Lois Walfrid Johnson ist eine bekannte Autorin unter christlichen Lesern. Ihre den Teenagern gewidmeten Bücher waren mehrere Jahre Bestseller. Sie und ihr Ehemann Roy haben drei Kinder und leben im ländlichen Wisconsin, USA.
1. Auflage 2011 (CLV) Originaltitel: Trouble at Wild River / Adventures of the Northwoods 5 © 1991 by Lois Walfrid Johnson Deutsche Ausgabe erstmals 1997 erschienen bei One Way Verlag GmbH, Wuppertal © der deutschen Ausgabe 2011 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Ulrike Stute und Wolfgang Neumeister Satz: CLV Umschlag: typtop, Andreas Fett, Meinerzhagen Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-89397-595-2
Inhalt Geheimnisvolle Geräusche
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Der Betrüger
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Kates Entscheidung
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Überraschung für Mama
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Papas Warnung
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Zunehmende Beweise
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Der Fremde
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Gefahr, Gefahr!
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Einsames Treffen
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Noch mehr Schwierigkeiten
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Der wilde Fluss
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Joes ernste Warnung
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Überlebenskampf
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Wohin?
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Zwischen den Fronten!
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Der schwarze Hut
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Schrecken im Mondlicht
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Ruf aus der Nähe
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Der Schrei der Eule
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Ein neuer Anfang
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Big Gust Anderson, Gust Berglund, Walfrid und Edla Johnson, John Peterson, Steven und Edith Powell, Charles und Hannah Saunders sowie Katherine Cloud lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Gegend von Grantsburg / Trade River / St. Croix im Nordwesten Wisconsins. Alle weiteren Charaktere sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die geografischen Angaben entsprechen der Realität – mit Ausnahme des Sand Creek, der frei erfunden ist. Zur Zeit der Handlung dieses Buches nannten sich die Ureinwohner Amerikas in Nordwest-Wisconsin in der Gegend des St. Croix »Chippewa«. In den letzten Jahren gebrauchen viele wieder die Bezeichnung »Ojibwa«.
Fßr Daniel, weil wir dich wertschätzen, so, wie du bist, und die Art und Weise, wie du dein Leben nutzen willst
Geheimnisvolle Geräusche atherine O’Connells tiefblaue Augen leuchteten im Schein der Laterne. Sie schaute nach vorn, während sie das schwarze Haar, das sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, zur Seite schob. Die Stute Wildfire trabte leichtfüßig über die schneebedeckten Stellen und zog den Farmerwagen, in dem Kate saß. Hoch oben erhellte ein schiefer Halbmond den Himmel. In dieser wolkenlosen Märznacht leuchteten die Sterne sehr hell, sie schienen sich direkt über den Wipfeln der Bäume zu befinden. Kate, die zwischen ihrem Stiefbruder Anders und ihrem gemeinsamen guten Freund Erik Lundgren saß, fühlte sich sicher und geborgen. Als Anders Wildfire auf einen Weg lenkte, der durch den Wald führte, rief eine Eule. Der Ruf kam aus der Ferne – jeder Ton ein einsamer Schrei. Kate fröstelte, jedoch nicht vor Kälte. Wenn die Stute ihre Beine streckte, fielen lange Schatten auf den Weg. Wie lange Finger, die auf etwas zeigten, streckten sich Kiefernzweige hin zum Wagen und berührten Kate beinah. Schon bald ertönte der Schrei der Eule wieder. Huu, huu, huu, huu – huu, huu, huu, huu-ah! »Das ist keine Eule«, sagte Erik in der Stille, die folgte. »Nicht?«, fragte Kate. »Was ist es dann?« »Jemand, der ein Zeichen gibt.« Die Laterne, die
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Erik hielt, warf ein flackerndes Licht auf sein gewelltes braunes Haar. Sein Blick verriet jedoch Gewissheit. Anders zügelte die Stute. Das Rufen der Eule schien diesmal näher zu sein. »Das ist eine Eule«, meinte Anders, als der Schrei verhallte. »Nein, ist es nicht.« Erik schien sich sicher zu sein. »Jemand gibt durch den Wald eine Nachricht weiter.« Anders lachte. »Ich dachte immer, dass Kate diejenige mit der blühenden Fantasie wäre.« »Das ist sie auch«, meinte Erik. »Aber das hier ist keine Einbildung. Es ist wirklich so.« »Ja klar«, erwiderte Anders. »Wetten wir.« Er schlug die Zügel leicht auf Wildfires Rücken, und die Stute holte aus. Aber Kate war neugierig. »Erik, woher weißt du das? Weshalb meinst du, dass es keine Eule ist?« »Ich kann es nicht erklären«, antwortete er. »Ich höre ganz einfach den Unterschied.« Während Wildfire weitertrabte, starrte Kate in die Dunkelheit und hoffte, irgendwo eine große Eule zu Gesicht zu bekommen. Doch sie wusste, dass Erik sich selten irrte. Sein gutes musikalisches Gehör half ihm, auch andere Geräusche gut zu unterscheiden. »Wenn es keine Eule ist, was ist es dann?«, fragte Kate. »Du meinst, wer ist es dann«, sagte Anders. »Wer 10
schleicht durch die finstere Nacht? Wer wartet nur darauf, dich von diesem Wagen zu holen?« »Ach Anders!« Seit Kate nach Nordwest-Wisconsin gekommen war, hatte sie mit ihrer Angst vor dem nächtlichen Wald gekämpft. Aber sie wollte diese Angst nicht vor ihrem Stiefbruder zugeben, der ebenfalls 13 Jahre alt war. Wie Erik war auch Anders 1,80 Meter groß und hatte durch die Arbeit auf der Farm breite Schultern. Kate tat so, als habe sie keine Angst, und starrte in die Zweige hinauf, die nach dem Winter immer noch ohne Blätter waren. Es flog keine Eule von Baum zu Baum. In diesem März des Jahres 1907 waren die Tage in Nordwest-Wisconsin warm. In den Nächten fiel die Temperatur jedoch bis unter den Gefrierpunkt, was das ideale Wetter war, um den Saft der Ahornbäume reichlich zum Fließen zu bringen. Zwei Wochen lang arbeiteten die Farmer und ihre Familien sehr hart, sammelten den dünnen Saft und kochten ihn zu Sirup. In den Wäldern wurde es früh dunkel, und Kate befürchtete, dass sie das, was sie sehen wollte, verpassen würde. »Seid ihr euch sicher, dass Joes Großmutter immer noch Sirup macht?« Kate freute sich darauf, die Chippewa-Familie kennenzulernen. »Jup«, meinte Anders. »Er hat gesagt, dass seine Großmutter bis spätabends arbeitet. Sie wird gerade ihre Arbeit für diesen Tag beenden.« Joes Großeltern besaßen eine Farm am Trade 11
River. Anders und Erik kannten den Indianerjungen schon länger. Kate war neu in dieser Gegend. Vor einem Jahr hatte ihre Mutter Anders’ Vater geheiratet, und Mama und Kate waren von Minneapolis auf die Windy Hill Farm gezogen. »Warum sammelt die Familie Cloud den Saft von den Bäumen hier in der Nähe?«, fragte Kate. »Sie haben keine Ahornbäume auf ihrem eigenen Land«, erklärte Erik. »Normalerweise zapfen sie Bäume an, die näher an ihrem Haus stehen. Dieses Jahr hat Frau Cloud einen Farmer in der Nähe vom Big Wood Lake gefragt, ob sie seine Bäume anzapfen könnte. Wenn sie mit der Arbeit fertig ist, wird sie ihm Sirup und Bonbons geben.« Ein Grinsen huschte über das Gesicht ihres Bruders. »Weißt du was, Kate? Du kannst Joe ja bei der ganzen Arbeit helfen. Das heißt, wenn du mit ihm Schritt halten kannst.« Mittlerweile kannte Kate ihren Bruder gut genug, um die meisten seiner Späße zu durchschauen. Trotzdem war sie neugierig. »Was macht er denn?« »Er sammelt Holz für das Feuer. Er sammelt die Eimer mit Ahornsaft. Und er bringt diese Eimer zum Feuer.« »Das ist harte Arbeit«, meinte Erik. »Joes Brüder helfen auch dabei. Sie beginnen, wenn der Saft morgens zu fließen beginnt, und hören nicht auf, bis er abends langsam aufhört zu fließen.« Als Anders die Stute auf die Spur eines anderen Weges lenkte, fragte Kate: »Wo fährst du hin?« 12
Anders schlug leicht mit den Zügeln. »Ich nehme eine Abkürzung am See entlang.« »Bei dem warmen Wetter könnte es dort sumpfig sein«, warnte Erik. Anders tat so, als habe er es nicht gehört. Es dauerte nicht lange, und die Bäume auf beiden Seiten des Weges lichteten sich. Wildfire verlangsamte ihr Tempo und lief vorsichtig weiter. Plötzlich sank sie tief in den Matsch. Nervös warf die Stute den Kopf hoch. Anders schnalzte mit der Zunge. »Es ist alles gut«, redete Anders beruhigend auf sie ein. »Komm schon, Mädchen. Los geht’s!« Wildfire drehte die Ohren nach dem Klang seiner Stimme und legte sich ins Zeug. Der Wagen machte einen Satz nach vorn, während die Räder den Matsch durchpflügten. Als sie sich immer langsamer fortbewegten, wurde Kate ungeduldig. »Wir werden zu spät kommen!«, meinte sie zu Anders. Ihr großer blonder Bruder schenkte ihr keine Beachtung. Schließlich kamen sie an eine offene Stelle ohne Bäume. Hier und da befanden sich noch Schneeflecken auf dem Eis des Big Wood Lake. In der Dunkelheit türmte sich ein großer schwarzer Stapel auf. Schon bald sah Kate noch mehr dunkle Schatten am Ufer des Sees. Als sie näher kamen, erkannte sie, was es war – große Stapel sorgfältig aufgeschichteter Baumstämme. Die Farmer, denen das Land um den See gehörte, 13
arbeiteten während des Winters, indem sie auf ihrem Land Bäume fällten. Die Stämme verkauften sie an eine große Gesellschaft, um Geld zu verdienen, das sie dringend für ihre Familien benötigten. »Wenn das Eis schmilzt, werden die Farmer den Damm öffnen.« Erik zeigte in die Dunkelheit. »Die Stämme verlassen dann den Big Wood Lake, schwimmen durch den Damm und dann den Wood River hinunter zum St. Croix.« Kate wusste, dass der St. Croix die Grenze zwischen Wisconsin und Minnesota bildete. Waren die Stämme einmal dort, schwammen sie stromabwärts zu den Sägewerken nach Stillwater in Minnesota. In diesem Augenblick brachte Anders die Stute zum Stehen, drehte den Kopf herum und lauschte. Schnell blies Erik die Flamme der Laterne aus. »Psssst!«, warnte er. Anders ließ sich zu Boden gleiten und kämpfte sich durch den Matsch nach vorn. Als er neben Wildfires Kopf stand, legte er seine Hand auf ihren Hals. Einen Augenblick später hörte Kate etwas, was ihr vorher entgangen war. Aus kurzer Entfernung ertönte ein seltsames Geräusch. Was war das? Als Erik sich vom Wagen hinunterließ, wusste Kate, dass er dasselbe Geräusch gehört hatte. Kate folgte ihm und sprang über den Matsch in der Fahrspur, um auf festeren Grund in der Nähe der Bäume zu kommen. Bald hatten sie Anders erreicht. Er stand so ruhig, 14
als würde er lauschen. Als Wildfire unruhig wurde, legte Anders seine Hand über ihre Nüstern. In der Stille hörte Kate das seltsame Geräusch erneut. Wildfire stampfte mit dem Fuß. Anders beruhigte sie, dann führte er sie vom Weg herunter. Im Mondlicht sah Kate, dass er die Führungsleine der Stute an einen Baum band. Wildfire begann das braune Gras zu fressen, das durch den wenigen Schnee hervorragte. Als Anders zu ihnen zurückkam, übernahm Erik die Führung. Kate war mittlerweile mehr als neugierig geworden. Was ging hier vor? Warum waren die Jungen so vorsichtig? Sie traute sich nicht, etwas zu sagen, nicht einmal zu flüstern. Erik kam zum ersten Stapel der Holzstämme und wartete, bis Kate und Anders ihn erreicht hatten. Obwohl die Jungen 1,80 Meter groß waren, ragten die aufgestapelten Stämme über sie hinweg. Das Geräusch kam deutlich von irgendwo hinter dem Stapel. Erik ging weiter wie ein dunkler, lautlos wandelnder Schatten. Kate und Anders folgten ihm. Der weiche Untergrund dämpfte ihre Schritte. Als sie den nächsten Holzstapel erreichten, blieben sie wieder stehen, um zu lauschen. Diesmal erkannte Kate das Geräusch: Jemand sägte Holz. Aber warum arbeitete derjenige in der Dunkelheit? Was hatte er zu verbergen? Kate schob ihr Unbehagen beiseite und folgte Erik 15
zum nächsten Holzstapel. Dieser Stapel war niedriger. Obwohl Kate klein war, konnte sie über ihn hinwegsehen. Nicht weit entfernt stand eine Laterne auf dem Boden. Ihr Licht spiegelte sich in einer Säge daneben wider. Ein Mann mit dunkler Bekleidung bückte sich dicht neben einem weiteren Holzstapel. Er beeilte sich, einen Leinensack mit Holzscheiben zu füllen, die er vom Boden aufsammelte. Nachdem der Sack prall gefüllt war, band der Mann ihn zu. Dann hob er ein Werkzeug mit einem Holzgriff auf. Was ist das?, fragte sich Kate. Eine Axt? Als der Mann dichter an die Laterne kam, konnte Kate das Werkzeug, das er benutzte, besser sehen. Eine Axt schien es nicht zu sein – es sah mehr wie ein kleiner Vorschlaghammer aus. Der Mann stellte sich ans Ende der Holzstämme und schwang den Hammer. In der klaren Nachtluft hörte man das dumpfe Schlagen von Eisen auf Holz. Immer wieder schlug der Mann mit dem Hammer gegen das Ende der Stämme. Nach einer gewissen Zeit richtete er sich auf. Er drehte den Kopf und schien zu lauschen. In diesem Augenblick wieherte Wildfire. Der Mann machte einen Satz zur Laterne und blies das Licht aus. In der Dunkelheit hörte Kate, wie er sich im Laufschritt entfernte. Dann war alles still. Kate blinzelte, als sie sich bemühte, über die kleine Flamme hinauszusehen, die vor ihren Augen 16
tanzte. Anders und Erik stürzten vorwärts, und sie sprang hinterher. Jeder von ihnen nahm einen anderen Weg. Sie suchten so schnell sie es ohne Licht konnten. Aber sie entdeckten keinen dunklen Schatten, der sich hingekniet hatte, um sich im Schutz eines Holzstapels zu verbergen. Wer auch immer hier gewesen war – er war verschwunden. Dann hörte Kate ein Geräusch aus größerer Entfernung. »Dort drüben!«, rief sie. Sie rannte dorthin, woher das Geräusch kam, und bog dabei um einen großen Holzstapel. Ein Stamm ragte weiter vor als die anderen und schlug ihr gegen die Brust. Kate warf die Arme hoch und fiel rückwärts in die Dunkelheit.
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Der Betrüger m nächsten Augenblick landete Kate hart auf dem Boden. Ich bekomme keine Luft mehr, dachte sie. Ich kann nicht mehr atmen. Für scheinbar eine Ewigkeit lag sie still am Boden, zu benommen, um sich zu bewegen. Dann rief Erik: »Kate, wo bist du?« Sie hörte seine Stimme, konnte aber nicht sprechen. Erik kniete sich dicht neben ihren Kopf. »Was ist passiert? Bist du verletzt?« Kate brachte keinen Ton heraus. »Ihr ist die Luft weggeblieben«, meinte Anders. Kate stöhnte, und schließlich nahm sie einen langen zittrigen Atemzug. In kurzer Entfernung hörte sie eine schnelle Bewegung. War es der flüchtende Mann? Dann spürte Kate den feuchten Boden, auf dem sie lag. Der kalte Matsch kroch ihr durch die Strümpfe und das Kleid. Sie drehte den Kopf und öffnete die Augen. Im Licht des Mondes sah sie, wie erschreckt Erik und Anders waren. Erik half ihr, sich hinzusetzen. »Was hast du gemacht?«, fragte Anders. »Weißt du nicht, dass man sich auf diese Weise leicht verletzen kann?« Kate zuckte beim Tonfall seiner Stimme zusammen. Es machte keinen Unterschied, dass er immer
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so sprach, wenn er sich aufregte. Als Kate ihn hörte, fühlte sie sich nur noch schlechter. »Ich habe mir allerdings wehgetan«, grummelte sie, als sie wieder sprechen konnte. »Ich meine wirklich verletzen«, schimpfte Anders. »Was hast du dir dabei gedacht, hinter dem Mann herzurennen? Was wäre geschehen, wenn er beschlossen hätte, dich anzugreifen?« Kate hatte überhaupt nicht nachgedacht. Sie wusste das. Sie wollte nur, dass der Mann nicht entkam. Aber sie hatte nicht vor, ihren Fehler vor Anders zuzugeben. Langsam stand sie auf. Dann bückte sie sich und versuchte den Dreck von ihrem Mantel und ihren Strümpfen zu wischen. Als sie schwankte, griff Erik nach ihrer Hand. »Sei still, Anders«, sagte er. »Sie weiß, dass es eine dumme Idee war.« »Dumm, ja?« Kate wurde wieder normal. Sie ließ Eriks Hand fallen, weil sie sich nicht noch mehr von ihm helfen lassen wollte. Anders lief schnell zum Wagen und kam mit der Laterne zurück. Erik zündete sie an, und die beiden Jungen suchten die Gegend ab. Nachdem sie die Enden der Baumstämme untersucht hatten, machten sie einen Bogen, wobei sie die Laterne vor sich hertrugen. Die Laterne entfernte sich schwankend. Kate wollte ihnen folgen, stellte aber fest, dass sie von dem Stoß noch immer wackelig auf den Beinen war. 19
Als das Licht verschwand, begann Kate zu zittern. Hatten die Jungen Fußabdrücke auf dem weichen Boden entdeckt? Es gefiel ihr nicht, so ganz allein zu sein. Was war, wenn der Mann zurückkam? Die Minuten zogen sich hin. Kate ging zurück zum Wagen und kletterte auf den hohen gefederten Sitz. Sie schaute sich um und blickte in den Nachthimmel und zu dem schiefen Mond. Jetzt wäre ihr eine Eule willkommen gewesen, die mit ihrem großen Körper durch die hohen Bäume flog. Ein kalter Wind blies vom See, und sie wickelte eine Decke um sich. Irgendwo hinter dem Wagen raschelte ein Zweig. Kate fuhr erschreckt hoch. Sie drehte sich um und sah, wie der Schein einer Laterne die Dunkelheit durchdrang. Zwei dunkle Schatten lösten sich von den Bäumen. Als Anders und Erik aus den Bäumen hervortraten, war Kate erleichtert. »Wir haben ihn ein ganzes Stück verfolgt«, erzählte Erik. »Aber wir haben ihn verloren, als der Boden fest wurde.« Die beiden Jungen kletterten auf den Wagen, und Anders trieb Wildfire an. Als sie wieder losfuhren, blickte er zu Kate hinunter. »Deinetwegen ist uns der Mann entwischt.« »Meinetwegen?« Kate war nun wütend. Sie richtete sich auf und warf ihren Zopf über die Schulter. »Du meinst wohl wegen Wildfire. Sie hat gewiehert.« »Wärst du nicht flach auf deinem Rücken gelan20
det, hätten wir ihn einholen können«, erklärte Anders. Kate wusste, dass er recht hatte, und wahrscheinlich tat es ihr mehr leid als jedem anderen. Doch Anders brachte sie aus der Fassung, und sie wollte nicht die ganze Schuld auf sich allein sitzen lassen. »Was hat der Mann dort gemacht?« »Er stiehlt Holzstämme«, brummte Anders. »Er stiehlt Holzstämme? Woher weißt du das?« »Erinnerst du dich an die Säge, die wir gehört haben?«, fragte Erik. »Der Mann hat von jedem Stammende dünne Scheiben abgesägt. Es sah so aus, Š•œ1‘§••Ž1Ž›1Ž’—Ž—1 Ž’—Ž—œŠŒ”:ó »Um die Stücke einzusammeln«, sagte Kate. Bis jetzt hatte sie nicht alles verstanden, was geschehen war. Sie wusste nur, dass der Mann etwas tat, was nicht in Ordnung war. Er hatte sich zu sehr bemüht, die Sache geheim zu halten. »Warum hat er mit einem Vorschlaghammer gegen die Stämme geschlagen?«, fragte sie. »Es war kein Vorschlaghammer.« Anders trieb Wildfire an. Der Weg war hier fester, und die Stute lief schneller. »Es ist ein kleinerer Hammer«, erklärte Erik. »Er ist kleiner und leichter, und man nennt ihn Markierhammer. Auf beiden Seiten des Hammerkopfs befindet sich ein hervorstehendes Zeichen, mit dem man eine Markierung macht.« »Wie ein Brandzeichen, das die Rancher bei den Rindern verwenden?« 21
»So ähnlich. Aber Rancher benutzen ein heißes Eisen, um das Fell eines Tieres zu markieren. Holzarbeiter hämmern ihre Markierungen in das Ende des Stamms.« Während die Jungen sich unterhielten, erfuhr Kate, dass jeder Farmer, der Stämme den Fluss hinuntertreiben ließ, sowie jede Holzgesellschaft eine eigene spezielle Markierung besaß. Im Licht der Laterne sah sie Eriks Augen. »Die Besitzer der Holzstämme werden nach der Anzahl der Stämme bezahlt, die mit ihrer Markierung hereinkommen«, erklärte er. »Also ist der Mann ein Betrüger«, meinte Kate zögernd. »Er tut so, als gehöre ihm etwas, was ihm nicht gehört.« Erik nickte. »Und die Farmer, die hart arbeiten, wenn sie die Bäume fällen, werden nicht für ihre Stämme bezahlt. Das ist genauso, als würde man ihnen Geld stehlen.« Kate atmete tief durch und stellte fest, dass sie wieder normal atmen konnte. Doch der Gedanke an den Betrüger machte ihr Angst. Was würde er als Nächstes versuchen? Es dauerte nicht lange, und Erik sprang vom Wagen, um ein Tor zu öffnen. Auf dem Weideland, durch das sie nun fuhren, standen nur vereinzelt Bäume. In der Dunkelheit brannte ein Feuer. Als sie näher kamen, sah Kate vier Stangen, die senkrecht an vier Ecken des Feuers aufgestellt waren. Dazwischen spannten sich weitere Stangen 22
über die Flammen. Von diesem Gerüst hingen mehrere Ketten herunter. An einer davon hing ein großer Eisenkessel. An anderen Ketten hingen kleinere Kessel und Eimer. Eine Indianerin in einem langen Kleid rührte den Inhalt des größten Kessels um. Als Anders Wildfire zum Stehen brachte, kam ein schlanker Junge von ungefähr 14 Jahren auf sie zu. »Joe, das ist Kate«, stellte Anders vor. Im Licht der Laterne lächelte der Junge. Mit seinem schwarzen Haar und seinen schwarzen lebhaften Augen sah er athletisch und stark aus. »Komm mit uns«, forderte Anders ihn auf. Während Wildfire über die Weide auf den Hof trabte, rannte Joe neben dem Wagen her. Beim Geländer zum Anbinden der Pferde kletterte Kate vom Wagen und ging auf das Haus zu. Erik blieb in ihrer Nähe und achtete darauf, dass mit ihr alles in Ordnung war. Auf Anders’ Klopfen hin öffneten ein paar jüngere Kinder die Tür und holten dann ihren Vater herbei. »Kommt herein«, bat sie der Mann. »Wir trinken gerade Kaffee.« In der warmen Küche erblickte Kate einen weiteren Mann und zwei Frauen, die an einem runden Tisch saßen. Als sie die Ankömmlinge sahen, unterbrachen sie ihr Gespräch. Dann schaute Kate an ihnen vorbei. An der Wand stand ein großer Mann. Sein Kopf reichte mehr als 30 Zentimeter über den Türrahmen. 23
»Big Gust!«, rief Kate. Sie war überrascht, den 2,28 Meter großen Schweden hier zu sehen. »Ich habe ganz vergessen, dass Ihre Schwester hier in der Nähe lebt.« Big Gust, der Marshal von Grantsburg, hatte Kate und Anders geholfen, mehr als ein Geheimnis zu lüften. Jetzt strahlte sein riesiges Gesicht zur Begrüßung. »God dag, god dag«, begrüßte er sie. Kate wusste, dass es das schwedische Hallo war. Dann schaute Big Gust an ihr vorbei zu den Jungen, und sein Lächeln verschwand. Schnell ging er um den Tisch herum. »Was ist passiert?«, fragte er. Jetzt erst merkte Kate, wie sie aussah. An ihrem Mantel hingen kleine Holzsplitter. Sowohl auf dem Mantel als auch auf ihren Socken und ihrem Kleid befanden sich verstreute Schmutzflecken. Sie wich zurück und wünschte, sie könnte sich verstecken. Aber Big Gust folgte den beiden Jungen bereits nach draußen. Als Kate sie erreichte, erzählte Anders dem Marshal schnell, was geschehen war. Big Gust verschwendete keine Zeit. Mit seiner tiefen Stimme grollte er: »Nur eine Minute.« Als er wieder aus dem Haus kam, trug er seinen Mantel und brachte die beiden Männer mit. Der Marshal überragte sie beide. Kate und die Jungen gingen eilig zu Wildfire. Als Kate hinaufkletterte und auf dem Sitz Platz nahm, meinte Anders in scharfem Ton: »Du kommst nicht mit.« 24
»Doch, das werde ich«, erwiderte Kate. »Nein, das tust du nicht«, erklärte ihr Bruder. Dann kam Erik hinzu, und Kate wandte sich an ihn. »Ich kann doch mitkommen, oder?« Erik schüttelte den Kopf. »Es ist zu gefährlich.« Kate traute ihren Ohren nicht. »Ich war von Anfang an dabei. Warum kann ich denn jetzt nicht mitkommen?« Anders kletterte neben ihr auf den Wagen. »Das hier ist reine Männersache.« »Männersache!«, ereiferte sich Kate. »Du und Erik, ihr seid keine Männer!« »Und ob wir das sind!« Anders hob einen Arm und ließ seine Muskeln spielen. »Wir müssen uns beeilen, Kate«, meinte Erik, während er darauf wartete, dass Kate vom Wagen herunterkam. Kate warf einen Blick zu Joe, der ein Stück weit entfernt stand. Es war ihr peinlich, wie ein kleines Baby behandelt zu werden. »Warum kann ich nicht mitkommen?«, fragte sie ihren Bruder. »Weil du wieder verletzt werden könntest.« Erik sah sie mit festem Blick an. Kate wusste, dass sie keine Chance hatte, und kletterte hinunter. Stocksteif stolzierte sie zum Haus. Doch als sie hörte, dass Anders Wildfire zuschnalzte, siegte ihre Neugier. Kate schaute sich um und sah, dass das feurige schwarze Pferd die Führung übernahm. Ein weiterer Wagen mit Big Gust und den beiden Männern folgte. 25
Dann stürmte Joe über den Hof. Flink und leichtfüßig sprang er über die mit Schnee bedeckten Flecken. Als Anders in den Waldweg einbog, holte der Junge sie ein und lief neben dem Wagen her. Er läuft so flink wie ein Hirsch, dachte Kate, während sie Joe beobachtete. Sie verstand bereits, warum Anders und Erik ihn mochten. Schließlich verschwanden die Wagen aus dem Blickfeld. Kate wünschte sich, bei ihnen zu sein, um zu sehen, was geschah. War der Betrüger zu den Baumstämmen zurückgekehrt? Oder versteckte er sich in diesem Augenblick irgendwo zwischen den Bäumen?
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