C.H. Spurgeon
Besser als Gold Tägliche Andachten mit den Psalmen Zusammengestellt von James M. Renihan
Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 110135 • 33661 Bielefeld
1. Auflage 2006 © der englischen Ausgabe 2000 by Evangelical Press, Darlington, Großbritannien Originaltitel: Daily Treasure – 366 daily readings on the Psalms from The Treasury of David by C.H. Spurgeon © der deutschen Ausgabe 2006 by CLV • Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 110135 • 33661 Bielefeld CLV im Internet: www.clv.de Übersetzung: Hermann Grabe Satz: CLV Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Druck und Bindung: GGP Media, Pößneck ISBN-10: 3-89397-676-0 ISBN-13: 978-3-89397-676-8
Vorwort Charles Haddon Spurgeons Schatzkammer Davids wird durch ihren Titel sehr schön beschrieben: Es ist eine wahre Schatzkammer. Der Leser wird nicht nur durch den gesamten Psalter geführt, um ihm dort den Reichtum des göttlichen Wortes zu eröffnen – das Werk liefert ihm außerdem eine Überfülle an Stoff für tiefgründige geistliche Betrachtungen. Das ganze Spektrum geheiligter Empfindungen kann in den Psalmen entdeckt werden, und Spurgeon hat dazu beigetragen, diese jedem Gläubigen zugänglich zu machen. Sowohl aufgrund seiner einzigartigen Weisheit und Erfahrung als auch wegen seiner außergewöhnlichen Gabe als Ausleger hat er eine nahezu unerschöpfliche Segensquelle für alle eröffnet, die über Gott und Sein Wort nachdenken wollen, zumal er sein Werk durch eine erstaunliche Sammlung von Kommentaren anderer Prediger bereichert hat. Bei der Bearbeitung seiner Texte für dieses Andachtsbuch hatte ich häufig die Qual der Wahl. Alles ist Gold, Silber und edles Gestein – wenn es aber in solchem Überfluss zur Verfügung steht, wie soll man sich dann entscheiden? Was soll man übernehmen, was auslassen? Dies war das andauernde Dilemma. Ich bin sicher, dass wenn ein anderer diese Arbeit übernommen hätte, das Ergebnis anders, vielleicht besser, ausgefallen wäre. Ich hoffe, dass alle, die das Werk kennen, nicht zu sehr enttäuscht darüber sind, wie ich das Material zusammengedrängt habe. Meine Bearbeitungsmethode war einfach. Gewöhnlich bin ich der von Spurgeon vorgenommenen Einteilung der Psalmen gefolgt. Außerdem habe ich in den meisten Fällen die Reihenfolge seiner Vers-für-Vers-Auslegungen der Psalmen beibehalten. Bei einigen Gelegenheiten allerdings ordnete ich das Material
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neu. Das gilt sowohl für Redewendungen und Sätze als auch für ganze Absätze, damit eine in sich zusammenhängende Andacht entstehen konnte. Charles Spurgeon verfügte über ein enorm abwechslungsreiches Vokabular, wozu auch altmodische und volkstümliche Ausdrücke gehörten. Manche davon habe ich verändert, um den Stoff dem modernen Leser zugänglicher zu machen. Die ergänzenden Schriftlesungen auszuwählen, fiel nicht leicht. Bei manchen lag es auf der Hand, wenn der Psalm in einer besonderen, durch die Schrift mitgeteilten Situation entstanden war. Bei anderen Gelegenheiten war meine Auswahl sehr subjektiv. Ich habe versucht, keine Lesungen zu wiederholen – außer in ganz wenigen Fällen. Ich bete dafür, dass viele gesegnet werden und durch diese Texte Hilfe erfahren. Für mich selbst habe ich den allergrößten Nutzen aus dieser Arbeit gezogen. Oft hat sie mich zum Beten gebracht oder zum Danken oder zu einem Sündenbekenntnis oder zur Anbetung des lebendigen Gottes. Möge das geistliche Vermächtnis des »Fürsten unter den Predigern« durch diesen Auszug aus seinem wunderbaren Werk weiterleben! Dieses Buch habe ich meiner Mutter, Lillian Renihan, gewidmet. Sie wird in Liebe Grammie genannt, nicht nur von ihren vielen Enkeln, sondern auch von den Mitgliedern ihrer »geistlichen Familie«, der Heritage Baptist Church in Worcester, Massachusetts. Zwei ihrer Söhne sind Prediger, und ihre Enkel bekennen ihren Glauben; so ist sie ein wunderbares Zeichen dafür, wie der Herr das schlichte Gebet einer Mutter erhört. Soli Deo Gloria! James M.Renihan Escondido, Kalifornien
Leben und Vermächtnis Charles Haddon Spurgeons (1834-1892)1 Charles Haddon Spurgeon wurde am 19. Juni 1834 in einem frommen Elternhaus mitten im ländlichen Essex (England) geboren, nur zehn Tage nach dem Tod des baptistischen Missionspioniers William Carey (1761-1834). Spurgeons Vorfahren kamen aus den Niederlanden, die dieses Land im 16. Jahrhundert aufgrund von religiöser Verfolgung verlassen hatten. Sowohl Spurgeons Vater, John Spurgeon (1811-1902), als auch sein Großvater, James Spurgeon (1776-1864), waren kongregationalistische Prediger. Während einer Reihe von Jahren besuchte er jeweils für längere Zeit seinen Großvater. Dort begegnete er auch zum ersten Mal den Schriften der Puritaner. James Spurgeon war Pastor der kongregationalistischen Gemeinde im nahe gelegenen Stambourne. Hier im Pfarrhaus entdeckte der junge Spurgeon eine ganze Reihe puritanischer Folianten. Sie waren von Henry Havers (1620-ca. 1712) zusammengetragen worden. Dieser war in Stambourne Pastor geworden, nachdem ihn die Kirche von England ausgeschlossen hatte, weil er die Uniformitätsakte nicht unterschreiben wollte. Trotz seines zarten Alters und obwohl er deshalb große Mühe hatte, die riesigen und schweren puritanischen Bände zu handhaben, sollte er später schreiben, er sei als Kind nie glücklicher gewesen als in Gesellschaft der puritanischen Schreiber.2 Schon frühzeitig wurde Spurgeon davon überzeugt, dass die Hinwendung zum Calvinismus und zu puritanischer Spiritualität lebenswichtig für das Wohlbefinden baptistischer Gemeinden und Vereinigungen sei. Dort, im Hause seiner Großeltern, fand 1844 ein bemerkenswertes Ereignis statt. Ein Pastor, Richard Knill mit Namen (gestorben 1857), war zu Besuch gekommen und hatte anstelle
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von Spurgeons Großvater gepredigt. Danach verbrachte er einige Zeit mit dem jungen Spurgeon, wobei er versuchte, wie Spurgeon es später ausdrückte, »ihn zum Heiland zu führen«. Als Knill das Haus der Großeltern verließ, nahm er den Jungen auf den Schoß und sagte im Beisein mehrerer Menschen: »Ich glaube, dieser kleine Mann wird eines Tages ein Prediger des Evangeliums werden, und wie ich hoffe, ein erfolgreicher. Ich denke, er wird auch in der Kapelle von Rowland Hill predigen, und wenn du das tust, sage den Menschen: ›Gott geht auf geheimen Wegen usw.‹« Laut einem Brief Spurgeons an Knill aus dem Jahre 1853 wurden diese Worte von Spurgeons Freunden »beinahe als eine Weissagung« angesehen.3 Tatsächlich erfüllten sich Knills Vorhersagen über Spurgeon, und er hat dieses Erlebnis nie vergessen.4 Bekehrung und Taufe Und doch dauerte es trotz dieser frommen Umgebung noch bis zum Januar 1850, dass Spurgeon eine echte Bekehrung erlebte. Zu dieser Zeit war er sich seines verlorenen Zustands voll bewusst, und heimlich wünschte er, lieber ein Frosch oder eine Kröte als ein menschliches Wesen zu sein, das ein Gewissen hat und sich der Existenz eines heiligen Gottes sicher ist. »Ich meinte, die elendste Kreatur sei besser dran als ich, denn ich hatte gegen den allmächtigen Gott gesündigt.«5 Damals ging Charles zu der Gemeinde seines Vaters in Tollesbury, fast fünfzehn Kilometer südlich von Colchester, wo seine Eltern wohnten. Eines Sonntags im Januar 1850 empfahl John Spurgeon seinem Sohn, in die Nonkonformisten-Kirche in Colchester zu gehen – höchstwahrscheinlich die Baptistenkirche am Ort –, weil der Schneesturm draußen so schrecklich tobte.6 Allerdings fiel der Schnee so stark, dass Spurgeon die von seinem Vater vorgeschlagene Nonkonformisten-Kirche nicht er-
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reichen konnte. Er sah sich gezwungen, eine andere Kapelle aufzusuchen, die damals den Methodisten gehörte und Artillery Street Chapel genannt wurde (heute Spurgeon Memorial Evangelical Church). Hier hatten sich ungefähr ein Dutzend Leute zum Gottesdienst eingefunden.7 »Ich hatte von dieser Gruppe von Methodisten gehört«, schrieb Spurgeon später in seinem unnachahmlichen Bericht über seine Bekehrung, »sie sängen so laut, dass man Kopfschmerzen davon bekam; aber das interessierte mich nicht. Ich wollte wissen, wie man errettet wird, und wenn sie mir das sagen konnten, wollte ich mir um meine Kopfschmerzen keine Gedanken machen.« Als klar wurde, dass der Prediger durch den Schneesturm verhindert war, »kam ein dünnes Männchen, ein Schuster oder Schneider – er sprach in dem breiten Dialekt, der im ländlichen Essex üblich ist – nach vorn zur Kanzel, um zu predigen. Sein Text stand in Jesaja 45,22: »Wendet euch zu mir und lasst euch retten, alle Enden der Erde!« (In der englischen Bibel steht: »Look unto Me« – »Seht auf Mich«). Er begann mit seiner Predigt so: Meine lieben Freunde, dies ist wirklich ein ganz einfacher Text. Es heißt hier: »Seht!« Nun, Sehen macht keine große Mühe. Man braucht nicht den Fuß zu heben, nicht mal einen Finger, man braucht nur zu sehen. Gut, der Mensch muss nicht auf die Universität gehen, um sehen zu lernen. Er mag der größte Dummkopf sein; aber sehen kann er doch. Ein Mensch muss nicht tausend Jahre alt werden, um sehen zu können. Jeder kann sehen; jedes Kind kann sehen. Aber dann sagt der Text: »Seht auf Mich!« O ja! Viele von euch sehen auf sich selbst, aber dahin zu sehen, bringt nichts. Ihr werdet niemals Trost in euch selbst finden. Manche sehen auf Gott, den Vater. Nein, seht unablässig auf Ihn. Jesus Christus sagt: »Seht auf Mich!« Einige von euch sagen: »Wir müssen warten, bis der Geist wirkt.« Aber darauf kommt es
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heute gar nicht an. Seht auf Christus! Der Text sagt: »Seht auf Mich!« Nachdem der Prediger ungefähr zehn Minuten lang ausgeführt hatte, was »Sehen auf Christus« bedeutet, war der arme Mann »mit seinem Latein am Ende«. In diesem Augenblick bemerkte der Prediger Spurgeon unter der Galerie, und weil nur so wenig Menschen anwesend waren, erkannte er ihn als einen Fremden. Die Augen auf Spurgeon gerichtet, sagte er zu ihm: »Junger Mann, du siehst sehr unglücklich aus.« Es war, als hätte er in Spurgeons Herz gelesen, denn so stand es tatsächlich um ihn, sobald es um geistliche Fragen ging. Der Prediger fuhr fort: »Und du wirst unglücklich bleiben – unglücklich in diesem Leben und unglücklich im Sterben –, wenn du nicht meinem Text gehorchst; doch wenn du ihm gehorchst, ist dies der Augenblick deiner Errettung.« Dann hob er seine Hände auf und rief – so Spurgeon –, wie nur ein solcher Methodist rufen kann: »Junger Mann, sieh auf Jesus Christus! Sieh! Sieh! Sieh! Du brauchst nichts zu tun, als zu sehen und zu leben!« Sobald der Prediger diese Worte aussprach, sah Spurgeon – wie er selbst sagt – auf einmal den Weg zur Erlösung. »Als ich das Wort hörte: ›Sieh!‹, wie wundersam erschien es mir! Ach! Ich sah hin, bis mir fast die Augen vergingen. Da und dann zerriss die Wolke, die Dunkelheit war fort, und in diesem Augenblick sah ich auf einmal die Sonne; und ich hätte dort sogleich mit dem Enthusiastischsten unter ihnen von dem kostbaren Blut Christi singen mögen und von dem einfachen Glauben, der allein auf Ihn sieht.« Vier Monate später wurde Spurgeon am 3. Mai unter Einwilligung seiner kongregationalistischen Eltern im Fluss Lark getauft, nicht weit von Isleham in Cambridgeshire entfernt. Seine spätere Beschreibung seiner Taufe ist besonders bemerkenswert, weil sie in hohem Maß die biblische Bedeutung dieser
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Handlung widerspiegelt. Spurgeon sagte, nachdem er einige Schritte in den Fluss getan hatte: »Ich gewahrte die Menschen im Fährboot und in anderen Schiffen und auch am Ufer und hatte das Gefühl, als ob Himmel und Erde und Hölle auf mich herabblickten; denn ich schämte mich dann und dort nicht, mich als Nachfolger des Lammes darzustellen.«8 Später bemerkte seine Mutter ihm gegenüber, sie habe zu Gott oft um seine Bekehrung gefleht, doch nie habe sie Ihn gebeten, aus ihrem Sohn einen Baptisten zu machen. Charles konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr zu antworten, Gott habe nicht nur ihr Gebet erhört, sondern nach Seiner üblichen Großzügigkeit mehr gegeben, als sie erbeten hatte! In Christi Dienst Nach seiner Taufe empfand Spurgeon ein unbändiges Verlangen, Christus zu dienen. »Ich konnte es keine fünf Minuten lang aushalten, ohne etwas für Christus zu tun«, schrieb er später im Hinblick auf diesen Lebensabschnitt.9 Jeden Samstag besuchte er rund siebzig Menschen, verbrachte mit jedem Einzelnen einige Zeit und »versuchte, deren Aufmerksamkeit auf geistliche Wirklichkeiten zu lenken«.10 Er begann auch mehr in der Öffentlichkeit zu sprechen, und sein »zwingender und packender Predigtstil«11 führte bald zu der Einladung, in einer Baptistenkirche in Waterbeach zu arbeiten, einem kleinen Dörfchen wenige Kilometer nordwestlich von Cambridge. Hier arbeitete Spurgeon vom Herbst 1851 bis zum April 1854. In diesen zweieinhalb Jahren stieg die Mitgliederzahl auf mehr als das Doppelte an, nämlich von 40 auf 100. Darüber hinaus gelangte Spurgeon in Waterbeach zu der Überzeugung, Gott habe Sein Siegel auf seinen Dienst gelegt, denn in diesem Dörfchen geschah es zum ersten Mal, dass sich ein Mensch – die Frau eines armen Landarbeiters – unter seiner Predigt bekehrte.
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Als Dorf war Waterbeach wohlbekannt für Trunksucht und Gottlosigkeit, Schlägereien und Unrecht. Spurgeons Predigtdienst aber veränderte das gesamte Ansehen des Ortes. Er sagte es so: »Es gefiel dem Herrn, in unserer Mitte Zeichen und Wunder zu wirken. Er zeigte die Kraft des Namens Jesu und machte uns zu Zeugen des Evangeliums, das Seelen gewinnen, widerstreitende Herzen anziehen, Leben umgestalten und neue Menschen schaffen kann.«12 Der Ruf nach London Im November 1853 war Spurgeon einer der drei Sprecher auf dem Jahrestreffen der Cambridge Sunday School Union. Ein gewisser George Gould, ein Diakon der Baptistenkirche in Loughton in Essex, war bei dem Treffen in Cambridge anwesend und tief beeindruckt von der offensichtlichen Gabe Spurgeons zum öffentlichen Reden. Kurz darauf traf Gould einen Freund mit Namen Thomas Olney, einen Diakon der Park Street Chapel, einer historischen Baptistengemeinde in London. Als dieser erwähnte, seine Gemeinde sei ohne Pastor und sehr niedergedrückt, drängte Gould seinen Freund, Spurgeon zu bitten, dort einmal zu predigen. Daraufhin wurde Spurgeon eingeladen und predigte dort am 11. September 1853. Die Versammlung, die ihn an jenem Sonntag hörte, war sehr von seiner Predigt angetan, und schnell arrangierten die Diakone für Spurgeon drei weitere Predigttermine im Januar 1854. Daraufhin wurde er eingeladen, die Kanzel für einige Monate zu übernehmen, und im April dieses Jahres, im jugendlichen Alter von neunzehn Jahren, wurde er zum Pastor dieser Gemeinde berufen. In dem Brief vom 28. April, der seine Zusage enthielt, betonte er, sich nach einer Pastorenstelle in London nicht gesehnt zu haben. Stattdessen – so schrieb er – habe er »bei dem Gedanken
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gezittert, in London zu predigen«. Doch schrieb er auch, er sei davon überzeugt, Gott habe ihn in die Londoner Gemeinde geschickt, was er angesichts der »herrlichen Namen« seiner Vorgänger für eine hohe Ehre hielt. Er erwähnte diese Namen nicht ausdrücklich, dachte jedoch zweifellos an drei hervorragende Männer, die in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Gemeinde gedient hatten: Benjamin Keach (1640-1704), ein profilierter Autor, der dort von 1668 bis 1704 Pastor war; John Gill (16971771), der herausragende baptistische Theologe des 18. Jahrhunderts, der von 1720 bis zu seinem Tod dort Pastor war; und John Rippon (1750-1836), einen einflussreichen Prediger, Liederdichter und Historiker, der dort nicht weniger als 63 Jahre als Pastor wirkte (von 1773 bis 1836). »Gepriesen sei der Name des Allerhöchsten«, so fuhr er fort, »wenn Er mich zu diesem Dienst berufen hat, wird Er mir dazu beistehen – wie sollte sonst ein Knabe, ein Jüngling, sich in den Kopf setzen, ein Werk zu unternehmen, das allein Jesu Herz und Hände tun können?«13 Göttlicher Segen Innerhalb weniger Monate war es völlig klar, dass Gott in der Tat diesen »Burschen aus Cambridgeshire« auf die Kanzel jener historischen Versammlung berufen hatte. Die Kirche bot 1.200 Menschen Platz, doch schon bald erwies sie sich als zu klein, um die Scharen zu fassen, die sich zu Spurgeons Predigten drängten. Daraufhin erweiterte man die Kirche auf 1.500 Sitzplätze. Ein Jahr später allerdings war auch die renovierte Kirche zu klein. So entschloss man sich, das später als Metropolitan Tabernacle bekannte Bauwerk zu errichten. Vollendet im Jahr 1861, bot das Tabernacle 5.000 Menschen Sitzplätze, während weitere 1.000 Menschen stehen konnten. Für den Rest von Spurgeons Zeit als Prediger nahmen an gewöhnlichen Sonntagen morgens und abends jeweils 5.000 Menschen an den Got-
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tesdiensten im Tabernacle teil. Spurgeon und seine Mitarbeiter legten Wert darauf, sich nicht große Mitgliederzahlen zum Ziel zu setzen – Spurgeon hatte stattdessen ein gesundes Misstrauen gegenüber allen solchen Statistiken. Trotzdem kamen während seines Dienstes dort 14.691 Personen zur Gemeinde hinzu, etwa 10.800 davon durch Bekehrung und Taufe. Spurgeons Erfolg als Prediger lag gewiss nicht an seinem äußeren Erscheinungsbild; denn er war von mittlerer Statur. Er wurde mit zunehmendem Alter ziemlich stämmig und hatte zwei unpassend hervorstehende Schneidezähne. Ein gewisser Monckton Milnes drückte es so aus: »Wenn er zur Kanzel ging, hätte er auch ein Friseurgeselle sein können; wenn er sie verließ, war er ein inspirierter Apostel.«14 Augustine Birrell berichtet, dass, als er Spurgeon predigen hören wollte, er nur auf der höchsten Galerie einen Platz finden konnte, zwischen einer Frau, die eine Apfelsine aß, und einem Mann, der Pfefferminzbonbons kaute. Weil er diese Duftmischung für unerträglich hielt, wollte er fortgehen, doch dann – so sagte er – »hörte ich eine Stimme und vergaß alles andere«.15 In seiner neuen Biographie betont Mike Nicholls die Bedeutung der Stimme Spurgeons für seinen Erfolg als Prediger. Er besaß – wie Nicholls schreibt – »eine der großartigsten Sprecherstimmen seiner Zeit, sehr musikalisch, eine Vereinigung von Volumen, Flexibilität und Kraft«.16 Spurgeon selbst blickte auf eine ganz andere Quelle des Segens, der seinen Dienst begleitete. In der Rede, die er 1884 bei der Ehrung anlässlich seines fünfzigsten Geburtstags hielt, erklärte der Baptistenprediger geradeheraus, die Segnungen, deren er sich während seines Pastorendaseins erfreute, »müssen ausschließlich der Gnade Gottes und dem Wirken des Heiligen Geistes zugerechnet werden. … Lasst uns dies als eine Sache betrachten, die wir nicht nur für selbstverständlich halten, sondern auch als eine Tatsache, die wir deutlich wahrnehmen.«17
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Ein »energischer Aktivist« Spurgeon war nicht nur Pastor der damals größten protestantischen Gemeinde der Welt, er hatte auch noch eine Reihe anderer Eisen im Feuer. Während der Woche wurde er häufig als Redner eingeladen, weil er in englischen Nonkonformistenkreisen noch weitere Ämter übernommen hatte außer denen im Tabernacle. 1856 gründete er ein Pastorencollege, in dem zwanzig Jahre später 110 Männer zum Predigtdienst ausgebildet wurden. Außerdem studierte eine beträchtliche Anzahl von Menschen in seinen »Abendklassen«.18 Spurgeon nahm auch die Verpflichtung der Kirche gegenüber den Armen und Bedürftigen sehr ernst. Zum Beispiel gründete er 1869 ein Waisenhaus, in dem schließlich 500 Kinder wohnten, die er regelmäßig besuchte. Sein offensichtliches väterliches Interesse am leiblichen und geistlichen Wohl der Kinder machte ihn vielen der Kinder lieb und wert. 1887 schrieb er ihnen zum Beispiel aus Menton in Frankreich und wünschte ihnen ein frohes Weihnachtsfest, dabei drückte er sein Bedauern aus, bei einer solchen Gelegenheit so weit von ihnen entfernt zu sein. »Ich hoffe«, fuhr er fort, »ihr werdet trotzdem Freude haben und vergnügt wie die kleinen Kätzchen sein.«19 Ein weiterer Beweis für die Anteilnahme an diesen Kindern ist sein Wunsch, auf dem Gelände des Waisenhauses begraben zu werden – ein Wunsch, der sich nicht erfüllen sollte. Spurgeon unterstützte auch eine Anzahl weiterer sozialer Unternehmungen und Aktivitäten. Er predigte gegen die offensichtliche Unmoral der Prostitution, die im London jener Zeit um sich griff, und drängte darauf, die Männer, die in die Bordelle gingen, genauso zu bestrafen wie die Frauen, die ihren Körper verkauften.20 Auch ließ er nicht nach, die Sklaverei in den Vereinigten Staaten vor deren Bürgerkrieg zu verdammen. In höchst deutlichen
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Worten erklärte er öffentlich, er betrachte »die Sklaverei als das schlimmste aller Verbrechen, als seelenverderbende Sünde und als Ungerechtigkeit, die laut nach Rache schreit«. Als man ihn aufforderte, einen Brief zu diesem Thema zu schreiben, verfasste er einen »rot glühenden Brief« an den Watchman and Reflector, in dem er feststellte: »Aus tiefster Seele muss ich die Sklaverei, wo auch immer sie geschieht, verabscheuen, und obwohl ich am Tisch des Herrn mit Menschen aller Glaubensrichtungen Gemeinschaft habe, lehne ich jegliche Gemeinschaft mit Sklavenhaltern rigoros ab.«21 So überrascht es nicht, dass solche Haltung auf erbitterten Widerstand in den Südstaaten der USA stieß. Dort kam es zu Zorn- und Hassausbrüchen gegen Spurgeon. Man boykottierte seine Bücher und verbrannte sie auf Scheiterhaufen. Zu den weiteren Unternehmungen Spurgeons gehörte ein Bücher-Fonds – eine wohltätige Einrichtung für christliche Arbeiter, die von seiner Frau Susannah betrieben wurde –, außerdem eine Gesellschaft zur Verbreitung der Bibel und die Veröffentlichung der Monatszeitschrift The Sword and the Trowel, die 1865 erstmals erschien und sich weiter Verbreitung erfreute. Wie viele andere Evangelikale jener Tage und getreu seinem frühesten Verlangen nach seiner Bekehrung, dem Herrn zu dienen, war Spurgeon ein »energischer Aktivist«. Doch zuallererst und vor allem war Spurgeon ein Prediger, und zwar einer, der während des gesamten Viktorianischen Zeitalters seinesgleichen suchte. Christuszentriert Vier Charakteristika herrschen in allen Predigten Spurgeons vor. Erstens sind sie christuszentriert und wollen Christus erheben. Spurgeon war seinen Absichten dermaßen treu, dass er bei der Eröffnung des Tabernacle erklärte:
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Leben und Vermächtnis Spurgeons Ich möchte vorschlagen, dass der Gegenstand des Dienstes in diesem Haus, solange diese Möglichkeit besteht und solange dieses Haus von Gläubigen besucht wird, die Person Jesu Christi sein soll. Ich habe mich nie geschämt, mich zum Calvinismus zu bekennen; ich zögere nicht, mich einen Baptisten zu heißen; doch wenn man mich fragt, was mein Glaubensbekenntnis ist, so antworte ich: »Es ist Jesus Christus!« Mein verehrter Vorgänger, Dr. Gill, hat uns ein in seiner Art bewundernswertes und ausgezeichnetes Gebäude der Gottesgelehrtheit hinterlassen; doch das Gebäude der Gottesgelehrtheit, an dem ich mich selbst für immer festmachen will, ist – wenn Gott mir hilft – kein System, noch irgendeine menschliche Abhandlung, sondern Jesus Christus. Er ist die Summe und der Inhalt des Evangeliums. Er ist in Sich selbst alle Theologie, die Inkarnation jeder kostbaren Wahrheit, die ganz und gar herrliche Verkörperung des Weges, der Wahrheit und des Lebens.22
Wir finden das ebenso nachdrücklich in einer Predigt, die er am 24. April 1891 vor Absolventen seines Colleges hielt, die sich zu einer Jahreskonferenz unter der Schirmherrschaft des Tabernacle zusammengefunden hatten: »Ach Brüder! Der Heilige Geist kommt niemals, um uns zu verherrlichen, oder um eine Denomination zu verherrlichen, oder – so denke ich – um eine systematische Lehrsammlung zu verherrlichen. Er kommt, um Christus zu verherrlichen. Wenn wir mit Ihm in Einklang sein wollen, müssen wir predigen, um Christus zu verherrlichen.«23 Spurgeon war sich dessen bewusst, dass man die Lehren der Gnade wertschätzen und sich den Grundsätzen der Baptisten hingeben kann, ohne das innerste Wesen des Christentums, nämlich die Hingabe an den Herrn Jesus, zu kennen. Es ging ihm bei seinen Predigten in erster Linie darum, dass der Herr Jesus vor allem anderen erhoben werde. Wie Nigel Lacey, ein
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englischer Baptistenpastor, bemerkte, verabscheute Spurgeon jeglichen Predigtdienst, der sich nicht auf den Erlöser konzentrierte.24 Zugleich sollte klar sein, dass er nie seine lehrmäßigen Überzeugungen als calvinistischer Baptist zu verbergen suchte. In einer bemerkenswerten Ansprache, die er am 19. August 1861 zur Hundertjahrfeier der Geburt von William Carey hielt, erklärte er vor den 6.000 Zuhörern im Tabernacle, Careys Theologie sei zutiefst von dem beeinflusst gewesen, was er »die edelste Form der Theologie« nannte, »die je die Welt gesegnet hat«. Er meinte damit die theologischen Überzeugungen von Jonathan Edwards (1703-1758), des großen amerikanischen Theologen des 18. Jahrhunderts. Daraufhin betonte er, »Carey war das lebendige Beispiel Edwards’scher Theologie, oder schlicht des reinsten Christentums. Seiner Theologie fehlte nicht das Rückgrat und die Kraft des Glaubens – andererseits bestand sie nicht nur aus Knochen und war kein bloßes Skelett ohne Leben. Seine Theologie war Calvinismus im besten Sinn, also hohe, aber praktische Frömmigkeit, die so demütig war, dass manche sie für gesetzlich hielten.« Darüber hinaus bekannte Spurgeon, er »bewundere Carey umso mehr, weil er ein Baptist war; er wusste nichts von falscher Frömmigkeit, die sich genötigt sehen kann, ihre Überzeugungen abzuschwächen, weil man fürchtet, dadurch andere zu ärgern. Aber gleichzeitig war er ein Mann, der alle liebte, die den Herrn Jesus Christus lieb haben.«25 Seine Leidenschaft für die Errettung Verlorener Spurgeons Predigten und Bücher brachten viele Menschen dazu, den lebendigen Gott anzubeten und Ihn zu verehren. Sie hatten eine entschiedene evangelistische Ausrichtung. In seiner Predigt mit dem Titel »Vom Seelengewinnen« sprach er
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1869 über Sprüche 11,30: »Der Weise gewinnt Seelen für sich« (in Spurgeons Bibel: »Wer Seelen gewinnt, ist weise«). Darin offenbarte er sein ganzes Herz. Selbst wenn ich nur an mich dächte und nichts als mein Vergnügen im Sinn hätte, würde ich – mit Gottes Hilfe – erwählen, ein Seelengewinner zu werden; denn nie habe ich vollkommenere, überfließendere und unaussprechlichere Freude der reinsten und erhebendsten Art erfahren als damals, als ich zum ersten Mal erlebte, dass durch meine Bemühungen jemand den Heiland gesucht und gefunden hatte. Ich erinnere mich an den Freudenschauer, der mich durchzog! Ach diese Freude, zu wissen, dass ein einst feindlicher Sünder nun mit Gott versöhnt war durch den Heiligen Geist und durch das Wort, das von meinen schwachen Lippen kam! Seitdem habe ich durch die mir verliehene Gnade – der Gedanke daran wirft mich in Selbsterniedrigung zu Boden – gesehen und gehört, dass nicht nur Hunderte, sondern sogar Tausende von Sündern durch das Zeugnis Gottes in mir den Irrtum ihrer Wege verließen. Mag Anfechtung kommen, mögen sich die Trübsale mehren, wenn Gott es so will, trotzdem überwiegt die Freude alles andere, die Freude, Gott ein Wohlgeruch Christi an jedem Ort zu sein, und darüber, dass immer, wenn wir predigen, Herzen aufgeschlossen und mit neuem Leben erfüllt werden. Wohl weinen Augen wegen der Sünden, doch werden die Tränen abgewischt, wenn sie den großen Stellvertreter für Sünde erkennen – und leben.26 Spurgeons Predigten offenbaren so viel Leidenschaft für die Errettung der Verlorenen, dass Hyper-Calvinisten in London ihn oft als Arminianer kritisierten, obwohl Spurgeon niemals in seinem Widerstand gegen den Arminianismus wankend
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wurde. William Williams, ein guter Freund Spurgeons, erinnert sich an einen Fall, bei dem Spurgeon den führenden Kritiker unter den Hyper-Calvinisten traf, den Prediger der »Strict Baptists«, James Wells (1803-1872). Spurgeon sagte ihm, er würde sich gern einmal Wells’ Kirche ansehen. Dieser antwortete, er freue sich, ihm seine Kirche zeigen zu dürfen, allerdings müsse er am Montag kommen. Dann habe Wells noch Zeit genug, bis zum nächsten Sonntag das Gebäude auszuräuchern und es so von allem, was nach Arminianismus riecht, zu säubern!27 Wenn einerseits dieser Gesprächsfetzen nichts als eine freundliche Stichelei darstellt, so zeigt er andererseits sehr deutlich, wie Spurgeons hyper-calvinistische Kritiker ihn sahen, und dies vor allem deshalb, weil er nie aufhörte, darauf zu drängen, dass alle seine Hörer Buße tun und dem Evangelium glauben sollten.28 'HU %LEHO YHUSÀLFKWHW Genauso wichtig für Spurgeons mündliche und schriftliche Äußerungen war seine Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift, und das führte bei seinen Hörern zu einer ähnlichen Haltung. »Bibel-Hörer«, notierte Spurgeon 1891, »werden – wenn sie wirklich hören – Bibel-Liebhaber.«29 Nun werden viele Bewunderer Spurgeons überrascht sein zu hören, dass er nie eine zusammenhängende Serie von Predigten über ein Buch der Bibel gehalten hat. Er fürchtete, ein solcher Predigtstil könne den Heiligen Geist dämpfen; deshalb wählte er den Text für seine Sonntagmorgen-Predigten am Abend davor aus. Die Sonntagabend-Predigt entstand meistens am Sonntagnachmittag. Doch muss dazu gesagt werden, dass gewöhnlich die ganze Woche damit angefüllt war, etwas zu lesen, was mit der Bibel und den verschiedenen Zweigen der Theologie zu tun hatte. Oft dehnte sich sein Arbeitstag bis nach Mitternacht aus, manch-
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mal arbeitete er 18 Stunden lang. So hatte er dann am Wochenende mehrere Texte, die um seine Aufmerksamkeit wetteiferten. Doch Spurgeon musste sicher sein, dass der ausgewählte Text vom Heiligen Geist ausgesucht war. Hatte er sich für einen entschieden, so verbrachte er einige Zeit mit Nachdenken darüber, dann machte er sich einige kurze Notizen, mit deren Hilfe er meistens frei predigte.30 Nigel Lacey hat außerdem angemerkt, dass Spurgeons Predigten fast immer reine Schriftauslegung sind. Seine Predigten offenbaren, wie nahe er sich an den von ihm ausgelegten Text hielt.31 Was Spurgeon einmal von John Bunyan, dem Baptisten aus dem 17. Jahrhundert (1628-1688), sagte, galt auch für ihn selbst: »Und wenn das, was er geschrieben hat, auch eine faszinierende Dichtung ist, so fühle ich doch, wenn wir seine Pilgerreise – die beste aller Prosadichtungen – in die Hand nehmen, jedes Mal: ›Dieser Mann ist ja eine lebende Bibel!‹ Wo immer du ihn auch anzapfst, wirst du feststellen: Sein Blut ist Biblin, die Essenz der Bibel selbst. Er kann nicht sprechen, ohne ein Bibelwort zu zitieren, denn seine Seele ist voll des Wortes Gottes.«32 Von Gottes Geist anerkannt Das letzte Kennzeichen von Spurgeons Predigen und Schreiben, das wir hervorheben müssen, ist dies: Es war vom Geist gesalbt. So sagte einer seiner Hörer einmal: »Wenn er predigte, fiel das Feuer von Pfingsten auf alle Hörer.«33 Nun, gewiss war einer der Hauptgründe für die Salbung, die auf seinen Predigten lag, die Tatsache, dass sich all sein Predigen nur um den Herrn Jesus drehte, um die Herrlichkeit Seiner Person und um das Wunderbare Seines Werkes. So warnte Spurgeon Absolventen seines Predigerseminars, die sich 1891 zu ihrer jährlichen Konferenz versammelt hatten: »Wenn wir nicht den Herrn Jesus herrlich machen, wenn wir Seine Wert-
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schätzung bei den Menschen nicht vergrößern, wenn wir nicht daran arbeiten, dass Er König der Könige und Herr der Herren wird, haben wir den Heiligen Geist nicht auf unserer Seite. Umsonst ist dann alle Rhetorik, Musik, Architektur, Mühe und jeglicher Sozialstatus; wenn wir nicht vorhaben, den Herrn Jesus zu erheben, arbeiten nur wir allein, und das ist vergebens.«34 Spurgeon drückte das in seiner Predigt »Empfang des Heiligen Geistes« vom Juli 1884 etwas volkstümlicher aus: »Der Heilige Geist lebt allezeit in innigster Gemeinschaft mit Jesus Christus.«35 Die »Downgrade Controversy« (Die Kontroverse über den Niedergang [des Baptismus]) In seinen letzten Jahren litt Spurgeon an einer Nierenkrankheit. Dieses körperliche Problem hat sich sicher durch die Verwicklungen verschlimmert, in die er als einer der Hauptbeteiligten bei der so genannten Downgrade Controversy hineingezogen wurde. Während der 1880er Jahre bedrückte ihn sehr, was er richtigerweise als Einbruch der liberalen Theologie in den britischen Baptismus erkannte. So fühlte er sich gerufen, etwas Grundlegendes zu diesem Thema zu sagen, und veröffentlichte 1887 in Sword and Trowel eine Reihe von Artikeln, in denen er seine Baptisten-Brüder drängte, das Problem bei den Hörnern zu packen und öffentlich und rückhaltlos das Festhalten an evangelikaler Orthodoxie zu bekunden. Als Spurgeon die Predigten einiger seiner baptistischen Zeitgenossen geprüft hatte, musste er feststellen, dass die »Buße beargwöhnt, die Inspiration der Schrift verspottet, der Heilige Geist zum bloßen Einfluss degradiert, die Strafe für Sünden zur Einbildung und die Auferstehung zum Mythos erklärt wurde«.36 Spurgeons Protest stieß größtenteils auf taube Ohren, und im Oktober dieses Jahres blieb ihm keine andere Wahl, als das Tabernacle aus der Baptisten-Vereinigung herauszuführen.
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Während des Winters 1887/88 machte eine naive Gruppe wohlmeinender, zum Frieden neigender Einzelner in der Vereinigung gemeinsame Sache mit einigen von Spurgeons Gegnern, um eine Versöhnung zwischen dem Pastor des Tabernacle und der Vereinigung herbeizuführen. Doch Spurgeon entschied sich zu Recht für das Festhalten an der Schrift und an dem Gott, der sie gegeben hat. Das galt ihm mehr als die Bewahrung der denominationellen Einheit. So mussten diese Versöhnungsversuche scheitern. Der Höhepunkt wurde bei dem Jahrestreffen der Baptisten-Vereinigung im April 1888 erreicht. Spurgeon war nicht anwesend, jedoch sein Bruder James Archer Spurgeon (1837-1899), der ebenfalls Pastor am Tabernacle war. Spurgeons Anhänger und die, die für Versöhnung innerhalb der Vereinigung eintraten, hatten jeweils ihre lehrmäßigen Standpunkte zu Papier gebracht; doch schon vor der Debatte am 23. April wurde ein Vermittlungsvorschlag gemacht und von der überwältigenden Mehrheit der Delegierten angenommen. Diejenigen der Anhänger Spurgeons – darunter auch sein Bruder James –, die für den Vorschlag gestimmt hatten, meinten tatsächlich, einen großen Sieg errungen zu haben. Spurgeon war anderer Meinung, und die folgenden Jahrzehnte zeigten, wie sehr er Recht hatte. So schreibt Willis B. Glover: »Spurgeons Einsicht in die Zustände des religiösen Lebens seiner Zeit erwies sich durch die Ereignisse der Folgezeit als richtig. Tatsächlich stand er am Vorabend einer großen Notzeit des Evangelikalismus, und zweifellos haben die theologische Verwirrung seiner Zeit und die Verunsicherung der religiösen Traditionen durch die ›höhere Kritik‹ wesentlich zum Niedergang des Evangelikalismus beigetragen.«37 Spurgeon erkannte, dass die Evangelikalen ohne klare und entschiedene lehrmäßige Festlegungen den Angriffen der liberalen Theologie hilflos ausgeliefert waren. Viele der »Freunde des Friedens« in der Vereinigung meinten, die Annahme der
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neuen theologischen Ansichten, wie sie durch die »Bibelkritik« in die Welt gesetzt wurden, könnte der christlichen Spiritualität in Wirklichkeit keinen Schaden zufügen. Spurgeon sah die Torheit dieser Haltung: »Das Feuer der Frömmigkeit ist auf die Kohlen der Orthodoxie angewiesen.«38 Die Mühsal dieser Kontroverse forderte einen hohen Zoll von Spurgeon und hat ganz sicher zum raschen Verfall seiner Gesundheit im Jahre 1891 beigetragen. Er starb in Menton, einem Kurort an der französischen Riviera, nicht weit von der Grenze zu Italien entfernt, wo er seit der Mitte der 1870er jährlich seine Ferien verbrachte. Spurgeon war Mitte Oktober zusammen mit seiner Frau dorthin gereist. Er hoffte, ein Ortswechsel und das dortige Wetter könnten seine Gesundheit wieder aufrichten. Es sollte nicht so sein. Der Fürst der Prediger starb in den letzten Stunden des 31. Januar 1892. Nicht lange vor seinem Tod hat er seinem Sekretär, Joseph W. Harrald, zugeraunt: »Denk dran: Ein schlichter Stein, C.H.S., sonst nichts; kein Trara!«39 Seine Wünsche blieben unerfüllt. Nachdem sein Sarg in England angekommen war, wurde Spurgeon im Tabernacle aufgebahrt, und etwa 50.000 Trauernde kamen, um »ihm die letzte Ehre zu erweisen«. Am Tag seines Begräbnisses säumten Tausende die Straßen, die der Leichenzug benutzte. Die Geschäfte, sogar die Gastwirtschaften, hatten an diesem Tag geschlossen. Sein Leib wurde in einem ansehnlichen Grab beigesetzt. Auf seinem Sarg lag eine offene Bibel, die dort aufgeschlagen war, wo der Text stand, der vor so vielen Jahren zu seiner Bekehrung geführt hatte: »Seht auf Mich und lasst euch retten, alle Enden der Erde! Denn ich bin Gott und keiner sonst« (Jesaja 45,22).40 Sein wahres Denkmal Sein bleibendes Denkmal allerdings sind die zahllosen Men-
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schen, die durch sein Leben und Wirken vom Geist Gottes berührt wurden. Ich will nur ein Beispiel nennen: Im Oktober 1889 verließ ein junger Mann, D.C. Davidson, seine Heimat Michigan, um in Übersee seine theologischen Studien fortzusetzen. Seine Mutter wollte, dass er in Yale studierte, doch er hatte sich entschlossen, in lebendigen Kontakt mit denen zu kommen, die er »die führenden Köpfe Europas« nannte. Nach einem viermonatigen Aufenthalt in Edinburgh kam er 1890 nach Deutschland. Seine letzte Station war Berlin. Doch statt an einem Ort zu sein, wo sein Glaube vertieft und gefestigt wurde, erwies sich die deutsche Hauptstadt als ein wahrer Feuerofen, in dem sein Glaube beinahe restlos verzehrt wurde. Von seiner Berliner Zeit sagte er, dass »ein Schrecken großer Finsternis« über seine Seele kam, als er sich dort der liberalen Theologie aussetzte. »Ich habe viele grausame Versuchungen erlebt«, schreibt er später, »doch nie ist mir eine so hinterhältige und gefährliche Versuchung begegnet wie der destruktive deutsche Kritizismus.«41 Mit seinem beinahe zerstörten Glauben kehrte er nach England zurück, wo er drei Monate lang regelmäßig Charles Haddon Spurgeon predigen hörte. Es müssen einige seiner letzten Predigten gewesen sein. Dieses Hören auf das, was Spurgeon sagte, brachte ihm eine geistliche Wiederbelebung, und seine Seele wurde heil. »Wenn Spurgeon die schlichten alten Lehren vom Kreuz verkündigte, war es, als fiele das Feuer von Pfingsten auf die Hörer. Ich habe gesehen, wie die Scharen im Tabernacle vom Hauch Gottes bewegt wurden, wenn dieser Mann sprach, wie wenn die Bäume im Wald vom Wind bewegt werden. Es war mir, als sei ich im dritten Himmel, verglichen mit der Jauchegrube des deutschen Kritizismus, in der ich mich gewälzt hatte. Was konnte ich anderes tun, als
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mich vor meinem Schöpfer niederzuwerfen und zu rufen: »Der Herr, Er ist Gott! Der Herr, Er ist Gott!« ... Die Herrlichkeit Gottes schien Mr. Spurgeons Tabernacle zu erfüllen. … Die Giftwirkungen des destruktiven Kritizismus, die in mein Herz gedrungen waren, wurden durch das heilige Feuer Gottes wie Stoppeln verbrannt. Ich sah die Bibel mit neuen Augen. Sie wurde mir unaussprechlich wertvoll, und mit ihr der Christus, den sie offenbart.«42 Als Davidson in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, blieb er seinem Entschluss treu: »Solange ich lebe, will ich ›das Wort predigen‹ und die Posaune des Evangeliums so blasen, dass sie keine unsicheren Töne von sich gibt.«43 Obwohl Spurgeons Stimme 1892 zum Schweigen gebracht war, fährt der Heilige Geist fort, ihn durch die immer neuen Veröffentlichungen seiner Predigten zu ehren. Noch heute werden durch sie Sünder dazu geführt, den dreieinigen Gott anzubeten. Michael Haykin Professor für Kirchengeschichte Heritage Baptist College and Theological Seminary Cambridge, Ontario, Kanada