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Patricia St. John

Spuren im Schnee

Verlag Bibellesebund Marienheide / Winterthur

Christliche Literatur-Verbreitung Bielefeld


25. Auflage 2009 Titel der englischen Originalausgabe: »Treasures of the Snow« erschienen bei: Scripture Union (Bibellesebund), London © 1950 by Patricia St. John Deutsch von Elisabeth I. Aebi Illustrationen von Jana Parel © der deutschsprachigen Ausgabe: 1952 by Verlag Bibellesebund, Winterthur Umschlag: Georg Design, Münster Satz: CLV Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-87982-682-7 (BLB) ISBN 978-3-89397-569-3 (CLV)


Vorwort der Autorin Als ich ein Kind von sieben Jahren war, lebte ich in der Schweiz. Ich wohnte in einem Chalet in den Bergen, etwas oberhalb der Ortscha , in der ich die Geschichte von Anne4e, Dani und Lukas spielen lasse. Auch ich fuhr, wie die Kinder in meiner Geschichte, im Mondschein mit dem Schli4en ins Dorf hinunter. Auch ich half im Sommer beim Heumachen. Ich begleitete die Kühe auf die Alm und schlief im Heuschober. Am Weihnachtsabend ging ich in die Dor$irche und bestaunte den Christbaum mit seinen Apfelsinen und Lebkuchenbären. Auch ich wurde zum Arzt in die kleine Nachbarstadt gebracht. Mein kleiner Bruder fuhr im Karren des Milchmanns spazieren, gezogen von einem großen Bernhardinerhund. Und Schneeweißchen war mein eigenes Kätzchen. Doch all das liegt viele Jahre zurück und ich bin seither nur noch als Gast in der Schweiz gewesen. Vieles hat sich inzwischen sehr verändert. So ist es heute gewiss undenkbar, dass ein Kind jahrelang der Schule fernbleibt. Auch ist das Gesundheitswesen verbessert worden und wahrscheinlich hat nun jede Ortscha ihren eigenen Arzt – ich weiß es nicht. Eines aber weiß ich gewiss: dass das kleine Schulhaus und die Kirche noch am selben Ort stehen; dass der Klang der Herdenglocken noch immer von allen Wiesen und Weiden herab zu hören ist; und dass in jedem neuen Frühling der Du der Narzissenfelder das Tal erfüllt. Ich ho e, dass die Kinder noch immer ihre Weihnachtslieder singen und dass sie ebenso große Freude an ihren Lebkuchenbären haben, wie ich sie damals ha4e. Ich habe den Namen des Dorfes absichtlich nicht genannt, denn einige Einzelheiten entsprechen nicht der 5


Wirklichkeit. So gibt es z.B. keine Ortscha in der Nähe, die nur auf dem Weg über den Pass erreicht werden könnte. Doch habe ich versucht, ein getreues Bild des Lebens, wie es sich hier abspielte, zu geben. Solltest du einmal in diese Gegend kommen, so nimm in Montreux die elektrische Bergbahn und fahre bis zu einer kleinen Station, wo die Wiesen an den Bahnsteig grenzen und wo grüne, mit Chalets übersäte Hänge ringsum ansteigen. Rechts vom Bahngleis neigt sich der Hang bis zum schäumenden, tosenden Fluss hinunter, an dessen jenseitigem Ufer der Berg wieder ansteigt. Und dort oben, zwischen einer steil abfallenden grünen Halde und einem spitzen Felsen, liegt der Pass. Wenn du überdies nicht weit vom Bahnhof entfernt das niedrige, weiße Schulhaus entdeckst und hinter einem kleinen Hügel die hölzerne Kirchturmspitze hervorgucken siehst, dann wisse: Das ist das Dorf, in dem diese Erzählung ihren Ursprung nahm. Patricia St. John

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1. Kapitel

E

s war Weihnachtsabend. Drei Gestalten, deren Scha4en sich im Mondlicht auf dem weißen Schnee abzeichneten, kle4erten den steilen Bergpfad hinauf. Eine Frau in einem langen, weiten Rock und mit einem schwarzen Schal über den Schultern hielt einen dunkelhaarigen, etwa sechsjährigen Jungen an der Hand, der mit vollem Mund unau"örlich vor sich hin schmatzte. Neben den beiden, die Augen zu den Sternen erhoben, stap e ein etwa siebenjähriges Mädchen. Es hielt die Hände über der Brust gekreuzt und drückte einen honigfarbenen Lebkuchenbären mit weißen Zuckeraugen fest an sein Herz. Der kleine Junge ha4e auch einen solchen Bären gehabt. Aber der war bereits verzehrt. Bloß die Hinterbeine waren übrig geblieben! Der Junge warf einen verschmitzten Blick auf das Mädchen. »Meiner war größer als deiner«, erklärte er. »Ich möchte nicht tauschen«, erwiderte die Kleine ruhig und ohne den Kopf zu wenden. Zärtlich blickte sie auf den prächtigen Bären in ihrer Hand. Wie süß er roch und wie er im Mondschein glänzte! Nie, nie wollte sie ihn anbeißen! Achtzig Dor$inder ha4en heute einen Lebkuchenbären erhalten, aber ihrer war bestimmt der allerschönste! Ja, sie wollte ihn als Andenken au ewahren. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, würde er sie an diesen Weihnachtsabend erinnern: an den kalten, dunkelblauen Himmel, an den warmen Schein der festlich erhellten Kirche, an den mit Silbersternen geschmückten Baum, an die Lieder, die Krippe und die schöne, traurige Weihnachtsgeschichte. Es kamen ihr fast die Tränen, wenn sie an die Herberge dachte, in der es keinen Raum fürs Christkind gab. Sie hä4e ihre Tür weit aufgemacht und die müden Reisenden freudig aufgenommen! 7


Lukas, der Junge, ärgerte sich über ihre Schweigsamkeit. »Ich habe meinen fast aufgegessen«, schmollte er; »lass mich deinen probieren, Anne4e, du hast ihn ja noch nicht einmal angefangen!« Doch Anne4e schü4elte den Kopf und drückte ihren Bären fester an sich. »Ich werde ihn nie aufessen«, sagte sie. »Ich will ihn immer und ewig behalten.« Inzwischen waren die drei bei einer Stelle angekommen, wo der Weg mit seinen Schli4enspuren sich teilte. Der Pfad zur Rechten führte zu einer Gruppe von Chalets mit hell erleuchteten Fenstern. Dahinter standen dunkle Ställe und Scheunen. Anne4e war beinahe zu Hause. Frau Ma4er schien zu zögern. »Können wir dich allein heimgehen lassen, Anne4e?«, fragte sie. »Oder sollen wir dich bis vor die Haustür begleiten?« »O nein, ich gehe lieber allein«, erwiderte Anne4e. »Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben. Gute Nacht, Frau Ma4er, gute Nacht, Lukas!« Und damit eilte sie davon. Ho entlich überlegte Frau Ma4er es sich nicht anders und bestand darauf, sie heimzubegleiten, wo sie doch so sehnlich wünschte, allein zu sein! Sie wartete ja nur darauf, Lukas’ Geschwätz loszuwerden. Wie sollte sie nachdenken und die Sterne betrachten können, solange sie Frau Ma4er und Lukas höfliche Antworten geben musste? Anne4e war nie zuvor bei Nacht allein draußen gewesen, und auch heute geschah es nur durch eine Art Zufall. Sie hä4e mit Vater und Mu4er auf dem Schli4en zur Kirche fahren sollen. Seit Wochen ha4en sie davon gesprochen und sich darauf gefreut. An diesem Morgen aber war Mutter plötzlich erkrankt und Vater war mit dem Mi4agszug in die Stadt hinuntergefahren, um einen Arzt zu holen. Dieser war etwa um vier Uhr gekommen, aber er ha4e Mu4er nicht rechtzeitig gesund machen können, um zur Kirche zu gehen, wie Anne4e geho ha4e. So ha4e sie zu ihrer großen 8


En4äuschung sta4dessen mit Frau Ma4er gehen müssen, deren Chalet etwas weiter oben am Berg stand. Als sie dann aber die Kirche betreten ha4en, war es dort so wunderschön gewesen, dass Anne4e alles Übrige vergessen ha4e. Noch hielt der Zauber dieses Abends an. Und als sie nun ganz allein im Schnee unter den Sternen stand, schien es ihr jammerschade, sogleich ins Haus zu gehen und den Zauber zu brechen. Am Fuß der Treppe, die zum Balkon und zur Wohnstube hinau ührte, blieb Anne4e stehen und schaute sich um. Gegenüber war der Kuhstall; sie konnte hören, wie die Tiere sich bewegten und Heu aus der Krippe fraßen. Da kam ihr ein großartiger Gedanke. Sie sprang über die Schlittenspuren hinweg und hob den Riegel der Stalltür. Ein heimeliger, warmer Geruch von Vieh, Milch und Heu umfing sie. Sie schlängelte sich an den Beinen einer braunen Kuh vorbei und kle4erte auf die Krippe. Die Kuh war eifrig mit Fressen beschä igt. Anne4e schlang die Arme um ihren Hals und ließ sie ruhig weiterkauen. Genauso musste es gewesen sein, als Maria mit ihrem neugeborenen Kindlein in den Armen bei den Tieren saß! Anne4e schaute auf die Krippe hinab und ihrer angeregten Phantasie kam es vor, als läge das himmlische Kind auf dem Heu und die Kühe ständen still und andächtig rundherum. Durch eine Lücke im Dach konnte sie einen einzelnen funkelnden Stern erblicken und sie musste daran denken, wie der Stern über Bethlehem gestanden und die Weisen zur Stä4e geführt ha4e, wo das Jesuskind lag. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Weisen auf ihren schaukelnden Kamelen das Tal heraufgeri4en kamen. Und jetzt würde wohl jeden Augenblick die Tür aufgehen und die Hirten kämen hereingeschlüp , kleine Lämmer auf den Armen, und würden das Kind mit weichen Scha ellen zudecken wollen! Tiefes Mitgefühl ergri Anne4e beim Gedanken an das heimatlose Kindlein, dem alle Türen verschlossen geblieben waren. 9


»In unserem Chalet wäre Platz genug gewesen«, murmelte sie. »Und doch: Hier ist’s wohl am allerschönsten. Das Heu ist sauber und weich und der Atem der Braunen warm und gut. Go4 hat doch die beste Wiege für sein Kind gewählt! « Wer weiß, ob Anne4e nicht in dieser Weise die halbe Nacht verträumt hä4e, wäre nicht plötzlich der Schein einer Laterne durch die angelehnte Tür gedrungen, während gleichzeitig feste Schri4e über den knirschenden Schnee kamen. Dann hörte Anne4e ihren Vater rufen. Sie gli4 von der Krippe herunter, wich geschickt dem Schwanz der Braunen aus und lief mit ausgebreiteten Armen auf ihren Vater zu. »Ich wollte den Kühen einen Weihnachtsbesuch machen«, lachte sie. »Hast du mich gesucht?« »Ja«, erwiderte der Vater. Aber er lachte nicht. Sein Gesicht war bleich und ernst. Er fasste Anne4e bei der Hand und zog sie die Treppe hinauf. »Du hä4est sofort heimkommen sollen, wo doch Mu4er so krank ist«, sagte er. »Sie fragt seit einer halben Stunde beständig nach dir.« Anne4es Herz begann he ig zu schlagen. Wie ha4e sie nur ihre geliebte Mu4er vergessen können! Sie machte sich von der Hand ihres Vaters los und eilte schuldbewusst die hölzerne Treppe hinauf. Weder der Arzt noch die Gemeindeschwester bemerkten sie, bis sie nahe am Be4 der Kranken stand, denn sie war ein kleines, leichtfüßiges Ding, das sich lautlos wie ein Scha4en bewegen konnte. Aber die Mu4er erblickte sie sogleich und streckte mühsam die Arme nach ihr aus. Wortlos rannte Anne4e hinzu und legte das Gesicht an Mu4ers Schulter. Sie begann leise zu weinen, denn Mu4ers Gesicht erschreckte sie: Es war beinahe so weiß wie das Kissen. Wie leid tat es ihr nun, dass sie so lange weggeblieben war! »Anne4e«, flüsterte die Mu4er, »hör auf zu weinen. Ich habe ein Geschenk für dich.« 10


Anne4e war sofort still. Ein Geschenk? Natürlich, es war ja Weihnachten. Da gab ihr die Mu4er immer ein Geschenk. Was mochte es wohl sein? Erwartungsvoll blickte sie um sich. Die Mu4er wandte sich an die Gemeindeschwester. »Geben Sie es ihr«, flüsterte sie. Da schlug die Schwester die Decke zurück und zog ein Bündel hervor, das in ein weißes Wolltuch eingewickelt war. Sie trat zu Anne4e und hielt es ihr entgegen. »Dein Brüderchen«, erklärte sie. »Komm, wir wollen es unten beim Feuer in die Wiege legen, dann darfst du es schaukeln. Wir müssen deine Mu4er jetzt schlafen lassen. Sag ihr ›Gute Nacht‹.« »Dein Brüderchen«, wiederholte Mu4ers ma4e Stimme. »Es gehört zu dir, Anne4e. Zieh es auf und hab es lieb und sorge gut für es – an meiner Stelle. Ich vertraue es dir an.« Die Stimme versagte ihr und sie schloss die Augen. Anne4e war wie betäubt und folgte willenlos der Schwester. Sie setzte sich auf einen Schemel ans Herdfeuer, vor sich die Wiege, in der ihr Weihnachtsgeschenk lag. Lange saß sie regungslos und schaute unverwandt auf das Bündel herab, das ihr Brüderchen sein sollte. Der Schnee warf ein seltsames Licht auf die Wände und der Widerschein der glühenden Holzstücke tanzte an der Zimmerdecke. Es war sehr still im Haus und dort, ja dort schien der Weihnachtsstern durchs Fenster herein! So ha4e er im Stall von Bethlehem auf jenes andere Kind herabgeschienen. Und so wie sie, Anne4e, hier am Feuer saß und über ihren Bruder wachte, so ha4e Maria dagesessen und über Go4es kleinen Sohn gewacht. Mit ehrfürchtigen Fingern berührte Anne4e den samtigen kleinen Haarschopf. Dann legte sie mit einem müden Seufzer den Kopf auf die Decke und ließ ihre Gedanken wandern, wohin sie wollten: Sterne, Herden, neugeborene 11


Kindlein, verschlossene Türen, weise Männer und Lebkuchenbären – hinter ihrer Stirn gerieten sie alle durcheinander, und sie selbst gli4 allmählich zu Boden. Hier fand sie ihr Vater eine Stunde später, friedlich schlafend wie ihr Brüderlein, den blonden Kopf an die Wiege gelehnt. »Arme mu4erlose Kinder«, klagte er, während er sich bückte und seine kleine Tochter in die Arme nahm, »wie soll ich euch bloß aufziehen ohne sie?« Denn Go4 ha4e Anne4es Mu4er zu sich gerufen; sie dur e Weihnachten mit den Engeln feiern.

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