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J. C. Ryle / R. Elliot

George Whitefield

»Lieber verbrennen als verrosten …«

Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld


1. Auflage 2007 Die englische Ausgabe erschien erstmals 1958 bei The Banner of Truth Trust, Edinburgh Originaltitel: Select Sermons of George Whitefield © der deutschen Ausgabe 2007 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld CLV im Internet: www.clv.de Übersetzung: Ulrike Wilhelm Satz: CLV Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Druck und Bindung: GGP Media, Pößneck ISBN 978-3-89397-685-0


Vorwort

Es ist mir eine Ehre, dieses Buch zu würdigen und dabei mit den Namen George Whitefield und Bischof Ryle in Verbindung gebracht zu werden. In den vergangenen fünfzig Jahren der Kirchengeschichte war nichts trauriger, aber auch nichts bezeichnender als die Tatsache, wie sehr George Whitefield ignoriert wurde – das gilt besonders, wenn man bedenkt, wie viel Aufmerksamkeit man seinem Zeitgenossen John Wesley entgegenbrachte. Vor zweihundert Jahren war dies sicherlich nicht der Fall und auch heute sollte es nicht so sein. Von allen Männern des 18. Jahrhunderts, die Gott hervorbrachte, um das wunderbare Werk der sogenannten »Großen Erweckung« zu tun, war keiner bemerkenswerter als George Whitefield. Nur über wenige Männer kann gesagt werden, dass ihre Predigten »apostolisches« Format besaßen, doch Whitefield zählte mit Sicherheit zu diesen. Von Anfang bis Ende war seine Karriere ein erstaunliches Phänomen, und sein großartiges Werk in Großbritannien und in Amerika lässt sich nur mit dem Wirken des Heiligen Geistes erklären. Doch Whitefield war nicht nur ein großer Prediger und Redner des 18. Jahrhunderts, er war auch einer der frömmsten Menschen jener Zeit, wenn nicht sogar der Heiligste. Er gehörte zu den demütigsten und liebenswertesten Menschen überhaupt. Was kann also, abgesehen von der Bibel, wertvoller sein, als etwas über das Leben dieses Mannes sowie seine eigenen Worte zu lesen. Dieses Buch dient in dieser Hinsicht als eine hervorragende Einführung, denn die bekannte Abhandlung von Bischof Ryle stellt sicherlich die bisher beste Beschreibung und Charakterisierung Whitefields dar, und es ist erfreulich, dass diese Arbeit noch ein-


mal veröffentlicht wurde. Die vorliegende Ausgabe enthält aber auch einige der Predigten dieses großen Predigers, welche die von dem Bischof betonten Punkte veranschaulichen. Es handelt sich um eine wohlüberlegte und repräsentative Auswahl. So können wir in diesem Buch von jenem Mann lesen, den Gott so herrlich bevollmächtigte, und hören, was er lehrte und predigte. Möge Gott uns dadurch geben, dass wir uns nach solcher Erweckung in unserer Zeit und Generation sehnen und darum bitten, wie sie Gott in seiner souveränen Gnade und Barmherzigkeit vor 200 Jahren schenkte. Februar 1958 D. M. Lloyd-Jones Westminster Chapel London


Inhalt

J. C. Ryle George Whitefield und sein Predigtdienst Kapitel 1 Kapitel 2

9 11 25

R. Elliot Eine Zusammenfassung der Lehre Whitefields

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Predigten

67

Das Wesen der Gnade »Und sie heilen den Bruch der Tochter meines Volkes oberflächlich und sagen: Friede, Friede! – und da ist doch kein Friede.« Jeremia 6,14

69

Christus, die Weisheit, die Gerechtigkeit, die Heiligkeit und die Erlösung des Gläubigen »Aus ihm aber kommt es, dass ihr in Christus Jesus seid, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung.« 1. Korinther 1,30

89

Der HERR, unsere Gerechtigkeit »Der HERR, unsere Gerechtigkeit.« Jeremia 23,6

107

Der Same der Frau und der Same der Schlange »Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen.« 1. Mose 3,15

129


Mit Gott wandeln »Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg.« 1. Mose 5,24

149

Der gute Hirte – Eine Abschiedspredigt »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.« Johannes 10,27.28

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J. C. Ryle

George Whitefield und sein Predigtdienst


Kapitel 1

Whitefields Geburtsort und Herkunft – Schulbildung an der Gloucester Grammar School – Eintritt in das Pembroke College, Oxford – Zeit eines geistlichen Konflikts – Bücher, die für ihn nützlich waren – Von Bischof Benson ordiniert – Erste Predigt – Predigtdienst in London – Kurat von Dummer, Hants – Reise nach Amerika – Wiederkunft nach einem Jahr – Whitefield predigt unter freiem Himmel – Wird von den meisten Kanzeln ausgeschlossen – Umfang seines einunddreißigjährigen Dienstes – Stirbt 1770 in Newburyport, Amerika – Umstände seines Todes Wer waren die Männer, die vor hundert Jahren die Religion in England wiederaufleben ließen? Wie hießen sie, damit wir ihnen die Ehre geben können? Wo wurden sie geboren? Wie wurden sie erzogen? Was war in ihrem Leben ausschlaggebend? Auf welchem besonderen Gebiet wirkten sie? Auf diese Fragen möchte ich in diesem und den folgenden Kapiteln einige Antworten geben.1 Bedauerlicherweise gibt es Menschen, die kein Interesse daran haben, diese Dinge herauszufinden. Die Werkzeuge, die Gott für sein Werk in der Welt gebraucht, verdienen es nämlich, näher betrachtet zu werden. Der Mensch, der sich nicht für die Posaunen aus Widderhörnern interessiert, durch die Jericho fiel, sich nicht für den Hammer und den Pflock interessiert, die Sisera töteten, nicht für die Fackeln und Trompeten Gideons oder die Schlinge und den Stein Davids, den kann man als eine ziemlich kaltherzige oder gar herzlose Person bezeichnen. Daher vertraue ich darauf, 1 Diese zwei Kapitel über Whitefield stammen aus dem 1873 veröffentlichten Buch von Ryle, Christian Leaders of the Last Century, das teilweise unter dem Titel Five Christian Leaders neu veröffentlicht wurde.


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dass alle, die dieses Buch lesen, etwas über die englischen Evangelisten des 18. Jahrhunderts wissen möchten. Der Erste, den ich nennen möchte, ist der bekannte George Whitefield. Auch wenn er hinsichtlich seines Geburtsdatums nicht an erster Stelle steht, setze ich ihn ohne zu zögern an die Spitze, was sein Werk betrifft. Von allen geistlichen Helden der letzten hundert Jahre erkannte keiner so schnell wie Whitefield, was die Zeit erforderte, und keiner trieb so sehr die große geistliche Erweckungsbewegung an wie er. Ich denke, es wäre ungerecht, wenn ich irgendeinen anderen Namen vorziehen würde. Whitefield wurde 1714 in Gloucester geboren. Mit dieser ehrwürdigen Bezirksstadt, seinem Geburtsort, verbindet man mehr als nur einen Namen, der jedem Anhänger der protestantischen Wahrheit viel bedeuten sollte. Tyndale, einer der ersten und fähigsten Übersetzer der Bibel ins Englische, war ein Bürger Gloucesters. Hooper, einer der größten und besten englischen Reformatoren, war Bischof von Gloucester und wurde unter Königin Marias Herrschaft um der Wahrheit Christi willen, mit Blick auf seine eigene Kathedrale, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im darauffolgenden Jahrhundert war Miles Smith, Bischof von Gloucester, einer der Ersten, der gegen die Romanisierungsmaßnahmen Lauds protestierte, der damals der Dekan von Gloucester war. Tatsächlich war Bischof Smith so sehr vom Protestantismus überzeugt, dass er, als Laud den Abendmahlstisch in der Kathedrale in die östliche Ecke und somit zum ersten Mal »altarwärts« stellte, sich von diesem Tag an bis zu seinem Tod aus Kränkung weigerte, jemals wieder die Kathedrale zu betreten. Orten wie Gloucester ist zweifelsohne ein reiches Erbe vieler Gebete zuteilgeworden. Die Stadt, in der Hooper predigte und betete und in der Miles Smith leidenschaftlich protestierte, war der Ort, in dem der größte Prediger des Evangeliums, den England jemals gehabt hat, geboren wurde. Wie viele andere berühmte Männer stammte Whitefield aus bescheidenen Verhältnissen und hatte keine reichen oder vornehmen Beziehungen, die zu seiner Förderung einen Beitrag hätten leisten können. Seine Mutter besaß das schlecht laufende Gasthaus Bell Inn in Gloucester; jedenfalls schien sie nie zur Unterstützung


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Whitefields in der Lage gewesen zu sein. Das Gasthaus selbst existiert heute noch und ist nicht nur der Geburtsort des größten Predigers Englands, sondern auch das des bekannten englischen Prälaten Henry Philpot, des Bischofs von Exeter. Nach Whitefields eigener Erzählung waren seine frühen Lebensjahre alles andere als religiös geprägt, obwohl sich, wie bei vielen anderen Jungen, gelegentlich das Gewissen meldete und er ab und zu heftige fromme Gefühle verspürte. Doch bestimmte Gepflogenheiten und allgemeine Vorlieben sind die einzig wahren Dinge, die den Charakter junger Menschen auf die Probe stellen. Er bekennt, dass er es »gewohnt war zu lügen, eine obszöne Sprache benutzte und dumme Witze« erzählte und dass er den »Sabbat brach, ins Theater ging, Karten spielte und Liebesromane las«. Das alles, so sagt er, dauerte an, bis er fünfzehn war. Arm, wie er war, verschaffte ihm sein Wohnsitz in Gloucester trotzdem den Vorteil einer guten Schulbildung an der Free Grammar School der Stadt. Bis zum Alter von fünfzehn Jahren war er hier Tagesschüler. Es ist nichts darüber bekannt, wie seine Leistungen dort aussahen. Er wird jedoch kaum gefaulenzt haben, sonst hätte er mit 18 Jahren nicht die Universität besuchen können. Die häufigen lateinischen Zitate in seinen Briefen lassen auf gewisse Lateinkenntnisse schließen, die selten außerhalb der Schule erworben wurden. Aus seiner Schulzeit wissen wir nur die interessante Tatsache, dass er sich schon damals durch seine große Redegewandtheit und ein gutes Gedächtnis auszeichnete. Aus diesem Grund wurde er ausgewählt, beim jährlichen Schulbesuch der Stadtverwaltung von Gloucester die Ansprache zu halten. Vermutlich verließ Whitefield im Alter von 15 Jahren die Schule und unterbrach den Latein- und Griechischunterricht für einige Zeit. Sehr wahrscheinlich war die Bedürftigkeit seiner Mutter der Grund, weshalb er ihr im Geschäft helfen musste, um für den gemeinsamen Lebensunterhalt mitzusorgen. Daher half er ihr jeden Tag bei der Arbeit im Bell Inn. »Lange Zeit«, sagt er, »band ich mir meine blaue Schürze um, wusch Tassen ab und putzte die Zimmer; kurz gesagt, für beinahe anderthalb Jahre war ich ein berufsmäßiger Gastwirt.«


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Dieser Zustand jedoch dauerte nicht lange an. Das Bell Inn lief schlecht und seine Mutter zog sich schließlich von allem zurück. Ein alter Schulfreund weckte in ihm den Wunsch, nach Oxford zu gehen, woraufhin er zur Grammar School zurückkehrte, um dort weiterzulernen. Daraufhin setzten sich Freunde für ihn am Pembroke College, Oxford, ein, wo die Grammar School von Gloucester zwei Veranstaltungen abhielt. Durch glückliche Umstände konnte er mit 18 Jahren als Stipendiat am Pembroke College in Oxford eintreten.2 Whitefields Zeit in Oxford war der Wendepunkt in seinem Leben. In seinen Tagebüchern steht, dass er zwei bis drei Jahre vor dem Besuch der Universität gewisse religiöse Vorstellungen hatte. Nachdem er sich jedoch am Pembroke College eingeschrieben hatte, entwickelte sich aus diesen Vorstellungen ein engagierter christlicher Glaube. Voller Eifer vollbrachte er alle möglichen barmherzigen Taten. In seiner Freizeit besuchte er das Stadtgefängnis, las den Gefangenen vor und versuchte Gutes zu tun. Er lernte sowohl den berühmten John Wesley und seinen Bruder Charles als auch eine kleine Gruppe gleichgesinnter junger Männer kennen sowie den bekannten Autor von Theron and Aspasio, James Hervey. Sie alle bildeten eine religiöse Gemeinschaft, die man aufgrund ihrer strikten Lebensführung damals zum ersten Mal als »Methodisten« bezeichnete. Irgendwann muss er Bücher von Thomas von Kempen und Castanuzas Spiritual Combat verschlungen haben und stand so in der Gefahr, ein »halber Katholik«, ein Asket oder Mystiker zu werden, dessen Glaube einzig in Selbstverleugnung bestand. Er sagt in seinen Tagebüchern: »Ich entschied mich immer für das schlechteste Essen. Ich fastete zweimal in der Woche. Meine Kleidung war schlecht. Ich fand es unpassend, wenn ein reuiger Sünder seine Haare puderte. Ich trug Wollhandschuhe, geflickte Kleidung und schmutzige Schuhe; 2 Als ich im Juni 1865 das Pembroke College in Oxford besuchte, versuchte ich Whitefields Zimmer zu finden. Der Hausmeister sagte mir, dass nicht bekannt sei, welches sein Zimmer gewesen war. Die Zimmer, die der bekannte Dr. Johnson am Pembroke College bewohnte, sind immer noch ausgeschildert. Johnson verließ Oxford, kurz bevor Whitefield dort begann.


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und obwohl ich davon überzeugt war, dass das Reich Gottes nicht aus Essen und Trinken bestand, beharrte ich mit Entschiedenheit auf diesen freiwilligen Taten der Selbstzucht, weil ich dadurch meinte, in meinem geistlichen Leben wachsen zu können.« Aus dieser Dunkelheit wurde er langsam erlöst, nachdem ihn einige erfahrene Christen ermutigt hatten und er die Bücher Life of God in the Soul of Man von Scougal, Serious Call von Law, Call to the Unconverted von Baxter, Alarm to Unconverted Sinners von Alleine und den Bibelkommentar von Matthew Henry gelesen hatte. »Mein Verstand war jetzt klar und erleuchtet«, sagt er, »und nachdem ich alle anderen Bücher beiseite gelegt hatte, begann ich auf Knien jedes Wort und jede Zeile der Heiligen Schrift betend zu lesen. Das war echtes Lebenselixier für meine Seele. Täglich wurde mir von oben neues Leben, Licht und Kraft geschenkt. Dieses Buch Gottes vermittelte mir innerhalb eines Monats mehr Wissen als jede andere Schrift irgendeines Menschen.« Als Whitefield die herrliche Freiheit des Evangeliums Christi verstanden hatte, war er für immer von Askese, Gesetzlichkeit, Mystizismus und merkwürdigen Ansichten über christliche Vollkommenheit befreit. Dieser harte innere Konflikt war für ihn eine der wertvollsten Erfahrungen. Die Lehre von der freien Gnade, einmal wirklich begriffen, schlug in seinem Herzen tiefe Wurzeln und ging ihm in Fleisch und Blut über. Von allen in der kleinen Methodistengruppe von Oxford scheint keiner so schnell einen klaren Blick für das Evangelium Christi bekommen zu haben wie Whitefield und keiner hielt daran bis zum Ende so unerschütterlich fest. Im Alter von erst 22 Jahren wurde Whitefield 1736 von Bischof Benson aus Gloucester am Sonntag Trinitatis (dem ersten Sonntag nach Pfingsten) in den geistlichen Dienst berufen. Er selbst hatte seine Ordination nicht angestrebt. Der Bischof hatte durch Lady Selwyn und einige andere von ihm gehört. Daraufhin ließ er Whitefield zu sich rufen, gab ihm ein paar Münzen für den Kauf von einigen Büchern und bot ihm an, trotz seiner 22 Jahre, wann immer Whitefield es wünschte, ihn zum Diakon zu ordinieren. Dieses unerwartete Angebot kam zu einem Zeitpunkt, als Whitefield voller Bedenken war, ob er für den geistlichen Dienst überhaupt tauglich sei. Jetzt aber war der Wendepunkt gekommen und


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er musste eine Entscheidung treffen. »Ich fing an zu glauben«, sagt er, »dass ich gegen Gott kämpfte, wenn ich noch länger zögerte.« Whitefield hielt seine erste Predigt in der Kirche St. Mary-leCrypt in seiner Geburtsstadt Gloucester. Seine eigene Erzählung beschreibt die Geschehnisse am besten: »Letzten Sonntagnachmittag hielt ich meine erste Predigt in der Kirche St. Mary-le-Crypt, in der ich getauft wurde und zum ersten Mal das Abendmahl empfing. Wie man sich leicht vorstellen kann, kamen zu jenem Ereignis aus lauter Neugierde viele Mitglieder der Gemeinde. Zuerst war ich bei diesem Anblick ein wenig erschrocken, doch ich wurde durch eine tief empfundene Gewissheit der Gegenwart Gottes gestärkt und erkannte bald, welch unbeschreiblicher Vorteil es war, dass ich als Schuljunge öffentliche Ansprachen gehalten und während meiner Zeit an der Universität im Gefängnis und in Privathäusern gepredigt und gelehrt hatte. Daher war ich nicht allzu sehr entmutigt. Während ich predigte, wurde in mir die Flamme entzündet, die mich schließlich befähigte, das Evangelium einigermaßen vollmächtig zu predigen, obwohl ich so jung war und vor einer Menschenmenge stand, die mich aus Kindheitstagen kannte. Einige spotteten, aber die meisten schienen in dem Augenblick angesprochen gewesen zu sein. Später habe ich gehört, dass beim Bischof eine Klage einging, dass meine erste Predigt fünfzehn Personen verrückt gemacht hätte! Dieser aller Ehren werte Prälat wünschte sich, dass dieser Wahnsinn bis zum nächsten Sonntag anhalten möge.« Unmittelbar nach seiner Ordination ging Whitefield nach Oxford und erwarb den Magister-Titel. Anschließend begann er mit seinem regelmäßigen Predigtdienst und übernahm für zwei Monate ein Pastorenamt an der Tower Chapel in London. Neben seiner Arbeit dort predigte er auch immer wieder in vielen anderen Kirchen Londons, unter anderem in den Pfarrkirchen von Islington, Bishopsgate, St. Dunstans, St. Margarets, Westminster und Bow, Cheapside. Kein anderer Prediger zuvor und danach war von Anfang an so beliebt. Ob an Werktagen oder Sonntagen und gleichgültig, an welchem Ort er predigte – die Kirchen waren voll und seine Dienste waren immer eine Sensation. Tatsächlich war dieser wirklich wortgewandte Prediger, der mit den außerge-


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wöhnlichsten Gaben das reine Evangelium aus dem Stegreif und mit mächtiger Stimme predigte, zu jener Zeit in London eine absolute Besonderheit. Die erstaunten Gemeinden wurden im Sturm erobert. Von London aus ging er für zwei Monate nach Dummer, einer kleinen ländlichen Gemeinde in Hampshire nahe Basingstoke. Hier bot sich ihm ein völlig neues Tätigkeitsfeld, denn unter den armen Analphabeten schien er wie lebendig begraben zu sein. Doch er passte sich dieser neuen Situation schnell an. Später meinte er, dass gerade der Umgang mit den Armen ihn reich beschenkt hatte. Von Dummer aus nahm er eine Einladung an, die Kolonie Georgia in Nordamerika zu besuchen – die Wesleys hatten ihn dazu gedrängt. Er sollte in der Nähe von Savannah in einem Waisenhaus, das für Kinder der Kolonisten gebaut worden war, mitarbeiten. Nachdem er einige Monate in Gloucestershire, besonders aber in Bristol und Stonehouse gepredigt hatte, segelte er in der zweiten Hälfte des Jahres 1737 nach Amerika und blieb dort knapp ein Jahr. Hier muss noch erwähnt werden, dass die Arbeit dieses Waisenhauses ihn sein ganzes Leben lang bis zu seinem Tod sehr beschäftigt hat. Denn diese Arbeit war, wenn auch mit guten Absichten, nicht gerade auf eine weise Art begonnen worden. Whitefield machte sich sicherlich bis zum Ende seiner Tage viele Sorgen um dieses Werk und fühlte sich dafür verantwortlich. In der zweiten Hälfte des Jahres 1738 kehrte Whitefield wieder aus Georgia zurück, um von seinem alten Freund Bischof Benson zum Pastor ordiniert zu werden und geschäftliche Angelegenheiten des Waisenhauses zu regeln. Schon bald merkte er jedoch, dass er nicht mehr in der gleichen Situation war wie vor seiner Abreise nach Georgia. Der Klerus war ihm nicht mehr wohlgesinnt und er wurde verdächtigt, ein Enthusiast und Fanatiker zu sein. Besonders schockiert war man über seine Ansicht, dass die meisten Getauften eine Erneuerung oder Wiedergeburt nötig hätten! Schon bald durfte er von vielen Kanzeln nicht mehr predigen. Gemeindevorsteher, die sich an Trunkenheit und Ausschweifung nicht stießen, waren voller Entrüstung über das, was sie »Verletzung der Ordnung« nannten. Bischöfe, die Arianismus, Sozinia-


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nismus und Deismus tolerierten, waren über einen Mann entsetzt, der die vollkommene Versöhnungstat Christi als das Wirken des Heiligen Geistes lehrte, und begannen, ihn öffentlich anzuklagen. Kurz gesagt: Von diesem Zeitpunkt an engte sich für Whitefield das Wirkungsfeld in der Kirche von England von allen Seiten her rapide ein. Die Ereignisse nahmen in dem Augenblick eine Wende, als Whitefield anfing, unter freiem Himmel zu predigen. Als er sah, dass Tausende von Menschen zu keinem Gottesdienst gingen, den Sonntag über faulenzten, in Sünde lebten und durch eine Predigt innerhalb der Kirchenmauern nicht erreicht werden konnten, beschloss er, in die Offensive zu gehen und nach dem Grundsatz seines Herrn ihnen bis »auf die Wege und an die Zäune« nachzugehen und »sie zu nötigen hereinzukommen«. Seinen ersten Versuch unternahm er im Februar 1739 unter den Bergleuten von Kingswood in der Nähe von Bristol. Eines Tages, nachdem Whitefield viel gebetet hatte, ging er nach Hannam Mount, stellte sich auf einen Hügel und predigte zu Hunderten von Bergarbeitern über Matthäus 5,1-3. Da sich dies bald herumsprach, kamen immer mehr Zuhörer, bis schließlich Tausende von Menschen zu diesen Ereignissen zusammenkamen. Über das Verhalten dieser missachteten Bergleute, die in ihrem Leben noch nie in einer Kirche gewesen waren, schreibt Whitefield tief gerührt: »Da sie keine eigene Gerechtigkeit aufzuweisen hatten, freuten sie sich darüber, von Jesus zu hören, der ein Freund der Zöllner war und nicht für die Gerechten gekommen war, sondern für die Sünder, um sie zur Buße zu rufen. Das erste Zeichen ihrer Betroffenheit waren die Tränen, die ihre schwarzen Wangen herunterliefen und auf den Gesichtern unzählige Streifen hinterließen, nachdem sie aus dem Kohlenbergwerk gekommen waren. Hunderte von Menschen wurden von ihrer Sünde überführt, was dann glücklich in einer klaren und echten Bekehrung endete. Alle konnten die Veränderung sehen, dennoch wollten viele diese Wirkung irgendeiner anderen Sache zuschreiben, nur nicht dem Finger Gottes. Da dies alles ziemlich neu war, hatte ich oft viele innere Konflikte. Wenn zuweilen zwanzigtausend Menschen vor mir standen, wusste ich oft nicht, was ich zu Gott oder zu ihnen sagen


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sollte. Doch ich fühlte mich nie ganz verlassen und oft erfuhr ich Gottes Beistand (wenn ich das leugnen würde, würde ich vor Gott lügen) und aus eigener glücklicher Erfahrung erkannte ich, was unser Herr mit dem Satz meinte: ›Aus seinem Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.‹ Der freie Himmel über mir, die Aussicht auf die angrenzenden Felder und Tausende betroffene, manchmal weinende Menschen, einige in Kutschen, andere auf Pferden und manche auf Bäumen, das war mir fast zu viel und überwältigte mich.« Am 27. April 1739, zwei Monate nach dieser ersten Freiversammlung, begann Whitefield in London unter freiem Himmel zu predigen. Die Umstände, die dazu führten, waren merkwürdig. Er war nach Islington gereist, um für seinen Freund, Vikar Stonehouse, zu predigen. Während des Gebets kamen die Gemeindevorsteher zu ihm und verlangten von ihm die schriftliche Zulassung zum Predigen in der Diözese von London. Natürlich besaß Whitefield solch eine Zulassung genauso wenig wie irgendein anderer Geistlicher, der nicht regelmäßig in dieser Diözese diente. Die Folge war, dass er aufgrund des Verbotes der Gemeindevorsteher, von der Kanzel zu predigen, nach dem Austeilen des Heiligen Abendmahls nach draußen ging und auf dem Kirchhof predigte. Er sagte: »Gott gefiel es, mir bei der Predigt beizustehen und die Zuhörer so wunderbar anzurühren, dass ich glaube, wir wären bereit gewesen, Loblieder singend ins Gefängnis abgeführt zu werden. Lasst nicht die Widersacher sagen, dass ich aus ihren Kirchen hinausgegangen sei. Nein, sie haben mich hinausgeworfen.« Wann immer das Wetter und die Jahreszeit es zuließ, predigte er von diesem Tag an stets unter freiem Himmel. Zwei Tage später, am Sonntag, dem 29. April, schreibt er: »Ich predigte in Moorfields zu einer außerordentlich großen Zuhörerschaft. Da ich von der morgendlichen Predigt etwas entkräftet war, erholte ich mich bei einem kleinen Nachmittagsschlaf. Um fünf Uhr ging ich nach Kennington Common, etwa zwei Meilen von London entfernt, um dort vor nicht weniger als dreißigtausend Menschen zu predigen.« Von nun an predigte Whitefield auf allen großen offenen Plätzen in der Gegend von London. Überall, wo gottlose, untätige Men-


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schen in Hackney Fields, Mary-le-bonne Fields, May Fair, Smithfield, Blackheath, Moorfields und Kennington Common den Sabbat brachen, erhob Whitefield seine Stimme für Christus.3 Hunderte Menschen, die nie zu einem Gottesdienst gegangen wären, hörten so das Evangelium und nahmen es begierig auf. Das wahre Evangelium wurde jetzt vorangetrieben und Seelen wurden wie Brandscheite aus dem Feuer und aus der Hand des Satans gerissen. Dieser Prozess verlief jedoch für die Kirche jener Tage viel zu schnell. Bis auf einige aufrichtige Geistliche weigerten sich alle, diesen merkwürdigen Prediger gutzuheißen. Wie echte Neidhammel wollten sie weder den halbheidnischen Massen der Bevölkerung selbst nachgehen, noch gefiel es ihnen, dass jemand anders die Arbeit für sie übernahm. Die Folge war, dass Whitefield kaum noch von den Kanzeln der Kirche von England predigen durfte. Er liebte die Kirche, die ihn zum Pastor ordiniert hatte; er rühmte die Glaubensartikel und das Gebetsbuch gebrauchte er gerne. Doch die Kirche liebte ihn nicht und brachte sich so um den Vorteil seines Dienstes. Die Wahrheit ist: Die Kirche Englands jener Tage war einfach noch nicht reif für einen Mann wie Whitefield. Die Kirche schlief zu tief, um ihn zu verstehen, und ärgerte sich über einen Mann, der nicht stillhielt und den Teufel nicht einfach wirken ließ. Von diesem Tag an war Whitefields Leben bis zu seinem Tod fast vollkommen von einer gewissen Gleichmäßigkeit bestimmt. Ein Jahr war wie das andere, und wenn man ihm auf seinem Lebensweg folgen würde, würde man immer wieder das Gleiche erleben. Von 1739 bis zu seinem Todesjahr 1770, einer Zeitspanne von 31 Jahren, war sein Leben fast ausschließlich von Arbeit geprägt. Er war ein ganz besonderer Mensch, der sich für eine Sache einsetzte und immer im Interesse seines Herrn handelte. Vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, von Sonntagmorgen bis Samstagnacht predigte er nur über Christus, es sei denn, er war krank. Auf der 3 Der Leser sollte bedenken, dass vor hundert Jahren London noch ein relativ kleiner Ort war. Auf den meisten freien Plätzen, auf denen Whitefield predigte, stehen heute Gebäude. Nur Kennington Oval und Blackheath sind bis heute freie Plätze geblieben.


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ganzen Welt flehte er die Menschen an, ihre Sünden zu bereuen und zu Christus zu kommen, um sich retten zu lassen. Es gab in ganz England, Schottland und Wales wohl kaum eine bedeutende Stadt, die er als Evangelist nicht besucht hatte. Wenn Kirchen ihm die Tür öffneten, hielt er freudig seine Predigt darin. Wenn nur Kapellen zur Verfügung standen, dann predigte er fröhlich in Kapellen. Wenn Kirchen und Kapellen gleichermaßen geschlossen wurden oder zu klein für die Zuhörerschaft waren, so war er bereit, im Freien zu predigen. Diese Arbeit tat er 31 Jahre lang, immer wieder verkündete er dasselbe herrliche Evangelium und immer tat er es, sofern man das beurteilen kann, mit enormen Auswirkungen. Nachdem er in Moorfields gepredigt hatte, erhielt er in einer einzigen Pfingstwoche von seelisch aufgewühlten Menschen eintausend Briefe und er führte 350 Menschen zum Tisch des Herrn. In den 34 Jahren seines geistlichen Dienstes predigte er in der Öffentlichkeit annähernd bis zu 18.000 Mal. Seine Reisen waren von erstaunlichem Ausmaß, wenn man an die Straßen und Transportmittel jener Zeit denkt. Mehr als jeder andere Mensch unserer Zeit erlebte er die »Gefahren der Wildnis und der Meere«. Er reiste 14 Mal nach Schottland und nirgendwo war er mehr willkommen und von Nutzen als in diesem Land, das die Bibel liebte. In erbärmlich langsamen Segelschiffen fuhr er sieben Mal nach Amerika und zog die Aufmerksamkeit Tausender Menschen in Boston, New York und Philadelphia auf sich. Zwei Mal reiste er nach Irland. Einmal wäre er fast von einem streng katholischen Mob in Dublin ermordet worden. In England und Wales durchquerte er jede Grafschaft, von der Isle of Wight bis nach Berwick-on-Tweed und von Land’s End bis nach North Foreland. Sein regulärer geistlicher Dienst in London während der Winterzeit, wenn das Predigen unter freiem Himmel zwangsläufig eingestellt wurde, war unglaublich. Seine wöchentliche Arbeit im Tabernakel in der Tottenham Court Road, das für ihn gebaut wurde, als die Kanzeln der Kirche geschlossen wurden, umfasste folgende Tätigkeiten: Jeden Sonntagmorgen teilte er um halb sieben das Abendmahl an mehrere hundert Teilnehmer aus. Danach leitete er die Gebetsstunde und predigte sowohl am Morgen als auch


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am Nachmittag. Schließlich predigte er noch mal am Abend um halb sechs und beendete den Tag, indem er zu einer großen Anzahl von Witwen, Verheirateten, jungen Männern und ledigen Frauen sprach und sie gemäß ihrer sozialen Stellung ermahnte. Von Montag bis Donnerstag predigte er gewöhnlich morgens um sechs Uhr. Von Montag bis Donnerstag sowie am Samstag hielt er abends Bibelstunden. Das ergibt insgesamt dreizehn Predigten pro Woche! Und während dieser ganzen Zeit stand er im umfangreichen Briefkontakt mit Menschen aus fast allen Teilen der Welt. Es grenzt an ein Wunder, dass Whitefields Körper diese Strapazen so lange aushielt. Ebenso ist es ein Wunder, dass sein Leben nicht durch Gewalt, mit der er häufig konfrontiert war, beendet wurde. Bis zum Schluss seines Wirkens schien er unsterblich zu sein. Am Sonntag, den 29. September 1770, starb er in Newburyport, Nordamerika, ganz unerwartet im relativ frühen Alter von 55 Jahren. Irgendwann heiratete er eine Witwe namens James aus Abergavenny, die aber vor ihm starb. Da er seine Frau in seinen Briefen sehr selten erwähnt, dürfen wir vermuten, dass seine Ehe nicht besonders zu seinem Glück beigetragen hat. Er hinterließ keine Kinder, doch er hinterließ einen Namen, der weitaus besser ist als der von Söhnen und Töchtern. Es wird wohl kaum einen Mann gegeben haben, von dem man ehrlich sagen kann, dass er sich selbst und sein Leben so sehr für Christus eingesetzt hat wie George Whitefield. Die Umstände und Einzelheiten des Todes dieses großen Evangelisten sind so interessant, dass ich ohne Umschweife näher darauf eingehe. Es ist erstaunlich, wie sehr sein Ende zu seinem ganzen Leben passte. So, wie sein mehr als dreißigjähriges Wirken war, so starb er auch, indem er bis zum letzten Moment predigte. Man kann sagen, dass er buchstäblich bei der täglichen Routine starb. »Ein plötzlicher Tod«, so hatte er oft gesagt, »bedeutet plötzliche Herrlichkeit. Ob es richtig ist oder nicht, ich wünsche mir nur, dass ich auf diese Art gehen darf. Schlimmer als der Tod wäre für mich, ein Pflegefall zu werden und mit anzusehen, wie Freunde um mich weinen.« Sein Herzenswunsch wurde ihm erfüllt. In einer einzigen Nacht starb er an einem krampfartigen Asthmaanfall, bevor seine Freunde überhaupt merkten, dass er krank war.


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Am Samstag, dem 28. September, ritt Whitefield morgens von Portsmouth in New Hampshire nach Newburyport, um dort am Sonntag zu predigen. Auf dem Weg drängte man ihn leider dazu, erst an einem Ort namens Exeter zu predigen. Obwohl er sich sehr krank fühlte, brachte er es nicht über das Herz, diesen Wunsch abzulehnen. Vor der Predigt bemerkte ein Freund, dass Whitefield schlechter aussah als sonst, und sagte zu ihm: »Sir, Ihr solltet eher im Bett bleiben als predigen.« Daraufhin erwiderte Whitefield: »Sir, Ihr habt recht«, dann drehte er sich um, faltete die Hände, schaute nach oben und sagte: »Herr Jesus, die Arbeit für dich hat mich zwar ermüdet, aber ich bin ihrer nicht müde. Wenn ich meinen Lauf noch nicht beendet habe, lass mich noch einmal unter freiem Himmel in deinem Namen deine Wahrheit predigen. Führe mich dann nach Hause und lass mich sterben.« Danach predigte er fast zwei Stunden lang unter freiem Himmel zu einer großen Versammlung über 2. Korinther 13,5. Es war seine letzte Predigt und ein passender Abschluss zu seinem ganzen Lebenswerk. Ein Augenzeuge hat über diesen letzten Auftritt in Whitefields Leben Folgendes berichtet: »Er erhob sich von seinem Sitz und stand aufrecht da. Allein seine Erscheinung war eine machtvolle Predigt. Sein schmales blasses Gesicht, der offensichtliche Kampf, den himmlischen Funken in einem verfallenen Körper zum Ausdruck zu bringen, war bemerkenswert. Der Geist war willig, aber das Fleisch lag im Sterben. Unfähig zu sprechen, blieb er einige Minuten stehen. Dann sagte er: ›Ich warte auf die gnädige Hilfe Gottes, denn ich bin sicher, dass er mir noch einmal beistehen wird, in seinem Namen zu reden.‹ Dann hielt er seine wohl beste Predigt. Am Schluss sagte er folgende Worte: ›Ich gehe; ich gehe an einen Ort, der mir bereitet ist. Meine Sonne hatte vielen Menschen Licht geschenkt, aber jetzt ist sie dabei unterzugehen – nein, sie ist dabei, aufzugehen zum Zenit der unsterblichen Herrlichkeit. Ich habe auf dieser Erde viele überlebt, aber sie können mich im Himmel nicht überleben. Viele werden mich auf dieser Welt überleben und immer noch leben, wenn dieser Körper nicht mehr ist, aber dort – oh göttlicher Gedanke! – werde ich in einer Welt sein, in der Zeit, Alter, Krankheit und Leid unbekannt sind. Mein Kör-


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per schwindet, aber mein Geist streckt sich aus. Wie gerne würde ich leben, um Christus ewiglich zu predigen. Doch ich sterbe, um bei ihm zu sein. Wie kurz – relativ kurz – war doch mein Leben verglichen mit den gewaltigen noch vor mir liegenden Aufgaben. Wenn ich jetzt gehe, obwohl sich so wenige um himmlische Dinge kümmern, wird der Gott des Friedens sicherlich zu euch kommen.‹« Nach der Predigt aß Whitefield mit einem Freund zu Mittag und ritt dann nach Newburyport, obwohl es ihm sehr schlecht ging. Als er dort ankam, nahm er sein Abendessen früh ein und ging dann zu Bett. Nach der Überlieferung musste Whitefield sich auf dem Weg nach oben mit einer brennenden Kerze in der Hand am oberen Treppenabsatz noch einmal umdrehen, um noch einmal zu seinen Freunden zu sprechen. Während er sprach, wurde die Flamme immer kleiner und noch bevor er geendet hatte, war die Kerze in seiner Hand bis auf den Docht abgebrannt. Dann ging er in sein Schlafzimmer und wurde danach nicht mehr lebend gesehen. Kurz nachdem er ins Bett gegangen war, bekam er einen heftigen Asthmaanfall. Und so starb der großartige Prediger noch vor sechs Uhr des nächsten Morgens. Wenn es jemals einen Menschen gegeben hat, der für das Sterben bereit war, dann war es Whitefield. Als seine Zeit gekommen war, war er bereit. Dort, wo er starb, wurde er auch begraben, in einem Gewölbe unter der Kanzel der Kirche, von der er den Auftrag bekommen hatte, zu predigen. Seine Grabstätte ist bis heute erhalten geblieben und nichts macht die kleine Stadt Newburyport, in der er starb, so berühmt wie die Tatsache, dass sie die Gebeine George Whitefields beherbergt. Das sind die Hauptmerkmale im Leben des Fürsten aller englischen Evangelisten, der vor über hundert Jahren lebte. Sein Charakter, das Ausmaß seines Wirkens und Berichte über seinen Predigtstil sind Themen, die ich in einem anderen Kapitel behandeln möchte.


Kapitel 2

Whitefields guter Einfluss – Berichte über direkte Früchte seiner Arbeit – Indirekte Früchte – Eigenwilliger Predigtstil – Zeugnisse über seine Macht als Prediger – Seine Einfachheit, Direktheit, einzigartige Darstellungskunst, Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, sein Auftreten, seine Stimme und Beredsamkeit, seine hervorragenden Qualitäten – Innenleben, Bescheidenheit, Liebe zu Christus, Mühseligkeit, Selbstdisziplin, Selbstlosigkeit, Fröhlichkeit, Universalität – Schlussfolgerung Meiner Meinung nach war George Whitefield so viel größer als alle anderen englischen Reformatoren des letzten Jahrhunderts, dass ich mich nicht dafür entschuldige, wenn ich noch ein wenig mehr über ihn berichte. Einfach die Menge des Guten, was er tat, sein besonderer Predigtstil und die Persönlichkeit dieses Mannes verdienen es, näher betrachtet zu werden. Über diese Punkte, so möchte ich behaupten, herrscht im Allgemeinen eine falsche Auffassung. Diese falsche Auffassung lässt sich wahrscheinlich nicht vermeiden und sollte uns nicht überraschen. Weil es nur unzureichende Informationen über Whitefield gibt, ist es schwer, sich eine richtige Meinung über diesen Mann zu bilden. Er schrieb kein weltberühmtes Buch für Millionen von Menschen wie Bunyan mit seiner Pilgerreise. Er führte keinen Kreuzzug gegen die abtrünnige Kirche wie Luther, der eine Nation hinter sich und Fürsten an seiner Seite hatte. Er gründete keine religiöse Glaubensgemeinschaft, die seine Schriften als Glaubensgrundlage nahm oder seine guten Taten und Worte in Ehren hielt, wie es bei John Wesley der Fall war. Es gibt auch heute noch Lutheraner und Wesleyaner, aber es gibt keine Whitefieldianer. Nein! Der größte Evangelist des letzten Jahrhunderts war ein einfacher, argloser Mann, der nur für eine Sache


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George Whitefield und sein Predigtdienst

lebte, und die war: Christus predigen. Wenn er das tat, vergaß er alles andere. Ich bin sicher, dass es im Himmel über diesen Mann zahlreiche Berichte gibt. Aber es gibt nur wenige auf der Erde. Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass es schon immer viele Menschen gab, die in einem Menschen wie Whitefield nichts anderes sahen als einen Fanatiker und Enthusiasten. Sie verabscheuen jeden religiösen »Eifer«. Sie lehnen jeden ab, der die Welt auf den Kopf stellt, sie von ihren alten Traditionen abbringt und den Teufel nicht in Ruhe lässt. Solche Menschen würden uns zweifellos sagen, dass der geistliche Dienst Whitefields nur für eine kurze Zeit Begeisterung hervorrief, dass seine Predigten ganz banale Tiraden waren und dass es an seinem Charakter nichts Besonderes zu bewundern gebe. Es ist zu befürchten, dass solche Menschen vor achtzehnhundert Jahren das Gleiche über Paulus gesagt hätten. Die Frage »Was hat Whitefield Gutes getan?« ist eine Frage, die ich ohne zu zögern beantworten kann. Ich glaube, dass er den unsterblichen Seelen unwahrscheinlich viel unmittelbar Gutes tat. Ich behaupte sogar noch weiter, dass diese guten Auswirkungen unschätzbar waren. Glaubwürdige Zeugen aus England, Schottland und Amerika haben bezeugt, dass durch ihn Tausende Menschen zum Glauben kamen. Wo er predigte, gab es nicht nur ungeheure Freude, Begeisterung und Faszination unter vielen Menschen, sondern sie wandten sich von ihren Sünden ab und wurden zu echten Dienern Gottes. Ich bin mir bewusst, dass man noch nie aufzählen konnte, wer sich wirklich bekehrt hat, denn nur Gott allein kennt die Herzen der Menschen und kann Weizen von Unkraut unterscheiden. Zweifellos gab es in den Zeiten der Glaubenserweckung viele Bekehrungen, aber nicht jede war echt. Doch ich möchte, dass meine Leser verstehen: Meine hohe Wertschätzung der guten Früchte, die Whitefield hervorbrachte, basiert auf einer soliden Grundlage. Ich bitte sie, gut darauf zu achten, was die Zeitzeugen Whitefields über die Früchte seiner Arbeit dachten. Franklin, der berühmte amerikanische Philosoph, war ein nüchterner, berechnender Mann, der wahrscheinlich keine Arbeit irgendeines Geistlichen besonders hoch einschätzte. Trotzdem bekannte er, dass »es wunderbar anzusehen war, wie schnell sich


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