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Lois Walfrid Johnson ist eine bekannte Autorin unter christlichen Lesern. Ihre den Teenagern gewidmeten Bücher waren mehrere Jahre Bestseller. Sie und ihr Ehemann Roy haben drei Kinder und leben in Minnesota, USA.

1. Auflage 2013 Originaltitel: The Runaway Clown / Adventures of the Northwoods 8 © 1993 by Lois Walfrid Johnson © der deutschen Ausgabe 2013 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Martin Plohmann, Bielefeld Satz: CLV Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-86699-148-4


Inhalt Eine beängstigende Entdeckung!

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Sarahs Überraschung

18

Der große Stelzenläufer

27

Der geheimnisvolle Fremde

36

Die Gefahr wird größer!

48

Noch mehr Fragen

58

Michael Reilly

66

Eine dramatische Jagd

72

Versteckspiel mit dem Feind?

79

Ein rätselhaftes Geheimnis

91

Mitgehörte Drohungen

101

Ein Meister der Verkleidung

113

Die Löwengrube

120

Wer? Was? Wo?

127

Der flüchtende Clown

138

Robertos Warnung

149

Ein besonderer Freund

160

Schwierigkeiten!

173

Schrecken in der Nacht

185

Ein Lauf ums Leben

194


R IVER FALLS, WISCONSIN, 1907 NACH HUDSON & MINNEAPOLIS

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MÜHLTEICH

NACH ELLSWORTH


Wenn du in River Falls, Wisconsin, lebst oder dorthin reist, um dir einmal die Orte anzuschauen, wo Kate, Anders und ihre Freunde einer rätselhaften Gefahr gegenüberstanden, wirst du feststellen, dass heute manches anders ist als damals. Auf dem Gelände, wo der Zirkus einst seine Zelte aufschlug, stehen heute Gebäude. Der Bahnhof und die CedarStreet-Brücke sind verschwunden. Aber wenn du dem Weg der Zirkusparade folgst, wirst du immer noch das Gebäude der Staatlichen Schule für Lehrer finden, das jetzt die Universität von Wisconsin-River Falls beherbergt. Und hoch über der Schlucht kannst du über eine Brücke gehen, die die alte Brücke ersetzt hat, welche einer früheren Überschwemmung zum Opfer gefallen war. Diese neue Brücke brachte mich auf die Idee zu dieser Geschichte. Als ich mit meiner Familie über diese Brücke ging und das Echo unserer Tritte hörte, dachte ich bei mir: Was wäre wenn? Was wäre wenn? Was wäre wenn? Was könnte passieren, wenn ich eine Geschichte an einem so schönen Ort wie dieser Stadt, an einem so interessanten Ort wie dieser Schlucht spielen lasse? Wenn du dir auch diese Frage stellst, begleite doch Kate, Anders und ihre Freunde dabei, wie sie das Geheimnis vom flüchtenden Clown lüften. Außer Big Gust Anderson (dem Dorfmarshal von Grantsburg) sind alle weiteren Charaktere in diesem Buch frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.


Eine beängstigende Entdeckung! ast du das gesehen?« Katherine O’Connell packte ihren Stiefbruder am Arm. Anders schüttelte Kates Hand ab. »Schlag mir nicht auf den Arm, wenn ich fahre! Das ruckelt an den Zügeln.« Noch während Anders dies sagte, sprang sein Pferd Wildfire vorwärts, als hätte es einen Befehl erhalten. Als sich das Geschirr straffte, ruckelte der Farmwagen. Kate schwankte nach hinten. Neben ihr stemmte Erik Lundgren seine Füße gegen die Bretter. Als die Stute zu galoppieren begann, holperte der Wagen über die schmutzige Straße. Kates Herz schlug wie wild, als sie sich am Sitzrand festklammerte. An den Bahngleisen ruckelte der Wagen wieder und schlingerte seitwärts. Anders zog die Zügel an. »Brr, altes Mädchen! Brr!« Wildfire warf den Kopf zurück. »Brr!«, rief Anders. Panische Angst machte sich in Kates Magengegend breit, als sie auf die Räder herabsah. Was passiert, wenn ich herunterfalle? Anders lehnte sich zurück und zog mit ganzer Kraft an den Zügeln. »Alles in Ordnung, mein Mädchen! Langsamer!« Wildfire spitzte ihre Ohren unter dem Klang von Anders’ Stimme. Diesmal hörte die Stute auf ihn. Als

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sie an hohen Gebäuden vorbeilief, wurde sie schließlich langsamer. »Dumme Schwester!«, rief Anders aus. »Beinahe hättest du es geschafft, dass Wildfire auf der Hauptstraße von Frederic durchgegangen wäre.« Tief im Inneren hatte Kate immer noch Angst. Obwohl sie es Anders nicht eingestehen würde, konnte sie es ihm nicht übel nehmen, dass er sauer war. Entlang der Straße befanden sich viele Menschen auf den hölzernen Gehsteigen. An diesem Junitag des Jahres 1907 schien es, als wäre jeder Farmer aus Nordwest-Wisconsin in diese Stadt gekommen. Als Anders Wildfire an einem Anbindepfosten zum Stehen brachte, sprang Kate sofort vom Wagen. Normalerweise machte Familie Nordstrom ihre Einkäufe in Grantsburg. Doch an diesem Morgen hatte Mama sie nach Frederic, einer Kleinstadt in der entgegengesetzten Richtung, geschickt. Während Erik ein Führungsseil an Wildfires Halfter anbrachte, holte Anders’ Hund Lutfisk sie ein. Mit heraushängender Zunge schnappte er schwer nach Luft. Kate tat so, als wäre nichts geschehen, und warf ihren langen, schwarzen Zopf über ihre Schulter. »Habt ihr die Männer gesehen, die das Plakat aufgehängt haben?« Ohne auf die Jungen zu warten, eilte sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Lutfisk, der ein hellbraunes und weißes Fell, drei weiße Pfoten sowie schwarze Flecken an den Ohren und am Schwanz hatte, lief neben ihr. 9


An der Querstraße stand ein Mann auf einer Leiter, die gegen ein Gebäude gelehnt war. Mit einer Bürste strich er ein großes Stück Papier an der Wand des Gebäudes glatt. Unten stand ein zweiter Mann und blickte nach oben. Kate ging hinter ihm vorbei, und Lutfisk begann ihr zu folgen. Er stemmte seine Pfoten in den Straßenstaub, schaute den Mann an und bellte. »Lutfisk!«, rief Kate. »Hör auf damit!« Aber Lutfisk knurrte aus tiefster Kehle. Die Haare auf seinem Rücken standen zu Berge. »Ruf deinen Hund zurück!«, rief der Mann Kate zu. So als würde er sich vor Lutfisk fürchten, drehte er sich langsam weg. Der Mann auf der Leiter kam herunter. »Ach Leo, der Hund wird dir nichts tun.« »Willst du wetten? Du hast gut reden, Charlie. Dort oben auf der Leiter kann er dich ja nicht beißen!« Als hätte Lutfisk es verstanden, kam er dem Mann, der Leo hieß, näher und fletschte die Zähne. Plötzlich trat der Mann ihn. Lutfisk jaulte vor Schmerzen, fiel hin und rollte durch den Straßenstaub. »Sie … Sie …« Vor lauter Wut war es Kate ganz heiß geworden. »Wie können Sie nur einen unschuldigen Hund treten?« »Er hat angefangen!«, meinte Leo, während sich Lutfisk aufrappelte. »Sie haben angefangen!«, zischte Kate. Sie wurde immer wütender. »Bei keinem anderen Menschen auf der Welt benimmt sich Lutfisk so!« 10


»Ha!«, schnaubte Leo. »Wahrscheinlich greift er jeden an, den er sieht!« Kate ballte die Fäuste. »Lutfisk knurrt nicht ohne Grund!« »Hör auf damit, Leo!« Charlie stieg von der Leiter auf den Boden. »Das Mädchen hat recht. Der Hund hätte dir nichts getan.« Kate war froh über Charlies Hilfe, aber Lutfisk stand seinen Mann und blickte Leo an. Wieder knurrte er aus tiefster Kehle. »Sei still«, befahl Kate. Diesmal gehorchte der Hund. Er stellte sich direkt neben Kate, so als wollte er sie beschützen. Kate kniete sich hin und nahm ihn in die Arme. Behutsam tastete sie über seinen Rücken und seine Seiten, um zu sehen, ob er verletzt war. Als ihre Hand eine empfindliche Stelle berührte, winselte der Hund. »Da ist schon eine Schwellung zu spüren!«, stieß Kate hervor. »Das war nicht gut von dir«, sagte Charlie zu Leo. »Du entschuldigst dich jetzt bei ihr.« »Entschuldigung!«, lachte Leo bei dem Gedanken daran. »Ha!« »So wirst du deine Arbeit nicht lange behalten«, warnte Charlie ihn. Er wandte sich an Kate. »Es tut mir leid, junges Fräulein«, entschuldigte er sich. »Dem Chef wird das gar nicht gefallen. Er hat Leo erst gestern eingestellt.« Charlie kniete sich hin und streckte seine Hand nach dem Hund aus, so als wollte er Freundschaft 11


mit ihm schließen. »Lute Fisk?«, fragte er. »Das ist ein ungewöhnlicher Name.« Lutfisk ging langsam auf ihn zu und beschnüffelte Charlies Hand. »Mein Bruder hat ihn so genannt«, erklärte Kate. »Nach dem Fisch, den die Schweden zu Weihnachten essen. Lutfisk war in den eingelegten Dörrfisch geraten und hat ihn dann vollständig aufgefressen, bevor Anders ihn dort entdeckte.« Leo blickte immer noch böse drein, griff nach einem Eimer und entfernte sich von ihnen. Während er mit einem Auge immer noch den Hund beobachtete, schmierte er Kleister an den unteren Teil der Wand. Als Charlie aufstand, nahm er ein gefaltetes Plakat. Eine Seite drückte er gegen die Wand und faltete dann das große Stück Papier am Gebäude auseinander. »Das sieht ganz leicht aus«, sagte Anders, als er und Erik Kate eingeholt hatten. »Leicht!«, rief Kate aus. »Das liegt daran, dass Charlie weiß, was er tut.« Schnell erzählte sie ihrem Bruder, was passiert war. Als Anders Lutfisks Rücken abtastete, errötete sein Gesicht vor Zorn. »He, Sie«, wandte er sich an Leo, »wagen Sie es nicht noch einmal, meinen Hund zu treten!« Als würde er einer Meinung mit Anders sein, bellte Lutfisk. Leo drehte sich um. »Ich sage es noch mal: Du hast einen bissigen Hund!« 12


Anders ging auf ihn zu, aber Kate packte ihn am Arm, um ihn zurückzuhalten. »Das reicht!«, sagte Charlie zu Leo. »Noch ein Wort – und du verlierst deine Stelle!« Als sich Leo wieder an die Arbeit machte, starrte Kate ihn an. Sein hellbraunes Haar war nach hinten geklatscht, weg von seinem Gesicht, so als hätte er Gel benutzt. Direkt über seinem Kragen lief sein Haar zu einem Punkt zusammen. Wie die Schwanzfedern eines Vogels, dachte Kate. Die Vorstellung erschien ihr komisch, und sie fühlte sich besser. Charlie strich die Luftblasen unter dem Plakat zum Rand. Unter seinen geschickten Händen wurde die Wand mit hellen Farben verschönert. »Genau das, was ich dachte!«, sagte Kate zu Anders und Erik. »Das ist ein Zirkus, alles klar!« In der Mitte des Plakats stand ein brüllender Löwe. Der König des Dschungels war von anderen Tieren umgeben – Elefanten, Bären, Leoparden und Affen. »Ich habe noch nie einen echten Löwen oder Tiger gesehen.« Anders studierte das bunte Bild. »SELTENE, WILDE TIERE«, las er laut. »DREI GROSSE MANEGEN. TÄGLICH ZWEI GIGANTISCHE SHOWS. KOSTENLOSE STRASSENPARADE.« An beiden Seiten des Plakats klebte Charlie längliche Streifen mit dem Namen des Zirkus und dem Datum auf. »River Falls!« Kate stöhnte, als sie sah, in welche Stadt der Zirkus kommen würde. »Das ist min13


destens sechzig oder siebzig Meilen weg! Machen Sie immer so weit von ihrem Standort entfernt Werbung?« »Nee!« Charlie blickte zu den Bahngleisen. Ein Personenwaggon mit der Aufschrift ANKÜNDIGUNGSWAGEN wartete in der Nähe des Bahnhofs. »Wir schlafen in dem Waggon dort auf dem Rangiergleis. In der Nacht hat jemand unseren Waggon an die falsche Lok gekoppelt. Als wir aufwachten, waren wir in Frederic statt in River Falls.« Während Charlie das Glätten des Plakats beendete, griff Leo in seine Tasche und holte eine Handvoll Erdnüsse heraus. Er beobachtete immer noch Lutfisk, während er eine Schale knackte und die Nüsse in den Mund steckte. »Da wir schon einmal hier sind, können wir auch Werbung machen!«, sagte Charlie, als Leo die leere Schale über seine Schulter warf. »In unserem Großzelt haben wir die wagemutigsten Darbietungen, die es je zu sehen gab!« Charlie schob seinen Hut nach hinten, unter dem seine Glatze zum Vorschein kam, und grinste Kate an. »Nun denk doch mal darüber nach, junge Dame, wie gerne du unseren Zirkus besuchen würdest!« »Und Sie wollen, dass jeder Ihre Plakate sieht«, sagte Erik. »Sicher! Wir haben so große Elefanten, dass man nicht um sie herumblicken kann. Als wir einmal mit unseren Wagen unterwegs waren, wollten wir einen der Elefanten mit einer Fähre über einen Fluss bringen. Aber die Fähre sank!« 14


Kate lachte. Sie war sich nicht sicher, ob sie Charlie glauben sollte oder nicht. Aber sein Humor war ansteckend. »Was ist mit Pferden?«, wollte Anders wissen. »Haben Sie viele davon?« »Mehr als ich zählen kann«, erwiderte Charlie. »Packpferde, die die Arbeit tun. Weiße Manegenpferde für Kunststücke. Und schwarze, glänzende Pferde wie die Stute, mit der ihr gekommen seid. Du weißt, wie man mit einem Pferd umgeht, junger Mann! Beim Zirkus könntest du was werden!« Anders grinste, und Kate wusste, dass er sich über diese Worte freute. »Na, und wir haben einen Clown, der drei Meter groß ist«, fuhr Charlie fort. »Läuft er auf Stelzen?«, erkundigte sich Anders. Als Charlie nickte, trat Erik vor. »Können wir Ihnen helfen? Wir könnten ein Plakat auf dem Land aushängen.« »Wie weit draußen?«, fragte Charlie. »Neun oder zehn Meilen.« Erik sah Kate und Anders an. »Eine Straße führt über ihre Farm. Viele Leute nehmen sie als Abkürzung.« »Habt ihr eine Stelle, wo ihr es anbringen könnt?« »Direkt an ihrer Scheune. Jeder, der vorbeikommt, würde es sehen.« »Viele Leute, sagst du?« »Ja«, versprach Erik ihm. »Wette, die ganze Arbeit wäre ein paar Freikarten für den Zirkus wert.« Charlie grinste, als würde ihn dieser Vorschlag nicht überraschen. »Vielleicht wäre es das.« Er 15


griff in seine Tasche und holte drei Eintrittskarten hervor. Leo gab Erik ein paar große, zusammengefaltete Stücke Papier, ein paar kleinere mit dem Datum und einen Eimer Kleister. Als wäre er froh, sie nicht länger sehen zu müssen, nahm Leo seine Bürsten und machte sich auf den Weg zum Eisenbahnwaggon, ohne sich noch einmal umzublicken. Als er ging, legte sich Lutfisk hin und streckte entspannt alle viere von sich. Auf dem Weg zu ihrem Farmwagen rief Charlie Kate und den Jungen zum Abschied hinterher: »Mögen all eure Tage Zirkustage sein.« Bevor sie ins Geschäft gingen, legte Kate die gefalteten Plakate hinten auf den Wagen. Als der Wind die Ecken erfasste, stellte Erik den Eimer mit Kleister drauf. Kate brauchte nicht lange, bis sie die Sachen auf Mamas Liste gefunden hatte. Als Kate die Waren auf den Wagen stellte, fiel ihr ein kleines Stück Zeitung auf, das am Boden des Eimers mit Kleister hing. Vorsichtig trennte sie es vom Eimer. Jemand hatte die Ecken eines Zeitungsartikels mit einem Bleistift markiert.

PROBLEME VERFOLGEN DEN GROSSEN ROBERTO noch verfolgt den Großen Roberto das Pech. Heute vor einem Jahr hatte der Trapezkünstler einen

Trotz aller Bemühungen, die schlechten Nachrichten zurückzuhalten, ist es bekannt geworden: Immer 16


Wegen seiner Verletzungen kann der Große Roberto nicht länger als Trapezkünstler arbeiten. Obgleich er den Zirkus wechselte, hat er jetzt wieder unerklärliche Unfälle. Fans des Großen Roberto können ihn als Clown bestaunen, wenn sie den Zirkus besuchen, der am 13. Juli in River Falls gastiert.

bisher ungeklärten Unfall und stürzte zu Boden. Obwohl der berühmte Artist mit dem Leben davon kam, verletzte er sich ernsthaft. Damals erzählte er der Polizei, jemand habe sich an seinen Trapezgeräten zu schaffen gemacht. Wenn dies stimmen sollte, wurde der Übeltäter bisher nicht gefasst.

Der Große Roberto, dachte Kate, als sie den Artikel zu Ende gelesen hatte. Warum kommt mir dieser Name nur so bekannt vor? »Was hast du da, Kate?«, fragte Erik, als er und Anders aus dem Viehfuttergeschäft zurückkamen. »Etwas Sonderbares«, meinte Kate. »Aus irgendeinem Grund hat die Person, die diesen Zeitungsartikel ausgeschnitten hat, ihn für wichtig gehalten.« Als Erik ihn durchgelesen hatte, sah er ebenfalls so beunruhigt aus, wie Kate es schon war. »Ich glaube nicht an Zufall!«, sagte er. »Und erst recht nicht an so einen.« »Ich auch nicht«, gab Kate zurück. »Jemand versucht, diesem Mann Schaden zuzufügen. Ich würde gerne herausfinden, wer das ist!«

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Sarahs Überraschung ls Kate und Erik Anders den Artikel zeigten, stimmte dieser ihnen zu. »Ich frage mich, was da vor sich geht. Es klingt so, als wolle jemand Roberto etwas heimzahlen.« »Mehr als nur heimzahlen. Ihn wirklich verletzen.« Trotz des warmen Wetters an diesem Tag lief es Kate kalt den Rücken herunter. »Das muss ein richtig übler Typ sein, der sich an Trapezgeräten zu schaffen macht«, meinte Erik. Anders hob Lutfisk auf die Ladefläche des Wagens. Als er seinen Hund streichelte, achtete Kate auf die Augen ihres Bruders. Sie war sich sicher, dass es Anders lieber gewesen wäre, man hätte ihn getreten statt seinen Hund. Als Anders auf den Wagensitz kletterte, schaute sich Kate den Zeitungsartikel noch einmal an. »Unerklärliche Unfälle«, las sie. »Warum sind diese Worte unterstrichen?« Anders zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wollte die Person, die den Artikel ausgeschnitten hat, dass sie passieren.« Er zog an den Zügeln, und die Stute bewegte sich vom Gehsteig weg. »Aber warum?«, fragte Kate. Ihr Magen schnürte sich zu, als sie nun daran dachte, dass ein unschuldiger Mann verletzt wird. »Und warum klebte dieses Stück Papier am Boden des Eimers? Woher stammt es?« »Wahrscheinlich fiel es jemandem aus der

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Tasche«, sagte Anders, während er den Wagen wendete. »Wir waren die Einzigen, die in der Nähe dieses Eimers standen«, warf Erik ein. »Wir und diese beiden Männer.« »Leo und Charlie.« Kate mochte Charlie. Sie wollte nicht glauben, dass er etwas so Böses tun würde. Aber Leo? »Jemand, der einen Hund tritt, ist möglicherweise zu vielen scheußlichen Dingen imstande«, murmelte Anders. Er führte Wildfire auf eine kurvige Straße. »Oh!« Plötzlich dämmerte es Kate. »Jetzt weiß ich, wo ich den Namen schon einmal gehört habe. Der Große Roberto hat etwas mit Sarah zu tun.« »Sarah?«, fragte Erik. »Sarah Livingston. Meine beste Freundin in Minneapolis. Sie schrieb mir von seinem Unfall. Es ging ihr richtig an die Nieren.« Kate starrte die Worte des Artikels an. »Wer immer dieser Kerl sein mag – er ist schon seit einem Jahr hinter Roberto her.« »Vielleicht nicht die ganze Zeit«, gab Erik zu bedenken. »Wenn Roberto anfängt zu denken, dass alles in Ordnung ist, kommt es vielleicht wieder zu einem neuen Unfall.« Anders sah zu Kate herüber. Vor fünfzehn Monaten hatte sein Vater Carl Nordstrom Kates Mutter geheiratet. Kate und Mama waren von Minneapolis auf die Windy Hill Farm gezogen. »Es ist so, als würdest du darauf warten, dass jemand über dich herfällt«, sagte Anders. 19


Auf dem schmalen Sitz versuchte Kate, von ihrem Stiefbruder wegzurücken. »Wie er sich von hinten anschleicht …« »Hör auf, Anders!« »Seine Hand ausstreckt und dich aus dem Dunkeln packt!« Erik lachte, aber Kate fand es überhaupt nicht komisch. »Irgendwann fällt mal jemand über euch her«, sagte sie. »Über euch beide!« »Nicht über mich! Ich bin zu groß!« Anders schien sehr von sich überzeugt zu sein. Erik grinste und strich sich sein braunes Haar aus den Augen. Er und seine Familie lebten auf einer Farm in der Nähe von Kate und Anders. Wie Anders war auch Erik über 1,80 Meter groß und hatte breite Schultern von der Farmarbeit. Obwohl sie alle dreizehn Jahre alt waren, war Kate klein für ihr Alter, viel kleiner als die beiden Jungen. Jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. »Es wäre schrecklich, wenn man ständig daran denken würde, ob einem wohl etwas Schlimmes widerfahren wird.« »Das wäre es. Und es könnte passieren.« Anders versuchte immer noch, Kate zu ärgern. Auf dem Heimweg redeten sie über die Freikarten. »Aber wofür sind sie gut, wenn wir nicht hinfahren können?«, fragte Anders. Kate konnte sich keinen größeren Spaß vorstellen als einen Zirkusbesuch. Allerdings blieb nicht mehr genügend Zeit, um sich das Geld für den Zug zu ver-

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dienen. Und selbst wenn sie hinfahren könnten – wo sollten sie dann übernachten? »Ich habe eine Idee«, sagte Anders. »River Falls liegt in Wisconsin, aber nur wenige Meilen östlich von Minneapolis und St. Paul. Wenn wir es irgendwie bis nach dort schaffen, könntest du dich mit Sarah zum Zirkus verabreden.« Kate lachte. »Anders Nordstrom! Ausnahmsweise hast du mal eine wirklich gute Idee!« »Was soll das heißen, ausnahmsweise?« Anders warf ihr ein schiefes Lächeln zu. »Ich kenne niemanden, der mehr gute Ideen hat als ich.« »Sarah würde liebend gern hingehen!« Da war sich Kate ganz sicher. »Und Michael!« Anders sprach mit hoher Stimme und ahmte ein Mädchen nach. »Michael Reilly würde dich bestimmt gerne wiedersehen!« »Wer ist Michael Reilly?«, wollte Erik wissen. »Kates alter Freund aus Minneapolis«, erzählte Anders ihm. Kate spürte, wie ihr aus lauter Verlegenheit die Röte in die Wangen stieg. In Minneapolis wusste jeder, dass Michael Kate mochte. Oft wurden sie von ihren Klassenkameraden aufgezogen, die im Sprechgesang anstimmten: »Michael ist in Kate verliebt!« Mehr als einmal hatte Kate ihnen gesagt, dass sie damit aufhören sollten. Aber tief im Inneren hatte sie die Vorstellung immer schön gefunden, dass Michael sie mochte. Erik schaute weg und tat so, als würde es ihm nichts ausmachen. Als er von den nahe gelegenen 21


Bäumen wieder wegblickte, hatte er einen seltsamen Ausdruck in den Augen. Anders schien es nicht zu bemerken. »Klar, Michael Reilly. Er brachte Kate bei, wie man ein Boot über den Fluss steuert. Ist das nicht genau das, was sie wissen muss?« »Ja, das ist es – das war es!«, sagte Kate hitzig. Dann erinnerte sie sich daran, wie sie im Winter oft Schlittschuh gelaufen waren. Wie sie und Michael und ihre Freunde eine Straßenbahn nach Minnehaha Falls nahmen. Zusammen waren sie den Mississippi hinuntergewandert und hatten den Booten zugeschaut, die flussaufwärts fuhren. Jetzt, da sie wieder an Michael dachte, fühlte Kate sich einsam. Lange Zeit wollte sie eine große Organistin werden. Aber vor Kurzem hatte sie ihren Träumen noch etwas anderes hinzugefügt – einen besonderen Freund. Und eines Tages – Kate gestand es sich kaum ein – eines Tages einen ganz besonderen Ehemann! »Ich wette mit dir«, fuhr Anders fort, »ich wette, der gute alte Mike ist immer noch in Kate verliebt.« Er schaute an seiner Schwester vorbei zu Erik hinüber. »Ich wette, er würde die Gelegenheit beim Schopfe packen, sie wiederzusehen.« »Vermutlich«, knurrte Erik. Einen Augenblick lang starrte Anders seinen Freund an. Als würde ihm plötzlich ein Licht aufgehen, fing er an zu lachen. Kate gab ihm einen Stoß mit dem Ellbogen. Anders verschluckte sich an seinem Lachen. 22


»Vielleicht hat der gute alte Mike mittlerweile eine andere Freundin.« Erik klang hoffnungsvoll. »Vielleicht«, meinte Anders. »Aber ich bezweifle das.« Er nahm beide Zügel in eine Hand. Mit einer schwungvollen Bewegung zog er ein großes rotes Tuch aus seiner Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ach, weißt du, wahre Liebe stirbt nie!« Kate lachte und tat so, als würde es ihr nichts ausmachen. Doch sie fragte sich schon, wie Michael wohl heute über sie dachte. Seitdem sie Minneapolis verlassen hatte, wollte sie ihn wiedersehen. Als sie den Weg zur Windy Hill Farm erreichten, hielt Anders am Briefkasten an. Erik sprang hinunter und zog einen Brief heraus. Er war an Kate adressiert. »Er ist von Sarah!«, rief Kate aufgeregt. »Vielleicht hat sie schon von dem Zirkus gehört!« Kate riss den Umschlag auf, zog den Brief heraus und las ihn laut vor.

Liebe Kate, in diesem Sommer bin ich in River Falls, um meiner Oma zu helfen, weil es ihr eine Zeit lang nicht so gut ging. Im Augenblick fühlt sie sich wieder viel besser. Heute Morgen sagte sie mir, dass vor ein paar Wochen ein Mann vom Zirkus in der Stadt war. Er reservierte ein großes, unbebautes Grundstück und kaufte tonnenweise Tierfutter. 23


Meine Oma sagte, dass ein Verwandter meiner Mutter jetzt für diesen Zirkus arbeitet. Erinnerst du dich noch, dass ich dir von dem Großen Roberto geschrieben habe? Er war einmal ein Trapezkünstler – einer der besten in der Welt. Dann hatte er einen mysteriösen Unfall. Er stürzte während der Show hinunter. Es war schrecklich! Weil er immer so viel umherreist, sehe ich Roberto nur selten, aber ich kann ihn wirklich gut leiden. Jetzt arbeitet er als Clown, aber meine Oma sagt, dass er immer noch Unfälle hat – ganz merkwürdige und unerklärliche. Es ist so, als wollte ihm jemand etwas heimzahlen. Du und dein Bruder Anders habt so viele Geheimnisse gelüftet. Glaubst du, ihr könntet Roberto helfen? Kate sah auf. »Ich hatte recht! Es ist derselbe Roberto!« Sie las weiter.

Der Zirkus ist am Samstag, dem 13. Juli, in River Falls. Meine Oma sagt, wenn ihr kommen könnt, ist deine ganze Familie eingeladen, bei ihr zu übernachten. Die nächsten Worte schienen sich vom Papier abzuheben. Kate hörte auf, laut vorzulesen.

Wenn du kommen kannst, werde ich auch Michael Reilly einladen. Übrigens: Wir nennen ihn jetzt M. R. Das passt besser zu ihm. Deine allerbeste Freundin Sarah PS: M. R. mag dich immer noch. 24


Kate starrte die letzte Zeile an. Genau das hatte sie gehofft! Laut sagte sie: »Ich kann es nicht glauben! Sarah will, dass wir kommen!« Anders grinste und nahm die beiden Zügel in eine Hand. »Alles klaaar!« Bevor Kate begriff, was er vorhatte, hatte er sich auch schon den Brief geschnappt. Wie wild zerrte sie ihren Bruder am Ärmel und versuchte, den Brief zurückzubekommen. Aber Anders hielt ihn über den Rand des Wagens hinaus. »Hör dir das an, Erik«, sagte er. »Michael Reilly ‘Ž’ •1“Ž•£•1 ï9 ï 1 Š•Ž1•’Ž•1•Šœ•1Ÿ˜–1 ’•£ð1Š•œ1œ’Ž1œ’Œ‘1 wieder nach dem Brief ausstreckte. Aber ihr Bruder hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von ihr weg. ’Ž›1 ’œ•1 —˜Œ‘1 Ž’—Ž1 Žž’•”Ž’• ð1 œŠ••Ž1 Ž›ï1 ï9 ï1 mag meine kleine Schwester Kate immer noch!« »Anders, du machst mich noch wahnsinnig!« Als er ihr den Brief schließlich zurückgab, fühlte sich Kates Gesicht ganz heiß an. Sie blickte zur Seite, um herauszufinden, was Erik dachte. Er schaute wieder die Bäume an. »Wenn das nichts ist!«, meinte Anders. »Willst du noch ein Rätsel lösen, Kate?« Das wollte sie. Wenn jemand einem Verwandten von Sarah Schwierigkeiten macht, will ich natürlich helfen, dachte sie. Aber Kate war so wütend auf Anders, dass sie ihm jetzt überhaupt nichts dazu sagen wollte. Und noch viel mehr wollte Kate ihre Freunde wiedersehen. Ich frage mich, ob Michael immer noch so nett ist.

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ï9 ï, korrigierte sich Kate. Von jetzt an wollte sie ï9 ï sagen, um es sich einzuprägen. Als die kurvenreiche Strecke sie in die Wälder führte, blickte Kate zurück über ihre Schulter. Lutfisk lag mit der Schnauze zwischen seinen Pfoten auf der Ladefläche. Er sah sie mit traurigen Augen an. »Diesen Leo mag ich ganz und gar nicht«, sagte Kate. »Ich kann ihn auch nicht ausstehen«, stimmte Anders ihr zu. Auch er schaute zurück. »Muss schon ein echt mieser Typ sein, der einen Hund tritt.« »Ich frage mich, ob wir den noch einmal zu Gesicht bekommen«, sagte Erik. »Ich hoffe nicht.« Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag lief es Kate kalt den Rücken herunter.

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