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Patricia St. John

Das Geheimnis von Wildenwald

Verlag Bibellesebund Marienheide / Winterthur

Christliche Literatur-Verbreitung Bielefeld


17. Auflage 2008 Titel der englischen Originalausgabe: »The Tanglewood’s Secret« erschienen bei: Scripture Union (Bibellesebund), London © 1948 by Patricia St. John Deutsch von Elisabeth I. Aebi Illustrationen von Justo G. Pulido, www.pulido.de © der deutschsprachigen Ausgabe: 1950 by Verlag Bibellesebund, Winterthur Umschlag: Georg Design, Münster Satz: CLV Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-87982-056-6 (BLB) ISBN 978-3-89397-568-6 (CLV)


Inhalt Wir stellen uns vor

7

Ferienpläne

12

Die Indianerhü4e

19

Terry

28

Das verlorene Schäflein

36

Ein genialer Einfall

45

Eine verhängnisvolle Einladung

60

Auf der Flucht

73

Ich finde einen neuen Freund

83

Das Eichhörnchennest

93

»Meine Schafe hören meine Stimme«

102

Der Unfall

112

Ein Besuch im Pfarrhaus

126

Ich bade die Zwillinge und werde zornig

132

Ein Brief

140

Expedition im Mondschein

151

Mi4ernächtliches Abenteuer

158

Vom Geben

163

Hopfen und Pilze

172

Das Geheimnis

182

Terrys Ankun

189

Heimgetragen

194

Herr Tanner weiß Rat

202

Ein unvergessliches Weihnachtsfest

212


Wir stellen uns vor

E

s war ein schĂśnes Heim, in dem Philipp und ich unter der Obhut unserer Tante Margret aufwuchsen. Das weiĂ&#x;e Haus stand am Hang eines HĂźgels, hinter dem die Sonne unterging. Vor dem Haus war ein Ziergarten, und hinten breitete sich ein Obstgarten aus, in dem SchlĂźsselblumen und wilder Klee unter den Bäumen Ringelreihen tanzten. Philipp und ich schliefen in den beiden DachstĂźbchen, mit o enen TĂźren, sodass einer zum anderen hinĂźberrufen konnte. Ich konnte mich nie so richtig entscheiden, welches Fenster mir lieber war, Philipps oder meines. Sein Fenster gab mir ein GefĂźhl der Geborgenheit, denn man konnte den mit FĂśhren bepflanzten Garten und den schĂźtzenden Wall der dahinter san ansteigenden HĂźgel mit ihrem Farnkraut und Ginster sehen. Mein Fenster aber weckte in mir ein herrlich abenteuerliches GefĂźhl, denn von hier aus konnte man auf eine weite Ebene mit Feldern und blĂźhenden Kirschbäumen und auf ferne, ferne HĂźgel schauen, die fremd und geheimnisvoll zu mir herĂźberwinkten. Ich liebte jene HĂźgel. Manchmal sahen sie so grĂźn und nah aus, manchmal so verschwommen und fern. Ich betrachtete sie als eine Art Märchenland, in das ich eines Tages, wenn ich erwachsen wäre, eindringen kĂśnnte. Und wenn Philipp morgens kam und sich auf mein Be4 setzte, um dem Gesang der ersten VĂśgel zu lauschen oder den feurigen Sonnenaufgang Ăźber der Ebene zu bewundern, dann erzählten wir uns allerlei Geschichten Ăźber jene HĂźgel und Ăźber die seltsamen Tiere, die nach unserer Vorstellung auf ihren Hängen lebten. 7


Philipp war anderthalb Jahre älter als ich, und ich liebte ihn mehr als sonst jemanden auf Erden. Er war ein san er, nachdenklicher Junge, der lange brauchte, bis er zu einem Entschluss kam. War es aber so weit, führte er ihn mit großer Hartnäckigkeit zu Ende. Solange ich mich erinnern konnte, war Philipp mein Freund, mein Beschützer und mein Tröster gewesen, von dem ich mich nur während der Schulzeit trennen musste. Wir waren so verschieden, wie Geschwister überhaupt sein können. Philipp war krä ig gebaut, ha4e blaue Augen und ein rundes, ruhiges Gesicht; ich dagegen war klein und mager, ha4e blondes und langes Haar und ein spitzes Kinn. Philipp war brav und folgsam; ich war wild und widerspenstig. Dass Tante Margret Philipp sehr gernhatte, konnte jedermann sehen. Über mich schü4elte sie den Kopf und behauptete, ich mache sie um Jahre älter. Zur Zeit meiner Geschichte lebten wir schon seit fünf Jahren bei Tante Margret und ha4en vergessen, wie Vater und Mu4er aussahen. Ich war vier Jahre alt gewesen, als sie beide nach Indien fuhren. Natürlich ha4e Mu4er längst schon heimkehren wollen, aber der Krieg ha4e sie daran gehindert. Ich glaube nicht, dass ich ihre Heimkehr wirklich wünschte. Tante Margret sagte mir immer wieder mit solchem Nachdruck, wie sehr meine arme Mutter von mir en4äuscht sein werde, dass ich ho e, diese Entdeckung könne möglichst lange hinausgeschoben werden. Nach den Briefen meiner Mu4er schien es zwar stets, als hä4e sie mich sehr lieb, aber das, so nahm ich an, war nur, weil sie mich nicht kannte. Wenn sie kommen sollte, würde ihr Philipp ohnehin viel besser gefallen als ich, wie das bei Erwachsenen stets geschah, und sie würde Philipp gernhaben, weil jedermann Philipp gern8


ha4e – und ich wollte ihn doch viel lieber für mich allein behalten. Deshalb schob ich den Gedanken an Mutters Heimkehr beiseite und beschä igte mich so wenig wie möglich damit. Aber Philipp konnte sich an Mu4er erinnern, und manchmal, wenn er von ihr sprach, wurde ich unsicher. Ich werde jenen Abend nie vergessen, an dem ich als etwa achtjähriges Kind zur Strafe für irgendein falsches Verhalten ohne Abendessen ins Be4 geschickt wurde. Ich weiß noch, wie ich in dem schönen Dämmerlicht jenes Frühlingsabends dort lag – heiß, aufgebracht, hungrig – und nur noch auf eines wartete: auf das regelmäßige Trapp, Trapp zweier Fußballschuhe, in denen ein etwas schwerfälliger Junge auf seinem Weg ins Be4 die Treppe heraufstieg. Natürlich kam Philipp schnurstracks in mein Zimmer. Ein paar Minuten lang mühte er sich mit einem merkwürdigen Klumpen in seinem Strumpf ab, und was kam heraus? Ein ziemlich zerquetschtes Zuckerbrötchen, an dem viele Fussel klebten und das deutlich nach Wolle roch. Aber Philipp war sehr stolz darauf, denn er ha4e das Ding beim Abendbrot in seinen Strumpf rutschen lassen, direkt unter Tante Margrets Nase, und sie ha4e gar nichts gemerkt! Ich verzehrte den Leckerbissen dankbaren Herzens. In der Zwischenzeit setzte sich Philipp auf mein Kissen und legte den Arm um mich, denn er wusste: Bei solchen Gelegenheiten brauchte ich recht viel Mitgefühl. »Was habt ihr sonst noch zu essen gehabt?«, erkundigte ich mich, den Mund voll vom Zuckerbrötchen. »Wir ha4en leider Fischklößchen«, antwortete Philipp in entschuldigendem Ton, »aber sie waren zu breiig, um in die Socken gesteckt zu werden. Sie waren nicht sehr gut, du hast nicht viel verpasst.« 9


ÂťEs ist gemein von Tante Margret, mich ohne Abendessen ins Be4 zu schickenÂŤ, stĂśhnte ich mit tragischer Stimme. ÂťWenn Mu4er hier wäre. Sie wĂźrde mich nicht so unfreundlich behandeln.ÂŤ ÂťNeinÂŤ, antwortete Philipp mit Ăœberzeugung, Âťallerdings nicht. Aber schau, du bist ja wirklich sehr frech gewesen gegenĂźber Tante Margret; gegenĂźber Mu4er aber wärst du niemals frech.ÂŤ ÂťWie kannst du das wissen?ÂŤ, wandte ich ein, Âťes wäre doch sehr gut mĂśglich.ÂŤ ÂťO nein!ÂŤ, versicherte Philipp, Âťdu kĂśnntest einfach nicht. Du bist ja nur ungezogen, wenn du ärgerlich bist, und bei Mu4er waren wir das nie. Sie war so frĂśhlich und sonnig, und wenn wir ein klein bisschen unartig waren, so lachte sie, nahm uns in die Arme und erzählte uns wunderschĂśne Geschichten, sodass wir ganz vergaĂ&#x;en, unartig zu sein. Ich wollte, du kĂśnntest dich an sie erinnern, Ruth!ÂŤ Ich Ăś nete den Mund zu weiteren Fragen, da sprang Philipp plĂśtzlich von meinem Be4 herunter und schoss wie ein aufgescheuchter Hase Ăźber den Korridor. Ich hĂśrte ein hastiges Rascheln, dann nichts mehr; dann tĂśnten Tante Margrets Schri4e auf der Treppe. Sie trat in Philipps Zimmer, und ich hĂśrte sie zu ihm hinĂźbergehen und seine Be4decke glä4en. Ich hĂśrte ihn ziemlich atemlos sagen: ÂťGute Nacht, Tante.ÂŤ Dann kam sie herĂźber und blieb an der TĂźr zu meinem Zimmer stehen. ÂťGute Nacht, RuthÂŤ, sagte sie. Wenn ich den GruĂ&#x; erwidert und gesagt hä4e, es täte mir leid, wäre sie auch zu mir gekommen und hä4e mich fĂźr die Nacht zugedeckt. Aber ich verabscheute es, um Verzeihung zu bi4en. Deshalb tat ich, als ob ich schliefe, 10


und ließ ein sehr lautes Schnarchen vernehmen – das niemanden täuschen konnte, am allerwenigsten meine Tante. »Ich bedaure, dass du immer noch so schlecht gelaunt bist«, sagte sie kühl, wandte sich ab und ging hinunter. »Hat sie nicht gemerkt, dass du dich noch nicht ausgezogen hast?«, flüsterte ich über den Gang hinweg. »Nein«, flüsterte Philipp zurück, »ich habe die Decke bis unters Kinn heraufgezogen. Gute Nacht, Ruth.« »Gute Nacht, Phil«, antwortete ich, drehte mich gegen das Fenster und starrte ins Dunkel hinaus. Meine Gedanken waren erfüllt von dem, was mir Philipp über Mutter gesagt ha4e. Mu4er wäre hergekommen und hä4e mich geküsst, ob es mir nun leidgetan hä4e oder nicht, und dann hä4e es mir natürlich leidgetan. Wir hä4en zusammen zu den Sternen aufgeschaut, und sie würde mir Geschichten erzählt haben. Beim Einschlafen konnte ich beinahe ihre Arme um mich spüren. In meinen Träumen jedoch lief sie mit Philipp von mir weg, und als ich versuchte, ihnen nachzulaufen, konnte ich meine Füße nicht von der Stelle bewegen.

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