ende des Waggons gingen, kam Anders ihnen hinterher. Als der Zug in Houghton, Michigan, hielt und weitere Passagiere aufnahm, sprangen Kates Gedanken zu Megan. Zum vielleicht hundertsten Mal fragte sich Kate, wie ihre Cousine wohl sein würde. Bald setzte der Zug seine Fahrt fort und überquerte eine lange Brücke über den Portage-Kanal. 19


Nachdem er in Hancock angehalten hatte, tuckerte er einen steilen Hügel hoch. Kurz darauf kam der Schaffner durchs Abteil. »Nächster Halt Red Jacket!«, rief er. »Alle aussteigen, die nach Red Jacket wollen!« Als der Zug langsamer wurde, lehnte Kate sich aus dem Fenster. Sie wollte den allerersten Blick auf ihre neu gewonnene Cousine werfen. Was für einen Spaß würden sie zusammen haben! Waggons stießen aneinander, als der Zug quietschend zum Stehen kam. Der Mineral-Range-Bahnhof war voller Männer und Frauen, die auf Fahrgäste oder Frachtgut warteten. Als Kate sie sah, wurde ihr Herz ganz schwer. Wie sollte sie Casey bloß finden? »Du wirst ihn erkennen«, hatte Mama gesagt. »Ich habe Casey nur einmal gesehen, aber er sieht aus wie dein Vati.« Dennoch schien es unmöglich, ihn zu finden. Und noch schlimmer: Casey hatte keine Ahnung, wie Kate aussah. Als Kate den Zug verließ, stand ihr ein großer Mann im Weg. Sie blieb stehen und ging dann um ihn herum. Hinter Kate trug Erik seinen und ihren Koffer. Anders folgte mit seinem Gepäck. Weitere Menschen versperrten Kate die Sicht. Da sie so klein war, schien es, als wären alle anderen Menschen Riesen. Schließlich sah sie einen Mann mit schwarzem Haar. Der sieht irisch aus! Ist er es?, dachte sie. Rasch machte sich Kate in seine Richtung auf. Nachdem sie 20


eine Menschentraube umrundet hatte, schaute sie sich nach Anders und Erik um. In diesem Augenblick prallte sie mit jemandem zusammen. Ihre ganze Frustration machte sich Luft. »He, pass doch auf, wo du hingehst!« »Warum passt du nicht auf, wo du hingehst?« Ärgerlich funkelten die braunen Augen des Jungen Kate an. Seine dunkelbraunen Haare standen zu Berge und ließen ihn wie einen wütenden Hund aussehen. »Ich habe hier gestanden«, fuhr er fort. »Bist du blind oder was?« »Natürlich bin ich nicht blind!«, stammelte Kate. »Was glaubst du eigentlich, wer du bist?« Der Junge richtete sich auf und hob sein Kinn. »Ich bin William Henry Pascoe!« Kate ging einen Schritt zurück. »Nun, William Henry Pascoe, ich suche einen Mann namens Casey O’Connell.« »Dann bist du also die Person, auf die wir warten. Casey hat mich geschickt, um dich abzuholen.« »Mich abzuholen?« »Klar. Der Boss hat heute ein wichtiges Treffen. Casey muss ein paar hohe Tiere herumfahren.« William Henry schien etwa dreizehn Jahre alt zu sein. Aber er tat so, als hätte er Casey schon immer bei seinem Vornamen genannt. Kate bezweifelte, dass er mit Casey auch in dessen Gegenwart so redete. »Ich soll dich zu Megans Haus bringen«, sagte er dann. 21


»So, das sollst du also?«, entgegnete sie ihm. Unsicher, ob sie mit ihm mitgehen sollte, drehte Kate sich um. »Mein Bruder, Anders Nordstrom. Unser Freund, Erik Lundgren«, sagte sie steif. Erik und Anders waren beide gut fünfzehn Zentimeter größer als der andere Junge. Als er zu ihnen aufsah, schien sich William Henry ein wenig unwohl zu fühlen. Genau in diesem Augenblick trat ein Mädchen hinter ihm hervor. »Ach, Willie, hör auf mit dem Getue!« Ihr langes, schwarzes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten. Willie nickte mit dem Kopf zu ihr herüber. »Das ist Megan.« »Hi Kate«, sagte Megan sanft. Als sie ihre Cousine anschaute, hatte Kate den Eindruck, als würde sie in einen Spiegel schauen. Wie sie hatte Megan schwarzes Haar und eine schlanke Figur. Sogar im Gesicht waren sie sich sehr ähnlich. Mit Ausnahme einer kleinen erhöhten Stelle, einer Narbe auf ihrem Nasenrücken, sahen sie sich ähnlicher als die meisten Schwestern. »Wir sind Zwillinge!«, platzte Kate heraus. »Sind wir das?« Megan klang überrascht. Kate lachte. »Kannst du es nicht sehen? Wenn wir dieselben Kleider anhätten, würde man uns glatt verwechseln.« Megan lächelte, aber sie sah Kate nicht an. »Schau mich doch an!«, meinte Kate, der es sichtlich Freude machte. »Dasselbe schwarze Haar, derselbe Mund, dieselben …« 22


Plötzlich unterbrach sie sich. Dieselben Augen, wollte sie sagen. Aber in diesem Augenblick schaute Megan Kate direkt an. Wie Kates Augen waren Megans Augen tiefblau, aber die Pupillen waren größer. Diese großen schwarzen Pupillen starrten Kate leblos an. Kate hielt die Luft an. Bevor sie denken konnte, entwich ihr ein »Oh!«. Sie legte ihre Hand auf den Mund. Aber Megan verstand, was vor sich ging. »Wusstest du nicht, dass ich blind bin?« Kate schüttelte den Kopf, dachte dann aber daran, dass Megan nichts sehen konnte, und sagte: »Nein! Das hat mir keiner gesagt.« Innerlich wollte Kate sich bei den Leuten beschweren, die ihr nichts davon erzählt hatten. Ich hätte Mama fragen können, wie ich mich verhalten soll! Kate hatte Mühe zu sprechen. »Es tut mir leid, dass du blind bist.« »Mir auch«, erwiderte Megan. Sie schien es leid zu sein, so als hätte sie so etwas schon hundert Mal durchgemacht. Kate suchte nach Worten. »Wir werden trotzdem Spaß zusammen haben.« »Wird sich zeigen«, gab Megan zurück. Sie klang wie eine Erwachsene, die einem kleinen Kind nichts versprechen wollte. Kate vermutete, dass Megan ihr nicht glaubte. Ich werde schon dafür sorgen, dass wir Spaß haben, dachte Kate. 23


»Kommt schon«, sagte Willie zu Anders und Erik. »Ich werde euch zu Megans Haus bringen.« Willie nahm Megans Arm, aber sie schüttelte ihn ab. Stattdessen griff sie nach seinem Arm. »Hast du es vergessen?«, fragte sie, so als würde er ihr selten helfen. »Du führst mich, anstatt dass ich vor dir hergehe.« Willie gab ein ordentliches Tempo vor, und Megan hielt mit. Sie waren schon halbwegs durch die Menge durch, als Willie stehen blieb. »Beinahe hätte ich es vergessen. Casey sagte, ich soll Tisha mitbringen.« Tie-scha? Kate dachte nach, als sie hörte, wie Willie diesen Namen aussprach. Das ist ein ungewöhnlicher Name. Willie sah sich um und stellte sich schließlich auf Zehenspitzen. »Wo ist sie?« In der Nähe des Bahnhofs stand eine groß gewachsene Frau, die ungeduldig mit dem Fuß klopfte. »Da ist sie ja!«, rief Willie aus. Er ging zu ihr hin, und die anderen folgten ihm. Als sie die Frau erreicht hatten, erklärte Willie: »Tisha hatte ein paar Tage frei und ist jetzt wieder zurück. Sie ist die Haushälterin der Mitchells.« Das blonde Haar der Frau fiel in steifen Locken, jede Strähne war genau an ihrem Platz. Den Jungen nickte Tisha zu, aber Kate betrachtete sie mit hoch erhobener Nase. Ihre kalten blauen Augen schienen jede Einzelheit von Kates schmutzigem Kleid aufzunehmen. Obwohl sie im selben Zug gewesen war, 24


sah Tisha so sauber aus, als hätte sie ihre Kleider gerade erst gewaschen. »Wir sollten uns auf den Weg machen, Willie«, sagte Tisha und gab ihm ihren Koffer. Es war mehr ein Befehl als ein Vorschlag. Sie ist schön, dachte Kate. Aber ihr Verhalten ist es nicht. Megan griff Willies freie Hand, und Tisha ging allen voran. Stolz hielt sie ihren Kopf hoch, während sie direkt auf ein Grauschimmel-Gespann zusteuerte. Die temperamentvollen Pferde waren vor eine Kutsche mit drei ledergepolsterten Sitzen gespannt. Tisha wartete darauf, dass Willie ihr in die Kutsche half. Sie nahm in der hinteren Sitzreihe Platz und breitete ihren Rock aus wie eine Königin auf ihrem Thron. Willie half Megan in die Kutsche, und Kate setzte sich neben sie. Anders ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Das bedeutete, dass Erik keine Wahl hatte und sich zu Tisha setzen musste. Einen großen Teil des Platzes füllte ihr Rock aus. Erik zögerte. »Darf ich mich hier hinsetzen?«, fragte er höflich. Tisha machte den Eindruck, als wolle sie den Platz mit keinem teilen. Letzten Endes nahm sie dann doch ihren Rock beiseite. Willie machte die Koffer am Ende der Kutsche fest, dann ging er außen herum nach vorne und band das Führungsseil los. Nachdem er auf den Fahrersitz neben Anders gesprungen war, gab er den Pferden 25


ein Zeichen, und sie bewegten sich weg von der Haltestange, an der sie festgebunden waren. Kurz darauf fuhren sie an den Zwillingstürmen eines hohen Gebäudes vorbei. Ein Schild verriet Kate, dass es die katholische St.-Josephs-Kirche war, die sich im Bau befand. Handwerker setzten große Buntglasfenster ein. »Oh, sieh nur«, sagte Kate zu Megan. Dann fiel es ihr wieder ein. Megan konnte die herrlichen Farben nicht sehen. Verlegen dachte Kate nach, was sie sagen könnte. Doch sie kam über Willies schreckliche Worte am Bahnhof nicht hinweg. »Bist du blind oder was?«, hatte er Kate gefragt, obwohl Megan direkt hinter ihm stand. Kein Wunder, dass Megan ihn nicht zu mögen schien. Aber ihre eigenen Worte beschäftigten sie noch mehr. Am liebsten würde sie sich in ein Schneckenhaus verkriechen und dort bleiben. »Die Grauschimmel sehen prächtig aus«, meinte Anders, als Willie nach rechts abbog. »Die schnellsten Pferde weit und breit«, prahlte Willie. Im nächsten Augenblick beugte sich Megan vor. »Willie, du fährst in die falsche Richtung.« »Ich zeige ihnen ein bisschen die Stadt!« Willie mochte es nicht, wenn man ihm auf die Schliche kam. »Daddy sagte, du sollst direkt nach Hause fahren – weil Kate von der Zugreise bestimmt müde ist.« Megan wandte sich an Kate. »Mein Vater ist der 26


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