Holger Klaewer
Børre und die Eisbärschmuggler
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 • 33661 Bielefeld
1. Auflage 2007 © by CLV • Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 • 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: OTTENDESIGN.de Zeichnungen und Satz: Holger Klaewer Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Inhalt sprich: ø = ö; æ = ä;
Ein Fiat bricht aus
å=o
................................... Seite
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Polarnacht in Palermo ............................
Seite 13
An der Pforte zum Eismeer....................
Seite 21
Zwei Jungen wissen zu viel
................... Seite 33
Kreuzfahrt im Maschinenraum Eine Panne am Polarkreis
............ Seite 38
...................... Seite 44
Nebel in der Belmont-Bucht .................. Sturmtief über der Doggerbank Gaunerstück im Europoort
Seite 52
........... Seite 61
.................... Seite 72
Der Boss sieht rot .....................................
Seite 83
Schiebereien vor der Grenze .................
Seite 94
Zirkus im St.-Gotthard-Tunnel
............. Seite 109
Auf der ›Strada del sole‹ ..........................
Seite 120
Schleichwege durch die Toskana .........
Seite 134
Ein Eisbär in der Kfz -Werkstatt ........... Seite 142 Kalte Asche am Vesuv .......................... ...
Seite 156
Bruchlandung am ›Capo Gallo‹ ..............
Seite 165
Der Paradies-Direktor ..............................
Seite 173
Schauerwetter auf Sizilien
.................... Seite 189
Schneehasen im Olivenhain
................. Seite 201
Dieses Buch handelt von einem Eisbären. – Eisbären leben dort, wo es auch Eis gibt – genauer: Treibeis. Sie springen und schwimmen von Eisscholle zu Eisscholle und jagen überwiegend Robben. Eine dicke Speckschicht schützt sie gegen die Kälte. Als ausgesprochener Einzelgänger sucht der Eisbär nur Kontakt mit anderen Bären, wenn er einmal Junge bekommen will. So bringt eine Eisbärendame alle drei bis vier Jahre zwei kleine Bären zur Welt. Der Eisbär ist ein gefährliches Raubtier und hat so gut wie keine Feinde. Er greift sogar seine Jäger an – den Menschen –, um sein schönes Eisbärenfell zu retten. Doch wegen der übermäßigen Jagd auf den Polarbewohner gibt es nur noch etwa 22.000 Tiere. Außerdem trägt die Klimaerwärmung dazu bei, dass sein Lebensraum immer kleiner wird, denn das Eis in den polaren Zonen schmilzt. Daher steht der Eisbär unter Artenschutz.
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Ein Fiat bricht aus Langsam kroch der alte Fiat den Anstieg der Tromsøbro hoch. Die lange Brücke mit ihren vielen Pfeilern, die wie graue Stelzen aus dem Wasser des Tromsesundes ragten, war der ganze Stolz norwegischer Brückenbauer. In der Tat, diese 1.034 m lange Betonbrücke, die sich der italienische Kleinwagen hocharbeitete, hatte es in sich. Zunächst ging die Fahrbahn ungefähr einen halben Kilometer bergauf, ziemlich steil sogar. Dann machte die Brücke einen Bogen nach unten wie auf dem Gipfel einer Achterbahn, um sich anschließend mit starkem Gefälle in den Stadtkern von Tromsø zu bohren. Jeder Fahrradfahrer war froh, wenn er den höchsten Punkt der Brücke erreicht hatte, und dieser Punkt lag immerhin 43 m über der Wasseroberfläche. Danach konnte man das Rad rollen lassen. Und alte italienische Kleinwagen auch. Frau Brusco war jedes Mal erleichtert, wenn der klapprige Fiat noch einmal den Anstieg geschafft hatte. Wenn die Architekten stolz auf ihre Tromsøbro waren, dann war Frau Brusco jedenfalls stolz auf ihren braven Fiat. Nicht, weil dieses treue Gefährt nach vierzehn Jahren Dienstzeit immer noch solch gewaltige Hindernisse überwand, sondern weil dieser Fiat so ziemlich der einzige Wagen italienischer Abstammung war, der in der ganzen Gegend herumfuhr. Vielleicht war er sogar der einzige Fiat in ganz Norwegen. Und das war allemal ein triftiger Grund für Frau Brusco, den braven Italiener zu fahren, bis sie eines schönen Tages mit dem Sitz durch den durchgerosteten Fußboden brechen würde. Und dieser schöne Tag würde wohl hoffentlich ein Sommertag sein und der Augenblick des Durchbruchs bitte schön erst dann, wenn sie gerade in der blauen Holzgarage neben ihrem Häuschen in dem Vorskeveien Nr. 8 einparkte. 7
Keuchend näherte sich der Fiat der Kuppe. Suchend tasteten die Scheinwerfer nach dem Asphalt, hoben von der Fahrbahn ab und leuchteten kurzzeitig in die Dunkelheit des klaren Novemberhimmels über Tromsø. »Geschafft!«, lächelte Frau Brusco, schaltete in den zweiten Gang und blickte siegesbewusst nach rechts. Flavio saß zusammengekauert, beide Hände tief in die Taschen seiner Winterjacke geschoben, auf dem unbequemen Beifahrersitz. Die Heizung des Fiats ging schon mindestens fünf Jahre nicht mehr. Vielleicht hatte die Heizung auch noch nie richtig funktioniert. Möglicherweise besaß ein Fiat gar keine Heizung. Flavio wusste es nicht so genau. Warum sollte ein italienisches Auto, das normalerweise im sonnigen Süden herumkurvte, auch eine Heizung haben? Flavio interessierte sich nicht für Technik. Momentan interessierte er sich nur dafür, schnellstens nach Hause vor den warmen Kaminofen zu kommen. Mürrisch sah er durch die beschlagene Autoscheibe, auf der sich schon an den Rändern seit einer ganzen Weile stumpfe Eiskristalle bildeten. »Man sollte hier eigentlich ab November kein Auto mehr fahren«, murmelte er fröstelnd vor sich hin, »und man sollte als Italiener auch in Italien wohnen. Jeder vernünftige Mensch wohnt und arbeitet in dem Land, wo er geboren ist. Und wir hausen da, wo im Winter zwei Monate keine Sonne scheint, die Autos eine Standheizung brauchen und die Menschen eigentlich mit einer Wärmflasche auf dem Bauch geboren werden müssten!« Frau Brusco hörte auf zu lächeln. »In Italien gibt es eben kein Polarlicht«, sagte sie, schaltete noch einen Gang höher und der alte Fiat schnurrte wieder wie ein ganz zufriedener Kater. Flavio verzog das Gesicht. »Warum müssen Italiener sich auch unbedingt für das Polarlicht interessieren und für dieses Spektakel bis an das Ende der Welt umziehen? Reicht das helle Sonnenlicht Siziliens denn nicht auch? Vater könnte doch in Palermo arbeiten und Opa bei der
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Oliven-Ernte helfen. Stattdessen leben wir wie die Eisbären am Nordpol und gucken in den Mond.« »Na, na«, meinte die Fiat fahrende Frau Brusco, »bis zum Nordpol sind es von Tromsø immerhin noch mehr als 2.000 km und das Polarlicht ist nun mal eine prächtige Naturerscheinung, die man da erforschen muss, wo sie auf der Erde vorkommt. Sei froh, dass dein Vater eine so gute Arbeitsstelle hat. Außerdem scheint hier im Sommer die Sonne viel viel länger als in Italien. Mit diesem Ausgleich solltest du kleiner Ofenhocker nun wirklich zufrieden sein. Mamma mia, was ist denn das?« Frau Brusco hatte kurz auf die Bremse getreten, um nicht zu viel Fahrt zu bekommen, als der Wagen plötzlich vorne nach rechts wegrutschte. Die Bremsen des alten Fiats waren gut, aber das wiederum war auf einer plötzlich glatt gewordenen Tromsøbro ziemlich schlecht. »Festhalten!«, schrie Frau Brusco, »Glatteis! Da helfen die besten Winterreifen nichts.« Flavio zog unwillkürlich die Beine an. Für ein paar Sekunden setzte sein Atem aus, wie das immer bei solchen Rutschpartien ist. Ob man nun in Süditalien auf Bananenschalen ausrutscht oder in Nordnorwegen auf einer Tromsøbro losschlittert, leider weiß man nie genau, wo und wie man wieder liegen oder stehen bleibt. Der Fiat jedenfalls sprang mit blockierenden Rädern die Gehwegkante hoch, machte einen weiten Satz über den Bürgersteig, drückte das Geländer ein und blieb dann irgendwie mit einem lauten Knirschen auf der Brückenkante hängen. Und das ist 43 m über einer dunklen Wasserfläche ziemlich unangenehm. Der Wagen schwang nun wie auf einer Wippe langsam auf und ab. Jetzt stockte auch Frau Brusco der Atem. »Nicht bewegen«, zischte sie zu Flavio herüber und presste sich automatisch mit aller Kraft in die Rücklehne, damit so viel Körpergewicht wie irgend möglich nach hinten verlagert würde. Dabei war diese Gewichtsverlagerung völlig überflüssig, denn die zarte Italienerin wog längst nicht so viel, um mit ihrem Fliegengewicht den wippenden Fiat
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beeinflussen zu können. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie und ihr Spross nur mit fremder Hilfe aus dieser ungemütlichen Lage befreit werden konnten. Vorsichtig neigte sie den Kopf und starrte entsetzt durch die Frontscheibe auf das bedrohlich dunkle Wasser unter ihr. »Das Handy«, stöhnte sie und schob ihre rechte Hand ganz vorsichtig in die Manteltasche. Doch solange sie auch tastete und fühlte, ein Handy kam nicht zum Vorschein. »Bloß nicht bewegen«, presste sie erneut hervor. »Ich finde das Handy nicht.« Flavio saß wie erstarrt. Kalte Luft strömte von unten in den Fiat hinein, dessen letzte Stunde jetzt wohl gekommen war. Doch an das demolierte Fahrzeug dachte Flavio nicht. Sogar Frau Brusco, die auf ihrem Autositz 30 cm niedriger saß als ihr Sohnemann, verschwendete keinen Gedanken an den ausgebüchsten Italiener. Vielmehr war sie mit sich selbst beschäftigt, kalte Schweißtropfen blieben in ihren schmalen Augenbrauen hängen. Glücklicherweise schien weder sie noch Flavio verletzt zu sein. Blut konnte sie auf Anhieb jedenfalls nicht entdecken. Die Minuten vergingen. Keiner sagte ein Wort und das Handy blieb verschwunden. Zu dieser Uhrzeit war die Brücke kaum befahren und schnelle Hilfe nicht zu erwarten. Frau Brusco klammerte sich an dem Türgriff fest, bis die Hand weiß wurde. Endlich meinte der fast zum Eisklotz erstarrte Flavio leise: »Das wäre in Palermo nicht passiert.« »Schschscht!«, kam es da vom ehemaligen Fahrersitz herübergezischt und Flavio zog es vor, nun doch lieber den Mund zu halten. Da, irgendwann hörte man schließlich Stimmen hinter dem Wagen. »Endlich«, dachten die beiden Bruscos, denn mittlerweile hatten sie schon angefangen, vor Kälte zu zittern. Wind kam jetzt auch noch auf und das war für die brisante Lage des Fahrzeugs zwischen Himmel und Wasser äußerst gefährlich. »Nicht bewegen!«, rief jemand von hinten. »Wir ziehen Sie raus, die Feuerwehr ist gleich hier.« Und wieder ver-
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ging Minute um Minute, ohne dass sich hinter ihnen etwas rührte. Die Knie Flavios schlugen auf und nieder. Nun fuhr ein hell erleuchtetes Fährschiff unter der Brücke hindurch. Frau Brusco hätte fast mit ihren Schneestiefeln die Positionslampen am Mast berühren können, so knapp war die ganze Angelegenheit. Schließlich konnte sie im Innenspiegel das blaue Blinken der Feuerwehrfahrzeuge erkennen. Die Männer stellten Lampen auf und montierten vorsichtig an der Hinterachse herum, wobei immer wieder der warnende Ruf über die Brückenkante hallte: »Bitte nicht bewegen, bitte keinesfalls bewegen!« Dann gab es einen kleinen Ruck, das Seil der Winde straffte sich und der Fiat fing an zu schwingen wie ein Schwan, der die Reise in den sonnigen Süden antreten will. Auf der Tromsøbro herrschte jetzt eine Aufregung wie auf dem Wochenmarkt von Pisa. Langsam, aber sicher bewegte sich der Fiat laut knirschend zur Fahrbahn zurück. Frau Brusco musste aufpassen, dass sie sich ihren Fuß nicht einklemmte. Seitlich halfen die Feuerwehrmänner, den Wagen zu sichern, und endlich wurden die verbeulten Türen aufgezogen, um den beiden Insassen herauszuhelfen. Tausend Fragen wurden gestellt und ein Arzt kam mit zwei großen Wolldecken angelaufen, die er den beiden frierenden Italienern um die Schultern legte. Die Brücke war inzwischen gesperrt worden und in der Ferne verabschiedete sich die hell erleuchtete Fähre mit einem lauten Signalton in die Nacht. Hände wurden geschüttelt und Flavio kam sich vor wie der Bürgermeister von Tromsø, denn überall blitzten nun die Kameras der herbeigelaufenen Zeitungsreporter auf. Die eisglatte Brücke wurde mit Salz abgestreut und nachdem die Personalien notiert und die Unfallstelle aufgeräumt war, verschlossen einige Feuerwehrmänner die Öffnung im Geländer mit rot-weißen Bändern. »Damit hier nicht doch noch jemand über Bord geht«, meinte einer der Männer und ein Polizist murmelte mit einem Kopfschütteln: »Dass die Ita-
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liener aber auch so weit im Norden herumfahren müssen!« Aber das hörte Flavio nicht mehr, denn kurz zuvor war Herr Brusco eingetroffen und hatte seine Familie in einem Volvo verstaut, der nicht weit von der Unfallstelle parkte. Im Auto ging die Aufregung dann auf Italienisch weiter und erst als man später vor dem lodernden Kamin im gemütlichen Wohnzimmer, Norskeveien Nr. 8, saß, wurde es ruhiger. Als Frau Brusco schließlich Eistee auf den Tisch stellte, meinte Flavio, dass er doch lieber warmen Früchtetee aus der Toskana wolle. Und beinahe hätten sich die Bruscos noch ganz schön in die Haare gekriegt, als die resolute Hausfrau und Mutter aus dem temperamentvollen Süden ihr Handy in der Jackentasche ihrer Tochter Chiara aufstöberte. Erst eine ganze Weile danach dachte man wieder an den vierzehn Jahre alt gewordenen Fiat, der jetzt irgendwo auf dem Schrottplatz am Hafen seinem bitteren Ende entgegenrosten musste. Frau Brusco war untröstlich, dass jetzt kein Fiat mehr in Norwegen herumfuhr, und vor allen Dingen, dass der Fahrersitz nicht im Sommer durch den Fahrzeugboden gekracht war, sondern am 12. November, mitten auf der vereisten Tromsøbro, dem ganzen Stolz der norwegischen Brückenbauer. Der inzwischen schon fast Norweger gewordene Herr Brusco allerdings, der einen Volvo fuhr und am Nordlichtobservatorium alle Farben des Polarlichtes erforschte, war überaus froh, dass der alte Fiat nicht in das Wasser gestürzt war und dass er Frau und Sohn ohne irgendeine Schramme wohlbehalten vor dem Kamin sitzen hatte. »Man kann ja mal wieder einen neuen Fiat aus Italien mitbringen«, war sein Kommentar – und damit war der Eistee getrunken. Der Winter in Tromsø hatte begonnen. Das war für Herrn Brusco und seine Beobachtungen des Polarlichtes die beste Jahreszeit. Ja, der Winter war da, mit Glatteis auf der Tromsøbro und einem Fiat, der ausgebrochen war.
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Polarnacht in Palermo Flavio hockte am Fenster und sah den Schneeflocken zu, wie sie im Schein der Straßenlampen durcheinandertanzten, wie Schneeflocken in Tromsø das eben so an sich haben. Ein frischer Vorhang aus Schnee klebte an der Fensterscheibe. Flavio dachte an Italien. Er konnte, seitdem es draußen täglich früher dunkel wurde, an fast nichts anderes mehr denken als an Sonne, Sonne und nochmals Sonne. Und die schien in der alten Heimat jetzt immer noch wenigstens neun Stunden am Tag. Nur hier nicht. Jetzt, eine knappe Woche vor dem 25. November, blinzelte die Sonne nur noch für ein paar Minuten in der Mittagszeit über die Dächer der Eismeer-Kathedrale, der berühmtesten Kirche von Tromsø. In einer Woche würde die Sonne schließlich für zwei Monate ganz verschwinden und erst am 21. Januar wieder zum Vorschein kommen. So lange herrschte in Tromsø ›mørketiden‹ – die Polarnacht. Mittags erschien bei wolkenlosem Himmel über der Stadt nur ein schmaler glutroter Streifen. »Morgenröte und Abendröte sozusagen in einem Aufwasch«, meinte Herr Brusco, den dieses Schauspiel als Naturliebhaber selbstverständlich sehr interessierte. Flavio fand das langweilig. Überhaupt verteidigte sein Vater fast alles, was mit dem hohen Norden zu tun hatte. Das Polarlicht war für ihn natürlich am schönsten, aber auch den Schnee und das Eis fand er wunderbar und er hatte gleich in ihrem ersten Winter in Tromsø einen 2,50 m hohen Schneemann vor dem Küchenfenster gebaut, der ihnen dann den ganzen Winter auf den Frühstückstisch starrte und aufzupassen schien, ob Flavio auch jeden Morgen seine Vitamintabletten herunterschluckte. Alles fand er schön im Norden, die Dunkelheit, umherschleichende Polarfüchse, sogar das anstrengende Schneeschaufeln auf dem Dach und das Fahren mit Ketten durch riesige Schneewehen. Insgeheim hoffte er sogar, dass irgendwann einmal ein auf einer Eis13
scholle treibender Eisbär im Tromsøer Hafen andocken würde. Italien spielte bei seinem Vater kaum noch eine Rolle. Manchmal behauptete er sogar, dass nördlich des Polarkreises im Endeffekt mehr Licht vorhanden wäre als am Äquator. Man müsse nur das Nordlicht, die Mitternachtssonne und den Mondschein zusammenrechnen. Und immer dann, wenn er das behauptete, lachte er ganz verschmitzt. Flavio drückte sich an der Fensterscheibe die Nase platt. Wie kalt die Scheibe doch war. Schnell zog er den Kopf wieder zurück, hielt seine beiden Hände wie eine Schale vor den Mund und hauchte hinein. Die warme Atemluft tat gut. Auf der Straße lag schon fast 30 cm Schnee und die Flocken tanzten immer noch vor seinen Augen hin und her. Tromsø war zwar in der langen Winternacht sehr gut beleuchtet, aber das Licht war matt und gelb. Eben kein Sonnenlicht. Das schönste Licht gab es auf Sizilien, in Palermo, bei Opa Antonio im Olivenhain. Da kam auch das Sonnenlicht in der langen nordischen Mittsommernacht nicht mit. Während es nämlich im Tromsøer Winter zwei Monate dunkel blieb, so blieb es im Hochsommer zwei Monate hell und die Sonne ging nicht unter. Dann genossen die Norweger ihre Mitternachtssonne, saßen mitten in der Nacht im Straßencafé und aßen Vanilleeis mit Himbeersauce. Wie in Palermo am Strand. Oder in Catania unter den Palmen, wo man den Ätna rauchen sehen konnte – den Vulkan, der ab und zu zu spucken beginnt und keine Lust »zum Schlafen« hat. Dagegen hätte Flavio liebend gerne im Sommer geschlafen, aber das war bei dieser Helligkeit kaum möglich. Es war so, wie wenn man von einem dreizehnjährigen Jungen verlangen würde, einen Mittagsschlaf zu halten. Jedenfalls war es um Mitternacht in Tromsø dann fast so hell wie um 12.00 Uhr mittags auf dem Petersplatz in Rom. Erst nach dem dritten Sommer in Tromsø ging es mit dem Schlafen etwas besser. Die Dunkelheit im Winter jedoch blieb für Flavio ein Problem. Daran konnte er sich einfach nicht gewöhnen.
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Und er wollte es auch gar nicht. Er war schließlich ein Italiener und kein Hamster, der einen Winterschlaf halten konnte. Flavio hauchte noch einmal in seine Hände. Auf dem Norskeveien flackerte eine Straßenlampe und ein Auto fuhr am Haus vorbei. Wenn es noch eine Stunde so weiterschneien würde, käme kein Auto mehr vorbei und morgen wäre vielleicht schulfrei. Flavio hätte lieber hitzefrei, aber so etwas gab es hier in Tromsø nicht. Die bunten Häuser auf der anderen Straßenseite trugen jetzt schon dicke Schneemützen. Das sommerlich farbenfrohe Tromsø hatte sich einen schwarz-weißen Wintermantel angezogen. Der Winter in Nordnorwegen sei die Zeit der Besinnung und des Nachdenkens, hatte einmal sein Klassenlehrer gesagt. Aber Flavio fand das viele Nachdenken ziemlich öde. Je mehr er an Italien dachte, umso trauriger wurde er. Flavio klappte das Buch auf, das neben ihm auf dem Tisch lag, blätterte ein wenig darin herum und legte es wieder weg. Lesen konnte man auch nicht ständig. Diese Winter in Tromsø waren das Schrecklichste und Langweiligste, was es für dreizehnjährige Jungen nur geben konnte. Da erschien Mutter Brusco in der Zimmertür. Flavio hatte sie gar nicht die Treppe heraufkommen hören. »Ich habe mindestens schon tausendundein Mal gerufen«, beschwerte sie sich. »Geh runter an die Haustür, Børre ist da. Oder soll ich ihn lieber hochschicken?« Die Antwort gar nicht abwartend, rief sie in den Hausflur hinunter: »Komm rauf, Børre, Flavio ist in seinem Zimmer. Aber lass die Schuhe bitte unten!« Mit einem Schlag war Flavio hellwach. »Mensch, der Børre, natürlich, das ist ein Kerl. Stapft durch den Schnee wie eine Dampfwalze bis in den Norskeveien!« Børre war sein Freund. Ihm hatte er zu verdanken, dass er sich so schnell mit der norwegischen Sprache zurechtgefunden hatte. Meistens kam Børre in dem Moment, wo es um seine Laune nicht besonders gut bestellt war. Aber
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man musste nur ein paar Minuten miteinander reden und schon war die schlechte Stimmung wie weggeblasen. Genauso wie durch den Schnee, stapfte Børre nun auch die Treppe herauf. Die Stufen knarrten wie die Planken auf einem alten Dreimaster bei Windstärke zwölf. Børre grinste über beide Ohren, über die die Klappen einer bunten Wollmütze herunterbaumelten. »Na, du alter Schneehase«, begrüßte ihn Flavio und zupfte seinem Freund an den bunten Ohrenklappen, von denen nun das Schneewasser auf den Teppich tropfte wie ein Wasserfall am Geirangerfjord. »Coole Überraschung, voll der gelungene Überfall!« »Hallo, du Eidechse aus Sizilien«, sagte der grinsende Børre, zog sich den triefenden »Wasserfall« vom blonden Lockenschopf und warf ihn auf den Aufnehmer neben Flavios Zimmertür. »Ich wollte mal nachsehen, ob ich dich irgendwie aus deiner Winterstarre befreien kann.« Børre schleuderte nun auch seine Handschuhe neben die bunte Wollmütze und schlurfte auf Socken in Flavios gut geheiztes Jungenzimmer. Über dem Sofa hing ein Poster mit einem roten Ferrari, der gerade durch eine Schikane in Imola flog, und hinter dem Bett klebte ein zerknittertes Bild, auf dem der Markusplatz in Venedig mit 134 grauen Tauben zu sehen war. Flavio hatte sie irgendwann einmal gezählt, als er in einer Mittsommernacht wieder einmal nicht einschlafen konnte. »Gut, dass du kommst«, flüsterte Flavio jetzt wieder todernst, »ich komme nämlich um vor Langeweile.« »Das hab ich mir heute morgen in der Schule schon gedacht, als ich dein Gesicht gesehen habe«, antwortete der Schneehase. »Da hab ich mir gesagt, heute Nachmittag musst du unbedingt mal in den Norskeveien hoppeln und nach dem Rechten sehen. Ganz schön heiß hast du es hier in deiner Bude. Da werde ich wohl bald ein braunes Fell bekommen.« »Keine Sorge, Meister Lampe, bei nur 25° C geht das nicht so schnell.« Flavio machte eine abweisende Handbe-
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wegung. »Wie bist du denn da draußen durchgekommen? Ging’s noch einigermaßen?« »Ach, ganz einfach«, kam es jetzt vom Fenster herüber. Børre war schnurstracks, nachdem er Flavios Zimmer betreten hatte, zum Fenster marschiert. »Voll cool, sich endlich mal wieder durch verschneite Straßen kämpfen zu müssen. Das ist viel angenehmer, als sich auf grauem Teer qualmende Socken zu holen. Wenn das Schneegestöber so weitergeht, werden wir morgen schulfrei bekommen. Wie langweilig! Was könnten wir bloß mit schulfrei anfangen? Haste ’ne Idee?« Børre, der fast einen ganzen Kopf größer war als Flavio, ging zum Sofa und ließ sich unter dem roten Ferrari mit seinem ganzen Gewicht in die Polster sinken. Und Børre sank ziemlich tief, so tief, wie man es von einem weißen Schneehäschen eigentlich gar nicht erwartet hätte. Børre wog schon 62 Kilogramm und war in letzter Zeit gewachsen wie ein Steinpilz nach einem warmen Regen im September. Nun gut, er war auch immerhin schon vierzehn, sah aber eher aus wie sechzehndreiviertel. Ein echter Norweger mit blauen Augen. Dagegen wirkte Flavio mit seinen schmalen Schultern eher ein wenig schmächtig. Er zog die Stirn in Falten und setzte wieder seine düstere Miene auf. »Das ist es ja gerade«, stöhnte Flavio, »mir fällt nichts ein. Stattdessen grüble ich, bis mir die Decke auf den Kopf fällt.« »Da riskierst du einen Dachschaden«, hob Børre an. »Dann bin ich eben dran. Ich schlage vor, wir gehen morgen mal zum Hafen und sehen nach, ob das Wasser noch da ist.« Grinsend beugte er sich ein wenig mit seinem Oberkörper nach vorne. Flavio verdrehte die Augen. »Nie im Leben! Für keine 50 Kronen gehe ich bei diesem Wetter auf die Straße. Außerdem sieht man in der Dunkelheit ja doch nichts.« »Wenn wir nichts sehen können, könnten wir uns die Schuhe ausziehen und wenigstens mit den Zehenspitzen fühlen, ob das Wasser noch da ist«, meinte nun der blon-
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de Børre trocken. Flavios Augen wurden immer größer. Eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Rücken. Und das bei 25° C in seinem mollig warmen Jungenzimmer. »Wir könnten auch im Tromsesund ein Polarnachtwettschwimmen veranstalten. Wir schwimmen im Slalom um die Brückenpfeiler herum. Der Sieger bekommt vom Verlierer ein Eis spendiert.« Børre lehnte sich wieder behaglich auf dem Sofa zurück und sah Flavio herausfordernd von der Seite an. »Schluss jetzt mit diesen Horrorvorschlägen!«, rief der Sizilianer aufgebracht und fing an zu husten. »Noch ein Wort und ich werfe dich die Treppe herunter!« Flavio griff nach einem Kissen, holte aus und zielte auf Børres Kopf. »Du wolltest ja keinen Vorschlag machen«, verteidigte sich Børre und tat jetzt ziemlich beleidigt. Abwehrend hob er seine großen Hände vor das Gesicht. An diesen Pranken konnte man erkennen, dass der lange Norweger wohl noch längst nicht daran dachte, sein Wachstum zu beenden. Und weil nun auch der schmale Flavio schnallte, mit welch riesigen Schaufelhänden sich der lange Børre wehren würde, ruderte er zurück und zog den Kopf ein. »Gegen einen Schaufelradbagger trete ich nicht an«, sagte Flavio kleinlaut und zitterte am ganzen Körper, denn er malte sich soeben aus, wie es wohl sein würde, in dem eisigen Tromsesund gegen solche Hände ein Wettschwimmen starten zu müssen. Und das genau an der Stelle, wo er vor ein paar Tagen beinahe mit dem Fiat abgestürzt wäre. Lieber wollte er in einem Eisschrank übernachten oder freiwillig den Rest seines Lebens Schnee vom Garagendach schaufeln. Polarnachtwettschwimmen – brrrr, Flavio schüttelte sich. Und da, ganz plötzlich nach diesen eiskalten Vorstellungen, kam Flavio wieder die Sonne in den Sinn, und die wunderbare Wärme, und das herrliche Italien – kurz, all das, worüber er nachgedacht hatte, bevor ihn die Mutter vorhin aus seinen Träumen weckte. »Man sollte die Polarnacht nicht im stockdunklen Tromsø verbringen, sondern in Palermo«, murmelte er nach-
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denklich vor sich hin. Das wär’s. Im warmen Palermo, bei Opa Antonio.« Børre sah auf. Fragend blickte er seinen Freund an. »Palermo? Da, wo ihr früher gewohnt habt?« »Genau«, tönte Flavio, »Palermo auf Sizilien. Da, wo auch Silvester die Sonne scheint, und zwar den ganzen Tag.« »Hmm«, schnurrte jetzt wieder der Schneehase Børre aus Tromsø, »das klingt irgendwie sympatisch. Silvester mit Tageslicht, nicht schlecht.« »Ja, Polarnacht in Palermo, mit Sonne, Opa Antonio, Oliven und mindestens 12° C plus.« Flavio geriet jetzt ins Schwärmen. »Könnte man das nicht irgendwie hinkriegen?« »Man müsste wenigstens drei Wochen schneefrei bekommen«, meinte Børre, »und dann ein Flugzeug chartern.« »Der Flughafen wäre nicht das Problem«, sagte Flavio, »in Palermo gibt es einen. Aber fliegen ist zu teuer. So viel Knete hab ich nicht.« »Und eine Bahnfahrt dauert zu lange. Außerdem hatten wir drei Wochen schneefrei auch erst einmal. Da war ich noch in der Grundschule. Wir müssten also komplett einschneien. In Tromsø dürfte nichts mehr gehen, absolut nichts mehr.« Der lange Norweger kam jetzt auch ganz schön in Wallung. »Dann musst du eben einmal den da oben fragen, ob er es nicht noch etwas länger und heftiger schneien lassen kann«, meinte Flavio urplötzlich und zeigte mit dem Zeigefinger zur Zimmerdecke. »Du hast mir doch mal erzählt, dass Gott alles kann und ihr zu Hause ’nen guten Draht zu ihm habt, oder?« »Hmmmm«, machte Børre jetzt noch länger als eben, »die Sache ist nur die: Wir glauben nicht an einen Wettergott wie die alten Wikinger. Der Gott, an den wir in unserer Familie glauben, ist der Gott, der die Erde, das Meer und die Sterne gemacht hat. Er ist der Schöpfer von allem.« Børre hatte mit seinem Freund schon mehrmals über den Glauben an den Gott der Bibel gesprochen. Als sie sich vor zwei Jahren in der Schule kennengelernt hatten, waren sie
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auch bald auf dieses Thema zu sprechen gekommen. Flavio wusste, dass Børres Vater an der Universität in Tromsø Bio und Erdkunde lehrte und dass er ab und zu in den Sommerferien mit seinem Campingbus zu dem Volksstamm der Samen in die Finnmark fuhr, um mit ihnen über Gott zu reden. »Das ist doch dasselbe«, sagte Flavio nach einer Weile. »Aber ich meine, könnte dein Gott die Polarnacht in Palermo nicht irgendwie hinkriegen und uns einschneien lassen oder so?« Flavio blieb hartnäckig. Børres ›Hmm‹ wurde immer länger. »Für so was bete ich nicht. Vielleicht betet gerade ein anderer Christ in Tromsø für Tauwetter, was soll Gott denn dann machen?« »Also nicht.« Die Stimme Flavios klang enttäuscht. »Dann kann Gott doch nicht alles. Oder es gibt ihn überhaupt nicht. Was machen wir jetzt?« »Nun«, lächelte wieder der lange Børre mit den Schaufelradhänden, »mein Vorschlag gilt noch. Wir müssen ja nicht unbedingt ins Wasser, aber am Hafen könnten wir morgen wirklich einmal vorbeischauen.« »Kein vernünftiger Mensch geht bei diesem Wetter zum Hafen.« Flavio war außer sich. »Da bekomme ich Eiszapfen an der Nase und Schüttelfrost.« »Okay, dann gehen wir im Tromsesund schwimmen!« Die Stimme des Schneehasen klang jetzt eher wie die Stimme eines Wolfes, hart und entschlossen. »Nein«, sagte Flavio, »dann lieber zum Hafen.« Der Italiener gab auf. Eins zu null für Norwegen. »Gut, abgemacht. Die frische Luft wird uns guttun«, lachte Børre. »Hier in deiner Bude würde ich bestimmt ersticken. 25° C in einem norwegischen Jungenzimmer ist auf jeden Fall zu viel. Du brauchst ein wenig Abhärtung, mein Junge.« Børre stand auf und ging zum Fenster. »Es könnte was werden«, sagte er und drehte das Heizungsventil unauffällig bis zum Anschlag zurück. Flavio machte ein dummes Gesicht. »Die Polarnacht in Palermo?«, fragte er zurück.
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»Nein, dass wir morgen schneefrei bekommen. Die Autospuren auf der Straße sind schon alle zugeweht – und dass hier bald eine bessere Luft im Zimmer ist. Bei dieser Bullenhitze könnte ich nicht schlafen.« Børre ging zur Tür. Die beiden Jungen plauderten noch eine Weile im Flur und kurz darauf verschwand der lange Børre wieder unter seiner bunten Wollmütze. Unter Lachen und Scherzen verabschiedeten sie sich. Unterdessen sank die Temperatur in Flavios Zimmer mehr und mehr. Als Flavio später ins Bett gehen wollte, sah er sich irritiert um. Im Zimmer herrschte eine Temperatur wie in einer Tiefkühltruhe für Langnese-Eis. Flavio raste zur Heizung. »Dieser alte Schneehase«, murmelte er, »dreht mir einfach die Wärme weg.« Eilig schraubte er am Ventil herum, bis die 5 zum Vorschein kam und nach oben zeigte. Schlotternd krabbelte Flavio unter die Bettdecke und zählte im Geiste lange noch graue Tauben auf dem Markusplatz, weil er vor Kälte nicht einschlafen konnte.
An der Pforte zum Eismeer Die ganze Nacht schneite es pausenlos weiter. Und weil in Tromsø vierzig Zentimeter Neuschnee keine Katastrophe ist wie nur ein Zentimeter Schnee auf der Bahnhofstraße in Mülheim an der Ruhr, gab es leider auch kein Schulfrei. Als Flavio dick vermummt die Haustür aufmachte, um zur Bushaltestelle zu schleichen, sah der Norskeveien aus, als ob nichts gewesen wäre. Die Straße war frisch geschoben und die Autos mit ihren Spikesreifen knirschten mit hochsommerlicher Geschwindigkeit über die festgefahrene Schneedecke. Sogar der Schulbus »landete« pünktlich wie ein Airbus auf Hawaii. Die Anwohner frönten ungewollt dem Frühsport und waren dabei, ihre Autos auszubuddeln und mit schubkarrengroßen Metallschiebern die Gehwege freizuräumen. 21
In der ersten großen Pause trafen Flavio und Børre sich am Glascontainer und heckten den Plan für den Nachmittag aus. Damit Flavio nicht noch einen Rückzieher versuchte, versprach Børre vorsichtshalber, ihn um 15.00 Uhr an der Haustür abzuholen. Die Schulstunden verliefen quälend langsam. Und anstrengend war das Lernen bei dem gelben Licht der Neonröhren auch. Lehrer Bjørndalen versuchte der 7b, zu der Flavio gehörte, die Lebensweise der Eisbären nahezubringen, und Frau Mœller erzählte der 8a, wie wichtig ein Dorfbrunnen für die Einwohner von Butitombe in der südöstlichen Sahara sei. Børre fing schon an zu schwitzen, als Frau Mœller mit einem eleganten Schwung die Afrika-Karte ausrollte. Draußen hatte das Atlantik-Tief ›Helene‹ mit seinen grauen Schneewolken Tromsø fest im Griff. Ab und zu sah es so aus, als ob es sich heimlich davonmachen wolle, aber dann kam auch schon der nächste Schneeschauer und brachte neue Arbeit für die Schneepflugfahrer. Trotzdem klingelte Børre pünktlich um 15.00 Uhr an Bruscos Haustür. Die Tür öffnete sich vorsichtig einen Spalt und eine eiszapfenfreie Nase erschien. »Sollen wir in meinem Zimmer nicht ein wenig Computer spielen?«, kam es zaghaft von innen. Doch der Norweger Børre ließ sich nicht beirren. »Versprochen ist versprochen!«, sagte er, »also komm jetzt, zieh dich an!« Flavio brauchte eine geschlagene Viertelstunde, um sich wetterfest zu machen. Er wickelte sich einen gelben Schal fünfmal um den Kopf, sodass nur ein schmaler Schlitz für die Augen übrig blieb, und dann setzte er noch eine dicke Pelzkappe darauf. Das sah fast so aus wie ein gelbes Osterei mit Hut. Børre, der vor der Haustür wartete und schon langsam kalte Füße bekam, schüttelte sich vor Lachen, als das »Osterei« endlich auf den Gehweg trat. Im Schein der Straßenlampen kämpften sie sich durch die Straßen und Gassen an vielen bunten Hausfassaden vorbei, die jetzt allerdings mit Schnee bepudert waren wie weihnachtliche Knusperhäuschen.
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Die Innenstadt von Tromsø war wieder einmal hell und festlich erleuchtet. Fast hinter jedem Fenster waren Lampen oder Kerzen zu sehen. Auf den Straßen huschten nur wenige Menschen vorüber, aber hinter den hellen Schaufenstern der zahlreichen Cafés und Kneipen saßen Studenten und schwatzten. Da tauchte auch schon das ›Le Mirage‹, ein gemütliches Café auf, wo die Bruscos ab und zu einkehrten, um den besten Cappuccino nördlich des Polarkreises zu genießen. Die beiden Jungen stapften und keuchten. Auf dem Rückweg würden sie den Bus nehmen, beschloss Flavio. »Wir können das letzte Stück zum Hafen auch im Tunnel zurücklegen«, meinte er nach einer geraumen Zeit. »Da kommen wir besser voran.« »Du weißt doch, dass ich grauen Asphalt nicht mag«, konterte Børre. »Da geh ich nur im äußersten Notfall her.« Doch im Stillen musste er zugeben, dass diese Idee gar nicht so schlecht gewesen war. Man konnte in Tromsø nämlich unterirdisch durch die halbe Stadt gelangen. Es gab in dem Tunnelsystem unter der Stadt sogar Abzweigungen, wo man die Vorfahrt beachten musste, und darauf waren die Tromsøer ziemlich stolz. Stolz waren sie auch auf ihre Bierbrauerei, das nördlichste Brauhaus der Welt. Die Leute in der größten Stadt Nordnorwegens liebten überhaupt alles, was sehr »nördlich« war. Sie waren stolz auf ihre Universität mit 13.000 Studenten, den Dom, auf die großen Glasmosaiken in der Eismeer-Kathedrale – alles am nördlichsten natürlich. Den nördlichsten Bahnhof Norwegens allerdings gab es in Tromsø nicht. Der stand schon in Narvik, rund 250 km weiter südlich. Deshalb war in Tromsø der Hafen so wichtig, der Dreh- und Angelpunkt des hohen Nordens von Europa. Als Flavio und Børre im Hafengelände ankamen, herrschte dort trotz Dunkelheit ein reges Treiben. Die Anleger waren hell beleuchtet und die Verladekräne senkten ihre Hälse in die Bäuche der Frachter wie Angler ihre Haken in die Elbe. Die Stahlseile wurden auf- und abgespult und es surr-
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te, brummte und hupte überall. Auf dem Wasser sah man Lichter hin und her schweben und rote und grüne Lampen blinken, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelten. »Dort hinten wird die Ladung der Kohleschiffe aus Spitzbergen gelöscht«, sagte Børre, der sich hier gut auskannte. »Das geht allerdings nur noch so lange, wie das Packeis es zulässt. Und dort vorne liegt ein Forschungsschiff des Instituts für Polarforschung. Nicht umsonst nennt man unseren Hafen ›die Pforte zum Eismeer‹. Wenn dein Vater das Nordlicht mal auf Spitzbergen untersuchen will, wird er wahrscheinlich mit der ›MS Nordkap‹ fahren. Die ist besonders gut für solche Zwecke ausgestattet.« Børre redete und redete. Der sonst recht schweigsame Blonde aus dem kühlen Norden war hier in seinem Element. »Schon Polarforscher wie Fridtjof Nansen und Roald Amundsen fuhren von hier ins Nordpolarmeer. Leider ist Herr Amundsen verschollen, deshalb haben ihm die Tromsøer dahinten ein Denkmal aufgestellt. Aber Expeditionen zum Nordpol starten in Tromsø heute immer noch. Und dort legen die Walund Robbenfänger an. Wer im Polarmeer jagen will, kommt an diesem wichtigen Hafen nicht vorbei. Das Jagen wird allerdings durch die vielen Naturschutzbestimmungen immer schwieriger.« »Du bist ja ein wandelndes Lexikon«, schmollte Flavio. »Soll das ein Kompliment sein oder planst du einen Aufstand?«, entgegnete Børre. »Mir ist kalt!«, klagte Flavio. »Und willst ganz schnell nach Hause, stimmt’s?« Der Italiener nickte. »Wir warten auf jeden Fall noch die Ankunft der ›Hurtigruten‹ ab. Der Postdampfer läuft erst um 18.30 Uhr ein«, gab Børre ein wenig ärgerlich zurück. »So lange warte ich nicht«, warf Flavio ein. Børre machte ein Gesicht wie ein Tourist, der bei Nebel am Nordkap ankommt. »Aber wir sind doch noch gar nicht lange hier, da kannst du doch nicht schon wieder heim zu Mami hinter den Ofen rutschen wollen!«
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»Ich will nach Sizilien«, flüsterte Flavio betreten. »Nach Sizilien?« Børre hob die Schultern an und ließ sie gleich wieder sinken. »Ich paddle gerade in meinen Gedanken im Polarmeer herum und du fängst von Sizilien an!« »Ja, bei Opa Antonio die Polarnacht verbringen.« Jetzt seufzte Flavio ganz tief und hob ebenfalls die Schultern hoch und runter. »Kannste vergessen, das haben wir doch schon festgestellt«, sagte Børre. »Komm, wir sehen noch ein wenig bei der Containerverladung zu.« Børre packte seinen Freund am Arm und zog ihn einfach mit sich fort. Flavio hatte keine Chance. Der Griff des langen Norwegers ließ nicht locker. In diesem Moment fegte eine Windböe über den Kai und warf Børre eine ganze Schiffsladung Pulverschnee in das Gesicht. Flavio, der hinter seinem breiten Rücken herstolperte, bekam nur die Hälfte mit. Børre tat so, als habe er nichts bemerkt, und ging zielstrebig auf die Container zu, die wie eine Kompanie Soldaten auf der verschneiten Hafenmole standen. Etwas weiter hinten parkten etliche Lastwagen, deren Ladung noch darauf wartete, an den Angelhaken genommen zu werden, um dann in dem Bauch des Frachters versenkt zu werden. »Der wird wahrscheinlich morgen auslaufen«, sagte Børre. Sie schlenderten ein paarmal an dem großen Schiff vorbei und bekamen jedes Mal, wenn ein Container zur Bordwand hochschwebte, eine neue Prise Pulverschnee in den Kragen geblasen. »Können wir uns nicht irgendwo ein bisschen aufwärmen?«, fragte Flavio und sah sich suchend um. »Ja«, antwortete Børre, »wenn die ›Hurtigrute‹ abgelegt hat. Außerdem gibt’s hier nur Seemannskneipen. Aber auf dem Rückweg können wir uns gerne noch einen ›Hamburger‹ bei ›McDonald’s‹ holen.« »Da wollten wir den Bus nehmen«, maulte Flavio durch seinen gelben Schal hindurch. »Na bitte«, sagte Børre, »im Bus ist es auch schön warm, und im Übrigen gehst du mir so langsam auf die Nerven.«
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