Hank Hanegraaff & Paul L. Maier
Dan Browns
Sakrileg (The Da Vinci Code) Daten, Fakten und HintergrĂźnde
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
1. Auflage 2006 2. Auflage 2006 © der amerikanischen Ausgabe 2005 by Hank Hanegraaff & Paul L. Maier Originaltitel: The Da Vinci Code – Fact or Fiction? © der deutschen Ausgabe 2006 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Joachim Köhler, Zweenfurth Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 3-89397-553-5
Inhalt Vorwort Hank Hanegraaff ........................................................7 TEIL EINS SAKRILEG: DER BETRUG Paul L. Maier ............................................................13 TEIL ZWEI … UND DIE WAHRHEIT? Hank Hanegraaff .....................................................61 NACHWORT Paul L. Maier .............................................................91 ANHANG ..................................................................95 ANMERKUNGEN ...................................................103 WEITERFÜHRENDE LITERATUR ........................123
VORWORT von Hank Hanegraaff
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ls Mel Gibson den Film Die Passion Christi drehte – einen Streifen, der in den Grundzügen den neutestamentlichen Berichten über Jesu Tod folgt – wurde er sofort angegriffen. Leon Wieseltier, der Feuilleton-Redakteur von The New Republic, bezeichnete Die Passion Christi als »ein abstoßendes, masochistisches Fantasiewerk, (als) sakrales, im Tod des Hauptdarstellers endendes Machwerk«, das »zweifellos antisemitische Züge« trägt.1 Maureen Dowd beschuldigte Gibson in einem Artikel in der New York Times, er unterstütze religiösen Eifer im Namen dessen, was Menschen heilig sei.2 Und Andy Rooney – bekannt wegen seiner TV-Sendung 60 Minutes – charakterisierte Gibson als »einen echten Spinner«, der nur den Hintergedanken verfolge, Geld zu verdienen.3 Ganz anders verhält es sich mit Dan Brown und seinem Werk Sakrileg4. Dieser Roman stellt die neutestamentlichen Evangelien als »Erfindungen« und die Göttlichkeit Christi als frommes Märchen dar. Nach seiner Veröffentlichung wurde Brown sofort als brillanter Historiker gefeiert. Library Journal charakterisierte sein Werk als »überzeugende Mischung aus geschichtlicher Darstellung und fesselnder Spannung«, als »Meisterwerk«, das »zur Pflichtlektüre gehören sollte«.5 Publisher´s Weekly bezeichnete es »als in jeder Beziehung sorgfältig recherchierten Thriller über religiöse Geheimgesellschaften, antike Vertuschungen und brutale Rache«.6 Und der Bestsellerautor Nelson DeMille nannte Sakrileg »total genial«.7 Warum erhält Die Passion Christi vernichtende, Sakrileg aber glänzende Kritiken? Wieso werden Gibsons Motive verunglimpft, während Browns Beweggründe scheinbar über jeden Verdacht erhaben
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sind? Weshalb wird die Verfilmung der Passion Christi als »abstoßendes, masochistisches Fantasiewerk« bezeichnet und Jesu angebliche Ehe mit Maria Magdalena als durch Recherchen belegte wesentliche Tatsache propagiert? Die Antwort mag Sie überraschen. Sie liegt nicht in der Tatsache begründet, dass es in unserer zunehmend säkularisierten Kultur salonfähig geworden ist, abfällige Bemerkungen über Christus und die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde zu machen. Vielmehr hat sie mit einer großen Umkehrung der Werte zu tun. Fiktion – wie z.B. die Vorstellung, dass der christliche Glaube kreiert worden sei, um Frauen zu unterdrücken – wird in cleverer Manier als Tatsache an den Mann gebracht, während Tatsachen – wie die Göttlichkeit Christi – bewusst als Erfindungen ausgegeben werden. Fast allen Behauptungen, die Brown in Sakrileg macht, liegen mehrere Aussagen zugrunde, die er auf S. 9 unter der Überschrift »FAKTEN UND TATSACHEN« noch vor dem eigentlichen Beginn des Romans präsentiert. Der bedeutendste »Fakt«, der sich dort findet, wird folgendermaßen dargelegt: »Die Prieuré de Sion, der Orden der Bruderschaft von Sion, wurde im Jahr 1099 gegründet und ist eine Geheimgesellschaft, die bis heute existiert. Im Jahr 1975 wurden in der Pariser Nationalbibliothek Dokumente entdeckt, die unter der Bezeichnung Dossiers Secrets bekannt geworden sind und aus denen hervorgeht, dass eine Reihe berühmter Männer der Prieuré angehörten, darunter Sir Isaac Newton, Sandro Botticelli, Victor Hugo und Leonardo da Vinci.« 9
Auf den ersten Blick scheint dies ziemlich harmlos zu sein. Doch Brown benutzt diesen »Fakt« (der in Wirklichkeit völlig aus der Luft gegriffen ist), um Jesus Christus, die Historizität der Evangelien und die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu diskreditieren. Brown stellt die Prieuré de Sion (oder »das Priorat von Zion«) als Geheimgesellschaft dar, die darauf aus sei, den Skandal der Ehe Christi mit Maria Magdalena zu vertuschen. Ebendiese Maria wäre die wahre Führerin der Kirche gewesen, wenn sie nicht kurzerhand (d.h. durch ihre angebliche Ehe mit Christus) in apostolische Spitzenämter vorgedrungen wäre, die von einer männerdominierten Kirche geschaffen worden waren. Wie wir sehen werden, beruht ein Großteil dessen, was Brown als Wahrheit ausgibt, auf einer fiktiven Darstellung aus der Feder eines Antisemiten, der vorbestraft ist. Dennoch ist Brown nach seinen eigenen Worten von der Seriosität seiner Behauptungen so sehr überzeugt, dass er nicht einen einzigen Tatbestand ändern würde, wenn er ein Sachbuch zum gleichen Thema schreiben sollte.8 Die Tatsache, dass Sakrileg viele Falschdarstellungen enthält, beweist natürlich nicht, dass der christliche Glaube wahr ist. Daher besteht das vorliegende Buch aus zwei Teilen. Im ersten Teil werden Browns »Fakten« im Schnelldurchlauf untersucht. Es geht um die genaue Prüfung der Frage, ob die in Sakrileg gemachten Behauptungen historisch zuverlässig sind. Dafür habe ich als Kenner der Materie einen guten Freund von mir, Dr. Paul Maier, gewinnen können. Als Professor für Alte Geschichte und preisgekrönter Autor, der sich vielerorts Ansehen er10
worben hat, ist Dr. Maier in einzigartiger Weise prädestiniert, den Betrug in Sakrileg entlarven zu können. Weil er messerscharf argumentiert und anschaulich schreibt, wird der Leser schnell in den ersten Teil dieses Buches hineinfinden. Außerdem wird er dort die Tatsache kennen lernen, dass wir beide für eine Umdeutung der Geschichte nichts übrig haben. Der zweite Teil ist apologetischer Natur: Darin wird dargelegt, was wir als die Wahrheit kennen. Hier geht es in positiver Hinsicht um eine apologetische Verteidigung des Glaubens – nämlich darum, dass die Bibel nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs ist. Außerdem werde ich zeigen, dass Jesus Christus Gott in Menschengestalt und der christliche Glaube unter den Religionen der antiken Welt nachweislich einzigartig ist. Eines möchte ich klarstellen: Niemand sollte mit dem Eindruck zurückbleiben, dass sein Glaube durch die haltlosen Behauptungen und Lügen, die im Roman »Sakrileg« unter dem Deckmantel der Wahrheit präsentiert werden, untergraben worden ist! Schließlich noch ein Wort darüber, warum ich mich für dieses Projekt so leidenschaftlich eingesetzt habe. Als ich eines Morgens auf dem Weg zu Starbucks (Name einer US-amerikanischen Kaffeehauskette) war, um einen Kaffee zu trinken, zog mich eine junge Frau zur Seite. Unter Tränen bat sie mich, ihr erneut die Zusicherung zu geben, dass der christliche Glaube auf verbürgten Sachverhalten beruhe. Sie hatte zusammen mit mehreren Freundinnen Sakrileg gelesen und war durch dessen Behauptungen glaubensmäßig schwer erschüttert worden. Am selben Morgen rief mich Ron Beers 11
– der verantwortliche Vizepräsident von Tyndale House Publishers – an, um mir mitzuteilen, dass sein Büro eine Flut von Anfragen bezüglich des Romans Sakrileg erhalten habe. Er bat mich dringend um eine Stellungnahme. Meine Entschlossenheit, diesen Roman vom Sockel zu stoßen und den Glauben zu verteidigen, wurde weiter bestärkt, als ich mit meinem Freund Bob Passantino sprach – letztmalig, wie sich herausstellen sollte. Seiner Ansicht nach sei dieses Projekt nicht nur notwendig, weil Sakrileg ein Bestseller sei, der andere Bücher in den Schatten stelle (von der englischsprachigen Version sind bisher über 6 Millionen Exemplare verkauft worden, und Regisseur Ron Howard ist dabei, in Zusammenarbeit mit Columbia Pictures den Roman zu verfilmen). Vielmehr sah Bob Handlungsbedarf auch aufgrund der Tatsache, dass der Roman eine Vorreiterrolle in einer wachsenden Bewegung spielt, die versucht, das biblische Jesusbild umzudeuten, den christlichen Glauben neu zu definieren und den Schriftkanon abzulehnen. Bob ermutigte mich nicht nur, eine Stellungnahme zu Browns Buch zu schreiben, sondern forderte mich auch auf, meine Anstrengungen zur Verteidigung des Glaubens zu verdoppeln. Eine Stunde später war Bob aufgrund eines schweren Herzinfarkts am Ziel: Nun stand er unmittelbar in der Gegenwart Christi – jenes Herrn, dem dieses Buch verpflichtet ist. Bobs Tod erinnert eindringlich daran, dass folgende Zeilen wahr sind: »Wir haben hier nur ein Leben / wie schnell vergeht die Zeit! / Nur das, was wir für Jesus taten / bleibt auch in Ewigkeit.« Somit ist dieses Buch dem Andenken an Bob gewidmet. 12
TEIL EINS SAKRILEG: DER BETRUG Paul L. Maier
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ine universale Doppelmoral bestimmt die heutige westliche Gesellschaft – eine doppelbödige Moral, die äußerst beklagenswert ist. Es geht darum, dass der Angriff auf jedes religiöse System unserer Welt tabu ist – es sei denn, man attackiert den christlichen Glauben. Wer den Polytheismus und das Kastensystem im Hinduismus kritisiert oder Gautama Buddha beschuldigt, Frau und Sohn verlassen zu haben, um in den Wäldern zu meditieren, sieht sich sofort dem Vorwurf ausgesetzt, intolerant und engstirnig zu sein. Wer bestimmte Aspekte im Leben des Propheten Mohammed in Frage stellt, handelt in einer pluralistischen Gesellschaft politisch nicht korrekt – und setzt sich potenziell sogar Gefahren aus.1 Jedem, der auf irgendeine jüdische Beteiligung an jenem Prozess verweist, den man kurz vor dem Passahfest gegen Jesus führte, wird sofort eine antisemitische Haltung vorgeworfen. Was aber, wenn man den christlichen Glauben angreift? Was, wenn man Christus karikiert und Lügen über die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde vorbringt? Kein Problem! Nur zu, machen Sie mit! Genau das ist »in« – es ist politisch absolut korrekt und obendrein voll im Trend!
DER »JESUS-POKER« Insbesondere in den vergangenen vier Jahrzehnten hat es eine Flut von Neuerscheinungen der Sensationsliteratur, neue Kinofilme und Sondersendungen im Fernsehen gegeben, in denen Jesus und die wahren Ursprünge des christlichen Glaubens kaum noch zu erkennen sind. Wir könnten dieses Phänomen als »Jesus-Poker« bezeichnen. Im Folgenden 14
die Spielregeln: Nehmen Sie zunächst einige Karten, die eine allgemeine, auf den Evangelien beruhende Darstellung Jesu verkörpern. Dabei dürfen Sie jedoch nicht vergessen, einige Karten hinzuzunehmen, die das ursprüngliche Blatt kräftig verändern. Sichern Sie sich dazu einige farblich nicht zueinander passende Karten und ergänzen Sie diese durch ausgefallene Karten, die für einen bizarren Hintergrund Ihres Jesusbilds stehen. Nun fehlen nur noch jene Karten, die total abstruse Episoden aus dem Leben Jesu symbolisieren. Während Sie mit anderen Karten, die einer biblischeren Darstellung entsprechen, garantiert verlieren, werden Sie mit diesem Blatt gewinnen, weil Sie ein völlig anderes – und vor allem sensationelles – Jesusbild präsentieren. Als Preis ist Ihnen allumfassende Berichterstattung in den Print- und elektronischen Medien sicher. Irgendwelche missbilligenden Äußerungen vonseiten der Christen stecken Sie dabei angesichts von Rekordumsätzen Ihrer Publikation locker weg. Der »Jesus-Poker« wurde zu allen Zeiten gespielt, seit der heidnische Philosoph Celsus im 2. Jahrhundert n.Chr. erstmals diesbezügliche Regeln aufstellte. Allerdings ist er nie mit einem solchen Enthusiasmus wie in unserer Zeit gespielt worden. Sehen wir uns einige der derzeitigen Spieler an: •
Der Engländer Hugh Schonfield präsentierte 1966 in seinem Buch »The Passover Plot« (»Der lange Weg nach Golgatha« bzw. »Planziel Golgatha«) ein neues Jesusbild. Darin zeichnet er das Bild eines Pseudo-»Retters«, der das ganze Szenarium auf Golgatha selbst eingefädelt habe.2 15
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Nikos Kazantzakis’ Buch The Last Temptation of Christ (deutsch: Die letzte Versuchung), das später von Martin Scorsese verfilmt wurde (deutsch: Die Letzte Versuchung Christi), stellt Jesus als Persönlichkeit dar, die von Paulus verachtet wurde (Anmerkung des Übersetzers: Darüber hinaus enthält das Buch gotteslästerliche Sachverhalte, indem es angebliche sexuelle Fantasien Jesu erwähnt.).3 Ebenfalls in den stürmischen 60er Jahren erschien »dank« der »Recherchen« von S.G.F. Brandon eine ganz in die damalige Zeit passende Buchreihe, die Jesus als »radikalen Revolutionär« darstellte.4 Natürlich gab es auch Verwirrung stiftende Autoren wie John M. Allegro, einen weiteren britischen Gelehrten. Er war einst an der Auswertung der Schriftrollen vom Toten Meer beteiligt, diskreditierte sein Ansehen aber dadurch, dass er uns 1970 mit der Darstellung beehrte, »Jesus habe einen Pilzkult betrieben«. In The Sacred Mushroom and the Cross (deutsch: Der Geheimkult des heiligen Pilzes) behauptete Allegro ernsthaft, dass die Gestalt Jesus auf Erfinder antiker Mythen zurückgehe, die aufgrund der halluzinatorischen Eigenschaften des Fliegenpilzes mit seinem roten Hut und seinen weißen Flecken »high« geworden seien und die Evangelien geschrieben hätten, um ihre kultischen Geheimnisse weiterzugeben (Anmerkung des Übersetzers: Der Fliegenpilz enthält das Gift Muskarin, das auf einige Nervenzentren anregend wirkt.)!5 16
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Diesbezüglich wollte Morton Smith den anderen in nichts nachstehen, indem er in seinem 1973 erschienenen Buch The Secret Gospel (deutsch: Auf der Suche nach dem historischen Jesus) »Christus, den Meisterzauberer« (!) präsentierte. Darin versuchte er, Jesu Wunder durch Taschenspielertricks wegzuerklären.6 In Behauptungen, die denjenigen des Korans ähneln, stellte der Australier Donovan Joyce in The Jesus Scroll (auf Deutsch so viel wie »Die JesusRolle«) »Jesus, den alternden Retter« vor. Er behauptete, Jesus habe die Kreuzigung überlebt und das stattliche Alter von 80 Jahren erreicht.7 »Jesus, der glückliche Ehemann« tauchte erstmals in den 80er Jahren in mehreren Büchern auf, von denen Holy Blood, Holy Grail (deutsch: Der Heilige Gral und seine Erben) von Baigent, Lincoln und Leigh das einflussreichste war.8 Diese Autoren haben diejenige imaginäre Story kreiert, die der Handlung in Sakrileg zugrunde liegt – die These nämlich, dass Jesus Maria Magdalena geheiratet habe und ihre Nachkommen in der Dynastie der Merowinger des mittelalterlichen Frankreich fortbestanden hätten. Nach Jesus als »clownesker Retter« in Godspell und »der Erlöser als Rockstar« in Jesus Christ Superstar kamen die 90er Jahre und der temperamentvolle John Dominic Crossan, der Experte des Jesus-Seminars. Sein Jesusbild könnte man mit »Jesus, der Erlöser vom Lande« umschreiben (oder vielleicht mit »Seinfeld, der Retter« [Anmerkung des Übersetzers: Jerry Seinfeld, geb. 1954, ist ein US-amerikanischer Schauspieler 17
und Komiker. Er spielt die Hauptrolle in der nach ihm benannten Fernsehserie, die 9 Staffeln und insgesamt 180 Episoden umfasst. Die Erstausstrahlungen fanden in den USA zwischen Juli 1989 und Mai 1998 statt.] – je nachdem, nach welchem Kapitel in seinem Werk The Historical Jesus – The Life of a Jewish Mediterranean Peasant [deutsch: Der historische Jesus. Wer Jesus war, was er tat, was er sagte] Sie sich richten).9 Film und Fernsehen sind als Massenmedien diesem Beispiel rasch gefolgt. Wann immer einer der TVKanäle versucht, eine seriöse Dokumentation über Jesus zu drehen, neigt sich deren wissenschaftliche Darstellung gewöhnlich stark den Ansichten radikaler, revisionistischer Kritiker zu. Ernst zu nehmende gemäßigte Bibelwissenschaftler haben es dagegen schwer, wie man in Peter Jennings ABC-Sonderserie »The Search for Jesus« (»Die Suche nach Jesus«) miterleben konnte, die im Juni 2000 ausgestrahlt wurde. Ein anderes Beispiel ist Dateline auf NBC vom Februar 2004. Verlassen Sie sich darauf: John Dominic Crossan und sein ausgeprägter irischer Akzent werden in solchen Programmen immer an exponierter Stelle zu finden sein, weil den Produzenten seine sensationsgierigen Angriffe auf das traditionelle Christentum sehr gelegen kommen. Und nun – als vorläufiger Höhepunkt der Umdeutungen des Jesusbilds – erscheint der Roman Sakrileg von Dan Brown.10 Was die Einzigartigkeit dieses neuesten, extrem verzerrten Jesusbilds ausmacht, ist nicht seine Originalität (schließlich ist seine wichtigste These aus Der Heilige Gral und seine Erben 18
einfach übernommen worden), sondern der Verkaufserfolg des entsprechenden Romans. Mit mehreren Millionen Exemplaren der englischsprachigen Version, die bislang verkauft wurden, erfreut er sich einer größeren Leserschaft als alle bisherigen Jesusbücher zusammengenommen. Dies fügt – wie wir sehen werden – dem Anliegen der Wahrheit noch größeren Schaden zu. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Das Buch, das mittlerweile in über 40 Sprachen übersetzt worden ist, wird von Columbia Pictures verfilmt. Wie erklärt man sich den Erfolg des Romans? Zunächst einmal geht es um »bizarre Verkaufsmethoden«, wie ein Kollege, der Literatur unterrichtet, ironisch anmerkte. Darüber hinaus haben Brown und die Werbestrategen der Verlage mit Hilfe perfekter Zeitplanung aus der derzeitigen Katholizismusverdrossenheit Kapital geschlagen, die auf Fälle von Pädophilie und Skandale der »Lavendelmafia« innerhalb des Klerus zurückzuführen ist (Anmerkung des Übersetzers: »Lavendelmafia« = euphemistischer Begriff Außenstehender, der die Leitung katholischer Priesterseminare in den USA bezeichnet und dort vorhandene homosexuelle Tendenzen andeuten soll. Im allgemeineren Sinne ist damit ein geheimes, einflussreiches Netzwerk homosexueller Priester insbesondere in den USA gemeint.). Sie nehmen damit eine bereits kompromittierte Einrichtung ins Visier. Der Aufstieg des radikalen Feminismus und der Frauenbewegung im Allgemeinen hat ebenfalls entscheidend dazu beigetragen, wie die Titelgeschichte in Newsweek über Maria Magdalena erkennen ließ (8. Dezember 2003). In Sakrileg erhebt der Autor den 19
Anspruch, den Frauen diejenige Rolle zurückgeben zu wollen, die ihnen von kirchlichen Amtsträgern – ausnahmslos Männern – angeblich vorenthalten worden sei. Fügen Sie zu Beginn einen Mord im Pariser Louvre und ein Wirrwarr von Indizien in Form von Symbolen hinzu, dem ein unter Druck stehendes Paar auf der Spur ist, das wiederum von Interpol gejagt wird. Wenn Sie außerdem eine Intrige einbeziehen, in die kirchliche und staatliche Stellen sowie Geheimgesellschaften verwickelt sind, haben Sie das perfekte Erfolgsrezept für einen fesselnden Roman gefunden.
EIN GESCHICKT VERPACKTES GEHEIMNIS Zweifellos kreiert Dan Brown eine Story, die den Leser gefangen nimmt. Die Schauplätze in den französischen sowie englischen Museen, Kathedralen und Chateaus sind realistisch dargestellt, wobei einige Details gut recherchiert sind. Die Handlung läuft in atemberaubender Schnelle ab – der 605-seitige Roman erfasst einen Zeitraum, der in Stunden und nicht in Tagen oder Wochen zu messen ist. Dieses Werk eignet sich ohne weiteres als Thriller für die Intelligenteren, während auch diejenigen, deren Fantasie sich angesichts der Geheimnisse, Mysterien, Rätsel und ungeklärten Fragen entfaltet, rasch darauf ansprechen werden. Vertreter von Verschwörungstheorien und Angehörige anderer derartiger Randgruppen werden sich natürlich dafür interessieren, da diese literarische Kost ganz nach ihrem Geschmack ist. Unbestreitbar tragen auch die faszi20
nierende Handlung und die flotten Dialoge entscheidend zum Erfolg des Buches bei. Es geht nicht darum, dass der Roman in irgendeiner Beziehung »total genial« ist, wie einer der Rezensenten im Klappentext des Schutzumschlags (des amerikanischen Originals) schwärmte.11 Dazu sind die Charaktere zu farblos dargestellt, wobei die allzu lange Aneinanderreihung von Hinweisen in der Handlung fast schon Langeweile aufkommen lässt, so dass der Leser auf den letzten Seiten am liebsten ausrufen möchte: »Genug, es reicht!« Das Ende des Romans ist ebenfalls eine große Enttäuschung: Während wir uns durch mehr als 500 Seiten kämpfen, suchen wir den entscheidenden Höhepunkt, auf den alle Anhaltspunkte angeblich hinzielen. Doch am Ende stellen wir lediglich fest, dass sich dieser Höhepunkt vor unseren Augen in Luft auflöst, noch ehe wir ihn erreichen. Die erwarteten Überreste der Hauptperson tauchen genauso wenig auf wie die Truhen voller »Sangreal-Dokumente«, die angeblich die Bedeutung dieser Überreste nachweisen. Man hat den Eindruck, dass sich die Story des Autors totläuft, nachdem er die Irrungen und Wirrungen ihrer komplizierten Handlung ausgereizt hat: Er beschließt, ihr noch schnell einige unvollendete Schlussszenen anzufügen und sich aus dem Staub zu machen. Wer will andererseits angesichts des Romanerfolgs Kritik üben? Für buchstäblich Millionen von Lesern ist Sakrileg eine fesselnde Lektüre. Doch eines ist überdeutlich: Dieser Roman hätte als einfacher, gut geschriebener Krimi nie einen solchen Erfolg gehabt, wenn Brown darin nicht seine unbegründeten 21
Breitseiten gegen den christlichen Glauben abfeuern würde. Obwohl seine sensationsgierigen Behauptungen für die zentrale Handlung vielleicht nicht gebraucht werden, sind sie für das Publikum, das hinter vielen ungeklärten Vorgängen nur zu gern eine Verschwörung sieht, von entscheidender Bedeutung. Diesbezüglich könnten Sakrileg-Fans rasch antworten: »He! Seien Sie nicht so humorlos! Das ist doch nur frei erfunden!« Wenn aber Fiktion als Fakt an den Mann gebracht wird, geht es um mehr als um eine bloße Story, weil das Ganze großen Schaden anrichten kann.
WENN AUS FIKTIONEN FAKTEN WERDEN Dies muss man Brown zugute halten: Sakrileg ist von der literarischen Sparte her tatsächlich als frei erfundener Roman einzuordnen, wohingegen die Reihe der zuvor erwähnten verzerrten Jesusdarstellungen – obwohl vom Wesen her genauso fiktiv – allen Ernstes als Sachbücher veröffentlicht wurden. Aufgrund dessen ist Brown den zuvor genannten Autoren erst einmal überlegen. Doch damit sind die Vorzüge auch schon aufgezählt. Die Kunst der erfolgreichen Romanliteratur besteht darin, im Leser das Gefühl entstehen zu lassen, als befinde er sich vollkommen in der Realität. Infolgedessen meint er, dass das Gelesene wahr sei – etwas, was Menschen im wirklichen Leben in real existierenden Situationen passiert sei. Natürlich verschwindet die Vorstellung der Pseudo-Realität, wenn ein Leser das Buch am Ende eines Kapitels beiseite 22
legt. Doch unmittelbar nachdem er das nächste Kapitel begonnen hat, stellt sie sich wieder ein. Nehmen wir zu diesem Phänomen noch folgende Tatsache hinzu: Jeder Leser nimmt – zu Recht – an, dass alle Informationen im Umfeld des Romans der Wahrheit entsprechen, selbst wenn die Hauptpersonen möglicherweise fiktive Gestalten sind. Unter all diesen Voraussetzungen stellt sich die Fiktion für viele Leser als Wirklichkeit dar. Offensichtlich gilt dies insbesondere im Falle religiöser Romane und theologischer Thriller. Als vor einigen Jahren Taylor Caldwells höchst fantasievoller Paulus-Roman Great Lion of God (deutsch: Mit dem Herzen eines Löwen) veröffentlicht wurde, musste ich immer wieder ernst gemeinte Fragen der Leser beantworten. Diese gingen darauf zurück, dass sie im Roman Einzelheiten aus dem Leben von Paulus kennen lernten, die sich die Autorin aus den Fingern gesogen hatte!12 Eine Frage, die mir im Gedächtnis geblieben ist, lautete: »Stimmt es, dass Paulus als Teenager auf einer Wiese von Antiochia von einem syrischen Sklavenmädchen verführt wurde? Lässt sich dadurch seine Haltung gegenüber Frauen erklären? Warum hat mir mein Pastor dies nie gesagt?« Wenn ich mich recht entsinne, war mein »Nein! Niemals!« von entsprechenden Unmutsbekundungen begleitet. Aufgrund dessen ist Sakrileg so gefährlich. Viele Leser nehmen an, dass all die zusätzlichen kontextbezogenen Details und Hintergrundinformationen, die mit dem Christentum zu tun haben, der Wahrheit entsprechen, was nicht der Fall ist. Vielmehr sind die wenigen auf Tatsachen beruhenden Hin23
weise größtenteils mit Fiktion oder glatter Lüge verwoben. Es ist eindeutig unredlich, solche Details als Tatsachen hinzustellen. Dennoch tut Brown genau dies, indem er auf der allerersten Seite mit der Überschrift »FAKTEN UND TATSACHEN« beginnt. Dort präsentiert er einleitende Aussagen, die dem gesamten Roman zugrunde liegen. Außerdem hat Brown öffentlich klargestellt, dass er an die Richtigkeit der von ihm in Sakrileg vorgestellten Verschwörungstheorie glaubt.13 In allen direkten Romanzitaten, die im Folgenden angeführt werden, entsprechen die dargestellten Ansichten zweifellos der Meinung, die Brown selbst hat, da dem Leser der Eindruck vermittelt wird, dass die Dialoge zwischen allen Hauptpersonen des Buches in vollem Umfang glaubwürdig sind. Man muss daher nicht in jedem Fall den Redenden identifizieren, obwohl die meisten Falschaussagen im gesamten Roman auf eine Person namens Leigh Teabing zurückgeführt werden können. Leigh und Baigent – das Anagramm von Teabing – sind ja interessanterweise die Familiennamen von zwei der drei Autoren, die Der Heilige Gral und seine Erben geschrieben haben. Dieser Roman wiederum liefert die Informationen für den zentralen Handlungsstrang in Sakrileg.
Die Prieuré de Sion Noch bevor der Roman so richtig losgeht, erkennen wir diese Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Im bereits oben erwähnten Einleitungsteil (»FAKTEN 24
UND TATSACHEN«) stellt Brown jene vatikanische Prälatur, die als Opus Dei bekannt ist, unmittelbar neben »Die Prieuré de Sion«. Beide Institutionen spielen in diesem Roman eine äußerst wichtige Rolle, wobei die Vertreter des Opus Dei die Gegenspieler und die Angehörigen der Prieuré irgendwelche Helden verkörpern, die im Geheimen die Wahrheit über Jesus und die Kirche der Frühzeit weitergeben. Doch während Opus Dei tatsächlich eine maßgebliche, erzkonservative Organisation der römisch-katholischen Kirche ist, brauchen wir die Prieuré überhaupt nicht ernst zu nehmen. »Die Prieuré de Sion« ist angeblich eine europäische Geheimgesellschaft, die von einem französischen Kreuzfahrerkönig namens Gottfried von Bouillon 1099 in Jerusalem gegründet worden ist (in Wirklichkeit geschah dies 1956, als sie in Frankreich offiziell ins Vereinsregister aufgenommen wurde). Ihr Ziel bestehe nach Brown darin, ein großes Geheimnis zu bewahren, das seit der Zeit Christi unter Gottfrieds Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. Verborgene Dokumente, die unter den Ruinen des Tempels in Jerusalem begraben liegen, sollen die Echtheit dieses Geheimnisses bestätigen. Und worin bestand das »große Geheimnis«, das sie angeblich hüteten? In der Ehe Jesu mit Maria Magdalena, aus der eine Tochter namens Sarah hervorgegangen sei. Jesu Blutlinie lief angeblich über die merowingische Dynastie der französischen Könige und soll noch heute existieren. Die Prieuré de Sion besteht nach Browns Behauptungen, um über Jesu und Marias Nachkommen zu wachen und den idealen Augenblick abzu25