Paul White
Dschungeldoktors Feinde
Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
1. Auflage 2010 (CLV) Originaltitel: Jungle Doctor’s Enemies Originalverlag: The Paternoster Press, London, Großbritannien Die deutsche Ausgabe erschien erstmals 1954 im R. Brockhaus Verlag Wuppertal Deutsch von Verena Peyer-Binder, Zürich © der deutschen Ausgabe 2010 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Satz: CLV Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-86699-114-9
Inhalt Ein Gerücht und ein blinder Junge
7
Mubofu
16
Telegramme und Tragödien
24
Ein Vorgeschmack
32
Pläne und Demonstrationen
40
Das Land wird ausgekundschaftet
51
Eine Niederlage
60
Narben
66
Hilfe für Tschibaja
73
Die ersten Berichte
81
Ein feindlicher Spion
91
Der Feind greift an
98
Schlachtpläne
105
Mit Geheimwaffen unterwegs
113
Es brennt!
121
Verwirrung
130
Ein Zwischenspiel mit Schlangen
139
Der Kampf auf seinem Höhepunkt
146
Ein Gerücht und ein blinder Junge
Der kleine Afrikaner stolperte und wäre fast hingefallen, hätte er sich nicht an den Maispflanzen festgehalten, die an beiden Seiten des Feldwegs wuchsen. Schnell hatte er sich wieder aufgerappelt, blieb einen Augenblick stehen und tastete sich dann unsicher vorwärts. Ich schloss hinter mir das Tor, das das Krankenhaus vor Hyänen schützte, und ging auf ihn zu. »Was ist denn los, kleiner Mann?« »Buana«, klagte er mit tränenerstickter Stimme, »meine Kameraden wollen mich nicht mithelfen lassen, dein Auto anzuschieben, weil ich blind bin, und – und …« Er schluckte und seine Stimme versagte ihm. Wortlos drehte er sich um und tappte den Weg zurück, den er gekommen war. In seinen herabhängenden Schultern und den unsicher ausgestreckten Händen lag etwas unsagbar Ergreifendes. Ich ging Mubofu nach. Als er meine Schritte hinter sich hörte, sagte er: »Buana, ich kann schieben helfen, wenn ich auch in Utitu (im Land der Finsternis) lebe.« »Aber du könntest doch fallen, wenn das Auto anfängt, schneller zu fahren?«, gab ich zu bedenken. »Kah, Buana, das bin ich gewohnt. Ich habe keine 7
Angst vor ein paar Schrammen! Darf ich nicht doch mithelfen?« Der Weg machte plötzlich einen scharfen Bogen um einen riesigen Baobabbaum. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie der Junge unbeirrt auf der Mitte des Pfades weiterging. Bald stießen wir auf eine heitere Szene. Samson, einer der Krankenpfleger, der die Medikamente verwaltete, kurbelte aus Leibeskräften einen klapprigen, 20 Jahre alten Wagen an. Seine Anstrengungen wurden durch eine Schar kleiner, halb nackter Jungen unterstützt, die stöckeschwingend um das Auto herumtanzten und im Takt schrien: »Hau ruck – gib ihm Saures!« Als er mich erblickte, richtete Samson sich auf und wischte sich die Stirn ab. »Die Batterie schläft, Buana.« Ich lachte. »Der Lärm, den diese Kinder machen, dürfte wohl genügen, um sie aufzuwecken!« »Kah, Buana, unser Wagen heißt nicht umsonst Sukuma (Suaheli für ›schieben‹).« »Buana, wir wollen schieben«, schrien die Jungen und stürmten vorwärts. »Na gut«, lachte ich, »aber ihr müsst noch einen Augenblick warten, bis ich fertig bin!« Ich wandte mich Samson zu und vertauschte für einen Augenblick Kigogo, die Sprache der Zentralebenen von Tanganjika, mit Englisch: »Ich hätte Lust, den kleinen Kerl nach Dodoma mitzunehmen. Ich denke, einen Tag mit uns auf Safari wird er sich rot im Kalender anstreichen. Warum sollten wir ihm 8
nicht die Freude machen? Du kannst ihn dann später wieder zurückbringen, wenn ich mit dem Zug weiterfahre.« Samson nickte: »Wir können heute seine Augen sein und ihm alles erzählen, was wir unterwegs sehen.« Mubofu hatte sich im Schatten des Ziegelschuppens hingehockt, in dem unsere klapprige Sukuma wohnte. Über ihm, an der Wand, schnappten drei farbenprächtige Eidechsen eifrig nach Fliegen. Als ich mich näherte, stand er auf. »Buana, darf ich beim Schieben mithelfen?« »Nanu, woher wusstest du denn, dass ich auf dich zugekommen bin?« »Kah, Buana«, antwortete der kleine Junge, »ich habe deine Schuhe im Sand gehört, und ich kenne keinen Afrikaner, der so geht wie du.« Bei diesen Worten erhellte sich sein ganzes Gesicht, aber irgendwie verstärkte sein Lächeln nur noch die Tragödie dieser entsetzlichen Höhlen, in denen seine Augen hätten liegen sollen. Ich pfiff erstaunt: »Junge, was hast du für Ohren!« »Meine Ohren müssen jetzt auch meine Augen sein« – er legte seine Hand auf meinen Arm – »Buana, Buana, wirst du mich schieben lassen?« »Nein, Mubofu, ich werde dich nicht schieben lassen.« Alle Freude wich aus seinem Gesicht. Bevor er sprechen konnte, fuhr ich fort: »Aber ich wollte dich 9
fragen, ob du Lust hast, mit Samson und mir auf Safari zu gehen. Wir fahren nach Dodoma.« »Kah«, rief der kleine Junge, »mit Sukuma?« »Ja«, antwortete ich. »Buana, in einem Auto fahren! Kah!« Er fing an, einen Freudentanz aufzuführen, was die Eidechsen veranlasste, sich schleunigst auf den Stamm des Baobabbaums zurückzuziehen. Ich suchte das nötige Gepäck zusammen und verabschiedete mich von meinen Leuten. Auf dem Weg zum Wagen fragte ich Samson: »Wer ist dieser blinde Junge eigentlich? Kennst du seine Geschichte?« »Seine Leute sind tot, Buana. Er schläft in der Stammhütte seiner Verwandten in einem Dorf, das zu den allerheidnischsten gehört. Man sagt, sie ernähren ihn nur deshalb noch, weil sie glauben, dass er sowieso bald stirbt, und da wollen sie die Geister der Vorfahren nicht unnötig ärgern.« Ein paar Meter von uns entfernt stand Mubofu in freudiger Erwartung neben dem Wagen. Ich verfrachtete ihn zwischen Samson und mir auf dem Vordersitz, ließ die Handbremse los und rief: »Kommt, Jungs, schiebt!« Langsam bewegten wir uns mit zwanzig »Jungenstärken« vorwärts. Die alte Kiste wollte noch nicht so recht, gewann aber an Geschwindigkeit, als wir den steinigen Weg vom Krankenhaus hinunterrollten. Ich schaltete die Kupplung ein und gab Gas. Sukuma donnerte von hinten und kreischend rissen die klei10
nen Helfer aus. Der Motor war angelaufen und damit hatte auch meine Ferienreise begonnen, die mich an das entfernte Ufer des Viktoriasees, ins Zentrum Afrikas, bringen sollte. Ich folgte – so gut ich konnte – einer halsbrecherischen Wegspur, die durch ein ausgetrocknetes Flussbett führte. »Buana«, sagte der kleine Blinde, »auf dem Hügel hinter dem vierten Fluss wohne ich. Siehst du, wie genau ich diese Straße kenne!« »Das stimmt«, bestätigte Samson, »er bewegt sich hier so gut wie jeder andere. Seine Füße scheinen jeden Stein und jedes Loch zu kennen.« »Hier in Tschibaja, Buana, bin ich geboren, und hier habe ich meine Augen verloren.« »Oh«, fragte ich, »wie ist denn das passiert?« Mubofu streckte vier Finger in die Luft. »Es war vor vier Jahren, Buana, als Serenjenji in unser Dorf kam.« Ich warf einen fragenden Blick auf Samson. Er formte mit seinen Lippen das Wort »Masern«. Ich nickte stumm. »Hongo«, fuhr Mubofu fort, »das waren Tage der Sorge, Buana. Zuerst floss meine Nase, dann flossen meine Augen; und wie ich hustete! Meine Verwandten wollten mich nicht schlafen lassen. Sie trommelten auf Büchsen, schrien und schüttelten mich: ›Du darfst nicht sterben!‹, riefen sie. Dann wurde es mit meinen Augen immer schlimmer. Oh, das grelle Licht, und die Fliegen! Sie trugen mich in das Haus, 11
aber der Rauch des Küchenfeuers machte es nur noch schlimmer.« Plötzlich setzte er sich auf und wies mit seinem Kinn auf eine Anzahl Hütten: »Dort, Buana, ist meine Wohnung, und da ist das alles geschehen.« »Kah«, sagte Samson, »woher weißt du denn, dass wir in dein Dorf gekommen sind?« »Kumbe«, erklärte der Junge, »ist meine Nase etwa nicht wach? Wie sollte ich den Geruch meines eigenen Dorfes nicht erkennen?« Eine Weile herrschte Stille, dann fuhr er fort: »Es war ein Schmerz, ein brennender Schmerz in meinen Augen; ich hatte Augengeschwüre. Aber es war niemand da, der mich ins Krankenhaus gebracht hätte. Es gab überhaupt noch keine Missionsstation und du warst noch nicht von deinem Land zu uns gekommen.« Im Dschungel neben der Straße bewegte sich etwas. Plötzlich rief Samson: »Schau, Buana, Impala …« Ein Bock von der Größe eines Ponys sprang aus einem Dornbuschdickicht und floh in weiten Sätzen davon. »Was war das?«, fragte Mubofu. Er hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt. »Ein prächtiger Bock«, entgegnete ich. »Da – schau doch nur! Da hinten kommt noch einer.« Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als mir bewusst wurde, was ich gesagt hatte. Aber der blinde Junge hatte nichts bemerkt. Sein Gesicht 12
glühte. »Ich kann ihn sehen, Buana, in mir drin, wie er springt!« Die Straße schlängelte sich durch dorniges Gelände dahin. Während des Fahrens dachte ich an die Masern und erinnerte mich daran, dass sich solche Epidemien alle fünf Jahre wiederholen können. Es schien, dass bald wieder ein neuer Ausbruch an der Reihe wäre, wenn diese verheerende Krankheit sich an den Fahrplan hielt. Wir durchquerten ein trockenes Flussbett, das in der Regenzeit zum schlammigen Strom anwachsen würde. »Wir müssen uns auf eine neue Masernepidemie vorbereiten, Samson«, sagte ich, »jetzt, da wir unser Krankenhaus in Betrieb haben, dürfen wir so etwas nicht wieder geschehen lassen.« »Kah, Buana«, entgegnete Samson, »sie werden nicht nur blind, wenn die Masern kommen – viele Hunderte von Kindern sterben. In unserem Land ist es besonders für Kinder die Krankheit des Kummers, der Sorge und des Todes.« Ich blickte auf das erbarmenswerte kleine Gesicht neben mir und dachte dabei an die Qualen, die der Junge erlitten haben musste. Doch seine Gedanken waren längst nicht mehr bei den Masern. Er war voll gespannter Aufmerksamkeit; jeder Kilometer dieser Reise hatte sein eigenes, ganz besonderes Interesse für ihn. Er versetzte mich immer wieder in Erstaunen durch seine Beschreibung dessen, was uns auf der Fahrt begegnete. Seine Sinne schienen alle Eindrücke ungewöhnlich schnell aufzufassen. Er saß 13
da, aufmerksam wie ein Spitz, während Sukuma mit großem Getöse auf der Kap-Kairo-Straße voranholperte. Jetzt entdeckten wir einen steilen Hügel, der mit Kakteen übersät war. Zu unseren Füßen lag ein Fleck dunkelgrüner Mangobäume, die das sandige Flussbett umsäumten, und zwischen ihnen schimmerten uns die weißen Gebäude der Missionsschule für Jungen entgegen. Wir bogen von der Straße ab und kamen durch einen Erdnussgarten an einer Schreinerwerkstatt vorbei, wo afrikanische Jungen eifrig damit beschäftigt waren, Tische anzufertigen. Unter einem großen Kikujubaum hielten wir an. Ich stellte Mubofu auf den Boden, nahm einen afrikanischen Schilling aus meiner Tasche und nickte Samson zu. Ich betrachtete den Löwen auf der Rückseite der Münze, legte sie dann in seine Hand und sagte: »Samson, kauf damit etwas zu essen für dich und Mubofu. In einer Stunde fahren wir zur Bahnstation.« Von meinem Freund, dem Direktor jener großen afrikanischen Schule, hörte ich, dass tatsächlich im Sudan und in Äthiopien eine Masernepidemie wütete. Ob sie auch in Tanganjika ausgebrochen sei, war nicht bekannt. Der Bahnhofsvorsteher, ein großer Pakistaner, teilte mir mit, dass der Zug zehn Stunden Verspätung habe. Da ihm mein Beruf bekannt war, erzählte er mir von einer schweren Seuche, die in seiner Heimatstadt Karatschi viel Unheil anrichte. Das klang ganz verdächtig nach den Masern. 14
Samson pumpte Sukumas Reifen auf. Als ich durch das Tor des Bahnhofs auf ihn zukam, blickte er fragend auf. »Der Zug hat zehn Stunden Verspätung«, teilte ich ihm mit. Mubofu lachte: »Hongo, Buana, das ist ausgezeichnet. Schau, jetzt hast du Zeit, mir viele Dinge über Dodoma zu erzählen und alles zu beschreiben, was du mit deinen Augen siehst, damit ich es in Gedanken sehen kann.«
15
Mubofu »Samson, geh zuerst in Ahmed Rhemtullas Laden und kauf Reis und Seife. Und vergiss nicht den Zement, den wir für den neuen Brunnen brauchen! Nimm Mubofu mit. Wenn ich meine Angelegenheiten hier auf dem Bahnhof erledigt habe, hole ich ihn ab, um ihm ein wenig die Stadt zu zeigen!« »Ndio, Buana«, antwortete Samson, kletterte auf den Führersitz und fuhr davon. Ich blickte Sukuma nach. Mubofus Kopf ragte aus dem Fenster heraus, um ja jeden Ton mitzukriegen, den die Stadt hervorbrachte. Ich konnte mir vorstellen, dass Samson ihm alles erzählen würde, was es nur zu erzählen gab: von dem großen Postamt und der Festung aus Granit, die aus der Zeit stammte, als Tanganjika noch Deutsch-Ostafrika war. Meine verschiedenen Geschäfte mit dem Bahnhofsvorstand kosteten mich eine gute Viertelstunde. Dann überquerte ich die Bahngleise, von Schwelle zu Schwelle springend. Mein Weg führte mich an einem öffentlichen Brunnen vorbei, der von Wasserträgern belagert war, die für jeden Benzinkanister Wasser, den sie holten, einen Cent zahlen mussten. Als ich bei dem indischen Laden ankam, fand ich Mubofu auf einer Kiste sitzend, während Samson einen Sack Reis nach dem anderen in den Wagen lud. 16
»Kah, Buana«, sagte der kleine Junge, als ich zu ihm hinüberging und meine Hand auf seine Schulter legte. »Kah, hat dieser Ort nicht einen reichen Geruch?«, und seine Nase schnupperte vielsagend in der Luft. Eine alte Inderin zerkleinerte einen riesigen Brocken klebrigen, braunen Kandiszucker. »Magst du ein Stück Zucker?«, fragte ich. Mubofu nickte heftig mit dem Kopf. Ich legte also ein Fünf-Cent-Stück auf den Tisch und erhielt dafür einen mächtigen Klumpen Zucker, so groß wie meine Faust. Zu meinem Entsetzen fand ich darin eine riesige Küchenschabe einbalsamiert. »Heh, Mubofu, pfui, es ist ein Dudu darin!« Aber das störte den Kleinen nicht im Geringsten. »Bist du so gut und nimmst es heraus, Buana?«, bat er mich. Während wir durch die Stadt marschierten, wurde Mubofu klebriger und klebriger und nickte nur noch mit dem Kopf, statt wie sonst eine Unmenge von Fragen zu stellen. Ich versuchte ihm den Klempner zu beschreiben, der mit großer Geschicklichkeit Benzinkanister zu verschiedenen Gebrauchsgegenständen verarbeitete. Dann erzählte ich ihm von dem indischen Schuhmacher, der mit seinen Zehen fast ebenso schnell und geschickt arbeiten konnte wie mit den Fingern. Einige Somalier, in den schreiendsten Farben gekleidet und mit prächtigen Turbanen, kamen uns auf der Mitte der Straße entgegen. Vor ihnen stoben einige räudige Hunde und eine Anzahl Hüh17
ner auseinander. Hinter uns plärrte eine Hupe. Ich packte Mubofu gerade noch rechtzeitig genug, um ihn vor einem baufälligen Lastwagen zu retten, der von einem Araber gesteuert wurde. Der Wagen war überfüllt mit Afrikanern und Gepäck, einschließlich einer traurig dreinschauenden Ziege. Mubofu leckte seine Finger ab. Der Zucker war mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschwunden. »Kah, Buana«, sagte er, »ich weiß, wo wir jetzt sind. Sind wir hier nicht in der Nähe des Marktes? Schau, ich kann die Häute von Kühen riechen. Ja, und Butter!« »Weißt du, mein Freund«, antwortete ich, »diese Butter ist nicht gerade nach unserem Geschmack.« Voller Abscheu erblickte ich eine Kürbisflasche, angefüllt mit einem hellen, flüssigen Zeug, das meine Nase als nahen Verwandten einer gewissen Käsesorte bestimmte. »Heh, Buana«, stöhnte der kleine Junge, »es ist schrecklich heiß.« »Nun, dann setz dich einen Augenblick in den Schatten! Komm, wir sind hier gerade an der großen Kathedrale.« Mubofu ließ sich auf der obersten Treppenstufe nieder, den Rücken der weit geöffneten Tür zugekehrt. Sorgfältig wischte er seine Hände an seinem einzigen Kleidungsstück, einem kostbaren alten Lumpenfetzen, ab. Eine Weile war es still. Er hatte seine Nase in die Luft gehoben und lauschte aufmerksam, um ja jeden Geruch einzufangen und jedes 18
irgendwie erreichbare Geräusch mitzubekommen. Dann sagte er mit beinahe ehrfürchtiger Stimme: »Buana, erzähl mir doch, wie diese große Kathedrale aussieht.« Wir betraten die Kathedrale. Eine wohltuende Stille herrschte in dem großen Raum, die Gewölbe gaben einen dunklen Widerhall auf unsere Stimmen. »Schau«, erklärte ich ihm, »sie hat kein flaches Dach wie die gewöhnlichen Häuser der Menschen, sondern ist gewölbt wie dein Schädel, und ihre Mauern sind sehr hoch. Selbst wenn sechs Männer übereinanderstehen würden, einer auf der Schulter des anderen, würden sie kaum das Dach erreichen.« »Buana«, staunte der kleine Junge, »dann muss es ja fast bis an die Wolken reichen!« »In der Mitte des Raumes stehen Stühle, Mubofu, genug für sechshundert Leute, und weiter vorne ist der Ort, wo gesungen und gepredigt wird.« Mubofu nickte zu jeder einzelnen Beschreibung. Ich blickte durch die weit geöffnete Tür. »Da draußen, Mubofu, da draußen ist ein Ort, wo viele Soldaten begraben sind, die im Kampf um Tanganjika gefallen sind.« Ich richtete sein Kinn sanft auf eine Dornbuschhecke jenseits der Eisenbahnlinie. »Und ein bisschen weiter nördlich sieht man den Pfad, den die Araber benutzen, wenn sie ihre Sklaven zur Küste verschleppen, um sie dort zu verkaufen.« Bei diesen Worten war der Kleine sehr ernst geworden. Ich beobachtete ein paar Eidechsen, die an 19
der Mauer hinaufkletterten, um Fliegen zu fangen, als mein Begleiter plötzlich fragte: »Buana, können die Leute im Himmel sehen?« Die Frage traf mich unvorbereitet. »Ja, Buana?« »Aber sicher, Mubofu, steht in Gottes Wort nicht, ›sie werden sein Angesicht schauen‹?« »Buana, komm, lies es mir vor.« Er streckte seine Hand aus, und ich führte ihn durch die Kirche zum Lesepult, wo ein Neues Testament in Kigogo lag. Ich blätterte darin. »Buana, kannst du nicht fühlen, dass Gott hier ist?« Ich nickte, ganz vergessend, dass er mich ja nicht sehen konnte. »Ja, Mubofu! Gott ist immer allen nahe, die zu seiner Familie gehören. Sie dürfen zu jeder Zeit mit ihm sprechen, und er redet mit ihnen durch sein Buch. Hör zu, das hier sind die Worte, in denen Gott uns etwas über den Himmel mitteilt. Sie wurden von einem Mann namens Johannes aufgeschrieben. Er war ein persönlicher Freund Jesu, zur Zeit, als unser Herr noch auf der Erde lebte und die Menschen heilte, die krank und blind waren, bevor man ihn an das Kreuz nagelte. Hier steht es, Mubofu: ›Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen, und es wird keinen Tod mehr geben, und kein Leid mehr, und kein Geschrei und keinen Schmerz, denn das Erste ist vergangen.‹ Siehst du, das sagt die Bibel über den Himmel.« 20
»Bitte, Buana, lies es noch einmal vor«, bat er. Ich las die Stelle noch einmal. Da kam es ganz leise von seinen Lippen: »Buana, wenn ich doch nur in den Himmel gehen könnte! Aber ich bin ja nur ein kleiner Junge, Buana, blind und nutzlos. Ich kann so wenig tun.« »Mubofu«, sagte ich, »hör zu. Es spielt gar keine Rolle, was du tust. Es kommt darauf an, was der Herr Jesus getan hat. Er ist gestorben, damit du in den Himmel gehen kannst. Er ist gestorben, um das für dich zu tun, was du selbst niemals fertiggebracht hättest, wie sehr du dich auch anstrengen würdest. Er hat den Kaufpreis für deine Freiheit bezahlt.« Mubofu nickte: »Ich verstehe, Buana, er hat das Lösegeld bezahlt.« »Ja, Mubofu, genau das. Erinnere dich doch: An diesem Ort gab es vor Jahren Sklaven, aber niemand war da, um sie freizukaufen. Wir dagegen wissen, dass Jesus, Gottes eigener Sohn, starb, um uns von einer ganz anderen Art von Sklaverei freizukaufen.« Wieder nickte Mubofu: »Aber, Buana, bist du dir sicher, dass das auch für mich gilt?« »Ganz sicher, denn Jesus sagt: ›Wer zu mir kommt, den will ich nicht – unter gar keinen Umständen – hinausstoßen.‹« »Aber was muss ich denn tun, Buana? Was kann ich ihm sagen, weil ich doch so gern auch zu seinem Stamm gehören möchte?« »Bitte den Herrn Jesus, dein Buana zu sein.« Der kleine Junge streckte beide Hände aus, so wie 21
es in seinem Stamm üblich ist, wenn ein willkommener Gast empfangen wird: »Mulungu, umulungulungu mbotschere – allmächtiger Gott, bitte nimm mich an –.« Die Sonne stand schon tief am Horizont, und das Licht, das durch ein schmales Fenster hereinströmte, zeigte mir das innere Leuchten auf dem Gesicht des kleinen Blinden. Ich sah nicht mehr das Grauen seiner leeren Augenhöhlen, sondern die ganze Schönheit seines Lächelns. Es schien mir, als habe Mubofu sehr recht mit seiner Bemerkung, Gott sei in diesem Raum gegenwärtig. Wie nahe war er uns in dieser Stunde! Einige Zeit schwiegen wir beide, dann fragte er: »Buana, willst du zu Gott sprechen?« So beteten wir gemeinsam in der Sprache des Blinden zu dem Allmächtigen. Langsam wandten wir uns wieder zum Gehen und schritten durch den langen Gang an den dreibeinigen Schemeln vorbei dem Ausgang zu. Ich stand gerade im Begriff, meinen Fuß auf die Türschwelle zu setzen, als ich mitten in der Luft anhielt … »Pst – bleib ganz still!«, zischte ich Mubofu zu. »Bleib genau dort stehen, wo du bist – beweg den Kopf nicht –.« Wortlos gehorchte der Junge. Ich griff ruhig nach einem dreibeinigen Hocker, hob ihn auf und schmetterte ihn mit aller Kraft zu Boden. Krach! schlug er auf die Treppe. Schnell zog ich den Kleinen zurück in die Kirche und blickte auf die Türschwelle. Dort wand sich eine Kobra; aber ihr Rückgrat war gebrochen. 22
»Was war das, Buana?«, fragte Mubofu. »Eine Schlange«, erwiderte ich. »Hättest du nur einen weiteren Schritt getan, Mubofu, so wärst du jetzt wahrscheinlich schon im Himmel!« »Kah«, meinte der kleine Junge, »vielleicht hat der Herr Jesus doch noch etwas für mich zu tun?«
23
Telegramme und Tragödien Der Tausendtonnendampfer schlingerte höchst ungemütlich, und jeder an Bord schien mehr als dankbar zu sein, als am Horizont endlich die blaue Küstenlinie von Tanganjika sichtbar wurde. Die ganze Zeit hatte uns eine riesige Wasserwüste umgeben, und es schien so unwahrscheinlich, dass wir uns im Herzen Afrikas befinden sollten. Dies war nun die letzte Station auf meiner Reise rund um den Viktoriasee. Einer der Schiffsoffiziere kam auf mich zu. »Doktor, wir scheinen drei Stunden Verspätung zu haben. Das heißt, dass Sie wahrscheinlich den Zug verpassen werden und einige Tage auf den nächsten warten müssen. Immerhin kommen Sie so noch zu ein paar zusätzlichen Ferientagen und haben das Glück, sich die alte Sklavenstadt Muansa anzusehen. Vergessen Sie ja nicht, die Bucht aufzusuchen, in der Alexander Mackay seine Jacht baute, auf der er nach Uganda zu reisen pflegte!« Sehr bald kam der belebte Kai mit seinen palmbewachsenen Ufern und den weißen Gebäuden der Stadt im Hintergrund in Sicht. Ich stand gerade im Begriff, mein Gepäck zusammenzusuchen, als ein Afrikaner über den Landesteg auf mich zueilte und mir ein Telegramm übergab. Telegramme rufen in mir gewöhnlich ein unangenehmes Gefühl hervor. 24
Ich riss den Umschlag auf: »masernepidemie breitet sich aus – dreißig todesfälle in umliegenden dörfern – sofortige rückkehr erforderlich.« Sofort mietete ich drei Träger und rannte in einem höchst unwürdigen Tempo zum Bahnhof, sodass sich die Einheimischen sehr verwunderten. Im Bahnhof herrschte eine unheimliche Ruhe. Da stand ich nun: ein paar hundert Kilometer von dem Ort entfernt, wo meine Anwesenheit unerlässlich war. Der Personenzug war vor genau zwei Stunden abgefahren, und der nächste kam erst in drei Tagen. Ich blickte nach Osten. Dort drüben, auf jenen Zentralebenen, wütete eine Epidemie, Kinder starben dahin, und ich saß hier fest – kampfunfähig. Eine bittere Pille für mich! Es gab nur eins – ich machte mich sofort daran, jede Möglichkeit auszukundschaften, wie ich diese fünfhundert Kilometer überwinden könnte. Ich ging zum Stationsvorsteher, einem hoch aufgeschossenen Inder mit Turban und schwarzem Bart. Der schien sich ausschließlich für den blauen See mit seinen grünen Inseln zu interessieren, die sich vor seinem Fenster ausbreiteten. »Herr Stationsvorsteher, gibt es nicht irgendeine andere Möglichkeit, nach Dodoma zu gelangen?«, fragte ich ihn. Mit einer typisch indischen Geste winkte er ab: hoffnungslos! »Es fährt kein anderer Personenzug, und für Lastwagen ist der Weg unmöglich!« »Wie wäre es mit einem Güterzug?«, fragte ich be25
scheiden an, »könnte ich nicht mit dem Zugführer im Bremswagen reisen?« Zweifelnd schüttelte er den Kopf. »Ich will mich nach einem Güterzug erkundigen, Doktor.« Ich bewunderte das prächtige, zweistöckige Bahnhofsgebäude, das den Abschluss der über tausend Kilometer langen Strecke bildete, die an der Küste des Indischen Ozeans ihren Anfang nahm. Der Stationsvorsteher kam aus seinem Büro zurück, machte eine Verbeugung und sagte: »Ich muss Ihnen leider mitteilen, Herr Doktor, dass zwar ein Güterzug fährt, dass er aber für eine Reise äußerst unbequem ist. Wenn Sie jedoch die Nachteile einer schlechten Federung und einer langsamen Fahrt in Kauf nehmen wollen, so steht Ihrer Mitreise nichts im Weg.« So kam es, dass ich mich an jenem Abend, bewaffnet mit einer Sturmlaterne, einem Korb voll Mangos und einem Pfund Zwieback so wohnlich wie möglich im Bremswagen des Güterzugs einrichtete … Monoton folgte der Zug der Schienenspur; unter uns ratterten die Stahlschwellen, die nötig waren, um die weißen Ameisen um ihre Mahlzeit zu prellen. Ich blickte hinaus in das Dunkel. Hunderte von Metern hinter uns wand sich eine leuchtende Spur glühender Asche, die unsere holzgeheizte Lokomotive hinterließ. Ein Versuch zu lesen war aussichtslos. Die Laterne schwang heftig hin und her. So döste ich auf meinem Feldsitz ein, um jedoch bald wieder auf höchst unsanfte Weise geweckt zu wer26