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Paul White

Von Affen, Giraffen und anderen Tieren

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


1. Auflage 2010 (CLV) Originaltitel: Jungle Doctor’s Monkey Tales Originalverlag: The Paternoster Press, Exeter, Großbritannien Die deutsche Ausgabe erschien erstmals 1973 im Oncken Verlag Wuppertal © der deutschen Ausgabe 2010 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Satz: CLV Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-86699-115-6


Inhalt Eine Ziege, die ein Löwe werden wollte

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Der Affe im Löwenfell

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Nyani und die Eier

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Gut getarnt und doch gefangen!

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Nyani überquert den Äquator

43

Festen Boden unter die Füße bekommen!

47

Die weisen Worte eines berühmten Affen

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Rote Farbe und ein Spiegel

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Der Affe als Medizinmann

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»Hunde sind kluge Tiere«, sagte Daudi. M’gogo stimmte zu. Wie oft und wie sehnlich hatte er sich einen eigenen Hund gewünscht, am liebsten einen … Daudis Stimme weckte ihn aus seinen Gedanken. »Stell dir vor, Chibwa ist Vater geworden. Das hier ist der kleinste Welpe.« M’gogo streichelte das kleine Tier. »Herrlich, so ein Tier! Hongo.« Der Gehilfe des Dschungeldoktors legte das Hündchen dem afrikanischen Jungen in die Arme. Dabei lächelte Daudi und sagte: »Ich schenke es dir. Sorg gut dafür, denn es ist noch nicht lange auf der Welt und noch schwach.« »Kah!«, jubelte der entzückte M’gogo. »Assante Muhawa, danke Daudi! Ich will tun, was du mir sagst. Heute Abend, wenn du wieder Geschichten erzählst, bringe ich das Hündchen mit.« Der kleine Hund leckte seine Hand. M’gogo strahlte. »So ein kleiner Hund!« Daudi nickte. »Er wird dir viel Arbeit machen, aber auch viel Freude!«

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Eine Ziege, die ein Löwe werden wollte

Daudi blickte gespannt in die Gesichter seiner Zuhörer, die er nur undeutlich im Feuerschein erkennen konnte. Er lächelte, als er M’gogo sah, der auf einem großen Kürbis saß und sein Hündchen zärtlich im Arm hielt. Daudi ging auf und ab; in der Hand hatte er die kleine Ziege, die Johann geschnitzt hatte. »Hongo«, sagte er, »es war einmal eine Ziege, die war sehr stark. Das sah man ihr schon von Weitem an. Sie stank auch dementsprechend.« Auf diese Bemerkung folgte großes Gelächter und Nasenrümpfen. Daudi fuhr fort: M’buzi, die Ziege, warf den Kopf mit den kräftigen Hörnern zurück und spürte, dass ihr viel bewunderter Bart mitschwang. »Ich bin wirklich eine außergewöhnlich starke Ziege, ein herrliches Tier«, sagte sie zu ihrem Schatten. »Ich sollte nicht länger nur eine Ziege bleiben.« 7


Die Gedanken wirbelten nur so in ihrem Kopf herum, und zuletzt hatte sie eine glänzende Idee. Mit ihrer hohen und lauten Stimme verkündete sie dem Dschungel: »Ich will ein Löwe werden.« Doch niemand nahm Notiz davon. Alle waren an die Lebensart und das Gemecker der Ziege gewöhnt. Aber M’buzi war so eigensinnig wie alle Ziegen. So stolzierte sie zum Buyubaum, auf dem Nyani, der Affe, saß und sich energisch und erfolgreich lauste. »Nyani«, rief sie, »ich möchte unbedingt ein Löwe werden. Da du ein gebildeter Mann bist, verrate mir, wie aus Ziegen Löwen werden.« Der Affe hängte sich an seinem Schwanz auf, um besser nachdenken zu können. Er verfiel in tiefes Grübeln. Dann schwatzte er sehr gelehrt. Schließlich schwang er sich auf einen bequemen Ast und begann zu erklären: »Das ist ganz einfach, o Ziege, aber du musst verschiedene Sachen tun. Hör also genau zu!« M’buzi nickte und blickte in die Zweige 8


hinauf. Sie wusste: In dieser Stellung kam ihr Bart vorteilhaft zur Geltung. Nachdenklich brach der Affe einen kleinen Zweig nach dem anderen ab und schnippte sie in das ihm zugewandte Gesicht der Ziege. Er erhob die rechte Hand und sprach bedächtig: »Für Ziegen, die Löwen werden wollen, gibt es vier Regeln. Erstens: Sie müssen dahin gehen, wo Löwen leben.« Er machte eine Pause und hob den zweiten Finger seiner Affenhand hoch. »Zweitens: Sie müssen tun, was Löwen tun.« Die Ziege nickte und räusperte sich. Aber Nyani fuhr schnell fort: »Drittens: Ziegen, die Löwen werden wollen, müssen wie Löwen sprechen.« Nyani setzte sich sehr aufrecht hin und bewegte seinen kleinen Finger: »Schließlich musst du viertens essen, was Löwen essen. Wenn du all das befolgst, wirst du ein Löwe werden.« Die Ziege rollte die Augen und versuchte nachzudenken. »Hingehen, wo Löwen sind«, wiederholte sie. »Tun …« 9


Die Worte verloren sich in einem undeutlichen Murmeln. »Sprechen …« Sie versuchte zu brüllen, aber ihre Stimme überschlug sich. Dann hielt sie inne, weil sie sich an den vierten Punkt nicht erinnern konnte. Doch der Affe half nach: »… und essen, was Löwen essen.« Mit einem triumphierenden »Mäh« marschierte die Ziege weg und bewegte ihre Beine dabei so löwenmäßig wie möglich. Mit dem Schwanz kam sie nicht so gut zurecht, denn ein Ziegenschwanz ist ein ruheloses kleines Ding. Mit einer gewaltigen Anstrengung jedoch bekam sie ihn unter Kontrolle. Ruhig und würdig ging sie auf der Mitte der Straße entlang. Im Schatten eines Felsens hielt sie an und übte zuerst das Brüllen. Gelegentlich mischte sich immer noch ein hohes Meckern in ihr Gebrüll. Das durfte zwar nicht sein, aber sie vergaß es, als sie einen großen Knochen entdeckte. Eifrig nahm sie ihn auf und begann abwechselnd zu nagen und zu brüllen. Nach dieser sehr befriedigenden Übung klemmte sie den Knochen sorgfältig unter ihr linkes 10


Bein und wiederholte: »Gehen und tun, sprechen und essen.« Sie ging wieder genau in der Mitte der Straße. Dabei sagte sie mit einer neuen, tiefen Stimme, die noch immer etwas an eine Ziegenstimme erinnerte: »Dahin gehen, wo Löwen leben. Tun, was Löwen tun. Sprechen, wie Löwen sprechen. Essen, was Löwen essen.« M’buzi hielt an, sie fühlte sich plötzlich beobachtet. Mit einem schwachen Lächeln dachte sie: »Ob ich jetzt einem anderen Löwen begegne?« Ein langer Schatten legte sich auf einmal über den Weg. Die Ziege brachte ihren Schwanz zur Ruhe, nagte an ihrem Knochen und stolzierte weiter. Dabei kräuselten sich die Muskeln wellenförmig unter ihrem Fell. Das ist bei Ziegen so, wenn sie eine Gänsehaut bekommen. Von ihrer großen Höhe lächelte die Giraffe Twiga auf sie herab. »Die Sonne hat in diesen Tagen besonders viel Kraft, M’buzi«, bemerkte sie. Ihre Stimme klang seltsam besorgt. Die Ziege erholte sich schnell. Sie brüllte 11


als Antwort und schwang ihren Knochen auf bedrohliche Weise. »Ich bin ein Löwe, ich werde dich fressen, Twiga.« »Ja, ja«, meinte Twiga in beruhigendem Ton, »schon gut. Sei eine vernünftige Ziege, geh heim, nimm zwei Paw-Paw-Blätter, drück auf jede Seite des Kopfes eines und leg deinen Kopf auf einen kühlen Stein. Morgen wird es dir besser gehen.« Die Ziege stieß einen fürchterlichen Laut aus, der aber mit einem schrillen Misston endete. »Ich bin ein Löwe, ein Lö-öwe, ein Lö-ö-öwe!« Die Giraffe blickte voller Mitleid auf sie herab, dann nickte sie freundlich und ging ziemlich hastig davon. Die Tränen liefen der Ziege in den Bart hinunter. Sie eilte zum Buyubaum zurück, wobei sich ihre Beine und ihr Schwanz genauso wie bei jeder anderen Ziege bewegten. »Affe«, meckerte sie, »ich bin völlig unglücklich! Die Giraffe hat mich ausgelacht, und siehst du, ich bin immer noch eine 12


Ziege! Ich habe getan und gesprochen und gegessen und bin gegangen und …« Sie war wirklich unglücklich und ihre Stimme war nur ein tränenersticktes Meckern. Nyani, der Affe, dachte über das Problem nach. Er kratzte sich hinter den Ohren; doch erfolglos, denn seine Gedanken arbeiteten nur langsam. Endlich hatte er die Antwort! »Hongo«, sagte er. »Kein Wunder! Wie dumm von mir! Natürlich genügt das nicht.« Die Ziege richtete sich ungeduldig auf. »Was muss ich noch tun?« Aber der Affe war schon außer Reichweite. Sie sah, wie er Rinde vom Baum abzog. Dann sprang er auf den Boden, suchte sich ein Stück Holzkohle und setzte sich auf einen glatten Felsen. Er arbeitete mit großer Konzentration. Die Ziege blickte ihm über die Schulter und sah seltsame Zeichen, die aussahen wie das Wort »Löwe«. »Das musst du tragen«, sagte der Affe, bohrte seinen Finger durch die Rinde und schob sie über das kürzere von M’buzis Hör13


nern. »Das ist es!« Er trat zurück, um sein Werk zu bewundern. »Du hast nun ein Schild um. Alle im Dschungel, die lesen können, werden jetzt wissen, dass du ein Löwe bist.« Freudige Erregung ergriff die Ziege, und sie hörte kaum noch hin, als der Affe sagte: »Und alles, was du vielleicht als Geschenk unter diesem Buyubaum zurücklassen möchtest, werden wir zu schätzen wissen.« Aber sie dachte nicht an Geschenke. In ihrem Inneren hegte sie Löwengedanken. Majestätisch, wie der König der Tiere, schritt sie durch den Dschungel. Ihr Schwanz bewegte sich dabei nach Löwenart langsam hin und her. Es war furchtbar anstrengend. Aber ihr Meckern wurde mit jedem Schritt mehr zu einem Brüllen, und die Art, wie sie an ihrem Knochen nagte, hätte jedem Löwen Ehre gemacht. — »Gehen und tun und essen und sprechen«, murmelte sie vor sich hin. M’buzis Augen leuchteten auf, als sie im Schatten eine Bewegung wahrnahm. Hier war bestimmt einer ihrer neuen Artgenossen. Sie ging weiter, und plötzlich rümpfte 14


sie verächtlich die Nase, denn sie hatte bemerkt, dass das Tier, das auf sie zukam, nur ein Zebra war. Das gestreifte Tier stand still und sah die Ziege neugierig an. Diese nagte und knurrte nach bester Löwenart. Das Zebra lächelte. »Die Sonne ist in diesen Tagen sehr heiß. Denkst du, es ist klug, mitten am Tag auszugehen?« Die Ziege machte ihre Stimme so tief wie möglich und antwortete: »Ich werde dich auffressen, wenn du nicht vorsichtig und ehrerbietig zu mir bist. Siehst du nicht, dass ich ein Löwe bin?« Sie hielt dem Zebra ihr Schild unter die Nase. »Ich gehe dahin, wo Löwen leben. Ich tue, was Löwen tun. Ich esse, was Löwen essen, und ich sage, was Löwen sagen.« Das Zebra nickte. »Natürlich tust du das. Aber nun geh nach Hause, wickle deinen Kopf in Paw-Paw-Blätter ein und leg ihn auf einen glatten, kühlen Stein, dann wirst du dich bald besser fühlen …« Ihr Schwanz zuckte ganz ziegenmäßig, als sie zornig den Weg hinunterrannte. Ihr Schild 15


flatterte ungelesen im Wind. Das Zebra sah ihr nach und lachte so, dass die Streifen auf seiner Haut durcheinandergerieten. M’buzi ging weiter in die Richtung, in der sie Löwen vermutete. Sie musste um einen großen Felsen herumgehen. Und als sie vor einer schattigen Höhle ankam, vervielfachte das Echo die Gewalt ihres Gebrülls. Die Ziege brachte ihr Schild in Ordnung und übte noch einmal sorgfältig ihren Auftritt. Dann rief sie: »Wohnt da ein Löwe?« Ihre Stimme war tief und voll. »Wohnt da ein Löwe?«, wiederholte das Echo. M’buzi bekam wieder eine Gänsehaut. »Wohnt da ein L…ö…w…e…?«, brüllte sie und lauschte. Das Echo warf ihre Stimme zurück. Auf einmal wurde das Echo lauter und lauter, dabei hatte sie schon lange zu rufen aufgehört. Das verwirrte sie. Da entdeckte sie im Sonnenlicht einen dunklen Schatten. M’buzi sprach wieder, diesmal ziemlich hoch und schrill: »Ich bin ein Löwe geworden …« 16


Plötzlich verstummte sie. Sie hatte einen mächtigen Schwanz erblickt, der sich majestätisch hin und her bewegte. Ein ausgesprochen unbrüderliches Gefühl überkam sie, als ein heißer, hungriger Atem über ihr Gesicht strich. Riesige Pranken sausten auf sie herab und dabei wurde das Schild abgestreift. Die Höhle war von donnerartigem Gebrüll erfüllt, das sich langsam in ein geordnetes Geräusch verwandelte: das Kauen und Schnappen mächtiger Kiefer. »Was ist aus der Ziege geworden?«, fragte eines der kleineren Kinder. Daudi schwieg einen Augenblick. »Sie ist eine Löwenmahlzeit geworden.« Das war M’gogos Stimme. »Sicher«, lächelte der Krankenpfleger. Nach einer Weile fügte er nachdenklich hinzu: »Es gibt nur einen Weg, wie aus einer Ziege ein Löwe werden kann.« Wieder herrschte Schweigen. Dann antwortete eine Stimme: »Der einzige Weg für eine Ziege wäre, ein zweites Mal geboren zu werden, und zwar als Löwenjunges.« Daudi sprang auf. »Richtig! Genau das ist 17


es. Jesus hat genau diese Worte gebraucht: Du musst ›wiedergeboren‹ werden, wenn du Christ werden willst. Jesus wurde gekreuzigt, und nach drei Tagen ist er auferstanden. Aber nicht, um bessere Menschen von der alten Art, sondern um neue Menschen zu schaffen. Wenn man meint, man wird Christ, indem man bestimmte Dinge tut und sagt – selbst wenn man sie mit zum Himmel gewendeten Augen sagt –, so ist das die reinste Affenweisheit.« Seine Zuhörer saßen sehr still da. »Wenn wir nur der vereinten Weisheit von Ziege und Affe folgen, werden wir sehr wenig Freude haben.« »Aber …« Daudi sah nach der Richtung, aus der die Stimme kam. »Ja? – Wolltest du etwas fragen?« »Wie wird man denn ein neuer Mensch?« »Das erzählt euch Johann morgen Abend. Nun schnell ins Bett!« Nachdenklich liefen die Kinder auf die erleuchteten Fenster des Krankenhauses zu.

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Der Affe im Löwenfell Johann, der gelähmte Holzschnitzer, saß im Schatten eines Granatapfelbaumes, schnitzte, arbeitete und pfiff vor sich hin. Bald war er von einer Schar Zuschauer umgeben, die sich mit gekreuzten Beinen hinsetzten und ihn beobachteten. »Was schnitzt dein Messer, OFundi?«, fragte einer. Ein Lächeln huschte über das ruhige Gesicht. »Heute Abend, wenn das Lagerfeuer angezündet ist, wirst du es wissen. Ich werde dir die Geschichte von Toto erzählen und wie er ein neues Geschöpf werden wollte.« Den ganzen Tag über saß Johann im Schatten und schnitzte. Bei Sonnenuntergang war ein Elefant aus Holz entstanden, der von der Spitze seines Rüssels bis zum Schwanzende maßlose Wut ausdrückte. In dem flackernden Feuerschein schien er vor Zorn zu beben. M’gogo flüsterte seinem kleinen Hund zu: »Er sieht böse aus, aber du musst keine Angst haben, er ist nur aus Holz.« »Warum ist der Elefant so wütend, OFundi?«, 19


fragte einer, als Daudi kam und sich neben Johann setzte. Daudi lächelte dem Künstler zu, und so fing dieser an zu erzählen: Toto, der Affe, schwang sich lustlos durch den Urwald. Das unglückliche Ende der Ziege machte ihn traurig und lastete auf ihm. »Die Ziege war zu unvorsichtig«, murmelte er. »Bei etwas mehr Vorsicht wäre alles gut gegangen.« Er seufzte tief und kletterte auf den Buyubaum, der bei dem Haus des Jägers M’schale stand. Nervös kaute er an seinem Schwanzende. Aber das Affengedächtnis ist kaum besser als die Affenklugheit. Bald hörte er auf, am Schwanz zu kauen. Denn da drüben trug die Frau des Jägers ein Löwenfell in die Sonne hinaus. Die sollte die vielen Dudus vertreiben, die sich darin eingenistet hatten. Toto sah, wie die Dorfkinder unter dem Buyubaum spielten und der kleinste Sohn des Jägers sich das Löwenfell über die Schultern warf und versuchte, die anderen zu erschrecken. Totos Augen leuchteten auf. Ihm war ein Einfall gekommen. »Mit einem Löwenfell 20


bekleidet werde ich ein neues Geschöpf, ein richtiger Löwe sein.« Er sprang vom Ast, riss dem verblüfften Kind das gelbe Fell weg und hetzte zu seinem Familienbaum. Dabei arbeiteten seine Gedanken sehr schnell, wie das bei Affen üblich ist. Die Giraffe Twiga und ihr langhalsiger, noch unerfahrener Neffe Raff standen im Dorngestrüpp und beobachteten ihn. Sie lächelten, als sich Toto auf einem dicken Ast aufrichtete und das Fell anprobierte. »Nicht ganz seine Größe!«, flüsterte Raff. Twiga nickte. »Er glaubt wirklich, er wäre jetzt ein Löwe.« Raffs Ohren zuckten in einer Art, die deutlich verriet, was er dachte. Vier Giraffenaugen wandten sich plötzlich einer Stelle in der Nähe der Müllgrube zu, wo die Hyäne Mbisi von Fliegen umschwärmt herumschnüffelte. Sie roch den Löwengeruch, der ein lautes Warnsignal für sie war. Sie roch natürlich auch den Affen, aber der ganze Dschungel war voller Affen. Dann schlich sie sich hastig in ihre Wohnung, ein tiefes Loch, und dachte dabei nur an Löwen. 21


Sie sah sich kein einziges Mal um. Ihre Nase hatte sie gewarnt, und sie wusste, dass Hyänenbeine kürzer sind als Löwenbeine. Toto war entzückt, als sich der Straßenfeger des Dschungels in seinem Lager verkroch. Er wand sich voller Stolz in seinem neuen, ziemlich schlecht sitzenden Fell und kicherte fröhlich. »Die Hyäne dachte, ich wäre ein Löwe. Und das nur wegen meiner neuen Haut!« Twiga beugte ihren langen Hals gut einen Meter herunter, um ihrem Neffen ins Ohr zu flüstern: »Es ist nicht schwierig, die hereinzulegen, die nur ihrer Nase folgen und ihre Augen nicht gebrauchen.« Die kleine Giraffe stand auf ihren noch unsicheren Beinen und nickte. Dabei beobachtete sie, wie Toto auf dem Affenbrotbaum bis zu einem großen Loch im Stamm kletterte. Der Affe hielt seinen Kopf nahe an das Loch. Er sperrte sein Maul weit auf und brüllte dann sehr gekonnt. »Eh-heh!«, bemerkte Twiga. »Das ist entweder eine sehr gute Nachahmung oder wirklich die Stimme eines Löwen.« Das Gebrüll erschreckte die Fledermaus 22


Budi und ihre Familie, die den Tag in dem Baumloch verbrachten. Toto dachte aber: »Budi scheint Angst zu haben und denkt, dass ich ein Löwe bin, denn wer könnte sonst in einem Löwenfell stecken?« Natürlich fürchtete sich Budi. Sie erinnerte sich, dass sie dasselbe Gebrüll schon einmal gehört hatte, als sie noch klein war. Sie wusste auch noch, wie sich eine große Tatze in die Öffnung geschoben hatte. Der Löwe Simba musste nämlich alles genau untersuchen und hatte sich gewundert, warum diese geflügelten Tiere mit den Füßen nach oben und dem Kopf nach unten schliefen. Daran dachten die Fledermäuse, als sie dieses Löwengebrüll hörten. In panischem Schrecken flogen die Fledermäuse eine nach der anderen aus dem Loch im Affenbrotbaum heraus. Ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen wurden vom Sonnenlicht geblendet. Es wurde ihnen nicht klar, dass es ein merkwürdiger Löwe war, der an seinem Schwanz am Ast eines Buyubaums schaukelte und dabei wie ein Affe lachte. Toto war wieder entzückt. Er sagte sich: 23


»Ich bin jetzt wirklich ein anderer, ich bin groß und stark und jage Furcht ein.« Twiga leckte sich die Lippen mit ihrer langen schwarzen Zunge und bemerkte: »Brüllen kann er gut! Er täuscht aber nur die Verblendeten, die ihre Augen schließen.« Toto war mit seinem Ergebnis äußerst zufrieden und ließ sich durch den Schweiß, der an seinem Körper herablief, nicht stören, auch nicht von den närrischen Schaben, die an seiner Wirbelsäule auf- und abkletterten. Dann verließ Toto den Baum, schlang seinen Schwanz noch fester um die abgetragenen Enden des Löwenfells und suchte LwaIwa, die Schildkröte, auf. Diese zog den Kopf schnell unter ihre große Schale. Aus dieser günstigen Stellung beobachteten zwei helle Augen vorsichtig den Besucher und blinzelten plötzlich, als sie Affenpfoten unter dem hellen Fell erblickten. Toto bewegte sich lautlos wie ein Löwe auf der Jagd. Die Schildkröte lächelte im Schutz ihres Panzers und beobachtete Totos fröhliches Gesicht, als er murmelte: »Ich habe selbst die schlaue Schildkröte erschreckt. Ich muss in dieser Löwenhaut wirklich ein Löwe sein.« 24


Wieder steckten die Giraffen ihre Köpfe zusammen und Twiga sagte: »Du kannst von der Weisheit der Schildkröte lernen, kleiner Neffe. Am besten schweigt man, wenn man Leute sieht, die sich selbst betrügen.« Der ganze Urwald dröhnte von den lauten Trompetenstößen des Elefanten Nhembo, der auf seinem Weg große Äste von den Bäumen abbrach. Er litt unter der Hitze und war verdrießlich wegen eines schmerzenden Stoßzahns. Deshalb schlug er mit den großen Ohren und sein Schwanz peitschte ruhelos hin und her. Plötzlich hielt er an und zwinkerte mit seinen kleinen Augen. Sein Rüssel zuckte vor Erstaunen, denn auf dem Buyubaum vor ihm hockte ein schäbiger, zerzauster Löwe. Nhembo, der Elefant, führte seinen Rüssel nahe an sein linkes Ohr und murmelte: »Das muss ich meiner Frau erzählen.« Dann hielt er inne und wisperte: »Aber wenn ich sage, dass ich einen Löwen auf einem Baum gesehen habe, dann erinnert das an den rosa Elefanten. Den wollen die liederlichen Mitglieder meiner Sippe gesehen haben, nachdem sie viele Tage mit den haarlosen Geschöpfen gefeiert hatten.« 25


Vor Zorn errötete er unter seiner grauen Haut. Er ähnelte plötzlich dem wütenden Elefanten, an dem Johann den ganzen Tag geschnitzt hatte. Er nahm mit dem Rüssel Staub auf und trompetete seinen Zorn in den Dschungel. Man konnte ihn noch hinter dem trockenen Flussbett hören, wie er rief: »Du Affe mit deinem Spatzenverstand …« Twiga flüsterte: »Das sind harte Worte, selbst für einen erfahrenen Elefanten.« Nhembo fuhr laut fort: »… deine Fähigkeit, dich selbst zu betrügen, ist von der Art, wie man sie ungerechterweise dem Strauß zuschreibt.« Absichtlich und sorgfältig nahm er wieder mit dem Rüssel Staub auf, und dann blies er die Staubwolke Toto ins Gesicht. Toto fühlte sich in seiner Würde gekränkt. Denn viele hatten gehört und gesehen, was Nhembo getan hatte – wie er Totos Affenklugheit lächerlich gemacht hatte. Auf einem Ast ihm gegenüber saßen der Papagei Suku und Mizi, der Regenvogel. Sie lachten, bis ihnen die Tränen über die Schnäbel liefen. Als die Schatten länger wurden, meinte 26


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