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Holger Klaewer

Børre und die Walfängerbande

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 • 33661 Bielefeld


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1. Auflage 2008 © by CLV • Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 • 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: OTTENDESIGN.de Zeichnungen und Satz: Holger Klaewer Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-89397-598-3


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Inhalt sprich: ø = ö;

æ = ä;

Erdbeereis um Mitternacht

å=o

.................... Seite

Fischgeruch im Treppenhaus .................. Reiseplanung mit »System«

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Seite 15

....................... Seite 21

Tumult am Walfänger-Kai ..........................

Seite 29

Schluckspechte auf Spurensuche ..........

Seite 38

Aufbruch ins Abenteuer

............................. Seite 48

Todeskampf im Morgenrot .........................

Seite 57

Platzprobleme in Tórshavn ........................

Seite 65

Passkontrolle im Atlantik-Tief ..................

Seite 78

Der Gummistiefel-Pastor ............................

Seite 88

Haifischflossen für Hawaii .........................

Seite 96

Hinterhalt am ›Hofsjökull‹ ..........................

Seite 105

Wasserdampf im Trockendock .................

Seite 114

Gefahr am Gletscherbach ..........................

Seite 124

Kursänderung .................................................

Seite 139

Endstation im Küsteneis ............................

Seite 152

Warentausch im Winterland .....................

Seite 162

Zusammenstoß der Rivalen

...................... Seite 172

›Wachboot Nr. 011‹ .........................................

Seite 181

Heimkehr aus dem Eis ................................

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Dieses Buch handelt von den Walen. – Wale sind die größten Lebewesen der Erde. Die Blauwale z.B. werden bis zu 33 m lang. Sie leben überwiegend in den kalten Polargewässern, denn dort finden sie genug Nahrung wie Fische und kleine Krebse. Wale sind bekannt als hervorragende Langstrecken-Schwimmer und können sich über viele Kilometer hinweg durch einen besonderen »Gesang« verständigen. Der Bestand der Wale ist weltweit allerdings sehr geschrumpft. Deshalb stehen die größeren Arten inzwischen unter strengstem Tierschutz. Trotzdem jagen Isländer, Norweger und Japaner sie immer noch, weil ihr Fleisch sehr begehrt ist. Alternativ zur Waljagd bietet man inzwischen sogenannte Wal-Safaris an, um den Erhalt der Meeressäuger zu fördern. So sind die Wale in ihrer Vielfalt nicht nur für die Wissenschaftler von großem Interesse, sondern bieten Tausenden von Wal-Beobachtern jedes Jahr die Chance, die gewaltigen Geschöpfe einmal »hautnah« zu erleben.

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Erdbeereis um Mitternacht Leicht schaukelnd schwebte die Gondel auf der Bergstation

des ›Storsteinen‹ ein. In einer Sonderschicht zum heutigen Mittsommerfest schleppte die Seilbahn auch kurz vor Mitternacht immer noch Besucher an. Fast alles junge Leute, überwiegend Studenten der Uni von Tromsø, der nördlichsten Universität der Welt. Mit einem fröhlichen »Hei!« betraten die Ankömmlinge die Aussichtsterrasse des BergRestaurants. »Das war schon die fünfte Gondel, seitdem wir hier sitzen«, bemerkte Børre. »Und alle rappelvoll!« »Ich mag Gesellschaft«, grinste Flavio. »Besonders um diese Uhrzeit. Das ist fast so wie auf der Strandpromenade von Palermo.« Der schlanke Italienerjunge schob den leeren Eisbecher ein wenig nach vorn und reckte sich. Seine jüngere Schwester Chiara verzog den Mund und blinzelte Børre zu. »Er kann Sizilien einfach nicht vergessen«, stichelte sie. »Selbst bei dem wundervollsten Naturschauspiel des Jahres nicht, das Norwegen zu bieten hat. Die Mitternachtssonne ist spitze. Weiter sinken wird sie wohl nicht, oder? Was meinst du, Børre?« »Du hast die Lage voll erfasst, Miss Italia«, lachte der blonde Norweger gut gelaunt. »Auf diesem Tiefststand wird sie ein Stündchen Pause machen und dann langsam wieder steigen. Da sage ich nur: ›Morgenstund’ hat Gold im Mund‹!« Børre, der vor einer Woche fünfzehn geworden war, langte noch einmal mit seinem Löffel in das Erdbeereis und ließ sich auch die letzte Kugel munden. Zur heutigen Sonnenwende am 23. Juni hatte er seinen Freund Flavio zu einem nachträglichen Geburtstags-Eisessen auf den 420 m hohen Hausberg von Tromsø eingeladen. Chiara, Flavios zwölfjährige Schwester, hatte so lange mit ihren schwarzen Wimpern geklimpert, bis Børre sich erbarm7


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te und ihr das großzügige Angebot machte, sich der »Herrenrunde« anzuschließen. »Wir haben noch nicht Mitternacht und du redest schon vom goldenen Morgen«, warf Flavio ein. »Von mir aus könnte die Sonne zwei, drei Stunden auf diesem Stand bleiben. Ich mag Sonne! Genießen wir sie also ein Weilchen und das bombige Erdbeereis. Ist garantiert ’ne Sorte aus Italien, Venedig oder so!« »Welches du bereits genossen hast«, meinte Chiara vorwurfsvoll und zeigte auf Flavios leeren Eisbecher. »Alles weg in drei Minuten! Du musst dir beim Eisessen mehr Zeit lassen. Besonders in der Mittsommernacht. Ich fand die Idee von Børre super, die Sonnenwende von hier oben aus zu beobachten. Was soll man denn auch sonst bei dieser Helligkeit machen – etwa schlafen?« »Man könnte Fischen gehen oder Gleitschirm fliegen«, sagte Børre. »Das wäre mal was anderes.« »Gleitschirm fliegen?« Chiara riss ihre großen, braunen Kulleraugen auf. »Mitten in der Nacht? Nein danke! Da fahre ich lieber mit der Seilbahn. Wie kommst du überhaupt auf diese Idee, Børre?« »Na, das machen die doch auch«, sagte Børre gedehnt und zeigte mit dem Daumen auf eine Gruppe wild aussehender Burschen, die gerade schwer bepackt die Gondel verließen. Flavio musterte sie neugierig. »Tatsächlich! Sehen aus wie Typen, die den Mount Everest besteigen wollen. Sie haben eine Gleitschirmausrüstung dabei. Fliegen um Mitternacht, voll krass!« »Seht mal, was auf ihren Jacken steht.« Chiaras Augen wurden immer größer. Etwas umständlich schob sie einige schwarz glänzende Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Zwei große ›W‹s!« »Das ist die Abkürzung von ›Whale Watcher‹*«, erklärte Børre trocken. »Das ist so ’ne Studentengruppe vom wissenschaftlichen Institut für Fischerei. Ich hab mal in der Zeitung einen Bericht über sie gelesen. Ist ’ne Vereinigung, die sich für den Walschutz starkmacht.« * sprich: ›Wäil Wotscher‹ = Walschützer oder Walbeobachter

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»Haben die was mit ›Greenpeace‹ zu tun, diesen Umweltschützern, die mit ihren Schlauchbooten die Walfänger angreifen?«, fragte Flavio stirnrunzelnd. »Die machen voll die heftigen Sachen.« Børre zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, ob die zusammenarbeiten. Aber ähnliche Methoden, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung zu gewinnen, haben sie auf jeden Fall. Ziemlich spektakuläre sogar. Im letzten Sommer ist so ein WW-Typ von der Tromsøbro in den Tromsesund gejumpt. Das sind immerhin 43 m. Bist du schon mal vom ›Zehner‹ im Freibad gesprungen, Flavio? Das ist schon ganz schön hoch!« »Zehn Meter?« Flavio schluckte. »Mamma mia, da bricht man sich ja alle Knochen. Oder die Füße platzen auf. Ich habe mal gehört, dass Wasser so hart sein kann wie die Pflastersteine vor dem Rathausbrunnen.« »Und wenn du nicht aufpasst, verlierst du im Flug die Badehose.« Børre grinste. »Also nimm Schwimmflügelchen und spring ins Planschbecken, du kleiner Grasfrosch.« »Selber!«, schmollte der schmale Italiener. Wasser war eben nicht sein Ding. Und erst recht kein kaltes. Im vergangenen Winter hatte Børre ihm einmal den Vorschlag gemacht, um die Brückenpfeiler der Tromsøbro herum ein Polarnacht-Wettschwimmen zu veranstalten. Flavio bekam jetzt noch eine Gänsehaut, wenn er daran dachte. Aber mit dem Gleitschirm fliegen, das war schon eher etwas für ihn. Wieder sah er zu den Burschen mit den schweren Rucksäcken hinüber, die sich inzwischen keuchend zur Absprungstelle in der Nähe des Gipfels hocharbeiteten. »Die wollen wirklich noch ’nen Rundflug starten«, sagte er nun ablenkend. »Die sind voll gut drauf, die Typen. Muss ein super Gefühl sein, so durch das gelbe Mittsommerlicht zu segeln.« In diesem Moment plärrte eine Dixie-Band auf der Aussichtsterrasse los. Ein Saxophon dudelte und ein nur mit einer grünen Turnhose bekleideter Boy aus Schwarzafrika blies auf einer zerbeulten Trompete. Für den Takt

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sorgte die Westerngitarre einer amerikanischen Bio-Studentin. Einige junge Leute hoben ihre Gläser und etliche Pärchen rüsteten sich zum Tanz auf den Holzbohlen der Plattform. »Mitternacht«, stellte Børre fest. »Die lassen jetzt den Troll* aus der Kiste! Müssen wir uns das antun? So viel Rummel mag ich nicht.« »Ich möchte noch den Start der Gleitschirmflieger mitkriegen«, sagte Flavio. Chiara nickte und sah interessiert zu den Paaren hinüber, die nun im Takt der Musik ausgelassen auf der Terrasse herumhüpften. Die hohlen Klänge der Holzbohlen machten sich gut zu dem, was die Dixie-Band aus ihren Instrumenten herausquetschte. »Okay«, bestimmte der Norweger. »Ich erkläre hiermit das Eisessen für beendet. Schonen wir unsere Ohren und setzen uns noch eine Weile dort drüben an den Hang.« Mittlerweile hatte der erste ›WW-Typi‹ seinen Gleitschirm startklar und prüfte noch einmal die Windverhältnisse. Dann packte der Aufwind unter den Schirm und der Student rannte los. Im nächsten Moment erfasste ihn auch schon eine Böe und beförderte ihn in den gelben Nachthimmel wie ein Fahrstuhl des Pariser Eiffelturms seine hoch hinauswollenden Gäste. Flavio sah ihm sehnsüchtig nach. Nach etwa zehn Minuten segelten vier Flieger über dem Berg herum. Die drei Genießer verfolgten schweigend ihre Kreise und sogen begierig die laue Nachtluft ein, die sanft um ihre Nasen wehte. Auf den bunten Schirmen konnten sie deutlich zwei große weiße ›W‹s erkennen. Plötzlich näherte sich einer der Flieger der überfüllten Aussichtsterrasse, zog an einem kurzen Seil, das er sich um das Bein gebunden hatte, und ging in eine steile Kurve. Im gleichen Augenblick flatterte ein blaues Banner im Wind. Gut lesbar war die Zeile »Stoppt den Walfang« zu erkennen. Die Besucher des Bergfestes grölten los. Einige hoben ihre Biergläser und prosteten dem Flieger zu. Für einige Sekunden kam die Dixie-Band aus dem Takt und der Saxofonspieler brachte eine musikalische Einlage, die er * skandinavisches Fabelwesen

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noch nie zuvor geprobt hatte. Als der Flieger mit der nächsten Windböe einige Dutzend Meter nach oben geliftet wurde, gewann auch der Sound der Dixie-Band wieder an Fahrt. Doch jedes Mal, wenn er wieder im Anflug war, geriet das Studenten-Trio in eine merkwürdige Tonlage. Børre und seine beiden Freunde sahen dem Spektakel aus der Ferne zu und konnten sich keinen Reim darauf machen, was die Gäste des Sommerfestes so erheiterte. Aufmerksam beobachteten sie den Gleitschirmflieger, der sein Transparent vor den Augen der Mittsommernacht-Genießer aufsehenerregend hin- und herflog. Dabei segelte er in immer riskanteren Manövern an das Dach der Seilbahnstation heran, dass man meinen konnte, er wolle darauf landen. Die übrigen Gleitschirme hielten sich in respektvollem Abstand. »Guten Abend!«, brummte da eine tiefe Bass-Stimme im Rücken der Kids. »Von mir aus auch schon ›Guten Morgen!‹ Wie ihr wollt. Was haltet ihr von den Flugkünsten unseres Gruppenführers?« Erschrocken drehten sich die drei Beobachter um. Hinter ihnen stand der fünfte Mann der Flieger-Gruppe, der offensichtlich das Bodenpersonal bildete und die Ausrüstung seiner Kameraden bewachen sollte. »Ziemlich waghalsig die Show, die dein Kumpel da abzieht«, antwortete Børre. »Kann man die Dinger denn so genau steuern? Wenn er irgendwo hängen bleibt!« Der fünfte WW-Mann grinste. »Keine Panik, Kleiner. Ein Hege Brækhus fällt nicht so schnell vom Himmel. Eher mal von der Tromsøbro. Aber da ist er freiwillig runtergesprungen. War ’ne tolle Masche und hat total viel gebracht. Seitdem kennt uns jede Oma in der Finnmark. Kommt alles den Walen zugute.« Børre schwieg. Erst nach einer kurzen Pause hob er an: »Hmm, das ist also Hege Brækhus. Ich kenne ihn vom Bild. Mein Freund Flavio wäre mal beinahe von derselben Stelle in den Tromsesund gesprungen. Aber unfreiwillig. Und mit Auto.«

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»Ja, ja, das war ganz schön knapp«, ergänzte Chiara aufgeregt. »Aber die Feuerwehr hat ihn im letzten Moment wieder an Bord gezogen.« »Keine Sorge, Täubchen, Hege kommt stets selber wieder auf die Beine. Der braucht keine Feuerwehr. Er ist ein Held. Die Aktion mit dem Transparent unter dem Gleitschirm war übrigens meine Idee. Kommt alles den Walen zugute. Nur zu dumm, dass ich bei den Klamotten bleiben musste. Wir haben gelost.« »Da kommt die nächste Gondel«, unterbrach ihn Flavio. »Wieder brechend voll! Will denn heute wirklich niemand schlafen?« »Wir haben gewusst, dass hier heute viel los ist«, prahlte der ideenreiche Typ vom Bodenpersonal. »Full House, kommt alles den Walen zugute.« Der Boy bückte sich und zurrte sich den Riemen seines linken Springerstiefels fest. »Ja, ja, kommt alles den Walen zugute. Wissen wir jetzt.« Børre sah den drahtigen Studenten genervt an. »Hast du auch noch andere Themen drauf ?« »Klaro, wir ›Whale Watcher‹ wissen, wie man einen 100PS-Außenborder bedient und wie man sich bei zehn Meter hohen Wellen an einen Walfänger heranpirscht. Sonst noch Fragen, Kleiner?« Børre winkte ab und richtete sich langsam auf. »Kommt, wir müssen ’nen Abflug machen. Vielleicht schaffen wir’s noch bis zur Talfahrt.« In diesem Moment schrie Chiara auf: »Seht, er stürzt ab, seht nur!« Sie sprang auf und zeigte entsetzt auf den Flug-Akrobaten mit dem Walfang-Banner. Dieser war in einer rasanten Schleife dicht an die staunenden Fahrgäste in der Gondel herangesegelt und streckte ihnen grinsend den nach oben gerichteten Daumen seiner rechten Hand entgegen. Dabei hatte er nicht auf das Drahtseil der Bergbahn achtgegeben, hatte es gestriffen und war hängen geblieben. Wie bei dem Umschwung eines Turners an der Reckstange wurde der Flieger durch die Luft gewirbelt, wobei sich sein Gleitschirm hoffnungslos in den Seilen

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verhedderte. Der ausgeloste Klamotten-Bewacher der ›Whale Watcher‹ wurde bleich. Dann stolperte er los. Sein Held Hege Brækhus baumelte kopfüber zwischen Himmel und Erde. Nur von den dünnen Seilen seines bunten Gleitschirmes gehalten, blickte er stracks zum kalten, gut 25 m entfernten Abhang hinab, über dem er in weiten Schwüngen hin- und hersauste. Das Transparent mit der Aufschrift »Stoppt den Walfang« wehte im lauen Mitternachtswind. Doch das Einzige, was sofort gestoppt wurde, war die Bergbahn. Als der Gondelführer Hege keine fünfzehn Meter bergwärts am Drahtseil zappeln sah, hatte er geistesgegenwärtig auf die Not-Stopp-Taste gedrückt. Die Gondel blieb ruckartig stehen und baumelte in der Luft wie ein Kleiderbügel an der Wäscheleine. Schreie ertönten und die jungen Leute in der Kabine purzelten durcheinander. Der Gondelführer sah sich kurz um, fragte nach ernsthaft Verletzten und griff dann zum Telefon. Nach einem eiligen Notruf öffnete er den Erste-Hilfe-Schrank und versorgte eine Blondine mit einer Platzwunde am Kopf. Unterdessen hörte das Pendeln langsam auf. In der Kabine wurde es still. Auf der Besucherterrasse gafften die Schaulustigen und die Musik verstummte. Hege Brækhus benötigte nicht nur die Feuerwehr, um wieder auf die Beine zu kommen, sondern einen Rettungshubschrauber. Allemal eine zwar ungewollte, aber sehr wirkungsvolle Aktion »zum Wohle der Wale«. Am anderen Morgen jedenfalls konnten die Omas aus der Finnmark und andere Zeitungsleser ein Bild in der ›Norske News‹ bewundern, wo man einen gewissen ›Whale Watcher‹ namens Hege Brækhus an einem Bergbahnseil hängen sah. Klar und deutlich war die Aufschrift eines im Wind flatternden Banners zu lesen: »Stoppt den Walfang«. Der Redakteur hatte allerdings die Schlagzeile bevorzugt: »WW-Aktivist stoppt Mittsommerfest auf dem Storsteinen«. Nachdem nämlich feststand, dass die nächtliche Rettungsaktion per Hubschrauber gut und gerne an die zwei Stunden dauern würde und die Bergbahn für diese Zeit

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festsaß, machten sich Børre und die italienischen Geschwister zu Fuß auf den Heimweg. Scharen junger Leute pilgerten zu Dutzenden den Berg hinab zur Talstation. Damit fiel die Berg-Party zu Ehren von ›St. Hans‹, dem Namensgeber des norwegischen Mittsommertages, endgültig ins Wasser. Der Schwarzafrikaner packte seine zerbeulte Trompete ein, weil die tanzwilligen Pärchen jetzt lieber zu dem Terrassengeländer steppten und zusahen, wie ›Whale Watcher‹ Brækhus mit einer Seilwinde in den Hubschrauber gehievt wurde. »Der hat noch einmal Glück gehabt«, meinte Chiara, die sich unterdessen in ihren dünnen Sandalen eine Blase gelaufen hatte. »Rede du nur von Glück«, warf ihr Bruder ein. »Als Mama und ich im Geländer der Tromsøbro hingen, war es jedenfalls Bewahrung.« »Meinetwegen auch Bewahrung«, gab Chiara klein bei. »Seitdem du im vergangenen Winter so fromm geworden bist, benutzt du ständig neue Wörter für dieselbe Sache. Bewahrung ist doch Glück, oder? Sag bitte meinem Bruder, Børre, dass es dasselbe ist. Auf mich hört er nicht.« Der blonde Norweger schmunzelte und schob seine großen Hände in die Hosentaschen. »Flavio hat recht«, hob er an. »Menschen, die mit Gott nichts am Hut haben, reden von Zufall und Glück. Leute, die Jesus kennengelernt haben, reden in brenzligen Situationen von Bewahrung oder Gottes Schutz. Jedenfalls hat Gott jedes Menschenleben in der Hand.« »Ihr Jungs haltet immer zusammen«, maulte Chiara. »Au, tut das weh! Jetzt ist meine Blase an der Ferse aufgegangen!« »Halt durch, gleich sind wir an der Bushaltestelle«, erwiderte Børre mitfühlend. »Möchte bezweifeln, dass um Viertel vor zwei in der Nacht noch ein Linienbus unterwegs ist«, meinte Flavio knapp. »Wahrscheinlich müssen wir ein Taxi chartern.« »Da merkt man wieder einmal, dass ihr noch nicht lange

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in Tromsø wohnt«, antwortete Børre gelassen. »Am 23. Juni herrscht in ganz Norwegen der Ausnahmezustand. Da fahren die Busse rund um die Uhr und Eltern lassen minderjährige Kinder auch nachts noch auf die Straße. Oder auf den ›Storsteinen‹ zum Eisessen.« Der Bus kam tatsächlich. Und zwar fahrplanmäßig. An der Haltestelle, an der Børre aussteigen musste, zupfte Chiara ihn am Ärmel. »Danke für das Eis. War echt lecker.« Mit ihren braunen Augen sah sie Børre lächelnd an. »Und danke, dass ich mitkommen durfte. Ich bin jetzt zwar hundemüde und habe Blasen an den Füßen, aber diese aufregende Nacht werde ich so schnell nicht wieder vergessen.« Der breitschultrige Norweger mit den blauen Augen lachte verschmitzt und säuselte dann täuschend echt im Tonfall des Walschützers auf dem ›Storsteinen‹: »Keine Ursache, Täubchen. War mir ein Vergnügen.« Dann gab er seinem Freund Flavio noch einen Klaps auf das rechte Knie und erhob sich. »Das kommt alles den Walen zugute«, grinste er und verschwand winkend durch die automatische Hintertür des Linienbusses. Auf dem Gehweg angekommen, blickte er unwillkürlich zur Eismeer-Kathedrale hinüber. In ihren Glasscheiben spiegelte sich der warme Glanz des neuen Tages. »Morgenstund’ hat Gold im Mund«, kam ihm wieder in den Sinn. Trotzdem – Zeit für einen guten Norweger, endlich schlafen zu gehen.

Fischgeruch im Treppenhaus Hege Brækhus war Isländer. Genauer gesagt, aus Reyk-

javik. Ein waschechter Nachfahre der Wikinger: roter Vollbart, muskulöse Männerbrust, kantiges Nordlandgesicht mit vereinzelten Sommersprossen. Seine Haut war von der rauen Polarluft gegerbt und ließ ihn älter wirken als er war. 23 Jahre alt, drei davon hatte er bereits als einge-

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schriebener Student für Fischereiwesen an dem wissenschaftlichen Institut in Tromsø verbracht. Ein tolles Institut. Wer hier die Abschlussprüfung bestand, bekam garantiert eine hervorragende Arbeitsstelle in den Ländern, die hauptsächlich vom Fischfang lebten. Auf Island zum Beispiel. Und der Isländer Hege war nicht dumm. Im Gegenteil: ein Kraftprotz mit viel Hirn. Klug, geschäftstüchtig, dazu mutig und draufgängerisch. Mit seinen Fähigkeiten wollte er einmal tüchtig Kohle machen. Und wenn er auch aus diesem Grunde sämtliche Weltmeere leer fischen müsste. Aber so weit brauchte man ja gar nicht gehen. Man brauchte nur eine einzige Sache gut beherrschen, und das war der Walfang. Hiermit konnte man Millionen machen. Hege beherrschte dieses Geschäft schon ziemlich gut und hatte, obwohl er noch Student war, Kontakte in aller Herren Länder. Fast hatten ihm seine Walfangtouren in den Semesterferien seine erste Million eingebracht – wie viel würde er erst einmal verdienen, wenn er seine eigene Walfangflotte besäße! Am Abend nach der dramatischen Rettungsaktion saß Hege Brækhus gut gelaunt in seiner Studentenbude und loggte sich an seinem Laptop in die ›Norske News‹ ein. Schnell fand er den Artikel, der ihn interessierte. »WW-Aktivist stoppt Mittsommerfest auf dem Storsteinen«, las er. Er warf einen flüchtigen Blick auf das dazugehörige Foto und nickte zufrieden. »Schon belämmert, wie ich da in den Seilen hänge, aber Hauptsache, man kann das Transparent lesen. Für alle Welt ist Hege Brækhus ein eingefleischter Walschützer. Stattdessen jage ich sie und lasse sie zu Kosmetik-Artikeln weiterverarbeiten. Schon heftig!« Hege rieb sich die Hände, löschte anschließend die WebSeite der ›Norske News‹ und beendete das Programm. Da hörte er Schritte im Treppenhaus. Die ausgetretenen Holzstufen knarrten erbärmlich. Sekunden später klopfte es an der Tür. Hege öffnete und Knut Nafstad schob seinen drahtigen Körper durch die Wohnungstür. Wie immer trug er Springerstiefel.

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»Hei, Knuti, habe fest mit dir gerechnet. Gut, dass du noch kommst. Du hast ja deine Tasche mit den Büchern dabei. Willst du etwa noch pauken und die Gräten der Heringe durchnummerieren?« »Nee, da ist nur ’ne aufgetaute Packung Fischstäbchen drin. Schmeiß mal deinen Herd an, wir brutzeln uns noch was.« Knut griff in die Tasche und warf die Schachtel auf den Tisch. Hege kniff die Augen zusammen. »Du weißt doch, dass ich nur ...« »Schon gut, schon gut«, unterbrach ihn Knut Nafstad, der von den meisten Mitstudenten ›Krabben-Knut‹ genannt wurde und im selben Semester büffelte wie Hege. »Sind die großen Goldbraunen.« Der Isländer strich sich über seinen roten Bart. »Das ist auch dein Glück, dieses andere minderwertige Zeug ess ich nämlich nicht. Ich weiß ja, was drin ist.« Knut kannte mittlerweile die Essgewohnheiten seines Freundes. Er ging in Heges kleine Kochküche und untersuchte den weißen Einbauschrank. »Wo hast du denn deine Bratpfanne, du angehender Millionär?« Hege verzog das Gesicht. »Mensch Knuti, schrei nicht so laut, willst du mich auffliegen lassen? Guck mal unten rechts, da müsste sie drin sein.« Knut machte sich eine Weile in der Küche seines Mitstudenten zu schaffen und ging dann zu Hege in das kleine Wohnzimmer hinüber, wo ein einfaches Bett und eine Anrichte mit einem Fernseher stand. »Junge, Junge«, fing er jetzt etwas leiser an, »wenn ich deine armselige Bude betrachte, kann ich fast nicht glauben, dass du unserer Walschützer-Gruppe ein nagelneues Schlauchboot mit 100-PS-Außenbordmotor spendiert hast.« Hege Brækhus verschränkte die Arme. »Das ist auch gut so. Alles Absicht. Ich bin ein armer Student und fanatischer Walschützer. Das soll ganz Norwegen wissen, sonst nichts. Stell dir mal vor, der Plankton-Prof käme auf die

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Idee, mich zu besuchen und fände hier ’ne Luxus-Suite vor. Das wäre verdächtig. Nee, nee, immer schön unauffällig bleiben. Ist alles Berechnung.« Knuti langte noch einmal in die Tasche, zog eine Pfeife hervor und begann sie fachmännisch zu stopfen. Schließlich meinte er: »Die Hängepartie am Drahtseil gestern war wohl auch Berechnung, wie? Mannomann, ich hab dich schon auf dem Friedhof gesehen. Da erzähl ich gerade drei Knirpsen auf dem ›Storsteinen‹, dass ein Hege Brækhus nicht so schnell vom Himmel fällt – und schon hängt er in den Seilen. Wie konnte das nur passieren? Bist du eingepennt?« Knut griff zum Feuerzeug und steckte sich die Pfeife an. Dann sog er kräftig und blies blaue Ringelwölkchen unter die Dachschrägen der Studentenbude. »War ’ne unverhoffte Windböe«, presste Hege durch die Zähne. »Aber hat ’ne hochgradige Wirkung gehabt. Die reden noch lange von Hege Brækhus, dem Walschützer.« »Wird wohl auch eine hochgradige Rechnung nach sich ziehen, schätze ich. Für den Hubschrauber.« »Fasel nicht«, fing jetzt Hege ungeduldig an. »Ich verkaufe einen halben Grindwal und schon hab ich die Knete wieder im Sack. Nächste Woche fangen die Semesterferien an. Damit beginnt unsere Walfangsaison. Darüber müssen wir reden. Außerdem müssen wir uns für die Konkurrenz noch was einfallen lassen. Die ›Spitzbergen‹ von der Hanse-Reederei läuft nächste Woche nämlich auch aus. Mit amtlich festgelegten Quoten natürlich.« »Hmm«, brummte jetzt der rauchende Knut, lehnte sich auf seinem Stuhl etwas nach hinten und blies abermals eine blaue Rauchwolke nach oben. »Meinst du, wir sollten das zulassen?« »Nein!«, antwortete Hege grimmig. »Die ›Spitzbergen‹ taucht meistens da auf, wo wir auch hinwollen. Schon mehrmals hat sie uns gezwungen, den Kurs zu ändern.« »Dann sollten wir vielleicht dafür sorgen, dass sie erst gar nicht auslaufen kann«, meinte Knut flüsternd. »Man könnte zum Beispiel ...«

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»Aaaah, du hast schon eine Idee?«, fragte der rotbärtige Isländer und beugte sich etwas vor, ließ sich jedoch schnell wieder nach hinten gleiten, als ihm dicke blaue Ringelwölkchen um die Sommersprossen kreisten. »Elender Qualm! Das Rauchen passt gar nicht zu deiner sportlichen Haltung und erst recht nicht zu einem Umweltschützer«, hustete Hege. »Du verqualmst mir die ganze Bude. Außerdem stinkt deine Tabaksorte nach Fisch!« »Jetzt mach aber mal halblang, du Drahtseilartist, du Kunstflieger, du ... du verkappter ›Whale Watcher‹!«, brauste Krabben-Knuti auf. »Sag nichts gegen meine Vorliebe für besonderen Tabak. Stammt aus Kuba. Du gibst dich ja schließlich auch anders als du wirklich bist.« »Schon gut, schon gut«, wehrte Hege ab. »Vertragen wir uns wieder. Du bist mein allerbester Freund, mein einziger Vertrauter. Keiner weiß aus der WW-Gruppe, wer wir wirklich sind und was wir treiben. Sollen sie alle denken, wir wären die aktivsten Walschützer der Welt. Wir beiden müssen unbedingt zusammenhalten.« »Dann lass die komischen Anspielungen. Mein Tabak stinkt nicht nach Fisch!« Hege schnitt eine Grimasse. »Okay, also stinkt er eben nach Kuba. Aber egal, was hattest du nun für eine Idee? Lass nur den Gleitschirm aus dem Spiel, sonst ist mir alles schnuppe.« Die beiden Studenten steckten die Köpfe zusammen. Hin und wieder kraulte der eine sich den roten Bart und der andere fummelte an seinen Springerstiefeln herum. Unterdessen wurde der »Pfeifenqualm« in der Dachstube immer dichter. Aber Hege meckerte nicht mehr, denn die Idee von Kollege Knuti war wirklich gut – sehr gut sogar. Die ›Spitzbergen‹ konnten sie getrost vergessen. Diesmal würden sie allein auf die Grönlandroute gehen. Ja, der Krabben-Knut konnte zwar nicht Gleitschirm fliegen, aber gute Ideen hatte er immer auf Lager. Plötzlich klopfte es an der Stubentür. Erschrocken blickten sich die beiden Nordmänner an. »Los, mach auf«, zisch-

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te Knut zwischen den Zähnen hervor. »Wird schon nicht der Plankton-Prof sein.« Hege erhob sich und schlurfte zur Tür. Draußen stand Vera Heen, eine Mitstudentin aus der Frauen-Wohngemeinschaft in der dritten Etage. »Mensch, Hege, soll ich die Feuerwehr anrufen oder den Kabeljau-Klaus vom UniLabor? Im ganzen Treppenhaus stinkt es nach Fisch. Und ein Qualm zieht umher, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Schätze, du hast mal wieder was auf dem Herd anbrennen lassen!« Hege zuckte zusammen. Dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Hummerbrei und Heringstipp! Die Fischstäbchen! Ich muss doch mal einen Rauchmelder anbringen«, murmelte er und rannte in die Bude zurück. Vera Heen warf ihm einen neugierigen Blick nach und erblickte Knut Nafstad, der am offenen Küchenfenster stand und soeben die Pfanne drehen wollte, um 20 kleine, pechschwarze Fettklumpen zu entsorgen. »So so, der Krabben-Knut ist hier. Schon wieder, scheint Heges bester Kumpel zu sein.« Leise schloss sie die Etagentür. »Haaalt, was hast du denn vor!«, fuhr Hege den HobbyKoch am Fenster an. »Oooch nichts Besonderes«, entgegnete Knut harmlos. »Ich lüfte nur mal kurz. Mein Tabak riecht doch ein wenig nach Fisch.« Grinsend vollendete er sein Vorhaben und 20 »Goldbraune« klatschten vier Stockwerke unter ihnen auf das harte Innenstadtpflaster. Hege und Knut planten noch bis Mitternacht. Dann waren alle Einzelheiten geklärt. In der Studentenbude wurde noch eine Flasche Wein geöffnet und vor dem Haus machte sich ein grau gestreifter Kater über 20 verkohlte Fischstäbchen her. Im dritten Stock hielten sich Vera Heen und zwei weibliche Mitbewohner demonstrativ die Nasen zu und wetterten über die »Kochkünste« der Herren unter dem Dach. Schließlich siegte die Müdigkeit und die Studenten sämtlicher Etagen fielen trotz Fischgeruchs im Treppenhaus in einen friedlichen Mittsommerschlaf.

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Reiseplanung mit »System« Während Hege Brækhus und Knut Nafstad noch im Mief

ihrer verkohlten Fischstäbchen schwitzten und Pläne ausheckten, wie man einen unbequemen Walfänger-Konkurrenten aus dem Wege räumen könnte, betrat Silvio Brusco das spärlich bepflanzte Grundstück am Sjøveien durch die Gartentür. Seine Familie saß auf der Terrasse hinter dem Haus, wie er es vermutet hatte. Ariana, seine Frau, hatte es sich unter einer wuchtigen Palme sizilianischer Herkunft bequem gemacht. Sie umgab das tropische Grüngewächs in einem gewaltigen Terrakotta-Topf mit einer rührenden Pflege, und das umso mehr, nachdem ihr geliebter Fiat im vergangenen Winter als hoffnungsloser Fall auf dem Schrottplatz gelandet war. Flavio und Chiara schnupperten in Richtung Küche, aus der ein wunderbarer Pizzaduft in den Garten strömte. Auch Børre war da und sah sich einen abgegriffenen Bildband mit Fotos von Italiens Traumstränden an. »Es gibt ein paar Neuigkeiten vom Institut«, begrüßte der Wissenschaftler seine Leute. »Wollt ihr sie sofort erfahren oder erst die Pizza essen?« »Zuerst die Pizza«, sagte Flavio. »Dein Nordlicht-Institut kann warten. Wahrscheinlich haben sie nur ’ne neue Farbe entdeckt. Oder Nordlicht am Südpol.« Flavio stand auf. »Ich hole auch freiwillig das Ofenblech.« »Na gut, mein Sohn«, sagte Herr Brusco und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Dann wollen wir also zuerst den Hunger stillen. Meine Neuigkeiten sind tatsächlich nicht so wichtig. Vielleicht behalte ich sie auch ganz für mich.« Nach zehn Minuten lehnte Flavio sich zufrieden auf seinem Gartenstuhl zurück und rieb mit dem Handrücken über seine Lippen. Chiara hatte noch nicht einmal die Hälfte ihrer Pizza verdrückt und Børre aß mit Absicht et21


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was langsamer, weil er Gast war. Das sah höflicher aus. Schließlich meinte Flavio: »So, Dad, jetzt schieß mal los! Ist bei dir im Obs (sagt Flavio immer, weil ihm Observatorium viel zu lang ist) ’n Papierkorb umgekippt oder mal wieder ’ne Antenne abgebrochen?« Silvio Brusco schob sich eine Olive in den Mund und griff noch einmal zum Rotwein-Glas. Dann wandte er sich langsam seiner Frau zu und fragte in bedächtigem Ton: »Haben wir heute Post bekommen, Ariana?« Die kleine Italienerin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Silvio. Ich habe noch nicht in den Briefkasten gesehen. Flavio, schau doch bitte einmal nach.« Der Angesprochene stöhnte und rieb sich in kreisenden Bewegungen über den Bauch. »Immer ich! Kann Chiara nicht auch mal was machen?« Da erhob sich Børre. »Ich geh schon«, bot er sich an und trabte los. Ariana sah ihren Spross strafend an. »Schäm dich, lässt einfach die Gäste gehen. Sei nicht so bequem!« Flavio stellte seine Ohren auf Durchzug. Als ob er nichts gehört hätte, fragte er: »Was ist denn nun mit den Neuigkeiten vom Obs, Daddylein?« In diesem Moment erschien Børre, der seit seinem Erlebnis mit den Eisbärschmugglern Herrn Brusco mit dem Vornamen anreden durfte: »Hier, Silvio. Zwei Briefe lagen in der Röhre.« »Danke, Børre«, erwiderte er und sah flüchtig auf die Absender. »Einer für mich, einer für Flavio«, murmelte er. »Der für Flavio wird nicht so wichtig sein.« Herr Brusco schob den Brief unter seinen Pizzateller und öffnete mit dem Gabelstiel umständlich den anderen Umschlag. Flavio machte ein langes Gesicht. Dann tastete er vorsichtig nach dem Teller seines Vaters. »Finger weg!«, sagte Herr Brusco ohne aufzusehen. »Dein Brief kann warten. Wird nur eine Werbung von der Sparkasse sein oder ’ne dumme Einladung zu einem Mädchengeburtstag.« Dann öffnete er das andere Schreiben und reichte es nach einem raschen Überfliegen der Zeilen seiner Frau hinüber. »Eine

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Mitteilung von dem Fiat-Händler in Trondheim. Ich glaube, der bestellte Punto ist da.« Frau Brusco riss ihrem Mann den Brief förmlich aus der Hand. »Endlich!«, rief sie aus. »Endlich bekommt Tromsø wieder einen Fiat!« Aufmerksam las sie das Schreiben durch. Das nördlichste Fiat-Autohaus der Welt sei stolz darauf, wieder einmal einen Wagen nördlich des Polarkreises ausliefern zu dürfen. Ob der Kunde ihn selber abzuholen gedenke oder ob er nach Tromsø verschifft werden solle. »Was meinst du, Silvio, abholen wird wohl günstiger sein, oder?« Der Angeredete nickte. »Wahrscheinlich. Aber ich weiß noch nicht, wie ich das alles hinbekommen soll. Man fährt nicht ›mal eben‹ nach Trondheim. Das ist eine Strecke von fast 1200 km und in den nächsten fünf Wochen bekomme ich keinen Urlaub. Ausgeschlossen. Das hängt mit den Neuigkeiten vom Institut zusammen – aber das ist ja nicht so wichtig.« Ariana sah ihren Ehemann von der Seite an. »Willst du nicht wenigstens mich einweihen, Silvio? Flavio kann ja so lange in die Küche gehen und die schmutzigen Teller in die Spülmaschine räumen.« Die Sizilianerin lächelte und blinzelte ihrem Mann vertraulich zu. Herr Brusco zog den an Flavio adressierten Brief unter seinem Teller hervor. »Das kann diesmal Chiara machen«, sagte er. »Wenn du dich in Zukunft etwas mehr für meine Arbeit interessierst, Flavio, dann geb ich ihn dir. Zumindest sollte der Sohn eines Wissenschaftlers am Observatorium für polare Lichtforschung wissen, dass es auch am Südpol Nordlicht gibt. Deshalb redet man auch besser vom Polarlicht, weil es diese Erscheinung an beiden Polen der Erde gibt!« Der Spezialist für farbige Himmelslichter sah seinem Sohn fest in die Augen. Flavio senkte den Kopf und Chiara zwinkerte Børre lustig zu. »Jetzt hat’s ihm Paps aber gegeben.« Dann stand sie auf und verschwand in der Küche. Flavio nahm wortlos den Brief zur Hand und winkte Børre, ihm zu folgen.

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Auf dem Weg zur Gartenhütte untersuchte er den Absender. »Aus Kanada«, sagte er verwundert. »Da habe ich wirklich keine Freundin, die mich zu ihrem Geburtstag einladen könnte.« Børre wurde hellhörig. »Kanada? Guck mal, ob er vielleicht in Toronto abgestempelt wurde.« Flavio versuchte den schwachen Poststempel zu entziffern. »Tatsächlich!«, fuhr er hoch. »To ... ronto. Da kenne ich nur einen einzigen Menschen.« »Herrn Villeneuve«, stellte Børre nüchtern fest. »Der ›Kellner‹, der fünf Sprachen spricht. Keiner kennt sich besser in Sachen Tierschutz aus als er.« »Ja, von der Kripo!«, ergänzte Flavio, der jetzt ganz aus dem Häuschen war. »Er jagt die Gauner, die den Robben das Fell über die Ohren ziehen, um den halben Globus.« »Und uns noch eine Belohnung schuldig ist«, bemerkte Børre weiter. »Los, öffne ihn endlich!« Flavio ritzte hastig den Briefumschlag auf, zog ein amtliches Schreiben heraus und fing laut an zu lesen:

Toronto, den 19.6. ... Hello boys ! Freue mich, euch mitteilen zu können, dass der Fall Nr. 268 (Fell- und Eisbärschmuggel) zu den Akten gelegt werden konnte. Die Schuldigen sind zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Jetzt steht nur noch eure versprochene Belohnung aus. Hier ist sie: Flugreise für zwei Personen vom 16.-18. Juli zu dem ›Ereignis des Jahres‹ auf die Färöer-Inseln (mehr wird nicht verraten). Dies ist eine offizielle Einladung des kanadischen Bundeskriminalamtes. Begleitperson: Luc Villeneuve, Kriminalinspektor. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit euch. Die Flugtickets liegen bei. gez. i.A. BKA, CDN, L. Villeneuve

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Flavio machte einen Luftsprung und boxte Børre, der sein ansonsten kühles Norwegergesicht zu einem breiten Lächeln verzogen hatte, in die Rippen. »Das ist wenigstens etwas Programm in den langen Sommerferien«, lachte er. Dann eilten die beiden Jungen in den Garten zurück. Unterdessen hatte Silvio Brusco mit seiner Frau eine kurze Unterredung unter vier Augen geführt. »Hör mal, Ariana«, sagte er leise. »Das ist der erwartete Brief aus Kanada. Du weißt ja, was wir mit Herrn Villeneuve abgesprochen hatten. Wahrscheinlich geht es um die Einladung. Folgendes ist heute noch dazwischengekommen: Der Leiter vom Institut hat Petter Løvke und mich angesprochen und gefragt, ob wir bereit wären, die diesjährige Inspektion der Außendienststellen zu übernehmen, weil Olaf und Toralf kurzfristig ausgefallen sind. Sie stehen unter Verdacht, geheime Forschungsergebnisse weitergegeben zu haben. Weißt du, was das bedeutet? Wahrscheinlich werde ich zum neuen Abteilungsleiter befördert. Jedenfalls kann ich davon ausgehen, dass es so kommen wird. Petter hat unter einer Bedingung zugesagt: falls er seine Familie mitnehmen darf. Helga und seine Tochter Maren. Komischerweise hat der Chef sofort zugestimmt und mir ebenfalls angeboten, die Familie mitzunehmen. Da kann und darf ich nicht ablehnen.« »Hmm«, machte Frau Brusco nachdenklich und warf sich eine Strickjacke über die Schultern, weil jetzt ein recht kühler Windhauch um das kleine Holzhaus strich. »Welche Außenstelle ist denn im Gespräch, und wie lange wirst du fort sein?« »Alle, bis auf Spitzbergen«, raunte Silvio. »Zum ersten Mal in meinem Leben käme ich auf die Färöer-Inseln, nach Island und Grönland. Wir wären also vier bis fünf Wochen unterwegs. Wahrscheinlich fahren noch zwei Studenten von der Uni mit, die die diesjährige Packeisverschiebung kartografieren* wollen.« »Das Polarmeer ist nichts für mich«, wehrte Ariana ab. * in eine Karte einzeichnen

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»Frag lieber Børre, ob er mitfahren möchte. Das wäre für die drei doch ein tolles Erlebnis. Ich hole lieber den Punto aus Trondheim ab. Fiat fahren behagt mir mehr, als mit dem Schiff um Eisberge herumzukurven.« »Gut«, sagte Silvio Brusco, der nicht gerne viele Worte machte. »Die Lösung gefällt mir. Du kümmerst dich um Auto und Haus und ich mich um die Kinder. Einzelheiten später.« In diesem Moment sausten Børre und Flavio um die Ecke. Von dem Jubelgeschrei ihres Bruders angelockt, ließ Chiara das Handtuch fallen und huschte aus der Küche. »Was ist denn in dich gefahren?«, fragte sie den ausgelassenen Hüpfer und schob wieder einmal ihre schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Erwartungsvoll sah sie auf den Brief in der Hand ihres Bruders. »’Ne Einladung von einer Freundin in Kanada«, lachte Flavio, und nachdem die Jungen sich in ihrer Berichterstattung regelrecht überschlagen hatten, meinte Herr Brusco, indem er sich langsam das Kinn rieb: »Schwierige Situation.« Das Gesicht Flavios wurde ernst. »Dürfen wir etwa nicht?«, fragte er. »Schwierige Entscheidung«, ergänzte der Polarlichtforscher bedächtig. »Ich wollte euch gerade eine Seereise von fünf Wochen anbieten. Aber bitte schön, wenn ihr euch schon mit drei Tagen auf den Färöer-Inseln zufriedengeben wollt ...« Flavios Gesicht wurde lang und länger und aus seinen dunklen Augen leuchtete so etwas wie zwei riesengroße Fragezeichen hervor. Die Kinnlade auf halb acht, stammelte er: »F... F... Fünf Woch ...Wochen?« Børre stieß ihn mit seinem Ellenbogen in die Seite und flüsterte ihm zu: »Das hat bestimmt was mit der Neuigkeit vom Institut zu tun. Tu jetzt bloß nicht plötzlich so interessiert.« Ariana sah ihren Mann an. »Komm, Silvio, lass die Kinder nicht so lange zappeln.«

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