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Abenteurer Gottes


Dave und Neta Jackson

Hudson Taylor EntfĂźhrt nach China

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben und mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, USA, zu Hause.

1. Auflage 2006 Originaltitel: Shanghaied to China © 1993 by Dave und Neta Jackson Originalverlag: Bethany House Publishers © der deutschen Ausgabe 1996 by Zapf & Hofmann, Landstuhl 2006 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Susanne Zapf Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN-10: 3-89397-552-7 ISBN-13: 978-3-89397-552-5


Alle Erwachsenen in diesem Buch haben wirklich gelebt, und ihre Erlebnisse sind so passiert. Englische Erzählungen erwähnen jedoch nur den Kapitän, nicht aber die Mitglieder der Schiffsmannschaft von der Dumfries. Aus diesem Grund haben wir uns Namen für den ersten Maat und den schwarzen Stewart ausgedacht. Für dieses Buch ist außerdem die Reihenfolge einiger Ereignisse anders erzählt, und die Zeit in China wurde auf ein Jahr zusammengedrängt, obwohl die Erlebnisse Hudson Taylors eigentlich in den ersten zweieinhalb Jahren in diesem Land geschahen. Hudson Taylors Heiratsantrag an Maria Dyer geschah im Großen und Ganzen so, wie es in der Geschichte beschrieben wird, wenn auch an einem anderen Ort, nämlich in Ningbo, einer Stadt südlich von Shanghai. Neil Thompson und Yang Namu sowie ihre Beziehungen zu Hudson Taylor und anderen Menschen in diesem Buch sind frei erfunden, obwohl es wahr ist, dass ein Diener Taylors ihn während einer Reise ins Landesinnere bestohlen hat.


Inhalt Ein Schlag auf den Kopf

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Licht über Holyhead

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Hoch über dem Meer

30

Über Bord

44

»Keine Angst, wir erschießen dich nur!«

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Das Wrack der »Dumfries«

69

Eingebundene Füße und Kanonen

80

Das Grab des lebendigen Toten

91

Betrogen

103

Der weite Weg zurück

112

Tornados

122

Überfahrt auf der »Geelong«

134

Mehr über Hudson Taylor

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Ein Schlag auf den Kopf

I

ch erwachte in einem merkwürdigen Bett, und dann fiel es mir wieder ein: Es war der 19. September 1853, und ich war in Liverpool, in England. Doch ich erinnerte mich auch wieder traurig daran, dass Großvater Thompson krank im Bett lag und mich nicht mit hinunter an die Docks nehmen konnte. Nur meine Großmutter hatte mich am Abend zuvor am Bahnhof abgeholt. Nachdem sie mich umarmt hatte, erklärte sie: »Ich weiß, Neil, dass du nur deshalb gekommen bist, um morgen die Schiffe zu sehen, aber du wirst warten müssen, bis es Opa wieder besser geht.« »Ist schon in Ordnung. Ich kann warten«, versicherte ich ihr, aber am Morgen war ich nicht mehr so geduldig. Mein Großvater war Kapitän auf einem großen Schiff gewesen, und da er die meiste Zeit draußen auf dem Meer verbracht hatte, hatte ich ihn erst ein einziges Mal gesehen. Aber jetzt hatte er seinen Beruf aufgegeben und mich eingeladen, eine Weile bei ihm und Großmutter zu bleiben. »Ich werde dir die Schiffe im Hafen zeigen und dir jeden Kapitän vorstellen«, hatte er mir in seinem Brief versprochen. Ich stand auf und blickte durch das kleine, runde Fenster. Es sah aus wie das Bullauge eines Schiffes. Vieles im Haus meiner Großeltern stammte von Schiffen oder aus dem Meer. Vor der Haustür hing eine auf Hochglanz polierte Messinglaterne. Eine

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große Muschel und ein Fernrohr lagen auf dem Kaminsims, und eine Weltkarte hing an der Wand. Die Deckenbalken in den Zimmern waren dunkel und niedrig, und der Handlauf an der schmalen Treppe nach oben, wo ich schlief, war nichts anderes als ein dickes Schiffstau. Ich liebte alles. Eines Tages würde ich auch zur See fahren. Der Morgen war hell, aber neblig. Von meinem Fenster aus schienen die Dächer der Nachbarhäuser in einem silbrigen Dunst zu schweben. Bald würde die Sonne durchkommen. Warum soll ich auf Großvater warten?, dachte ich. Das Wasser kann nicht so weit weg sein. Ich kann doch sogar schon den Tang und das salzige Wasser riechen. Ich wette, ich finde die Docks auch allein. In null Komma nichts war ich aus dem Haus geschlichen, ohne die Großmutter zu stören, und ging zum Hafen hinunter. Ich hatte nie gedacht, dass es so viele Schiffe geben könnte. Ich ging an ungefähr dreißig vorbei – an kleinen und großen –, und da waren immer noch Masten, so weit ich den Mersey River hinunterblicken konnte, an dem der Hafen von Liverpool gebaut war. Das war toll! Ich konnte nicht warten, bis es Großvater besser ging und er mich auf ein Schiff mitnahm, damit ich den Kapitän kennenlernen konnte. Ich hielt neben einem kleinen Schoner an. Der Name Dumfries stand auf der Seite. Das Schiff schien bereit zum Auslaufen zu sein, sodass ich mich auf ein Fass setzte, um zuzusehen. Bald kam die Sonne durch den Nebel, und einige Menschen liefen den Steg hinun-

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ter. Als sie auf dem Kai standen, drehten sie sich um und winkten einem Mann zu. Er war jung, ungefähr zwanzig, und stand an der Reling. Ich fragte mich, wohin er wohl fahren würde … der Glückliche. Plötzlich schrie ein Offizier – ich wusste das, weil er so schick angezogen war: »Wo ist der Kabinenjunge? Es ist Zeit zum Ablegen, und er ist nirgends zu finden!« Der Mann kam an die Reling und sah den Kai hinauf und hinunter, dann rief er zwei Seeleuten zu, die dabei waren, die dicken Taue zu lösen: »He, ihr! Wir brauchen noch einen Kabinenjungen.« Er wies mit dem Kopf auf das Dock und sagte: »Kümmert euch darum.« »Ay, ay, Sir!« Hinter mir stand eine Frau auf den Docks, die in ihr Taschentuch schluchzte. Der Passagier

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an Deck rief herunter: »Mutter, weine nicht. Bitte weine nicht. Ich werde zurück sein, noch bevor du es erwartest.« Mir tat diese Frau leid, als mich plötzlich starke Arme von hinten packten und von dem Fass herunterzogen. Zwei Seeleute schleppten mich zum Schiff. Für meine zwölf Jahre war ich recht groß, und ich zappelte und strampelte so sehr ich konnte, aber es hatte keinen Wert. Ich konnte mich aus ihrem starken Griff nicht befreien. Als ich merkte, wie wir den Steg zum Schiff hinaufliefen, begann ich, um Hilfe zu rufen. »He, was machen Sie mit diesem Jungen?«, schrie jemand, aber in dem Moment traf mich etwas auf dem Kopf, und es wurde dunkel um mich herum.

*** Als ich aufwachte – zum zweiten Mal an diesem schicksalhaften Montag –, lag ich nicht in dem bequemen Gästebett meiner Großmutter. Hier war es klein, dunkel und feucht, nicht viel größer als ein Kohlenloch. Mein Hinterkopf tat weh, und ich merkte, wie ich vor- und zurückschwankte. Ich brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass ich an Bord der Dumfries war, auf dem offenen Meer. »Lasst mich hier heraus!«, schrie ich. Wieder und wieder rief ich um Hilfe, es war zwecklos. Ich versuchte, nicht in Panik zu geraten, aber ich hatte Todesangst. Warum hatte man mich geschnappt und an Bord gebracht? Ich weiß, ich hätte auf Großvater warten sollen, aber ich hatte doch nichts Böses getan – ich hatte nur auf einem Fass gesessen und alles beobachtet.

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Dann erinnerte ich mich an den Offizier, der herumgeschrien hatte, dass der Kabinenjunge fehlte, und der zwei Seeleute beauftragt hatte, sich darum zu kümmern – und er hatte in meine Richtung genickt! Ich hatte wirklich Angst, denn ich wollte nicht Kabinenjunge werden, nicht jetzt, und vor allem nicht auf diese Weise! Ich begann, gegen die Wand zu treten. Vielleicht fand ich eine lose Planke oder eine Tür, die ich auftreten konnte. Immer wieder trat ich dagegen und schrie aus vollem Hals. Schließlich öffnete jemand die Tür der kleinen Zelle, und ich starrte in das Gesicht eines Afrikaners. »Nun, was haben wir denn hier?«, sagte er. »Einen blinden Passagier, he?« Inzwischen war ich wütend. »Ich bin kein blinder Passagier! Ich wurde auf dieses Schiff getragen. Ich sollte eigentlich in Liverpool sein.« »Ha! Was für eine Geschichte«, grummelte der Seemann. »Ich sage, du bist ein blinder Passagier. Raus hier. Ich bringe dich zum Kapitän. Wir werden sehen, was er sagt.« Mein Mut sank. Wenn der Offizier, den ich gesehen hatte, der Kapitän war, war für mich alles gelaufen. Aber zumindest war ich nicht mehr eingeschlossen, deshalb folgte ich meinem »Retter«. An Deck waren alle damit beschäftigt, die Segel zu setzen und andere Dinge wegzuräumen. Der Offizier, der meine Gefangennahme angeordnet hatte, gab schreiend Befehle. Aber ich war erleichtert, als ich sah, dass das Festland noch nicht weit entfernt war. Vielleicht kann ich ihn überreden, mich an Land abzusetzen, dachte ich.

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Der Seemann ging jedoch an dem Offizier vorbei und nahm mich einige Stufen mit hinauf zur Kommandobrücke, wo der Steuermann das große Rad hielt. Neben ihm stand ein gewaltiger, muskulöser Mann. Ich dachte, er wäre ein weiterer Seemann, denn er war mit dem üblichen dunkelblauen Overall, einem Pullover und einer kleinen Schirmmütze auf dem Kopf bekleidet. Er stand da, die Arme verschränkt, und starrte auf die See hinaus, während er eine kleine Pfeife paffte.

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»Käpt’n«, sagte der Seemann, der mich im Schlepptau hatte, »ich habe diesen blinden Passagier im Vorschiff gefunden. Was sollen wir mit ihm machen?« Ich war erstaunt. Das war der Kapitän? Zum ersten Mal nahm der Mann mit der Pfeife Notiz von uns. Sein Gesicht war hager und faltig, es sah aus, als wäre es aus braunem Elfenbein geschnitzt. Seine Augen waren strahlend blau und funkelten unter buschigen weißen Augenbrauen. Er sah eigentlich nicht bösartig aus, aber er war sicher energisch. »Was ist das, Jeffries? Ein blinder Passagier? Warum um Himmels willen willst du dich als blinder Passagier auf einem Teefrachter nach China verstecken, Junge?« »Ich habe mich nicht versteckt«, protestierte ich. »Ich saß nur am Kai und schaute den Schiffen zu. Einige Ihrer Seeleute haben mich gepackt und einfach auf das Schiff getragen. Sie haben mir einen Schlag auf den Kopf gegeben und mich unter Deck eingeschlossen.« Der Kapitän zuckte zusammen. »Mr. Henson«, rief er den geschniegelten Offizier. »Wissen Sie etwas von diesem Jungen?« »Ja, Sir«, sagte Henson, als er auf die Kommandobrücke stolperte, die Messingknöpfe auf seiner Jacke leuchteten. »Das ist unser neuer Kabinenjunge.« »Haben Sie ihn unterschreiben lassen?« »Nein, ich habe die Formalitäten noch nicht erledigen können, aber ich werde es so bald wie möglich nachholen.« »Henson, haben Sie dieses Kind angeheuert? Ich will eine klare Antwort.«

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»Ja, Sir. Das habe ich getan. Unser Kabinenjunge ist nicht wieder aufgetaucht, als es Zeit war auszulaufen, und dieser junge Kerl saß einfach auf dem Kai und suchte einen Job.« »Henson, das ist das letzte Mal, dass Sie irgendjemanden auf mein Schiff anheuern. Verstanden? Sie müssen noch einiges lernen. Wenn Sie mein erster Maat bleiben wollen, sollten Sie es schnell lernen.« »Ay, ay, Sir«, sagte Henson mit einem Grinsen und stolperte wieder davon. Ich begann, mir Sorgen zu machen. »Können Sie mich nach Liverpool zurückschicken?«, fragte ich den Kapitän. Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht wie, Junge. Dort hinten fährt unser Lotsenboot. Damit hätte ich dich zurückschicken können, aber jetzt ist es zu spät.« Ich blickte nach Liverpool zurück, wohin der Kapitän mit dem Stummel seiner Pfeife zeigte, und sah ein kleines Boot, das in der Ferne verschwand. Jetzt war ich wirklich beunruhigt. »Können Sie es nicht zurückrufen?« »Nein. Außerdem ist der Lotse ein viel beschäftigter Mann; er kann nicht einfach als Fähre hin- und herfahren.« »Aber mein Großvater ist ein Kapitän! Ich bin sicher, er regelt das mit dem Lotsen.« »Ein Kapitän auf einem Schiff? Wie heißt er?« »Kapitän Thompson.« »George Thompson?«

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»Ja, Sir. Er kennt jeden. Er wird es für Sie schon regeln, wenn Sie mich nur wieder an Land bringen.« »Ich bin sicher, das würde er ...« Die Stimme des Kapitäns wurde leiser, als er nochmals auf das Meer blickte. Ich blickte mich ängstlich um. »Wie wäre es, wenn Sie mich mit dem Beiboot an Land bringen würden? Es ist nicht weit. Ich werde – werde dann bis Liverpool zurücklaufen.« Der Kapitän runzelte die Stirn. »Junge, es gibt keine Möglichkeit. Es tut mir leid, dass du auf diese Weise angeheuert worden bist, aber ob du es willst oder nicht, es bleibt dir nichts anderes übrig, als auf dieser Reise unser Kabinenjunge zu sein. Mein Rat ist: Mach das Beste daraus. Dein Großvater wird stolz auf dich sein, dass du zur See fährst.« Damit drehte er sich zu dem Steuermann um und sagte: »Ein bisschen weiter Steuerbord. Wir brauchen die Sea Witch nicht unbedingt zu rammen.« Ich drehte mich um und sah einen schnittigen Schoner, die Segel waren aufgebläht wie weiße Ballons. Er fuhr in die entgegengesetzte Richtung. Dahinter türmten sich dicke Gewitterwolken in den blauen Himmel. Es war ein schönes Bild, aber ich hatte jetzt keinen Sinn für hübsche Dinge. »Kapitän, bitte!«, rief ich verzweifelt. »Können Sie das Schiff nicht anhalten und mich damit zurück nach Liverpool schicken?« Die Furchen auf der Stirn des Kapitäns wurden noch tiefer, als er die Gewitterfront betrachtete. »Da braut sich was zusammen«, sagte er mehr zu sich selbst,

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»es wäre besser, wir wären dann schon aus der Irischen See draußen. Es würde einige Stunden dauern, dich da hinüberzubringen … wir haben dafür keine Zeit. Aber eines werde ich für dich tun.« Er lehnte sich über die Reling des Schiffes und griff nach einer Flüstertüte aus Messing. Er setzte sie an die Lippen und schrie: »Ahoi, Sea Witch!« Einen Augenblick später kam der Kapitän der Sea Witch mit einer ähnlichen Flüstertüte an die Reling seines Schiffes. Die beiden Schiffe waren ungefähr auf gleicher Höhe, als er rief: »Ahoi, Kapitän Morris! Was können wir für Sie tun?« »Sagen Sie Kapitän Thompson in Liverpool, dass ich seinen Enkel als Kabinenjungen an Bord genommen habe und dass alles in Ordnung ist.« »Wird gemacht, Kapitän. Gute Reise«, kam die Antwort, und die Mannschaft winkte freundlich, als die beiden schlanken Schiffe in einer Entfernung von nicht mehr als fünfzig Metern aneinander vorbeifuhren. »So, junger Mann, jetzt wird sich dein Großvater keine Sorgen um dich machen.« Sollte ich dankbar sein? Meine letzte Chance, wieder nach Hause zu kommen, segelte gerade zurück nach Liverpool. Ich schluckte hart. Ich war auf dem Weg nach China, ohne dass mich jemand gefragt hätte, ob ich da überhaupt hinwollte.

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Licht über Holyhead

K

apitän Morris nahm nicht weiter Notiz von mir, steckte seine Pfeife wieder in den Mund und drehte sich zum Steuermann um.

Ich kämpfte die Tränen nieder und ging in den hinteren Teil des Schiffes, wo ich den weißen Rauch der Schornsteine von Liverpool beobachtete. Große Traurigkeit überkam mich. Doch in dem Moment blies der Wind besonders stark, und die Dumfries legte sich stark auf die Seite. Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie die Reling des Hauptdecks ins Wasser schlug. Das riss mich aus meinem Heimweh, und ich hielt mich an der Takelage fest, denn ich befürchtete, dass das Schiff kentern würde. Der Kapitän, der nun vor mir stand, versuchte erst gar nicht, sich irgendwo festzuhalten, sondern bewegte sich mit dem Rollen des Schiffes und hielt damit das Gleichgewicht. Bald richtete sich das Schiff wieder auf, und der Kapitän rief nach seinem ersten Maat. »Mr. Henson! Setzen Sie die Bramsegel und raffen Sie die Rahen. Und setzen Sie auch das Besansegel. Ich will so weit wie möglich kommen, bevor wir völlig in den Sturm hineingeraten. Und übrigens, Mr. Henson«, sagte der Kapitän, als der erste Maat die Treppen zur Kommandobrücke heraufkam, »ich warne Sie. Wenn Sie sich mit mir nicht anlegen wollen, rate ich Ihnen, immer so viele Segel zu setzen, wie das Schiff tragen kann, und immer darauf zu achten, dass alles korrekt vertäut ist. Zeit ist Geld, Mr. Henson. Zeit

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ist Geld. Ich habe es einmal in siebenundachtzig Tagen nach Hongkong geschafft, und ich will nach Shanghai nicht länger brauchen. Verstanden?« »Ay, ay, Sir!«, schnappte Henson mit hochrotem Gesicht, drehte sich um und begann, der Mannschaft Befehle zuzurufen. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, was all diese Segelkommandos zu bedeuten hatten, aber augenblicklich kletterten die Seeleute in die Takelage und zogen an verschiedenen Seilen. Ich war froh, als ich das sah, denn ich dachte, das Schiff würde sich jetzt aufrichten und gerade segeln, sodass man wieder sicher an Deck laufen konnte. Stattdessen, als die Matrosen die Bramsegel öffneten – das sind die Segel ganz oben am Mast – und die anderen Segel richteten, kippte das Schiff wieder so weit zur Seite, dass die Leeseite fast im Wasser hing. Als der Kapitän sich umblickte und mich sah, wie ich mich mit aller Kraft festklammerte, grinste er breit und schmunzelte: »Was ist los, Junge? Auf diese Weise wirst du nie ein guter Seemann. Geh doch nach vorne und such den Koch. Sag ihm, du bist der neue Kabinenjunge und suchst etwas zu tun.« Ich stand nur da und klammerte mich weiter fest. »Los, Junge.« Als ihm dann einfiel, dass ich nicht wusste, wo ich den Koch finden würde, deutete er auf das Deckhaus hinter dem Mast. »Dort ist die Kombüse.« »In Ordnung«, brachte ich hervor, als ich versuchte, mich auf dem schiefen Deck zu bewegen. »Nicht ›in Ordnung‹. Es heißt ›ay, ay, Sir!‹«

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»Okay, Kapitän.« »Sir!«, donnerte er. »Ay, ay, Sir«, stotterte ich endlich vor lauter Angst, ins Wasser zu fallen. Eigentlich war das Deck gar nicht so schief; zu Hause hatte ich auf Hausdächern gespielt, die sehr viel steiler waren, aber das Deck bewegte sich ständig mit den Wellen, sodass das Laufen wirklich schwierig war. Als ich erst einmal von der Kommandobrücke heruntergelangt war, ging ich auf der hohen Seite des Decks – der Luvseite –, als eine riesige Welle an die Schiffseite schlug und mir das salzige Wasser ins Gesicht spritzte. Ich dachte daran, wie wunderbar mir der Geruch des Meeres an diesem Morgen vom Gästezimmer meiner Großeltern aus vorgekommen war. Seitdem hatte sich einiges verändert. Die See rollte wirklich zu diesem Zeitpunkt. Das Wasser war so dunkel wie Blei mit einzelnen Schaumkronen auf den Wellenrücken. Die Wolken hatten sich aufgetürmt zu einem riesigen Gebirge, sie hingen sehr tief, und man gewann den Eindruck, dass sie bis ins Meer hineinragten. Die Dumfries hatte drei hohe Masten. An den ersten beiden waren jeweils vier quadratische Segel gesetzt; drei Klüversegel flatterten vor dem Fockmast. Der Mast hinten auf dem Schiff hatte einen langen Baum, wie ich später lernte, den Besanbaum, und die Gaffelsegel. Zwischen den Masten waren verschiedene Stagsegel. Es war ein handliches Schiff von ungefähr 36 Metern Länge, auch wenn es nicht so breit oder schnell war wie manche der neueren Schiffe.

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Schließlich erreichte ich die Kombüse, die war so klein, dass ich mir kaum vorstellen konnte, wie jemand darin das Essen für fünfzig Mann zubereiten sollte. Aber dort stand der Koch, ein kleiner, untersetzter Mann in einem schmutzigen Hemd, der einen riesigen Topf auf einen großen, gusseisernen Herd stemmte. »Sir«, sagte ich, »der Kapitän schickt mich.« »›Sir‹, bin ich das?«, fragte der Koch, ohne sich umzudrehen. »Seit wann bin ich zum Offizier befördert worden? Und wer bist du?« »Ich bin Neil Thompson, und ich gehöre nicht hierher.« »Dann raus hier«, grummelte er. »Ich meine«, korrigierte ich mich, »ich gehöre eigentlich nicht auf dieses Schiff, aber da ich nun mal hier bin, soll ich der Kabinenjunge sein.« Er blinzelte mich an. »In diesem Fall solltest du besser arbeiten. Da steht ein Sack Kartoffeln. Hier ist ein Messer. Fang an zu schälen.« Ich fand einen Hocker, auf den ich mich setzen konnte, und fing an. Ich hatte nicht gewusst, dass Kartoffelnschälen so schwer ist! Doch bis ich fertig war, sprach der Koch kein Wort mehr mit mir. Das vordere Deckhaus enthielt die Kombüse und die Stauräume der Mannschaft. Es hatte Luken an den Seiten, genau wie das Fenster in meinem Schlafzimmer bei meinen Großeltern. Aber draußen wurde es so dunkel, dass der Koch zwei Laternen anzündete, die von den Balken über uns herabhingen. Ihr Licht ließ die Schatten in dem kleinen Raum tanzen, was

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mich zusammen mit dem ständigen Knacken und Stöhnen der Planken daran erinnerte, dass das Wetter draußen nicht unbedingt ruhiger wurde. Manchmal schlug eine Welle gegen die Bullaugen, und meine Gedanken schossen hin und her zwischen dem Wunsch, dass der Sturm so stark werde, dass der Kapitän gezwungen wäre, nach Liverpool zurückzukehren, und der Angst, dass das Schiff sinken könnte. Als ich mit den Kartoffeln fertig war, sagte der Koch: »Leg die Schalen in diesen Eimer und wirf sie über Bord. Wenn du zurückkommst, kannst du anfangen, die Töpfe dort zu schrubben.« Als ich nach draußen an Deck kam, hörte ich jemanden schreien: »Da kommt sie!« Ich hatte keine Ahnung, wer ›sie‹ war, aber in dem dämmrigen Licht sah ich den ersten Maat, Henson, der sich wie ein Verrückter an der Takelage festkrallte und dann sogar hektisch zu klettern begann, bis er einige Meter über dem Deck hing. Dann sah ich ›sie‹: Eine große Welle, gurgelnd und schäumend, schwappte hoch über die Reling, und ich stand direkt darunter. »Halt dich fest, Junge, oder du gehst über Bord!«, schrie Henson. Ich hätte in die Wanten springen sollen, aber da ich neu auf See war, wusste ich noch nicht, was zu tun war. Bevor ich noch einen Schritt machen konnte, warf mich die Wasserwand um und spülte mich über das Deck. Völlig unter Wasser getaucht, war ich sicher, dass ich in das schäumende Meer gefallen war, bis ich gegen etwas stieß. Dann

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wurde ich wie eine Kugel hin- und hergerollt. Ich nehme an, es war die Reling auf der Leeseite, und ich versuchte verzweifelt, nach etwas zu greifen, jedoch ohne Erfolg. Dann plรถtzlich, fast so schnell, wie die Flut gekommen war, war sie wieder verschwunden, und ich konnte wieder atmen.

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Ich stand zitternd auf und sah, dass ich die volle Länge des Mittschiffs entlanggerollt war, bis ich von den Stufen zur Kommandobrücke aufgehalten wurde. Von oben schrie mir der Kapitän zu: »Halt deinen Eimer fest, wir haben nur diesen einen!« Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Ich war beinahe über Bord gegangen, und alles, was er dafür übrighatte, war: »Halt deinen Eimer fest«? In den nächsten Tagen jedoch lernte ich, dass es nichts Ungewöhnliches ist, bei Sturm umgeworfen zu werden. Und wenn man sicher wieder aufstehen konnte, machte man sich keine Gedanken mehr darum. Ich nahm den Eimer, der immer noch auf dem Deck herumrollte, und lief so schnell zur Kombüse, wie ich auf dem glitschigen Deck konnte. Als ich die Tür hinter mir zuschlug, drehte sich der Koch um und sagte: »Wenn du weiter hier rumstehst und wie große Wäsche tropfst, kannst du dich auch in diesen Topf auswringen und anfangen, ihn sauber zu machen.« Lange nach Einbruch der Dunkelheit, als der Sturm noch immer heulte, hatte die Mannschaft ihr Essen gegessen. Sie kamen immer schichtweise. In der Zwischenzeit war ich mit den Suppentöpfen fertig und so müde, dass ich mir einen warmen, trockenen Fleck neben dem Ofen suchte und mich zum Schlafen zusammenrollte.

*** Trotz des Rollens des Schiffes muss ich die ganze Nacht geschlafen haben, denn ich wachte erst auf, als mich jemand am nächsten Morgen mit festen Bootsschuhen anstieß und das Dämmerlicht durch die

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