Skip to main content

255571

Page 1

1


2


Ney Bailey

Glaube ist kein GefĂźhl

3


Die Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, der Revidierten Elberfelder Übersetzung (1985) entnommen.

Überarbeitete Neuauflage 2007 Originaltitel: Faith Is Not a Feeling Originalverlag: Here’s Life Publishers, Inc. © der deutschen Ausgabe Campus für Christus, Gießen Übersetzung: Litera/Günsch Umschlaggestaltung: OTTENDESIGN.de Satz: CLV Druck: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-88404-021-8 (CfC) ISBN 978-3-89397-571-6 (CLV)

4


Inhalt Einleitung

7

Die Flut

9

Albtraum Arizona

23

Aber dein Wort sagt …

37

Gewissensfragen

45

Ein verändertes Herz

57

Ein Stein nach dem anderen

71

Der Feind wird entlarvt

95

»Fünfundsiebzig Prozent« des Lebens

115

Versagen und Vergebung

129

Worauf gebaut?

141

5


6


Einleitung »Was würdet ihr tun, wenn ihr nur noch ein Jahr zu leben hä4et?«, fragte mein Teamleiter, Paul Eshleman, einige von uns bei einer Mitarbeiterbesprechung. Ich dachte: »Ich würde einige meiner Ansprachen in Buchform herausbringen wollen, weil sie im Leben vieler Menschen so positive Auswirkungen zu haben scheinen.« Bald darauf sagte Judy Downs Douglass aus der Verlagsabteilung von Campus für Christus zu mir: »Ney, wir hä4en gern ein Buch von dir über den Inhalt deiner Vorträge.« Etwas später meinte Sharon Fischer, ebenfalls aus unserer Verlagsabteilung, zu einer gemeinsamen Freundin: »Ich habe einige von Neys Tonbändern gehört. Das, worüber sie spricht, geht uns alle an, ob Mann oder Frau, ob verheiratet oder unverheiratet. Wenn sie jemals ein Buch schreiben sollte, würde ich sehr gern mit ihr daran arbeiten.« Und so fing Go4 an, alles zusammenzufügen. Jeder von uns hat Gefühle. Sie können uns zu Freunden oder zu Feinden werden, je nachdem, wie wir mit ihnen umgehen. Ich möchte Ihnen von einigen Kämpfen und Prüfungen berichten, die ich bestehen musste, bis ich lernte, meine Gefühle zu bändigen und zu meistern. Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich es lernte, sie als einen Zugang zu Go4es Wort zu gebrauchen. Hunderte von Menschen, die gehört haben, was auf den folgenden Seiten berichtet wird, haben angerufen, geschrieben oder sind zu mir gekommen, um mir zu sagen, dass ihr Leben dadurch anders geworden ist. Es ist mein Wunsch, dass jeder, der dieses Buch liest, ermutigt und herausgefordert wird. Ich bete, dass Go4 in unseren Herzen »ein Feuer anzünde«, dass Menschenleben

7


verändert werden und dass jeder, der dieses Buch gelesen hat, sagen kann: »Jetzt verstehe ich, was es heißt, aus Glauben zu leben und Go4 beim Wort zu nehmen. Jetzt verstehe ich, dass Glaube kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung.« Ney Bailey, Lake Arrowhead, Kalifornien

8


Die Flut »Alarm! Flutkatastrophe! Alarm! Flutkatastrophe!« Die Schreckensworte der letzten Nacht dröhnten mir noch in den Ohren, während ich gespannt die Fernsehnachrichten verfolgte. »31. Juli 1976. Der Big Thompson führt Hochwasser. Alles überflutet. Einhundert Menschen wurden getötet, achthundert werden noch vermisst; der Sachschaden geht in die Millionen; die größte Katastrophe in der Geschichte des Staates Colorado. Wolkenbruchartige Regenfälle am Osthang der Wasserscheide des Kontinents brachten innerhalb von sechs Stunden fünfunddreißig Zentimeter Regen mit sich und überschwemmten das Gebiet zwischen Estes Park und Loveland, genau nördlich von Denver. Eine Wasserwand wurde von einem heulenden, peitschenden Sturmwind den Canyon hinuntergetrieben. Bäume wurden entwurzelt, Häuser verwüstet und Autos zerstört. Alle Bergungsaktionen scheinen unmöglich. Re4ungsflugzeuge suchen verzweifelt nach Vermissten. Die Lu selbst ist erfüllt von einer Mischung aus Abwasser- und Dieselölgeruch und menschlichen Hilfeschreien. Am 1. August ist alles vorüber, nur die Suche geht weiter … Die Flut, von Experten für unmöglich gehalten, kam dennoch: Reißende Wasser verwandelten eine friedliche Landscha in ein Schreckensbild. Was bleibt, sind die Dankgebete für die Überlebenden und die Erinnerung an jene, die nicht mehr unter uns sind …« Meine Gedanken wanderten von der Stimme des Fernsehsprechers zurück zu dem schrecklichen Erlebnis. Wenige Stunden zuvor ha4e ich selbst noch zu den Vermissten gehört. Bald darauf sollte ich erfahren, dass

9


sieben Menschen, die mir sehr viel bedeuteten, unter den Toten waren. Wir – das waren fĂźnfunddreiĂ&#x;ig langjährige Mitarbeiterinnen von Campus fĂźr Christus – ha4en uns auf das Freizeitwochenende auf der Sylvan-Dale-Ranch riesig gefreut. Wir wollten Zeit zusammen verbringen und einander erzählen, was wir inzwischen erlebt ha4en, ehe wir zu unserer alljährlichen Mitarbeiterkonferenz an der staatlichen Universität von Colorado nach Fort Collins fuhren. Es war wie ein Familientre en. Unsere verschiedenen Aufgaben ha4en uns im Lauf des vergangenen Jahres Ăźberall in die Vereinigten Staaten gefĂźhrt, und einige von uns kamen aus dem Ausland zurĂźck. Wir trafen am 31. Juli mi4ags auf der Ranch ein; am Eingang begrĂźĂ&#x;te uns ein Schild: ÂťErholsame, kĂźhle Ăœbernachtungen weit weg von lauten AutostraĂ&#x;en.ÂŤ Das We4er war unvergleichlich schĂśn. Ein herber Tannendu erfĂźllte die Lu der Berge. Die warme Sonne strahlte aus dem tie lauen Himmel Ăźber die Rocky Mountains auf die Ranch, die sich in etwa 1500 Metern HĂśhe harmonisch in das Tal einfĂźgte. Durch die Narrows, eine Felsenschlucht gleich oberhalb der Ranch, floss reiĂ&#x;end der Big Thompson. Nach einem gemĂźtlichen Mi4agessen im Speiseraum mit Blick auf den Fluss gingen wir reiten und schwimmen. Wir kle4erten auf einen beladenen Heuwagen und sangen, lachten und unterhielten uns, während der Wagen uns einen schmalen Weg durch den Canyon hinauf zu einem Wasserfall brachte und dann wieder zurĂźck zur Ranch zum Abendessen. Während des Abendessens fesselte eine silberhaarige Dame meine Aufmerksamkeit; durchs Fenster beobachtete ich sie beim Angeln. Sie stand auf ein paar

10


Steinen im Flussbe4 und ha4e die Hosenbeine hochgekrempelt. Ihre Freunde standen in der Nähe und ermunterten sie. Ich fragte mich, wie sie erwarten konnte, in einem so reiĂ&#x;enden und flachen Wasserlauf Ăźberhaupt etwas zu fangen. Nachdem wir unser Hähnchen nach Hausfrauenart verspeist ha4en, sammelte sich unsere Gruppe beim Kamin in dem geräumigen Aufenthaltsraum der ÂťPeople’s BarnÂŤ, einem alten Gebäude mit Blick auf den Fluss, das an den AuĂ&#x;enwänden mit vielen alten Wagenrädern verziert war. Freude erfĂźllte den Raum, als wir unsere Erinnerungen an all das miteinander austauschten, was Go4 im vergangenen Jahr fĂźr uns getan ha4e. Dann bat ich Carol Rhoad, uns zu erzählen, wie sie den Nachmi4ag verbracht ha4e. Sie war nämlich mĂźde gewesen und hatte sich schlafen gelegt und deshalb die Fahrt auf dem Heuwagen nicht mitgemacht. Nach ihrem Mi4agsschlaf war sie mit dem Besitzer der Ranch ins Gespräch gekommen. ÂťWir haben ständig Leute hier, aber noch nie habe ich eine so frĂśhliche und harmonische Gruppe gesehenÂŤ, meinte er. ÂťWer seid ihr?ÂŤ Carol nahm die Gelegenheit wahr, ihm etwas Ăźber die Quelle unserer Freude zu sagen und dass auch er Jesus Christus als seinen ErlĂśser finden kĂśnne. Carol konnte an jenem Abend, als sie uns von diesem Gespräch berichtete, nicht ahnen, dass sie schon Stunden später bei Jesus Christus sein wĂźrde – fĂźr immer. Marilyn Henderson besprach mit uns ihre Ho nungen und Erwartungen in Bezug auf die kommende Mitarbeitertagung. Sie sagte, sie habe dafĂźr gebetet, dass keine von uns von dort so wieder weggehen wĂźrde, wie sie gekommen sei. Wir wussten nicht, dass die nächs-

11


ten Stunden und Tage unser Leben unwiderruflich verändern sollten. Kurz nach 21 Uhr machten wir eine kleine Erfrischungspause. Kaum waren wir wieder zusammen, als ich in weiter Ferne eine Sirene hörte. Gleich darauf waren durch Lautsprecher verzerrte Stimmen zu hören. Als sie näher kamen, konnte ich allmählich die Warnungen verstehen. Wir wurden aufgerufen, sofort das Gebiet zu verlassen – der Fluss stieg, eine Flutwelle nahte. »Das kann nur ein Scherz sein«, dachte ich. Jemand sagte: »Während der Pause war ich draußen, und der Fluss sah wirklich etwas sonderbar aus …« Alles schien so unverständlich. Es war ein ruhiger, sonniger Tag gewesen – bis auf einen Wolkenschleier, der aber keineswegs bedrohlich wirkte, und einen leichten Schauer gegen Mi4ag. Die Polizei dröhnte ihre Befehle in dringlichen Wiederholungen immer wieder hinaus. »Sofort das Gebiet verlassen! Hochwasser kommt! Nichts mitnehmen …! Höher gelegene Plätze aufsuchen!« Unser Raum war plötzlich voller Hochspannung und Aktivität. In weniger als einer Minute verließen wir die »People’s Barn«, rannten in die Dunkelheit hinaus und drängten uns in acht Autos. Wir alle kannten die Umgebung nicht; niemand wusste genau, wohin wir uns wenden sollten. In dem Durcheinander wurden wir voneinander getrennt. Vier Autos blieben in der Nähe der Ranch und fuhren in verschiedene Richtungen. Die anderen vier Autos, darunter auch meines, folgten dem Polizeiwagen über eine Brücke hinauf zu dem Parkplatz eines Geschä s an der Bundesstraße 34.

12


Als ich auf den Parkplatz kam, sprang eine meiner Mitfahrerinnen hinaus, um sich umzusehen. In dem Augenblick rief jemand in der Nähe: »Die Brücke, über die wir eben gefahren sind, ist nicht mehr da!« Ein Polizist in gelbem Ölzeug, nur von den Autoscheinwerfern beleuchtet, wiederholte durch sein Megaphon immer wieder die Anweisung, höheres Gelände aufzusuchen. Ich versuchte, den unglaublichen Lärm laufender Motoren, schreiender Menschen und explodierender Propangasflaschen, die der Fluss mitriss, zu übertönen: »Wo ist höheres Gelände?« Keine Antwort, nur immer wieder der Ruf des Polizisten: »Hört doch die Explosionen! Weg hier …! Raus aus den Autos und höher hinauf!« Ich sprang aus dem Auto und schrie wieder meine Frage: »Wohin?« Wieder keine Antwort. Ich wusste, dass irgendwo auf der anderen Seite der Straße das Gelände anstieg, aber wo? Acht von uns waren auf dem Parkplatz aus den Autos gestiegen und suchten nun in der Finsternis einen Weg den steilen Abhang hinauf, eine hinter der anderen. Die Lu war erfüllt von Propangasdunst. Ich spürte förmlich den Geschmack im Mund, als wir uns in Dunkelheit, Regen und dem ganzen Durcheinander gemeinsam den Berg hinaufschleppten, wobei wir über Stacheldraht kle4ern mussten und immer wieder im Schlamm ausrutschten. Winky Leinster und ich bewegten uns Hand in Hand vorwärts, geleitet nur von den Blitzen, die hin und wieder die sturmgepeitschte Finsternis durchdrangen. Wir schauten uns um und sahen, wie Jackie Hudson sich bückte, um einer älteren Frau zu helfen, die im nassen Lehm immer wieder ausrutschte und sich mühte, irgendwie durch den gefährlichen Stacheldraht zu kommen.

13


Nie ha4e ich mich dem Tod so nah gefühlt. Es schien, als hä4e das reißende Wasser bereits unsere Fersen erreicht, als folgte es uns den Berg hinauf, als könnte es uns jeden Augenblick verschlingen. Als wir oben auf dem Berg angekommen waren, drängten wir acht uns dicht aneinander. Wir wussten nicht, wo die anderen geblieben sein mochten, und wir ha4en keine Ahnung, was eigentlich um uns herum vor sich ging. Die Berglu war kalt, und ein scharfer Wind ließ sie noch kälter wirken; dazu kam der prasselnde Regen. Frieren war mir immer besonders zuwider gewesen, doch verbot ich mir jetzt, daran zu denken. Da ich auf einem Felsbrocken direkt hinter einer der Frauen saß, versuchte ich, sie vor dem Ansturm der Elemente zu schützen. Als wir so dicht aneinandergedrängt dasaßen, schlug ich vor: »Lasst uns beten.« Worte der Bibel kamen mir in den Sinn, und so begann ich: »Herr, dein Wort sagt: ›Sagt in allem Dank! Denn dies ist der Wille Go4es in Christus Jesus für euch‹ (1. Thessalonicher 5,18). Da wir nun in dieser Lage sind, entscheiden wir uns ganz bewusst dafür, dir Dank zu sagen. Herr, dein Wort sagt auch, dass ›denen, die Go4 lieben‹, und das tun wir, ›alle Dinge‹, also auch dies, ›zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind‹, also auch uns (Römer 8,28). Du hast auch gesagt: ›Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber sollen nicht vergehen‹ (Ma4häus 24,35). Demnach ist dein Wort verlässlicher als alles, was wir jetzt fühlen und erleben.« Unsere Ängste zerstreuten sich, unsere Herzen wurden getröstet und seltsamerweise von Frieden erfüllt, als wir so auf dem windumtosten Berggipfel beteten. Unsere Gebete wurden zum Lobgesang: Vater, wir dan-

14


ken dir, Vater, wir danken dir, Vater im Himmel, wir danken dir. Bald darauf kle4erten wir ein StĂźck den Berg hinunter und gesellten uns zu einer anderen Gruppe von Touristen, die unter hohen Felsbrocken besseren Schutz gefunden ha4e. Die ältere Dame, der Jackie Hudson durch den Zaun geholfen ha4e, lehnte sich gegen einen dicken Felsblock. Von unserem erhĂśhten Platz auf den Felsen aus konnten wir sehen, wie noch immer Propangasflaschen explodierten und zu plĂśtzlich leuchtenden Feuerbällen wurden. Und wir sahen die ziellos wandernden Scheinwerfer von Autos, die vom Fluss mitgerissen wurden. Bald gab uns die Polizei Zeichen, dass wir herunterkommen sollten. Wir wurden angewiesen, unsere Autos zu suchen, und bald folgten wir einem Streifenwagen Ăźber einen Feldweg nach Loveland. Vor Loveland wiesen uns die roten Blinklichter einer Polizeisperre weiter nach Fort Collins; in Loveland dur en keine Autos halten. Wir kamen nach Mi4ernacht in Fort Collins an. Dort meldeten wir uns bei der zuständigen Polizeidienststelle, um zu erfahren, wer von unserer Gruppe noch gerettet worden war. Man versicherte uns, dass auf der Sylvan-Dale-Ranch keiner zurĂźckgeblieben sei. Wir wollten umkehren und nach unseren Freunden suchen, aber aus dem Radio kam die Durchsage: ÂťBi4e nicht nach Loveland fahren ‌ Sie vergrĂśĂ&#x;ern nur den Andrang dort und behindern die Re4ungsarbeiten!ÂŤ Da wir o enbar nichts weiter tun konnten, gingen wir alle nach Hause. Sobald ich allein in meiner Wohnung war, nicht weit entfernt von dem Gelände der staatlichen Universität von Colorado, dachte ich noch einmal Ăźber die verwirrende Abfolge von Ereignissen an diesem Abend nach. Vor allem machte ich mir Sorgen, weil Marilyn Hender-

15


son noch nicht zu Hause war. Marilyn wohnte in jenem Jahr mit mir zusammen; wir waren Kolleginnen und sehr gute Freundinnen. Ich steckte einen Ze4el an ihre Tür und ging ins Be4. Es war drei Uhr morgens. Sechs Stunden später erhielt ich die schreckliche Nachricht. Ich erfuhr, dass bei der morgendlichen Zusammenkun auf unserer Mitarbeitertagung bekannt gegeben worden war, dass einige unserer Mitarbeiterinnen vermisst wurden. Minuten später war ich angezogen, ha4e meine Familie angerufen, damit sie wusste, dass ich in Sicherheit war, und nun hastete ich zum Büro von Bill Bright, dem Leiter unserer Bewegung. Die Leute, die sich vor seiner Tür versammelt ha4en, umarmten mich vor lauter Freude, dass ich noch lebte. Jetzt erst, fast zwölf Stunden nachdem die Sirenen erstmals am Flussufer entlang aufgeheult ha4en, kamen mir die Tränen. Dr. Bright begrüßte mich herzlich in seinem Büro. Die Stimmung dort war ernst, aber friedvoll. »Ney, wie freue ich mich, dich in Sicherheit zu wissen! Wie bist du davongekommen?«, fragte er. »Die Polizei leitete uns über einen Feldweg heraus.« Ich schilderte ihm die Erlebnisse unserer Gruppe. »Marilyn rief etwa gegen Mi4ernacht an, um uns zu sagen, sie sei im Krankenhaus«, sagte er sachlich. »Später wurde dann noch Melanie Ahlquist eingeliefert.« Ich verstand das nicht. »Was soll das heißen, sie sind im Krankenhaus?« »Ihr Auto geriet ins Wasser. Sie glauben nicht, dass die anderen Insassen davongekommen sind. Marilyn und Melanie konnten sich an Bäumen festhalten und wurden gere4et.« »Ihr Auto geriet ins Wasser?«

16


Dr. Bright sprach ruhig weiter. ÂťSie wurden angewiesen, nach Osten, Richtung Loveland, zu fahren.ÂŤ ÂťNach Osten, Richtung Loveland!ÂŤ, wiederholte ich. Ich saĂ&#x; regungslos und mit vor Entsetzen o enem Mund da. Dr. Bright wurde ans Telefon gerufen. Er hĂśrte aufmerksam zu und legte dann die Hand Ăźber die Sprechmuschel. Er wandte sich um und sah mich an. ÂťSie haben mit Sicherheit die Leichen von Carol Rhoad und Cathie Loomis identifiziert.ÂŤ Ich sackte im Stuhl zusammen, als hä4e ich einen Schlag mit dem Holzhammer bekommen. All das Unglaubliche des gestrigen Abends drang nun auch in diesen Sonntagmorgen vor. Ich blieb noch ein paar Minuten bei Dr. Bright und eilte dann ins Krankenhaus zu Marilyn. Sie lächelte schwach, als ich ins Zimmer trat. Ich weiĂ&#x; noch, dass mir ein Lied durch den Kopf ging, als ich sie sah, das wir am Anfang des Sommers einmal gehĂśrt ha4en: Geht man so mit ’ner Dame um ‌? Wir begrĂźĂ&#x;ten uns herzlich. Sie war zerschunden und erschĂśp und erbrach Schlamm und GerĂśll aus dem reiĂ&#x;enden Fluss, der versucht ha4e, ihr Leben zu vernichten. Der verfinsterte Himmel sah fast aus, als trauerte Go4es Herz – es goss in StrĂśmen, als ich an jenem Spätnachmi4ag das Krankenhaus verlieĂ&#x;, um Mary Graham, eine weitere Mitarbeiterin und gute Freundin von mir, am Flughafen von Denver abzuholen. Mary ha4e wegen einer wichtigen Verpflichtung nicht zu unserem Tre en auf der Ranch kommen kĂśnnen, und wir ha4en vereinbart, dass entweder Carol Rhoad oder ich Mary vom Flughafen abholen sollte. Ich wollte sie direkt wissen lassen, warum Carol nicht da sein konnte.

17


Wie benommen ging ich durch den Flughafen. Ich war schon o und Ăźberall im Land auf Flughäfen gewesen, aber diesmal war es anders. Ich dachte Ăźber all die Leute nach, die zu den Flugzeugen gingen oder von ihnen kamen und keine Ahnung ha4en, dass ich am Abend zuvor knapp der Flut entgangen war, dass ich Kummer ha4e, dass meine Freundinnen entweder tot oder verletzt oder vermisst waren. Niemand ahnte, wie entsetzlich elend ich mich fĂźhlte. Ich fragte mich, wie o ich auf Flughäfen an Menschen vorĂźbergegangen war, die eben erst einen lieben Verwandten oder Freund verloren ha4en – und ich hatte nichts davon gewusst. Im Lauf der nächsten Tage wurde das, was geschehen war, nach und nach klarer. O enbar ha4e im Lärm und Durcheinander der herankommenden Flutwelle niemand gewusst, welchen Weg man hä4e einschlagen sollen, um hĂśheres Gelände zu erreichen. Jeder hĂśrte sich in eine andere Richtung gewiesen. Siebzehn unserer Mitarbeiterinnen ha4en sich auf der Ranch wiedergefunden. Sie verbrachten die Nacht im Freizeitraum der Sylvan-Dale-Ranch und gelangten von da aus am folgenden Nachmi4ag per Anhalter in Sicherheit. Der Raum in der ÂťPeople’s BarnÂŤ, in dem unser Tre en sta4gefunden ha4e, war wenige Minuten nachdem wir ihn verlassen ha4en, bis zur Decke voll mit Schlamm und Wasser gewesen. Vier Autos ha4en es Ăźber die BrĂźcke gescha . Die Insassen zweier unserer Autos verlieĂ&#x;en auf Anweisung der Polizei die Wagen und versuchten zu FuĂ&#x;, weiter nach oben zu kommen. Die anderen Autos folgten der Anweisung eines Polizisten, nach Osten in Richtung Loveland weiterzufahren. Als sie an eine tiefere Stelle der StraĂ&#x;e kamen, don-

18


nerte eine Wasserwand Ăźber sie hinweg und spĂźlte sie in den Fluss. In Sekundenschnelle waren die Autos versunken. Von den neun Frauen in diesen zwei Autos kamen sieben ums Leben. Die beiden Ăœberlebenden, Marilyn und Melanie, kämp en einen verzweifelten Kampf. Sie klammerten sich an Bäume, bis die Re4ungsmannscha en sie bergen konnten. In den folgenden Tagen, während wir viele Stunden im Krankenhaus verbrachten, um uns um Marilyn und Melanie zu kĂźmmern, und unseren Aufgaben bei der Mitarbeitertagung nachkamen, dachte ich o daran, dass ich einmal gelesen ha4e: ÂťWas uns die grĂśĂ&#x;te Freude schenkt, bringt auch den grĂśĂ&#x;ten Kummer mit sich.ÂŤ Jetzt erfuhr ich die Wahrheit dieser Worte, als ich Ăźber den Tod meiner Freundinnen weinte. Ich weinte herzzerreiĂ&#x;end. Der Verlust brach mir fast das Herz; ich ha4e sie sehr lieb gehabt. Beim Gedanken an jede einzelne von ihnen brachen lebha e Erinnerungen hervor. Rae Arm Johnston ‌ am Morgen unseres Tre ens auf der Ranch ha4e ich ihr einen Ze4el zugeschoben, auf dem stand, sie solle mit mir ein Zimmer teilen ‌ Der Ze4el steckte nun in meiner Bibel mit ihrer Antwort: ÂťMach ich liebend gern ‌ Carol Rhoad ‌ wie frĂśhlich war sie als unsere Sekretärin gewesen ‌! Sie ha4e unseren regelmäĂ&#x;igen Treffen etwas Häusliches gegeben – kleine Ăœberraschungen wie Obst, Käse, Blumen ‌ Am Anfang des Sommers ha4e ich eine vierwĂśchige Vortragsreihe gehalten ‌ Carol brachte Freunde mit und saĂ&#x; jedes Mal in der vordersten Reihe, um mir Mut zu machen ‌ Cathie Loomis ‌ Cathie saĂ&#x; während der Ka eepause bei mir in der ÂťPeople’s BarnÂŤ ‌, ich weiĂ&#x; noch,

19


wie ich dachte: »Cathie hat noch nie so strahlend schön ausgesehen.« … Ein Leuchten schien von ihr auszugehen … June Fujiwara … ihre Augen verschwanden, wenn sie ihr strahlendes Hawaiilächeln zeigte … Sie besuchte mich einmal im Dezember zu Hause in Kalifornien – ich machte ein Foto von June, wie sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf Skiern stand … Precy Manongdo … sie war im Reisedienst auf den Philippinen gewesen … Den Nachmi4ag ha4en wir noch zusammen verbracht, ha4en auf einem Zaun gehockt, miteinander geplaudert und den Fluss betrachtet und darauf gewartet, dass unsere Pferde gesa4elt wurden … Barbie Leyden … sie ha4e mich von unserer ersten Begegnung an hell begeistert … Barbie ha4e ein unsichtbares Wesen mit Namen »Edith« erfunden: Wenn das Geschirr nicht gespült worden war, war Edith dafür zuständig; wenn die Autoschlüssel nicht aufzufinden waren, ha4e Edith die Schuld … Eines Sommers veranstalteten wir eine Party für Barbies unsichtbare Freundin und versprachen allen geladenen Gästen, sie werde wirklich erscheinen … Wir sorgten dafür, dass nach dem Essen ein Telegramm kam, das mit den Worten endete: »Man kann nicht alles haben – entweder Kuchen oder Edith!« Terri Bissing … während einer schwierigen Phase in meinem Leben schickte sie mir vierzehn Tage lang jeden Tag eine Karte mit einem besonderen Wort für mich … Während unserer Mitarbeitertagung wollten wir uns einmal Zeit nehmen für ein langes Gespräch … Nun waren sie nicht mehr am Leben. Sie würden mir entsetzlich fehlen, und was in meinem Herzen vorging, lässt sich nicht mit Worten sagen. Ich wollte jede ih-

20


rer Familien besuchen und ihnen sagen, wie nahe sie meinem Herzen gestanden ha4en. Ich wusste auch, dass ich in der Gefahr stand, bi4er und zynisch zu werden, wenn ich weiter über den Verlust und das ganze Unglück nachdachte und all die Fragen nach dem »Warum« zu beantworten suchte, auf die es doch keine rechten Antworten gab. Aber aus früheren Erfahrungen ha4e ich gelernt, dass wir in dem Maße bi4er werden, wie wir Go4 nicht Dank sagen, und so begann ich unter Tränen, ›Go4 [durch Jesus] ein Opfer des Lobes dar[zu]bringen! Das ist: Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen‹ (Hebräer 13,15). Ich richtete mein Herz auf die Dankbarkeit Go4 gegenüber aus. Ich zwang mich, auf das zu sehen, was er gegeben ha4e, und nicht so sehr auf das, was er genommen ha4e. Auf einmal sah ich: Mein Leben hä4e auch anders verlaufen können, ohne dass ich je diese mir so wertvollen Menschen kennen und lieben gelernt hä4e, doch Go4 ha4e sie mir über den Weg geschickt. Er ha4e mir die Zeit, die ich mit jeder von ihnen verbracht ha4e, als ein Geschenk gegeben. Willentlich, nicht aus meinem Gefühl heraus, entschloss ich mich dazu, immer wieder zu danken. Go4 ha4e in seinem Wort verheißen, er werde denen, die ihn lieben und die nach seinem Vorsatz berufen sind, alle Dinge (auch die allerschlimmsten) zum Besten dienen lassen. Etwa einen Monat nach der Flut schrieb mir eine Freundin aus Europa: »Ney, wenn ich jene Flut miterlebt hä4e, ich weiß nicht, ob ich ebenso wie du darauf reagiert hä4e …« Mir war zutiefst bewusst, dass dies keine natürliche Reaktion meinerseits war, sondern eine übernatürliche

21


aus dem Glauben heraus, dass Go4es Wort wahrer ist, als ich es empfand. Ich war mir auĂ&#x;erdem darĂźber klar, dass dies das Ergebnis langer Jahre war, in denen ich durch eine harte Schule gegangen war und aus meinen Fehlern gelernt ha4e.

22


Albtraum Arizona Mein dunkelblauer VW-Käfer war bis oben hin vollgepackt. Ich ha4e so ziemlich all mein Hab und Gut in meinem Auto und einem kleinen Anhänger verstaut. Vor mir lag die Ăźber 2500 Kilometer lange einsame Fahrt von meinem Heimatort New Orleans quer durch den Westen von Texas und New Mexico nach Arizona. Ich sollte nach Tucson kommen, um meinen Dienst als Mitarbeiterin bei Campus fĂźr Christus an der Universität von Arizona zu beginnen. Vieles ging mir durch den Kopf während der einsamen Stunden unterwegs. Es ging einem neuen Abenteuer entgegen. Die 25 Jahre meines bisherigen Lebens waren mit mancherlei Erfolgen, mit groĂ&#x;en Freuden und wenigen En4äuschungen angefĂźllt gewesen. Und obwohl ich Jesus Christus schon mit 15 Jahren als meinen ErlĂśser angenommen ha4e, gab ich erst nach meinem Hochschulabschluss, als ich Sozialarbeiterin in New Orleans war, mein Leben ganz Christus hin. Und das war erst eineinhalb Jahre her. Ich war jung, voller Selbstvertrauen, Ho nung und Begeisterung und von Herzen bereit, ÂťgroĂ&#x;e DingeÂŤ fĂźr Go4 zu tun. Bei der Mitarbeiterkonferenz einen Monat zuvor ha4e mir einer der Konferenzleiter einige Fragen gestellt. ÂťWas brauchst du deiner Meinung nach am nĂśtigsten, wenn du an deine neue Aufgabe denkst?ÂŤ, war eine der Fragen. Ohne zu zĂśgern, ha4e ich geantwortet: ÂťEine Schulung fĂźr meinen Dienst als Campus-Mitarbeiterin, weil ich noch nichts darĂźber weiĂ&#x;.ÂŤ Der Glaube der Männer und Frauen auf der Konferenz ha4e mich sehr beeindruckt, darum wollte ich im Glauben wachsen, um

23


tun zu können, was sie taten, um zu wissen, was sie wussten. Den Straßenschildern nach zu urteilen, ging meine Reise nun bald zu Ende. Ich ha4e schon viel gehört über diese Wüstengegend, über den Sonnenschein das ganze Jahr hindurch, über die prachtvollen Sonnenuntergänge. Eine Unmenge großer Säulenkakteen in den verschiedensten Formen schmückte die Täler, von fernen Hügeln und Bergen eingerahmt. Ich ha4e Arizona bereits ins Herz geschlossen. Ein freundliches Ehepaar ha4e mir gleich neben dem größten Studentenwohnheim ein Einzimmerappartement besorgt. Damals wusste ich nicht mehr über die Hochschule in Tucson, als dass sie in einer zweifelha en Zeitschri als »Party«-Universität Nr. 1 bezeichnet wurde. Als ich nun auf dem Weg zu meiner neuen Wohnung an der Universität vorbeifuhr, fiel mein Blick auf ein sehr schönes Universitätsgelände: auf hohe Palmbäume und weiße Gebäude mit leuchtend roten Ziegeldächern. Ich kam mit großen Erwartungen dort an, sah mit Begeisterung der Schulung entgegen, die ich bekommen sollte, und wollte eifrig alles lernen, was wissenswert war. Zusammen mit Paul Schipper, ebenfalls Mitarbeiter bei Campus für Christus, sollte ich im Universitätsbereich arbeiten. Ich war auch gespannt darauf, den Studenten kennenzulernen, der die Arbeit an der Uni angefangen ha4e. Von ihm hieß es, er könne mir jede nur denkbare Information geben und habe viel »Knowhow«. Doch plötzlich wendete sich das Bla4. Der Student, der bisher die Arbeit geleitet ha4e, musste sich von jeder zusätzlichen Verantwortung freimachen und übergab darum Paul und mir die gesamte Arbeit, um sich ganz seinen Examensvorbereitungen widmen zu kön-

24


nen. Und nur wenige Tage nach meiner Ankun wurde Paul 180 Kilometer weiter nach Norden an die staatliche Universität von Arizona geschickt, um eine Mitarbeiterschulung durch den Leiter der Arbeit an der Uni dort, Elmer Lappen, zu erhalten. Sehr zu meinem Leidwesen blieb ich an der Universität von Arizona in dem mir fremden Tucson zurĂźck – allein! Bei dieser Entscheidung war o ensichtlich mein persĂśnlicher Hintergrund in Betracht gezogen worden, und man ha4e angenommen, dass ich der Situation gewachsen wäre. Jetzt – ich war kaum angekommen – lag alles allein in meinen Händen. So ha4e ich mir das Ăźberhaupt nicht vorgestellt. Meistens war ich sehr dazu bereit, alles auszuprobieren. Ich weiĂ&#x; noch, wie ich auf der Fahrt nach Arizona dachte: ÂťIch bin Studentensprecherin gewesen, Herr; wenn ich also an die Uni komme, werde ich mit allen Studentensprechern Ăźber dich reden. Ich bin Wohnheimsprecherin gewesen, also werde ich mit den Wohnheimsprechern reden. Ich bin Vorsitzende einer Studentenvereinigung gewesen, also werde ich mit all diesen Leuten sprechen. Ich war Klassensprecherin, also werde ich Termine mit allen Klassensprechern ansetzen.ÂŤ Nun aber, nachdem ich angekommen war, gab mir das Wissen um diese frĂźheren Ă„mter keinerlei Selbstvertrauen fĂźr die Arbeit. Wo war meine frĂźhere KĂźhnheit, meine Begeisterung? Als ich noch in Louisiana war, kamen einige Leute zum Glauben, nachdem ich mit ihnen Ăźber das Evangelium gesprochen ha4e. Ich nutzte damals alle MĂśglichkeiten, um mit anderen Menschen Ăźber Jesus Christus ins Gespräch zu kommen. Aber hier in Arizona musste ich mich täglich zwingen, zur Universität zu gehen. Ja, ich war sehr froh, wenn ein Termin

25


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook