Josh McDowell / Cristóbal Krusen
EIN SKEPTIKER kapituliert
Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
1. Auflage 2012 © 2009 by Josh McDowell Ministry P.O. Box 131000 · Dallas, TX 75313-1000 · USA All rights reserved. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »my journey … from skepticism to faith« im Verlag Tyndale House Publishers, Inc., Carol Stream, Illinois, USA. © der deutschen Ausgabe 2012 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Hermann Grabe, Meinerzhagen Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Satz: CLV Druck: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-86699-146-0
1 Ich wachte an diesem Tag früher auf als sonst. Draußen war es noch dunkel. Schnell zog ich mich an, um meine häuslichen Pflichten zu erfüllen, doch ich fühlte mich durch die seit Tagen ansteigende Spannung abgelenkt. Ich verließ das Haus und ging zur Scheune hinüber, wie ich es schon tausendmal zuvor getan hatte. Vielleicht wird es heute so weit sein, dachte ich, während ich meine Stute Dolly mit einem Eimer Hafer fütterte. Sie blickte mich mit ihren braunen Augen an, was mich immer sehr vergnügt machte. Ich konnte ihre Gedanken beinahe hören: Darf ich mit dir kommen? Ich lachte und streichelte ihre Nüstern. »Mal sehen, Dolly, mal sehen!« Sie wieherte leise und zufrieden, und ich eilte zu meinen weiteren Aufgaben, aber obwohl ich um sieben Uhr noch nicht fertig war, rannte ich ins Haus, um nach meiner Mutter zu schauen. Die Arbeit kann warten, dachte ich einfach. In der Küche wusch Wayne Bailey, unser Knecht, das Geschirr ab. Er war ein großer, schlanker Mann mit einer langen, gebogenen Nase. Manchmal sah er unheimlich aus, und manchmal wiederum fand ich ihn komisch, wenn er im Haus mit der Küchenschürze herumlief und sich bückte, um den Staub aus den Ecken zu kehren oder unter unseren alten Möbeln hervorzufegen. »Wo ist Mama?« Wayne blickte von seinem Geschirr auf und kniff die Augen zusammen. »Wozu willste das wissen?«, fragte er. Ich stellte mich dumm und tat, als ob ich gähnen müsste. »Nur so halt.« 3
»Sie ist mit Papa unterwegs.« Meine Augen weiteten sich. »Sie sind schon aus dem Haus?« Ich war so erschrocken, dass ich die Worte kaum herausbrachte. »Warum interessiert dich das?« Ich prüfte Waynes Gesicht, um daraus schlau zu werden. »Sie bringen das Haus woandershin, stimmt’s?«, rief ich aus. Wayne tat, als müsse er die Pfanne besonders kräftig schrubben. Sein Schweigen sagte alles … Ich rannte in mein Zimmer, um mein Arbeitszeug gegen eine saubere Latzhose und ein rot kariertes Hemd einzutauschen. Das hatte ich schon für diesen so sehnlich erwarteten Moment bereitgelegt. Augenblicke später erschien ich wieder, steckte das Hemd in die Hose und lief zur Tür. Wayne rief mir nach: »Deine Mama hat gesagt, du dürftest nirgendwo hingehen, wenn du deine Arbeiten noch nicht erledigt hast!« »Meinen Kram hab ich fertig!«, rief ich zurück und stürzte aus der Tür. Am Horizont konnte ich Menschen in langen Reihen auf dem Kamm eines nahe gelegenen Hügels hin- und hergehen sehen. Auch Autos und Lastwagen parkten auf den Flanken des Hügels. Ich rannte, so schnell meine elfjährigen Beine mich tragen konnten. Dies war ein Ereignis, das ich nicht verpassen wollte. Nein, mein Lieber! Das war, wie wenn der Zirkus in die Stadt kommt – nur besser. Dieser Zirkus kam auf mein eigenes Grundstück! Mein älterer Bruder, Wilmot Jr., oder einfach »Junior«, wie wir ihn meistens nannten, wollte das Haus für unseren Wanderarbeiter von da oben auf dem Hügel etwa eine Meile weiter nach unten an die Straße ziehen. Irgendwie regten sich meine Eltern furchtbar darüber auf. Sobald die 4
Sprache darauf kam, fing meine Mutter an zu heulen. Mir war nicht ganz klar, warum das sie und meinen Vater so aufregte. Aber sie hätten es mir nie erzählt, obwohl sie schon manchmal davon sprachen, dass Juniors Frau das Sagen hatte – oder so ähnlich. Jedenfalls hieß es, sie setzte ihm »Flöhe ins Ohr«. Auch war die Rede von »Halsabschneidern im Gericht« und davon, dass sie ihnen, also Juniors Eltern, »das letzte Hemd ausziehen«. Ich fragte sie, warum man dazu den Hals abschneiden muss, man brauche dafür doch nur ein paar Knöpfe aufzumachen. Aber da wurden sie erst recht ärgerlich. »Du verstehst das noch nicht!«, sagten sie daraufhin. Aber dann fingen sie doch an, mir irgendwie die Sache zu erklären. Soweit ich verstand, behauptete Junior, mein Vater hätte ihm das Haus versprochen – aber der bestand darauf, so etwas niemals getan zu haben. Doch wer weiß? Mein Vater war ein starker Trinker und sagte oft mal etwas, was ihm später bitter leidtat oder woran er sich bald nicht mehr erinnern konnte. Sein tägliches Alkoholpensum umfasste zwei bis drei Flaschen billigen Weins. Manchmal, besonders kurz bevor er völlig betrunken war, wurde er rabiat. Im Vollrausch redete er oft dummes Zeug oder saß auch wohl teilnahmslos herum. Was mich anging, wollte ich das ganze Gerede von den »Lügen« und dem »Halsabschneiden« den Erwachsenen überlassen. Sollten sie sehen, wie sie damit fertig wurden. Mich bewegten andere Dinge. Wie wollen sie das Haus von der Stelle bewegen?, überlegte ich. Diese Frage hätte ich gern beantwortet gehabt. Wollten sie mit Hubschraubern das Haus anheben und es eine Meile weit über die Äcker an seine neue Stelle tragen? Oder sollten gar Flugzeuge ganz tief fliegen und es mit dicken, starken Tauen fortbringen? 5
Ich hatte keine Ahnung – aber ganz sicher wollte ich mir dieses Schauspiel nicht entgehen lassen. Atemlos erreichte ich den Gipfel des Hügels. Da waren schon riesige Traktoren um das Haus postiert, und eine Gruppe Arbeiter sicherte die Seitenwände des Hauses mit Seilen. Ich sah meine Mutter und meinen Vater, wie sie beide wütend auf Junior schauten, der ganz nahe an dem Haus stand. Ein Haufen Nachbarn und weiteres Volk aus dem Dorf standen lachend dabei, während andere die Büsche und kleinen Bäume ausgruben, die meine Mutter dort um das Haus gepflanzt hatte. Ich hatte eine Party erwartet – dies aber sah verzweifelt anders aus. Irgendetwas stimmte hier nicht! Nun sah ich, wie mein Vater hinging und Juniors Hand festhielt, um ihn am Graben zu hindern. Aber Junior riss sich los, und mein Vater taumelte rückwärts. Mama ging ebenfalls auf die Menge zu und winkte mit dem Taschentuch, als wenn sie um Waffenstillstand bitten wollte. Die Leute achteten nicht auf sie, sondern versammelten sich um meinen Vater und beschimpften ihn, als sei er ein dummer Junge. Ich hörte Ausdrücke, von denen meine Ohren rot wurden. Dann wandte sich die Menge meiner Mutter zu und begann, sie zu beleidigen, indem sie die dreckigsten Ausdrücke gebrauchten, die man sich vorstellen kann. Ich blickte für kurze Zeit in die Gesichter dieser »netten Leute«, die ich doch zeit meines Lebens gekannt hatte. Wie konnten sie meinen Eltern so etwas an den Kopf werfen? Waren das also unsere Freunde? Mein Vater, der an diesem Morgen schon etwas getrunken hatte, glitt auf dem matschigen Boden aus und landete auf seinem Rücken, was weiteres Gelächter bei den Leuten hervorrief. Ich lief zu meiner Mutter, weil ich fürchtete, sie könnte auch hinfallen, während sie ihrem Mann wieder 6
aufzuhelfen versuchte. Niemals werde ich ihr Gesicht vergessen. Sie schaute mich mit den Augen einer Ertrinkenden an – wie jemand, der darum gerungen hatte, sich inmitten wirbelnder Fluten über Wasser zu halten, und der nun zu schwach ist, weiterzukämpfen. Ich konnte nicht zusehen, wie sie sich aufgab und unterging. Ich blickte an meiner frisch gebügelten Latzhose hinunter. Sie war schon voller Flecke, und nun begann es auch noch zu regnen. Wieder blickte ich umher. Das hier wurde keine Party. Das war mir klar. Es würden auch keine Flugzeuge kommen, um das Haus die Straße hinabzubewegen. Aber diese Enttäuschung war nichts verglichen mit der grausamen Lektion, die sich mir wie ein heißes Brenneisen in mein Herz gebrannt hatte. In meinem Elternhaus hatte ich nie Liebe kennengelernt – aber nun sah ich mit eigenen Augen, dass es schien, als hätten auch die Nachbarn keine Liebe für uns übrig. Nirgends in der Welt gab es Liebe. Und ich weiß noch, wie ich dachte: Es ist alles hoffnungslos. Nirgends gibt es Liebe oder Hoffnung. Und dann war ich überhaupt nicht mehr fähig, noch irgendeinen weiteren Gedanken zu fassen. ‘‘‘
Ich erinnere mich noch, wie sie alle zusahen, wie ich weinte und laut heulte. Ich lief den Hügel hinunter, auf unsere Scheune zu. Hinten in der Scheune waren Boxen, die Weizen, Gerste und Mais enthielten. Daraus mischten wir das Futter für die Kühe. Ich lief die Treppe zu den Getreidesilos hinauf, ging durch das große Tor und ließ den schweren eisernen Verschluss hinter mir zufallen. Dort gab es zwei Fenster. Die Rollläden waren hochgezogen. Ich stieß die Stöcke fort, die die Rollläden hochhielten, und da in der Finsternis kroch ich in das Maissilo und vergrub mich bis zum Hals in den gelben Körnern. 7
Am liebsten wollte ich sterben! Nicht, weil mir die »Party« auf dem Hügel verhagelt worden war. Nicht nur, weil meine Eltern von falschen Freunden gedemütigt waren oder weil mein Bruder seine eigene Familie hasste. Sondern weil alles zusammen – und noch vieles mehr – zusammengekommen war, um mich verzweifeln zu lassen. Ich schämte mich schrecklich. Zwischen meinen Tränen, die aus meinem tiefsten Inneren hervorbrachen, verfluchte ich Gott – wenn es ihn denn geben sollte –, weil er mich verlassen hatte. Und ich meinte, dass wenn er existierte und in diesem Augenblick vor mir gestanden hätte, ich mich mit allen meinen Kräften auf ihn gestürzt hätte. Ich hasste ihn mehr als alles andere in der Welt. Na ja, mehr als fast alles in der Welt. Denn da gab es ja zum Beispiel noch meinen Vater. Ich verfluchte und verdammte ihn wieder und wieder. Dieser im ganzen Dorf bekannte Trunkenbold! Dieser Feigling, der es wagte, meine Mutter jedes Mal zu schlagen, wenn er zu viel getrunken hatte! Vielleicht war er sogar in diesem Augenblick auf der Suche nach einer seiner Weinflaschen, die er überall auf der Farm versteckt hatte. Das war doch kein Vater! Nein, ein miserabler Säufer, der nur Kinder hatte, um sie als Arbeiter auf seiner Farm anzustellen. Der würde eines Tages noch kriegen, was er verdiente. Dafür wollte ich sorgen! Eine Stunde verging, dann zwei, dann drei. Ich begann, hungrig zu werden. Mir wurde klar, dass niemand kommen und nach mir suchen würde. Ich war allein und gänzlich verlassen. Anscheinend interessierte es niemanden, ob ich lebte oder tot war. Schließlich kämpfte ich mich aus dem Maissilo und ging auf die Tür mit dem schweren Eisenriegel zu. Ich stieß das Tor auf und wurde von dem hellen Sonnenlicht geblendet. 8
Ich blinzelte und fragte mich, ob ich vielleicht jemanden dort erkennen konnte, einen, der vielleicht nach mir ausgeschaut hatte. Meine Mutter vielleicht? Ach, wenn sie mich doch rufen würde und die Absicht hätte, mich zu trösten! Aber da war niemand – nichts als das leise Säuseln des Windes. Ich schloss die Tür zu den Futterboxen. Wir leben wie die Tiere – an diesen Gedanken erinnere ich mich. Und eines Tages werde ich auch wie ein Tier sterben, wie wir alle. Es gibt keine Liebe in der Welt, keinen Sinn, keinen Gott. Meine Augen begannen sich an das helle Licht zu gewöhnen, so wie sich mein Herz mit den Realitäten meiner Existenz abzufinden begann. Die Unschuld meiner Kindheit löste sich auf wie der Morgennebel.
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2 Mein einziger Trost war mein Pferd Dolly. Ich liebte es, frühmorgens bei der Stute zu sitzen und zuzuschauen, wie sie ihren Hafer fraß. Dann sprach ich mit ihr über alles Mögliche, und sie hörte mir immer zu und hatte niemals eine Widerrede. So saß ich auch am nächsten Morgen bei ihr, als ich die Kühe laut brüllen und meinen Vater fluchen hörte. »Mal sehen«, sagte ich zu Dolly. »Ich wette, er versucht einen Milchschlauch auf die Pumpe zu stecken und kriegt es nicht hin. Was meinst du?« Dolly sah mich mit ihren warmen braunen Augen an und zerkaute zufrieden ihren Hafer. »Ein Glück, dass er dich nicht melken kann«, sagte ich. »Höchstwahrscheinlich würde er dir auch wehtun dabei.« Im selben Augenblick hörte ich eine andere Stimme, eine Stimme, bei der es mir kalt über den Rücken lief und mein ganzer Leib zusammenzuckte. Mutter! Sie schimpfte meinen Vater. Für einen Augenblick hörten sogar die Kühe auf zu brüllen, als meine Mutter meinen Vater anschrie so laut sie konnte: »Du bringst die Kühe doch um, wenn du sie so wie jetzt an der Melkmaschine angeschlossen lässt!« Die Kühe fingen wieder an zu brüllen, doch nicht, bevor ich einen einzigen schrillen Schrei vernahm. Ich fuhr in die Höhe und rannte zum anderen Ende der Scheune. Dort wurden die Schreie meiner Mutter immer lauter, genauso auch das Stöhnen und Fluchen meines Vaters. Ich bog um die Ecke, um den nur allzu bekannten Anblick zu erleben, der mich jedes Mal krank machte. Mein betrunkener Vater schlug mit einem Milchschlauch aus Gummi auf meine Mutter ein, wobei er sie wiederholt mit 10
aller Kraft traf. Bevor ich sie erreichen konnte, stieß er sie zu Boden, wo sie in den Güllegraben fiel, der direkt hinter den Kühen verlief. Dort lag sie dann hilflos in der Jauche. Im selben Augenblick war ich über meinem Vater, schlug und trat und spuckte nach ihm und fluchte, alles zusammen. Zum Glück war mein Vater kein großer Mann, und außerdem konnte ich froh sein, dass er bei seinen heftigen Auseinandersetzungen mit meiner Mutter nie auf mich losging, wenn ich mich einmischte. Irgendwie und irgendwo bewirkte ich in seinem benebelten Verstand eine Art Schockwelle, sodass er von Mama abließ, so als ob er für einen Augenblick bei klarem Verstand war. Er hörte mit seiner Misshandlung auf und trollte sich aus der Scheune. Aber ich war noch nicht fertig mit ihm. Ich folgte ihm nach draußen und schrie so laut ich konnte: »Ich bring dich eines Tages um! Hörst du das? Ich ermorde dich!« Da lag ein Hammer. Ich warf ihn hinter ihm her, traf ihn aber nicht. »Im Schlaf bring ich dich um! Dann stech ich dir das Küchenmesser ins Herz und drehe die Klinge mal rechts-, mal linksherum!« Aber dann hörte ich die Stimme meiner Mutter, die um Hilfe rief. Sie konnte nicht aufstehen, und ich konnte ihr nicht aufhelfen, weil sie viel zu schwer war. (Sie war nur klein und wog doch rund drei Zentner.) So kniete ich bei ihr nieder und wischte ihr das Blut aus dem Gesicht und weinte mit ihr zusammen. Sie sah mich mit demselben Blick an wie am Tag zuvor auf dem Hügel, mit den Augen einer ertrinkenden Frau, die den Kampf aufgegeben hat und gleich im Wasser untergehen würde. »Er meint es nicht so«, sagte sie sanft. »Er meint es nicht so.« Hör auf damit!, schrie es in mir. Er meint es wirklich so! Und ich meinte es ebenfalls so! Oh, wie ich ihn hasste. Ich wollte ihm das Gleiche antun, was er ihr zugefügt hatte. 11
Ich wollte, dass er die Schmerzen spürte, die er anderen beigebracht hatte. Ich wollte, dass mein Vater auf die grausamste Weise zu Tode kam. »Hol Wayne«, sagte Mama mit heiserer Stimme. Wayne wusste nämlich, was zu tun war, weil es wiederholt vorgekommen war. Wir packten dann jeder auf einer Seite an und konnten Mama so wieder auf die Beine stellen und ins Haus zurückbringen. Dort lag sie oft mehrere Tage im Bett, um sich zu erholen. Nicht immer war mein Vater schuld an ihren Verletzungen. Wegen ihres außergewöhnlichen Gewichts fiel sie öfter mal bei ihrer Arbeit rund ums Haus. Dabei renkte sie sich gewöhnlich die Hüftgelenke aus. »Wayne!«, rief ich und rannte ins Haus. Wayne war in seinem Zimmer. Ich rannte nach oben und steckte meinen Kopf durch die Tür. Sein Zimmer war immer sauber und aufgeräumt und gemütlich eingerichtet mit seinen vielen Sammeltassen und vielem anderen. Außerdem hatte Wayne Wellensittiche in einem Käfig, kleine bunte, kreischende Geschöpfe, die sich sehr von unserer tristen Umgebung auf der Farm unterschieden. Wegen des vielen Geschreis wusste er schon, was los war. Er schaute mich mit dem mir schon bekannten blöden Grinsen an und kam auf mich zu. Dann hockte er sich hin, um mir direkt in die Augen zu schauen. Ich zog mich ein wenig zurück. Wie immer hatte er einen stinkenden Atem. Aber in seinen Augen lag auch eine gewisse Sanftheit, ein gewisses Verstehen. Er legte mir die Hand auf die Schulter, und als ich zurücktrat, sah er verletzt aus. Aber ich beachtete es nicht. »Mama braucht Hilfe«, sagte ich. Waynes Hand fuhr über mein Gesicht, diesmal, um mir die Tränen abzuwischen.
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»Musst dir darüber keine Sorgen machen, Josh. Wir wollen sehen, was wir da machen können.« Wayne und ich gingen die Treppe hinunter und zur Vordertür hinaus. Diesmal ließ ich seine Hand auf meiner Schulter liegen. Meine Mutter lag, wo ich sie verlassen hatte, war aber noch mehr mit Jauche verschmiert. Wir halfen ihr auf die Füße, und einige Zeit später war sie wieder sauber und ruhte sich in ihrem Bett aus. Aber ich – ich kam zu spät zur Schule.
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3 Es ist kaum zu glauben, aber manchmal unternahmen meine Eltern auch etwas gemeinsam. So fuhren sie zum Beispiel ab und zu von Michigan nach Kalifornien, um Verwandte zu besuchen. Dabei waren die Anordnungen meiner Mutter sehr eindeutig. »Du tust alles, was Wayne dir sagt. Wenn du nicht gehorchst, kriegst du ’ne ordentliche Tracht Prügel, wenn ich wieder zu Hause bin!« »Warum nehmt ihr mich nicht mit?«, fragte ich jedes Mal in der Hoffnung, sie würden ihre Meinung ändern. Meine Mutter sah mich dann voller Entrüstung an »Du willst doch nicht die Schule schwänzen? Auf gar keinen Fall, Bürschchen! Und außerdem hast du hier genug zu tun.« Einige Tage später packten meine Eltern dann immer das Auto voll und fuhren der untergehenden Sonne entgegen. Ich blickte dann stets der immer kleiner werdenden Staubwolke nach und bereitete mich auf das Unvermeidliche vor. Wayne war ein Kinderschänder. Zum ersten Mal belästigte er mich, als ich sechs Jahre alt war, kurz nachdem er angefangen hatte, auf unserer Farm zu arbeiten. Zweimal habe ich meiner Mutter davon erzählt, aber sie glaubte mir nicht. Ihrer Meinung nach lohnte es sich überhaupt nicht, darüber zu reden. Und ich sprach mit niemand anderem darüber, weil ich glaubte, dass mir sowieso niemand wirklich zugehört hätte. Und wenn sie mir geglaubt hätten, würden sie es in der Hoffnung beiseitegeschoben (oder sogar dafür gebetet) haben, dass sich das Problem irgendwie von selbst lösen würde. Zu meinem Unglück löste es sich nicht von selbst. Wayne war hinter mir her, wann immer er konnte oder sich 14
eine Gelegenheit bot. Selbst wenn meine Mutter nur für ein paar Stunden fortgegangen war, kam er stets, um nach mir zu schauen. Nun, wo meine Eltern für zwei Wochen verreist waren, gab es für mich kein Entkommen von Wayne. Wayne kam immer, wenn ich in der Ecke beim Radio saß, um meine Lieblingssendungen zu hören. Dann rückte er immer näher heran, bis ich schließlich seine knochigen Finger auf meiner Schulter spürte. Sobald er mich berührte, wollte ich schreien, habe es aber nie gemacht. Ich wollte weglaufen, aber wohin sollte ich gehen? Wer würde mir beistehen? Stattdessen war ich wie betäubt. Niemand in meiner Familie hat mir jemals irgendeine Liebkosung erteilt, nicht einmal meine Mutter. Ich sehnte mich schrecklich nach Liebe. Was aber Wayne machte, war falsch, so furchtbar falsch! Das wusste ich, und sicher wusste Wayne das auch – aber das hielt ihn nicht davon ab, mich zu belästigen. Wenn doch bloß mein Vater hier wäre!, dachte ich. Wenn er doch nur nicht betrunken wäre! Wenn doch nur seine Hände auf meinen Schultern ruhten, und nicht die von Wayne! Wie ich mich nach väterlicher Liebe sehnte! Stattdessen erlebte ich den Albtraum von Wayne Baileys »Nettigkeit«. Zwei Wochen würden vergehen, bevor meine Eltern zurückkamen. Und sobald Mama in der Tür stand, würde sie fragen: »Hast du immer auf Wayne gehört?« Dann würde ich nicken, was so viel wie »Ja« heißen sollte. Meine Mutter würde Wayne anschauen, und er würde auch nicken, aber immer mit einem kleinen Grinsen. Dann würde er mir die Hände auf die Schulter legen und meiner Mutter versichern, ich sei ein braver Junge. ‘‘‘
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Mein Vater sagte nach solchen Reisen nie etwas und stellte auch nie irgendwelche Fragen. Sobald er nach Hause kam, war er verschwunden. Er schaute sich dann nach einer von den vielen Weinflaschen um, die er ja überall auf der Farm versteckt hatte. Ich fand wie gewöhnlich die meisten während seiner Abwesenheit und hatte in alle hineingepinkelt, obwohl ich wusste, dass er das überhaupt nicht merken würde. Und er war auch schnell genug wieder völlig betrunken. Wenn wir hörten, dass uns Nachbarn besuchen wollten, wusste ich, was ich zu tun hatte. Zuerst musste der kleine Lieferwagen meines Vaters hinter die Scheune gefahren und dort abgestellt werden, damit niemand, der auf den Hof kam, ihn sehen konnte. Dann musste ich das Scheunentor weit aufsperren und offen lassen. Als Nächstes galt es, meinen Vater zu finden. Ich musste ihm dann ein Pferdegeschirr überhängen und ihn in die Scheune ziehen. Mich hatte die Farmarbeit ziemlich kräftig gemacht, und mein Vater war klein und mager. Wenn er total betrunken war, wehrte er sich auch kaum noch, obwohl er ganz genau wusste, was ich mit ihm vorhatte. Ich schleppte ihn dann immer in die Scheune und fesselte ihn an einen Ständer mit einem dicken Seil um seine Arme und weiteren dicken Seilen um seinen Hals und seine Füße. Ich glaubte nicht an Gott, aber ich habe wohl mal gebetet, mein Vater möge sich während solcher Nächte in der Scheune selbst strangulieren. Denn dort musste er bis zum nächsten Morgen bleiben. Kam dann der Besuch und fragte nach ihm, sagte ich meistens: »Ach, der ist für eine Weile weggefahren«, oder: »Er hat was in der Stadt zu erledigen.« Gewöhnlich fragten sie dann nicht weiter, sondern nickten nur höflich und gingen ins Haus. 16
Spät am Abend lag ich oft noch wach im Bett und überlegte, ob ich nicht in die Scheune schlüpfen sollte, um das Tau um den Hals meines Vaters ein wenig strammer zu ziehen. Nur gerade so viel, dass es reichte, um ihn ins Jenseits zu befördern. Aber vielleicht würde die Polizei dahinterkommen, dass ich der Täter war. Dann würde man mich ins Gefängnis oder in eine Erziehungsanstalt schicken. (Ich war mir nicht sicher, wohin man einen Dreizehnjährigen sperrte, der seinen Vater umgebracht hat – na jedenfalls irgendwohin, wo man lieber nicht sein möchte.) ‘‘‘
Ich kam nun in die Pubertät und wurde körperlich immer stärker. Ich ballte meine linke Faust und schlug mit den Knöcheln gegen die Wand hinter meinem Bett. Zumindest für einen Zweck waren meine zunehmenden Kräfte etwas nütze, und ich meinte, ich sollte sie das nächste Mal ausprobieren, wenn meine Eltern verreist waren. Und darauf brauchte ich nicht lange zu warten. Kaum waren meine Eltern verschwunden, da merkte ich bereits, dass Wayne hinter mir stand. Ich machte mich völlig steif, weil ich wusste, was als Nächstes kam – er wusste es natürlich auch. Meine Angst und Nervosität hatten Wayne sonst nie abhalten können. Als er noch näher kam, biss ich mir auf die Lippen. Ich wollte, dass er noch ein wenig näher kam, nur ein klein wenig näher. Sein Gesicht war jetzt so nah, dass ich seinen fauligen Mundgeruch riechen konnte. Ich nahm an, dass er seine Augen geschlossen hielt, zumindest hoffte ich darauf. Dann fuhr ich herum und schleuderte Wayne gegen die Wand. Nun war ich an der Reihe, ihm ins Gesicht zu atmen. Ich ging so nah an ihn heran, wie es möglich war, ohne dass mein Körper ihn berührte, während ich die ganze Zeit mit meiner Linken 17
seinen Hals würgte. Ich hielt ihm meine geballte Rechte vor die Nase. »Wenn du mich noch einmal – auch nur ein einziges Mal – anrührst, bringe ich dich um!« Als Wayne nicht antwortete, drückte ich seinen Hals noch stärker zusammen. Es war, als hörte ich gleichzeitig zwei Stimmen in mir, an jedem Ohr eine. Eine Stimme sagte, ich solle ihn fertig machen, die andere sagte, ich solle aufhören. Wayne starrte mich an und versuchte verzweifelt, Luft zu kriegen. Ich würgte ihn so heftig, dass er nicht sprechen konnte. Er bewegte nur die Augen auf und ab. Ich hielt das für ein »Ja« und ließ nur widerwillig von ihm ab. Er glitt auf den Boden, hielt sich den Hals und hustete. Wayne hat mich danach nie wieder angerührt. Einige Jahre später gab er seine Tätigkeit in unserer Farm auf und verschwand für immer.
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4 Inzwischen war ich in die letzte Klasse der Highschool gekommen, und alles sah bestens für mich aus. Man sah mich gern in der Football- und der Basketball-Mannschaft. Meine Zensuren waren in Ordnung, und ich begann, nebenbei etwas Geld zu verdienen, indem ich abends Autos reparierte. Ich hatte auch eine Menge Freunde in der Schule, und ich fand sogar »Ersatz-Eltern« dank meiner sportlichen Leistungen. Sie ermutigten mich, waren bei allen meinen Spielen anwesend und spendeten Beifall, weil meine Eltern nie zu den Spielen kamen – mein Vater aus den bekannten Gründen und meine Mutter, weil sie zu schwer war, um sich gut fortzubewegen oder gar auf den schmalen Bänken zu sitzen. Nur wenige Monate vor meiner Entlassung kam ich von einer Einladung spät nach Hause und hörte meine Mutter weinen. Ich rannte durchs Haus und suchte nach ihr, während ich gleichzeitig nach meinem Vater Ausschau hielt. Wenn er ihr was getan hat … Diesen Gedanken brachte ich nicht zu Ende, sondern ballte nur die Fäuste. Ich fand meine Mutter in ihrem Bett. Sie weinte. Ganz sicher war sie geschlagen worden, doch wie immer verteidigte sie das Verhalten meines Vaters. Und ich wurde wütend – wie immer. Es gab doch keine Entschuldigungen für das, was er tat! Es hatte nie welche gegeben, und es würde auch nie welche geben! Ich würde ihn finden und ihm dann heimzahlen, was er ihr angetan hatte! Als ich hinausgehen wollte, sagte meine Mutter: »Setz dich, mein Junge.« Während ich auf ihr Bett zuging, hielten ihre Augen mich fest, genauso wie ihre Stimme. Da war 19
etwas Fremdes in ihrer Stimme, etwas sehr Beunruhigendes. Ich setzte mich neben ihr Bett. Zweimal schon hatte meine Mutter meinen Vater verlassen und jedes Mal versprochen, zurückzukommen, um mich zu holen. Das erste Mal ging sie nach Chicago und fand einen Job als Fahrerin für ein altes Ehepaar, das selbst nicht mehr fahren konnte. Das zweite Mal zog sie fort nach Battle Creek. Beide Male wurde mein Vater für eine Weile »trocken« und bat sie, wieder zurückzukommen. Und schließlich tat sie das dann auch. Doch dann fing er jedes Mal wieder mit dem Trinken an. Alles wiederholte sich, einschließlich der Entschuldigungen meiner Mutter, dass er es in Wirklichkeit nicht so meine, dass er sich geändert habe. Das ist doch ein Witz! Mein Vater und sich ändern? Klar … dann können Elefanten auch fliegen! Meine Brüder und Schwestern hatten alle die Farm verlassen und sind nie zurückgekehrt. Und wer sollte es ihnen verübeln? Nun war ich drauf und dran, ebenfalls fortzugehen. Vielleicht dachte sie unter anderem auch daran, als sie mich ansah und sagte: »Ich möchte noch abwarten, bis du deinen Schulabschluss geschafft hast. Dann … möchte ich sterben.« »Hör auf, Witze zu machen, Mama!«, sagte ich. Sie wandte ihre Augen von meinen ab und blickte durch den Raum auf die gegenüberliegende Wand. Bei uns gab es keine Gemälde oder andere Bilder im Haus. Ich fragte mich, auf was sie so intensiv schaute. »Dein Vater hat mir das Herz gebrochen«, sagte sie. »Er hat unser aller Herzen gebrochen, Mama. Dein Herz hat er vor Jahren schon gebrochen.« Meine Mutter nickte schweigend, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. »Ja, ja, das hat er gemacht. Der Unterschied ist jetzt nur … ich ertrag es einfach nicht mehr.« 20
Ich begann zu sprechen und fing an, ihr Versprechungen zu machen – aber sie unterbrach mich. »Versprich mir drei Dinge«, sagte sie. Ich wartete darauf, dass sie weitersprach. »Versprich mir drei Dinge«, flüsterte sie. Ich nickte. »Versprich mir, niemals ein Alkoholiker zu werden!« Ich nickte wieder. »Dass du niemals fluchst.« Ich war mir nicht sicher, ob ich dieses Versprechen halten konnte – aber ich versprach es ihr. »Versprich mir, dass du immer ein Sohn bist, auf den ich stolz sein kann.« Das war zu viel für mich. Ganz gegen meinen Willen begann ich zu weinen. Das darf nicht passieren!, dachte ich. Sie durfte nicht sterben. Jemand anders sollte sterben, aber doch nicht meine Mutter! »Versprich mir das«, sagte sie. »Ich verspreche es dir.« Ich ergriff fest ihre Hand, und sie ließ sich aufs Bett zurückfallen. Nachdem sie ihre Augen geschlossen hatte, wartete ich einige Augenblicke, dann stand ich auf und ging hinaus. Von der Tür aus sah sie sehr friedevoll aus, sie ruhte, und ihr Atem ging ruhiger. Morgen wird’s ihr wieder besser gehen, dachte ich bei mir. Und meinem Vater ebenfalls, da ich dafür sorgen werde, dass er die nächste Nacht in der Scheune verbringen wird. Leise verließ ich den Raum. ‘‘‘
Mein Schulabschluss verlief ziemlich unspektakulär. Ich erhielt mein Zeugnis, und einige Wochen später kam ich mit einigen meiner Kameraden von der Highschool zur »Air National Guard«. Wir waren alle in einem Alter, in 21
dem man die im aktiven Dienst lauernden Gefahren einfach nur für aufregend hält. Aber wie’s beim Militär eben oft läuft, wurden meine Freunde durch einen Einsatzbefehl zur Luftwaffenbasis in Lackland in der Nähe von San Antonio (Texas) versetzt, und das ohne mich. Das durfte doch nicht wahr sein! Wir sahen uns als Krieger verbunden und mussten zusammenbleiben! Ich wollte den Rekrutierer, einen Luftwaffenhauptmann, sprechen. »Ich will bei meinen Freunden bleiben!«, erzählte ich ihm. »Geht nicht!«, antwortete mir der Hauptmann und suchte in einem Stapel Papiere herum. »Sagen Sie nicht ›geht nicht‹ zu mir, Sir.« Der Hauptmann blickte auf und sah mich scharf an. So fügte ich hinzu: »Mit Verlaub, Sir. Ich glaube nicht an die Worte ›Geht nicht‹.« Er blickte mich wieder an, diesmal von oben bis unten, und lächelte. »Na gut, da gibt’s dann ja nur einen Weg«, meinte er daraufhin. »Ja, Sir?« »Sie können sich bei der regulären Luftwaffe einschreiben lassen und sich ihnen in Lackland anschließen.« »Wirklich?« »Ja, das geht wohl.« »Ich kann mich also einschreiben lassen?« »Sie können sich einschreiben lassen.« »Beim regulären Heer?« »Beim regulären Heer.« Ich drehte meine Zunge in der Wange und versuchte mir vorzustellen, wie wohl die vier Jahre bei der Luftwaffe aussehen mögen. Der Hauptmann wandte sich wieder seinem Papierstapel zu. »Ich mach’s!«, sagte ich. Und wenige 22
Augenblicke später wiederholte ich den Einstellungseid, den er mir vorsprach. Ich sprach noch diese Worte, als ich in meinem Innern andere Worte zu hören meinte: Das war keine gute Idee! Wie sich herausstellte, erwiesen sich meine Pflichten bei der Luftwaffe nicht als so grausam, wie ich sie mir gedacht hatte. Erstens erreichte ich mein Nahziel. Zwei Wochen lang war ich mit meinen Kameraden zusammen (das ist zugegebenermaßen ein lächerlicher Grund, Soldat zu werden), aber nun war ich in der Armee, und ich versuchte, das Beste daraus zu machen. Es hatte mir schon immer Spaß gemacht, an Maschinen herumzutüfteln, und nun wurde ich für die Reparatur und Wartung von C-124-Transportflugzeugen eingeteilt, zunächst auf der Flugbasis in Dover (Delaware). Allerdings fanden die Vorgesetzten dort, ich könnte meine Zeit besser einsetzen als für die Reparatur von Flugzeugen. Meine athletischen Fähigkeiten brachten mir einen Platz im Baseballteam der Flugbasis ein. Und so reiste ich an der Ostküste überall hin und her, bis hin nach Bermuda, wo Wettkämpfe mit den Mannschaften anderer Luftwaffenstützpunkte durchgeführt wurden. Das war eine Ehre, die sich auch positiv auf unsere Einheit auswirkte, und mein Zugführer ließ mir vieles durchgehen. Manchmal musste ich aber auch Dienste übernehmen. Eines Tages ging ich an einem Gerüst vorbei, auf dem zwei Männer an einer C-124 arbeiteten. Da hörte ich einen Warnruf über mir. Ich blickte hoch, um zu sehen, was die beiden fallen gelassen hatten – ein schweres Auspuffrohr. Aber es war zu spät, um auszuweichen. Das schwere Rohr schlug quer auf meinen Kopf auf – dann wurde alles dunkel. Erst im Marine-Krankenhaus in Philadelphia wachte ich wieder auf. Eine Reihe von Untersuchungen ergab, dass die rechte Seite meines Gehirns durch eine zerebrale 23
Schwellung verletzt worden war. Die Ärzte behielten mich drei Monate lang im Krankenhaus, was mir wie eine Ewigkeit vorkam. Dann kam an einem Freitagnachmittag – ich erinnere mich, dass es ein Freitag der 13. war – ein Militärgeistlicher in mein Zimmer. Warum steht er so seltsam am Eingang herum?, wunderte ich mich. Warum kommt er nicht herein? Der Militärgeistliche drehte seinen Hut in seinen Händen. Schließlich sagte er: »Sind Sie der Luftwaffensoldat McDowell?« »Ja, der bin ich.« »Ich bin Kaplan Gardiner«, fuhr er fort. Alles verkrampfte sich in mir, und ich starrte ihm entsetzt in die Augen. Er schaute weg. Das ist besser, dachte ich. »Es tut mir leid, Ihnen eine schlechte Nachricht überbringen zu müssen«, sagte der Kaplan. Eine schlechte Nachricht?, höhnte ich für mich. Die sollen mir die Ärzte bringen, nicht dieser Kerl. »Es geht um Ihre Mutter«, sagte der Kaplan. »Meine Mutter?« Ich fuhr im Bett in die Höhe. »Sie ist heute Morgen gestorben.«
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5 Die Reise von Pennsylvania nach Michigan schien ewig zu dauern. Die meiste Zeit fuhr ich per Anhalter. Ein kalter Wind blies vom Eriesee her, und hundert Meilen von zu Hause entfernt fing es an zu schneien. Ich versuchte, mich mit Erinnerungen warm zu halten an die einzige Person, von der ich annahm, dass sie mich geliebt hat, auch wenn es ausgesehen hat, als hätte sie mir in meiner Kindheit nicht viel Liebe erwiesen. Vor allem waren meine Gedanken mit dem Gespräch erfüllt, das wir zwei Monate vor meinem Schulabschluss miteinander geführt hatten. Ich möchte noch abwarten, bis du deinen Schulabschluss geschafft hast. Dann … möchte ich sterben … Dein Vater hat mir das Herz gebrochen … Versprich mir drei Dinge … Wäre es nicht meine Mutter gewesen, die gestorben war, hätten mir die Ärzte nicht erlaubt, das Krankenhaus zu verlassen. Wegen meiner Verletzung litt ich an teilweisem Gedächtnisschwund – ich konnte zu den verrücktesten Zeiten aufwachen und wusste dann nicht, wo ich war. Manchmal wusste ich nicht einmal, wer ich war. Irgendwie gelangte ich nach Hause. Als ich die alte Tür mit der Glasscheibe aufstieß und ins Haus trat, war alles kalt, schrecklich kalt. Niemand hatte den Ofen angeheizt. Ich ging überall herum und fragte mich, wo sie alle sein mochten. Ich steckte den Kopf ins Schlafzimmer meiner Mutter. Die Decken waren teilweise zurückgeschlagen. Es sah aus, als hätte gerade jemand darin geschlafen. Instinktiv blickte ich hinter mich und rief in den Flur: »Mama?« Keine Antwort. 25
Nun ging ich in die Zimmer der anderen, ins Zimmer meines Bruders … in Wayne Baileys Zimmer oben. Endlich konnte ich hören, wie die Haustür geöffnet wurde. Ich verhielt mich ganz ruhig. Schritte brachten die Dielenbretter im Flur zum Knarren. Wer auch immer es war – er war in Mamas Zimmer gegangen. So ging ich langsam hinunter. Da sah ich ihn neben dem Bett sitzen, mit dem Rücken zur Tür. Der Wind blies nun stärker. Dann sah ich, wie mein Vater einen Zipfel des Bettlakens aufnahm und sich damit übers Gesicht fuhr. Ich sah ihn eine Weile an, dann ging ich hinaus. Mein Vater hatte den Schlüssel in der Zündung gelassen. So fuhr ich in die Stadt, um den Arzt meiner Mutter zu sprechen, um herauszufinden, was geschehen war. Er erzählte mir, meine Mutter hätte schon einige Tage im Bett gelegen, bevor sie starb. »Innere Blutungen«, sagte er. »Haben Sie ihr Gesicht gesehen, bevor sie starb?«, fragte ich. »Ihr Gesicht?« »Haben Sie nicht den Blick in ihren Augen bemerkt?« Der Doktor sah mich fragend an. Er wusste nicht, worauf ich hinauswollte. »Wie würden Sie den Blick in ihren Augen beschreiben?«, fuhr ich fort. »Ich weiß nicht. Als ich hinkam, war sie bereits gestorben.« »Ach so.« »Da gab es für mich nichts mehr zu tun, mein Junge«, sagte er noch. Ich nickte und stand auf, um zu gehen. Der Arzt hatte Patienten, die auf ihn warteten. Er schüttelte mir die Hand und versicherte, wie leid ihm das alles tat. Erzähl, was du willst, dachte ich, während ich auf dem Bürgersteig zum 26